Sonntag, 9. August 2026

Das Projekt Anti-Weps (Sepp 13)

'Nein, leider, das war kein Schmäh. Bin selber noch ganz erschlagen davon und hab's auch noch niemandem erzählt. Außer dir halt. Aber danach hätte ich mir die Zunge abbeißen mögen. Schließlich wollte ich nicht, daß gerade du mir wegen des Geldes Zuneigung vorspielst, wo keine ist. A propos Zuneigung, wo wir grad dabei sind uns auszusprechen: Wer ist denn das junge Ding mit dem du neulich heimgekommen bist? So eine angemalte Person? Ich hatte geglaubt das ist deine Freundin?'

'Geh Kati, ich hab dich doch schon mögen, da hast mir noch garnix g'sagt g'habt von dem Lotto und ich hab wirklich gedacht du machst Spaß. Ja und das junge Ding, das ist meine Nichte. Also die Tochter von meinem Bruder. Die freut sich jetzt total, daß ich wieder hier in Deutschland bin und wir uns öfters sehen. Angemalt ... ja das ist sie leider. Hat noch nicht so recht ihren eigenen Stil gefunden und ihre Mutter ist ihr diesbezüglich kein gutes Vorbild. Aber ich bin zuversichtlich, schließlich hat sie auch meine Gene und von mir laßt sie sich auch eher was sagen. Aber hör mal, wieso arbeitest du denn noch wenn du jetzt so reich bist? Ich glaub an deiner Stelle wär ich schon lang irgendwo an der Sonne statt hier im frostigen München. Obwohl mir das natürlich SEHR RECHT ist, daß du hier bei mir bist. Ohne dich würd ich immer noch im Knast hocken. Ach Kati, geh her ...'

Liebevoll nimmt er mich in den Arm und streichelt mir mit seinen - mittlerweile gewaschenen - Händen über den Rücken. Ich gucke verlegen Richtung Spülbecken und jetzt verstehe ich auch, warum es so nach Kaffee riecht. Sepp hat angefangen, Kaffeebohnen zu zerstoßen. Seltsames Hobby.

'Sag, was hast denn mit dem Kaffee da vor? Wir können fei schon eine Kaffeemühle kaufen wennst eine brauchst gell!' 

Sepp grinst. Wie ich dieses Grinsen vermißt habe! Mein Herz schmilzt dahin und meine romantische Seite kommt langsam wieder aus ihrem Kellerloch. Wie es wohl wäre, ihn zu küssen? In diesem Moment überfällt mich mit einem Schlag die Komplexizität der Situation. Küssen. Sex. Waaaaaaaaaaaah! Was mach ich jetzt, wie sag ich es ihm, daß ich damit zeit meines Lebens Probleme hatte?

'Also wegen dem Kaffee,' unterbricht Sepp meine düsteren Gedanken. 'Hab mal wo gelesen, daß die Viecher den Duft nicht ausstehen können. Also Ameisen, Mücken und auch der Weps. Und du hast mir doch erzählt, daß du nicht am Balkon draußen sitzen magst weil dann immer gleich der Weps kommt. Da hab ich mir gedacht, wenn wir so Schälchen mit Kaffeeknurpsel aufstellen und immer heißes Wasser nachgießen, dann haben wir da draußen unsere Ruhe, können im Sommer am Abend draußen die frische Brise genießen statt in der Wohnung zu schwitzen. Und das wollt ich jetzt einfach mal ausprobieren. Noch ist es eh zu frisch draußen aber ich hab gestern auf der Wiese unten schon Bienen fliegen sehen, da ist der Weps sicher auch nicht mehr weit.

Ich bin gerührt. Was für ein liebenswerter Junge er doch ist! Aber es hilft nix, das Geständnis muß einmal gemacht werden und besser früher als zu spät. 'Sepp, ich muß dir was sagen. Der Weps ist nicht das Einzige vor dem ich Angst habe.'

'Vor was denn noch? Spinnen?', lacht Sepp fröhlich. 'Naja, die müßt ich jetzt auch nicht grad im Bett sitzen haben.' 

'Ja, das Bett. Um das geht es. Ich war seit 2001 mit niemandem mehr im Bett und das lag nicht an mangelnden Gelegenheiten. Es geht einfach nicht mehr. Und jetzt ... wir beide ... das kann nur schief gehen. Ich habe Angst! Angst, daß du dich von mir abwendest wenn ich nicht Frau genug bin für die Ansprüche eines Mannes. Und dann ist wieder was kaputtgegangen. Aber ich möchte nicht, daß das zwischen uns kaputt geht. Dafür ist es zu kostbar. Jetzt darfst auch was sagen.'

'Ach Kati! In unserem Alter muß man sich doch keinen solchen Streß mehr machen. Das Wichtigste ist doch, daß man sich vertraut und sich lieb hat. Und daß das bei uns der Fall ist, haben wir, glaub ich, beiderseits ausreichend geklärt.' Wieder drückt er mich zärtlich an sich und ich fange an, mich marginal zu entspannen. 

'Ich geb ja zu,' fährt er leise fort, und zieht mit seiner Nase verlegene Kreise durch meine verstrubbelten Haare, 'daß das mit dem Fensterln nicht die allerbeste Idee für ein erstes Kennenlernen war. Ich war halt schon immer eher der impulsive Typ, der Dinge einfach gemacht hat, ohne groß darüber nachzudenken. Das mit dem Knast jetzt hat mich aber schon ziemlich geschockt und auch ein wenig reifen lassen, auch wenn ich dank deiner Intervention relativ schnell wieder rausgekommen bin. Ich freu mich jedenfalls auf eine wunderschöne Zeit mit dir, die so lange wie möglich andauern soll! Ich bin mir sicher, daß wir eine totale Freude miteinander haben werden. Und, also ned bös sein jetzt, aber ich hab den Eindruck, daß du jemanden brauchen kannst, der dir ein bissl zur Seite steht und auf dich aufpaßt, und ich würd das total gerne übernehmen. Und was das Bett betrifft: So ein Bett ist ja kein Sportgerät. Da kann man sich doch auch einfach reinlegen und eineinanderkuscheln. Da muß man keine Liegestütze machen. Mir samma ja ned beim Bundesheer.'

Ich muß laut lachen. Dann fange ich an zu heulen. Muß mich schneuzen. Fasse mich wieder und sehe ihn ernst an: 'Das war wirklich eine sehr beeindruckende Rede und ich freu mich total über alles was du gesagt hast. FAST alles. Was soll das heißen, daß ich jemanden brauche, der auf mich aufpaßt??? Ich bin Zweiundsechzig! Oida!'

In diesem Moment gurgelt der Wasserkocher los und kündigt mit einem lauten PFLOPP an, daß das Wasser jetzt heiß wär. Sepp will wohl beweisen, was für ein großartiger Beschützer er ist, greift mit einer schwungvollen Bewegung nach dem Wasserkocher und verkündet stolz: 
'So, und jetzt startet das Projekt Anti-Weps!', blickt mir dabei tief und verliebt in die Augen – und gießt den Schwall kochendes Wasser im dämmrigen Küchenlicht ...  direkt auf das Sparschwein das neben der Spüle steht. 'Haha, was wird das? Geldwäsche?' Meine Heiterkeit verdrängt jegliche Rührung und ich lache laut heraus: 'Hast jetzt deine kriminelle Energie entdeckt, was? Brauchen wir bald wieder 'nen Anwalt?' Sepp lächelt verlegen und stellt den Wasserkocher wieder auf seinen Platz. Wir sehen uns in die Augen und genau in dem Moment, in dem ich denke, wir werden uns jetzt vielleicht küssen, zieht der erste, verirrte Frühjahrs-Weps durch das offene Fenster schnurgerade in Sepps weite Boxershorts. Der romantische Augenblick endet in einem wilden, bayerischen Tänzchen quer durch die Küche, während ich vor Lachen mittlerweile auf dem Boden liege.
'Da wär aber noch was,' bemerke ich, nachdem der Weps erfolgreich vertrieben ist und wir uns wieder eingekriegt haben. Ich wische mir die Lachtränen aus dem Gesicht und suche nach Worten. Sepp sieht mich besorgt an und ich beruhige ihn: 'Keine Angst, ned wegen uns. Es ist so: Ich war doch neulich in Stuttgart. Dachte ich kann jetzt wieder unbeschwert wegfahren so wie früher, weil ich mir gute Hotels leisten kann wo niemand rumschreit, einfach Job hinschmeißen und reisen wohin die Nase mich führt ... aber es hat mir alleine absolut keine Freude mehr gemacht, mir sinnlos die Beine krummzuhatschen, und dann hatte ich dieses seltsame Erlebnis ...' Stockend erzähle ich von der Begegnung mit dem alten Mann im Antiquitätenladen und seiner Zauberkugel. In der ich ihn gesehen hatte, wie er wegen mir seinen Mitbewohner zusammenscheißt, worüber ich mich narrisch gefreut hatte und weswegen ich dann nach Hause geeilt war um eine Aussprache zu suchen und erfahren mußte, daß man ihn verhaftet hatte wegen dem Wappler.

'Jedenfalls hat der alte Mann gesagt, sobald ich das mit dir geklärt hätte, sollte ich wiederkommen. Naja und geklärt haben wir es ja. Das mit uns. Daß wir uns total liebhaben und zusammensein wollen. Aber wie soll ich das jetzt machen, mit Stuttgart? Du hast grad deinen neuen Job angetreten von dem ich dich doch jetzt nicht gleich wieder wegreißen kann. Aber wenn du jeden Tag ins Klinikum mußt, dann bin ich wieder alleine unterwegs. Das wär doch blöd. Allerdings hätt ich da so eine Idee. Natürlich nur wenn du einverstanden bist. Ich könnte dich als Chauffeur einstellen. Dann bist du ordnungsgemäß beschäftigt, so mit Krankenversicherung und allem, aber natürlich müßtest nicht wirklich arbeiten, weil wir fahren ja eh zusammen wenn wir wohinfahren, das geht dann in einem. Mit dir würde mir das Reisen wieder Spaß machen. Allerdings find ich Autos eigentlich blöd. Kosten ein Heidengeld und dann ist immer unten Rost dran. Andererseits ist eins der Haupthindernisse beim Reisen das, daß die Leute im Zug immer so laut sind. Selbst wenn ich mich in einen Ruhewagen setze, falls überhaupt einer vorhanden ist. Mit dir zusammen wäre alles viel schöner, egal ob im Zug oder auch mal im Auto. Schließlich können wir nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, Obst essen oder Chili con Carne und Fernseh gucken. Heinz Erhard beispielsweise. Ein Reh, ein Reh, nein, ein Contra ... ich hab nicht einmal einen Fernseher ... und für dich wär das dann aber auch wieder blöd. Das klingt so nach Klischee und Adelsroman: Die Frau von und zu hat ein Verhältnis mit ihrem Chauffeur ... hmpfmblgrmpf ...'

