Dienstag, 26. Mai 2026

Die Jungs sind vom Fach (Sepp 11)


Eigentlich hatte ich ja erwartet, daß Sepp mindestens bis in die Nacht hinein schlafen würde, aber bereits nach drei Stunden höre ich ihn leise auf dem Gang durch mein Sammelsurium von Büchern, Altpapier und Wegzubringendem tapsen. Vielleicht will er nur mal Lulu und dann weiterschlafen? Vorsichtshalber rühre ich mich nicht.
'Kati, bist du da?' Verschlafen steckt er seine Nasenspitze um die Ecke.
Alter Schwede schaut der Mann gut aus ...
Antworten muß ich nicht, sieht er ja, daß ich da bin.
Aber da fällt mir etwas anderes ein:
'Brauchen wir Kaffee? Bei mir hat damals in Augsburg mal jemand eine Weile gepennt der grad aus dem Knast kam und der hat dann erst einmal übers Wochenende fürchterlich Kopfweh bekommen weil man im Gefängnis anscheinend eimerweise Kaffee trinkt und ich hatte keinen da.'

Über Sepps eingefallenes Gesicht huscht der Schatten eines Lächelns: 'Keine Sorge, ich hatte da drin ja leider nix, weil ich den Einkauf knapp verpaßt hatte, und so hab ich mir weder Tabak noch Kaffee kaufen können. Und ausleihen wollte ich mir keinen, diese Leute haben Zinssätze, du machst dir kein Bild. Außerdem rauche ich ja nicht einmal. Wäre nur zum Tauschen gewesen. Dein Geld kann ich dir übrigens gleich wieder geben, das du mir dankenswerterweise eingezahlt hast, hab alles heute Morgen wieder zurückbekommen.'

Er will in sein mitgebrachtes Sackerl greifen aber ich halte seine Hand fest: 'Nee laß mal, ich brauch das jetzt nicht so dringend wie du. Wir müssen überlegen, wie wir weiter vorgehen. G'wand hab ich dir für's erste besorgt, aber was ist mit den Sachen, die noch von dir in der WG lagern. Wie kriegen wir die da raus?'
Sepp schaut traurig und ein bissl sehnsüchtig aus dem Fenster. Hinunter. Dorthin, wo er bis vor einer Woche gewohnt hat. Mit Leuten, die er, wenn schon nicht für Freunde, dann aber doch immerhin für gute Bekannte gehalten hatte.
'Ich weiß es nicht. Wenn ich da jetzt hingeh, dann kann ich für nix garantieren und dann kannst mich gleich wieder zurück nach Stadelheim geleiten. Woher hattest du eigentlich diesen Anwalt? Der muß ein Vermögen gekostet haben, so kurzfristig. Ich zahl dir das natürlich alles in Raten zurück! Und was hast du gemeint vorhin, ich hätte meinen Job noch? Kann ich da morgen in der Früh einfach hinfahren als ob nichts gewesen wäre?'
Bravo. Eleganter Themenwechsel.

'Naja, ich hab ja viele Jahre in Großhadern gearbeitet, und eine meiner ehemaligen Kolleginnen ist mit einem der führenden Mitarbeiter in der Medienabteilung verheiratet. Total lieber Kerl. Und der hat halt mal mit dem Chef gesprochen und waßt eh, bevor die jetzt die Stelle neu ausschreiben und alles, wollen sie dir lieber noch einmal eine Chance geben. Ich konnte glaubhaft versichern, daß das alles ein riesiges Mißverständnis war und da ist eh das letzte Wort noch nicht gesprochen des glaubst. Ich versteh nur zuwenig von diesen Dingen, ich war noch nie im Knast. Der Anwalt hat gesagt man könne schon eine Gegenklage führen, aber die wird seiner Erfahrung nach ins Leere laufen. Jetzt weiß ich nicht, ob der nur keinen Bock hatte oder ob der Vater von dem Wappler da unten wirklich so ein hohes Tier ist, daß man genau nichts machen kann.'

'Mann Kati, das mit dem Job ist so geil, ich hab schon gedacht ich müßt jetzt kellnern gehen oder so. Und ja, der Vater vom 'Wappler' ist leider ein sehr hohes Tier. Arzt und in der Politik gut vernetzt. In Stuttgart kennt den jeder. Gegen den kommst ned an. Aber hast du nicht was von Essen im Kühlschrank gesagt? Ich hätt einen Bärenhunger!'
'Glaub ich dir, nach dem Fraß in der Kiste ... a propos Kiste, ich hab da ein paar Bücher die ich wegbringen müßt. Mach es dir bequem, iß dich satt, schlaf noch ein bissl vielleicht, ich bin dann in zwei Stunden oder so wieder da. Ach ja, ich Depp, warte mal, ich hab dir natürlich die Schlüssel nachmachen lassen.'

