Freitag, 15. August 2025

Kunst als Gefahr


Natürlich hätte ich niemals damit gerechnet, irgendwann einmal meine Werke in einer Ausstellung präsentieren zu dürfen. Zeit meines Lebens hatte ich alleine zuhause vor mich hingewerkt, einfach nur so, aus Spaß. 

Angefangen hatte es damit, daß ich eines Tages, damals noch in Augsburg, aus Geldmangel auf die Idee kam, Osterkarten selbst zu basteln. Eine Zeitschrift lag herum, Kleber war im Haus, Karton ebenfalls. So begann meine 'Karriere' als Collagenkünstlerin. Zu den Postkarten kamen bald die Titelkärtchen für die Musikkassetten, die ich im Laufe der Jahre stapelweise für mich und andere aufnahm.
Somit verschwanden die meisten meiner Werke bei irgendwelchen Bekannten. Für mich selbst fertigte ich kaum etwas an, daher hatte ich trotz jahrzehntelanger eifriger Betätigung bislang kaum etwas vorzuweisen. Entweder verschenkt oder bei einem meiner Umzüge kaputtgegangen. Blöd. 

Bis es mich dann eines schönen Tages nach Frankfurt verschlug. Eigentlich wollte ich nicht hierherziehen. Genausowenig wie ich zuvor nach München hatte ziehen wollen. Eigentlich wollte ich nach Wien. War dann aber versehentlich in der bayerischen Landeshauptstadt gelandet, wo ich im Laufe der Jahre fast wahnsinnig geworden wäre. Zu laut, zu hektisch, zuviele Menschen. Obwohl ich am Stadtrand wohnte. Man entkam ihnen einfach nicht. Also mußte ich von dort wieder verschwinden. Frankfurt ist jetzt auch nicht wirklich besser werden Sie sagen und Sie haben recht. Aber der Zoo ist halt viel hübscher und der Botanische Garten gemütlicher. Immerhin.

So saß ich in meiner freundlich eingerichteten neuen Wohnung, voller Bücher wie immer, sehr ruhig gelegen in einem der Außenbezirke, und sah mir den Schneefall durch die (noch) frisch geputzten Fenster an. Das Wetter kam mir sehr zupaß, so würde ich doch noch ein paar Bilder zustandebringen bis zum geplanten Ausstellungstermin. Das Flanieren und Erkunden der noch fremden Nachbarschaft macht doch relativ wenig Laune, wenn es einem ständig den feuchten Schnee ins Gesicht haut und einem der scharfe Wind den schützenden Schirm aus der Hand reißen will. Da bleibt man gerne zuhause und arbeitet ein wenig.

Als mich die Galerie kontaktiert hatte, war ich erst einmal aus sämtlichen Wolken gefallen. Woher wußten die von mir? Achso, Instagram? Ja wenn das so ist ... und mit erneutem Eifer stürzte ich mich auf meine Kartonagen und Leinwände. Die Jungs vom Umzugsunternehmen hatten sehr geächzt, als sie Kiste um Kiste mit schweren Büchern und Zeitschriften nach oben tragen mußten, aber mei, was nutzt mir das Material in meiner Münchner Zweitwohnung wenn ich hier in Frankfurt damit arbeiten will? Richtig. Genau garnichts.

Seit einiger Zeit war ich dazu übergegangen, nicht nur Wörter (dummes Zeug wie Ritzenflitzer oder Bauarbeiterdekolleté) in meine Collagen einzuarbeiten sondern ganze Textpassagen. Vorzugsweise aus chinesischen oder arabischen Büchern, die ich hier und da in einem der zahlreichen Frankfurter Bücherschränke ergattert hatte. Offenbar viel internationales Publikum unterwegs in dieser Stadt. Natürlich hatte ich keine Ahnung was da stand, über die üblichen in Europa gebräuchlichen Sprachen bin ich nie hinausgekommen. Aber es sah hübsch aus und ich fand es schick, hier und da einen kleinen Textfetzen ins Geschehen hineinzuflechten. Warum nicht?

Am Abend der Vernissage stand ich ungelenk in der Gegend herum und betrachtete das doch eher spärlich hereingetröpfelte Publikum. Natürlich hatte ich keine Werbung für die Ausstellung gemacht, in der wohl fehlgeleiteten Annahme, wer sich für Kunst interessierte der hätte die Galerien eh im Blick. Dachte, die lesen das doch in der Zeitung. Naja. Wie der Blödpiefke Rebers schon immer sagte: 'Der dachtende Mensch ist dem Herrn ein Gräuel.' 
Wo er recht hat ...

Der Sekt war wie immer pappig und wenig verlockend, die gereichten Häppchen gatschert und unappetitlich. Nur meine Bilder, die waren echt gut. Fand ich. Und das fand wohl auch ein dunkelhäutiger Mann im feschen Anzug, der seit geraumer Zeit beinah mit der Nase an einem der Bilder klebte. Als ich mich fast dazu durchgerungen hatte, auf ihn zuzugehen und ihn zu fragen, ob es ihm gefiele, drehte er sich um und blickte flammenden Auges durch den Raum. Oha. Offenbar gefiel es ihm NICHT. Konnte der vielleicht Arabisch? Hatte ihn der Text auf dem Bild erzürnt? Was zum Teufel stand da eigentlich? 

Festen Schrittes steuerte der Mann auf die Galeristin zu und fragte weithin vernehmbar: ''Wer von den Anwesenden ist der Künstler?''
Höchste Zeit zu verschwinden, beschloß ich, griff nach meinem Mantel und huschte unauffällig, wie ich hoffte, zur Seitentüre hinaus.

Und was jetzt? Ich konnte mich ja schlecht von meiner eigenen Vernissage entfernen. Andererseits hatte ich echt keinen Nerv für Auseinandersetzungen mit einem wütenden Besucher. Was war zu tun? Kurzerhand begab ich mich in ein Kaffeehaus um die Ecke und bestellte eine Apfelsaftschorle. Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte und gerade nach meinem Handy griff um in der Galerie nachzufragen, ob die Luft rein sei und ich zurückkehren könne, langte plötzlich ein beanzugter Arm von hinten über meine rechte Schulter und entwand mir das Telefon.

Wütend drehte ich mich um und wollte gerade losschimpfen, da erkannte ich ihn. Den Mann aus der Galerie. Wie hatte der mich jetzt so schnell gefunden?
''Was soll das? Geben Sie mir mein Telefon wieder!'', rief ich erbost.
Der Mann lächelte nur orientalisch und ließ sich mir gegenüber am Tisch nieder.
''Deine Zunge ist wie ein Pferd. Wenn du es nicht im Zaume hältst, wirft es dich aus dem Sattel.''
''Was für eine Zunge? Ich hab doch garnix gesagt. Ich verstehe nichts von Pferden, Reiten und Auf- und Abzäumen und was weiß ich. Nur mein Telefon, das hätte ich gerne wieder.''
''Zuerst möchte ich wissen, wer deine Komplizen sind. Und glaube ja nicht, mich belügen zu können, wir sind überall.''

Also das war doch jetzt die Höhe. Nahm der mir mein Handy weg und wollte mich obendrein noch bedrohen! Flugs stand ich auf und wollte mich zur Theke begeben um den Wirt zu fragen, ob ich grad mal bei ihm telefonieren könnte ... da lag ich schon auf der Nase.

Verdutzt rieb ich mir den Ellenbogen. Hatte mir der ein Bein gestellt? Augenscheinlich fürsorglich reichte er mir die Hand um mir aufzuhelfen. Packte mich jedoch im selben Augenblick fest am Arm und flüsterte mir ins Ohr: ''Keine Flucht. Du bleibst hier und verrätst mir was ihr vorhabt. Jetzt. Keine Ausreden. Ich habe die Message auf deinem Bild gelesen und verstanden. Das Bild ist vernichtet ...''
Weiter kam er nicht, mein Aufschrei war infernalisch laut.
''DU HAST MEIN BILD VERNICHTET? SPINNST DU???''

Aller Augen ruhten auf uns. Ich lächelte verlegen und nahm so würdevoll wie möglich wieder Platz. ''Hör mal gut zu du Scherzkeks. Was auch immer die Message auf dem Bild war, ich habe keine Ahnung! Ich kann kein Arabisch! Ich hab einfach irgendwas ausgeschnitten aus einem Buch und in das Gemälde reingeklebt. Weil es schön AUSSCHAUT. Kein Grund, das Bild zu ZERSTÖREN! Des kostet 250 Euro! Wo samma denn!!!''

''Selbstverständlich habe ich der Galerie das Bild ordnungsgemäß abgekauft bevor ich es zerstört habe.'', erwiderte der seltsame Typ würdevoll. ''Wir Araber wissen, was sich gehört. Dennoch kann ich nicht glauben, daß du nicht weißt, was du da ausgeschnitten hast, weil es absolut perfekt mit dem Rest des Bildes harmoniert hat und insgesamt eine Aussage ergab, die unseren Geheimdienst sehr erschreckt hat. Das KANN kein Zufall sein. Ich habe dir hiermit die Gelegenheit gegeben, dich zu äußern. Du hast sie nicht ergriffen. Also werde ich dich festnehmen lassen und wir werden sehen, wie lange du schweigen willst, in den feuchtkalten Kellern unserer Botschaft. Wir können auch anders.''