Sepp steht lachend vor mir und hält mir den Mund zu: 'Kati bitte, mach dir doch ned so einen Kopf jetzt! Wir fahren morgen gleich in der Früh zusammen nach Stuttgart und schauen, ob der Laden überhaupt noch da ist. Du hast ja erzählt der war weg wie du noch einmal reinschauen wolltest. Vielleicht ist er immer noch weg, dann hat sich das eh erledigt. Und weil Samstag ist, fahren wir mit dem Zug, die Autobahn ist bestimmt bummvoll. Und dann schau mer mal. Der Mann kann ja nicht verlangen, daß du den Rest deines Lebens in seinem Laden verbringst. Das kann der nicht gemeint haben, da steckt sicher was anderes dahinter. Mich macht das schon auch neugierig. Fahren wir hin, fragen wir ihn! Komm, wir schauen gleich einmal nach einem schönen Hotel, und keine Angst, ich bestehe nicht auf einem Doppelbett ...' Wieder grinst er und ich bin hingerissen. Was für ein wunderbarer Mann. Ich freue mich auf unsere erste gemeinsame Reise ...









Sonntag, 2. August 2026

Der Rest der Ewigkeit

Erschöpft wischte ich mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Die Räumerei war anstrengend. Ich hatte die Sichtung des Kellers allerdings nun lange genug vor mir hergeschoben. Der Umzug sollte übernächste Woche stattfinden und hier standen noch jede Menge Kisten herum, von denen ich nicht einmal ansatzweise wußte, was sie eigentlich enthielten. Vielleicht war ja doch noch was dabei, was ich brauchen könnte? Immerhin mußte ich die alten Bretter und das andere sperrige Zeug nicht selber fortschaffen, die würden vom Umzugsunternehmen abgeholt und anschließend fachgerecht entsorgt werden.

Kurzsichtig blinzelte ich in ein relativ unbeleuchtetes Eck. Was stand denn da für eine weiße Tüte herum? Die war mir bisher noch nie aufgefallen. Altes Bettzeug? Kann weg. Forsch trat ich näher ... und erstarrte. Das war keine Tüte, auch kein Bettzeug. Das war ... ein Geist?
Mein Magen zog sich zusammen, meine Gedanken rasten. Hatte der jahrelange Benzodiazepin-Gebrauch nun doch mein Resthirn völlig vernebelt? Angestrengt starrte ich das Häuflein Elend an, das mich seinerseits verschreckt von unten anblickte.

'Sorry,' fiepte der Geist, 'bitte nicht erschrecken jetzt, ich bin's nur, eins einer alternativen Ichs. Ich kann alles erklären!'

Gefangen in einem Gefühl absoluter Surrealität ließ ich mich auf einen der herumstehenden Hocker fallen. 'Erklären. Ja. Erklären ist gut. Alternatives Ich? Und wieso als Geist hier im Keller? Aber gut, wenn du mich im Schlafzimmer aufgesucht hättest, hätt ich wahrscheinlich einen Herzinfarkt gekriegt. In einem Keller rechnet man ja eher mit ... sagen wir mal ungewöhlichen Vorkommnissen. Aber wer bist du jetzt wirklich und was machst du hier?'

'Nun, ich bin, wie gesagt, ein alternativer Lebensentwurf von dir,' fuhr der Geist nun mit deutlich kräftigerer Stimme fort. 'Hast du dich nicht schon öfters einmal gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du hättest studieren können? Wenn du mehr Geld gehabt hättest und andere Bekannte?'

Ich war platt. Hatte ich doch tatsächlich immer wieder mit der Tatsache gehadert, daß ich es aufgrund meiner Dyskalkulie nicht bis zur Matura geschafft hatte und mir sogar das fachgebundene Abitur an einer Fachhochschule durch die Sturheit meines Vaters versagt geblieben war. Dieser hatte mich gegen meinen Willen im Zweig Wirtschaft, Recht, Verwaltung angemeldet. Die einzige Wirtschaft die ich im Laufe dieser beiden Jahre studiert hatte, war die Eckkneipe bei der Gögginger Brücke gewesen, in der sich skurrilerweise auch mein Lieblingslehrer gerne aufgehalten hatte. Kunststück. Damals in Augsburg gab es nach 1 Uhr nachts nur diese eine Kneipe, in der sich dann irgendwann alle trafen. 

Ich hatte mich schon damals zu Künstlern hingezogen gefühlt, nicht zu Verwaltungsfetischisten. Ich wäre als Kompromiß allerdings bereit gewesen, auf den Sozialzweig zu gehen, was von meinem Vater jedoch mit einem barschen 'Hat keine Zukunft' abgeschmettert wurde. Hätte ich doch damals schon gewußt, daß man sich seine Ausbildung selbst aussuchen darf. Mir wäre viel erspart geblieben.

Der Schulabbruch, der Rausschmiß zuhause, der hastige Gang zum Standesamt mit einem Stadtstreicher, der sich dadurch eine gesicherte Zukunft erhoffte. Im Gegenzug war ich immerhin durch die Heirat wieder krankenversichert.

Es folgte ein Leben geprägt von ständiger Geldnot aufgrund prekärer Jobs, durchsetzt von alkoholgeschwängerten Nächten in denen ich Menschen mit nach Hause nahm, die ich später nicht mehr loswurde. Das ergab früher oder später Ärger mit der Polizei, nicht zuletzt wegen der Mengen an weißem Rauch. Den immerhin bereute ich nicht. Der hatte mich inspiriert. Manchmal jedenfalls.

Im Laufe der Jahre waren die Bekannten nach und nach weggestorben, ich hatte aus gesundheitlichen Gründe den Rauch aufgeben müssen und war erwachsen geworden. Zumindest ansatzweise. Aber glücklich? Glücklich war ich danach nie mehr gewesen. Clean, aber einsam. Mit Alkoholikern wollte ich nichts mehr zu tun haben und mit 'normalen' Menschen kam ich nicht klar.

All dies erzählte ich dem alternativen Ich, das mir interessiert zuhörte. Eine ganz neue Erfahrung für mich. 

'Danke daß du dir das alles angehört hast,' kam ich zum Schluß meines Berichts, 'aber nun bin ich schon sehr auf deine Erklärung gespannt. Du bist also ein alternativer Lebensentwurf von mir? Ein Leben, wie ich es auch hätte haben können, aber nicht hatte? Und es ist nicht gut ausgegangen? Oder wieso sitzt du jetzt bei mir im Keller?'

Und das Gespenst berichtete. Von der bestandenen Matura, vom Studium der Anglistik, das ihm bereits nach einem Jahr absolut keine Freude mehr machte. Langweilige Dozenten, sperrige Lektüre, immer wieder Textinterpretationen von Autoren, die es selbst freiwillig nie gelesen hätte.

'Weißte,' beichtete es kleinlaut, 'da hast du es weitaus besser getroffen. Warst später dann auf der Sprachschule, hast dich in den Lehrer verliebt, hast viel gelernt um ihn zu beeindrucken und konntest anschließend genau die Bücher lesen, die du lesen wolltest. Und danach hast du sie wieder in die Bibliothek zurückgebracht, ohne sie zu Tode analysieren zu müssen. Ich hab das Studium gehaßt. Aber nachdem der Vater es bezahlte, mußte ich natürlich weitermachen. Kennst ja Papa. Alles hinwerfen gibts ned. Also hab ich mit Summa Cum Laude abgeschlossen und, wirst lachen, einen Job im Auswärtigen Dienst bekommen. Irres Gehalt, Luxuswohnung und bald auch Luxus-Mann. Sehr gepflegt, roch gut, trank nur selten Alkohol und war sehr sportlich. Hübscher Mann. Leider fanden die anderen Frauen das auch.

Sagen wir mal so, unsere Ehe war sehr liberal geführt. Ein schöner Euphemismus für: Ich war ihm nach relativ kurzer Zeit bereits wurscht und er hat sich anderweitig amüsiert. Natürlich hätte ich mich trennen können, aber ich hatte meinen Beruf aufgegeben und hätte noch einmal ganz von vorne beginnen müssen. Eine Frau von Hiltensperger müsse nicht arbeiten, meinte Martin. So hieß er. Martin von Hiltensperger. Fand ich natürlich toll, den Namen. Ein Herr von und zu. Mit Yacht auf der wir über den Starnberger See schippern konnten. Luxusurlaube in der ganzen Welt. Massagen, Tennisclub und Friseure vom Feinsten. Anfangs war das schon richtig geil. Aber dann wurde ich schwanger und konnte nicht mehr so mithalten. Nachdem das Baby da war, hat er sich mehr und mehr von mir distanziert. Klar, ich war nicht mehr die schicke coole Tante in die er sich verliebt hatte sondern eine im Vergleich ungepflegte Frau, die nach Babymilch miefte und ständig müde war. Mit der konnte er sich nicht mehr schmücken, die war ihm peinlich.

Bald hatte er angeblich keine Zeit mehr für längere Urlaube, mußte ständig auf Dienstreisen von denen er braungebrannt und erholt zurückkam, während ich zuhause einsam vor der teuren Stereoanlage saß von der ich nicht einmal so recht wußte, wie man sie bedient, weil das immer er gemacht hatte. Einen eigenen Freundeskreis hatte ich nicht und Martins Freunde hielten mich auf Abstand. Als Paar waren wir gerne gesehen gewesen in der feinen Gesellschaft, aber eine einzelne Frau? An mir klebte das Miasma einer verlassenen Ehefrau wie ein Fluch, den die anderen sich nicht ins Haus holen wollten. Aus war es mit den Einladungen in die schicken Häuser in Grünwald, wo der Kaffee immer viel besser schmeckte als daheim. 