Hastig stehe ich auf, um eine gewisse Distanz zwischen Sepp und mich zu bringen, und hole einen Schlüsselbund vom Kasterl im Flur. 'Der Eckige ist von hier oben und der Runde schließt die Haustüre unten und der Kleine ist für den Keller, wennst deine Sachen wieder hast, dann brauchst den vielleicht. Der Komische da ist für den Briefkasten, der schließt auch nicht richtig, aber die Typen grinsen nur immer fies wenn man sich beschwert. Da werden wir aber auch eine Lösung finden. Noch bin ich ja da.'

'Was meinst du mit noch bin ich ja da? Willst auf Kreuzfahrt gehen?'
'Na sicher ned. Nein, aber ich hatte an einen Umzug gedacht, dann könntest du die Wohnung übernehmen wenn du willst. Also, falls du es ertragen kannst, im Haus neben dem Wappler zu wohnen. Vorerst zumindest.'
'Aber Kati! Ich hätte gedacht ... wir beide ... Wo schlafst du eigentlich? Ich nehm ja mal an, daß das dein Bett ist in dem ich mich vorhin breitgemacht habe? Ich will dich doch nicht aus deiner Wohnung vertreiben. Ich ... weißt du, also ... ich mag dich immer mehr und du ... also das mit der Wette war nur am Anfang, da hab ich dich ja noch nicht gekannt!'
Jetzt tut er mir leid, wie er völlig verloren dasitzt und verwirrt zu mir hinaufschaut.

'Never mind, das müssen wir alles nicht jetzt besprechen, das mit dem Umziehen war nur so eine Idee. Luftschloß sozusagen. Ich geh jetzt. Schlüssel hast ja falls du selber rauswillst, und bitte nicht mit den Türen knallen. Ich hab das meinen Nachbarn mit viel Mühe abgewöhnt, da dürfen jetzt nicht wir damit anfangen. Steht auch in der Hausordnung, daß man nicht mit den Türen knallen darf aber manche Leute kennen einfach keine Klinke!'
Aufgewühlt packe ich meine Bücher und stapfe von dannen, ohne mich noch einmal umzudrehen. 

Der Laden heißt 'Schmökerecke' und liegt versteckt im Souterrain eines grauen Wohnblocks oben im Hasenbergl. Man kann dort seine ausgelesenen Bücher, die man jetzt doch nicht so toll fand, hinbringen, und sich neue Bücher mitnehmen. Niemand kontrolliert, wieviel man mitnimmt, alle sind freundlich, ich bin gerne dort. Auch heute werde ich nett begrüßt. Manchmal hab ich den Eindruck, die freuen sich über jeden der kommt, weil sonst den ganzen Tag nix los ist. Die Bücher sind nach Genre geordnet in den Regalen verstaut, wie in einer normalen Bücherei halt auch. Nur ohne dieses nervtötende Piepen und man kann die mitgenommenen Bücher behalten wenn man will. Nachdem ich das Mitgebrachte abgeladen habe und sinnend vor den Regalen stehe, fallen mir ein paar CDs auf die unterhalb der Märchenbücher einsortiert sind. Fragend luge ich um die Ecke: 'Habts jetzt ihr CDs auch? Da hätt ich nämlich einen Schwung abzugeben, könnt ich das nächste Mal mitbringen.'

Ein neuer Mitarbeiter, den ich noch nicht kenne, Glatze, kompakt gebaut mit buntem Tattoo am Hals, winkt mir zu: 'Komm mal mit raus, ich zeig dir was.' Neugierig trete ich mit ihm vor das Haus. Routiniert steckt er sich eine Zigarette an und ich bemerke, daß auch seine linke Hand ein Tattoo ziert. Die berühmten drei Punkte. Ob das was zu bedeuten hat? Er weist mit der Zigarette nach schräg links: Siehst die Tür? Da drinnen sind noch mehr Bücher und  auch CDs und DVDs. Die Tür ist immer auf solang bei uns wer da ist und da kannst deine CDs einfach reinlegen.'

