Sonntag, 13. September 2026

Wenn der Teufel das Handtuch wirft


Das Knacken eines Astes ließ Agnes zusammenfahren. Hier draußen, im dichten Unterholz der Lechauen, klang jedes Geräusch wie eine Anklage. Nur ein paar hundert Meter hinter ihr ragte die mächtige Silhouette des Roten Tores in den grauen Augsburger Himmel – eine unbarmherzige Grenze aus Stein und Gesetz. Agnes zupfte sich hastig ein paar Kletten vom Saum ihres Seidenkleides. Wenn Jakob diese Spuren sah, war sie verloren. Schließlich hatte sie sich unter dem Vorwand aus dem Hause begeben, die Siechen bei St. Servatius zu besuchen und ihnen Lebensmittel zu bringen. Kletten kamen dabei nicht ins Spiel. Ihre Zofe Martha saß derweil auf einem Baumstamm, und bewachte den Trampelpfad. Ganz sicher dachte diese sich ihren Teil, doch etwas in Agnes war stärker als alle Vorsicht. Die süße Droge des Begehrt-Werdens vernebelte ihr Hirn und Verstand. Dieser Lohndichter Hans hatte eine Art zu schreiben, daß einem schwindelig werden konnte. Geschickt flocht er französische und italienische Wörter mit ein, naturalmente ti amo, principessa ... wer konnte da widerstehen?
'Agnes?', flüsterte eine Stimme aus dem Weidengebüsch. Hans trat ins matte Licht der Nachmittagssonne, die Haare zerzaust, die Augen voller Verlangen. In der Hand hielt er eine hölzerne Wachstafel. Mit eisernem Griffel hatte er im Schutz der Bäume hastig die Verse eingeritzt, die ihm die Gunst der reichen Dame sichern sollten – Worte, die er mit einem einzigen Daumenstrich wieder auslöschen konnte bevor die Stadtwache ihn überraschte. Mit leiser, doch melodischer Stimme begann er zu lesen ...

Jakob saß derweilen in seinem Kontor und brütete über den Büchern. Die Wachskerze flackerte im Luftzug des Fensters und warf unruhige Schatten auf die Zahlenreihen. Müde rieb er sich die Augen. Seit dieser Ungustl Florian in der Zunft in vorderster Reihe saß, gab es nichts als Ärger. Erst gestern hatte man ihm bei der Beschau drei Ballen feinsten Barchents abgelehnt weil die Wolle angeblich nicht rein genug sei. So ein Schmarrn! Bestochen waren diese Kerle und er würde seine Hand dafür ins Feuer legen, daß dieser Florian dahintersteckte.

Die Ehefrau neidete Florian ihm, dessen war sich Jakob sicher, hatte dieser doch dereinst selbst ein Auge auf sie geworfen gehabt. Doch entschieden hatte sich Agnes für ihn, Jakob, den schüchternen linkischen jungen Burschen, der er damals gewesen war. Agnes war eine wunderbare Frau und er liebte sie von Herzen. Doch er war ein Mann der Zahlen, des Gewichts und der Maße. Er verstand, wie man ein Geschäft führte. Von Herzensdingen hatte er keine Ahnung. Sein Vater hatte mit der Rute nicht gespart, hatte aus dem einst zartfühlenden Knaben einen Mann geschmiedet, der jegliche emotionale Regungen wohl zu verbergen wußte und das Leben stets unter rationalen Gesichtspunkten betrachtete.

Jedes Mal, wenn er Agnes ansah, wenn er ihren klugen, forschenden Blick spürte, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Er wollte ihr sagen, dass er stolz auf sie war. Dass er sie ehrte. Doch heraus kamen immer nur Fragen wegen des Personals oder der Kosten für das Mehl. 
Draußen auf der Gasse warfen die spitzen Giebel der Nachbarhäuser in der Oberstadt bereits lange, dunkle Schatten, als die schwere Haustür unten im Erdgeschoß endlich ins Schloß fiel.
Es war Agnes. Sie stellte die hölzernen Unterschuhe in die Ecke und stieg die hölzerne Treppe hinan. Ihre Zofe Martha huschte mit gesenktem Kopf direkt weiter in die Küche. Agnes betrat die Stube. Ihre Wangen waren gerötet von der frischen Herbstluft und sie wirkte seltsam aufgewühlt.
'Du bist spät, mein Herz', sagte Jakob, ohne aufzusehen, während er hastig eine Zeile im Kontobuch zu Ende schrieb. 'War das Elend im Siechenhaus heute so groß?' 
Agnes hielt den Atem an. Hatte Jakob etwas bemerkt? Sie strich sich über den Ärmel ihres Kleides, panisch hoffend, daß kein übersehenes Blatt aus den Auen genau in diesem Augenblick verräterisch vor den Augen ihres Ehemannes zu Boden fiel.
'Die Kranken brauchten viel Zuspruch, Jakob', antwortete sie, und ihre Stimme klang erstaunlich fest. Sie trat an den Tisch und blickte auf die Zahlenkolonnen ihres Mannes. 'Und die Wege vor dem Roten Tor sind beschwerlich um diese Jahreszeit. Überall Schlamm.'
Jakob nickte nur, legte die Feder beiseite und sah sie an. Er wollte so viel sagen. Er wollte fragen, wie es ihr ging. Stattdessen brachte er nur ein brummiges:  'Gut, dass du zurück bist. Die Stadt ist kein sicherer Ort für eine Frau, wenn die Dämmerung hereinbricht', heraus.
Agnes unterdrückte ein trauriges Lächeln. 'Immer nur Pflicht und Sicherheit', dachte sie bitter. Woher sollte sie wissen, daß Jakob nur aus purer Sorge so streng klang.
Sie wandte sich ab, um nach nebenan in ihre Gemächer zu gehen und ihre verstaubten Schuhe zu wechseln, als von unten plötzlich ein heftiges, rücksichtsloses Poltern ertönte. Jemand hämmerte gegen die hölzerne Eingangstüre, als brenne die Stadt.
Jakob fuhr hoch, Agnes erstarrte. Von unten erklang die schrille Stimme der Dienstmagd und  der wütende Baß des Pfarrers Melchior. Was wollte der denn jetzt noch um diese unchristliche Zeit? Wurde er daheim nicht satt, so daß er sich bei ihnen noch eine zusätzliche Mahlzeit ergattern wollte? Sie wusste genau, dass Melchior den schweren vinum alsaticum ihres Mannes schätzte. Doch die Schritte, das nun die Stufen heraufgestampft kamen, klangen nicht nach einem gierigen Gast. Sie klangen nach einem Jäger.
Die Stubentür flog auf. Die junge Magd Marie stolperte rückwärts herein, den Scheuerlappen wie einen Schutzschild vor sich hergetragen, dicht gefolgt von der wuchtigen Gestalt des Pfarrers. Seine schwarze Kutte roch nach Weihrauch und kaltem Schweiß.
'Jakob Weber!', rief Melchior, ohne Agnes auch nur eines Blickes zu würdigen. Er deutete mit dickem, anklagendem Finger auf sie. 'Gott hat mir die Augen geöffnet! Schaut sie euch an, Eure treue Ehefrau! Seht hin, wohin sie ihre sündigen Füße getragen haben!'
Verwirrt blickte Jakob auf die Schuhe seiner Gemahlin, als wäre dort ein Stadtplan aufgedruckt. 
Der Pfarrer machte einen schweren Schritt auf Agnes zu. Sein Atem ging rasselnd. Er blickte nicht auf ihr Gesicht, sondern starrte gebannt nach unten. Auf den Saum ihres Rockes. 
'Sie kommt nicht von ehrbaren Wegen, Jakob!', triumphierte Melchior, und Speichel trat ihm auf die Lippen. 'Sie war im Unterholz! In den wilden Lechauen, wo die Sünde wohnt! Ich habe sie gesehen, wie sie sich mit dem verarmten Reimeschmied, dem Lohndichter Hans, im Gebüsch herumgetrieben hat! Sie treibt Unzucht hinter Eurem Rücken, während Ihr hier für Euer Brot schuftet!'
Jakob erstarrte. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Er blickte von dem schnaubenden Pfarrer zu Agnes. 
Agnes spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror. Sie sah die Weidenknospe, die an ihrem klammen Lederschuh pickte, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, das Schafott vor sich zu sehen. Sie sah den Pfarrer an – seinen roten Kopf, seine gierigen Augen – und plötzlich kam ihr die rettende Eingebung, ob von Gott höchstselbst oder den Geistern des Waldes, wer weiß das schon so genau.
Sie tat einen langsamen, fast provokanten Schritt nach vorn.
'Ihr habt Euch wohl im Maß des Weines geirrt, den Ihr heute Mittag getrunken habt, Hochwürden', sagte Agnes, und ihre Stimme schnitt wie ein frisch geschliffenes Messer durch den Raum. 'Ihr redet wirres Zeug. Mein Mann weiß ganz genau, wo ich war. Ich war am Schäfflerbach bei den Siechen von St. Servatius, um ihnen die Brote zu bringen, die Jakob gestiftet hat.'
'Lüge! Ketzerei!', brüllte der Pfarrer so laut, daß man ihn problemlos bis nach Schwäbisch Gmünd hätte hören können. Er hob die Hand, als wolle er sie auf der Stelle verfluchen. 'Ich habe Euren hochmütigen Gang genau erkannt! Ihr wart im Wald! Ihr wart nicht bei den Siechen!'
Agnes trat an die Truhe am Fenster, in der sie ihre Handarbeiten aufbewahrte. Unter den Leinenstoffen lag ein Buch. Ein schweres, in dunkles Leder gebundenes und mit Messing beschlagenes Buch, das sie wie ihren Augapfel hütete. Sie zog es heraus. 'Ihr solltet vorsichtig sein, wen Ihr hier der Lüge bezichtigt, Pfarrer Melchior. Denn wer falsches Zeugnis redet gegen seinen Nächsten, der bricht das Gesetz. Und Ihr brecht es nicht nur hier in unserer Stube, Ihr brecht es jeden Sonntag auf Eurer Kanzel.'
Das schwere Buch knallte mit einem dumpfen Ton auf den Eichentisch, direkt neben Jakobs Kontobücher.
Pfarrer Melchior wich einen Schritt zurück, als hätte Agnes eine Giftschlange auf den Tisch geworfen. Sein Blick heftete sich auf die geprägten Messingbeschläge des Einbands. 'Das... das ist...', stammelte er, und zum ersten Mal mischte sich echtes Entsetzen in seine Stimme.