Ich könne doch eine Kreuzfahrt machen, meinte Martin. Neue Leute kennenlernen. Vermutlich hatte er gehofft, ich würde jemanden kennenlernen und ihn verlassen. Feigling! Langweilig war es auf dem Dampfer! Nur alte Leute überall und das Tuckern des Schiffsmotors macht einen auf Dauer rasend. Außenkabine war sich natürlich budgetär keine ausgegangen. Wer will schon mehr Geld als nötig für die abgelegte Ehefrau ausgeben. Na, und am Ende hat dann ER mich verlassen. Zwar durfte ich das Haus behalten und er zahlte auch großzügig Unterhalt, aber was nutzte mir das, wenn ich nun vollends alleine in dem riesigen Haus herumsaß? Die Tochter führte ihr eigenes Leben, kam nur noch an Weihnachten zu Besuch. Aus Pflichtgefühl und wegen des Umschlags, den ich ihr alljährlich zusteckte. An Geld hat es mir nie gemangelt. Aber mein Leben war öde und leer. Vor zwei Monaten bin ich aus Gram gestorben. Auf meiner Beerdigung waren zwei Leute. Meine Tochter Yvonne und Martin. Sonst niemand. Ja, warum erzähle ich dir das? Sieh dir diesen Kalender an, der dort an der Wand hängt!'

Ich stand auf und besah mir den Kalender, der tatsächlich an der weiß gekalkten Kellerwand hing. 2044? Ein Kalender von 2044? Fragend drehte ich mich um: 'Was ist das jetzt wieder für ein Zauber?'

'Blätter mal vor zum Juni. Dein 80-ster Geburtstag. An dem Tag wären wir laut Plan im Altersheim gelandet. Schau dir meine und deine Gesamtsituation an. Du hast gelebt und viel gelernt. Hast dich weiterentwickelt. Ok, deine Gesundheit hat gelitten aber dadurch hast du deine wilde Jugend überstanden. Die anderen sind fast alle tot. Du lebst noch. Du bist frei!'

Ich holte tief Luft. Alter Schwede. Das Gras war wohl auf der anderen Seite des Zaunes nicht zwangsläufig grüner? Beschämt senkte ich den Blick und entdeckte zu meinen Füßen ein seltsames Teil. Vorsichtig hob ich es auf. 
'Was zum Henker ist denn das?', rief ich erstaunt.

'Das ist eine Einspritzdüse. Paß auf, du machst dich ganz schmutzig. Ich kenn mich da zufällig aus weil ich aus purem Trotz eine Zeitlang ein Verhältnis mit einem Automechaniker hatte und ihm immer beim Auseinanderbauen der Motoren zusah. Früher ging das ja noch. Motoren auseinanderbauen. Und wenn er dann fertig war mit der Arbeit und seine Hände total ölig und verschmiert waren, hat er mich im dunkelsten Eck der Werkstatt von hinten genommen wie eine Kuh. Ich fand das geil. Dachte, ich räche mich so an Martin. Dabei habe ich mich nur selbst erniedrigt. Wie dumm von mir.'

'Hat er dich wenigstens mögen, der Mechaniker?'
'Ach wo. Der fand es einfach nur schick, eine reiche Tussi zu ficken und ihr teures Kostüm mit seinen Dreckspfoten vollzuschmieren. Für ein Treffen außerhalb der Werkstatt hatte er nie Zeit. Männer, echt! Aber was erzähle ich, dir war ja auch kein Liebesglück beschieden. Immerhin hast du es versucht und dich nicht vom Erstbesten unterkriegen lassen wie ich. Du hast immer wieder neu angefangen und das Beste aus der jeweiligen Situation gemacht. Du bist resilient und kannst dein Glück in die eigene Hand nehmen. Mach was draus! Das Leben liegt vor dir!'

'Ja und du? Wie geht es bei dir jetzt weiter? Mußt du jetzt für den Rest der Ewigkeit hier im Keller sitzen oder darfst du irgendwann auch mal in den Himmel?'

'Darf ich, ja, aber erst wenn ich es geschafft habe, ein Menschenkind glücklich zu machen. Da hab ich mir gedacht, wer wäre dazu wohl besser geeignet als du, mein liebes Alter Ego? Meine Beinahe-Schwester im Geiste? Und ich sehe es dir an der Nasenspitze an, du bist mir nicht mehr neidig um mein Leben. Jetzt, wo du mitbekommen hast, wie blöd das gelaufen ist. Jetzt bist du froh, daß du gelebt hat. Wirklich, echt und ehrlich gelebt. Stimmts?'

Vorsichtig nahm ich den kleinen Geist in den Arm. Er fühlte sich kühl und ein klein wenig feucht an. 'Ja, du liebes kleines Wesen, ich bin froh und glücklich. Du hast mir heute ein so wertvolles Geschenk gemacht. Ich freu mich total auf meinen Umzug nach Leitershofen, auf die Ruhe dort in meiner kleinen Wohnung, in der ich endlich die Kunstwerke erschaffen kann, die ich mir all die Jahre niemals zugetraut habe. Leb wohl und sag den Himmelswesen einen Gruß von mir und meinen Dank, daß sie dich zu mir geschickt haben. Machs gut und sing mit den Engeln, auch du bist jetzt frei! Und ich hoffe sehr, daß wir uns dereinst wiedersehen! Bussi baba!!!'

Der Geist schwebte durch die Kellertüre, verblaßte zusehends, winkte mir noch einmal zu und war verschwunden.

Ich sank auf meinen Hocker zurück und fühlte, wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. Wer hätte das gedacht? Ja du meine Güte, hatte ich ein Glück gehabt, diese bescheuerte Matura nicht geschafft zu haben! Pippi Langstrumpf hatte auch hier wie immer absolut recht gehabt: Von der Plutimikation sollte man sich auf ALLE FÄLLE fernhalten.










Freitag, 5. Juni 2026

Kloppe gibt's nur auf Bestellung (Sepp 12)

'Wir könnten den aufgeblasenen Schwaben auch ganz verschwinden lassen,' grinst mein tätowierter Bekannter, als wir vor dem Bücherladen stehen und er mir zwei vollgestopfte Koffer mit Sepps geretteten Habseligkeiten überreicht. 'Aber für's Erste ist er gut eingeschüchtert. SO klein mit Hut muß der gewesen sein und er hat jetzt verstanden, daß es keine gute Idee war, sich mit euch anzulegen und daß etwaiges Nachtreten in diese Richtung bleibende Schäden nach sich ziehen wird.'
'Mensch danke! Was hätte ich ohne dich gemacht!' freue ich mich, als ich ihm wie verabredet den zweiten Teil des vereinbarten Betrages übergebe. 
'Wennst dich revanchieren willst ... zwei meiner Bekannten suchen eine Wohnung. Weißt ned zufällig was?'

Meine Bedenken stehen mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn der Tätowierte lacht sich scheckig: 'Die können sich schon benehmen wenn sie wollen, keine Sorge. Kloppe gibt's nur auf Bestellung, ansonsten halten die dir sogar die Türe auf. Ganz feine Jungs. Und die Miete ist auch kein Problem, das schaffen die mit links. Aber der Besitzer ihrer jetzigen Wohnung hat verkauft und der neue Eigentümer will selber einziehen. Daher müssen sie bald raus.'
'Ich schau mal was ich machen kann, du hörst auf alle Fälle von mir!'

Nachdenklich wandere ich mit Sepps Koffern nach Hause. Nur gut, daß die Rollen untendran haben sonst hätt ich jetzt ein Problem. Es ist zwar schon Ende März und es liegt kein Schnee mehr, aber die Teile sind schwer. Der Gute weiß ja nichts von der Aktion der 'ganz feinen Jungs', wie hätte ich ihm das Auftauchen seiner Koffer im Buchladen erklären sollen? So stelle ich sie halt einfach vor die Türe. Huch, sowas aber auch, wo kommen die denn auf einmal her?

Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir die Frage, ob ich an die Burschen vermieten sollte. Eigentlich wollte ich eh umziehen. Aber was wird dann aus Sepp? Hatte der alte Mann in Stuttgart nicht gesagt, ich solle wiederkommen wenn ich die Sache mit Sepp geklärt hatte? Habe ich die geklärt? Nicht wirklich, oder? Ich finde ihn nach wie vor unglaublich attraktiv, aber genauso unglaublich erscheint mir die Vorstellung, daß so ein hübscher, lieber und rücksichtsvoller Mann mich alte faltige Kuh ebenfalls attraktiv finden könnte. Was sollte ich denn jetzt machen? Warum ist das alles so ein Durcheinander?

'WEIL ES DIR AN VERTRAUEN FEHLT!!!'
Oha, was war das denn? Hörte ich jetzt schon Stimmen? War es soweit? Oh Gott, also nicht Stuttgart sondern direkt nach Haar ins Bezirkskrankenhaus?
'ICH BIN DEINE INTUITION UND ICH KANN ES NICHT LÄNGER MITANSEHEN, WIE DU IM KREISE HERUMDENKST NUR WEIL DU NICHT AUF MICH HÖREN WILLST!'

'Ja ok ich hab verstanden, kein Grund so zu brüllen liebe Intuition. Ich bin alt aber nicht taub.'
'Ach hör doch mit dem Quatsch auf, du bist nicht alt! 60 ist das neue 40 und du weißt genau, daß du dem Sepp gefällst. Nur hast du null Vertrauen in deine eigene Frauenkraft, gibst dich sogar betont männlich um alle Avancen abzuschmettern bevor sie überhaupt gedacht werden können, nur weil du die Schmerzen und die Mühe scheust, die eine engere Beziehung zu einem anderen Menschenkind mit sich bringen KÖNNTEN. Du bist nicht mehr diejenige, die du einmal warst. Und Sepp kann nichts für die unreifen Kerls mit denen du früher Umgang hattest. Der raucht ja nicht einmal. Also hör endlich auf mit dem Rumgeeiere und komm in die Pötte!'

Na sehr leiwand. A Preiß. Meine Intuition ist ein Preiß!
'I bin ka Preiß, zefix! Aber man könnt glatt ans Auswandern denken wenn man dir so zuschaut. Also reiß di zamm! Geh heim, koch was Schönes und heute auf d'Nacht wird amal g'redt, host mi!'
'Äh. Ja. Wennst nachhert meinst ...'