Mir kommt eine Idee: 'Sag mal, kann ich dich was fragen?' 'Mißtrauisch schaut er auf mich herunter, mustert meine abgetragene Armeehose und die schon länger nicht mehr nachgefärbten Haare.
'Kommt drauf an.'
'Rein hpyothetisch: Wenn ein Kumpel von dir im Knast gehockt ist nur weil ein Arschloch ihm was angehängt hat, und du kannst absolut nix dagegen tun weil das Arschloch einen reichen Vater hat, und du würdest dem Arschloch total gerne eine Abreibung verpassen, kannst es aber selber nicht machen weil du eine Frau bist, wo könnte man sich da hinwenden?'
Der Tätowierte guckt mich grantig an: 'Bist von der Zeitung oder was? Hör mal gut zu: Nur weil jemand tätowiert ist und einen Ein-Euro-Job macht, heißt das noch lange nicht, daß er ein Schläger ist. Und selbst wenn, dann könnte es, rein HYPOTHETISCH, ja sein, daß er auf Bewährung draußen ist und sich ganz sicher nicht die Finger dreckig machen wird.'
Er schmeißt seine Kippe auf den Boden, tritt sie aus und reißt die Eingangstüre auf.
Mit eingezogenem Kopf schleiche ich von dannen.

'Hey, warte! Das war dein Ernst oder?'
Ich drehe mich um. Der Mann steht neben der Türe und hält sie mir auf: 'Magst nicht noch ein paar Bücher mitnehmen? Hast doch soviele gebracht.'
'Ach danke, ich hab genug daheim.' 
'Hör mal, also ... vielleicht kann ich dir helfen. Wir sperren hier um 18 Uhr zu, bringst deinen Kumpel und wir reden, ok?'
Strahlend schau ich ihn an: 'Au ja. Super! Bis später!'

Sepp ist von der Sache nicht ganz so begeistert. 'Und wenn das eine Falle ist? Du kennst den Kerl doch garnicht. Am Ende fahr ich wieder ein wegen Anstiftung zu einer Straftat. Da hab ich echt keinen Bock drauf, mir langts mit Knast, lebenslänglich, des glaubst!'
'Dann geh ich alleine. Das wird er verstehen. Ich denk mal der wollte dich einfach nur kennenlernen um sicherzugehen, daß das kein Schmäh von mir ist. Der muß ja auch aufpassen wenn er auf Bewährung draußen ist. Aber wie mach ich das jetzt mit der Identifizierung? 
Die Deppen da drüben schauen sich irgendwie alle so ähnlich, hast ned zufällig ein Foto vom Wappler, damit nicht am Ende der Falsche eine aufs Maul kriegt.'
Sepp grinst. Juhu, er grinst wieder!

'Er bräucht bloß nach dem Kerl mit der gebrochenen Nase zu fragen. Davon gibts verläßlich nur einen. Aber jetzt Schmäh ohne: Du gehst mir da jetzt sicher nicht hin. Die Idee g'fallt mir natürlich und ich finds auch voll leiwand von dir, daß du dich so nett kümmerst, aber jetzt is mal gut. Du kannst doch nicht einem völlig Fremden meine ganze Story aufs Auge drücken und ihn praktisch auffordern, dem Wappler eine reinzuhauen. Am Ende ist das ein Kieberer und die ganze Scheiße geht von vorne los. Nee, das müssen wir schon ein bissl schlauer anfangen. Allerdings ... einen Plan hab ich auch keinen.'

Am nächsten Tag, Sepp ist nach Großhadern gefahren, wegen der Arbeit, marschiere ich wieder in den Buchladen. Zur Tarnung hab ich mir ein paar Bücher mitgenommen. Wie gesagt, ich hab ja genügend. Der Tätowierte sitzt im Eck, zusammen mit einem Kollegen und dem Sozialarbeiter, der sich um die Ein-Euro-Jobber kümmert. Finster schaut er mich an und guckt dann betont weg. Ich lege meine Bücher auf dem dafür vorgesehenen Tischchen ab und gehe beherzt auf ihn zu: 'Hast vielleicht mal ein Feuer? Hab meins vergessen.' Er begreift den Wink und geht mit mir raus.

'Was war das jetzt gestern? Hosen voll? Ich steh hier wie ein Depp aber Madame hatte wohl Besseres zu tun?'
'Tut mir leid, er wollte nicht mitkommen. Hält das Ganze für eine Schnapsidee.'
'Ist es auch. Aber ich kenn Leut, die machen sowas. Gegen entsprechende Entlohnung natürlich. Die wollt ich dir vorstellen. Eigentlich. Aber offenbar hat sich die Sache erledigt.'
'Nein hat sie nicht! Und er hat ja auch noch Sachen bei dem in der Wohnung, die müßt man rausholen. Aber so richtig wohl ist mir dabei auch nicht, die wissen ja dann, daß deine Kumpels von Sepp ... also wegen meinem Bekannten da sind und am Ende kriegt er den Ärger, das will ich natürlich auch nicht.'
'Das laß mal unsere Sorge sein, die Jungs sind vom Fach. Wenn die mit dem fertig sind dann geht der so schnell nirgends mehr hin und schon garnicht zu den Bullen. Paß auf, du sagst mir einfach wer der Kerl ist der den Denkzettel braucht, gibst mir die Anzahlung mit und ich erledige den Rest. Die Sachen von ... Sepp ... kannst hernach hier in der Buchhandlung abholen. Rundum Service, was sagst? Vertrauen gegen Vertrauen. Schlag ein!'
Auffordernd hält er mir seine Hand hin. Ich schlage ein.

