Morgen schon wieder Feiertag. Die heiligen Drei Könige aus dem Morgenland überbringen ihre Geschenke. Mir leider nicht, ich muß selber zum Einkaufen gehen. Früher hatte ich mich über die vielen Feiertage zum Jahreswechsel natürlich gefreut, aber nun da ich sowieso an fast allen Tagen frei hatte, waren diese ständigen Sonntage nur noch lästig. Der Bus fuhr viel zu selten und alle vernünftigen Geschäfte hatten geschlossen. Bayern halt.
Kurzgeschichten
Montag, 5. Januar 2026
Cavete mulierem
Morgen schon wieder Feiertag. Die heiligen Drei Könige aus dem Morgenland überbringen ihre Geschenke. Mir leider nicht, ich muß selber zum Einkaufen gehen. Früher hatte ich mich über die vielen Feiertage zum Jahreswechsel natürlich gefreut, aber nun da ich sowieso an fast allen Tagen frei hatte, waren diese ständigen Sonntage nur noch lästig. Der Bus fuhr viel zu selten und alle vernünftigen Geschäfte hatten geschlossen. Bayern halt.
Sonntag, 28. Dezember 2025
Herzen mit Sprung
Entsetzt warf Annika dem entgegenkommenden Mann einen kurzen Blick zu und wechselte dann rasch die Straßenseite. Dies war eine der Situationen, in denen sie sehr gerne auf ihre besondere Gabe verzichtet hätte. Mitbekommen zu müssen, wie ein Mann sich detailliert vorstellte, was er mit ihr machen würde wenn er sie in seine Dreckspfoten bekäme. Es schüttelte sie. Wuah! Gruselig!
Nachdenklich trabte sie weiter. Natürlich gab es auch Momente, wo ihre Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen erkennen zu können, ein Riesenbonus war. In ihrem Job als Polizistin beispielsweise war sie damit den meist jugendlichen Angeklagten gegenüber deutlich im Vorteil. Die fühlten sich einer Frau im Polizeidienst sowieso schon einmal überlegen und glaubten, mit Arroganz und heftigem Auftreten alle Vorwürfe im Nu vom Tisch wischen zu können.
Aber nicht mit Annika. Süffisant lächelnd ließ sie die harten Jungs schwadronieren und ihre Unschuld beteuern, ließ sie schmollen und schweigen, oder nach dem Anwalt rufen wie kleine Buben nach der Mama. Am Ende hatte sie einen jeden am Haken und ein jeder wurde mit vor Erstaunen offenem Mund abgeführt, runter in die Durchgangszelle.
Die Beweise zu finden war meist kein Problem, da in den Gaunergedanken fast immer Hinweise vorgekommen waren. Leider hatten sie bisher immer wieder Straftäter laufen lassen müssen weil der Untersuchungsrichter die Beweise nicht anerkennen wollte. So stolzierte immer wieder ein eigentlich überführter Täter mit angeberischem Gang aus der Verhandlung raus, gab dem Anwalt High Five, und ab nach Hause, das treulose Stück vermöbeln, das ihn verpfiffen hatte.
Für diese Fälle hatte Annika ihr eigenes Rachesystem gegründet. Natürlich wußte sie, daß sie sich damit strafbar machte. Man erschafft kein Gesetz außerhalb des Gesetzes, punktum.
Aber wenn sie sich die Gedanken der armen Frauen ansah, die tagtäglich Schlimmstes erdulden mußten und doch keinen Ausweg sahen, ihren Peinigern zu entkommen, da ging ihr buchstäblich das Messer in der Tasche auf.
Die immer zahlreicher werdenden Waffenverbotszonen mußten sie als Polizistin nicht interessieren. Natürlich durfte auch sie in ihrer Freizeit ihre geliebte HK P30 nicht tragen aber Frankfurt war ein Dorf. Man kannte sich und niemand würde beispielsweise ihr kleines Obstmesserchen konfiszieren wollen oder ihren Kuli? Wer wußte schon, was ein mit Wucht ins Ohr gepreßter Kugelschreiber mit einem Mann anstellte? Der würde keine Frau mehr einsperren und täglich eine Hundertschaft Asylanten über sie drüberlassen nur damit er seinen faulen Hintern nicht in die Arbeit zu bewegen brauchte.
Man sollte ja glauben, daß die Menschen so kurz vor Weihnachten etwas friedlicher gestimmt seien, aber gerade das Gegenteil war der Fall. Unstimmigkeiten in der Familie, die während des Jahres unter den Teppich gekehrt wurden, kochten ausgerechnet vor dem Fest der Liebe hoch wie ein Geysir, weil man dem Druck, tagelang einen auf Friede, Freude, Eierkuchen machen zu müssen, nicht mehr standhalten konnte. In die Arbeit zu flüchten war keine Option. Man hatte ja Urlaub.
