Draußen auf der Gasse warfen die spitzen Giebel der Nachbarhäuser in der Oberstadt bereits lange, dunkle Schatten, als die schwere Haustür unten im Erdgeschoß endlich ins Schloß fiel.
Es war Agnes. Sie stellte die hölzernen Unterschuhe in die Ecke und stieg die hölzerne Treppe hinan. Ihre Zofe Martha huschte mit gesenktem Kopf direkt weiter in die Küche. Agnes betrat die Stube. Ihre Wangen waren gerötet von der frischen Herbstluft und sie wirkte seltsam aufgewühlt.
'Du bist spät, mein Herz', sagte Jakob, ohne aufzusehen, während er hastig eine Zeile im Kontobuch zu Ende schrieb. 'War das Elend im Siechenhaus heute so groß?'
Agnes hielt den Atem an. Hatte Jakob etwas bemerkt? Sie strich sich über den Ärmel ihres Kleides, panisch hoffend, daß kein übersehenes Blatt aus den Auen genau in diesem Augenblick verräterisch vor den Augen ihres Ehemannes zu Boden fiel.
'Die Kranken brauchten viel Zuspruch, Jakob', antwortete sie, und ihre Stimme klang erstaunlich fest. Sie trat an den Tisch und blickte auf die Zahlenkolonnen ihres Mannes. 'Und die Wege vor dem Roten Tor sind beschwerlich um diese Jahreszeit. Überall Schlamm.'
Jakob nickte nur, legte die Feder beiseite und sah sie an. Er wollte so viel sagen. Er wollte fragen, wie es ihr ging. Stattdessen brachte er nur ein brummiges: 'Gut, dass du zurück bist. Die Stadt ist kein sicherer Ort für eine Frau, wenn die Dämmerung hereinbricht', heraus.
Agnes unterdrückte ein trauriges Lächeln. 'Immer nur Pflicht und Sicherheit', dachte sie bitter. Woher sollte sie wissen, daß Jakob nur aus purer Sorge so streng klang.
Sie wandte sich ab, um nach nebenan in ihre Gemächer zu gehen und ihre verstaubten Schuhe zu wechseln, als von unten plötzlich ein heftiges, rücksichtsloses Poltern ertönte. Jemand hämmerte gegen die hölzerne Eingangstüre, als brenne die Stadt.
Jakob fuhr hoch, Agnes erstarrte. Von unten erklang die schrille Stimme der Dienstmagd und der wütende Baß des Pfarrers Melchior. Was wollte der denn jetzt noch um diese unchristliche Zeit? Wurde er daheim nicht satt, so daß er sich bei ihnen noch eine zusätzliche Mahlzeit ergattern wollte? Sie wusste genau, dass Melchior den schweren vinum alsaticum ihres Mannes schätzte. Doch die Schritte, das nun die Stufen heraufgestampft kamen, klangen nicht nach einem gierigen Gast. Sie klangen nach einem Jäger.
Die Stubentür flog auf. Die junge Magd Marie stolperte rückwärts herein, den Scheuerlappen wie einen Schutzschild vor sich hergetragen, dicht gefolgt von der wuchtigen Gestalt des Pfarrers. Seine schwarze Kutte roch nach Weihrauch und kaltem Schweiß.
'Jakob Weber!', rief Melchior, ohne Agnes auch nur eines Blickes zu würdigen. Er deutete mit dickem, anklagendem Finger auf sie. 'Gott hat mir die Augen geöffnet! Schaut sie euch an, Eure treue Ehefrau! Seht hin, wohin sie ihre sündigen Füße getragen haben!'
Verwirrt blickte Jakob auf die Schuhe seiner Gemahlin, als wäre dort ein Stadtplan aufgedruckt.
Der Pfarrer machte einen schweren Schritt auf Agnes zu. Sein Atem ging rasselnd. Er blickte nicht auf ihr Gesicht, sondern starrte gebannt nach unten. Auf den Saum ihres Rockes.
