Dienstag, 21. April 2026

Der Albtraum


Als ich völlig abgehetzt die Waldlichtung erreichte, war niemand zu sehen. Panisch sah ich auf meine Armbanduhr. 18:50 stand dort in großen Ziffern zu lesen. Zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. Wieso war noch niemand hier? Hatte man bei der letzten Besprechung beschlossen, den Treffpunkt zu verlegen? Wurden wir beobachtet?

Zu dumm, daß ich voriges Mal nicht hatte dabei sein können. Fieberhafte Erkältung. Da bleibt man doch lieber zuhause.

Früher wäre man durch WhatsApp oder einen anderen Messenger verbunden gewesen, ohne sich etwas dabei zu denken. Nachdem jedoch unser aller König Markus die Alleinherrschaft in Bayern übernommen hatte, wurde aufgrund der neuerdings Anti-Amerikanischen Haltung WhatsApp völlig abgeschafft und durch einen neuen, bayernweit völlig kostenlosen, Messenger ersetzt. Angelehnt an das bayerische Wort 'suadern' und natürlich als Hommage an den König, wurde nun also nicht mehr gewhatsappt sondern gesödert.

Die Leute liefen nur noch mit ihrem Mobiltelefon vor der Nase durch die Gegend, sozusagen Mensch-Maschinen, und es war ihnen völlig egal, daß jedes Wort, jede Sprachnachricht, direkt im Ministerium landete. Sie hatten ja nichts zu verbergen. Sie wurden nicht einmal hellhörig, als unlängst eine ältere Dame von der Sicherheitspolizei in Hausschuhen abgeführt worden war, nur weil sie das Wort 'Spargel' benutzt hatte. Natürlich hatte sie keine Ahnung gehabt, daß dies bis vor Kurzem unter den Jugendlichen ein Codewort für 'Joint' gewesen war. Denn selbstverständlich hatte König Markus die unlängst eingeführte Freigabe von Cannabis sofort wieder unterbunden. Bayern solle kein Kifferparadies werden, hatte er laut getönt und den Maßkrug erhoben. Die Menge hatte gejohlt und Beifall geklatscht.

Die logische Konsequenz war, wieder in den Untergrund abzutauchen. Wir waren alle in einem Alter, in dem man sich nicht permanent an das Mobiltelefon ketten mußte. Diese blieben bei unseren geheimen Treffen selbstverständlich außen vor. Wir wußten, wie man tote Briefkästen benutzt, wir waren fest entschlossen und fühlten uns wieder jung. Unsere geheime Losung lautete 'Seepferdchen' und wir trafen uns jede Woche auf unserer Waldlichtung, da man im Wald normalerweise nicht abgehört wird. 

Und nun stand ich an diesem Donnerstag um 19 Uhr alleine auf der Lichtung und wußte nicht, was los war. Im toten Briefkasten fand ich keine Nachricht, die anderen zu kontaktieren war praktisch unmöglich. Die oberste Regel lautete: Niemand besucht jemals einen anderen aus der Gruppe zuhause. Ansödern war selbstverständlich ebenfalls ein absolutes No-go und die öffentlichen Telefone waren in den letzten Jahren sukzessive abgebaut worden und somit nicht mehr nutzbar. 

Langsam machte ich mich auf den Heimweg. Waren wir aufgeflogen oder hatte man mich klammheimlich aus der Gruppe ausgeschlossen? Nachdenklich stromerte ich vor mich hin, es war ein milder Sommerabend, ich wollte nicht sofort nach Hause. Ich hatte mich auf den Abend mit den anderen gefreut. Hatte es in der letzten Zeit irgendwelche Differenzen gegeben? Gut, ich hatte neulich total über Jürgen und seinen Gliedersatz gelästert. Jürgen war früher eine Frau gewesen, hatte sich mittlerweile einer Hormontherapie und einer Operation unterzogen. Der Gliedersatz mußte jedes Mal vor dem Geschlechtsverkehr aufgepumpt werden und ich hatte mich darüber totgelacht. Jürgen hatte sein fleischiges Gesicht abgewandt und den ganzen Abend nicht mehr mit mir gesprochen. Verständlich. Aber war das ein Grund, mich aus der Gruppe auszustoßen wie einen Verräter? Nur wegen ein bissl rumkabbeln? Political correctness gut und schön, aber man konnte es auch übertreiben.

Es dauerte eine Weile bis mir das laute Dröhnen des Hubschraubers ins Bewußtsein drang, der wohl schon seit einiger Zeit über mir hin- und herflog. War wohl eine Übung. Oder suchten sie wieder jemanden? Einen entlaufenen Sträfling? Oder gar mich? Hastig wechselte ich die Richtung. Dummerweise hatte ich ein rotes Leiberl an, das man von oben sicherlich prima sehen konnte. Rasch zog ich es aus, warf es ins Gebüsch und rannte weiter. Ich war hier aufgewachsen, ich kannte sämtliche Schleichwege die tief ins Dickicht führten. Da würden sie mich niemals finden. Vorerst. Doch egal wie weit ich rannte, der Hubschrauber blieb stets über mir. Das Dröhnen wurde immer lauter, fast glaubte ich zu sehen, wie die Kufen die Baumwipfel streiften. Völlig panisch verschwand ich in einem der Dixi-Klos, die hier und da am Ufer der Wertach aufgestellt worden waren, um die Leute davon abzuhalten, ihre Häufchen in der naturbelassenen Landschaft abzuseilen. 