Zuhause angekommen betrachte ich stirnrunzelnd den Inhalt meines Schuhschrankes. Frauenkraft. Hm. Sollte ich dann vielleicht diese orangefarbenen Heels anziehen? Die Löcher im Parkett konnten mir egal sein, ich wollte eh ausziehen.
'Meine liebe Kati, Frauenkraft hat nix mit depperte Schuach zum tun in denen du nur daherkämst wie der Storch im Salat. Frauenkraft wohnt in deinem INNERSTEN.'
'Ja wennst immer so plärrst dann ist die gleich weg. Frauenkraft im Innersten. Bist sicher daß ich sowas hab? Und was mach ich wenn er Sex will? Ich will jedenfalls keinen!'
'Doch willst du. Aber halt nicht so wie es früher gelaufen ist. Wirst schon sehen. Komm in deine Kraft und du wirst nicht nur dich spüren sondern die anderen werden auch merken, daß du kein Opfer mehr bist sondern eine Persönlichkeit. Wir beide schaffen das! Also laß die dummen Schuhe, zieh dir was Hübsches an, aber bequem, nicht aufrüschen, und dann bestellen wir was Gutes zum Essen wennst keine Lust zum Kochen hast. Liebe geht immer noch durch den Magen.'

Im Hintergrund höre ich meine Schuhe mosern: 'Frechheit, wer ist hier dumm, wir sind nicht dumm, selber dumm, dumme Trine dumme Trine dumme Trine ...'
Na servus. Jetzt hatte ich es gerade geschafft, die Fußschmerzen, die mich ein halbes Jahr lang geplagt hatten, auf ein Minimum herabzuschrauben und nun waren mir meine Schuhe böse. Ob die Intuition es wirklich so gut mit mir meinte wie ich zu glauben geneigt war? 

Mit einem erschöpften 'Plumps' lasse ich mich auf mein Bett fallen. Unter mir ertönt ein empörtes 'AUA, paß doch ein bissl auf!' Toll. Jetzt beschwert sich das Bett auch noch. Dabei sollte ich diejenige sein die sich beschwert. Schließlich hatte ich mir im Winter zweimal die Patella am harten Bett-Eck gestoßen und mit meinem Schlaf steht es nach wie vor nicht zum Besten. Bockig beschließe ich, das Bett hierzulassen wenn ich umziehe. Müde kuschle ich mich in meine Kissen und versuche, einen kleinen Mittagsschlaf zu halten. Aber die Gedanken lassen sich nicht abschalten, ziehen wie eine Kette spitzer, gleißender Dornen durch mein geplagtes Hirn. Nach gefühlt mehreren Stunden des Wälzens gleite ich doch in einen unruhigen Schlaf und träume von Pandora, die von dem blöden Tongefäß damals derartig provoziert und beschimpft wurde, daß sie ihm einen wütenden Fußtritt verpasste, woraufhin sich der Deckel löste und der fiese Inhalt in die Welt entfleuchen konnte. 

Ich erwache von einem penetranten Knirschen, als ob ein Riese eine Portion Pflastersteine zermalmen wollte. Nachdem unsere Straßen hier aber alle geteert sind, ist dieses Szenario reichlich unwahrscheinlich und ich beschließe, nachzusehen. Nicht, daß sich meine Möbel heimlich verabredet haben und jetzt kollektiv auswandern wollen.

In der Küche entdecke ich Sepp, der sich mit der Zerkleinerung von etwas offensichtlich ziemlich Hartnäckigen abmüht. Gähnend stehe ich in der Küchentüre und schaue ihm zu. Die Haare hängen ihm fast bis in die Schüssel, er sieht so unglaublich sexy aus wie er mit dem Mörser versucht, irgendwelche braunen Dinger gleichmäßig kleinzukriegen. Die über dem Kücheneingang aufgehängten gläsernen Delphine klingen in eine Knirschpause hinein und er blickt auf. Ein total liebes Lächeln erleuchtet sein Gesicht. Ich schaue ihn an, versinke in seinen Augen, die Zeit bleibt stehen. 
'Was machst denn da?', frage ich verwirrt, nachdem ich mich von seinen wunderschönen Augen hatte losreißen können.
Er schluckt und sieht mich etwas seltsam an: 'Kati, ich glaub wir müssen reden.'

Oha. Das klingt ominös. 'Äh ja? Worüber denn?' 
'Ich habe mich in dich verliebt. Und es fällt mir jeden Tag schwerer, wie ein Bruder neben dir zu leben. In derselben Wohnung. Dich zu sehen, mit dir zu reden ... ohne daß du mir auch nur das geringste Zeichen der Ermutigung gibst. Ich hab schon mitbekommen, daß du ein bissl anders bist und gerade das gefällt mir so sehr an dir. Aber eben genau deswegen gestehe ich dir soeben meine Gefühle, weil ich weiß, daß du es nicht so hast mit der non-verbalen Kommunikation. So, nun ist es raus.'

Ich bin baff. Sepp ist in mich verliebt? In MICH? Das kann nicht sein.
'HALLO! FRAUENKRAFT, VERTRAUEN!!', meldet sich meine Intuition wieder. Ah ja, richtig. Da war doch was.
Sepp steht noch immer neben seinen braunen Krümeln und schaut mich unsicher an.
'Meine Güte nun erlöse ihn doch endlich!!!', fleht mich meine innere Stimme an.

Ich trete einen Schritt auf Sepp zu und umarme ihn. Wortlos. Manchmal sind Worte auch einfach nur im Weg. Ich spüre, wie er erleichtert aufatmet und höre ihn an meiner Wange murmeln: 'Ich hab gatscherte Händ, die tät ich mir jetzt grad amal noch waschen wollen, aber dann will ich dich auch ganz fest in den Arm nehmen. Meine Kati! Daß ich das noch erleben darf!'
'Geh Seppl, du tust ja grad aso als wärst du 97 und lägst auf dem Sterbebett!', erwidere ich forscher als mir zumute ist. 

In diesem Moment macht mein Handy ein summendes Geräusch. Da sich Sepp eh seine Hände waschen will, lasse ich ihn los und schau mir die Nachricht an. Mein Bruder. Es soll ein Familientreffen anberaumt werden und ob ich am übernächsten Wochenende Zeit hätte. Zeit schon, aber nur ganz, ganz wenig Lust. Mein Leben springt grad von einem Wahnsinn in den nächsten, und ich soll nach Augsburg fahren und mich dort mit meinen Brüdern und der Kusine treffen als ob nichts geschehen wäre? Ich hab jetzt schon ganz stark den Geruch von Kaffee in der Nase, den man zusammen trinken wird um einen auf heile Welt zu machen.

Aber natürlich werde ich hinfahren, wenn man schon einmal an mich denkt. Und vielleicht fährt Sepp ja sogar mit? Ich frage ihn und er freut sich: 'Ein Familientreffen also,' schmunzelt er und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. 'Da muss ich mich wohl von meiner besten Seite zeigen damit deine Brüder mich nicht gleich wieder rauswerfen.' In diesem Moment klingelt es an der Türe. Sepp geht aufmachen (seit er hier wohnt haben wir die Klingel meistens an, weil er immer wieder wichtige Post per Einschreiben erhält). Als er zurückkommt, hält er einen dicken, edel aufgemachten Briefumschlag in der Hand. 'Das hier war auch dabei. Für dich.' Er reicht mir den Umschlag. Als Absender prangt ein fetter Stempel in Goldschrift: 'Private Banking – Betreuung für Premium-Gewinner'. Sepp sieht auf den Umschlag, dann auf mich. 'Du ... spielst doch gar kein Lotto, oder?'






Dienstag, 26. Mai 2026

Die Jungs sind vom Fach (Sepp 11)


Eigentlich hatte ich ja erwartet, daß Sepp mindestens bis in die Nacht hinein schlafen würde, aber bereits nach drei Stunden höre ich ihn leise auf dem Gang durch mein Sammelsurium von Büchern, Altpapier und Wegzubringendem tapsen. Vielleicht will er nur mal Lulu und dann weiterschlafen? Vorsichtshalber rühre ich mich nicht.
'Kati, bist du da?' Verschlafen steckt er seine Nasenspitze um die Ecke.
Alter Schwede schaut der Mann gut aus ...
Antworten muß ich nicht, sieht er ja, daß ich da bin.
Aber da fällt mir etwas anderes ein:
'Brauchen wir Kaffee? Bei mir hat damals in Augsburg mal jemand eine Weile gepennt der grad aus dem Knast kam und der hat dann erst einmal übers Wochenende fürchterlich Kopfweh bekommen weil man im Gefängnis anscheinend eimerweise Kaffee trinkt und ich hatte keinen da.'

Über Sepps eingefallenes Gesicht huscht der Schatten eines Lächelns: 'Keine Sorge, ich hatte da drin ja leider nix, weil ich den Einkauf knapp verpaßt hatte, und so hab ich mir weder Tabak noch Kaffee kaufen können. Und ausleihen wollte ich mir keinen, diese Leute haben Zinssätze, du machst dir kein Bild. Außerdem rauche ich ja nicht einmal. Wäre nur zum Tauschen gewesen. Dein Geld kann ich dir übrigens gleich wieder geben, das du mir dankenswerterweise eingezahlt hast, hab alles heute Morgen wieder zurückbekommen.'

Er will in sein mitgebrachtes Sackerl greifen aber ich halte seine Hand fest: 'Nee laß mal, ich brauch das jetzt nicht so dringend wie du. Wir müssen überlegen, wie wir weiter vorgehen. G'wand hab ich dir für's erste besorgt, aber was ist mit den Sachen, die noch von dir in der WG lagern. Wie kriegen wir die da raus?'
Sepp schaut traurig und ein bissl sehnsüchtig aus dem Fenster. Hinunter. Dorthin, wo er bis vor einer Woche gewohnt hat. Mit Leuten, die er, wenn schon nicht für Freunde, dann aber doch immerhin für gute Bekannte gehalten hatte.
'Ich weiß es nicht. Wenn ich da jetzt hingeh, dann kann ich für nix garantieren und dann kannst mich gleich wieder zurück nach Stadelheim geleiten. Woher hattest du eigentlich diesen Anwalt? Der muß ein Vermögen gekostet haben, so kurzfristig. Ich zahl dir das natürlich alles in Raten zurück! Und was hast du gemeint vorhin, ich hätte meinen Job noch? Kann ich da morgen in der Früh einfach hinfahren als ob nichts gewesen wäre?'
Bravo. Eleganter Themenwechsel.