Er winkte kurz in Richtung Fenster und schon betraten fünf wuchtige Rausschmeißertypen das Kaffeehaus. Total klischeehaft. Hätte ich nicht vor Panik gezittert, ich hätte mich köstlich amüsiert. Noch bevor ich Blickkontakt mit der Bedienung aufnehmen konnte, hatten die Kerle mich in ihre Mitte genommen, einer hielt mir den Mund zu und sie zogen mich hinaus in die Kälte, und in die Richtung eines länglichen Autos mit getönten Scheiben. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Was ging denn hier ab? Arabischer Geheimdienst? So ein Unsinn, der hatte sie doch nicht mehr alle! Heftig biß ich den Mann in seine widerlich schmeckenden Finger, er schrie auf und ich ebenfalls: ''Hilfe, Hilfe, ich werde entführt!!!''

Die Passanten blickten milde interessiert. Offenbar dachten sie, es handle sich um die Aufzeichnung eines Tatorts oder so etwas Ähnlichem und kamen nicht auf die Idee, mir beizuspringen. Genau dieselben Penner wie in München! Gelangweiltes Pack!

Der Gebissene haute mir mit Schmackes eine rein, daß mir die Ohren klingelten und seine Kumpanen stopften mich auf den Rücksitz des bereits mit offenen Türen bereitstehenden Wagens. Die würden mich doch nicht ... die konnten mich doch nicht ... Stumm vor Entsetzen saß ich zwischen zwei der Kolosse auf dem Rücksitz und versuchte herauszufinden, wo wir hinfuhren. Selbstverständlich zwecklos, schließlich kannte ich mich hier absolut nicht aus und durch die hinteren Scheiben konnte man nichts sehen.
Später, in der doch einigermaßen geheizten Zelle, brütete ich vor mich hin. Konnte ich etwas tun? Nein. Konnte ich einfach nichts tun? Auch nein. Was also sollte ich machen? Erst einmal versuchen, zu schlafen. Es war spät geworden und ich war trotz allem todmüde.

Wütendes Gebrüll weckte mich auf. Es drang offenbar aus einem der Büros auf der anderen Seite des Flurs. Leider konnte ich nicht viel verstehen. ''Vollidioten'' hörte ich und ''Mann für besondere Fälle'' und ''mir egal, dann eben im Flugzeug oder wegen mir im UFO!'' Wollten die mich in ein Flugzeug setzen und abstürzen lassen? Oder von Außerirdischen abholen?
Meine Phantasie lief auf Hochtouren.
Würde ich aus dieser Geschichte lebend wieder herauskommen?

Nachdem man mich noch eine ganze Weile hatte schmoren lassen, hörte ich endlich den Schlüssel im Schloß. Ein untersetzter dunkelhaariger Mann mit gewaltiger Hakennase stand in der offenen Türe und schaute geflissentlich über mich hinweg an die Wand: ''Wenn Madame bitte mitkommen wollen'', tönte er mit erstaunlich sonorer Stimme, die ich als diejenige des 'Brüllaffen' erkannte, den ich frühmorgens unfreiwillig belauscht hatte. Wenn er mit 'Vollidioten' die Typen gemeint hatte, die mich hierhergezerrt hatten, dann bestand ja noch Hoffnung, daß das hier gut ausgehen würde.

Auf unsicheren Beinen stakste ich hinter ihm den Gang entlang. Nach wenigen Metern blieb er stehen, öffnete eine Türe und bedeutete mir, hindurchzugehen. Vorsichtig steckte ich den Kopf ins Zimmer. Gleich rechts vom Eingang lümmelte ein großer Mann mit Glatze und Brille in einer Sitzecke. Auch er trug einen Anzug, nur daß ihm seiner wirklich hervorragend zu Gesicht stand wie ich trotz meiner Aufregung nicht umhin konnte, zu bemerken.
Als er meiner ansichtig wurde, richtete er sich auf und sah mich aus verhangenen Augen streng an. Seine Mundwinkel zuckten fast unmerklich als er neben sich auf den Polster klopfte und sprach: ''Setzen Sie sich doch. Sie brauchen keine Angst zu haben, es wird Ihnen niemand etwas tun. Es handelt sich hier um ein bedauerliches Mißverständnis und es ist uns allen sehr daran gelegen, die Sache so gütlich wie möglich zu bereinigen.
Wobei Sie, das muß auch gesagt werden, ein gerüttelt Maß an Mitschuld tragen. Wie konnten Sie nur so leichtsinnig sein, und einen Text in ihren Bildern verarbeiten, von dessen Tragweite Sie offenbar keine Ahnung hatten? Wegen Ihnen haben eine ganze Menge Leute die Nacht über ordentlich geschwitzt, das kann ich Ihnen sagen!''

Ich schaute verdutzt. Alles hatte ich erwartet, aber das nicht. Das klang ja schon fast wie eine Entschuldigung. 

''Wir sind, während wir hier sprechen, bemüht, die Unordnung in Ihrem Appartement so gut wie möglich zu beseitigen und wir sind übereingekommen, Ihnen auch die restlichen Bilder aus der aktuellen Ausstellung abzukaufen. Unter der Voraussetzung, daß Sie niemandem, und ich betone NIEMANDEM, von diesem Vorfall berichten. Der Galeristin hat man erzählt, Ihnen sei schlecht geworden, Sie seien auf der Straße zusammengebrochen und man habe Sie ins Krankenhaus bringen müssen. Es sei wohl eins der Häppchen nicht mehr gut gewesen? Auch sie wird schweigen. Die Ausstellung ist hiermit beendet, die Bilder sind abtransportiert, es hat sie nie gegeben. Die mit dem chinesischen Text sind zwar harmlos, aber wir sind gründlich. Sie dürfen jetzt gehen, man wird Sie nach Hause fahren.''

War das eine Falle? Mißtrauisch schaute ich ihn an. Der Mann glaubte doch nicht tatsächlich, daß ich mich nach dieser Nacht noch einmal in ein fremdes Auto setzen würde?

''Naa dankschön'', brachte ich schließlich heraus. ''Ich fahr lieber mit den Öffis. Wenn ich vielleicht mein Telefon wieder haben könnt, wegen der RMV App?''

Nun lächelte der große Mann tatsächlich. ''Wie schön, Sie sind aus Bayern?'' ''Naa, I hob da nur g'wohnt.'', stellte ich hastig richtig. Nicht, daß man mich auch noch des Landesverrats beschuldigte.

''Ich kannte einmal eine Frau. Die hatte auch so einen bezaubernden Dialekt. Leider hat sie dann im Lotto gewonnen und ist irgendwo auf einer einsamen Alm in Tirol verschollen. Man hat ja kein Internet dort oben ...'' Er gab sich merklich einen Ruck. ''Hier haben Sie Ihr Telefon wieder. Sie wissen was zu tun ist. Diese Begegnung hat nie stattgefunden. Wir haben uns nie gesehen. Andernfalls ist unsere Abmachung sofort null und nichtig und Sie werden nie mehr ein Bild verkaufen. Gehaben Sie sich wohl.''

Er stand auf und verließ den Raum, ohne zurückzublicken. Schade. Ihm wäre ich gerne mehr als nur einmal begegnet ...














Sonntag, 27. Juli 2025

A g'schissene Sauerei


''Bald wird es wieder soweit sein,'' seufzte Gwerzoff leise. ''Sie werden überall riesige Kästen aufbauen aus denen laute Mißtöne erklingen und zu denen sie den schönen Waldboden zertrampeln und es 'tanzen' nennen. Gröhlen werden sie und ihr stinkendes Gebräu überall verschütten. Die armen Tiere werden mit zugehaltenen Ohren flüchten müssen und ihre Heimat wird danach noch wochenlang unbewohnbar sein weil alles voller Dreck und Scherben ist, die wir Zwerge mühsam nach und nach aufklauben müssen. Warum können diese Leute sich nicht auf ihre Lärmtempel in der Stadt beschränken? Wieso müssen sie ihr 'Festival' jeden Sommer bei uns im Wald abhalten? Ich begreife es nicht.''

''Wenn sie wenigstens Freude daran hätten,'' warf Sensidor ein. Aber sie müssen sich ja betrinken dabei bis sie blau sind wie ein Veilchen. Wieso sagt man eigentlich blau wie ein Veilchen? Veilchen sind violett. Warum sagt man nicht kornblumenblau? Das gefiele mir viel besser. Die Menschen sind dumm und abends sind sie alle kornblumenblau. Genau.''

Das Geräusch von Vogelflügeln im Wind unterbrach die düstere Unterhaltung und im nächsten Moment ließ sich Ethel die Eule zwischen den beiden auf dem Boden nieder.
''No Burschen, ned gut drauf? Hobt's kaan Kaffee kriagt oder was is los?''