Annika war mit Absicht und Bedacht in die Höchster Altstadt gezogen. So wurde sie wenigstens nicht schon beim Blick aus dem Fenster mit fiesen Gedankenwellen bombardiert. Zwar hatte sie es von hier etwas weiter in die Arbeit, doch hatte sie sich damals nach ihrer Versetzung nach Frankfurt sofort in diese hübschen kleinen Gassen um den Schloßplatz herum verliebt, die beinah noch genauso aussahen wie vor dem Krieg.
Weil die Alliierten sich damals die Farbwerke unter den Nagel reißen wollten und daher in der Gegend drumherum keine Bomben niedergegangen waren. Eine optisch wirklich wunderschöne Gegend mit versteckten kleinen Gärtchen die der Tourist niemals fand, und dem gemütlichen Park unten am Zusammenfluß von Nidda und Main.
Wie gerne würde sie es sich heute mit einer Thermoskanne Tee zuhause gemütlich machen. Leider hatte sie ihrer besten (ok, einzigen) Freundin versprochen, mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Was für viele Frankfurter ein reines Vergnügen schien, war für sie Tortur pur. Natürlich hatte sie mit den Jahren gelernt, die von allen Seiten auf sie einprasselnden Eindrücke weitgehend auszublenden. Dennoch war so ein Bad in der Menschenmenge immer extrem stressig.
Dicht gedrängt schoben die Menschen sich bereits jetzt am späten Nachmittag über den Römerberg. Nachdem sich Petra, die Freundin, mit einem Becher Glühwein versorgt hatte, schleppte Annika sie zum Kinderkarussell. Dort durften nämlich auch Erwachsene mitfahren und ein Besuch des Weihnachtsmarktes ohne zumindest zwei oder drei Runden Karussell war nicht vorgesehen. Doch was war das? Auf den Stufen unweit des Kassenhäuschens kauerte eine weibliche Gestalt. Erst dachte Annika an eine Bettlerin, doch dann sah sie, daß die Frau bitterlich weinte. Ihre Polizistenseele rührte sich und sie beugte sich zu der Frau hinunter:
''Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?'' Auch Petra war inzwischen nähergekommen und betrachtete besorgt die kleine Szene.
''Er hat mir mein Kind weggenommen!'', schluchzte die junge Frau verzweifelt.
''Er hat uns hier aufgelauert und als die Kleine auf dem Karussell mitgefahren ist, hat er sie einfach vom Pferd gehoben und ist abgehauen. Und ich hab keine Ahnung wo die hin sind!''
Wieder brach sie in wildes Schluchzen aus. Annika und Petra setzten sich neben sie und bekamen mit viel Geduld die ganze Geschichte aus der Frau heraus. Offenbar hatte da jemand die Scheidung nicht vertragen und sich nun auf diese Weise gerächt. Da der Mann nicht in Deutschland gemeldet war, konnte man ihn auch nicht ohne weiteres ausfindig machen.
''Rumhocken und Heulen hilft nix,'' stellte Annika klar. ''Wir gehen jetzt den Typen suchen. Der hält sich hundertpro noch hier irgendwo auf und fühlt sich total sicher. Los komm, du bist die Einzige die ihn erkennen kann. Wir finden den!'' Zaghaft stand die unbekannte Frau, die sich als Gabi vorgestellt hatte, auf, und folgte den beiden resoluten Polizistinnen durch die erleuchteten Gassen. Zuerst schien es, als sei ihre Suche vergebens. Doch auf einmal verspürte Annika deutliche Signale des Unbehagens.
''Stopp Kinder, hier entlang, ich glaub ich hab 'ne Spur!'' Und tatsächlich, je näher sie dem Lebkuchenhäuschen kamen, desto deutlicher schälten sich Gedanken heraus, die sich deutlich von dem üblichen halb betäubten Summen der Erwachsenen abhoben. Spitzige innere Schreie: Ich will nicht ich will nicht ich will nicht!
Ein Mann zog ein etwa dreijähriges Mädchen am Arm mit sich, das Kind klammerte sich an der mit Lebkuchen bepackten Brüstung fest, diese kippte - und ein Schwall von Lebkuchen ergoß sich über die Kleine. Der Mann fluchte und wollte das Kind aufheben und wegtragen. Da begann das Gebrüll aber im Ernst, du meine Herren. Gabi war nun auch aufmerksam geworden und kreischte los: ''Manuela, laß meine Manuela los! Haltet den Kerl!''