Drei Tage später, am Freitag, es ist bereits dunkel, sitzen Sepp und ich gemütlich beim Abendessen und feiern den geglückten Einstand in seinen neuen Job. Ich hatte ihm nichts von meiner neuerlichen Unterhaltung mit dem Tätowierten gesagt, und die Schlafsituation hat er auch geklärt. Er schläft natürlich im Schlafsack, hat er gesagt, das wäre ja noch schöner, und es wär ja eh eine Matratze drunter, also alles gut. Wir lümmeln also grad so im Wohnzimmer neben dem Plattenspieler, als wir von draußen lautes Schimpfen hören. Neugierig krabble ich hoch und schau aus dem Fenster. Drei dunkel gekleidete Kerle verlassen gerade betont lässig das Haus gegenüber während Frau Ziegler, die alte Tratschn, ihren lockenwicklerdekorierten Schädel aus dem Fenster hängt und irgendwas von Nachtruhe und Gepolter und asozialem Studentenpack rumkeift. 'Nur die Zieglerin wieder', beruhige ich Sepp und begebe mich innerlich jubelnd wieder zurück an meinen Platz. Ich denke, ich sollte morgen einmal im Buchladen vorbeischauen ...








Sonntag, 24. Mai 2026

Hoffnung auf Zehenspitzen (Sepp 10)

Eine lange Woche neigt sich ihrem Ende zu. Den Sprechschein für einen Besuch im Knast hatte ich schnell bekommen, aber beim ersten Anlauf hatte ich meinen Ausweis nicht dabeigehabt. Der steckte im anderen Rucksack. Ich werd auch immer tüteliger. Und wie ich dann am Freitag endlich drinnen war, konnte ich Sepp nicht einmal Zigaretten besorgen. Früher in Augsburg konnte man dem Gefangenen eine Cola und eine Packung Kippen im Besuchsraum aus dem Automaten ziehen lassen. Kannste vergessen. Mittlerweile keine Zigaretten mehr. Jugendschutz. In Stadelheim. Daß ich nicht lache. Und wenn jemand eh schon nicht schlafen kann, was braucht er dann noch Cola. Ganz abgesehen davon, daß man durch diese blöde Scheibe eh nichts durchreichen kann und irgendwas mitnehmen in die Zelle ist nicht mehr. Schmal war er geworden in den wenigen Tagen. Es hat mir fast das Herz gebrochen, auch wenn er sich so rührend gefreut hat, mich zu sehen. Viel geredet haben wir nicht, es war wenig los gewesen im Besucherraum und der Depp beim Eingang hat jedes Wort mithören können. So macht das keinen Spaß.

Den Göttern sei Dank war Dr. Heumann ein gewiefter Fuchs, der genau wußte, was zu tun war um seinen Mandanten rauszuhauen Daher sitze ich nun, eine Woche nach Sepps Verhaftung, wie auf Kohlen und warte darauf, daß er heimkommt. Vor dem Tor zu warten, wie man das immer im Film sieht, hätte keinen Zweck, hatte der Anwalt mir erklärt. Es könne Stunden dauern bis die Bürokratie erledigt sei und im Gegensatz zu den Strafgefangenen bekäme ein U-Häftling daher keine feste Uhrzeit für die Entlassung sondern man müsse halt warten, bis er mit allem durch sei. Die Ausgabe der persönlichen Gegenstände, der Termin beim Arzt, und last but not least die Auszahlung des Geldes vom Gefangenenkonto. Das war ja sowieso der Hammer gewesen. Zwar hatte ich Sepp Geld einzahlen können, aber er hatte sich nichts damit kaufen können weil der Einkauf erst wieder Freitag in einer Woche gewesen wäre. Echt spitze! Mittlerweile ist es Mittag vorbei und ich habe keine Ahnung, wann er kommt. Ob er überhaupt kommt. Vielleicht mäandert er orientierungslos durch die Stadt, kommt an einer Kneipe vorbei und beschließt, erst einmal einen zu heben um die wiedergewonnene Freiheit zu feiern. Da wäre er nicht der Erste, der auf diese Weise sein Entlassungsgeld gleich wieder los wird.