Traurig berichteten Gwerzoff und Sensidor von ihren Gefühlen bezüglich des bevorstehenden Festivals. Gefühle, denen sich Ethel vorbehaltslos anschließen konnte. ''A g'schissene Sauerei is des!'', war ihr Kommentar dazu.

''Die Freiheit des einen endet dort, wo die des anderen beginnt.'', dozierte sie. ''Soviel sollte eigentlich klar sein. Das Problem ist nur, daß die Menschen von den meisten Waldbewohnern nichts wissen und daß sie die Tiere, von denen sie durchaus wissen, als absolut minderwertige Kreaturen ansehen. Die gerade noch als Fotomotiv geduldet werden oder wenn sie ihnen Nahrung besorgen oder gar selbst als solche herhalten sollen. Unter welchen Umständen diese armen Nahrungsmittel ihr mühevolles Leben fristen müssen, ist ihnen auch wurscht. Hauptsache billig, gell. Ab und an geht einmal einer von denen hohen Herren her, quatscht medienwirksam daher aber ändern tun die neuen Gesetze auch nix, es wird alles nur halbherzig verschlimmbessert!''

''Wow Ethel, du kannst ja richtige Reden halten!'' Sensidor sah bewundernd zu der Eule hinüber. Diese schüttelte bescheiden ihr Gefieder. ''Wer kann der kann. Aber g'scheit daherlabern hilft halt auch nix. Tun müß mer was. Aber was? Burschen, wir machen ein brainstorming! Frogts ned, duats einfach die Unterbergener Botenzwerge losschicken, mir treffen uns heute Abend hier. Unter der Linde. Und dann schaug mer amal.''

Gesagt getan. Pünktlich zum Einbruch der Dämmerung kamen immer mehr Waldbewohner zur alten Linde gekrochen, geflogen, gewandert oder gehumpelt. Gehumpelt? Besorgt blickte man Ethel entgegen, die sich in ihrer ursprünglichen Gestalt als alte faltige Zauberin nur mühsam fortbewegen konnte.

''Ja was ist denn mit dir passiert Ethel?'', rief ihr Sensidor erschrocken zu. ''Bist unter die Räuber gefallen?''

''Ah geh,'' winkte Ethel ab. ''Mein Teppich daheim hat so traurig ausgesehen, da hab ich ihn ein bissl umarmt. Muhahaa. Des werd scho wieder. Wichtig ist jetzt, daß wir uns zammsetzen und uns was überlegen. Wie wollen wir vorgehen. Wollen wir bereits den Aufbau verhindern, was mit vereinten Kräften gelingen könnte, aber die Leute nicht daran hindern wird, es wieder und wieder zu versuchen. Oder wollen wir das Fest selber ein bissl umgestalten, dahingehend, daß es den Leuten für immer vergehen wird, hier in unserem Wald so laut feiern zu wollen? Wär meiner Ansicht nach zielführender.''

''Fest umgestalten, jaaaa, wir zeigen es ihnen, wir mixen ihnen was in ihr Gebräu, wir machen die Musik schrill und quietschig, wir hauen sie, wir prügeln die Band vom Podest, wir ...''
''HALT Kinder, so geht es nicht. Keine Gewalt und keine bleibenden Schäden. Wir möchten die Leute doch zum Umdenken bewegen und keine Gewalt anwenden, denn diese wird erfahrungsgemäß mit Gegengewalt beantwortet und das wollen wir nicht.''

Als sie dasaßen, brüteten und überlegten, bis ihnen die Schweißperlen auf die Stirn traten, drang aus der Ferne immer lauter werdendes Gelächter in ihr Bewußtsein.
Wer vergnügte sich denn da so ungeniert, während sie sich Gedanken um den Frieden im Walde machten?
Flirrende Luft kündigte eine Elfengestalt an die, von einem älteren Herrn gefolgt, ungeniert auf die Lichtung getänzelt kam. Strenge Blicke aus dem Kreis der Aktivisten ließen sie innehalten.
''Was schaugts denn so? Hab ich euch was getan?''
''Hast du nix mitkriegt? Heute, hier, Treffen und so? Wir überlegen uns hier das Hirn zu Matsch und Madame tänzelt saumselig durch den Wald und tut mit dem alten Peter umeinanderflirten.''

''Heeeeeey, wer ist hier alt!'' Gekränkt trat Peter, ehemals Darfnix genannt (bis er sich eines Tages endlich gegen seine Frau zur Wehr setzte), in den Kreis der Selbstgerechten. Und ja, wir haben eine Nachricht bekommen, und deswegen sind wir hier. Ethel kann fraglos prima zaubern, aber wenn ich meine Zauberkräfte auch noch in die Waagschale werfe, dann kann nicht mehr viel schiefgehen. Schließlich war ich mal Ingenieur, da lernt man, planvoll und effektiv vorzugehen.''

''Was schlägst du also vor, ehrwürdiger Greis,'' spottete Gwerzoff, der für seine frechen Sprüche waldweit bekannt war.
''Ich schlage vor, daß wir die Leute ihre Boxen, ihre Bühne, ihre Getränkestände und was noch alles in Ruhe aufbauen lassen, und dann, wenn sie loslegen wollen, dann treten wir in Aktion. Ich hab mit Dana hier schon einen prima Plan ausgearbeitet.'' Dana lief rot an und kicherte verschämt. Die Zwerge grinsten sich eins und der Rest der Gemeinschaft enthielt sich würdevoll eines Kommentars.

Bald darauf war der große Tag gekommen. Die riesigen Lautsprecher waren aufgebaut und auch sonst same procedure as every year. Doch dieses Mal wartete auf die feierwütige Menge eine Überraschung, mit der sie sicherlich nicht gerechnet hatten.
Dümmlich grinsend und sich gegenseitig schubsend, blöde kichernd und fast alle mit mindestens einem Auge am Handy klebend, eierten die offenbar bereits nicht mehr ganz nüchternen Gäste nach und nach aufs Gelände.

''Was für eine saublöde Meute,'' schimpfte Gwerzoff. ''Die werden sich bald umschauen, hehe. Meine Psychologin meinte neulich, ich sei den Menschen nur neidig weil die sich zusammen amüsieren und ich immer alleine sei. So ein Humbug. Hier im Wald ist niemand alleine, wir sind alle untereinander verbunden.''

''Quod erat demonstrandum Burschen! Geh ma's an!'', gab Ethel das Kommando und schon rauschten gefühlt Tausende von Krähen dicht über den Köpfen der meist jungen Leute hinweg. Diese hielten den Vogelschwarm für eine Showeinlage und kreischten begeistert. Was sich jedoch schlagartig änderte, als die Tauben ihrerseits eine Runde drehten und zielgenau in die 'Jubeldrinks' (so stand es am Kiosk geschrieben) der Störenfriede ihren Darm entleerten. Hei war das ein Spaß! Fanden die Feiernden jetzt so garnicht und schütteten angeekelt ihre Getränke in hohem Bogen auf den Boden.

''Dreckssauerei!'', schimpfte Ethel, ''Zeit für die nächste Stufe!''
Schon knackste es in den Boxen und eine schauerliche Stimme ertönte, untermalt von Geräuschen die an das Knarren eines sich langsam schließenden Sargdeckels gemahnten:  ''Hört gut zu, ihr saudummes Pack. Wie würde es euch gefallen, wenn wir euch jetzt einsperren würden, mästen und dann schlachten? Weil wir Bock auf den ultimativen Snack haben? Homo toastiensis? Oder Steckerldepp? Während eures nur noch kurzen Lebens müßtet ihr die ganze Zeit in eurer eigenen Scheiße stehen und dürftet euch niemals hinlegen, geschweige denn richtig ausstrecken. Tolle Aussichten, oder? Und wer jetzt denkt, wir seien aber außerordentliche Sadisten und wer macht denn sowas ... dann schauts euch mal in den Spiegel ihr Penner.
IHR macht das. Ständig. Jeder von euch der im Disconter Fleisch oder Milchprodukte einkauft macht das. Ohne darüber nachzudenken macht ihr das. Schämt euch!!!''

Mittlerweile wimmelte das Gelände von ziellos herumirrenden Security-Mitarbeitern, die verzweifelt nach den Übeltätern fahndeten, die die Anlage in ihre Gewalt gebracht hatten. Doch an den Kabeln und Anschlüssen war alles in Ordnung, die Techniker waren ratlos und die Menge starr vor Entsetzen. Den meisten war die Lust auf Tanzen vergangen, das sah man ihnen sogar aus der Weite an. Doch Peter und Ethel hatten noch einen draufzusetzen.

Der Zaun, der das Gelände vom Wald abgrenzte, begann auf einmal bunt zu flimmern. Was zunächst cool aussah in der einsetzenden Dämmerung, versetzte die Meute in pure Panik als sie bemerkten, daß sich der Flimmerzaun immer mehr und mehr zusammenzog, immer näher rückte, und eine verdammte Hitze ausstrahlte.
Kopflos stürmten die Leute Richtung Ausgang. Drängten sich, schubsten sich, rücksichtslos und um ihre Leben fürchtend. 