Annika setzte zum Spurt an, ein kurzer Kampf und der Mann lag regungslos am Boden. Das Kind hatte sich zur Mutter geflüchtet und bohrte verstört seinen Kopf in deren Schoß. Der Lebkuchenverkäufer stand verkniffen neben seiner Bude und Annika hörte wie er dachte: 'Und wer bezahlt mir jetzt die kaputten Lebkuchen?'
Sie wandte sich ihm zu und meinte: ''Sie können bei meinen Kollegen, die jetzt gleich eintreffen werden, Anzeige erstatten gegen diesen Herrn hier, aber diese wird von wenig Erfolg gekrönt sein. Der Bursche wird die nächsten Jahre auf Staatskosten leben dürfen, da hat man nicht viel übrig. Aber Sie könnten die Bruchware an ein Waisenhaus spenden, die Kinder dort freuen sich auch über Herzen mit Sprung.''
Nachdem der Kindesentführer ordnungsgemäß verräumt und Mutter und Kind mit Lebkuchen und Glühwein (alkoholfrei natürlich) getröstet worden waren, saßen Annika und Petra nachdenklich nebeneinander auf dem sich klingelnd und trötend drehenden Karussell.
''Sag mal Annika, meinst du nicht, du wärst als Privatdetektivin glücklicher als bei der Polizei? Würdest mehr verdienen, deine Erfolgsquote wäre sicherlich bei 90% und du müßtest dich nicht mehr an die ganzen bescheuerten Regeln halten. Und wenn du dich einigermaßen etabliert hast, dann stellst mich ein. Mir geht das nämlich schon lange auf den Senkel, daß wir soviel Energie aufwenden um diese Kerle einzufangen und dann greifen sie höchstens ein paar Monate ab oder gehen ganz frei wieder raus. Das muß ein Ende haben!'' Gerührt blickte Annika auf die Freundin. Nie hatte sie ihr etwas von ihrem 'Nebenjob' erzählt und doch war Petra zum gleichen Schluß gekommen wie sie.
Zielstrebig marschierten sie bald darauf am Lebkuchenmann vorbei, der noch immer mit dem Aufsammeln seiner Ware beschäftigt war, zum Stand an dem man sich in hübsche Holzbretter Namen oder Ähnliches einritzen lassen konnte.
''Schreiben Sie 'Detektivbüro Gnadenlos','' bestellte Annika bei dem freundlichen jungen Burschen, der die Arbeiten ausführte. ''Und jetzt, liebe Petra, gehen wir zu mir nach Hause, köpfen eine Flasche Schampus und stoßen auf unsere Geschäftsgründung an. Die Herren der Schöpfung werden sich von nun an sehr, sehr warm anziehen müssen. Als Team sind wir unschlagbar!''
Bild mit KI erstellt
Montag, 22. Dezember 2025
Das Familientreffen
Ein muffiger Geruch nach alten Akten hing wie immer in den Räumen des Augsburger Finanzamts, wo Herr N. wieder einmal einen Bürotag einlegte. Seine Arbeit als Steuerprüfer war abwechslungsreich und er kam viel herum, doch liebte er die Bürotage. Vor allem weil er dort nicht von mißtrauischer und latent feindseliger Kundschaft sondern von seinen Kollegen umgeben war, mit denen er seit vielen Jahren friedlich und freundschaftlich zusammenarbeitete.
'Karli, Telefon!'
Hastig eilte Herr N. zurück an seinen Schreibtisch. Seine Ohren waren nicht mehr das, was sie einmal gewesen waren, ab und zu ertönte darin sogar ein ominöses Pfeifen, und das sparsame Klingeln im Amt war leicht zu überhören wenn er, wie gerade vorhin, in der Kaffeeküche mit den Damen scherzte.
'Na du Schlafmütze, wo bleibst denn?', tönte der immer leicht spöttische Baß seines Bruders an sein Ohr. 'Hör mal, wir fahren an Allerheiligen wieder ans Grab, holst uns vom Bahnhof ab? Wir wohnen im Hotelturm und dann können wir gleich von dort an den Friedhof fahren, ok?'
Als ob er eine Wahl hätte. Herr N. mochte seine Schwägerin wirklich gerne, aber sein Bruder Rudolf ging ihm nach all den Jahren oft genug immer noch gewaltig auf den Keks mit seinem Kommandoton. Was der ihn als Kind schon immer geärgert hatte! Einmal hatte er ihm deshalb aus blinder Wut ein Holzgewehr nachgeworfen, das beim Aufprall eine verdammt tiefe Delle in der Türe hinterlassen hatte. Hinterher war er natürlich schwer betroffen gewesen. Wenn er besser gezielt hätte ... aber was mußte Rudolf die Leute immer reizen bis aufs Blut. Und wenn man dann am Toben und am Brüllen war, saß er fies grinsend im Eck und genoß das Resultat seiner Bemühungen. Beruflich arbeitete er mittlerweile als Manager bei der Bahn. Da brauchte man Männer mit starken Nerven.