'Naja, ich hab ja viele Jahre in Großhadern gearbeitet, und eine meiner ehemaligen Kolleginnen ist mit einem der führenden Mitarbeiter in der Medienabteilung verheiratet. Total lieber Kerl. Und der hat halt mal mit dem Chef gesprochen und waßt eh, bevor die jetzt die Stelle neu ausschreiben und alles, wollen sie dir lieber noch einmal eine Chance geben. Ich konnte glaubhaft versichern, daß das alles ein riesiges Mißverständnis war und da ist eh das letzte Wort noch nicht gesprochen des glaubst. Ich versteh nur zuwenig von diesen Dingen, ich war noch nie im Knast. Der Anwalt hat gesagt man könne schon eine Gegenklage führen, aber die wird seiner Erfahrung nach ins Leere laufen. Jetzt weiß ich nicht, ob der nur keinen Bock hatte oder ob der Vater von dem Wappler da unten wirklich so ein hohes Tier ist, daß man genau nichts machen kann.'

'Mann Kati, das mit dem Job ist so geil, ich hab schon gedacht ich müßt jetzt kellnern gehen oder so. Und ja, der Vater vom 'Wappler' ist leider ein sehr hohes Tier. Arzt und in der Politik gut vernetzt. In Stuttgart kennt den jeder. Gegen den kommst ned an. Aber hast du nicht was von Essen im Kühlschrank gesagt? Ich hätt einen Bärenhunger!'
'Glaub ich dir, nach dem Fraß in der Kiste ... a propos Kiste, ich hab da ein paar Bücher die ich wegbringen müßt. Mach es dir bequem, iß dich satt, schlaf noch ein bissl vielleicht, ich bin dann in zwei Stunden oder so wieder da. Ach ja, ich Depp, warte mal, ich hab dir natürlich die Schlüssel nachmachen lassen.'

Hastig stehe ich auf, um eine gewisse Distanz zwischen Sepp und mich zu bringen, und hole einen Schlüsselbund vom Kasterl im Flur. 'Der Eckige ist von hier oben und der Runde schließt die Haustüre unten und der Kleine ist für den Keller, wennst deine Sachen wieder hast, dann brauchst den vielleicht. Der Komische da ist für den Briefkasten, der schließt auch nicht richtig, aber die Typen grinsen nur immer fies wenn man sich beschwert. Da werden wir aber auch eine Lösung finden. Noch bin ich ja da.'

'Was meinst du mit noch bin ich ja da? Willst auf Kreuzfahrt gehen?'
'Na sicher ned. Nein, aber ich hatte an einen Umzug gedacht, dann könntest du die Wohnung übernehmen wenn du willst. Also, falls du es ertragen kannst, im Haus neben dem Wappler zu wohnen. Vorerst zumindest.'
'Aber Kati! Ich hätte gedacht ... wir beide ... Wo schlafst du eigentlich? Ich nehm ja mal an, daß das dein Bett ist in dem ich mich vorhin breitgemacht habe? Ich will dich doch nicht aus deiner Wohnung vertreiben. Ich ... weißt du, also ... ich mag dich immer mehr und du ... also das mit der Wette war nur am Anfang, da hab ich dich ja noch nicht gekannt!'
Jetzt tut er mir leid, wie er völlig verloren dasitzt und verwirrt zu mir hinaufschaut.

'Never mind, das müssen wir alles nicht jetzt besprechen, das mit dem Umziehen war nur so eine Idee. Luftschloß sozusagen. Ich geh jetzt. Schlüssel hast ja falls du selber rauswillst, und bitte nicht mit den Türen knallen. Ich hab das meinen Nachbarn mit viel Mühe abgewöhnt, da dürfen jetzt nicht wir damit anfangen. Steht auch in der Hausordnung, daß man nicht mit den Türen knallen darf aber manche Leute kennen einfach keine Klinke!'
Aufgewühlt packe ich meine Bücher und stapfe von dannen, ohne mich noch einmal umzudrehen. 

Der Laden heißt 'Schmökerecke' und liegt versteckt im Souterrain eines grauen Wohnblocks oben im Hasenbergl. Man kann dort seine ausgelesenen Bücher, die man jetzt doch nicht so toll fand, hinbringen, und sich neue Bücher mitnehmen. Niemand kontrolliert, wieviel man mitnimmt, alle sind freundlich, ich bin gerne dort. Auch heute werde ich nett begrüßt. Manchmal hab ich den Eindruck, die freuen sich über jeden der kommt, weil sonst den ganzen Tag nix los ist. Die Bücher sind nach Genre geordnet in den Regalen verstaut, wie in einer normalen Bücherei halt auch. Nur ohne dieses nervtötende Piepen und man kann die mitgenommenen Bücher behalten wenn man will. Nachdem ich das Mitgebrachte abgeladen habe und sinnend vor den Regalen stehe, fallen mir ein paar CDs auf die unterhalb der Märchenbücher einsortiert sind. Fragend luge ich um die Ecke: 'Habts jetzt ihr CDs auch? Da hätt ich nämlich einen Schwung abzugeben, könnt ich das nächste Mal mitbringen.'

Ein neuer Mitarbeiter, den ich noch nicht kenne, Glatze, kompakt gebaut mit buntem Tattoo am Hals, winkt mir zu: 'Komm mal mit raus, ich zeig dir was.' Neugierig trete ich mit ihm vor das Haus. Routiniert steckt er sich eine Zigarette an und ich bemerke, daß auch seine linke Hand ein Tattoo ziert. Die berühmten drei Punkte. Ob das was zu bedeuten hat? Er weist mit der Zigarette nach schräg links: Siehst die Tür? Da drinnen sind noch mehr Bücher und  auch CDs und DVDs. Die Tür ist immer auf solang bei uns wer da ist und da kannst deine CDs einfach reinlegen.'

Mir kommt eine Idee: 'Sag mal, kann ich dich was fragen?' 'Mißtrauisch schaut er auf mich herunter, mustert meine abgetragene Armeehose und die schon länger nicht mehr nachgefärbten Haare.
'Kommt drauf an.'
'Rein hpyothetisch: Wenn ein Kumpel von dir im Knast gehockt ist nur weil ein Arschloch ihm was angehängt hat, und du kannst absolut nix dagegen tun weil das Arschloch einen reichen Vater hat, und du würdest dem Arschloch total gerne eine Abreibung verpassen, kannst es aber selber nicht machen weil du eine Frau bist, wo könnte man sich da hinwenden?'
Der Tätowierte guckt mich grantig an: 'Bist von der Zeitung oder was? Hör mal gut zu: Nur weil jemand tätowiert ist und einen Ein-Euro-Job macht, heißt das noch lange nicht, daß er ein Schläger ist. Und selbst wenn, dann könnte es, rein HYPOTHETISCH, ja sein, daß er auf Bewährung draußen ist und sich ganz sicher nicht die Finger dreckig machen wird.'
Er schmeißt seine Kippe auf den Boden, tritt sie aus und reißt die Eingangstüre auf.
Mit eingezogenem Kopf schleiche ich von dannen.

'Hey, warte! Das war dein Ernst oder?'
Ich drehe mich um. Der Mann steht neben der Türe und hält sie mir auf: 'Magst nicht noch ein paar Bücher mitnehmen? Hast doch soviele gebracht.'
'Ach danke, ich hab genug daheim.' 
'Hör mal, also ... vielleicht kann ich dir helfen. Wir sperren hier um 18 Uhr zu, bringst deinen Kumpel und wir reden, ok?'
Strahlend schau ich ihn an: 'Au ja. Super! Bis später!'

Sepp ist von der Sache nicht ganz so begeistert. 'Und wenn das eine Falle ist? Du kennst den Kerl doch garnicht. Am Ende fahr ich wieder ein wegen Anstiftung zu einer Straftat. Da hab ich echt keinen Bock drauf, mir langts mit Knast, lebenslänglich, des glaubst!'
'Dann geh ich alleine. Das wird er verstehen. Ich denk mal der wollte dich einfach nur kennenlernen um sicherzugehen, daß das kein Schmäh von mir ist. Der muß ja auch aufpassen wenn er auf Bewährung draußen ist. Aber wie mach ich das jetzt mit der Identifizierung? 
Die Deppen da drüben schauen sich irgendwie alle so ähnlich, hast ned zufällig ein Foto vom Wappler, damit nicht am Ende der Falsche eine aufs Maul kriegt.'
Sepp grinst. Juhu, er grinst wieder!

'Er bräucht bloß nach dem Kerl mit der gebrochenen Nase zu fragen. Davon gibts verläßlich nur einen. Aber jetzt Schmäh ohne: Du gehst mir da jetzt sicher nicht hin. Die Idee g'fallt mir natürlich und ich finds auch voll leiwand von dir, daß du dich so nett kümmerst, aber jetzt is mal gut. Du kannst doch nicht einem völlig Fremden meine ganze Story aufs Auge drücken und ihn praktisch auffordern, dem Wappler eine reinzuhauen. Am Ende ist das ein Kieberer und die ganze Scheiße geht von vorne los. Nee, das müssen wir schon ein bissl schlauer anfangen. Allerdings ... einen Plan hab ich auch keinen.'

Am nächsten Tag, Sepp ist nach Großhadern gefahren, wegen der Arbeit, marschiere ich wieder in den Buchladen. Zur Tarnung hab ich mir ein paar Bücher mitgenommen. Wie gesagt, ich hab ja genügend. Der Tätowierte sitzt im Eck, zusammen mit einem Kollegen und dem Sozialarbeiter, der sich um die Ein-Euro-Jobber kümmert. Finster schaut er mich an und guckt dann betont weg. Ich lege meine Bücher auf dem dafür vorgesehenen Tischchen ab und gehe beherzt auf ihn zu: 'Hast vielleicht mal ein Feuer? Hab meins vergessen.' Er begreift den Wink und geht mit mir raus.