''Scheiße,'' fluchte Ethel. ''Wir wollten keine Massenpanik. Nicht daß diese Hohlbirnen sich noch gegenseitig tottrampeln.''
Der Zaun stoppte seine Bewegung, hörte auf zu flimmern und aus dem Lautsprecher erklang beruhigende Musik. Darüber eine sanfte Stimme: ''Nicht drängeln, es wird euch nichts passieren, dies war nur ein kleiner Denkanstoß. So fühlen sich die armen Tiere, wenn sie eingesperrt und mißhandelt werden. Bevor sie zum Schlachter geführt werden. Glaubt ihr, die merken das nicht? Wir sind doch nicht bescheuert! Grüße aus dem Wald ihr kopflosen Kreaturen. Und vielen Dank, daß ihr euren Dreck und euren ganzen Kram wieder mitnehmt! Dieses Mal bitte für immer!!! Bussi baba!''

In der Zeitung stand kein Wort darüber. Lediglich eine kleine Notiz, daß das Ultimative Super-Sommer-Waldfestival dieses Jahr aufgrund technischer Mängel leider abgesagt werden mußte.
''Immerhin!'', stellte Peter zufrieden fest. ''Immerhin sind sie kommentarlos wieder abgezogen und haben ihren Krempel am nächsten Tag wieder abgebaut. Nun bleibt zu hoffen, daß unsere Worte auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Darauf wetten würde ich nicht, aber wer nicht kämpft hat schon verloren. So, und wo ist jetzt meine kleine Elfe, ja wo ist sie denn??'' Kreischend vor Vergnügen rannte Dana direkt hinein in den dunklen Wald, Peter mit wehendem Mantel dicht hinter ihr her.

''Manche Dinge ändern sich nie ...'', murmelte Ethel vor sich hin, verwandelte sich wieder in eine Eule und flog schnurstracks zum Häuschen von Skodefix. Ihn einmal wieder an das Bücherregal zu erinnern, das er ihr vor 123 Jahren versprochen aber noch immer nicht zusammengenagelt hatte. Wie gesagt, manche Dinge ändern sich einfach nie.













 

Freitag, 11. Juli 2025

Die eiskalte Dusche


Nie mehr werde ich ins Nordbad gehen. Dort kann und möchte ich mich nun nicht mehr blicken lassen nach dem was heute passiert ist. Mein Herz ist gebrochen und blamiert hab ich mich obendrein bis auf die Knochen. Wie peinlich kann man denn sein, in meinem Alter noch auf einen Flirt zu hoffen oder gar auf mehr? 

Eigentlich mag ich öffentliche Schwimmbäder nicht, weil es mir dort zu laut ist. Bekannte raten mir immer wieder, doch stattdessen im See zu schwimmen, doch erstens sind die Münchner Seen nicht weniger überlaufen und zweitens fühle ich mich im Schwimmbad einfach sicherer. Vor Dieben und auch eventuellen Unfällen. In einem ordentlichen Bad hat es einen vernünftigen Boden, keinen pieksigen Kies oder gar Scherben. Man kann seine Sachen wegsperren und im Fall eines Sommergewitters wird man, so hoffe ich jedenfalls, rechtzeitig gewarnt. Natürlich muß man aufpassen, daß einen die ubiquitären Wepsen nicht stechen, aber bisher hab ich es noch immer geschafft, den Feind rechtzeitig zu erspähen.

Etwa dreimal die Woche ging ich daher gleich in der Früh ins Nordbad zum Schwimmen. Im Außenbecken, weil da das Wasser angenehm temperiert ist. Drinnen im großen Becken ist es richtig kalt, das macht keinen Spaß.

In den Morgenstunden sind noch keine schreienden Kinder und Jugendlichen im Bad, dann ist es dort meist richtig angenehm. Spät am Abend wäre es vielleicht auch nicht schlecht, in der Dämmerung, wenn die Scheinwerfer leuchten und das warme Wasser hübsch dampft. Aber am Abend bin ich müde, da gehe ich nirgendwohin.

Also schob ich mich frühmorgens, gleich nach dem Öffnen, zusammen mit den anderen Wartenden durch die enge Eingangstüre und machte mich auf die Suche nach einem Kleiderbügel. Aus irgendwelchen mir unverständlichen Gründen waren diese stets Mangelware.

Die meisten Besucher verschwanden glücklicherweise sofort in der Sauna oder im Fitneßkeller, doch einige wenige präferierten wie ich das Außenbecken und die eine oder andere besonders skurrile Gestalt erregte immer wieder aufs Neue meine Aufmerksamkeit.

Da hätten wir beispielsweise 'The German'. Den nannte ich so weil er erstens diesen Adler auf der rechten Schulter tätowiert hatte (sah man immer wenn er einen überholte) und zweitens weil er während meiner gesamten Schwimmzeit wie aufgezogen im äußeren Ring des Beckens immer rundherum marschierte und sich von nichts und niemandem aufhalten ließ.
Er trug eine blaue Badekappe so daß man ihn bereits von Weitem erkannte, und sogar die ewig nervende Partie Damen, die gerne mal die äußere Bahn verstopften weil sie sich vor lauter Gackern und Wiehern nur langsam vorwärtsbewegten, konnten ihm nicht standhalten. Die weichen ja grundsätzlich niemandem aus, aber wenn The German kam, dann traten selbst sie zur Seite und ich nutzte gerne die Lücke, um mich hinter ihm ebenfalls rasch durchzuquetschen.

Dann war da der 'Knoblauchmeister'. Ein kleines dürres Männchen mit einem wie ins Gesicht geschnitzten manischen Grinsen, der stets infernalisch nach Knoblauch stank. Auch er marschierte gerne den äußeren Ring ab, aber sobald die Schwallduschen am Beckenrand angingen, stellte er sich drunter und tanzte wie der Bi-Ba-Butzemann immer im Kreis herum und klatschte dazu in die Hände.

Gerne sah ich auch der 'Tänzerin' zu wie sie, trotz ihres weit fortgeschrittenen Alters, noch immer einen Fuß in die Hand nehmen und schräg nach oben ganz ausstrecken konnte. Früher hatte sie tatsächlich professionell Ballett getanzt und suchte stets jemanden, der sie noch nicht kannte, und dem sie von früher erzählen konnte. Als sie noch jemand war. Jemand, der von anderen berühmten Menschen umschwärmt, hofiert und bewundert wurde.

Besonders albern fand ich die 'Millionärin', die zwanghaft jedem um sich herum von ihren tollen Urlaubsreisen in die ganze Welt erzählen mußte, wobei sie die Hotelzimmer genau beschrieb und an allem etwas auszusetzen hatte.

Einer der Stammgäste sah aus wie Paul Eschbach, ein anderer wie Bruce Willis. Den mochte ich am liebsten. Richtig fesch war der, und diese tollen Muskeln! Ein wirklich ästhetisch gebauter Mann. Der einzige weit und breit. Eine Augenweide. Ein Mann zum Verlieben.

So schwamm ich Runde um Runde im angenehm warmen Wasser, sah mir die Leute an und genoß den periodisch wiederkehrenden 'Strudel' der alle 20 Minuten im äußeren Ring kursierte, wenn Düsen das Wasser dort kräftig in Bewegung versetzten. Innerlich jubelnd ließ ich mich von der Strömung mitreißen und juhuuuuuuuuuuu am Ende von der Welle hinaustragen und dann dasselbe gleich wieder von vorne. Das funktionierte natürlich nur, wenn einem niemand vor der Nase herumtrödelte. Die Strömung im 'Strudel' war schon ziemlich heftig und es war nicht einfach, sich dann einzubremsen um eine Kollision zu verhindern. 

Als heute morgen gegen halb neun auf einmal eine schwarz behoste Gestalt direkt vor mir auftauchte, geriet ich heftig ins Rudern und wäre fast mit dem Kopf gegen die Einfriedung geknallt, hätte mich nicht im letzten Moment jemand am Arm gepackt und aus der Gefahrenzone in Richtung Sprudelliegen gezogen. Heftig schnaufend sah ich zu meinem Retter auf um ihm zu danken. Oh nein, es war 'Bruce Willis', mein heimlicher Schwarm! Mit einem sexy Grinsen beugte er sich zu mir herüber, mir wurde schwindelig vor Glück. Hatte ich es doch endlich geschafft, seine Aufmerksamkeit zu erregen? Voller Vorfreude fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen, doch was er dann von sich gab war die brutalste kalte Dusche die ich je erfahren hatte:

''Hören Sie gute Frau, meinen Sie nicht, Sie wären im Nichtschwimmerbereich bei den anderen älteren Herrschaften besser aufgehoben? In den Strudel sollten sich nur wirklich gute Schwimmer begeben. Sie dagegen scheinen mir nicht mehr besonders sicher auf den Beinen zu sein.''