Sinnend saß Herr N. an seinem Schreibtisch und blickt die schwarze Gummiente an, die dort als Briefbeschwerer diente. Ein Geschenk seiner verrückten Schwester. Die Ente blickte ungerührt zurück. 'Selbst schuld,' schien sie zu sagen. 'Was bist auch immer für ein gutmütiger Depp. Soll er doch ein Taxi nehmen der alte Geizkragen und nicht immer dich als Chauffeur mißbrauchen. Stehen genug rum am Bahnhof.'
Seufzend machte Herr N. sich wieder an die Arbeit. Die Berichte schrieben sich nicht von selber und außerdem mochte er seinen Job. Auch wenn ihm in Augsburg nicht immer der gewünschte Respekt entgegengebracht wurde. Man kannte sich aus der Schule oder aus dem Chor, und so konnte es durchaus passieren, daß er ein Geschäft betrat um die Bücher einer Prüfung zu unterziehen und von einem lauten Lachen begrüßt wurde: 'Ja do schau her, dr Karli, griaß di! Was machschn DU do?'
Ja das merkten sie dann schon recht bald, was ER da machte. Grummel. Leider hatte sein Bruder Rudolf keinen Laden, den er prüfen konnte. Wäre eh nicht sein Einzugsgebiet gewesen, der wohnte viel zu weit weg, im Nordwesten Deutschlands.
Am 1. November fuhr Herr N. wie verabredet in die Stadt, um Rudolf mit Familie vom Zug abzuholen. Geparkt wurde vor dem Finanzamt, immerhin hatte er hiermit einen Vorteil den anderen Augsburgern gegenüber, die sich teuer ins Parkhaus stellen mußten wenn sie mit dem Auto in die Innenstadt wollten. Kaum war man losgefahren in Richtung Hotelturm, fing Rudolf schon wieder das Triezen an. 'Grüner wirds ned! Sag amol wo hosch denn du den Führerschein her? Vom Grabbltisch von dr Kaufhalle?' Herr N. beherrschte sich mühsam. Im Auto hatte er eh keine Waffen griffbereit. Leider. Manchmal wünschte er sich, er hätte die Gewehre des Vaters nach dessen Tod nicht beim Landratsamt abgegeben. Den Weiterbesitz ohne die vorgeschriebene Unbrauchbarmachung hätte er den Behörden gegenüber mit seinem Status als 'gefährdete Person' begründen können. Bei DEM Bruder. Doppelgrumpf!
Nachdem die Weitgereisten ihr Gepäck im Hotelzimmer verstaut und sich ein wenig frischgemacht hatten, traf man sich wie verabredet unten im Restaurant. Karl, Rudolf, dessen Frau Beate und Norbert, Rudolfs Sohn aus erster Ehe. Unverhofft war auch die verrückte Schwester dazugekommen. Obwohl niemand sie eingeladen hatte. Man munkelte, sie könne hellsehen. Fröhlich verteilte sie Süßigkeiten, die sie unterwegs in einer Verschenke-Kiste vor einem Haus gefunden hatte. Überbleibsel von Halloween. Niemand mochte so recht zugreifen.
Die Vorspeise wurde aufgetragen, man unterhielt sich über Belangloses, die Stimmung blieb friedlich. Der Hauptgang wurde als Wildragout-Töpfchen angekündigt und ansprechend garniert in einem ausgehöhlten Kürbis serviert. Man wünschte sich einen guten Appetit und Rudolf begann, die Kostbarkeit gierig in sich hineinzuschaufeln. Doch was war das? Hustend und prustend griff er nach seinem Wasserglas und trank es in einem Zug aus. Knallrot im Gesicht atmete er tief durch, aß aber tapfer weiter, um sich keine Blöße zu geben - nachdem es den anderen ausnahmslos gut zu schmecken schien wie er mittels heimlicher Seitenblicke festgestellt hatte. Keiner hustete, keiner lief rot an. Hatte man lediglich bei ihm den Pfeffer ins Essen fallen lassen oder was war da los?
Nur mit äußerster Beherrschung brachte Rudolf das Essen hinter sich, die Hälfte mußte er stehenlassen. Auf die Frage der Bedienung, ob es ihm nicht geschmeckt hätte, brachte er lediglich ein zittriges Lächeln zustande.