 'Das ist das Wort Gottes, Hochwürden', sagte Agnes kühl. Sie schlug das Buch mit sicheren, geübten Griffen auf. Die kunstvollen Lettern des Augsburger Druckers Günther Zainer schimmerten im Kerzenlicht. 'Auf Deutsch. Damit auch wir Frauen verstehen, was der HERR wirklich gesagt hat, wenn Ihr es schon nur auf Lateinisch hinter dem Altar murmelt.'

Jakob starrte auf das Buch mit einem Gefühl, als habe sich der Boden unter ihm aufgetan. Eine deutsche Bibel im Haus zu haben, war Ketzerei. Es konnte seine Familie das Vermögen kosten, wenn nicht gar das Leben. Er sah Agnes an, und in seinen Augen lag keine Wut, sondern ein tiefes, fassungsloses Staunen über den Mut seiner Frau.

'Am letzten Sonntag', fuhr Agnes fort und strich über die rauhe Seite des Hadernpapiers, 'habt Ihr von der Kanzel herab gebrüllt, dass das Weib die Wurzel aller Sünde sei. Ihr habt den braven Bürgern Angst eingejagt, indem Ihr behauptet habt, der Teufel säße in unseren Stuben. Ihr habt sie aufgefordert, mit Fingern auf jene zu zeigen, die angeblich Gottes Zorn über Augsburg bringen. Ihr habt die Meute aufgehetzt, bis sie am Kirchenausgang fast eine arme, unbescholtene Witwe gesteinigt hätten, nur weil ihr Schleier verrutscht war.'

Sie fixierte den Pfaffen mit scheinbar unerschrockenem Blick während sie innerlich vor Angst bebte. 'Aber hier steht etwas ganz anderes. Im Evangelium des Johannes, im achten Kapitel. Wollt Ihr hören, was Christus zu den Pharisäern sagte, die ihm eine Frau brachten, die beim Ehebruch ertappt worden war? Die sie steinigen wollten, so wie Ihr mich jetzt an den Pranger stellen wollt?'

Agnes blickte nicht einmal mehr auf den Text. Sie wusste die Worte auswendig, weil sie sie in schlaflosen Nächten immer wieder gelesen hatte.

'Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie', sprach sie, und ihre Stimme erfüllte die ganze Stube. 'Das hat der HERR gesagt, Melchior. Er hat sie nicht verdammt. Er hat die Heuchler weggeschickt, die sich an der Schande anderer ergötzen wollten. Genau wie Ihr es tut.'

Der Pfarrer schnaubte, doch das Rot in seinem Gesicht wich einem aschfahlen Grau. 'Das... das ist eine falsche Übersetzung! Eine Ketzerei! Der Rat wird Euch...'

'Der Rat wird gar nichts', unterbrach ihn eine tiefe, ruhige Stimme.

Jakob war aufgestanden. Er war kein Mann der großen Reden, doch jetzt baute er sich in seiner ganzen Größe vor dem Schreibtisch auf. Seine Hand wanderte langsam, aber entschlossen auf die Schulter seiner Frau. Er drückte sie sanft – ein stummer, unumstößlicher Schwur.

'Hochwürden', sagte Jakob, und seine Stimme war so fest wie die Barchentballen in seinem Lager. 'Ihr werdet dieses Haus jetzt verlassen. Und Ihr werdet kein Wort über meine Frau oder dieses Buch hier verlieren. Denn wenn Ihr es tut, werde ich dem Bischof melden, dass unser Herr Pfarrer seine Zeit mit unkeuschen Gedanken im Unterholz der Lechauen verbringt um dort ehrbaren Bürgersfrauen nachzuspionieren, und obendrein am Sonntag Gottes Wort auf der Kanzel verfälscht. Mal sehen, wen die Augsburger zuerst aus der Stadt jagen.'

 Melchior öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Die Falle war zugeschnappt. Er sah in Jakobs unnachgiebige Augen, dann auf Agnes, die die Hand noch immer auf der verbotenen Bibel hatte. Zähneknirschend, die Faust in der Kutte geballt, wandte sich der Pfaffe um und rauschte ohne ein weiteres Wort aus der Stube. Seine schweren Schritte polterten die Treppe hinab, bis unten das große Haustor mit einem dumpfen Knall ins Schloß fiel.