Sein Handy ist nach einer Woche natürlich leer, ich kann ihn nicht anrufen, und vice versa. Ausgemacht ist nix, wie auch, und Schlüssel hat er logischerweise noch keinen. Hab ich schon erwähnt, daß ich Warten echt hasse? Vor allem wenn ich keine Ahnung habe, worauf eigentlich genau. Will er überhaupt bei mir, mit mir, wohnen? Will ich das? Wie soll es weitergehen? Natürlich hab ich mir Gedanken gemacht. Da ist mein Hirn super im Gedanken-Machen. Am liebsten Tag und Nacht. Hyperaktiv haben sie gesagt beim Arzt. Also nicht ich, das Gehirn. Zwischenzeitlich hab ich schon einmal Männerklamotten gekauft, hab sie gewaschen, sogar Klammern hab ich gekauft und die Wäsche damit extra draußen aufgehängt damit sie schön duftig wird.

Ansonsten, hab ich mir gedacht, überlasse ich ihm halt die Wohnung bis auf Weiteres und ich kauf mir ein hübsches Haus mit Schwimmbad. Irgendwo. Grünwald wäre blöd, da wird immer eingebrochen. Außerdem will ich eh aus München weg. Aber wohin? Gene Simmons hat ein total geiles Haus aber der wohnt in Amerika. Viel zu weit. Vielleicht sollte ich nach Haar ziehen. Da gibts zweimal die Woche Seniorenschwimmen und das Irrenhaus wär auch um die Ecke. Lang dauerts nimmer bis die mich wegsperren, ich bin mit den Nerven echt zu Fuß. Oh. Echt geschmacklos, so leichtfertig über Wegsperren zu lästern. Wie mag es dem armen Sepp jetzt gehen, nach einer Woche mit kaum Schlaf? Der wird ganz schön fertig sein. Natürlich hab ich in der kurzen Zeit kein zweites Bett kaufen können, das dauert ja immer ewig bis die das liefern aber im Keller war noch ein Schlafsack, mit dem werd ich mich ins Wohnzimmer hauen, er kriegt natürlich das Bett.

Nach einer Stunde schau ich auf die Uhr. Es sind grad mal 10 Minuten vergangen. Vielleicht könnte ich das griechische Alphabet auswendig lernen. Ich konnte das ja mal. Vor 25 Jahren. Da hatte ich mich in meinen griechischen Taxifahrer verknallt und deswegen Sprachkurse genommen. Aber mein damaliger Freund war dagegen, daß ich, wenn wir uns eh nur am Wochenende sehen, dann auch noch Sprachunterricht nehme. Also hab ich's aufgegeben. Ich Depp. Nie mehr einen Mann, echt!

Hilfe, es klingelt! Ob er das schon ist? Eilig haste ich zur Türe und falle beinahe über den Gruscht im Flur. Hätte ich aufräumen sollen? Egal, too late. Langsame Schritte steigen deutlich hörbar die Treppen hinan. Da ist ja Peter schneller mit seinem Asthma. Nach einer sich gefühlt ins Ewige gedehnten Minute steht er vor mir. Gebeugt, unrasiert, hohlwangig, Augenringe wie ein Koala und völlig erschöpft.
'Mann Alter, komm rein, ich hab dir das Bett schon frisch bezogen. Magst noch was essen vorher oder gleich pennen?'
Er betritt die Wohnung, nimmt mich wortlos in den Arm und ich spüre, wie seine Schultern zucken vor unterdrücktem Schluchzen. Einen Tschetschenen werd ich kaufen und den Kerl da unten zammhauen lassen, der ihm das angetan hat! Zefix! 

Nach einer Weile löst sich Sepp von mir und schaut mir lange in die Augen. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Will er jetzt was essen oder nicht? Und wo tu ich sein Knastsackerl hin? Egal, einfach mal auf den Boden. 
'Hab dir einen Schlafanzug besorgt.', wende ich das Gespräch wieder dem Praktischen zu.
'Ach Kati,', krächzt Sepp neben mir. 'Ich ... also, das mit der Wette ...'
'Mann, laß doch den Scheiß jetzt. Wir haben echt anderes zu bereden. Also später. Wenn du dich ausgeschlafen hast. Du bist hier erst einmal in Sicherheit, du kannst bleiben so lange du willst, und deinen Job hast du übrigens auch noch. Falls du den noch willst. Ich kenn wen der den Chef in der Fotoabteilung kennt und daher ... also mach dir keinen Kopf, hau dich hin und sag mir was du vorher noch brauchst und dann laß ich dich in Ruhe, ok?'