Wenn Beate, auf ihrem Weg zur Toilette, mitbekommen hatte, wie ihr Schwager Karl der Bedienung dankbar auf die Schulter klopfte und ihr einen gefalteten Schein zusteckte, so ließ sie sich nichts anmerken. Auch ihr war die Spannung zwischen den beiden Brüdern nicht entgangen.
Später am Grab, als man gemeinsam auf den Pfarrer wartete, der wedelschwingend durch die Reihen eilte, glaubte Rudolf, eine leichte Verschiebung der Marmorplatte zu beobachten. Eine strenge Stimme tönte aus den Tiefen des Grabes hervor und ließ ihn zusammenzucken: 'Rudolf, laß das Karlchen in Ruhe!'
Rudolf wischte sich den Schweiß von der Stirne, der ihm trotz des kühlen Novembertages auf die Stirne getreten war. Vielleicht sollte er einmal mit seinem Arzt reden. Beruflich kürzer treten. Schließlich war er bereits herzkrank, und niemand lebte ewig. Beschämt nahm er seinen kleinen Bruder am Arm und meinte vertraulich: 'Tut mir leid Karli, wenn ich mich heute mittag im Ton vergriffen habe, ich werde versuchen, mich zu bessern. Schließlich sehen wir uns so oft auch wieder nicht und wer weiß wie lange noch.' Sogar die verrückte Schwester bekam ein freundliches Lächeln, das diese aber nicht bemerkte, da sie mit dem Kopf wieder einmal völlig woanders war und obendrein kurzsichtig. Beate grinste leise in sich hinein. Ihr Mann war im Grunde doch ein guter Kerl. Auch wenn man manchmal ein wenig nachhelfen mußte.
Sonntag, 7. Dezember 2025
Engelshaar
Kaum jemand kann heutzutage mehr Stroh zu Gold spinnen. Auch Feldmann hatte nur eine vage Ahnung davon was er mit dem Spinnrad in seinem Kofferraum anfangen wollte, als er sich durch den Feierabendverkehr nach Hause quälte. Seit er begonnen hatte, den alten Stall umzubauen, fielen ihm die skurrilsten Deko-Objekte ins Auge und da es ihm an Geld nicht mangelte, griff er jedes Mal beherzt zu. Dabei war er mit dem Umbau noch lange nicht fertig.
Mittlerweile war es Dezember geworden, es wurde früh dunkel und die Nachbarschaft reagierte einigermaßen erbost wenn er spätabends (er arbeitete tagsüber in einer Autowerkstatt) noch mit Preßlufthammer und Schlagbohrer hantierte. Wer auf dem Land wohnte, tolerierte bestenfalls das Gackern von Hühnern, beim Hahnengeschrei hörte es schon auf und dann gar ein Landwirt, der bis 20 Uhr in seinem Stall wütete, daß man es in der gesamten Ortschaft hören konnte? Da war doch jegliche Vorweihnachtsstimmung sofort beim Teufel!
Dieser saß derweilen behaglich am Feuer und pulte sich die Heimatscholle aus dem Pferdefuß. Daß es am Land aber auch immer so schlammig sein mußte. Die Großmutter regte sich jedes Mal total auf wenn er den Dreck ins Haus trug aber ein Teufel mit Gummistiefeln? Also alles was recht ist! Demnächst würde sie ihn vielleicht noch zum Epilieren schicken weil er so haarte? Für solcherlei Kinkerlitzchen hatte er momentan wirklich keine Zeit! Dezember war immer furchtbar busy. Die Konkurrenz schlief nicht, gerade dann nicht, und er hatte alle Hände voll zu tun damit sich die Leute nur ja nicht allzu behaglich eingroovten und am Ende noch die kollektive Stimmungskurve auf ein Niveau anhoben, das sämtliche Weltzerstörer zu friedlichen Schäfchen mutieren lassen würde.
Da hieß es Konsumzwang anheizen, Neid und Eifersucht schüren, häusliche Gewalt eskalieren lassen und die Schwiegermütter dieser Welt auf neugebackene Familien zu hetzen. Fein war's! Aber halt auch viel Arbeit.
Sein aktueller Fall war besonders heikel. Der Mann war Nebenerwerbslandwirt und leider sehr katholisch. Was ihn aber nicht daran hinderte, einen geheimen Fetisch für Latex zu hegen und diesen dann und wann in düsteren Kellern auszuleben. Seine Freundin wollte davon nichts wissen und die Leute im Dorf DURFTEN davon nichts wissen. Was würde der Herr Pfarrer sagen? Da wäre es aus mit dem Vorlesen im Gottesdienst und auch mit dem Respekt der Kameraden von der Feuerwehr.