Agnes atmete zittrig aus und sah zu ihrem Mann auf. Jakob stand noch immer da wie ein Fels, die Hand fest auf ihrer Schulter. Er blickte auf die verbotene deutsche Bibel hinab, dann in das Gesicht seiner Frau. Er verstand vielleicht nichts von Liebesgedichten, aber in diesem Moment begriff Jakob eines ganz genau: Seine Frau war ihm an Klugheit, Mut und theologischer Schärfe haushoch überlegen. Es war ihm ein absolutes Rätsel, wie er es jemals hatte wagen können, ihr Vorschriften zu machen. Insgeheim hatte er in diesem Moment vor dem scharfen Verstand seiner Agnes weitaus mehr Angst als vor dem Pfarrer, dem Bischof und dem leibhaftigen Teufel zusammen.
'Ein schönes Buch', brummte Jakob schließlich, räusperte sich und klopfte ihr ungeschickt, aber unendlich sanft auf die Wange. 'Laß es nicht offen herumliegen, mein Herz. Das Abendbrot wird kalt.'
Agnes starrte ihn an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen – nicht aus Angst, sondern vor tiefer, unbändiger Rührung. In diesem einen ungeschickten Satz lag mehr echte Treue und Liebe, als der Lohndichter Hans jemals auf all seine Wachstafeln hätte kratzen können. In diesem Moment traf sie einen Entschluß: Die Venusfahrt war vorbei. Sie brauchte keinen Poeten im Wald. Sie hatte ihren Jakob. 'Ich liebe dich, und nur dich allein!', brach es aus ihr hervor und sie meinte es in diesem Moment absolut ehrlich und ernst.
Draußen vor dem Haus, im Schatten des Nachbargebäudes, drückte sich Hans der Lohndichter in die Mauerecke. Er hatte durch das offene Fenster jedes Wort gehört. Als er begriff, daß Agnes ihn für diesen steifen Tuchhändler aufgab, stieg kalte Wut in ihm hoch. 
Getrieben von verletztem Künstlerstolz, dachte er an die Worte des Pfarrers: 'Der Teufel sitzt in unseren Stuben.'
'Wenn der Pfaff recht hat', knurrte Hans und trat auf die dunkle Gasse hinaus, 'dann hole ich mir die Agnes eben mit Hilfe der dunklen Macht zurück. 
'Teufel!', rief er halblaut in die Nacht. 'Hörst du mich? Ich schließe einen Bund mit dir! Gib mir die Angebetete zurück, und meine Seele gehört dir!'
Es tat einen dumpfen Schlag, Rauch stieg aus dem Rinnstein auf, und mit einem hämischen Lachen materialisierte sich eine gehörnte Gestalt im fahlen Mondlicht. Der Teufel höchstselbst grinste Hans an, bereit, den Vertrag mit Blut zu besiegeln.
Doch bevor Hans auch nur die Klinge ansetzen konnte, um sich den Finger zu ritzen, blitzte ein gleißendes, rosa-goldenes Licht auf. Die Luft roch plötzlich nach Patchouli und absolutem Kontrollverlust. Mitten auf dem Augsburger Kopfsteinpflaster stand eine weibliche Gestalt – strubbelige Haare, die Krone schief im Gesicht und sichtlich genervt davon, daß sie schon wieder einmal bei einem bahnbrechenden Ereignis übergangen worden war.
'Nichts da!', kreischte die dreizehnte Fee (denn um diese handelte es sich bei der irrlichternden Gestalt) und schwang wild ihren Zauberstab umher. 'Hier wird überhaupt kein Bund geschlossen! Ich verwünsche dich, du gehörnter Sündenmolch! Zurück in die Hölle mit dir, und nimm deinen Reimeschmied gleich mit!'
Sie feuerte eine Ladung magischen Glitzers ab, die dem Teufel die Barthaare versengte. Der Fürst der Finsternis, der mit vielem gerechnet hatte, aber nicht mit einer amoklaufenden Märchenfee im Augsburg des Jahres 1500, jaulte jämmerlich auf. Er zog hastig den Schwanz ein und floh in riesigen Sätzen über die spitzen Dächer der Stadt hinweg in die Ferne. Hans blieb mit offenem Mund auf der Straße stehen und verstand die Welt nicht mehr.
Während der Teufel im Flug das Jakobertor passierte, blickte er grimmig über die Schulter auf die reiche Handelsstadt zurück. Er rieb sich die angesengte Oberlippe und murmelte voller Verachtung in seinen verbliebenen Bart:
'Weiber. Pfaffen. Und durchgeknallte Feen. Mir reicht’s mit diesem Mittelalter-Schmarrn. Im nächsten Leben mache ich es schlauer: Da werde ich Banker, gründe ein Kontor gleich hier um die Ecke bei den Fuggern, und dann können sie alle mal schauen, wer am Ende wirklich die Seelen einsaugt!'

Die historische Detailrecherche erfolgte in Zusammenarbeit mit einer KI, denn leider kann ich mich aufgrund meines schlechten Gedächtnisses nicht an alle Einzelheiten meiner früheren Leben erinnern ;-)

Sonntag, 16. August 2026

Ein gemütlicher Sonntagvormittag


Angefangen hatte alles damit, daß ich wegen des bevorstehenden Umzugs ein Foto von der Gästematratze und der Kirschkernunterlage im Wohnzimmer machen wollte. Für Kleinanzeigen. Zum Verschenken. Alter, war das Teil schwer. Also die Kirschkernunterlage. Hab ich mal in Grödig gekauft. Das ist südlich von Salzburg und ich bin auf meinen Spaziergängen immer wieder mal dort vorbeigekommen. 'Schlaraffenland' stand groß über der Türe. Aber wer sich nun einen Feinkostladen vorstellt mit Wein, Käse und anderen erlesenen Leckereien, der liegt falsch. Naturtextilien gab es dort. Alles vom Feinsten. Aus purer Neugierde hab ich mir diese Kirschkernunterlage gekauft. Aber nie benutzt. Viel zu hart. Hätte ich wohl mal probeliegen sollen vorher. Nun soll sie also verschenkt werden. Mühsam zog ich das schwere Teil von der Gästematratze und klappte diese hoch. 

Waaaaaaaaaaaaaaah! Panik! Alles voller Exuvien! Motten! Wie eklig! Hatte mich schon gewundert. Immer wieder fand ich so ein Vieh durchs Licht torkeln, hatte aber niemals herausfinden können, wo die herkamen. Ok, jetzt wußte ich es. Lebten glücklich und zufrieden in der Matratze mit dem weinroten Bezug. Die da seit 7 Jahren am Boden gelegen war. Pfui bah! Absaugen war unmöglich, also schnitt ich die Matratze in drei Teile und schleppte diese nacheinander die 3 Stock ohne Lift hinunter, zum Mülltonnenhäuschen. Als ich mit dem dritten Teil angekeucht kam, war dort drinnen grad ein Mann beschäftigt. Der kam raus, sah mich und erklärte mir, daß ich Schaumstoff aber nicht in den Restmüll geben dürfe, sonst müsse man ein Bußgeld bezahlen. Das sei Sperrmüll. Oh. Fuck! Panik! Die Leute im Haus konnten mich nicht ausstehen, das würde Ärger geben. Was tun? Na, das was ich immer mache wenn ich nicht weiter weiß: Ich fragte die KI. 

Diese gab mir den guten Rat, einen Freund zu bitten, mir die Teile doch zum Wertstoffhof zu fahren. Ja, witzig. Seit wann hab ich Freunde? Ja, dann könne ich die Matratzenteile ja in einen Müllsack wickeln damit die Viecher nicht auskommen, und im Keller aufheben bis ich eine Lösung gefunden hatte. Ok, gute Idee, ich also rauf, Müllsäcke geholt. Natürlich waren die Matratzenteile zu breit. Nur wenige Millimeter aber halt zu breit. War irgendwie klar. Nicht mein Tag heute. Also halt wieder raufgerannt, Schere holen, und die Säcke an der Seite aufschneiden. Dann ging's.

Voller Triumph schleppte ich die Pestmatratzen zu meiner Kellertüre. Doch das Ende der Tragik war noch nicht erreicht. Ich griff nach dem Schlüsselbund und erstarrte: Der Kellerschlüssel war weg! Das durfte doch nicht wahr sein! Eigentlich hab ich eh zwei, aber den zweiten hatte ich wenige Tage zuvor meinem Makler gegeben. Nachdem ich ihn endlich wieder gefunden hatte. Der war nämlich ebenfalls verschwunden gewesen, nachdem ich ihn einer Nachbarin gegeben hatte, damit sie in meiner Abwesenheit (mußte nach Augsburg wegen der anderen Wohnung) den Keller aufsperren kann für irgendsoeine Begehung. Sie hatte mir den auch ganz lieb wieder auf eine Karte geklebt wieder in den Briefkasten geworfen, aber dann war die Karte weg gewesen. Hab sie aber wieder gefunden beim Aufräumen. Lag ganz im Eck bei den Stiefeln. Wie die da wohl hingekommen sein mag? Egal. Nun war jedenfalls der erste der beiden Schlüssel weg. Die Bändchen, mit dem er am Schlüsselring befestigt war, war wohl schon ziemlich marode gewesen und daher gerissen. 