Doch was war das? Über mir gab es einen heftigen Ruck, das Klohäuschen wackelte hin und her, und ich spürte deutlich, wie es sich in die Luft hob und schaukelnd davongetragen wurde. Das durfte doch nicht wahr sein! Hastig öffnete ich die Türe einen Spalt um hinauszulugen. So ein Scheiß! Wir schwebten bereits mehrere Meter über dem Boden, zu weit um abzuspringen, fast wäre ich hinausgerutscht! Rasch verriegelte ich die Türe wieder. Nun bekam ich wirklich Angst. Was ging hier vor? Vom Hubschrauber mitsamt dem Klohäuschen entführt? Das glaubt einem doch wieder kein Mensch!

Und was war das für ein Klingeln? Schrill und ohrenbetäubend! Ich hielt mir die Ohren zu, während ich im Häuschen hin- und hergeschleudert wurde ... und wachte auf. Boah! Alles nur geträumt. Den Göttern sei Dank! Gut, daß ich mir vorsichtshalber den Wecker gestellt hatte. Noch einmal das Treffen zu versäumen wäre wirklich fatal gewesen.

Als ich pünktlich an der Lichtung ankam, saßen die anderen bereits im Kreis und Jürgen war gerade dabei, einen fetten Joint zu bauen. Ausgerechnet Jürgen. Ob er mir noch böse war? Ob ich mich entschuldigen sollte? Eigentlich kein Akt, aber vor allen anderen war es mir doch peinlich. Ich ging auf Jürgen zu und wollte mich neben ihn setzen. Mein 'Hallo' verhallte ungehört. Niemand rückte zur Seite, um mich in den Kreis zu lassen. Die anderen unterhielten sich völlig ungerührt weiter, es war, als sei ich unsichtbar geworden. Ich kniff mich in den Arm. Aua! Kein Albtraum dieses Mal.

Auf einmal sah ich Hendrik auf der anderen Seite drüben mit etwas Rotem wedeln. Mein Shirt, das ich im Traum ausgezogen und ins Gebüsch geworfen hatte! Wie kam das hierher?
Langsam ging ich auf Hendrik zu. Er warf mir das Leiberl entgegen und grinste mich an: 'Schönen Traum gehabt heute Nachmittag? Laß es dir eine Warnung sein, Pillemännchen. Widerstand gegen absurde Vorschriften von oben ist eine Sache, aber feindliche Haltung gegenüber Transmenschen ist ein absolutes No Go. Noch einmal so eine Aktion und du fliegst wirklich raus. Jetzt hock dich her und zeig mal, was du uns Schönes mitgebracht hast. Und Jürgen kriegt heute seine Ration gratis, nur damit das klar ist.'











Sonntag, 12. April 2026

Patchouli und Bier

Ankunft München Hauptbahnhof an einem Werktag abends gegen 18 Uhr. Ein Gewusel und eine Hektik, daß einem schlecht werden kann. Aber Taxi mag ich mir keins nehmen, auch wenn ich nicht mehr auf den Pfennig schauen muß. Die Taxler in München sind mir grundsätzlich unsympathisch und die Fahrt dauert viel länger als mit der U-Bahn. Also runter und durch die Menge gewühlt, was will man machen. Seit sie den Bahnhof umbauen, und das dauert jetzt schon viele Jahre, kann man nicht mehr von den Gleisen direkt geradeaus und zur U-Bahn hinunter sondern muß ganz links die Rolltreppe zur Ladenstraße nehmen und sich dort durchwuseln bis zur Treppe beim Yormas, da kann man dann runter zur U2. Das dauert, es nervt und der Abgang mieft immer nach Pisse. Bah.

Auf dem Weg nach Hause bemerke ich mit einigem Entzücken, daß es nun doch langsam Frühling wird. Es ist noch immer hell obwohl es schon spät ist, und der Strauch am Eck bekommt bereits lauter kleine gelbe Blüten. Wie schön! Schade, daß ich morgen wieder arbeiten muß. Ein kleiner Spaziergang durch die Natur wäre mir angenehmer, es muß ja nicht gleich wieder eine längere Reise sein. Aber besonders viel gibt es noch nicht zu sehen und ich möchte, wie gesagt, die Kolleginnen nicht im Stich lassen. Auch wenn ich nur noch an zwei Tagen arbeite, bin ich fix eingeplant und meine Vorgesetzte wäre sonst ggf. alleine und es  macht wirklich keinen Spaß, Telefon und Mails gleichzeitig zu bedienen.