Jetzt weint er wirklich. Gott, der Arme muß völlig fertig sein. Langsam gehen wir rüber ins Schlafzimmer, wo der Schlafanzug (zerknüllt, nicht gefaltet, Hausfrau bin ich immer noch keine), auf der Bettdecke liegt. Ein Stapel Bücher liegt neben dem Bett und eine Flasche Wasser mit Glas stehen auf dem Tischchen daneben. Hab aufgeräumt so gut es ging. Für ihn. Damit er sich nicht die Füß bricht wenn er nachts aufs Häusl muß.

'Ach ja, die Toilette ist hier um die Ecke, wenn du mal mußt. Du warst ja noch nie hier. Schau und da ist das Bad wenn du dich später duschen willst und da hinten ist die Küche. Im Kühlschrank ist jede Menge zum Essen.'

'Du bist so lieb Kati', flüstert er leise. 'Danke, danke für alles. Mir ist grad ein ganzer Steinschlag vom Herzen gefallen. Jetzt kann ich ruhig schlafen weil du hast recht, ich bin todmüde. Ich erzähl dir alles später. Jetzt muß ich erst einmal pennen. Ich seh schon alles ganz gerastert ...' Er legt sich ins Bett wie er ist, Klamotten und alles, und im nächsten Moment ist er auch schon eingeschlafen. Beneidenswert. Leise schleiche ich nach draußen und schließe die Türe.

Wie wird es mit uns weitergehen? Natürlich mag ich ihn. Total. Sogar so erschöpft und unrasiert fand ich ihn unwiderstehlich. Aber was will so ein Traummann mit einer hienigen alten Kuh wie mir? Die seit 25 Jahren keinen Sex mehr hatte und auch keinen mehr will. Aus diversen Gründen. Unsere Beziehung, so wir denn eine haben, steht auf tönernen Füßen. Ein winziges Steinchen kann alles zum Einsturz bringen. Auf keinen Fall darf er von meinem Lottogewinn erfahren. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß er nur wegen des Geldes ...

Ich hole das Knastsackerl aus dem Flur und schließe sein Handy an die Steckdose an. Nach und nach ploppen Nachrichten auf. Ich widerstehe der Versuchung und schaue NICHT hin. Schließlich erinnere ich mich nur zu gut an das hübsche Mädel mit dem ich ihn unlängst gesehen hatte. Sie wird ihn ebenfalls schmerzlich vermißt haben. Warum hat SIE sich eigentlich nicht gekümmert? Kann man doch rauskriegen was mit jemandem los ist wenn man bei der Polizei anruft, was wohl jeder vernünftige Mensch tun würde wenn der Freund tagelang nicht erreichbar ist. Ob sie wohl schon lange zusammen sind? Ob er sie sehr liebt? Ob er darüber reden will wenn er wieder wach ist? Ob er das Essen mag das ich für uns gekauft habe?
















Sonntag, 17. Mai 2026

Andere Kulturen

'Also wenn ich studiert hätte, dann Anglistik, und dann hätt ich mich auf die Zeit um Heinrich VIII spezialisiert, da hab ich ein paar Bücher daheim von der Autorin ... zefix, wie heißt die gleich wieder? Jedenfalls, die beschreibt alles derart lebendig, daß du glaubst, du bist selber dabeigewesen. Man riecht förmlich wie das Bein des Königs stinkt. Der hatte ja diese offene Wunde, waßt eh, wegen der Syphilis. Wie heißt denn die Autorin gleich wieder, herrgottnah, nix kann I mir merken ...'

Mein Gegenüber grinst nur nachsichtig und lutscht hingebungsvoll an seinem Eis. Das ist auch etwas, was mich echt anzipft. Da mach ich mir Sorgen wegen Alzheimer und so und die anderen finden das nur witzig. Meine Psychologin meinte neulich: 'Ach, was glauben Sie, wie oft ich meine Schlüssel daheim vergesse. Dann ruf ich halt meinen Mann an und der bringt sie mir.'

Ja, schön für die Frau Doktor wenn ihr Mann ihr die Schlüssel nachträgt. Aber wer bringt mir das ganze mühsam angelesene Wissen zurück, das bei mir ständig und immer wieder durch irgendwelche schwarzen Löcher im Gehirn fällt und ins Nichts gesaugt wird? Nicht einmal den Namen meiner Lieblingsschauspielerin kann ich mir merken. Grad DEN nicht. 