'Was war das jetzt gestern? Hosen voll? Ich steh hier wie ein Depp aber Madame hatte wohl Besseres zu tun?'
'Tut mir leid, er wollte nicht mitkommen. Hält das Ganze für eine Schnapsidee.'
'Ist es auch. Aber ich kenn Leut, die machen sowas. Gegen entsprechende Entlohnung natürlich. Die wollt ich dir vorstellen. Eigentlich. Aber offenbar hat sich die Sache erledigt.'
'Nein hat sie nicht! Und er hat ja auch noch Sachen bei dem in der Wohnung, die müßt man rausholen. Aber so richtig wohl ist mir dabei auch nicht, die wissen ja dann, daß deine Kumpels von Sepp ... also wegen meinem Bekannten da sind und am Ende kriegt er den Ärger, das will ich natürlich auch nicht.'
'Das laß mal unsere Sorge sein, die Jungs sind vom Fach. Wenn die mit dem fertig sind dann geht der so schnell nirgends mehr hin und schon garnicht zu den Bullen. Paß auf, du sagst mir einfach wer der Kerl ist der den Denkzettel braucht, gibst mir die Anzahlung mit und ich erledige den Rest. Die Sachen von ... Sepp ... kannst hernach hier in der Buchhandlung abholen. Rundum Service, was sagst? Vertrauen gegen Vertrauen. Schlag ein!'
Auffordernd hält er mir seine Hand hin. Ich schlage ein.

Drei Tage später, am Freitag, es ist bereits dunkel, sitzen Sepp und ich gemütlich beim Abendessen und feiern den geglückten Einstand in seinen neuen Job. Ich hatte ihm nichts von meiner neuerlichen Unterhaltung mit dem Tätowierten gesagt, und die Schlafsituation hat er auch geklärt. Er schläft natürlich im Schlafsack, hat er gesagt, das wäre ja noch schöner, und es wär ja eh eine Matratze drunter, also alles gut. Wir lümmeln also grad so im Wohnzimmer neben dem Plattenspieler, als wir von draußen lautes Schimpfen hören. Neugierig krabble ich hoch und schau aus dem Fenster. Drei dunkel gekleidete Kerle verlassen gerade betont lässig das Haus gegenüber während Frau Ziegler, die alte Tratschn, ihren lockenwicklerdekorierten Schädel aus dem Fenster hängt und irgendwas von Nachtruhe und Gepolter und asozialem Studentenpack rumkeift. 'Nur die Zieglerin wieder', beruhige ich Sepp und begebe mich innerlich jubelnd wieder zurück an meinen Platz. Ich denke, ich sollte morgen einmal im Buchladen vorbeischauen ...








Sonntag, 24. Mai 2026

Hoffnung auf Zehenspitzen (Sepp 10)

Eine lange Woche neigt sich ihrem Ende zu. Den Sprechschein für einen Besuch im Knast hatte ich schnell bekommen, aber beim ersten Anlauf hatte ich meinen Ausweis nicht dabeigehabt. Der steckte im anderen Rucksack. Ich werd auch immer tüteliger. Und wie ich dann am Freitag endlich drinnen war, konnte ich Sepp nicht einmal Zigaretten besorgen. Früher in Augsburg konnte man dem Gefangenen eine Cola und eine Packung Kippen im Besuchsraum aus dem Automaten ziehen lassen. Kannste vergessen. Mittlerweile keine Zigaretten mehr. Jugendschutz. In Stadelheim. Daß ich nicht lache. Und wenn jemand eh schon nicht schlafen kann, was braucht er dann noch Cola. Ganz abgesehen davon, daß man durch diese blöde Scheibe eh nichts durchreichen kann und irgendwas mitnehmen in die Zelle ist nicht mehr. Schmal war er geworden in den wenigen Tagen. Es hat mir fast das Herz gebrochen, auch wenn er sich so rührend gefreut hat, mich zu sehen. Viel geredet haben wir nicht, es war wenig los gewesen im Besucherraum und der Depp beim Eingang hat jedes Wort mithören können. So macht das keinen Spaß.

Den Göttern sei Dank war Dr. Heumann ein gewiefter Fuchs, der genau wußte, was zu tun war um seinen Mandanten rauszuhauen Daher sitze ich nun, eine Woche nach Sepps Verhaftung, wie auf Kohlen und warte darauf, daß er heimkommt. Vor dem Tor zu warten, wie man das immer im Film sieht, hätte keinen Zweck, hatte der Anwalt mir erklärt. Es könne Stunden dauern bis die Bürokratie erledigt sei und im Gegensatz zu den Strafgefangenen bekäme ein U-Häftling daher keine feste Uhrzeit für die Entlassung sondern man müsse halt warten, bis er mit allem durch sei. Die Ausgabe der persönlichen Gegenstände, der Termin beim Arzt, und last but not least die Auszahlung des Geldes vom Gefangenenkonto. Das war ja sowieso der Hammer gewesen. Zwar hatte ich Sepp Geld einzahlen können, aber er hatte sich nichts damit kaufen können weil der Einkauf erst wieder Freitag in einer Woche gewesen wäre. Echt spitze! Mittlerweile ist es Mittag vorbei und ich habe keine Ahnung, wann er kommt. Ob er überhaupt kommt. Vielleicht mäandert er orientierungslos durch die Stadt, kommt an einer Kneipe vorbei und beschließt, erst einmal einen zu heben um die wiedergewonnene Freiheit zu feiern. Da wäre er nicht der Erste, der auf diese Weise sein Entlassungsgeld gleich wieder los wird.

Sein Handy ist nach einer Woche natürlich leer, ich kann ihn nicht anrufen, und vice versa. Ausgemacht ist nix, wie auch, und Schlüssel hat er logischerweise noch keinen. Hab ich schon erwähnt, daß ich Warten echt hasse? Vor allem wenn ich keine Ahnung habe, worauf eigentlich genau. Will er überhaupt bei mir, mit mir, wohnen? Will ich das? Wie soll es weitergehen? Natürlich hab ich mir Gedanken gemacht. Da ist mein Hirn super im Gedanken-Machen. Am liebsten Tag und Nacht. Hyperaktiv haben sie gesagt beim Arzt. Also nicht ich, das Gehirn. Zwischenzeitlich hab ich schon einmal Männerklamotten gekauft, hab sie gewaschen, sogar Klammern hab ich gekauft und die Wäsche damit extra draußen aufgehängt damit sie schön duftig wird.

Ansonsten, hab ich mir gedacht, überlasse ich ihm halt die Wohnung bis auf Weiteres und ich kauf mir ein hübsches Haus mit Schwimmbad. Irgendwo. Grünwald wäre blöd, da wird immer eingebrochen. Außerdem will ich eh aus München weg. Aber wohin? Gene Simmons hat ein total geiles Haus aber der wohnt in Amerika. Viel zu weit. Vielleicht sollte ich nach Haar ziehen. Da gibts zweimal die Woche Seniorenschwimmen und das Irrenhaus wär auch um die Ecke. Lang dauerts nimmer bis die mich wegsperren, ich bin mit den Nerven echt zu Fuß. Oh. Echt geschmacklos, so leichtfertig über Wegsperren zu lästern. Wie mag es dem armen Sepp jetzt gehen, nach einer Woche mit kaum Schlaf? Der wird ganz schön fertig sein. Natürlich hab ich in der kurzen Zeit kein zweites Bett kaufen können, das dauert ja immer ewig bis die das liefern aber im Keller war noch ein Schlafsack, mit dem werd ich mich ins Wohnzimmer hauen, er kriegt natürlich das Bett.

Nach einer Stunde schau ich auf die Uhr. Es sind grad mal 10 Minuten vergangen. Vielleicht könnte ich das griechische Alphabet auswendig lernen. Ich konnte das ja mal. Vor 25 Jahren. Da hatte ich mich in meinen griechischen Taxifahrer verknallt und deswegen Sprachkurse genommen. Aber mein damaliger Freund war dagegen, daß ich, wenn wir uns eh nur am Wochenende sehen, dann auch noch Sprachunterricht nehme. Also hab ich's aufgegeben. Ich Depp. Nie mehr einen Mann, echt!

Hilfe, es klingelt! Ob er das schon ist? Eilig haste ich zur Türe und falle beinahe über den Gruscht im Flur. Hätte ich aufräumen sollen? Egal, too late. Langsame Schritte steigen deutlich hörbar die Treppen hinan. Da ist ja Peter schneller mit seinem Asthma. Nach einer sich gefühlt ins Ewige gedehnten Minute steht er vor mir. Gebeugt, unrasiert, hohlwangig, Augenringe wie ein Koala und völlig erschöpft.
'Mann Alter, komm rein, ich hab dir das Bett schon frisch bezogen. Magst noch was essen vorher oder gleich pennen?'
Er betritt die Wohnung, nimmt mich wortlos in den Arm und ich spüre, wie seine Schultern zucken vor unterdrücktem Schluchzen. Einen Tschetschenen werd ich kaufen und den Kerl da unten zammhauen lassen, der ihm das angetan hat! Zefix! 

Nach einer Weile löst sich Sepp von mir und schaut mir lange in die Augen. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Will er jetzt was essen oder nicht? Und wo tu ich sein Knastsackerl hin? Egal, einfach mal auf den Boden. 
'Hab dir einen Schlafanzug besorgt.', wende ich das Gespräch wieder dem Praktischen zu.
'Ach Kati,', krächzt Sepp neben mir. 'Ich ... also, das mit der Wette ...'
'Mann, laß doch den Scheiß jetzt. Wir haben echt anderes zu bereden. Also später. Wenn du dich ausgeschlafen hast. Du bist hier erst einmal in Sicherheit, du kannst bleiben so lange du willst, und deinen Job hast du übrigens auch noch. Falls du den noch willst. Ich kenn wen der den Chef in der Fotoabteilung kennt und daher ... also mach dir keinen Kopf, hau dich hin und sag mir was du vorher noch brauchst und dann laß ich dich in Ruhe, ok?'

Jetzt weint er wirklich. Gott, der Arme muß völlig fertig sein. Langsam gehen wir rüber ins Schlafzimmer, wo der Schlafanzug (zerknüllt, nicht gefaltet, Hausfrau bin ich immer noch keine), auf der Bettdecke liegt. Ein Stapel Bücher liegt neben dem Bett und eine Flasche Wasser mit Glas stehen auf dem Tischchen daneben. Hab aufgeräumt so gut es ging. Für ihn. Damit er sich nicht die Füß bricht wenn er nachts aufs Häusl muß.