Aber bei Sepp werde ich noch vorbeischauen. Ich will jetzt wissen, was da los ist. Noch mit meinem Rucksack am Rücken klingle ich bei der WG. Der Türöffner surrt, ich steige die Treppen hinauf und stehe vor einem der Langhaarigen. Erst als er den Mund aufmacht erkenne ich ihn als den Schwaben, der mir - ist es tatsächlich erst vier Tage her? - bei den Briefkästen unten von der Wette berichtet hat. Heute hat er nämlich einen riesigen Verband im Gesicht und näselt unfreundlich auf Schwäbisch. Meine Frage nach Sepp wird mit einem höhnischen Auflachen kommentiert: 
'Den kannsch in dr Ettschtroß bsuacha. Den hends feschtgnomma geschtrn. Ombrenga hättr me wella, där Sauhond.'
Festgenommen? Ettstraße? Sepp? Ich höre wohl nicht recht? Von hinten taucht ein Mitbewohner auf. Verdutzt wende ich mich an ihn:
'Der Sepp verhaftet? Echt jetzt? Warum denn?' 

Sein Kumpel hätt von Sepp eins auf die Nase bekommen, berichtet der Mitbewohner mit hämischem Grinsen, man hätte sofort die Polizei gerufen und so sei Sepp wegen versuchten Totschlags vom USK auf den Boden geschmissen, mit Handschellen fixiert und abgeführt worden. Bislang sei er noch nicht wieder aufgetaucht, man wisse nichts über seinen Verbleib und man wolle ihn auch nicht mehr hier haben. Bamm wird mir die Türe vor der Nase zugehauen. Boah. Fassungslos stehe ich im Treppenhaus. Meine Knie zittern, ich setze mich auf die Stufen. Versuchter Totschlag? Das kann ich nicht glauben. Was für eine Idiotenbande! 

Was ist zu tun? Wie kann ich mehr erfahren? Ich brauche einen Anwalt. Ich kenne keinen Anwalt. Wo bekomme ich so spät am Abend noch einen Anwalt her?

Völlig durcheinander renne ich hinüber in meine Wohnung. Internetsuche. Es gibt einen Strafverteidiger-Notdienst. Wie genial! Als ich dort anrufe hebt jemand ab, der offenbar gerade beim Essen ist. Im Hintergrund höre ich lautes Geschirrklappern, der Mann muß erst einmal hinuntermampfen bevor er sich vernünftig melden kann: 'Dr. Heumann, wie kann ich Ihnen helfen?' 'Ja guten Abend Herr Dr. Heumann, ich hab grad erfahren, daß ein Bekannter von mir gestern verhaftet wurde. Weil er jemanden auf die Nase gehauen hat. Das kann doch nicht sein, oder? Können Sie da mal nachforschen? Ich mach mir Sorgen.'

'Freilich, dafür sind wir ja da. Allerdings bräuchte ich das Geld sofort in bar. Wie heißt denn ihr Bekannter?' 'Das ist der Loipfinger Sepp aus Rimsting, aktuell wohnhaft in München aber zuletzt war er in Wien.' 'Alles klar, ich ruf gleich mal in der Ettstraße an ob ein Mann dieses Namens dort festgehalten wird und melde mich wieder bei ihnen.' 

Schon hat er aufgelegt. Möchte wahrscheinlich nicht, daß sein Essen kalt wird. Ich sitze wie auf Kohlen. Immerhin hab ich den Rucksack jetzt abgelegt. Ich gehe zu meinem Tresor in dem ich meine Ersparnisse aufbewahre und schließe ihn auf. Wieviel wird er wohl wollen? 300 Euro, 500 Euro, tausend Euro? Egal. Die Gerechtigkeit muß siegen und dieser Blödmann da drüben hat eine gebrochene Nase mehr als verdient. Deswegen die Polizei zu rufen ist eine absolute Unverschämtheit! Die Bayern prügeln sich doch ständig. Da ruft man nicht die Polizei, da haut man zurück und gut is. Daß die Eingewanderten sich aber auch nie an unsere Sitten anpassen können!

Nach einer gefühlten Ewigkeit der Anruf von Dr. Heumann: 'Die Sache ist nicht ganz unkompliziert. Ihr Bekannter hat sich leider in München noch nicht angemeldet, der Meldezettel aus Wien hilft ihm hier wenig. Man unterstellt Fluchtgefahr, die Gegenseite hat offenbar Anklage wegen Mordversuchs erhoben, er wird mit dem nächsten Schub in U-Haft nach Stadelheim verbracht. Wir müssen sofort tätig werden. Der Vorschuß beträgt 500 Euro. Bis wann können Sie in der Ettstraße 2 sein? Wir treffen uns dort, Sie geben mir das Geld und nennen mir eine ladefähige Adresse. Und kleiner Tip: Bringens einen Pulli mit für den Sepp, in der Zelle ist es kalt und er wird nicht so viel angehabt haben bei der Verhaftung, da tut ein bissl Wolle gut. Zahnbürstln wären auch nicht verkehrt, ich werd schaun, daß er die bekommt, auch wenn die immer ein Theater machen, der Häftling könnt ja was draus basteln.'

Ich versichere dem Mann, mich sofort auf den Weg zu machen. Jetzt muß ein Taxi her, unfreundlich oder nicht. Kurz darauf, es war tatsächlich sofort ein Wagen verfügbar, sausen wir wie eine Rakete Richtung Innenstadt, mit 500 Euro und zwei warmen Pullovern im Gepäck. Unterwegs besorge ich an einer Tanke noch drei Packerl Tabak. Mit papers natürlich.