Ich wieder Panik. Was mach ich jetzt? Wenn ich die Matratzen einfach im Gang stehen lasse dann gibts hundertpro Streß mit den Spießern, die Verwaltung war eh schon grantig auf mich und der Beirat hielt mich seit Anbeginn für einen Volltrottel. Bin ich aber keiner. Bissl ein zerstreuter Tollpatsch vielleicht, aber kein Trottel!

Bin also wieder raufgesaust in die Wohnung und hab den Schlüssel gesucht. Erst diesen Morgen hatte ich den Schlüsselbund im Rucksack gehabt. Hoffnungsvoll öffnete ich den Reißverschluß. Nee, nix. Alles mögliche drin, sogar eine Ersatz-Tintenpatrone für meinen Füller, aber kein Kellerschlüssel. Ins Schlafzimmer gerast, die Hose aus dem Haufen am Boden rausgesucht die ich zuletzt angehabt hatte, in die Hosentasche gelangt: YEAH! Da war er! Freudig den gehobenen Schatz in der Hand bergend rannte ich wieder runter in den Keller, öffnete das Schloß und trug die Mistmatratzen in mein Abteil. Puh. Geschafft.

Nie mehr würde ich mich über die armen kleinen Spinnen echauffieren die ich ab und an in einer Ecke meiner Wohnung antraf. Tausendmal lieber eine Spinne als diese widerlichen Mottenviecher!

Eigentlich hatte ich ja nur möglichst viel Besitz loswerden wollen, um im neuen Heim sorglos, leicht und voller Frohsinn neu zu beginnen. Das mit dem „leicht“ hat nach gefühlten dreißig Stockwerken Treppenlauf jedenfalls schon mal geklappt – ich habe heute sicher zwei Kilo an Gewicht verloren ;-)














Sonntag, 9. August 2026

Das Projekt Anti-Weps (Sepp 13)

'Nein, leider, das war kein Schmäh. Bin selber noch ganz erschlagen davon und hab's auch noch niemandem erzählt. Außer dir halt. Aber danach hätte ich mir die Zunge abbeißen mögen. Schließlich wollte ich nicht, daß gerade du mir wegen des Geldes Zuneigung vorspielst, wo keine ist. A propos Zuneigung, wo wir grad dabei sind uns auszusprechen: Wer ist denn das junge Ding mit dem du neulich heimgekommen bist? So eine angemalte Person? Ich hatte geglaubt das ist deine Freundin?'

'Geh Kati, ich hab dich doch schon mögen, da hast mir noch garnix g'sagt g'habt von dem Lotto und ich hab wirklich gedacht du machst Spaß. Ja und das junge Ding, das ist meine Nichte. Also die Tochter von meinem Bruder. Die freut sich jetzt total, daß ich wieder hier in Deutschland bin und wir uns öfters sehen. Angemalt ... ja das ist sie leider. Hat noch nicht so recht ihren eigenen Stil gefunden und ihre Mutter ist ihr diesbezüglich kein gutes Vorbild. Aber ich bin zuversichtlich, schließlich hat sie auch meine Gene und von mir laßt sie sich auch eher was sagen. Aber hör mal, wieso arbeitest du denn noch wenn du jetzt so reich bist? Ich glaub an deiner Stelle wär ich schon lang irgendwo an der Sonne statt hier im frostigen München. Obwohl mir das natürlich SEHR RECHT ist, daß du hier bei mir bist. Ohne dich würd ich immer noch im Knast hocken. Ach Kati, geh her ...'

Liebevoll nimmt er mich in den Arm und streichelt mir mit seinen - mittlerweile gewaschenen - Händen über den Rücken. Ich gucke verlegen Richtung Spülbecken und jetzt verstehe ich auch, warum es so nach Kaffee riecht. Sepp hat angefangen, Kaffeebohnen zu zerstoßen. Seltsames Hobby.

'Sag, was hast denn mit dem Kaffee da vor? Wir können fei schon eine Kaffeemühle kaufen wennst eine brauchst gell!' 

Sepp grinst. Wie ich dieses Grinsen vermißt habe! Mein Herz schmilzt dahin und meine romantische Seite kommt langsam wieder aus ihrem Kellerloch. Wie es wohl wäre, ihn zu küssen? In diesem Moment überfällt mich mit einem Schlag die Komplexizität der Situation. Küssen. Sex. Waaaaaaaaaaaah! Was mach ich jetzt, wie sag ich es ihm, daß ich damit zeit meines Lebens Probleme hatte?

'Also wegen dem Kaffee,' unterbricht Sepp meine düsteren Gedanken. 'Hab mal wo gelesen, daß die Viecher den Duft nicht ausstehen können. Also Ameisen, Mücken und auch der Weps. Und du hast mir doch erzählt, daß du nicht am Balkon draußen sitzen magst weil dann immer gleich der Weps kommt. Da hab ich mir gedacht, wenn wir so Schälchen mit Kaffeeknurpsel aufstellen und immer heißes Wasser nachgießen, dann haben wir da draußen unsere Ruhe, können im Sommer am Abend draußen die frische Brise genießen statt in der Wohnung zu schwitzen. Und das wollt ich jetzt einfach mal ausprobieren. Noch ist es eh zu frisch draußen aber ich hab gestern auf der Wiese unten schon Bienen fliegen sehen, da ist der Weps sicher auch nicht mehr weit.

Ich bin gerührt. Was für ein liebenswerter Junge er doch ist! Aber es hilft nix, das Geständnis muß einmal gemacht werden und besser früher als zu spät. 'Sepp, ich muß dir was sagen. Der Weps ist nicht das Einzige vor dem ich Angst habe.'

'Vor was denn noch? Spinnen?', lacht Sepp fröhlich. 'Naja, die müßt ich jetzt auch nicht grad im Bett sitzen haben.' 

'Ja, das Bett. Um das geht es. Ich war seit 2001 mit niemandem mehr im Bett und das lag nicht an mangelnden Gelegenheiten. Es geht einfach nicht mehr. Und jetzt ... wir beide ... das kann nur schief gehen. Ich habe Angst! Angst, daß du dich von mir abwendest wenn ich nicht Frau genug bin für die Ansprüche eines Mannes. Und dann ist wieder was kaputtgegangen. Aber ich möchte nicht, daß das zwischen uns kaputt geht. Dafür ist es zu kostbar. Jetzt darfst auch was sagen.'

'Ach Kati! In unserem Alter muß man sich doch keinen solchen Streß mehr machen. Das Wichtigste ist doch, daß man sich vertraut und sich lieb hat. Und daß das bei uns der Fall ist, haben wir, glaub ich, beiderseits ausreichend geklärt.' Wieder drückt er mich zärtlich an sich und ich fange an, mich marginal zu entspannen. 

'Ich geb ja zu,' fährt er leise fort, und zieht mit seiner Nase verlegene Kreise durch meine verstrubbelten Haare, 'daß das mit dem Fensterln nicht die allerbeste Idee für ein erstes Kennenlernen war. Ich war halt schon immer eher der impulsive Typ, der Dinge einfach gemacht hat, ohne groß darüber nachzudenken. Das mit dem Knast jetzt hat mich aber schon ziemlich geschockt und auch ein wenig reifen lassen, auch wenn ich dank deiner Intervention relativ schnell wieder rausgekommen bin. Ich freu mich jedenfalls auf eine wunderschöne Zeit mit dir, die so lange wie möglich andauern soll! Ich bin mir sicher, daß wir eine totale Freude miteinander haben werden. Und, also ned bös sein jetzt, aber ich hab den Eindruck, daß du jemanden brauchen kannst, der dir ein bissl zur Seite steht und auf dich aufpaßt, und ich würd das total gerne übernehmen. Und was das Bett betrifft: So ein Bett ist ja kein Sportgerät. Da kann man sich doch auch einfach reinlegen und eineinanderkuscheln. Da muß man keine Liegestütze machen. Mir samma ja ned beim Bundesheer.'

Ich muß laut lachen. Dann fange ich an zu heulen. Muß mich schneuzen. Fasse mich wieder und sehe ihn ernst an: 'Das war wirklich eine sehr beeindruckende Rede und ich freu mich total über alles was du gesagt hast. FAST alles. Was soll das heißen, daß ich jemanden brauche, der auf mich aufpaßt??? Ich bin Zweiundsechzig! Oida!'