Sonntag, 6. Juli 2025

Der Deichgraf schmunzelt


Allzuviele Leute waren nicht gekommen zur Beisetzung. Tom hatte am Ende seines Lebens fast keine Freunde mehr gehabt, die meisten waren schwere Alkoholiker wie er selbst. Die waren so früh am Morgen noch nicht fit genug für längeres Stehen. Etwas abseits standen zwei Herren im Anzug, die seltsam deplaziert wirkten.

''Sagen Sie, Sie waren doch der behandelnde Arzt, oder?''
''Ja, tatsächlich. Glauben Sie mir, diesen Fall werde ich niemals vergessen. Ich habe den Herzinfarkt nicht erkannt obwohl ich eigentlich, ohne mich selbst loben zu wollen, doch eine Koryphäe auf meinem Gebiet bin. Doch der Patient hat sich immer auf die rechte Brustseite gegriffen und das Herz ist nun einmal links. Normalerweise. Wie wir ihn dann aufgeschnitten haben auf der Prosektur haben wir blöd geschaut. Bei dem Mann war alles falsch herum. Sozusagen spiegelverkehrt. Hab ich noch nie gesehen sowas. Und wer sind Sie?''
Die Antwort bestand aus einem verschmitzten Lächeln, das die verhangenen Augen hinter der getönten Sonnenbrille nicht mit einzubeziehen schien.
''Sagen wir einmal so: Ich bin ein Mann für besondere Fälle. Und wenn ich mich nicht irre, so ist dies ein ganz besonderer Fall ...''

Sieben Monate zuvor:

Tom war müde. Sehr müde. Das letzte Projekt war anstrengend gewesen, einer dieser Kunden die mit nichts zufrieden waren, und er hatte jeden Abend bis spät in die Nacht hinein gearbeitet. Ohne daß es ihm Freude gemacht hätte wie früher. Er fühlte sich ausgebrannt und leer. Langsam trottete er durch den Park in Richtung Zuhause. Wo ihn sowieso niemand erwartete. Seine Frau war bereits vor zwei Jahren abgehauen. Auf einen Mann, so hatte sie voller Trotz verkündet, der nie zuhause war, könne sie gut verzichten.

Es war zugegebenermaßen eine Erleichterung, ohne das ständige Babygeschrei schlafen zu können und nicht auch noch nachts aufstehen zu müssen um eine vollgeschissene Windel zu wechseln. Wie es heute von einem modernen Mann verlangt wurde, auch wenn der einen 16-Stunden-Tag hinter sich hatte. Andererseits vermißte er ihre Anwesenheit. Niemand hatte gekocht, niemand hatte saubergemacht und niemand keppelte ihn an wenn er spät nach Hause kam. Eigentlich könnte er genauso gut in der Firma schlafen. Er würde sich eine Menge Miete sparen.

Die Wege im Park waren schlecht beleuchtet. Für Frauen eher nicht zu empfehlen, aber er war ja keine Frau. Was sollte ihm also schon passieren? Die seltsamen Figuren, die in den Kies auf dem Boden geritzt waren, nahm er nicht wahr. Als ihm schwindelig wurde dachte er zuerst, es sei die Übermüdung und er müsse sich eine Bank suchen um sich kurz zu setzen, doch im nächsten Augenblick war er bereits ohnmächtig geworden und bekam nichts mehr mit von dem, was als nächstes passierte.

Und das war eine ganze Menge. Um ihn herum stand eine Rotte Außerirdischer und betrachtete ihn kritisch. Im Gegensatz zum gängigen Klischee sind Außerirdische nicht grün. Wäre Tom wach gewesen, hätte er also auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches bemerkt. Lediglich so etwas wie eine Menschenansammlung, was ja nach einem Sturz im Park einer Großstadt zu erwarten wäre.
Nur, daß er sich nicht mehr in der Großstadt befand. Auch nicht in einem Park, sondern in einem groß angelegten Versuchslabor auf dem Planeten SaXpeLi69B.
Sagt aber keiner dort. Man sagt ''der zweite 69-er Saxi'. Nur so am Rande bemerkt, falls ihr irgendwann hinkommen solltet. Gleich mal mit Insiderwissen punkten.

Der Außerirdische an sich ist ja stets sehr interessiert daran, wie die Menschen so ticken. Leider war aus Tom auch unter Hypnose nicht viel herauszubekommen, zu fortgeschritten war sein Burnout. Die Rotte war enttäuscht. ''So ein Schas!'', schimpfte der Laborchef. ''Die ganze Oawat umasunst. Wieda nua so a Trottl. Die Händi sollt ma eahnan wegnehman. Weans ollewäu no deppata, des G'frast. Komplett hin in da Marün. Schickts eam wieda z'haus, des bringt nix.''*

Die Rotte tat wie geheißen, doch sobald der Chef um die Ecke war kickte ein Witzbold seinen Nachbarn in mit dem Ellenbogen in die Rippen: ''Hör mal, machen wir ein bissl eine Gaudi mit ihm bevor wir ihn wieder zurückbringen? Von links auf rechts drehen? Hilfst mir?''

So kam es, daß Tom sich nach nur einer Stunde (Erdzeit) Abwesenheit wieder in seiner Wohnung befand, völlig groggy im Fauteuil hing und keine Erinnerung mehr daran hatte, wie er nach Hause gekommen war. Nur, daß es ihm im Park schwummrig geworden war, das wußte er noch.

'Zeit, die Bremse zu ziehen', dachte er bei sich. 'So kann das nicht weitergehen.'

Leider sah sein Chef das auch so, als er die Woche darauf um Arbeitszeitverkürzung ansuchte. Vier Wochen später, und um eine zugegebenermaßen großzügige Abfindung reicher, fand Tom sich wieder in seinem Fauteuil zuhause. Arbeitslos. Müde. Alleine.

'Die Zeit heilt alle Wunden', dachte er. Und: 'Lustig samma, Puntigamer'. Werbefachleute halt. Nie um einen blöden Spruch verlegen. Mit Verve stand er auf, deklamierte: ''Dies war eine stringente Schlußfolgerung!'', und machte sich auf den Weg ins Beisl an der Ecke. Leute mürbe quatschen. Seine Spezialität. Und nachdem er es war, der die Runden bezahlte, hörten sie ihm alle mehr oder weniger andächtig zu. Seine neuen Haberer. Seine Gefolgschaft. Seine Fans.

Leider blieb seine Leidenschaft für Beisl-Preaching nicht ohne Folgen für seine Leber. Beim Arzt konnte natürlich nichts festgestellt werden. 
''Tut es da weh?'', fragte der Internist seines Vertrauens, nachdem er ihn für seinen drastisch angestiegenen Alkoholkonsum ausgescholten hatte, und drückte dorthin, wo man gemeinhin die Leber vermutet.
''Kein bißchen,'' strahlte Tom erleichtert. Offenbar war es doch noch nicht so schlimm und er konnte erst einmal weitermachen wie gewohnt.

Wenn nur Eloise nicht gewesen wäre. Eloise war eine ganz gewöhnliche Frau. Eigentlich. Obendrein war sie ziemlich einsam und hatte sich daher von einer dubiosen Sekte anwerben lassen, die ausgerechnet Außerirdische anbetete. An deren baldige Wiederkehr auf die Erde glaubte und sich von ihnen allerlei Wunder versprach. Die Außerirdischen hat das natürlich gefreut und so kam es, daß die eine oder andere an sich geheime Info an Mitglieder der Sekte geleakt wurde. Auch Extraterrestials sind manchmal wie Menschen und plaudern im Bett Dinge aus, die sie besser für sich behalten hätten.

Somit wußte Eloise, was es mit den geheimnisvollen Mustern im Kies auf sich hatte. Sie wußte, was passiert, wenn man da hineintritt. Und sie hatte Tom im Beisl von seinem seltsamen Schwächeanfall erzählen hören. Da mußte man nicht mehr 2 und 2 zusammenzählen, da sprang einem die Vier praktisch von selbst ins Gesicht.

Leider war Eloise nicht nur einsam sondern auch ziemlich dämlich, sonst hätte sie ihr Wissen einfach für sich behalten. Aber natürlich mußte sie alles ausführlichst im internet bereittreten, woraufhin bald auch die Leute vom DSN aufmerksam wurden. Und interessiert aufhorchten. Aufgrund von Personalmangel aber leider diesen Fall an die Deutschen weiterreichen mußten, die waren personell besser aufgestellt.

So kam es, daß Tom bald auf Schritt und Tritt beschattet wurde, was ihm allerdings zunächst nicht auffiel. Was er indessen mitbekam war, daß seine Post geöffnet und gelesen wurde. Amtliche Briefe mit Schokoladenfingerabdrücken drauf? Das fällt sogar dem verkatertsten Menschen auf. Und verunsichert ihn massiv. Was war da los? Und wieso flimmerte sein Handy neuerdings, sobald er eine Nachricht erhielt? Und wer war der seltsame Kerl mit der Sonnenbrille, der sich in letzter Zeit auffallend oft unter seine Gefolgschaft im Beisl mischte, aber nie mit ihm oder anderen sprach und seine Getränke stets selbst bezahlte? 