'Bis vors Polizeipräsidium darf ich leider nicht fahren,' erklärt mir der Fahrer. 'Ich laß Sie hier am Eck raus, Sie gehen dort die Gasse hinein und direkt gegenüber von der Kirche sehen Sie den Eingang. Alles Gute!' Ich bezahle den Mann und haste die Straße entlang. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Hier in der Stadt ist vom Frühling noch nichts zu sehen. Mist, ich hätte den Anwalt fragen sollen wie er aussieht. Naja, einen Anzug wird er anhaben, was hätt ich glaubt. Ich stehe vor dem Gittertor. Niemand hier mit Anzug. Ein paar verfrorene Touristen laufen gackernd vorbei. Ich werde ungeduldig. Hat mich der Anwalt versetzt? Der hat doch einen viel kürzeren Weg als ich! Ah, dort hinten! Ein Mann mit wehendem Mantel und Aktentasche kommt die Gasse entlanggelaufen. Ich blicke ihm hoffnungsvoll entgegen: 'Herr Dr. Heumann?' 'Ebendieser, und Sie sind die Bekannte von Herrn Loipfinger? Haben Sie das Geld dabei?' Ich drücke ihm die Scheine in die Hand, komme mir vor wie in einem alten Krimi. Auch die beiden Pullis wechseln den Besitzer. Als ich jedoch auch den Tabak übergeben will, lacht der Anwalt trocken auf: 'Wollen Sie, daß ich meine Zulassung verlier? Gegenstände dürfen nicht von außen hineingebracht werden. Pullover geht meistens gut, es ist schließlich arschkalt, aber mehr ist streng verboten. Sie haben schon recht, Tabak braucht er im Knast, aber dafür müssen Sie ihm ein Geld auf sein Konto einbezahlen, damit kann er sich beim nächsten Einkauf alles besorgen was er braucht. Bis dahin ...  Leider kann ich Sie nicht mit hineinnehmen, Sie können entweder hier warten oder ich ruf Sie später an und sage Ihnen was ich erreichen konnte.'

'Achso, er wird dann nicht gleich freigelassen?'

'Gute Frau, wir sind hier in Bayern. Da muß der Mann dem Haftrichter vorgeführt werden, was ja heute mittag bereits geschehen ist wie ich in Erfahrung bringen konnte, aber offenbar hat sich Ihr Bekannter dermaßen saublöd, entschuldigen'S schon, dabei aufgeführt, ständig gegrinst und flapsig geantwortet, daß der Richter sich provoziert gefühlt hat und ihn in die U-Haft überstellt hat. Wie gesagt, kein fester Wohnsitz in Deutschland, Fluchtgefahr. Offiziell hat er nun den Status Untersuchungshäftling, da kann ich jetzt so schnell nichts mehr machen, ich muß einen Antrag auf Haftprüfung stellen, das dauert. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich krieg das hin. Besorgen Sie mir asap einen Mietvertrag den ich bei Gericht vorlegen kann, Wohnsitz, Sie verstehen, wichtig! Ich geh jetzt da rein und red mit Ihrem Bekannten und beantrage Akteneinsicht. Dann werden wir ja sehen, wer ihn da so reingeritten hat. Eventuell ist Schadensersatz drin, müssen wir dann noch besprechen. Ihnen ist klar, daß weitere Kosten auf Sie zukommen werden?' 

'Geld spielt keine Rolle!' Wie oft wollte ich diesen Satz schon einmal lässig von mir geben. Allerdings hatte ich dabei nicht an eine dunkle Gasse in der Münchner Altstadt  vor dem Polizeipräsidium gedacht sondern eher an ein schickes Berghotel in Österreich. Was für ein Scheiß! Am liebsten würd ich dem Schwaben jetzt selber noch eine reinhauen, aber bringt ja nix. 
Der Anwalt verspricht, sich später bei mir telefonisch zu melden um das weitere Vorgehen zu besprechen. Dann verschwindet er hinein zur Pforte und ich trabe Richtung Stachus. Nun ist es auch schon egal, ich werde mir ein weiteres Taxi leisten, auf U-Bahn hab ich jetzt wirklich keinen Bock. Außerdem hab ich meine Kopfhörer nicht dabei.

Lassen die meinen Sepp da drinnen einfach braten wegen nix! Ich kapier es immer noch nicht. Seit wann wird man eingesperrt nur weil man sich ein bissl gehauen hat? Da gibts vielleicht eine Verhandlung, ja, aber doch nicht gleich Knast. Echt nee, in München gefällt es mir überhaupt nicht mehr. Aber jetzt kann ich nicht weg, muß ich mich um Sepp kümmern. Der hat den Ernst der Lage offenbar noch nicht erfaßt. Immer alles easy peasy, geht scho, ois leiwand ... aber halt ned bei uns in Bayern.