'Ach ja, die Toilette ist hier um die Ecke, wenn du mal mußt. Du warst ja noch nie hier. Schau und da ist das Bad wenn du dich später duschen willst und da hinten ist die Küche. Im Kühlschrank ist jede Menge zum Essen.'

'Du bist so lieb Kati', flüstert er leise. 'Danke, danke für alles. Mir ist grad ein ganzer Steinschlag vom Herzen gefallen. Jetzt kann ich ruhig schlafen weil du hast recht, ich bin todmüde. Ich erzähl dir alles später. Jetzt muß ich erst einmal pennen. Ich seh schon alles ganz gerastert ...' Er legt sich ins Bett wie er ist, Klamotten und alles, und im nächsten Moment ist er auch schon eingeschlafen. Beneidenswert. Leise schleiche ich nach draußen und schließe die Türe.

Wie wird es mit uns weitergehen? Natürlich mag ich ihn. Total. Sogar so erschöpft und unrasiert fand ich ihn unwiderstehlich. Aber was will so ein Traummann mit einer hienigen alten Kuh wie mir? Die seit 25 Jahren keinen Sex mehr hatte und auch keinen mehr will. Aus diversen Gründen. Unsere Beziehung, so wir denn eine haben, steht auf tönernen Füßen. Ein winziges Steinchen kann alles zum Einsturz bringen. Auf keinen Fall darf er von meinem Lottogewinn erfahren. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß er nur wegen des Geldes ...

Ich hole das Knastsackerl aus dem Flur und schließe sein Handy an die Steckdose an. Nach und nach ploppen Nachrichten auf. Ich widerstehe der Versuchung und schaue NICHT hin. Schließlich erinnere ich mich nur zu gut an das hübsche Mädel mit dem ich ihn unlängst gesehen hatte. Sie wird ihn ebenfalls schmerzlich vermißt haben. Warum hat SIE sich eigentlich nicht gekümmert? Kann man doch rauskriegen was mit jemandem los ist wenn man bei der Polizei anruft, was wohl jeder vernünftige Mensch tun würde wenn der Freund tagelang nicht erreichbar ist. Ob sie wohl schon lange zusammen sind? Ob er sie sehr liebt? Ob er darüber reden will wenn er wieder wach ist? Ob er das Essen mag das ich für uns gekauft habe?
















Sonntag, 17. Mai 2026

Andere Kulturen

'Also wenn ich studiert hätte, dann Anglistik, und dann hätt ich mich auf die Zeit um Heinrich VIII spezialisiert, da hab ich ein paar Bücher daheim von der Autorin ... zefix, wie heißt die gleich wieder? Jedenfalls, die beschreibt alles derart lebendig, daß du glaubst, du bist selber dabeigewesen. Man riecht förmlich wie das Bein des Königs stinkt. Der hatte ja diese offene Wunde, waßt eh, wegen der Syphilis. Wie heißt denn die Autorin gleich wieder, herrgottnah, nix kann I mir merken ...'

Mein Gegenüber grinst nur nachsichtig und lutscht hingebungsvoll an seinem Eis. Das ist auch etwas, was mich echt anzipft. Da mach ich mir Sorgen wegen Alzheimer und so und die anderen finden das nur witzig. Meine Psychologin meinte neulich: 'Ach, was glauben Sie, wie oft ich meine Schlüssel daheim vergesse. Dann ruf ich halt meinen Mann an und der bringt sie mir.'

Ja, schön für die Frau Doktor wenn ihr Mann ihr die Schlüssel nachträgt. Aber wer bringt mir das ganze mühsam angelesene Wissen zurück, das bei mir ständig und immer wieder durch irgendwelche schwarzen Löcher im Gehirn fällt und ins Nichts gesaugt wird? Nicht einmal den Namen meiner Lieblingsschauspielerin kann ich mir merken. Grad DEN nicht. 

'Du, wie heißt die Schauspielerin gleich wieder aus Vier Frauen und ein Todesfall?', frage ich Alex, der noch immer genüßlich an seinem Eis knabbert. Er trägt heute Sandalen (jaaahaaaa, er ist Beamter, er kann nichts dafür) und das Weiße vom Magnum tropft ihm auf die Socken. Merkt der nicht einmal.

'Ich kenn nur Vier Hochzeiten und ein Todesfall', mümmelt Alex unter seinem weißen Vanilleeisbärtchen.
'Die Andie McDowell wirst ja nicht meinen, oder?'

Immer des Gfrast mit die Piefke. Ka Kultur. Adele Neuhauser! Jetzt fallt's mir wieder ein. Man muß sich  nur über was anderes aufregen, dann geht's.

Mittlerweile lümmeln wir gemütlich, jeder in einem Liegestuhl, bei der Kulperhütte in Göggingen. Ich trinke eine Rhabarberschorle wie immer und sehe einem schon etwas angetrunkenen älteren Mann zu, der sein Krügerl von der Ausgabe zu einem Felsen unten an der Wertach trägt und dabei sehr Obacht geben muß, nicht zu stolpern. Wär schad um das gute Bier. Der Gastgarten ist gut besetzt aber dennoch ist es hier nie laut. Die Wertach fließt in beruhigend stetem Strom vorbei, die Bienen summen um die Gänseblümchen und Kleeblüten herum, Radfahrer sausen vorbei und plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter.

Ich fahre herum und blicke in ein atemberaubend hübsches Gesicht. Ein junger Gott lächelt mich an. Ich krieg Hirnsausen. Der Gott öffnet seinen Mund und teilt mir mit: 'Entschuldige, aber ich hab euer Gespräch grad mit angehört. Hast du schon von der neuen Brainmending Methode gehört? Das wär vielleicht was für dich. Is für Leute die ihr Gedächtnis wieder auf Zack bringen wollen. Wir bieten Kurse an und man kann auch richtige Kuren dort buchen.'

Na bumm. Ich Trottel denk der will mich anmachen und dann kommt er mir knallhart mit meinem Gedächtnis um die Ecke. Boah!

'Du das ist sicher irgendwo in Amerika,' entgegne ich störrisch, 'und ich hab voll die Flugangst. Also leider nichts für mich.'

'Die Methode kommt aus Amerika, da hast du recht, aber wir haben vor zwei Monaten in Inningen drüben eine Praxis eröffnet, wenn du magst dann mach ich dir auch einen Sonderpreis. Sozusagen Eröffnungsangebot.' Freundlich lächelnd streckt er mir seine Hand mit einer Visitenkarte entgegen. Reflexhaft greife ich zu. Kann den Laden ja mal googlen. 'Danke', grummle ich und drehe ihm demonstrativ den Rücken zu. Frau Unerhört ist beleidigt!

Es ist eine Sache, wenn ich mich über mein beschissenes Gedächtnis beschwere. Aber ein Fremder hat sich darüber nicht auszulassen. Find ich.

Zwei Wochen später stehe ich vor der Praxis und traue mich nicht, zu klingeln. Soll ich da jetzt wirklich reingehen? Ja, sollte ich. Schließlich hab ich einen Termin und keine Lust auf Ausfallgebühren wegen nix. Mit Todesverachtung drücke ich auf den Klingelknopf. Ein freundliches Summen ertönt, ich drücke die Türe auf und stehe sofort in einem in lavendelblau und honiggelb gehaltenen Empfangsraum. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, denke ich anerkennend. Und schon schwebt der junge Gott herein und haut mir freundschaftlich auf die Schulter: 'Ja griaß di, servus, wie gehts?', freut er sich und geleitet mich hinüber in einen bordeauxrot gestrichenen Raum in dem nur eine Liege steht. Sonst nichts. Immerhin ist die Liege mit einer Anzahl plüschig weicher Kissen ausgestattet, wie ich mit Behagen zur Kenntnis nehme, nachdem ich mich auf Anweisung des jungen Gottes dort ausgestreckt habe. Schuhe vorher ordentlich ins Eck gestellt, wie sich das gehört.

'Wie du sicher schon gelesen hast, ist unsere Methode so einfach wie effektiv. Wir lenken die brainoplasten und brainoklasten direkt aus dem All in dein Hirn hinein, die arbeiten dann von selbst daran, die Prä- und Postsynapsen auf Trab zu bringen so daß die synaptische Plastizität sich wieder erhöht'.

Jaja, denke ich, mach nur. Gemütlich rutsche ich mich zurecht und stelle mir vor, wie eine Postsynapse ihre Tragetasche voller Briefe im Synapsenspalt eingeklemmt hat und hektisch dran zieht und sämtliche Briefe rausfallen. Tjahaaa, das würde einiges erklären. Während ich noch vor mich hingrinse, richtet der junge Gott einen seltsamen Trichter auf meinen Kopf, erklärt mir dann, ich könne die Augen schließen und mich entspannen. Er würde in einer halben Stunde wieder nach mir sehen.

Wieviel Zeit schon verstrichen ist kann ich nicht sagen, doch es beginnt auf einmal komisch zu riechen. Hat das Göttergerät einen Kurzschluß oder was geht hier ab? Ich werde unruhig. So sollte das eigentlich nicht ablaufen hier. Ich mags nicht wenn es mieft! Kurzerhand erhebe ich mich von der Liege und marschiere hinaus in den Empfangsraum. Niemand da. Seltsam. Vorsichtig luge ich um die Ecke und sehe zwei weitere Türen. Aus einem der beiden Zimmer ertönt lautes Schimpfen: 'Den Laden werd ich euch zusperren lassen! Also er. Der, der ich mal war. Mein Hirn will ich wieder zurück! Den alten Lappen da könnt ihr behalten! Omega 1 von Sigma Tauri oder was. Lieber ein beschissenes Gedächtnis und dafür meine eigenen Gedanken, als sich alles merken zu können aber das Hirn eines Außerirdischen herumzutragen! Gib wenigstens zu, daß euer Gerät kaputt ist. Los! Hinsetzen hab ich gesagt! Und jetzt da unterschreiben, du Penner!'

Eiwei. Da ist aber einer so richtig sauer. Was hat er gesagt? Die haben ihm das Hirn vertauscht? Heiliges Kanonenrohr. Gut, daß ich noch rechtzeitig aufgestanden bin. Jetzt weiß ich auch, was das für ein komischer Geruch ist der sich nach und nach überall verbreitet. Der Ärger. Hier riecht es eindeutig nach Ärger.