Der Teufel rieb sich genüßlich die Hände und beglückwünschte sich selber zu seiner genialen Idee, dem guten Mann eine perfekte Geliebte in den Weg geschubst zu haben, der er mittlerweile völlig verfallen war. Die junge Frau stand wie er auf Latex und verstand es obendrein, ihn so perfekt zu dominieren, daß er wie in Trance freiwillig vor ihr auf die Knie sank, ohne daß sie auch nur ein einziges Mal die Peitsche zu erheben brauchte.
Was für so manch anderen Menschen ein Glücksfall gewesen wäre - Traumfrau finden, mit langweiliger Freundin Schluß machen und fortan mit den Schmetterlingen im Bauch um die Wette flattern - war für den wackeren Landmann eine Höllenqual. Nach all den Jahren noch immer durch die Scheidung von seiner Ex-Frau traumatisiert (sie hatte sich mit dem Nachbarn getröstet weil er vor lauter Arbeit keine Zeit mehr für sie gehabt hatte) brachte er es nicht fertig, mit seiner Freundin Klartext zu reden. Die Traumfrau hatte mittlerweile auch keine Geduld mehr zu warten, bis der Herr Feldmann sich entschieden hatte. Sie wollte ihn ganz oder garnicht. Herr Feldmann litt. Er litt fürchterliche Qualen und der Teufel war ... fast könnte man sagen: im siebten Himmel. Wiewohl man ihn dort natürlich sofort wieder mit viel Gekreische und Oho hinausgeworfen hätte wie einen Nudisten aus dem städtischen Hallenbad.
Was dieses betraf, also das Hallenbad, war es dem Teufel ein stetiges Vergnügen, die Leute dort gegeneinander aufzubringen. Er stiftete Freundinnen an, zu fünft Schwimmen zu gehen, sich im Wasser so langsam wie möglich zu bewegen und selbstverständlich immer alle nebeneinander, so daß die anderen Schwimmer gezwungen waren, im Schneckentempo hinter ihnen herzupaddeln. Auch die Öffis waren ein Quell der Freude. Nervige Kleinkinder, die kreischend auf den Sitzen umeinanderkletterten während die Mutter scheinbar ungerührt auf ihrem Handy daddelte. Da hing der Unmut dann so dicht im Abteil, daß man ihn problemlos in Scheiben schneiden und zwischen zwei Semmerlhälften als Leberkäs hätte verkaufen können. Dann würden die Leute zusätzlich zum Tierleid auch noch gleich den Grant der Pendler mitessen. Ideen hatte er ja, der Teufel, das mußte man ihm lassen. Wirklich eine besondere Gabe, diese pure, unverfälschte Niedertracht und Bosheit!
Der Weihnachtsmann war eigentlich ein humorvolles Kerlchen, aber die Machenschaften des Gehörnten trieben ihm immer öfter den Schweiß auf die Stirn. So konnte man doch nicht arbeiten! Erst die Tage war Amor völlig entnervt nach Hause gekommen, und hatte kreidebleich und zittrig berichtet: ''Ich flieg so durch die Luft und such mir zwei Liebende, da hockt auf einmal der Irre da unten, einen riesigen Bogen im Anschlag und krakeelt: Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen, muhahaaaaaaaaaaa! Also des geht doch ned!'' Da mußte der Weihnachtsmann vorbehaltlos zustimmen: Des geht so wirklich ned!
Guter Rat war teuer und die himmlischen Kassen leer. Was brachte es, Hosianna singend Frieden verbreiten zu wollen, wenn die Leute davon überhaupt nichts mitbekamen sondern derweilen durch die erleuchteten Innenstädte zogen um ihr Weihnachtsgeld auszugeben, sich mit Glühwein vollsogen bis sie nicht mehr gradaus gehen konnten und sich nicht selten obendrein in eine vom Teufel inszenierte Schlägerei verwickeln ließen. Therapeutisch, sozusagen. Frust ablassen.
Auch an den armen Gestalten in den finsteren Ecken ging der Flitterzauber nicht ganz vorüber. Die fanden die Adventszeit prima weil den Leuten dann das Geld locker saß. Haste mal ne Maak? Die glotzten wenigstens nicht ständig aufs Handy weil sie keins hatten. Man war froh wenn noch Bier da war oder ein kleines Fläschchen mit Hochprozentigem. Das wärmte von innen und dämpfte den Schmerz.