Sepp hat den Ernst der Lage mittlerweile allerdings durchaus begriffen. In der Zelle brennt die ganze Nacht ein Notlicht, die durchgelegene Matratze ist ein Witz und er hat kein Auge zugetan. Obendrein hört man immer wieder das Klacken der Eisentüren und schwere Schritte in den langen Gängen. Dazu die kreisenden Gedanken. Nachtruhe Fehlanzeige. Dennoch hat er versucht, sich am Morgen beim Termin nichts anmerken zu lassen, was wohl ein Fehler gewesen war. Dem Richter waren seine langen Haare sofort ein Dorn im Auge gewesen, offenbar ein Spießer vor dem Herrn, noch ganz vom alten Schlag. Thronte da in seinem holzvertäfelten Kämmerlein und fühlte sich wie er Papst persönlich. Ob er denn keine Reue zeigen wolle, war er angeblafft worden. Den Sohn von Dr. med. Heinrich F. tätlich so schwer anzugreifen, daß dieser um sein Leben fürchten müsse, sei kein Kavaliersdelikt. Sepp fand das logischerweise lächerlich. Niemand müsse um sein Leben fürchten nur weil er eins auf die Nase bekommen hatte, schließlich hätte die dämliche Socke sich in sein Leben eingemischt und die Teschn verdient.

'Tetschn!', hatte der Richter gewettert, 'Das nennen Sie eine Tetschn? Der junge Mann mußte notärztlich versorgt werden und ich kann ihnen sagen, Herr Dr. med. Heinrich F. war sehr erbost und hat an höchster Stelle darauf bestanden, daß man Ihnen die Flausen schon austreibt. Hiermit verhänge ich Haftbefehl. Sie kommen morgen mit dem nächsten Schub nach Stadelheim. Da können Sie am eigenen Leibe erfahren wie das ist, wenn man sich gegen Stärkere nicht wehren kann! Sie Chaot! Abführen!'

Seither sitzt Sepp in seiner Zelle und friert erbärmlich. Bei der Verhaftung hatte er in der Tat nur ein Leiberl angehabt, man hatte ihm nicht erlaubt, eine Jacke mitzunehmen sondern ihn sofort hierhergeschleppt. Nun ist es wieder Abend und er kann noch immer nicht einschlafen, so müde er auch ist. Die dünne Zudecke ist kratzig und juckt statt zu wärmen. Zum Abendessen hatte man ihm wieder nur hartes Brot gebracht, die Wurstschreiben rollten sich bereits nach oben. Pfui Deibel! Er war hungrig, müde und kurz davor, in Tränen auszubrechen. In was für einen Albtraum war er da hineingeraten? Kati würde er wohl niemals wiedersehen. Statt das Mißverständnis beseitigen zu können, würde er monatelang im Knast sitzen, sein Job war sowas von weg und er würde nicht einmal Sozialhilfe bekommen weil er nirgends gemeldet war. Wovon sollte er leben?

Lautes Scheppern riß ihn aus seinen trüben Gedanken. Die Zellentüre öffnet sich, der Wachhabende raunzt: 'Besuch für dich, Loipfinger.'
Besuch? Wer würde ihn hier besuchen? Sollte doch einer seiner Mitbewohner Erbarmen zeigen? Aufgeregt schlapft er hinter dem Beamten her. Die Schnürsenkel hat man ihm nämlich auch genommen. Er könnt sich ja aufhängen wollen. Was ein Blödsinn!

Er wird in einen kleinen kahlen Raum geführt, am Tisch sitzt ein Mann im Anzug. Der Beamte bleibt an der Türe stehen. Sepp nähert sich langsam dem Tisch. Wer ist der Mann und was will er von ihm? Ein Bekannter seines 'Opfers' das sich an seiner Qual weiden will?

'Guten Abend Herr Loipfinger, mein Name ist Dr. Heumann, ich bin Ihr Anwalt. Keine Sorge, die finanzielle Seite ist geregelt, ich bin hier um Ihnen zu helfen. Leider hat man mich zu spät benachrichtigt, der Haftbefehl ist leider draußen, ich kann jetzt nur noch eine Haftprüfung beantragen und das dauert. Sie werden daher um einen kurzen Aufenthalt in Stadelheim nicht herumkommen. Aber nun berichten Sie doch einmal, was wirklich geschehen ist.'

Die Geschichte ist rasch erzählt. Der Mitbewohner, der Kati von der Wette erzählt, der darob sehr erzürnte Sepp der den Mann zur Rede stellt und ihm schließlich, da dieser ihn obendrein auch noch verhöhnt und triezt, schließlich eine einschenkt. Natürlich hätte er sich nicht so reizen lassen sollen, aber es sei nun einmal geschehen und er verstünde nicht, wieso man ihn deswegen hier festhalten könne. Nicht einmal ein vernünftiges Essen gäbe es, er hätte seit dem Vortag nichts mehr hinuntergebracht, die alte fettige Wurst sei zu abstoßend.

Der Anwalt schaut ernst. 'Herr Loipfinger, ich versuche, Ihnen was zum Essen zu besorgen, versprechen kann ich es aber nicht. Ansonsten, sagen Sie ab jetzt besser nichts mehr. Es wird alles gegen Sie verwendet werden. Sie haben nun einen Anwalt und etwaige Befragungen werden nur noch in meiner Gegenwart stattfinden. Ich werde mir die Akte kommen lassen und alles genau prüfen. Wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie das Opfer einer Intrige geworden. Dagegen läßt sich nur schwer etwas ausrichten, cornix cornici numquam oculos effodit* wenn Sie verstehen (Sepp versteht, er war schließlich am Gymnasium gewesen, auch wenn es ihm dort nicht gefallen hat) aber bleiben Sie guten Mutes! Ich hab Ihnen hier von Ihrer Freundin zwei Pullover mitgebracht die man mich freundlicherweise mit hineinbringen ließ, es ist sicherlich saukalt in Ihrer Zelle.'