Seine Nerven, von Haus aus schon nicht mehr die besten, wurden immer zappeliger und sein körperlicher Zustand verschlechterte sich zusehends. 

Hier könnte die Geschichte nun eigentlich zuende sein. Herzinfarkt, Tod, Beerdigung, fertig.
Wenn, ja wenn die Außerirdischen nicht Wind von der Sache bekommen hätten.

Ihre an sich wirklich gut gehüteten Geheimnisse in den Händen dieser Anzugträger? Die damit nichts als Unsinn anstellen würden? Das wollte verhindert sein.

Unser Mann mit der Sonnenbrille stieg daher nach Toms Beerdigung nicht einfach wie geplant in seinen Wagen und fuhr von dannen, sondern wurde noch auf dem Friedhofsgelände von einer für die Jahreszeit etwas zu bleichen Gestalt angesprochen: ''Heans, Tschuidign, hätten'S ma an Tschik?''

Unser Mann in Wien hatte seinerseits eine Bekannte, die ständig ins Wienerische verfiel, und wußte daher, was ein Tschick ist. Als Nichtraucher hatte er aber keinen und wollte sich gerade bedauernd abwenden, da stellte ihm die Gestalt hinterrücks ein Bein. Er stolperte, ruderte mit den Armen, fiel zu Boden.

''So und jetzt heast ma amal zua du Piefke. Wos is do los? Den oaman Tschecheranten ins Grab treiben mit deppat hinterherspioniern und fia wos? Wüst aa entführt wean? Wos wüst wissn? Sog ma's glei und mir kennan dia Soch auskartln.''**

Der Mann lag still da und sah der Gestalt ins Gesicht. ''Guter Mann, leider verstehe ich kein Wort von dem, was sie da sagen. Hätten Sie die Güte, es noch einmal auf Deutsch zu wiederholen?''

Der Laborchef, denn um keinen anderen handelte es sich bei der Gestalt, seufzte tief. Natürlich. Hätte er sich ja denken können. Sie hatten extra ihn geschickt, weil er die Landessprache beherrschte und nicht auffallen würde. Aber natürlich konnte der Piefke ihn nicht verstehen. Perfekt. Leider hat der Außerirdische, auch wenn dies hier und da behauptet wird, keineswegs ständig einen Babelfish zur Hand der ihm auf der Stelle sämtliche Sprachen dolmetscht und vice versa.

''Boss auf,'' sprach er langsam und deutlich. ''Du hea-h-st auf mit die Nach-h-forsch-h-ung-h-en und mia los-h-ma di in Ruah-he. Vasteh-hst mi?''

Da war er allerdings akkurat an den Falschen gekommen. Unser Mann stand langsam auf, klopfte sich die Friedhofserde vom Anzug und meinte gelassen: ''Was für Nachforschungen? Wer sind Sie überhaupt und was möchten Sie von mir?''
Der Laborchef war baff. So sprach man normalerweise nicht mit ihm. Man erzitterte in Ehrfurcht und tat was er wollte. 

Die beiden Männer lieferten sich ein Blickduell bis die Luft zwischen ihnen zu britzeln und zu vibrieren begann. Lichtblitze zuckten auf und hier war der Mann mit der Sonnenbrille logischerweise klar im Vorteil. Der Laborchef blickte zu Boden und seufzte: ''Okäh, host g'wunnan.''

''Kommen Sie doch mit ins Beisl,'' lud der Mann im Anzug ihn ein. ''Wir trinken zusammen einen auf den Verstorbenen und vielleicht finden wir dort einen Dolmetsch, der Ihnen klarmacht, was ich Ihnen sagen möchte.''

Verwirrt blickte der Laborchef in die verhangenen Augen seines Gegenübers. War das nicht gerade noch anders herum gewesen? Geschlagen tappte er hinter dem fröhlich pfeifenden Anzugmenschen her, welcher ihn schnurstracks ins Beisl am Eck führte, wo er stilgerecht zwei Krügerl bestellte mit denen man sich in eine stille Ecke verzog.

Was die beiden dort ausgehandelt haben, mit oder ohne Dolmetsch, werden wir nie erfahren.

Interessant dabei ist lediglich, daß seit dieser Zeit, immer kurz vor Vollmond, seltsame Zeichen auf einer der Wiesen in der Nähe eines kleinen Dorfes bei Höxter auftauchen. Und jedes Mal verschwindet ein Schaf. Seither war die Aa nie mehr über ihre Ufer getreten. Der Deichgraf schmunzelte nur wenn die Dorfbewohner sich darüber wunderten und rückte seine Sonnenbrille zurecht.
Das Leben war schön. Auch und sogar in Ostwestfalen-Lippe.

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Übersetzungen der beiden längeren Texte des Laborchefs ins Deutsche:

*Die ganze Arbeit umsonst. Wieder nur so ein Trottel. Die Handys sollte man ihnen wegnehmen. Davon werden sie immer noch verblödeter, die Nichtsnutze . Komplett kaputt in der Birne. Schickt ihn wieder nach Hause, das bringt nichts.

**So und jetzt hörst mir mal zu du Piefke. Was ist da los? Den armen Säufer ins Grab treiben mit blöd hinterherspionieren und wofür? Willst du auch entführt werden? Was willst du wissen? Sag es mir gleich und wir können uns bestimmt einig werden.

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Sonntag, 8. Juni 2025

Der Aufstand der Gartenzwerge

Bis vor wenigen Monaten haben sie mich noch alle ausgelacht. Old School sei das. Postkarten schreiben: hahaha. Wo es doch Internet gibt mit instant messaging wo der Empfänger die Nachricht SOFORT bekommt und obendrein praktisch gratis. Bücher horten, die jede Menge Platz wegnehmen, wo es doch Kindle gibt und Tolino und wie sie alle heißen. Ganze Bibliotheken auf so einem kleinen Viereck? Nette Idee, aber dann such mal nach den Bilderbüchern deiner Kindheit. Kannste vergessen. Also. Ein Buch bleibt ein Buch bleibt ein Buch. Auch und gerade wenn es muffig riecht. Das ist einfach echt.

Aber was will man reden mit Leuten, die ständig was Neues brauchen und in der Küche keine Mahlzeit mehr zusammenbringen ohne modernes Zeug wie beispielsweise eine Salatschleuder. Durfte ich mich auch wieder auslachen lassen, weil ich nicht wußte was das eigentlich sein soll. Salat mit Schleudertrauma? Schmeckt das? Dann doch lieber Eis am Stiel, ungesund aber schmackhaft und schnell zubereitet: Papier runter und fertig.

Aber ich schweife ab. Natürlich war ich der Technisierung gegenüber durchaus aufgeschlossen. Jemand der soviel fotografiert wie ich, hätte sich schon ein Schloß anmieten müssen um die ganzen Alben unterzubringen, hätte ich meine Fotos tatsächlich wie früher entwickeln lassen. Logisch hab ich die digital gespeichert.

Aber die sind halt jetzt weg. Alle. Bis auf die, die ich mir habe als Postkarten drucken lassen. Weil das Internet weg ist. Ja, das ach so wichtige, staatstragende Instrument der Desinformation und blödsinnigen Unterhaltung, das die Menschen immer dümmer und unselbständiger gemacht hat statt sie zu informierten und zu denkenden Menschen zu erziehen, ist jetzt endgültig kaputt. Und nein, ich sag's gleich, ich war's nicht. 

Es fing ganz harmlos an. Immer mal wieder ein Aussetzer, völlig normal. Das Wetter, das Netz, der Weihnachtsmann. Der ganz besonders. Auch wenn es schon länger keinen Schnee mehr gab außer in Afrika. Die hatten ja sonst nichts und haben sich gefreut. Kann man in Eimern schmelzen und hat Wasser. Aber was machten wir hier ohne verläßliches Internet? Richtig, blöd schauen. Wenn wie von Geisterhand verwischt auf einmal mitten in der Konferenz das Gegenüber verschwimmt und nur noch knarzende Laute von sich gibt.
Klimaschonend jeder im eigenen Konferenzraum sitzend mittels Technik verbunden, von unheimlichen Mächten dann doch wieder plötzlich voneinander getrennt. Keine Geschäfte mehr heute? Fräulein zum Diktat! Wir müssen jetzt doch ein paar Briefe schreiben. Wie, keine Briefmarken mehr? Achso das Fax? Das ist auch kaputt? Dann müssen Sie halt mal rasch zur Post ... achso die hat schon lange keine Briefmarken mehr? Online bestellen? Haha ja, das war ein guter Witz. Hm. Räusper. Wir haben ein Problem. Ein ganz gewaltiges Problem.