In diesem Moment gurgelt der Wasserkocher los und kündigt mit einem lauten PFLOPP an, daß das Wasser jetzt heiß wär. Sepp will wohl beweisen, was für ein großartiger Beschützer er ist, greift mit einer schwungvollen Bewegung nach dem Wasserkocher und verkündet stolz: 
'So, und jetzt startet das Projekt Anti-Weps!', blickt mir dabei tief und verliebt in die Augen – und gießt den Schwall kochendes Wasser im dämmrigen Küchenlicht ...  direkt auf das Sparschwein das neben der Spüle steht. 'Haha, was wird das? Geldwäsche?' Meine Heiterkeit verdrängt jegliche Rührung und ich lache laut heraus: 'Hast jetzt deine kriminelle Energie entdeckt, was? Brauchen wir bald wieder 'nen Anwalt?' Sepp lächelt verlegen und stellt den Wasserkocher wieder auf seinen Platz. Wir sehen uns in die Augen und genau in dem Moment, in dem ich denke, wir werden uns jetzt vielleicht küssen, zieht der erste, verirrte Frühjahrs-Weps durch das offene Fenster schnurgerade in Sepps weite Boxershorts. Der romantische Augenblick endet in einem wilden, bayerischen Tänzchen quer durch die Küche, während ich vor Lachen mittlerweile auf dem Boden liege.
'Da wär aber noch was,' bemerke ich, nachdem der Weps erfolgreich vertrieben ist und wir uns wieder eingekriegt haben. Ich wische mir die Lachtränen aus dem Gesicht und suche nach Worten. Sepp sieht mich besorgt an und ich beruhige ihn: 'Keine Angst, ned wegen uns. Es ist so: Ich war doch neulich in Stuttgart. Dachte ich kann jetzt wieder unbeschwert wegfahren so wie früher, weil ich mir gute Hotels leisten kann wo niemand rumschreit, einfach Job hinschmeißen und reisen wohin die Nase mich führt ... aber es hat mir alleine absolut keine Freude mehr gemacht, mir sinnlos die Beine krummzuhatschen, und dann hatte ich dieses seltsame Erlebnis ...' Stockend erzähle ich von der Begegnung mit dem alten Mann im Antiquitätenladen und seiner Zauberkugel. In der ich ihn gesehen hatte, wie er wegen mir seinen Mitbewohner zusammenscheißt, worüber ich mich narrisch gefreut hatte und weswegen ich dann nach Hause geeilt war um eine Aussprache zu suchen und erfahren mußte, daß man ihn verhaftet hatte wegen dem Wappler.

'Jedenfalls hat der alte Mann gesagt, sobald ich das mit dir geklärt hätte, sollte ich wiederkommen. Naja und geklärt haben wir es ja. Das mit uns. Daß wir uns total liebhaben und zusammensein wollen. Aber wie soll ich das jetzt machen, mit Stuttgart? Du hast grad deinen neuen Job angetreten von dem ich dich doch jetzt nicht gleich wieder wegreißen kann. Aber wenn du jeden Tag ins Klinikum mußt, dann bin ich wieder alleine unterwegs. Das wär doch blöd. Allerdings hätt ich da so eine Idee. Natürlich nur wenn du einverstanden bist. Ich könnte dich als Chauffeur einstellen. Dann bist du ordnungsgemäß beschäftigt, so mit Krankenversicherung und allem, aber natürlich müßtest nicht wirklich arbeiten, weil wir fahren ja eh zusammen wenn wir wohinfahren, das geht dann in einem. Mit dir würde mir das Reisen wieder Spaß machen. Allerdings find ich Autos eigentlich blöd. Kosten ein Heidengeld und dann ist immer unten Rost dran. Andererseits ist eins der Haupthindernisse beim Reisen das, daß die Leute im Zug immer so laut sind. Selbst wenn ich mich in einen Ruhewagen setze, falls überhaupt einer vorhanden ist. Mit dir zusammen wäre alles viel schöner, egal ob im Zug oder auch mal im Auto. Schließlich können wir nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, Obst essen oder Chili con Carne und Fernseh gucken. Heinz Erhard beispielsweise. Ein Reh, ein Reh, nein, ein Contra ... ich hab nicht einmal einen Fernseher ... und für dich wär das dann aber auch wieder blöd. Das klingt so nach Klischee und Adelsroman: Die Frau von und zu hat ein Verhältnis mit ihrem Chauffeur ... hmpfmblgrmpf ...'

Sepp steht lachend vor mir und hält mir den Mund zu: 'Kati bitte, mach dir doch ned so einen Kopf jetzt! Wir fahren morgen gleich in der Früh zusammen nach Stuttgart und schauen, ob der Laden überhaupt noch da ist. Du hast ja erzählt der war weg wie du noch einmal reinschauen wolltest. Vielleicht ist er immer noch weg, dann hat sich das eh erledigt. Und weil Samstag ist, fahren wir mit dem Zug, die Autobahn ist bestimmt bummvoll. Und dann schau mer mal. Der Mann kann ja nicht verlangen, daß du den Rest deines Lebens in seinem Laden verbringst. Das kann der nicht gemeint haben, da steckt sicher was anderes dahinter. Mich macht das schon auch neugierig. Fahren wir hin, fragen wir ihn! Komm, wir schauen gleich einmal nach einem schönen Hotel, und keine Angst, ich bestehe nicht auf einem Doppelbett ...' Wieder grinst er und ich bin hingerissen. Was für ein wunderbarer Mann. Ich freue mich auf unsere erste gemeinsame Reise ...









Sonntag, 2. August 2026

Der Rest der Ewigkeit

Erschöpft wischte ich mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Die Räumerei war anstrengend. Ich hatte die Sichtung des Kellers allerdings nun lange genug vor mir hergeschoben. Der Umzug sollte übernächste Woche stattfinden und hier standen noch jede Menge Kisten herum, von denen ich nicht einmal ansatzweise wußte, was sie eigentlich enthielten. Vielleicht war ja doch noch was dabei, was ich brauchen könnte? Immerhin mußte ich die alten Bretter und das andere sperrige Zeug nicht selber fortschaffen, die würden vom Umzugsunternehmen abgeholt und anschließend fachgerecht entsorgt werden.

Kurzsichtig blinzelte ich in ein relativ unbeleuchtetes Eck. Was stand denn da für eine weiße Tüte herum? Die war mir bisher noch nie aufgefallen. Altes Bettzeug? Kann weg. Forsch trat ich näher ... und erstarrte. Das war keine Tüte, auch kein Bettzeug. Das war ... ein Geist?
Mein Magen zog sich zusammen, meine Gedanken rasten. Hatte der jahrelange Benzodiazepin-Gebrauch nun doch mein Resthirn völlig vernebelt? Angestrengt starrte ich das Häuflein Elend an, das mich seinerseits verschreckt von unten anblickte.

'Sorry,' fiepte der Geist, 'bitte nicht erschrecken jetzt, ich bin's nur, eins einer alternativen Ichs. Ich kann alles erklären!'

Gefangen in einem Gefühl absoluter Surrealität ließ ich mich auf einen der herumstehenden Hocker fallen. 'Erklären. Ja. Erklären ist gut. Alternatives Ich? Und wieso als Geist hier im Keller? Aber gut, wenn du mich im Schlafzimmer aufgesucht hättest, hätt ich wahrscheinlich einen Herzinfarkt gekriegt. In einem Keller rechnet man ja eher mit ... sagen wir mal ungewöhlichen Vorkommnissen. Aber wer bist du jetzt wirklich und was machst du hier?'

'Nun, ich bin, wie gesagt, ein alternativer Lebensentwurf von dir,' fuhr der Geist nun mit deutlich kräftigerer Stimme fort. 'Hast du dich nicht schon öfters einmal gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du hättest studieren können? Wenn du mehr Geld gehabt hättest und andere Bekannte?'

