Freitag, 6. März 2026

Der Teufel von Straßburg


Mir verschlägt es die Sprache. Was zugegebenermaßen eher selten vorkommt.
'Du weißt aber schon, daß ich eine Gehirnerschütterung hab? Und dann tätst du mich auf so einem Klappergaul heimscheppern lassen wollen? Mann Alter echt ey!'
Enttäuscht wende ich mich ab und strebe Richtung Bushaltestelle. Hoffentlich guckt grad keiner von den Klinikleuten aus dem Fenster. Ich will heim!

'Kati bitte, das war nur ein Schmäh! Das ist doch nicht mein Motorrad! Ich bin selbstverständlich mit dem Auto da! Ok manchmal bin ich ein bissl verrückt aber noch nicht völlig krumm in der Birne. Ehrlich. Komm, der Wagen steht dort um die Ecke, es war nicht ganz einfach, hier einen Parkplatz zu bekommen.'

'Woher weißt du wie ich heiße?' frage ich irritiert. 'Schließlich kenne ich deinen Namen auch nicht. Wieso du dann meinen? Bist du vom Geheimdienst?'

'Dein Name steht auf deiner Klingel, da muß man nicht viel recherchieren, das schaff sogar ich mit meinem männlichen Hirn, gell? Und meinen Namen sag ich dir gerne, ich bin der Loipfinger Josef. Aus Rimsting. Von Beruf Fotograf und ab und an auch mal Model. Bisher hab ich in Wien mein Unwesen getrieben, mal dies gemacht, mal das, aber dafür fühl ich mich echt langsam zu alt. Und jetzt wo ich eine Festanstellung in München bekommen hab, tät ich halt eine Wohnung suchen und bis dahin penn ich drüben in der WG, da war grad ein Zimmer frei. Und du so, wenn wir grad dabei sind uns kennenzulernen? Was machst du beruflich?

'Ach, ich bin nur der Depp vom Dienst in einem LMU Klinikum, nothing to write home about.'

'Geh weida, LMU? Wo denn da genau? Weil da fang ich nächste Woche auch an. In der Medienabteilung in Großhadern.'

'Nee, oder? In Großhadern! Dort war ich auch! Fast 20 Jahre lang. Des gibts ja jetzt ned! Und du bist aus Rimsting am Chiemsee? Da wo der Bus jedes Mal von der andern Seitn wegfahrt als die auf der man grad steht?'

Sein herzhaftes Lachen erwärmt mein Herz. Ich hab ihn zum Lachen gebracht. Ich kenne seine Heimat und er hat einen Job ausgerechnet in Großhadern. Das kann doch alles kein Zufall mehr sein. Sind wir womöglich tatsächlich füreinander bestimmt? Meine romantische Seite boxt sich gerade ganz massiv den Weg frei. Wir erreichen sein Auto und er hält mir galant die Beifahrertüre auf. Als ob ich nicht selbst einsteigen könnte. Einsteigen ist nie das Problem, nur beim Aussteigen sieht man in meinem Alter nicht mehr ganz so elegant aus.

Er fährt los und wir sitzen eine ganze Weile friedlich nebeneinander.  Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Ich gucke erschrocken zu ihm hinüber: 'Knurrst du vor dich hin oder ist was mit dem Auto? Was tut denn da so?' Er grinst wieder: 'Das wird dein Magen sein, mein ich alleweil? Wann hast du zum letzten Mal was gegessen?' Ich horche an mir hinunter. Tatsache. Ich hab Magengeräusche. Wie peinlich! Daß die so laut sein können. Die Autos heutzutage machen aber auch fast keinen Lärm mehr. Nicht einmal dann, wenn man ihn mal bräuchte. Ständig muß man Obacht geben, daß man nicht überfahren wird so unauffällig schleichen die sich heran.

'Gegessen ... irgendwann gestern. Das Zeug was man im Spital bekommt ist nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, das hat sich aber bis zu den Krankenkassen noch nicht rumgesprochen.'