'Du, wie heißt die Schauspielerin gleich wieder aus Vier Frauen und ein Todesfall?', frage ich Alex, der noch immer genüßlich an seinem Eis knabbert. Er trägt heute Sandalen (jaaahaaaa, er ist Beamter, er kann nichts dafür) und das Weiße vom Magnum tropft ihm auf die Socken. Merkt der nicht einmal.

'Ich kenn nur Vier Hochzeiten und ein Todesfall', mümmelt Alex unter seinem weißen Vanilleeisbärtchen.
'Die Andie McDowell wirst ja nicht meinen, oder?'

Immer des Gfrast mit die Piefke. Ka Kultur. Adele Neuhauser! Jetzt fallt's mir wieder ein. Man muß sich  nur über was anderes aufregen, dann geht's.

Mittlerweile lümmeln wir gemütlich, jeder in einem Liegestuhl, bei der Kulperhütte in Göggingen. Ich trinke eine Rhabarberschorle wie immer und sehe einem schon etwas angetrunkenen älteren Mann zu, der sein Krügerl von der Ausgabe zu einem Felsen unten an der Wertach trägt und dabei sehr Obacht geben muß, nicht zu stolpern. Wär schad um das gute Bier. Der Gastgarten ist gut besetzt aber dennoch ist es hier nie laut. Die Wertach fließt in beruhigend stetem Strom vorbei, die Bienen summen um die Gänseblümchen und Kleeblüten herum, Radfahrer sausen vorbei und plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter.

Ich fahre herum und blicke in ein atemberaubend hübsches Gesicht. Ein junger Gott lächelt mich an. Ich krieg Hirnsausen. Der Gott öffnet seinen Mund und teilt mir mit: 'Entschuldige, aber ich hab euer Gespräch grad mit angehört. Hast du schon von der neuen Brainmending Methode gehört? Das wär vielleicht was für dich. Is für Leute die ihr Gedächtnis wieder auf Zack bringen wollen. Wir bieten Kurse an und man kann auch richtige Kuren dort buchen.'

Na bumm. Ich Trottel denk der will mich anmachen und dann kommt er mir knallhart mit meinem Gedächtnis um die Ecke. Boah!

'Du das ist sicher irgendwo in Amerika,' entgegne ich störrisch, 'und ich hab voll die Flugangst. Also leider nichts für mich.'

'Die Methode kommt aus Amerika, da hast du recht, aber wir haben vor zwei Monaten in Inningen drüben eine Praxis eröffnet, wenn du magst dann mach ich dir auch einen Sonderpreis. Sozusagen Eröffnungsangebot.' Freundlich lächelnd streckt er mir seine Hand mit einer Visitenkarte entgegen. Reflexhaft greife ich zu. Kann den Laden ja mal googlen. 'Danke', grummle ich und drehe ihm demonstrativ den Rücken zu. Frau Unerhört ist beleidigt!

Es ist eine Sache, wenn ich mich über mein beschissenes Gedächtnis beschwere. Aber ein Fremder hat sich darüber nicht auszulassen. Find ich.

Zwei Wochen später stehe ich vor der Praxis und traue mich nicht, zu klingeln. Soll ich da jetzt wirklich reingehen? Ja, sollte ich. Schließlich hab ich einen Termin und keine Lust auf Ausfallgebühren wegen nix. Mit Todesverachtung drücke ich auf den Klingelknopf. Ein freundliches Summen ertönt, ich drücke die Türe auf und stehe sofort in einem in lavendelblau und honiggelb gehaltenen Empfangsraum. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, denke ich anerkennend. Und schon schwebt der junge Gott herein und haut mir freundschaftlich auf die Schulter: 'Ja griaß di, servus, wie gehts?', freut er sich und geleitet mich hinüber in einen bordeauxrot gestrichenen Raum in dem nur eine Liege steht. Sonst nichts. Immerhin ist die Liege mit einer Anzahl plüschig weicher Kissen ausgestattet, wie ich mit Behagen zur Kenntnis nehme, nachdem ich mich auf Anweisung des jungen Gottes dort ausgestreckt habe. Schuhe vorher ordentlich ins Eck gestellt, wie sich das gehört.

'Wie du sicher schon gelesen hast, ist unsere Methode so einfach wie effektiv. Wir lenken die brainoplasten und brainoklasten direkt aus dem All in dein Hirn hinein, die arbeiten dann von selbst daran, die Prä- und Postsynapsen auf Trab zu bringen so daß die synaptische Plastizität sich wieder erhöht'.