'Von meiner Freundin?' Sepp ist überrascht. 'Welche Freundin?' 'Na so eine freundliche ältere Dame mit einer komischen Frisur. Bei ihr sind sie ab sofort auch gemeldet, damit Sie eine ladefähige Adresse haben. Somit haben Sie eine deutsche Meldeadresse, das wird alles sukzessive erledigt und ich hol Sie hier raus. Nur, wie gesagt, Behördenweg. Langsame Mühlen. Sie verstehen. Also bis später, ich schau mal ob ich ein paar frische Semmeln für Sie krieg.'

Komische Frisur? Das kann nur Kati gewesen sein. Sepp kommen nun doch die Tränen. Er schüttelt dem Anwalt beide Hände. 'Vielen Dank Herr Dr. Heumann, sagen Sie Kati bitte auch vielen Dank, ich hatte schon befürchtet, sie niemals wiederzusehen nur wegen dieser blöden Wette! Bitte sagen Sie ihr, das ist alles ein Riesenmißverständnis und ich kann es nicht erwarten, ihr das persönlich zu erklären!' Schluchzend wendet Sepp sich ab und wird vom Beamten wortlos wieder auf seine Zelle zurückgeführt. 

Nach einer Weile taucht der Schließer noch einmal auf und überreicht Sepp eine Tüte mit zwei Wurstsemmeln. 
'Ausnahmsweise, aber nur weil Ihr Anwalt so überzeugend ist. Wir sind hier kein Hotel!'
Verstohlen greift er sich an die knisternde Brusttasche und zieht wieder ab.
Erleichtert zieht Sepp sich die beiden Semmeln rein. Bildet sich ein, daß die mitgebrachten Pullis ein bissl nach Patchouli riechen. So wie Kati meistens. Patchouli und Bier. Müde kuschelt er sich zurecht, dreht er sich auf die Seite und ist trotz des Lichts und des blöden Türenklackerns schnell eingeschlafen. Er träumt von Kati und von einer Frühlingswiese, einem kleinen Zug der pfeifend vorüberfährt und laut gackernden Gänsen auf einem See mit Fontäne. Für kurze Zeit ist er wieder glücklich.


*Eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus. Auf Bayerisch: Die Großkopferten halten immer zamm.





Sonntag, 5. April 2026

Pecunia non sanat animum


Puh. Kennt ihr das Gefühl, wenn euch jemand von hinten eins mit der Dachlatte überbrät? Nee, wahrscheinlich nicht. Aber genauso fühle ich mich gerade. Doing ...
Du hockst in einem alten und, sorry, total versifften Laden und siehst in einer Kugel genau den Typen der dir ständig im Kopf rumspukt wie er sich mit seinem Kumpel streitet. Wegen dir.
Kann ja nicht sein, denkst du, und dennoch siehst du es mit eigenen Augen.

Ich blicke auf und sehe in das gütige Gesicht des alten Mannes.
'Bring das in Ordnung. Krieg ihn entweder aus deinem Kopf oder schnapp ihn dir, und dann komm bitte wieder. Wie du jetzt weißt, geht es hier nicht um den Verkauf von drei Postkarten am Tag. Dieser Laden ist eine Geheimadresse. Ich würde dir nichts davon erzählen wenn ich nicht genau wüßte, daß du die Gabe hast. Sonst hättest du nämlich jetzt gerade nur eine staubige alte Kugel gesehen, die in einer Schachtel liegt.'

'Aber ich will keinen Laden führen, geheim oder nicht geheim. Ich will reisen, endlich mal keine Verpflichtungen mehr haben!', wehre ich mich. Von dem Lottogewinn will ich nichts sagen, aber mir paßt es nicht, wie er mich festnageln will obwohl er mich doch noch nie gesehen hat. Katze hin oder her, der Mensch hat doch noch einen freien Willen! Obwohl ja Schopenhauer schon sagte: Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen was er will. Das übernehmen dann immer andere Leute. Die wissen dann, was für einen das Beste ist. Von der Wiege bis zum Grab. NEIN!

'Sorry!' quetsche ich hervor, 'Da müssen Sie sich bitte jemanden anderen suchen, ich will den Rest meiner Tage nicht hier im Laden verbringen. Ich will RAUS, Fotos machen, rumlaufen, was sehen! Also in echt sehen, nicht in einer Glaskugel.' Hastig bahne ich mir den Weg zurück durch den Laden zum Ausgang.
Der Mann tut mir irgendwie leid und er ist auch voll sympathisch, aber echt ey, nee. Nein!
Bevor ich die Stufe hinaufsteige, drehe ich mich noch einmal um. Der Mann steht nur da und lächelt. Hebt die Hand zum Abschied. Ich winke kurz und verschwinde hinaus. Komme mir vor wie ein Arsch. Wieder mal typisch. Jedes Mal wenn ich für meine Bedürfnisse einstehe, dann fühle ich mich hinterher schlecht. 