'Sie kommt nicht von ehrbaren Wegen, Jakob!', triumphierte Melchior, und Speichel trat ihm auf die Lippen. 'Sie war im Unterholz! In den wilden Lechauen, wo die Sünde wohnt! Ich habe sie gesehen, wie sie sich mit dem verarmten Reimeschmied, dem Lohndichter Hans, im Gebüsch herumgetrieben hat! Sie treibt Unzucht hinter Eurem Rücken, während Ihr hier für Euer Brot schuftet!'
Jakob erstarrte. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Er blickte von dem schnaubenden Pfarrer zu Agnes.
Agnes spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror. Sie sah die Weidenknospe, die an ihrem klammen Lederschuh pickte, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, das Schafott vor sich zu sehen. Sie sah den Pfarrer an – seinen roten Kopf, seine gierigen Augen – und plötzlich kam ihr die rettende Eingebung, ob von Gott höchstselbst oder den Geistern des Waldes, wer weiß das schon so genau.
Sie tat einen langsamen, fast provokanten Schritt nach vorn.
'Ihr habt Euch wohl im Maß des Weines geirrt, den Ihr heute Mittag getrunken habt, Hochwürden', sagte Agnes, und ihre Stimme schnitt wie ein frisch geschliffenes Messer durch den Raum. 'Ihr redet wirres Zeug. Mein Mann weiß ganz genau, wo ich war. Ich war am Schäfflerbach bei den Siechen von St. Servatius, um ihnen die Brote zu bringen, die Jakob gestiftet hat.'
'Lüge! Ketzerei!', brüllte der Pfarrer so laut, daß man ihn problemlos bis nach Schwäbisch Gmünd hätte hören können. Er hob die Hand, als wolle er sie auf der Stelle verfluchen. 'Ich habe Euren hochmütigen Gang genau erkannt! Ihr wart im Wald! Ihr wart nicht bei den Siechen!'
Agnes trat an die Truhe am Fenster, in der sie ihre Handarbeiten aufbewahrte. Unter den Leinenstoffen lag ein Buch. Ein schweres, in dunkles Leder gebundenes und mit Messing beschlagenes Buch, das sie wie ihren Augapfel hütete. Sie zog es heraus. 'Ihr solltet vorsichtig sein, wen Ihr hier der Lüge bezichtigt, Pfarrer Melchior. Denn wer falsches Zeugnis redet gegen seinen Nächsten, der bricht das Gesetz. Und Ihr brecht es nicht nur hier in unserer Stube, Ihr brecht es jeden Sonntag auf Eurer Kanzel.'
Das schwere Buch knallte mit einem dumpfen Ton auf den Eichentisch, direkt neben Jakobs Kontobücher.
Pfarrer Melchior wich einen Schritt zurück, als hätte Agnes eine Giftschlange auf den Tisch geworfen. Sein Blick heftete sich auf die geprägten Messingbeschläge des Einbands. 'Das... das ist...', stammelte er, und zum ersten Mal mischte sich echtes Entsetzen in seine Stimme.
'Das ist das Wort Gottes, Hochwürden', sagte Agnes kühl. Sie schlug das Buch mit sicheren, geübten Griffen auf. Die kunstvollen Lettern des Augsburger Druckers Günther Zainer schimmerten im Kerzenlicht. 'Auf Deutsch. Damit auch wir Frauen verstehen, was der HERR wirklich gesagt hat, wenn Ihr es schon nur auf Lateinisch hinter dem Altar murmelt.'
Jakob starrte auf das Buch mit einem Gefühl, als habe sich der Boden unter ihm aufgetan. Eine deutsche Bibel im Haus zu haben, war Ketzerei. Es konnte seine Familie das Vermögen kosten, wenn nicht gar das Leben. Er sah Agnes an, und in seinen Augen lag keine Wut, sondern ein tiefes, fassungsloses Staunen über den Mut seiner Frau.
'Am letzten Sonntag', fuhr Agnes fort und strich über die rauhe Seite des Hadernpapiers, 'habt Ihr von der Kanzel herab gebrüllt, dass das Weib die Wurzel aller Sünde sei. Ihr habt den braven Bürgern Angst eingejagt, indem Ihr behauptet habt, der Teufel säße in unseren Stuben. Ihr habt sie aufgefordert, mit Fingern auf jene zu zeigen, die angeblich Gottes Zorn über Augsburg bringen. Ihr habt die Meute aufgehetzt, bis sie am Kirchenausgang fast eine arme, unbescholtene Witwe gesteinigt hätten, nur weil ihr Schleier verrutscht war.'