Hier müßte man ansetzen, überlegte der Weihnachtsmann in seinen Bart hinein. Zwar sind auch hier einige wirkliche Dummköpfe dabei aber die meisten dieser Gestrandeten sind echte, ehrliche und sensible Menschen. Die ebendeshalb an dieser Gesellschaft gescheitert waren. Opfer der Bürokratie oder des kaputten Gesundheitssystems. Leute mit Feeling, denen nie jemand zuhören wollte. Sogar die meisten Sozialarbeiter hatten mittlerweile keine Zeit, keine Geduld, keinen Nerv auf Schnapsfahnengelalle. Als ob die immer gleichen Worthülsen besser wären, mit denen die sogenannten anständigen Leute sich Tag für Tag bewarfen. Sich gegenseitig Schmeicheleien umhängten nur um potentielle Angriffe abzuwehren, die dann mit einigen Tagen oder Wochen Verzögerung doch unverhofft hinterrücks stattfanden. Der Teufel wäre nicht er selbst wenn er dafür nicht sorgen könnte.
Kurz entschlossen sandte der Weihnachtsmann ein paar seiner Engel runter an den Königsplatz, an den Oberhauser Bahnhof, an den Keplerplatz, an den Floridsdorfer Bahnhof, an die Münchner Freiheit, um nur einige der Orte zu nennen, wo man immer jemanden antraf mit dem gemeinsam man sein Leid hinunterspülen konnte.
Es war ein Freitagabend. Die Menschen wollten nach Feierabend noch einkaufen und schubsten und drängelten sich dementsprechend ungeduldig und genervt durch die im Wege herumstehenden Trinker und Trinkerinnen. Diese ließen sich das mehr oder weniger passiv gefallen um der Polizei keinen Anlaß zu geben, sie zu vertreiben. Erst neulich war dem Hubert sein Schlafplatz von der Stadt mit so blöden Pfosten abgesperrt worden, so daß er seinen Schlafsack nicht mehr hinlegen konnte. Nun lag er eben weiter vorne bei der Treppe zur U-Bahn. Wo man ständig achtgeben mußte, daß niemand drauftrat. Das war nicht schön.
Leise mengten sich die Engel unter die Herumstehenden, verteilten Bier und Kekse und fingen vorsichtig Unterhaltungen an. Die Angesprochenen horchten auf. Was redeten die denn da? Das war doch unglaublich! Wollte man sie verhöhnen? Sie sollten nützliche Mitglieder der Gemeinschaft werden können?
''Geh kumm Oida, hau no a Hoibe her, den Schas konnst am Hean Pforra dazöön. Fia uns is da Zug o'gfoan. Uns wü kana. Seids a Sekte, ha? Mia homma ka Göd. Ned fia sowas. Und jetzt hau di iba die Heisa!''*
Sollte sich der Weihnachtsmann so getäuscht haben? Die Engel sahen sich an und schüttelten heftig den Kopf, daß die goldenen Haare nur so flogen. Und siehe da, drüben in der Ecke stand eine ältere Frau, die mit großen Augen die umherfliegenden Haare bestaunte. Echtes Engelshaar, heute auch für sie. Mutig machte sie einen Schritt nach vorn um die leuchtenden Fäden ehrfurchtsvoll einzusammeln. Was für ein Glanz! Und was für ein wunderschönes Gefühl einem da von den Händen mitten ins Herz fuhr, wenn man eins am Finger hängen hatte.
''Nehmt doch!'', bot sie die Haare den Umstehenden an. ''Nehmt ein Haar und fühlt den wahren Geist der Weihnacht. Besinnen wir uns auf den Grund, warum wir Weihnachten wirklich feiern.''
Gemurmel. Einige nahmen zögernd eins der leuchtenden Haare und blickten sich erstaunt um. Was für ein geiles Feeling! Viel besser als das gestreckte Zeug vom Eduard und tausendmal besser als der beste Wein vom Aldi. Was war denn da los?
Die Engel lächelten und zupften sich noch mehr Haare aus die sie an die vorbeieilenden Passanten verteilten. ''Das ist wahre Liebe'', erklärten sie. ''Deswegen feiern wir Weihnachten. Um uns daran zu erinnern, daß vor 2000 Jahren jemand auf die Erde kam, um uns diese Liebe zu schenken. So daß wir sie weitergeben können. Jeden Tag und immer. Ohne etwas dafür verlangen zu müssen. Einfach so.''
Natürlich gab es auch jetzt noch Menschen die sich nach wie vor in den Fängen des Teufels befanden und kopfschüttelnd weiterhasteten. Haare verschenken. So ein Schmarrn. Wahrscheinlich Friseurwerbung. Niemand gab irgendetwas umsonst. Da wären die ja schön blöd.
Doch die verdunkelten Herzen wurden weniger und weniger, immer mehr Lichtgestalten wandelten durch die Stadt und teilten ihre Verzückung mit anderen. Die Engel sahen sich an und lächelten. Sie wurden hier nicht mehr gebraucht. Der Anfang war gemacht. Mehr konnten sie nicht tun.