Ich war platt. Hatte ich doch tatsächlich immer wieder mit der Tatsache gehadert, daß ich es aufgrund meiner Dyskalkulie nicht bis zur Matura geschafft hatte und mir sogar das fachgebundene Abitur an einer Fachhochschule durch die Sturheit meines Vaters versagt geblieben war. Dieser hatte mich gegen meinen Willen im Zweig Wirtschaft, Recht, Verwaltung angemeldet. Die einzige Wirtschaft die ich im Laufe dieser beiden Jahre studiert hatte, war die Eckkneipe bei der Gögginger Brücke gewesen, in der sich skurrilerweise auch mein Lieblingslehrer gerne aufgehalten hatte. Kunststück. Damals in Augsburg gab es nach 1 Uhr nachts nur diese eine Kneipe, in der sich dann irgendwann alle trafen. 

Ich hatte mich schon damals zu Künstlern hingezogen gefühlt, nicht zu Verwaltungsfetischisten. Ich wäre als Kompromiß allerdings bereit gewesen, auf den Sozialzweig zu gehen, was von meinem Vater jedoch mit einem barschen 'Hat keine Zukunft' abgeschmettert wurde. Hätte ich doch damals schon gewußt, daß man sich seine Ausbildung selbst aussuchen darf. Mir wäre viel erspart geblieben.

Der Schulabbruch, der Rausschmiß zuhause, der hastige Gang zum Standesamt mit einem Stadtstreicher, der sich dadurch eine gesicherte Zukunft erhoffte. Im Gegenzug war ich immerhin durch die Heirat wieder krankenversichert.

Es folgte ein Leben geprägt von ständiger Geldnot aufgrund prekärer Jobs, durchsetzt von alkoholgeschwängerten Nächten in denen ich Menschen mit nach Hause nahm, die ich später nicht mehr loswurde. Das ergab früher oder später Ärger mit der Polizei, nicht zuletzt wegen der Mengen an weißem Rauch. Den immerhin bereute ich nicht. Der hatte mich inspiriert. Manchmal jedenfalls.

Im Laufe der Jahre waren die Bekannten nach und nach weggestorben, ich hatte aus gesundheitlichen Gründe den Rauch aufgeben müssen und war erwachsen geworden. Zumindest ansatzweise. Aber glücklich? Glücklich war ich danach nie mehr gewesen. Clean, aber einsam. Mit Alkoholikern wollte ich nichts mehr zu tun haben und mit 'normalen' Menschen kam ich nicht klar.

All dies erzählte ich dem alternativen Ich, das mir interessiert zuhörte. Eine ganz neue Erfahrung für mich. 

'Danke daß du dir das alles angehört hast,' kam ich zum Schluß meines Berichts, 'aber nun bin ich schon sehr auf deine Erklärung gespannt. Du bist also ein alternativer Lebensentwurf von mir? Ein Leben, wie ich es auch hätte haben können, aber nicht hatte? Und es ist nicht gut ausgegangen? Oder wieso sitzt du jetzt bei mir im Keller?'

Und das Gespenst berichtete. Von der bestandenen Matura, vom Studium der Anglistik, das ihm bereits nach einem Jahr absolut keine Freude mehr machte. Langweilige Dozenten, sperrige Lektüre, immer wieder Textinterpretationen von Autoren, die es selbst freiwillig nie gelesen hätte.

'Weißte,' beichtete es kleinlaut, 'da hast du es weitaus besser getroffen. Warst später dann auf der Sprachschule, hast dich in den Lehrer verliebt, hast viel gelernt um ihn zu beeindrucken und konntest anschließend genau die Bücher lesen, die du lesen wolltest. Und danach hast du sie wieder in die Bibliothek zurückgebracht, ohne sie zu Tode analysieren zu müssen. Ich hab das Studium gehaßt. Aber nachdem der Vater es bezahlte, mußte ich natürlich weitermachen. Kennst ja Papa. Alles hinwerfen gibts ned. Also hab ich mit Summa Cum Laude abgeschlossen und, wirst lachen, einen Job im Auswärtigen Dienst bekommen. Irres Gehalt, Luxuswohnung und bald auch Luxus-Mann. Sehr gepflegt, roch gut, trank nur selten Alkohol und war sehr sportlich. Hübscher Mann. Leider fanden die anderen Frauen das auch.

Sagen wir mal so, unsere Ehe war sehr liberal geführt. Ein schöner Euphemismus für: Ich war ihm nach relativ kurzer Zeit bereits wurscht und er hat sich anderweitig amüsiert. Natürlich hätte ich mich trennen können, aber ich hatte meinen Beruf aufgegeben und hätte noch einmal ganz von vorne beginnen müssen. Eine Frau von Hiltensperger müsse nicht arbeiten, meinte Martin. So hieß er. Martin von Hiltensperger. Fand ich natürlich toll, den Namen. Ein Herr von und zu. Mit Yacht auf der wir über den Starnberger See schippern konnten. Luxusurlaube in der ganzen Welt. Massagen, Tennisclub und Friseure vom Feinsten. Anfangs war das schon richtig geil. Aber dann wurde ich schwanger und konnte nicht mehr so mithalten. Nachdem das Baby da war, hat er sich mehr und mehr von mir distanziert. Klar, ich war nicht mehr die schicke coole Tante in die er sich verliebt hatte sondern eine im Vergleich ungepflegte Frau, die nach Babymilch miefte und ständig müde war. Mit der konnte er sich nicht mehr schmücken, die war ihm peinlich.

Bald hatte er angeblich keine Zeit mehr für längere Urlaube, mußte ständig auf Dienstreisen von denen er braungebrannt und erholt zurückkam, während ich zuhause einsam vor der teuren Stereoanlage saß von der ich nicht einmal so recht wußte, wie man sie bedient, weil das immer er gemacht hatte. Einen eigenen Freundeskreis hatte ich nicht und Martins Freunde hielten mich auf Abstand. Als Paar waren wir gerne gesehen gewesen in der feinen Gesellschaft, aber eine einzelne Frau? An mir klebte das Miasma einer verlassenen Ehefrau wie ein Fluch, den die anderen sich nicht ins Haus holen wollten. Aus war es mit den Einladungen in die schicken Häuser in Grünwald, wo der Kaffee immer viel besser schmeckte als daheim. 

Ich könne doch eine Kreuzfahrt machen, meinte Martin. Neue Leute kennenlernen. Vermutlich hatte er gehofft, ich würde jemanden kennenlernen und ihn verlassen. Feigling! Langweilig war es auf dem Dampfer! Nur alte Leute überall und das Tuckern des Schiffsmotors macht einen auf Dauer rasend. Außenkabine war sich natürlich budgetär keine ausgegangen. Wer will schon mehr Geld als nötig für die abgelegte Ehefrau ausgeben. Na, und am Ende hat dann ER mich verlassen. Zwar durfte ich das Haus behalten und er zahlte auch großzügig Unterhalt, aber was nutzte mir das, wenn ich nun vollends alleine in dem riesigen Haus herumsaß? Die Tochter führte ihr eigenes Leben, kam nur noch an Weihnachten zu Besuch. Aus Pflichtgefühl und wegen des Umschlags, den ich ihr alljährlich zusteckte. An Geld hat es mir nie gemangelt. Aber mein Leben war öde und leer. Vor zwei Monaten bin ich aus Gram gestorben. Auf meiner Beerdigung waren zwei Leute. Meine Tochter Yvonne und Martin. Sonst niemand. Ja, warum erzähle ich dir das? Sieh dir diesen Kalender an, der dort an der Wand hängt!'

Ich stand auf und besah mir den Kalender, der tatsächlich an der weiß gekalkten Kellerwand hing. 2044? Ein Kalender von 2044? Fragend drehte ich mich um: 'Was ist das jetzt wieder für ein Zauber?'

'Blätter mal vor zum Juni. Dein 80-ster Geburtstag. An dem Tag wären wir laut Plan im Altersheim gelandet. Schau dir meine und deine Gesamtsituation an. Du hast gelebt und viel gelernt. Hast dich weiterentwickelt. Ok, deine Gesundheit hat gelitten aber dadurch hast du deine wilde Jugend überstanden. Die anderen sind fast alle tot. Du lebst noch. Du bist frei!'