Jaja, denke ich, mach nur. Gemütlich rutsche ich mich zurecht und stelle mir vor, wie eine Postsynapse ihre Tragetasche voller Briefe im Synapsenspalt eingeklemmt hat und hektisch dran zieht und sämtliche Briefe rausfallen. Tjahaaa, das würde einiges erklären. Während ich noch vor mich hingrinse, richtet der junge Gott einen seltsamen Trichter auf meinen Kopf, erklärt mir dann, ich könne die Augen schließen und mich entspannen. Er würde in einer halben Stunde wieder nach mir sehen.

Wieviel Zeit schon verstrichen ist kann ich nicht sagen, doch es beginnt auf einmal komisch zu riechen. Hat das Göttergerät einen Kurzschluß oder was geht hier ab? Ich werde unruhig. So sollte das eigentlich nicht ablaufen hier. Ich mags nicht wenn es mieft! Kurzerhand erhebe ich mich von der Liege und marschiere hinaus in den Empfangsraum. Niemand da. Seltsam. Vorsichtig luge ich um die Ecke und sehe zwei weitere Türen. Aus einem der beiden Zimmer ertönt lautes Schimpfen: 'Den Laden werd ich euch zusperren lassen! Also er. Der, der ich mal war. Mein Hirn will ich wieder zurück! Den alten Lappen da könnt ihr behalten! Omega 1 von Sigma Tauri oder was. Lieber ein beschissenes Gedächtnis und dafür meine eigenen Gedanken, als sich alles merken zu können aber das Hirn eines Außerirdischen herumzutragen! Gib wenigstens zu, daß euer Gerät kaputt ist. Los! Hinsetzen hab ich gesagt! Und jetzt da unterschreiben, du Penner!'

Eiwei. Da ist aber einer so richtig sauer. Was hat er gesagt? Die haben ihm das Hirn vertauscht? Heiliges Kanonenrohr. Gut, daß ich noch rechtzeitig aufgestanden bin. Jetzt weiß ich auch, was das für ein komischer Geruch ist der sich nach und nach überall verbreitet. Der Ärger. Hier riecht es eindeutig nach Ärger.

Die Klinke der Türe bewegt sich nach unten, ich flitze rasch zurück ins Zimmer mit der Liege und äuge neugierig durch den Türspalt den ich offen gelassen habe. Rasch klappe ich mir die Hand über den Mund, denn die Person, die aus dem Zimmer des 'Göttlichen' tritt, sieht nicht mehr aus wie ein Mensch. Er ist grün, er hat jede Menge Antennen und tiefe Narben im Gesicht. Du meine Güte! Was haben die mit ihm gemacht? Knarzend öffnet sich langsam die Türe, an die ich mich im Schrecken angelehnt hatte. Der Grüne horcht auf, blickt in meine Richtung, sieht mich, starr vor Angst, dort stehen. Langsam breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht auf.
'No, neue Kundschaft? Komm Mädel, schau daß'd aussikommst, des san kane leiwanden Hawerer do. Olles Vabrecha. Oba I wea eahm klogn, des glaubst. Das Geschöpf, das er erschaffen, wird ihn vernichten.'

Am Weg nach draußen erfahre ich dann endlich die Details. Die Methode, die der 'Göttliche' angeblich aus Amerika importiert hatte, war noch nicht ganz ausgereift und obendrein hatte er sich für sein Behandlungszimmer ein Sonderangebot andrehen lassen. Eine Maschine, die zwar die brainoplasten und brainoklasten aus dem All mühelos auf die Erde transportierte, aber leider MITSAMT dem Hirn aus dem sie angeblich problemlos entnommen werden konnten. Natürlich war das den Betroffenen nicht recht und sie forderten im Austausch das Hirn des vertrauensselig auf der Liege ausgestreckten Patienten. Bis der merkte, wie ihm geschah, war es zu spät. Mein grüner Begleiter war keineswegs das erste Opfer, allerdings der erste Geschädigte, der sich wehrte. Weil er es konnte. Weil die Transmutation nicht vollständig durchgeführt worden war. Weil er noch Teile seines Ichs besaß. 

Abends im Garten, Alex und ich sitzen vor unseren Weingläsern und starren in die vielen Kerzen, die ich wegen der Gelsen auf dem Tisch aufgestellt hatte. Alex bemerkt nüchtern (noch): 'Na schau, ist doch eh besser du hast ein nicht so ganz tolles Gedächtnis. Dann kannst deine Bücher alle immer wieder lesen und bist jedes Mal wieder so gespannt auf das Ende wie beim ersten Mal.'