Fassungslos hockte der Teufel neben seinem Fernrohr und mußte hilflos mitansehen, was auf der Erde vor sich ging.
''So eine Unverschämtheit! Engelshaar verteilen! Das ist so UNGERECHT! Meine Haare will keiner haben, die drei goldenen hat man mir vor Jahrhunderten bereits geklaut und jetzt kommen diese Gröhlemeister von da oben und versauen mir das Geschäft mit ihren ungewaschenen Matten. Es ist unpackbar! Die FREUEN sich da oben. Und ich kann NICHTS dagegen tun! Oma! Mach mir mal 'ne Verbindung nach Rußland, ich brauch Verstärkung!''
Oma lag jedoch bereits in der Badewanne und war nicht willens, nur aufgrund einer Laune ihres schwefligen Enkels dieses selten gewordene Vergnügen aufzugeben. Seit überall nach Bodenschätzen gebohrt wird ist es in der Hölle auch nicht mehr so warm wie man allgemeinhin annimmt und der Energiesparzwang war schon lange auch dort unten angekommen.
Bis sie also endlich bereit war, ihre runzligen Zehen langsam aus dem Wasser zu strecken, ächzend aus der Wanne zu klettern, sich abzutrocknen und sich anzuhören, was man denn genau von ihr wollte, waren die Engelshaare bereits auf der gesamten Welt verteilt. Die Globalisierung macht's möglich. Als der Teufel schließlich jemandem vom Kreml am Apparat hatte, war es zu spät. Auch dort herrschte Verzückung und wahre Freude. Niemand war bereit, sich das boshafte Geschnarre aus der Unterwelt anzuhören.
Grantig warf der Teufel sein Wörterbuch Deutsch-Russisch ins Feuer. Hatte sich denn die gesamte Welt gegen ihn verschworen?
Offenbar. Die Menschen waren von ehrlicher Freude erfüllt, sie lachten sich an, Messer wurden lediglich zum Schneiden von Zwiebeln oder Kuchenstücken verwendet und sogar Herr Feldmann hatte es geschafft, sein Leben in Ordnung zu bringen. Er lebte fortan in friedlicher Eintracht mit seinen beiden Frauen. Da er nach wie vor die meiste Zeit mit Arbeiten verbrachte, hatten die beiden sich einander zugewandt und vermißten ihn kaum.
Das klingt alles wie ein Märchen. Ist es auch. Aber es wird nicht mehr lange dauern, da wird jemand die einzig wahre Liebes-App erfinden. Nicht zu verwechseln mit Dating Apps. Diese neue App wird dem steten Gedenken an die wunderbare Macht der wahren Liebe dienen. Und dann, Leute, DANN hat der Teufel wirklich verloren, denn gegen die wahre Liebe kommt selbst die teuflischste aller Gaben nicht mehr an. Wir müssen uns nur immer und immer wieder daran erinnern. Mit oder ohne App
*Na komm, gib noch ein Bier her, den Unsinn kannst du dem Herrn Pfarrer erzählen. Für uns ist der Zug abgefahren. Uns will keiner. Seid ihr eine Sekte, hm? Wir haben kein Geld. Nicht für so etwas. Und jetzt geh bitte wieder.
Sonntag, 30. November 2025
Zu spät
Als Hubert diesen neuen Auftrag bekam, war ihm zuerst ziemlich mulmig zumute. Sollte er ablehnen? Andererseits ... so lange war er noch nicht bei der Agentur um sich wählerisch zeigen zu dürfen. Er brauchte das Geld. Die Karriere beim SEK war leider unwiederbringlich vorüber. Ein Bulle mit einem kaputten Bein? Und Innendienst war wenig verlockend. Dann doch lieber selbständig. Aber den Gesellschafter einer alternden Dame zu geben nur weil die zu Geld gekommen war und eine Paranoia entwickelt hatte? Sie hatte sich ein Haus am Waldrand gekauft, mit Pool und allem Schnickschnack, und wollte sich nun zusätzlich zur Alarmanlage auch noch privaten Personenschutz leisten.
Freitag, 21. November 2025
Jugenderinnerung
Sonntag, 16. November 2025
In Augschburg isch immr was los
Als ich vor etwa drei Jahren während eines Augsburg-Besuchs an der Apotheke beim Dom vorbeiging stand einer dort vor der Eingangstüre und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Natürlich habe ich ihn nach all der Zeit nicht wiedererkannt, dachte mir nur: 'Was glotzt denn der so blöd?' und marschierte weiter. Keine fünf Minuten später überholte er mich auf dem Fahrrad und fragte, schüchtern, von der Seite: ''Marga??? I bins, dr Jonas.''