Ich holte tief Luft. Alter Schwede. Das Gras war wohl auf der anderen Seite des Zaunes nicht zwangsläufig grüner? Beschämt senkte ich den Blick und entdeckte zu meinen Füßen ein seltsames Teil. Vorsichtig hob ich es auf. 
'Was zum Henker ist denn das?', rief ich erstaunt.

'Das ist eine Einspritzdüse. Paß auf, du machst dich ganz schmutzig. Ich kenn mich da zufällig aus weil ich aus purem Trotz eine Zeitlang ein Verhältnis mit einem Automechaniker hatte und ihm immer beim Auseinanderbauen der Motoren zusah. Früher ging das ja noch. Motoren auseinanderbauen. Und wenn er dann fertig war mit der Arbeit und seine Hände total ölig und verschmiert waren, hat er mich im dunkelsten Eck der Werkstatt von hinten genommen wie eine Kuh. Ich fand das geil. Dachte, ich räche mich so an Martin. Dabei habe ich mich nur selbst erniedrigt. Wie dumm von mir.'

'Hat er dich wenigstens mögen, der Mechaniker?'
'Ach wo. Der fand es einfach nur schick, eine reiche Tussi zu ficken und ihr teures Kostüm mit seinen Dreckspfoten vollzuschmieren. Für ein Treffen außerhalb der Werkstatt hatte er nie Zeit. Männer, echt! Aber was erzähle ich, dir war ja auch kein Liebesglück beschieden. Immerhin hast du es versucht und dich nicht vom Erstbesten unterkriegen lassen wie ich. Du hast immer wieder neu angefangen und das Beste aus der jeweiligen Situation gemacht. Du bist resilient und kannst dein Glück in die eigene Hand nehmen. Mach was draus! Das Leben liegt vor dir!'

'Ja und du? Wie geht es bei dir jetzt weiter? Mußt du jetzt für den Rest der Ewigkeit hier im Keller sitzen oder darfst du irgendwann auch mal in den Himmel?'

'Darf ich, ja, aber erst wenn ich es geschafft habe, ein Menschenkind glücklich zu machen. Da hab ich mir gedacht, wer wäre dazu wohl besser geeignet als du, mein liebes Alter Ego? Meine Beinahe-Schwester im Geiste? Und ich sehe es dir an der Nasenspitze an, du bist mir nicht mehr neidig um mein Leben. Jetzt, wo du mitbekommen hast, wie blöd das gelaufen ist. Jetzt bist du froh, daß du gelebt hat. Wirklich, echt und ehrlich gelebt. Stimmts?'

Vorsichtig nahm ich den kleinen Geist in den Arm. Er fühlte sich kühl und ein klein wenig feucht an. 'Ja, du liebes kleines Wesen, ich bin froh und glücklich. Du hast mir heute ein so wertvolles Geschenk gemacht. Ich freu mich total auf meinen Umzug nach Leitershofen, auf die Ruhe dort in meiner kleinen Wohnung, in der ich endlich die Kunstwerke erschaffen kann, die ich mir all die Jahre niemals zugetraut habe. Leb wohl und sag den Himmelswesen einen Gruß von mir und meinen Dank, daß sie dich zu mir geschickt haben. Machs gut und sing mit den Engeln, auch du bist jetzt frei! Und ich hoffe sehr, daß wir uns dereinst wiedersehen! Bussi baba!!!'

Der Geist schwebte durch die Kellertüre, verblaßte zusehends, winkte mir noch einmal zu und war verschwunden.

Ich sank auf meinen Hocker zurück und fühlte, wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. Wer hätte das gedacht? Ja du meine Güte, hatte ich ein Glück gehabt, diese bescheuerte Matura nicht geschafft zu haben! Pippi Langstrumpf hatte auch hier wie immer absolut recht gehabt: Von der Plutimikation sollte man sich auf ALLE FÄLLE fernhalten.










Freitag, 5. Juni 2026

Kloppe gibt's nur auf Bestellung (Sepp 12)

'Wir könnten den aufgeblasenen Schwaben auch ganz verschwinden lassen,' grinst mein tätowierter Bekannter, als wir vor dem Bücherladen stehen und er mir zwei vollgestopfte Koffer mit Sepps geretteten Habseligkeiten überreicht. 'Aber für's Erste ist er gut eingeschüchtert. SO klein mit Hut muß der gewesen sein und er hat jetzt verstanden, daß es keine gute Idee war, sich mit euch anzulegen und daß etwaiges Nachtreten in diese Richtung bleibende Schäden nach sich ziehen wird.'
'Mensch danke! Was hätte ich ohne dich gemacht!' freue ich mich, als ich ihm wie verabredet den zweiten Teil des vereinbarten Betrages übergebe. 
'Wennst dich revanchieren willst ... zwei meiner Bekannten suchen eine Wohnung. Weißt ned zufällig was?'

Meine Bedenken stehen mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn der Tätowierte lacht sich scheckig: 'Die können sich schon benehmen wenn sie wollen, keine Sorge. Kloppe gibt's nur auf Bestellung, ansonsten halten die dir sogar die Türe auf. Ganz feine Jungs. Und die Miete ist auch kein Problem, das schaffen die mit links. Aber der Besitzer ihrer jetzigen Wohnung hat verkauft und der neue Eigentümer will selber einziehen. Daher müssen sie bald raus.'
'Ich schau mal was ich machen kann, du hörst auf alle Fälle von mir!'

Nachdenklich wandere ich mit Sepps Koffern nach Hause. Nur gut, daß die Rollen untendran haben sonst hätt ich jetzt ein Problem. Es ist zwar schon Ende März und es liegt kein Schnee mehr, aber die Teile sind schwer. Der Gute weiß ja nichts von der Aktion der 'ganz feinen Jungs', wie hätte ich ihm das Auftauchen seiner Koffer im Buchladen erklären sollen? So stelle ich sie halt einfach vor die Türe. Huch, sowas aber auch, wo kommen die denn auf einmal her?

Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir die Frage, ob ich an die Burschen vermieten sollte. Eigentlich wollte ich eh umziehen. Aber was wird dann aus Sepp? Hatte der alte Mann in Stuttgart nicht gesagt, ich solle wiederkommen wenn ich die Sache mit Sepp geklärt hatte? Habe ich die geklärt? Nicht wirklich, oder? Ich finde ihn nach wie vor unglaublich attraktiv, aber genauso unglaublich erscheint mir die Vorstellung, daß so ein hübscher, lieber und rücksichtsvoller Mann mich alte faltige Kuh ebenfalls attraktiv finden könnte. Was sollte ich denn jetzt machen? Warum ist das alles so ein Durcheinander?

'WEIL ES DIR AN VERTRAUEN FEHLT!!!'
Oha, was war das denn? Hörte ich jetzt schon Stimmen? War es soweit? Oh Gott, also nicht Stuttgart sondern direkt nach Haar ins Bezirkskrankenhaus?
'ICH BIN DEINE INTUITION UND ICH KANN ES NICHT LÄNGER MITANSEHEN, WIE DU IM KREISE HERUMDENKST NUR WEIL DU NICHT AUF MICH HÖREN WILLST!'

'Ja ok ich hab verstanden, kein Grund so zu brüllen liebe Intuition. Ich bin alt aber nicht taub.'
'Ach hör doch mit dem Quatsch auf, du bist nicht alt! 60 ist das neue 40 und du weißt genau, daß du dem Sepp gefällst. Nur hast du null Vertrauen in deine eigene Frauenkraft, gibst dich sogar betont männlich um alle Avancen abzuschmettern bevor sie überhaupt gedacht werden können, nur weil du die Schmerzen und die Mühe scheust, die eine engere Beziehung zu einem anderen Menschenkind mit sich bringen KÖNNTEN. Du bist nicht mehr diejenige, die du einmal warst. Und Sepp kann nichts für die unreifen Kerls mit denen du früher Umgang hattest. Der raucht ja nicht einmal. Also hör endlich auf mit dem Rumgeeiere und komm in die Pötte!'