Mittlerweile blühte der Schwarzmarkt. Antiquariate verlangten auf einmal Mondpreise für ihre Restposten, vor den Buchläden versammelte sich der Mob. Eine Zeitlang gab es jeden Morgen einen Auflauf so daß die Angestellten nicht einmal mehr zur Türe kamen geschweige denn hindurch. Schreihälse ließen den Bizeps spielen und glaubten, sie könnten irgendwen damit beeindrucken. Seltsamerweise gab es bei den Lebensmitteln keine Knappheit. Auch nicht beim Klopapier. Nur Bücher und Briefmarken waren auf einmal gefragte Mangelware.
Und ich war fein raus. 
Und in Gefahr.

Wenn sich herumspräche, daß meine Wohnung voller Bücher, Postkarten und einer riesigen Auswahl von Briefmarken war, dann würden die Einbrecher nicht lange fackeln.
Alte Frau? Sofort aus dem Wege räumen und alles mitnehmen. Denn auch an Schießeisen und Munition herrschte kein Mangel. Die Welt war auf Krieg gebürstet und diesbezüglich wohlgerüstet.
Nur an Briefpapier hatte niemand gedacht.

Langsam glätteten sich die Wogen, die Menschen tauschten die Bücher untereinander, man half sich gegenseitig. Postbote war auf einmal ein gefragter Beruf. Händeringend suchte man Personal, das sich bei Wind und Wetter durch die Straßen plagen und die wachsende Flut an Handgeschriebenem an die Empfänger verteilen mochte. 

Die Welt war wie verzaubert. Die Fahrgäste in Bus und Bahn sprachen wieder miteinander, statt jeder für sich ins giftige Viereck zu glotzen. Musik wurde live an allen Ecken gespielt, von Hand und mit Seele, für alle gemeinsam, statt für jeden alleine direkt in seinen Kopfhörer. Man saß bei Bier und Semmerln im Park und tauschte Gedanken über die Herrschenden aus, statt sich von vorgefertigten Meinungen gegeneinander aufhetzen zu lassen und seine Seele für eine Bratwurst zu verkaufen. Man war wieder Mensch.

Natürlich war das nicht jedem recht und so mancher Anzugträger saß fluchend im stillen Kämmerlein und sah hilflos zu, wie seine Macht aus dem Fenster davonwehte. Ohne die Möglichkeit, den Leuten immer wieder einzuhämmern, wie wichtig man doch sei, glaubt es halt früher oder später niemand mehr. Und ohne Glaube keine Macht. Alte Weisheit, kann man jeden Pfarrer fragen, die kennen sich aus damit.

Leider war die Freude über die neue Freiheit vom Digitalen nicht von Dauer. Es langt ein einziger Idiot, um die friedlichste Gemeinschaft zu zerstören. Und es gab leider nicht nur einen. Somit auch bald keine Gemeinschaft mehr sondern das Gegeneinander fing von vorne an. Da halfen die hübschesten Briefmarken nichts, wenn die Leute sich nicht daran freuen wollten. Wieder mehr wollten. 
Vor allem mehr als der Nachbar.

Der Erste der die Schnauze endgültig voll hatte war Olaf. Nicht besonders groß, ca. 25 cm hoch, aber imposant ausgerüstet mit Hammer, Säge und Laterne.
''Hör mal,'' quatschte er seinen Nebenmann an, der mit Rechen und Schaufel ebenfalls brauchbares Werkzeug in der Hand trug. ''Hör mal, wir sollten uns zusammentun. Das geht so nicht weiter. Seit Jahrzehnten schau ich mir das jetzt an, die lernen es einfach nicht. Sogar Jesus ist langsam am Verzweifeln. Wir müssen was tun!''
''Ja aber was? Und seit wann können wir eigentlich reden? Da stehst du seit 30 Jahren neben mir und sagst keinen Ton während ich vor Langeweile fast vergehe!''
''Ich hab keine Ahnung, das muß neu sein. Jedenfalls, wir müssen den Menschen eine Lektion erteilen die sie so rasch nicht mehr vergessen. Es ist höchste Zeit und wenn nicht wir, wer dann? Die Delphine sind fast ausgerottet, die Eichhörnchen kümmern sich wie immer nur um die eigenen Nüsse, die Tauben sind zu durchfallgeplagten Balkonscheißern verkommen. Jemand muß den Frieden in die Welt tragen. Also komm, wir verbreiten das Wort! Wie heißt du eigentlich? Ich bin der Olaf und frag mich nicht woher ich das weiß.''

Von Vorgarten zu Vorgarten, von Schrebergarten zu Schrebergarten erhob sich Gewisper und Getuschel. Kleine Schubkarren wurden unmerklich verschoben, Handwerkszeug wurde weitergereicht, die Botschaft verbreitete sich. In Gegenden mit vorwiegend Hochhäusern logischweise etwas langsamer, doch steter Tropfen höhlt nicht nur Stein sondern auch Beton und so fanden sich die Leute immer öfter nach dem Aufwachen vor einer Armee Gartenzwerge umzingelt die ihnen ein Bein stellten wenn sie zur Kaffeemaschine wollten, die ihnen die Unterhosen forttrugen und das Wasser in der Dusche auf eiskalt stellten.
Da war kein Davonkommen, da mußte man zuhören. Ob man wollte oder nicht.

Bald war die Erde wieder freundlicher geworden. Der amerikanische Präsident hatte ein Gipsbein und faselte fortwährend etwas von komischen Wellen im Teppich, die Russen hatten einen neuen Trinkspruch der klang wie Выпьем за гномов und sogar der Präsident dort lachte wieder. Nur die Chinesen, die Chinesen sind nach wie vor mit allem Ernst bei der Sache. Sie produzieren und produzieren am laufenden Band ... Gartenzwerge. 

























Sonntag, 25. Mai 2025

Ein Mann der Tat


Lust hätte er schon gehabt. Die hatte er immer. Liebe brauchte es dazu keine, die verkomplizierte die Sache nur unnötig. Aber dieses Mädel war irgendwie anders. Der konnte man nicht sofort sein Bedürfnis um die wohlgeformten Ohren hauen, da war Subtilität angesagt. Am ersten Abend wanderten sie daher lediglich händchenhaltend aus der Disco in die sommerliche Sternennacht hinaus. Nicht einmal geknutscht hatten sie. Nur geredet. Das dafür die halbe Nacht. 

Seine Strategie schien sich auszuzahlen. Sie himmelte ihn an und die Tatsache, daß sie mit ihrer Freundin und zwei kleinen Kindern in einer Wohnung schlief, hinderte ihn glücklicherweise daran, in den frühen Morgenstunden mit nach oben zu kommen und sich vielleicht doch noch von der Gier hinreißen zu lassen. Und alles zu versauen. Mit dieser Frau, das spürte er, wollte er keinen One Night Stand. Er wollte viele. Ganz viele Stands wollte er in ihr versenken, immer und immer wieder. Laut jaulend schleuderte er seinen aufgestauten Samen aus dem Fenster in die niederbayerische Nacht. Er würde siegen und kommen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Welche er am nächsten Tag, einem Sonntag, selbstverständlich besuchte, wie sich das in einem Dorf gehört. Damals wurden die Geschäfte nicht auf dem Golfplatz gemacht wie heute üblich, sondern am Stammtisch nach dem Gottesdienst. 

Sobald der Pfarrer die Meute entließ mit den lange ersehnten Worten: 'Gehet hin in Frieden!', stampfte man erleichtert von dannen, goß sich im Dorfkrug die eine oder andere Maß hinter die gelockerte Binde während die Frauen daheim brav das Essen zubereiteten.

Daß eins der beiden Kinder nicht zur Freundin sondern zu ihr gehörte, bekam er leider zu spät mit. Er war bereits gefangen im Strudel der Leidenschaft und wagte es gar, sich gegen seine dominante Mutter aufzulehnen, die der festen Ansicht war, daß eine Ausländerin, auch wenn sie aus einem Land geflohen war in dem man es mit den Menschenrechten nicht so genau nahm, in ihrer Familie nichts zu suchen hatte. 

Die nächsten Wochen vergingen wie im Rausch, nur das blöde Kind störte ihn massiv. Sonst hätte er sie vielleicht sogar spontan geheiratet, trotz des Gemeckers seiner Mutter, so stark war die Sogwirkung, die von ihr ausging. Aber die Kleine störte ständig seine Pläne, war im Weg, war krank, mußte von der Schule abgeholt werden - und wenn sie da war konnte er nie so wie er wollte.

Eines Morgens wachte er auf und merkte sofort: Etwas stimmt nicht. Die Bettseite neben ihm war leer, kein Kaffeeduft wehte aus der Küche herüber, keine wohlig anmutende Betätigung in seiner Lendengegend hatte ihn geweckt sondern die Sonne die zum Fenster hereinschien, und es gab auch keine Semmerln ans Bett. Sie war spurlos verschwunden. Was war geschehen? Hektisch suchte er nach einem Zettel, fand aber keinen. Wurde sie gekidnappt? Von Aliens? Verstört blickte er aus dem Fenster und sah ... ein Ufo im Garten stehen. Das auch nach mehrmaligem ungläubigem Blinzeln noch dastand. War das ein Witz? Würde jetzt gleich der Mork vom Ork an seiner Türe klingeln und fröhlich 'Nano Nano' krähen? Wo war seine Geliebte? Was ging hier ab und was war das für ein Teil da draußen?