'Dann schlag ich vor, wir fahren jetzt erst einmal nach Paris zum Abendessen, was meinst?' Glücklicherweise kenne ich ihn mittlerweile gut genug, um diesen Vorschlag als nicht unbedingt ernst gemeint zu erkennen. 'Nein danke, der französische Wein soll ja sehr mit Schadstoffen belastet sein. Aber wenn du magst und einen Parkplatz findest, dann könnten wir auf ein Glaserl ins Beans&Books gehen, das kommt jetzt gleich da rechts nach dem Petuelpark. Einen Durst hätt ich nämlich schon wieder und man kann dort auch eine Kleinigkeit essen.'

Kurz darauf sitzen wir uns in dem gemütlichen kleinen Café gegenüber, er hat den Wagen tatsächlich in einer Nebenstraße parken können. Was bin ich froh, kein Auto zu haben. Man kann nie einfach stehenbleiben und sich etwas näher ansehen oder spontan irgendwo hineingehen. Immer ist man wuuuuuuuuuutsch im nächsten Augenblick auch schon vorbei - und einfach am  Straßenrand anhalten geht auch nicht, weil da immer schon welche stehen.

'Was schaust denn so düster in dein Glas? Sind da auch Schadstoffe drin?' Er grinst schon wieder. War die Frage ernst gemeint oder will er mich veräppeln. 'Ohne genaue Laboranalyse kann ich dir das leider nicht sagen. Aber man muß auch einfach mal Vertrauen haben.'

Er bricht in Gelächter aus, so laut daß sie von der Theke herschauen und ich befürchte schon, daß wir Hausverbot kriegen. Ist alles schon vorgekommen. Damals im Thing, in Augsburg, haben sie uns gebeten zu gehen, weil wir zu laut gelacht haben. Allerdings hab ich damals schon den Verdacht gehegt, daß sie uns einfach nicht mochten und daher loswerden wollten. Wir haben nicht ins neue Image der Kneipe gepaßt. Wir waren Übriggebliebene aus einer anderen Zeit. Aber hier darf man anders sein, deswegen komme ich gerne ab und zu her, auch wenn ich sonst ungern ausgehe. Immerhin gibt es Bücher. Man muß ja nichts essen. Das tu ich dann doch vorzugsweise daheim.

'Was lachst denn jetzt?' Er kriegt sich gleich garnicht mehr ein und haut sich vor lauter Vergnügen auf die Schenkel. 'Brich dir fei ned das Bein vor lauter Begeisterung!'

'Daß ausgerechnet du über Vertrauen sprichst das find ich so witzig', keucht er, als er wieder Luft holen kann. 'Überall witterst du Gifte, Gefahren und Schadstoffe, aber man muß ja auch mal Vertrauen haben. Ich schmeiß mich weg!' Und wieder fängt er das Wiehern an.
Meine romantische Seite stemmt die Hände in die Hüften und dreht sich beleidigt weg. Mit dem da? Niemals. Lacht sich der tot nur weil ich mehr Fachartikel lese als er. Medizinische Fachartikel. Keine Autozeitschriften. Falls er sowas liest. Falls er überhaupt liest.

'Jetzt hör amal auf mit Schrein, so witzig is des ned. Liest du eigentlich auch manchmal was?'
Verblüfft schaut er mich an. 'Ob ich was lese? Najo eh. Die Getränkekarte beispielsweise wenn ich ins Beisl geh ...' Und wieder grinst er von einem Ohr zum anderen. 'Wieso fragst? Schau ich aus wie ein Analphabet?' Na gut, wenigstens kennt er Fremdwörter. Eins zumindest.

'Nein, wie ein Analphabet schaust nicht aus. Eher wie der Teufel von Straßburg.'
'Du meine Güte du kennst Leute', lacht er. 'Wer bitte ist der Teufel von Straßburg?'
'So heißt ein Roman von Heidrun Hurst. Spielt im 14-ten Jahrhundert. Da geht's um einen grauslichen Mörder, den nennt man den Teufel von Straßburg und ich stell mir den ein bissl so vor wie dich.'