Und dann diese Szene in der Kugel. Ob das wahr ist? Ob ich da wirklich Sepp gesehen habe? Oder hat mir der Mann das vorgegaukelt mit Hilfe irgendwelcher magischer Hilfsmittel? Ich kenn mich da ja nicht aus, aber solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, halte ich zunächst einmal so ziemlich alles für möglich. Außer, daß Sepp mich wirklich mag. Das kann ich nach wie vor nicht glauben. Meine Erfahrung mit Männern hat mich eines Besseren belehrt. Die einen saufen, weil sie das Leben nicht derpacken, und machen einem so das Leben zur Hölle. Die anderen sind entweder langweilig oder wollen einen ausnutzen. Liegt wahrscheinlich an mir. Karma oder so. 

Aber das mit Sepp kann ich klären, ich hab ja seine Kontaktdaten. Kurz entschlossen setze ich meine Kopfhörer auf und wähle seine Nummer. Das rhythmische Duut Duut Duut des Besetztzeichens ertönt. Just my luck. Da raffe ich mich EINMAL auf, jemanden anzurufen (ich hasse Telefonieren) und dann ist belegt.

Die nächsten Stunden verbringe ich in einer Wolke von Unbehagen. Warum hab ich das Badezeug nicht dabei fürs Kurbad, warum geh ich nicht ins Museum, was will ich eigentlich hier? Nichts freut mich, alles nervt mich, vor allem die Leute überall.

Zurück in der Lobby des Hotels, es ist erst früher Nachmittag, sehe ich bereits einige Gäste mit alkoholischen Getränken in den seltsam geformten Fauteuils herumlungern. Wie öde.
Aus den Lautsprechern erklingt seltsame Musik, eine Art Xylophon mit Geigen und Klageliedern unterlegt. Auch öde. Als ich die Sitzlandschaft umrunde und auf den Aufzug zusteuere, sehe ich den alten Mann aus dem Laden in der Ecke sitzen und mir zuwinken.
Ich kneife die Augen zusammen: Doch ja, er ist es. Das gibts doch nicht! Woher weiß der wo ich wohne? Fast wäre in eine der Palmen gelaufen die hier überall herumstehen. Fühle mich verfolgt. Genervt. Beschließe, am nächsten Morgen auszuchecken und weiterzureisen. Fahre nach oben in mein Zimmer, setze nochmals die Kopfhörer auf um Sepp anzurufen.
Dieses Mal ist die Leitung frei, aber es geht niemand ran. Nachricht hinterlasse ich keine. So dringend ist es auch wieder nicht.
Ich nehme mir ein Bier aus der Minibar. Stuttgarter Hofbräu. Bah. Ich stelle es wieder rein. Alles was recht ist! Muß ich wohl doch nochmal raus, hilft nix. Zum Essen ist auch nicht mehr wirklich viel da. Ob der Opa noch unten sitzt?

Während ich mich wie ein Dieb durch das Treppenhaus hinunterschleiche um nicht durch die Lobby zu müssen, spielen sich zuhause in München wahre Dramen ab. Sepp hat seinem Kumpanen im Affekt eine auf die Nase gehauen, dieser verwöhnte Spießerknabe hat ihn angezeigt und nun sitzt er auf der Wache und wird verhört. Vorhin, als belegt war, hatte er gerade mit einem Anwalt telefoniert. Natürlich wird man wegen Körperverletzung nicht sofort hinter Schloß und Riegel verbracht, nicht einmal in Bayern, aber wenn die Polizei komisch sein will dann ist sie das auch. Und wenn sie einem jungen Mann aus gutem Hause glauben will, der einen Mordversuch schildert, und nicht einem zugereisten Fotografen, der seinen frisch angetretenen Job schon wieder verloren hat weil statt in die Arbeit zu gehen sich lieber prügeln wollte, dann macht sie das auch und sperrt den Fotografen vorsichtshalber gleich einmal weg. Ohne Handy. Da kann man anrufen bis man wunde Finger hat, da geht niemand ran.

Eigentlich wollte der alte Mann mir genau das erzählen, denn offenbar hatte er noch länger in die Kugel geschaut nachdem ich weg war. Aber ich mußte mich ja an ihm vorbeimogeln und meinerseits ins Glas schauen. Ins Trinkglas. Nachdem ich mir in einem gut sortierten Supermarkt ein paar ordentliche Bier besorgt hatte. So erfahre ich nichts von Sepps Verhaftung, bin traurig und enttäuscht weil ich ihn nicht erreiche, und falle irgendwann beduselt ins Bett. Träume von Pyramiden in einer Wüste, die von Tausenden kleiner Männchen erbaut werden, die mühsam Stein für Stein nach oben schleppen und das in der Bruthitze Nordafrikas. Manche Träume muß man nicht analysieren, die sind einfach nur bescheuert.