Vorsichtig öffnete er seine Haustüre und linste um die Ecke. Tatsache. Da stand ein Ufo mitten im Garten. Gerade als er sich diesem langsam nähern wollte ging die Türe auf und ein Mädchen mit knallroten Haaren kam heraus. Pippi Langstrumpf? Seine Augen wuchsen zu Tellergröße heran. Was hatten sie gestern getrunken? Das konnte doch alles nicht wahr sein. Hatte man ihm was in den Wein gegeben, so daß er jetzt unter Halluzinationen litt? 

''Hey alter Mann, was schaust du so? Gefällt dir mein Raumschiff nicht? Magst mal mitfahren?''
''Was soll das heißen alter Mann? Ich bin nicht alt und du bist eine freche Rotzgöre. Wo ist meine Freundin? Was soll der Unsinn?''
''Ja, wo ist die Freundin. Hat sie dir heute noch keinen geblasen? Uiuiui. Warum fragst du nicht wo ihre Tochter ist? Die vermißt du nicht oder wie? Hast wohl nix übrig für Kinder?''

Er war sprachlos. Und auch ein wenig betroffen. Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun mußte er zugeben, daß sie recht hatte. Er mochte keine Kinder. Die waren einfach ständig im Weg, forderten und nervten und kosteten unnötig Geld. Als könnte sie seine Gedanken lesen fuhr das Mädchen fort:

''Ich hab die beiden in Sicherheit gebracht, vor dir und deinem Ego. Du hättest sie früher oder später betrogen und das Kind geht emotional vor die Hunde in so einer lieblosen Atmosphäre. Kinder brauchen Freiheit und Luft zum Atmen. Bei dir hat sich das arme Ding immer im Eck rumdrücken müssen weil du nur Augen für die Mutter hattest. A propos Mutter: Die deinige wird sich vor Dankbarkeit nicht mehr zu halten wissen wenn sie erfährt, daß ihr heiliger Sohnemann die böse Ausländerin endlich los hat und frei ist, die Pichler Rosi zu heiraten so wie sie es für dich geplant hat. Noch Fragen?''

Nein, die hatte er nicht. Dafür plötzlich eine Axt in der Hand mit der er auf das Raumschiff losgehen wollte. In seinen Augen stand Mordgier geschrieben. Das Mädchen lachte nur, entwand ihm mit sicherem Griff die Axt und warf ihn auf den nächsten Baum.

'Sag mal, du hast wohl in deiner Jugend nicht viel gelesen? Gegen mich kommst du doch mit einer Axt nicht an, alter Mann. Ja, ächze nur und stöhne, und überlege dir, wie du ein besserer Mensch werden könntest. So wie bisher geht's jedenfalls nicht weiter!'' 

Mit einen heftigen Knall fuhr die Axt in den Baum auf dem er hing und erschütterte die gesamte Krone. Mit einem heftigen Schrei fuhr er hoch und haute sich den Kopf am Bettgestell an. Er hatte geträumt. Du meine Güte was für ein Traum!

Aus der Küche wehte Kaffeeduft herüber und soeben kam die Freundin mit einem Teller belegter Semmeln lächelnd zur Türe hereingestöckelt. Das Blag drückte sich wie immer irgendwo im Eck herum. So konnte es nicht weitergehen, auch ohne Ufo und freche axtschwingende Mädels. ''Wir müssen reden'', sagte er und nahm ihr den Teller ab.

Am Abend saß er wieder in seiner Stammdisco und flirtete nach allen Richtungen. Sex ohne Reue, ungebunden, frei und unbeschwert. So sollte es sein, das wollte er wiederhaben. Die Trennung hatte nicht nur ihr wehgetan, auch er hatte einen heftigen Schmerz verspürt, sogar mitgeweint hatte er. Dann war er aufgestanden. ''Das Leben geht weiter'', hatte er zu ihr gesagt und sie sanft aus der Türe bugsiert. Ein Mann der Tat. Ein Mann, der wußte was er wollte.

Bereits die Woche darauf hing das Aufgebot mit der Pichler Rosi im Kasten vor der Kirche. Bedröppelt stand er davor. Ein Mann, dessen Mutter stets das Beste für ihn wollte. Ein Mann, der wußte wann er sich geschlagen zu geben hatte. 























Aussichtslos



Sonntag, 13. April 2025

Rätsel um den Schatz im Olympiapark


''Dieser Volltrottel! In zwei Jahren wär er eh rauskommen, mit Glück sogar eher, hätt halt der Anwalt müssen ein bissl was zaubern und was macht er? Hängt sich auf! I pack's ned!''

''Wußte garnicht, daß du sentimental sein kannst. Bist doch sonst nicht so.''

''Schwachsinn sentimental! Stinkesauer bin ich! Denk doch amal mit! Wer hat denn als einziger g'wußt wo das Geld vom Überfall versteckt is, hm? Damit's ja niemand holt solang er noch im Hefn hockt. Und jetzt??? Weg ist sie die Marie!!! Darum geht's mir, und um sonst garnix!''

Schweigen.

''Ja oder kennst wen. der medial begabt genug ist um des Versteck für uns rausfinden zu können? Da wartest Jahr um Jahr und dann draht er si ham da Deppate! Und mir können sich des Geld aufzeichnen! I hoit's ned aus!!!''

''Jetzt reg dich ned auf Schurli, ich versteh dich ja. Bist extra wegen dem ganzen Wahnsinn nach Deutschland gekommen und am Ende war alles umsonst. Laß uns doch mal überlegen, vielleicht kommen wir so auch drauf. Was hat er denn immer gesagt? Er hätt es dem Herrn Jesus in Obhut gegeben. Was könnt er damit gemeint haben?''

''An Schas, heast. An Größenwahn hod a g'hobt, woascheinlich hod a si denkt er is mit'n Jesus per du und woit'n amoi bsuachn gehn, des hod a jetzt. Für imma. Na dankschön!''

Nervös drehte Peter sein orangefarbenes Feuerzeug in den Händen. Wenn Schurli in so einer Laune war, dann schaute man besser, daß man weiterkam. Nur, es war seine Wohnung in der sie sich aufhielten. Wohin sollte er flüchten vor dem irren Zorn des Freundes? 

Schurli stand auf, griff sich einen herumliegenden Zollstock und schlug sich damit in die Handinnenfläche. 

''I kannt eahm daschlogn, wann a ned scho dod warat. Des Oaschloch!!!'''

Peter blickte auf die Magnolienzweige die vor dem Fenster im Wind auf- und abwippten.

''Du, vielleicht hat er es an einem Wegkreuz vergraben? Eins mit Jesus drauf?''
''Ja freilich, und mir grabn jetzt ein jedes Wegkreuz in und um München um? Waßt du wieviel's do umeinanderstehn hod? Oida bitte, vaschon mi mit dein Bledsinn, danke!!!''

Zerknirscht zog Peter das Genick ein. Nun war guter Rat teuer. Wie sollte er Schurli  beruhigen? Schnaps anbieten war eine schlechte Idee, da flippte er dann immer komplett aus.
Hastig griff er nach der Zeitung in der Hoffnung, ein Bonmot zu finden das die Atmosphäre vielleicht ein wenig auflockern könnte.

Doch was er hinten im Lokalteil zu lesen bekam, verschlug ihm den Atem. Unter den Trümmern der vor zwei Jahren abgebrannten Ost-West-Friedenskirche von Väterchen Timofej waren mehrere Säcke mit Bargeld gefunden worden. Kirche! Jesus! Geld! Nun war auch klar, warum Konrad sich aufgehängt hatte. Wie sollte er das nun Schurli beibringen, der mit zornrotem Gesicht durch die kleine Wohnung tigerte? Am Ende würde es gleich noch einen Toten geben.

Vorsichtig stand Peter auf und klemmte sich die Zeitung unter den Arm. ''Äh, du, Schurli, was meinst, sollen wir vielleicht einen trinken gehen auf den Schreck? Ich geb was aus.'' 

Stunden später standen vier Beamte der PI 43 kopfschüttelnd in einer Mietwohnung im 7-ten Stock eines Hochhauses im Hasenbergl.

'Oiso sowas hob I aa no nia ned g'sehn'', sagte einer zu seinem Nebenmann.
''Schiabt eahm den Zollstock in Oasch bis zum Anschlag, foit üba eahm drüber und bricht si des G'nack. Wos moanst was muagn in da Zeitung steht? Homo-Drama im Hasenbergl? Jeder Zoll eine Liebeserklärung?''
Grinsend machten sie sich vom Acker. Den Rest würde das zuständige Kommissariat erledigen. Zeit für ein Feierabendbier!





















Quelle: Bayerischer Rundfunk