Die Klinke der Türe bewegt sich nach unten, ich flitze rasch zurück ins Zimmer mit der Liege und äuge neugierig durch den Türspalt den ich offen gelassen habe. Rasch klappe ich mir die Hand über den Mund, denn die Person, die aus dem Zimmer des 'Göttlichen' tritt, sieht nicht mehr aus wie ein Mensch. Er ist grün, er hat jede Menge Antennen und tiefe Narben im Gesicht. Du meine Güte! Was haben die mit ihm gemacht? Knarzend öffnet sich langsam die Türe, an die ich mich im Schrecken angelehnt hatte. Der Grüne horcht auf, blickt in meine Richtung, sieht mich, starr vor Angst, dort stehen. Langsam breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht auf.
'No, neue Kundschaft? Komm Mädel, schau daß'd aussikommst, des san kane leiwanden Hawerer do. Olles Vabrecha. Oba I wea eahm klogn, des glaubst. Das Geschöpf, das er erschaffen, wird ihn vernichten.'

Am Weg nach draußen erfahre ich dann endlich die Details. Die Methode, die der 'Göttliche' angeblich aus Amerika importiert hatte, war noch nicht ganz ausgereift und obendrein hatte er sich für sein Behandlungszimmer ein Sonderangebot andrehen lassen. Eine Maschine, die zwar die brainoplasten und brainoklasten aus dem All mühelos auf die Erde transportierte, aber leider MITSAMT dem Hirn aus dem sie angeblich problemlos entnommen werden konnten. Natürlich war das den Betroffenen nicht recht und sie forderten im Austausch das Hirn des vertrauensselig auf der Liege ausgestreckten Patienten. Bis der merkte, wie ihm geschah, war es zu spät. Mein grüner Begleiter war keineswegs das erste Opfer, allerdings der erste Geschädigte, der sich wehrte. Weil er es konnte. Weil die Transmutation nicht vollständig durchgeführt worden war. Weil er noch Teile seines Ichs besaß. 

Abends im Garten, Alex und ich sitzen vor unseren Weingläsern und starren in die vielen Kerzen, die ich wegen der Gelsen auf dem Tisch aufgestellt hatte. Alex bemerkt nüchtern (noch): 'Na schau, ist doch eh besser du hast ein nicht so ganz tolles Gedächtnis. Dann kannst deine Bücher alle immer wieder lesen und bist jedes Mal wieder so gespannt auf das Ende wie beim ersten Mal.' 






Dienstag, 21. April 2026

Der Albtraum


Als ich völlig abgehetzt die Waldlichtung erreichte, war niemand zu sehen. Panisch sah ich auf meine Armbanduhr. 18:50 stand dort in großen Ziffern zu lesen. Zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. Wieso war noch niemand hier? Hatte man bei der letzten Besprechung beschlossen, den Treffpunkt zu verlegen? Wurden wir beobachtet?

Zu dumm, daß ich voriges Mal nicht hatte dabei sein können. Fieberhafte Erkältung. Da bleibt man doch lieber zuhause.

Früher wäre man durch WhatsApp oder einen anderen Messenger verbunden gewesen, ohne sich etwas dabei zu denken. Nachdem jedoch unser aller König Markus die Alleinherrschaft in Bayern übernommen hatte, wurde aufgrund der neuerdings Anti-Amerikanischen Haltung WhatsApp völlig abgeschafft und durch einen neuen, bayernweit völlig kostenlosen, Messenger ersetzt. Angelehnt an das bayerische Wort 'suadern' und natürlich als Hommage an den König, wurde nun also nicht mehr gewhatsappt sondern gesödert.

Die Leute liefen nur noch mit ihrem Mobiltelefon vor der Nase durch die Gegend, sozusagen Mensch-Maschinen, und es war ihnen völlig egal, daß jedes Wort, jede Sprachnachricht, direkt im Ministerium landete. Sie hatten ja nichts zu verbergen. Sie wurden nicht einmal hellhörig, als unlängst eine ältere Dame von der Sicherheitspolizei in Hausschuhen abgeführt worden war, nur weil sie das Wort 'Spargel' benutzt hatte. Natürlich hatte sie keine Ahnung gehabt, daß dies bis vor Kurzem unter den Jugendlichen ein Codewort für 'Joint' gewesen war. Denn selbstverständlich hatte König Markus die unlängst eingeführte Freigabe von Cannabis sofort wieder unterbunden. Bayern solle kein Kifferparadies werden, hatte er laut getönt und den Maßkrug erhoben. Die Menge hatte gejohlt und Beifall geklatscht.

Die logische Konsequenz war, wieder in den Untergrund abzutauchen. Wir waren alle in einem Alter, in dem man sich nicht permanent an das Mobiltelefon ketten mußte. Diese blieben bei unseren geheimen Treffen selbstverständlich außen vor. Wir wußten, wie man tote Briefkästen benutzt, wir waren fest entschlossen und fühlten uns wieder jung. Unsere geheime Losung lautete 'Seepferdchen' und wir trafen uns jede Woche auf unserer Waldlichtung, da man im Wald normalerweise nicht abgehört wird. 

Und nun stand ich an diesem Donnerstag um 19 Uhr alleine auf der Lichtung und wußte nicht, was los war. Im toten Briefkasten fand ich keine Nachricht, die anderen zu kontaktieren war praktisch unmöglich. Die oberste Regel lautete: Niemand besucht jemals einen anderen aus der Gruppe zuhause. Ansödern war selbstverständlich ebenfalls ein absolutes No-go und die öffentlichen Telefone waren in den letzten Jahren sukzessive abgebaut worden und somit nicht mehr nutzbar. 

Langsam machte ich mich auf den Heimweg. Waren wir aufgeflogen oder hatte man mich klammheimlich aus der Gruppe ausgeschlossen? Nachdenklich stromerte ich vor mich hin, es war ein milder Sommerabend, ich wollte nicht sofort nach Hause. Ich hatte mich auf den Abend mit den anderen gefreut. Hatte es in der letzten Zeit irgendwelche Differenzen gegeben? Gut, ich hatte neulich total über Jürgen und seinen Gliedersatz gelästert. Jürgen war früher eine Frau gewesen, hatte sich mittlerweile einer Hormontherapie und einer Operation unterzogen. Der Gliedersatz mußte jedes Mal vor dem Geschlechtsverkehr aufgepumpt werden und ich hatte mich darüber totgelacht. Jürgen hatte sein fleischiges Gesicht abgewandt und den ganzen Abend nicht mehr mit mir gesprochen. Verständlich. Aber war das ein Grund, mich aus der Gruppe auszustoßen wie einen Verräter? Nur wegen ein bissl rumkabbeln? Political correctness gut und schön, aber man konnte es auch übertreiben.

Es dauerte eine Weile bis mir das laute Dröhnen des Hubschraubers ins Bewußtsein drang, der wohl schon seit einiger Zeit über mir hin- und herflog. War wohl eine Übung. Oder suchten sie wieder jemanden? Einen entlaufenen Sträfling? Oder gar mich? Hastig wechselte ich die Richtung. Dummerweise hatte ich ein rotes Leiberl an, das man von oben sicherlich prima sehen konnte. Rasch zog ich es aus, warf es ins Gebüsch und rannte weiter. Ich war hier aufgewachsen, ich kannte sämtliche Schleichwege die tief ins Dickicht führten. Da würden sie mich niemals finden. Vorerst. Doch egal wie weit ich rannte, der Hubschrauber blieb stets über mir. Das Dröhnen wurde immer lauter, fast glaubte ich zu sehen, wie die Kufen die Baumwipfel streiften. Völlig panisch verschwand ich in einem der Dixi-Klos, die hier und da am Ufer der Wertach aufgestellt worden waren, um die Leute davon abzuhalten, ihre Häufchen in der naturbelassenen Landschaft abzuseilen. 

Doch was war das? Über mir gab es einen heftigen Ruck, das Klohäuschen wackelte hin und her, und ich spürte deutlich, wie es sich in die Luft hob und schaukelnd davongetragen wurde. Das durfte doch nicht wahr sein! Hastig öffnete ich die Türe einen Spalt um hinauszulugen. So ein Scheiß! Wir schwebten bereits mehrere Meter über dem Boden, zu weit um abzuspringen, fast wäre ich hinausgerutscht! Rasch verriegelte ich die Türe wieder. Nun bekam ich wirklich Angst. Was ging hier vor? Vom Hubschrauber mitsamt dem Klohäuschen entführt? Das glaubt einem doch wieder kein Mensch!

Und was war das für ein Klingeln? Schrill und ohrenbetäubend! Ich hielt mir die Ohren zu, während ich im Häuschen hin- und hergeschleudert wurde ... und wachte auf. Boah! Alles nur geträumt. Den Göttern sei Dank! Gut, daß ich mir vorsichtshalber den Wecker gestellt hatte. Noch einmal das Treffen zu versäumen wäre wirklich fatal gewesen.

Als ich pünktlich an der Lichtung ankam, saßen die anderen bereits im Kreis und Jürgen war gerade dabei, einen fetten Joint zu bauen. Ausgerechnet Jürgen. Ob er mir noch böse war? Ob ich mich entschuldigen sollte? Eigentlich kein Akt, aber vor allen anderen war es mir doch peinlich. Ich ging auf Jürgen zu und wollte mich neben ihn setzen. Mein 'Hallo' verhallte ungehört. Niemand rückte zur Seite, um mich in den Kreis zu lassen. Die anderen unterhielten sich völlig ungerührt weiter, es war, als sei ich unsichtbar geworden. Ich kniff mich in den Arm. Aua! Kein Albtraum dieses Mal.

Auf einmal sah ich Hendrik auf der anderen Seite drüben mit etwas Rotem wedeln. Mein Shirt, das ich im Traum ausgezogen und ins Gebüsch geworfen hatte! Wie kam das hierher?
Langsam ging ich auf Hendrik zu. Er warf mir das Leiberl entgegen und grinste mich an: 'Schönen Traum gehabt heute Nachmittag? Laß es dir eine Warnung sein, Pillemännchen. Widerstand gegen absurde Vorschriften von oben ist eine Sache, aber feindliche Haltung gegenüber Transmenschen ist ein absolutes No Go. Noch einmal so eine Aktion und du fliegst wirklich raus. Jetzt hock dich her und zeig mal, was du uns Schönes mitgebracht hast. Und Jürgen kriegt heute seine Ration gratis, nur damit das klar ist.'