Mit schlechtem Gewissen wegen meines Alkoholexzesses am Vorabend packe ich am nächsten Morgen mein Schwimmzeug und marschiere los, Richtung Kurbad. Sport ist jetzt angesagt, so geht das nicht weiter. Muß wieder zu mir selber finden. Was will ich eigentlich? Ziellos in der Gegend herumstreunen? Im Urlaub war das ja immer ganz toll weil man wußte, der ist bald wieder vorbei, man genießt die freien Tage und freut sich dann wieder auf die gewohnte Umgebung daheim. Alles überschaubar. Aber wenn du auf einmal null Verpflichtungen mehr hast ... das ist vielleicht ein saublödes Gefühl. Ich hatte immer gedacht es müsse so toll sein, einfach nichts mehr zu müssen. Keinerlei Zwängen mehr zu unterliegen, frei zu sein und einfach der Nase nach durch die Gegend marschieren zu können. Und nun macht es mir bereits am zweiten Tag schon keinen Spaß mehr. Klar, Stuttgart im Winter ist jetzt nicht so der Brüller, aber in ein Flugzeug traue ich mich nicht rein und mit dem Zug bis Portugal? Oder Südfrankreich? Möchte ich das? Da versteht man doch die Leute nicht wenn sie reden, von der langen Anreise ganz zu schweigen.

Vorerst hab ich meinen Job eh noch nicht gekündigt. Morgen sollte ich eigentlich wieder arbeiten. Ich glaub ich meld mich erst einmal krank und dann schau ich weiter.

Im Kurbad hat sich nicht viel verändert nach der Renovierung, außer daß es jetzt Solebad heißt und der Eintrittspreis höher geworden ist. Lustlos pflüge ich durch das Innenbecken in dem wie üblich die Leute in kleinen Grüppchen im Weg herumstehen und sich unterhalten. Praktisch wie im Münchner Nordbad nur mit mehr Platz und freundlicherem Wasser. Die Leute machen mich echt aggressiv. Wenn ich ratschen will geh ich ins Kaffeehaus und nicht ins Schwimmbad!

Gleich morgen werde ich mich um den Kauf einer vernünftigen Immobilie kümmern. Zefix. Unten drin ein Pool und oben ein Atelier. Für was hat man Geld?

Eigentlich wollte ich ja weiterleben wie bisher. So hatte ich mir das vorgestellt. Lebenslanger Urlaub. Dachte das ist toll und inspirierend. Ist es aber nicht. Die Leute nerven genauso wie vorher und ich kann ja nicht jeden lynchen lassen der mir im Weg herumsteht oder im Bus laut telefoniert. 
Ich brauch ein Haus in einer ruhigen Gegend, mit Öffi-Anschluß, weil Auto werde ich mir ganz sicher KEINS kaufen. Echt nicht. Da bräuchte ich einen Chauffeur dazu und schon wieder wäre jemand da der mich nervt. Dann doch lieber Bus mit Kopfhörern. Ein paar Hühner und Ziegen wären nett. Aber wer kümmert sich um die wenn ich wegfahren will?

Unzufrieden liege ich im warmen Whirlpool und brüte vor mich hin. Zu zweit würde alles viel mehr Freude machen aber das fehlte jetzt noch, daß ich mir einen Toyboy zulege.
Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Oberschenkel. Erst denke ich, das hab ich mir eingebildet. Doch die Hand wird fordernder, streicht über die Hüften nach oben. Ungläubig blicke ich nach unten und dann auf den neben mir sitzenden Mann. Dieser schaut unbeteiligt nach vorne. Ich packe die Hand und kneife fest hinein, der Mann zuckt zusammen. Am liebsten würde ich ihm eine knallen aber das traue ich mich nicht. Rasch verlasse ich das Becken, mir ist die Lust auf Baden vergangen. Tränen laufen mir über die Wangen, aber das fällt in einem Bad ja nicht weiter auf wenn jemand ein nasses Gesicht hat.

Eigentlich hatte ich immer am meisten Freude wenn ich was Hübsches gemalt hatte oder auf Ebay ein Buch verkauft hatte. Vielleicht ist das mit dem Laden doch nicht so verkehrt, überlege ich, während ich mich abtrockne und anziehe. Ich könnte eine gemütliche Sitzecke einrichten mit gebrauchten Büchern. Vielleicht muß ich eh nicht die ganze Zeit im Laden sitzen? Man könnte doch jemanden einstellen. Und ich wäre dennoch ungebunden, könnte auf Bücherjagd gehen, könnte zwischendrin ein bissl reisen oder daheim was malen.

Frischen Mutes verlasse ich das Bad und mache mich auf die Suche nach dem kleinen Laden. Doch ich finde ihn nicht mehr. Mit wachsender Ungeduld irre ich durch die Gassen. Wandere genau den Weg nach den ich am Vortag genommen hatte. Schließlich bin ich nicht das erste Mal in Cannstatt, ich kenn mich doch aus! Nach diesem eckigen Brunnen auf der linken Seite war der Laden. Aber der ist weg! Einen Plattenladen sehe ich und daneben eine Galerie, aber der Laden des alten Mannes ist verschwunden. Eine Katze stolziert vorbei und ich bilde mir ein, daß sie mir einen höhnischen Seitenblick zuwirft. Müde trotte ich zurück ins Hotel und packe meine Sachen. Morgen ist Mittwoch. Mittwoch und Donnerstag sind meine Arbeitstage. Ich werde ordnungsgemäß kündigen und dann schauen, wie lange ich noch bleiben muß bis man Ersatz gefunden hat. Ich werde die Kolleginnen nicht im Stich lassen. Jedenfalls nicht sofort.