Sie fixierte den Pfaffen mit scheinbar unerschrockenem Blick während sie innerlich vor Angst bebte. 'Aber hier steht etwas ganz anderes. Im Evangelium des Johannes, im achten Kapitel. Wollt Ihr hören, was Christus zu den Pharisäern sagte, die ihm eine Frau brachten, die beim Ehebruch ertappt worden war? Die sie steinigen wollten, so wie Ihr mich jetzt an den Pranger stellen wollt?'
Agnes blickte nicht einmal mehr auf den Text. Sie wusste die Worte auswendig, weil sie sie in schlaflosen Nächten immer wieder gelesen hatte.
'Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie', sprach sie, und ihre Stimme erfüllte die ganze Stube. 'Das hat der HERR gesagt, Melchior. Er hat sie nicht verdammt. Er hat die Heuchler weggeschickt, die sich an der Schande anderer ergötzen wollten. Genau wie Ihr es tut.'
Der Pfarrer schnaubte, doch das Rot in seinem Gesicht wich einem aschfahlen Grau. 'Das... das ist eine falsche Übersetzung! Eine Ketzerei! Der Rat wird Euch...'
'Der Rat wird gar nichts', unterbrach ihn eine tiefe, ruhige Stimme.
Jakob war aufgestanden. Er war kein Mann der großen Reden, doch jetzt baute er sich in seiner ganzen Größe vor dem Schreibtisch auf. Seine Hand wanderte langsam, aber entschlossen auf die Schulter seiner Frau. Er drückte sie sanft – ein stummer, unumstößlicher Schwur.
'Hochwürden', sagte Jakob, und seine Stimme war so fest wie die Barchentballen in seinem Lager. 'Ihr werdet dieses Haus jetzt verlassen. Und Ihr werdet kein Wort über meine Frau oder dieses Buch hier verlieren. Denn wenn Ihr es tut, werde ich dem Bischof melden, dass unser Herr Pfarrer seine Zeit mit unkeuschen Gedanken im Unterholz der Lechauen verbringt um dort ehrbaren Bürgersfrauen nachzuspionieren, und obendrein am Sonntag Gottes Wort auf der Kanzel verfälscht. Mal sehen, wen die Augsburger zuerst aus der Stadt jagen.'
Melchior öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Die Falle war zugeschnappt. Er sah in Jakobs unnachgiebige Augen, dann auf Agnes, die die Hand noch immer auf der verbotenen Bibel hatte. Zähneknirschend, die Faust in der Kutte geballt, wandte sich der Pfaffe um und rauschte ohne ein weiteres Wort aus der Stube. Seine schweren Schritte polterten die Treppe hinab, bis unten das große Haustor mit einem dumpfen Knall ins Schloß fiel.
Agnes atmete zittrig aus und sah zu ihrem Mann auf. Jakob stand noch immer da wie ein Fels, die Hand fest auf ihrer Schulter. Er blickte auf die verbotene deutsche Bibel hinab, dann in das Gesicht seiner Frau. Er verstand vielleicht nichts von Liebesgedichten, aber in diesem Moment begriff Jakob eines ganz genau: Seine Frau war ihm an Klugheit, Mut und theologischer Schärfe haushoch überlegen. Es war ihm ein absolutes Rätsel, wie er es jemals hatte wagen können, ihr Vorschriften zu machen. Insgeheim hatte er in diesem Moment vor dem scharfen Verstand seiner Agnes weitaus mehr Angst als vor dem Pfarrer, dem Bischof und dem leibhaftigen Teufel zusammen.
'Ein schönes Buch', brummte Jakob schließlich, räusperte sich und klopfte ihr ungeschickt, aber unendlich sanft auf die Wange. 'Laß es nicht offen herumliegen, mein Herz. Das Abendbrot wird kalt.'