Na sehr leiwand. A Preiß. Meine Intuition ist ein Preiß!
'I bin ka Preiß, zefix! Aber man könnt glatt ans Auswandern denken wenn man dir so zuschaut. Also reiß di zamm! Geh heim, koch was Schönes und heute auf d'Nacht wird amal g'redt, host mi!'
'Äh. Ja. Wennst nachhert meinst ...'

Zuhause angekommen betrachte ich stirnrunzelnd den Inhalt meines Schuhschrankes. Frauenkraft. Hm. Sollte ich dann vielleicht diese orangefarbenen Heels anziehen? Die Löcher im Parkett konnten mir egal sein, ich wollte eh ausziehen.
'Meine liebe Kati, Frauenkraft hat nix mit depperte Schuach zum tun in denen du nur daherkämst wie der Storch im Salat. Frauenkraft wohnt in deinem INNERSTEN.'
'Ja wennst immer so plärrst dann ist die gleich weg. Frauenkraft im Innersten. Bist sicher daß ich sowas hab? Und was mach ich wenn er Sex will? Ich will jedenfalls keinen!'
'Doch willst du. Aber halt nicht so wie es früher gelaufen ist. Wirst schon sehen. Komm in deine Kraft und du wirst nicht nur dich spüren sondern die anderen werden auch merken, daß du kein Opfer mehr bist sondern eine Persönlichkeit. Wir beide schaffen das! Also laß die dummen Schuhe, zieh dir was Hübsches an, aber bequem, nicht aufrüschen, und dann bestellen wir was Gutes zum Essen wennst keine Lust zum Kochen hast. Liebe geht immer noch durch den Magen.'

Im Hintergrund höre ich meine Schuhe mosern: 'Frechheit, wer ist hier dumm, wir sind nicht dumm, selber dumm, dumme Trine dumme Trine dumme Trine ...'
Na servus. Jetzt hatte ich es gerade geschafft, die Fußschmerzen, die mich ein halbes Jahr lang geplagt hatten, auf ein Minimum herabzuschrauben und nun waren mir meine Schuhe böse. Ob die Intuition es wirklich so gut mit mir meinte wie ich zu glauben geneigt war? 

Mit einem erschöpften 'Plumps' lasse ich mich auf mein Bett fallen. Unter mir ertönt ein empörtes 'AUA, paß doch ein bissl auf!' Toll. Jetzt beschwert sich das Bett auch noch. Dabei sollte ich diejenige sein die sich beschwert. Schließlich hatte ich mir im Winter zweimal die Patella am harten Bett-Eck gestoßen und mit meinem Schlaf steht es nach wie vor nicht zum Besten. Bockig beschließe ich, das Bett hierzulassen wenn ich umziehe. Müde kuschle ich mich in meine Kissen und versuche, einen kleinen Mittagsschlaf zu halten. Aber die Gedanken lassen sich nicht abschalten, ziehen wie eine Kette spitzer, gleißender Dornen durch mein geplagtes Hirn. Nach gefühlt mehreren Stunden des Wälzens gleite ich doch in einen unruhigen Schlaf und träume von Pandora, die von dem blöden Tongefäß damals derartig provoziert und beschimpft wurde, daß sie ihm einen wütenden Fußtritt verpasste, woraufhin sich der Deckel löste und der fiese Inhalt in die Welt entfleuchen konnte. 

Ich erwache von einem penetranten Knirschen, als ob ein Riese eine Portion Pflastersteine zermalmen wollte. Nachdem unsere Straßen hier aber alle geteert sind, ist dieses Szenario reichlich unwahrscheinlich und ich beschließe, nachzusehen. Nicht, daß sich meine Möbel heimlich verabredet haben und jetzt kollektiv auswandern wollen.

In der Küche entdecke ich Sepp, der sich mit der Zerkleinerung von etwas offensichtlich ziemlich Hartnäckigen abmüht. Gähnend stehe ich in der Küchentüre und schaue ihm zu. Die Haare hängen ihm fast bis in die Schüssel, er sieht so unglaublich sexy aus wie er mit dem Mörser versucht, irgendwelche braunen Dinger gleichmäßig kleinzukriegen. Die über dem Kücheneingang aufgehängten gläsernen Delphine klingen in eine Knirschpause hinein und er blickt auf. Ein total liebes Lächeln erleuchtet sein Gesicht. Ich schaue ihn an, versinke in seinen Augen, die Zeit bleibt stehen. 
'Was machst denn da?', frage ich verwirrt, nachdem ich mich von seinen wunderschönen Augen hatte losreißen können.
Er schluckt und sieht mich etwas seltsam an: 'Kati, ich glaub wir müssen reden.'

Oha. Das klingt ominös. 'Äh ja? Worüber denn?' 
'Ich habe mich in dich verliebt. Und es fällt mir jeden Tag schwerer, wie ein Bruder neben dir zu leben. In derselben Wohnung. Dich zu sehen, mit dir zu reden ... ohne daß du mir auch nur das geringste Zeichen der Ermutigung gibst. Ich hab schon mitbekommen, daß du ein bissl anders bist und gerade das gefällt mir so sehr an dir. Aber eben genau deswegen gestehe ich dir soeben meine Gefühle, weil ich weiß, daß du es nicht so hast mit der non-verbalen Kommunikation. So, nun ist es raus.'

Ich bin baff. Sepp ist in mich verliebt? In MICH? Das kann nicht sein.
'HALLO! FRAUENKRAFT, VERTRAUEN!!', meldet sich meine Intuition wieder. Ah ja, richtig. Da war doch was.
Sepp steht noch immer neben seinen braunen Krümeln und schaut mich unsicher an.
'Meine Güte nun erlöse ihn doch endlich!!!', fleht mich meine innere Stimme an.

Ich trete einen Schritt auf Sepp zu und umarme ihn. Wortlos. Manchmal sind Worte auch einfach nur im Weg. Ich spüre, wie er erleichtert aufatmet und höre ihn an meiner Wange murmeln: 'Ich hab gatscherte Händ, die tät ich mir jetzt grad amal noch waschen wollen, aber dann will ich dich auch ganz fest in den Arm nehmen. Meine Kati! Daß ich das noch erleben darf!'
'Geh Seppl, du tust ja grad aso als wärst du 97 und lägst auf dem Sterbebett!', erwidere ich forscher als mir zumute ist. 

In diesem Moment macht mein Handy ein summendes Geräusch. Da sich Sepp eh seine Hände waschen will, lasse ich ihn los und schau mir die Nachricht an. Mein Bruder. Es soll ein Familientreffen anberaumt werden und ob ich am übernächsten Wochenende Zeit hätte. Zeit schon, aber nur ganz, ganz wenig Lust. Mein Leben springt grad von einem Wahnsinn in den nächsten, und ich soll nach Augsburg fahren und mich dort mit meinen Brüdern und der Kusine treffen als ob nichts geschehen wäre? Ich hab jetzt schon ganz stark den Geruch von Kaffee in der Nase, den man zusammen trinken wird um einen auf heile Welt zu machen.

Aber natürlich werde ich hinfahren, wenn man schon einmal an mich denkt. Und vielleicht fährt Sepp ja sogar mit? Ich frage ihn und er freut sich: 'Ein Familientreffen also,' schmunzelt er und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. 'Da muss ich mich wohl von meiner besten Seite zeigen damit deine Brüder mich nicht gleich wieder rauswerfen.' In diesem Moment klingelt es an der Türe. Sepp geht aufmachen (seit er hier wohnt haben wir die Klingel meistens an, weil er immer wieder wichtige Post per Einschreiben erhält). Als er zurückkommt, hält er einen dicken, edel aufgemachten Briefumschlag in der Hand. 'Das hier war auch dabei. Für dich.' Er reicht mir den Umschlag. Als Absender prangt ein fetter Stempel in Goldschrift: 'Private Banking – Betreuung für Premium-Gewinner'. Sepp sieht auf den Umschlag, dann auf mich. 'Du ... spielst doch gar kein Lotto, oder?'