Agnes starrte ihn an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen – nicht aus Angst, sondern vor tiefer, unbändiger Rührung. In diesem einen ungeschickten Satz lag mehr echte Treue und Liebe, als der Lohndichter Hans jemals auf all seine Wachstafeln hätte kratzen können. In diesem Moment traf sie einen Entschluß: Die Venusfahrt war vorbei. Sie brauchte keinen Poeten im Wald. Sie hatte ihren Jakob. 'Ich liebe dich, und nur dich allein!', brach es aus ihr hervor und sie meinte es in diesem Moment absolut ehrlich und ernst.
Draußen vor dem Haus, im Schatten des Nachbargebäudes, drückte sich Hans der Lohndichter in die Mauerecke. Er hatte durch das offene Fenster jedes Wort gehört. Als er begriff, daß Agnes ihn für diesen steifen Tuchhändler aufgab, stieg kalte Wut in ihm hoch.
Getrieben von verletztem Künstlerstolz, dachte er an die Worte des Pfarrers: 'Der Teufel sitzt in unseren Stuben.'
'Wenn der Pfaff recht hat', knurrte Hans und trat auf die dunkle Gasse hinaus, 'dann hole ich mir die Agnes eben mit Hilfe der dunklen Macht zurück.
'Teufel!', rief er halblaut in die Nacht. 'Hörst du mich? Ich schließe einen Bund mit dir! Gib mir die Angebetete zurück, und meine Seele gehört dir!'
Es tat einen dumpfen Schlag, Rauch stieg aus dem Rinnstein auf, und mit einem hämischen Lachen materialisierte sich eine gehörnte Gestalt im fahlen Mondlicht. Der Teufel höchstselbst grinste Hans an, bereit, den Vertrag mit Blut zu besiegeln.
Doch bevor Hans auch nur die Klinge ansetzen konnte, um sich den Finger zu ritzen, blitzte ein gleißendes, rosa-goldenes Licht auf. Die Luft roch plötzlich nach Patchouli und absolutem Kontrollverlust. Mitten auf dem Augsburger Kopfsteinpflaster stand eine weibliche Gestalt – strubbelige Haare, die Krone schief im Gesicht und sichtlich genervt davon, daß sie schon wieder einmal bei einem bahnbrechenden Ereignis übergangen worden war.
'Nichts da!', kreischte die dreizehnte Fee (denn um diese handelte es sich bei der irrlichternden Gestalt) und schwang wild ihren Zauberstab umher. 'Hier wird überhaupt kein Bund geschlossen! Ich verwünsche dich, du gehörnter Sündenmolch! Zurück in die Hölle mit dir, und nimm deinen Reimeschmied gleich mit!'
Sie feuerte eine Ladung magischen Glitzers ab, die dem Teufel die Barthaare versengte. Der Fürst der Finsternis, der mit vielem gerechnet hatte, aber nicht mit einer amoklaufenden Märchenfee im Augsburg des Jahres 1500, jaulte jämmerlich auf. Er zog hastig den Schwanz ein und floh in riesigen Sätzen über die spitzen Dächer der Stadt hinweg in die Ferne. Hans blieb mit offenem Mund auf der Straße stehen und verstand die Welt nicht mehr.
Während der Teufel im Flug das Jakobertor passierte, blickte er grimmig über die Schulter auf die reiche Handelsstadt zurück. Er rieb sich die angesengte Oberlippe und murmelte voller Verachtung in seinen verbliebenen Bart:
'Weiber. Pfaffen. Und durchgeknallte Feen. Mir reicht’s mit diesem Mittelalter-Schmarrn. Im nächsten Leben mache ich es schlauer: Da werde ich Banker, gründe ein Kontor gleich hier um die Ecke bei den Fuggern, und dann können sie alle mal schauen, wer am Ende wirklich die Seelen einsaugt!'
Die historische Detailrecherche erfolgte in Zusammenarbeit mit einer KI, denn leider kann ich mich aufgrund meines schlechten Gedächtnisses nicht an alle Einzelheiten meiner früheren Leben erinnern ;-)

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