'Ah ja. Ich überlege gerade ob ich das jetzt schmeichelhaft finden soll, daß du dich dennoch neben mich ins Auto setzt wenn ich dich an einen teuflischen Mörder erinnere, aber immerhin, mich ehrt dein, hihi, Vertrauen ... pruuuuuuuust ... ' Und schon wieder fällt er vor Lachen fast unter den Tisch. Wirklich ein sonniges Gemüt, der Bursche. Neben ihm komme ich mir langsam vor wie eine vertrocknete Handarbeitslehrerin. Mit gerunzelter Stirn betrachte ich die Bücherwand am Ende des Cafés. Ob man mir wohl abnehmen würde, daß dieser Mann nicht zu mir gehört, wenn ich jetzt aufstehe und mir die Bücher ansehe? Vielleicht steht ja was Neues dabei das ich noch nicht gesehen habe? 

Zielstrebig stehe ich auf und stolpere beinah über einen kleinen Hund, der fast exakt die Farbe des Teppichbodens hat und den ich daher nicht wahrgenommen habe. Kreizdeifi, grad aus dem Spital entlassen, hätte es mich fast schon wieder hingehauen. Das Leben ist nun einmal gefährlich, egal was der Seppl aus Rimsting darüber denkt. 

Nachdem ich die Bücherwand eingehend inspiziert habe, leider ist nichts für mich Interessantes dabei, drehe ich mich wieder um und sehe, wie Josef den Teppichhund mit einer Wurst füttert. Das scheint der Besitzerin aber nicht zu passen, dem Keifen nach zu urteilen das ich problemlos bis hierher hören kann. Also des geht ja ned, daß die ihn so ankeppelt. Gerade will ich mich auf den Weg machen um mich schützend vor ihn zu werfen, da beißt der Hund auf einmal in Josefs Hand. Der schreit auf, haut mit der anderen Hand versehentlich den Tisch um und die Kante fällt dem Hund genau auf den Schwanz. Der Hund jault auf, das Frauchen kreischt wie von Sinnen, der Kaffeeautomat zischt los und ich kriege die Krise. Rasch packe ich Josefs gesunde Hand und zerre ihn nach draußen. Nur weg hier. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine Bedienung uns nacheilen will, aber aus figurlichen Gründen sind wir um einiges schneller und sie bleibt schnaufend am Eck stehen. 

'Weißt du', meint Josef beiläufig als wir wieder im Auto sitzen 'jetzt bin tatsächlich ein Verfolgter und Geächteter, wie dein Straßburger Mörder. Da drinnen können wir uns jedenfalls nicht mehr blicken lassen.'
'Ach das macht nix. In München gibt es jede Menge Bücherschränke. Wennst ein Buch brauchst mußt nicht in ein Café gehen.'
Ich muß nicht zu ihm hinübersehen um zu spüren, daß er schon wieder grinst. Dabei war das eine absolut sachliche Feststellung. Es ist wirklich ein Kreuz mit den Leuten.

Aber ich bin ihm dankbar, daß er mich nach Hause fährt, bin froh, daß der Hund nicht richtig zugebissen hat und er nicht wirklich verletzt ist, und unter'm Strich ist einer der ständig lacht tausendmal besser als jemand der ständig an allem rummeckert und mich erziehen will. Meine romantische Seite sieht mich mahnend an. Ich nehme mein Handy zur Hand und checke meine Mails. Das WLAN im Spital war unterirdisch, ich hab da nicht viel sehen können.
Langsam scrolle ich nach unten ... auf einmal stockt mir der Atem.
'DES GIBTS JA NED!'
'Was hast denn?', meldet sich Seppl vom Fahrersitz.
'Der Lotto schreibt mir. Ich hätt gewonnen. Und zwar dieses Mal so richtig viel!'


















Samstag, 21. Februar 2026

Die Albernheit von tausend Clowns


Wenn man in einem Krankenhausbett aufwacht, ist zunächst alles um einen herum weiß und grau. Manchmal auch beige oder speibsacklgrün. Bei mir ist das dieses Mal nicht so. Das erste was ich sehe ist Bunt. Viel Bunt. Hinter dem Bunt schiebt sich das mir mittlerweile wohlbekannte Grinsen hervor. Ich schließe erschöpft die Augen. Was ist das für ein Albtraum? Und hier kann ich nicht einmal entkommen. Es sei denn, ich bitte den Arzt, mich irgendwo in eine Geschlossene zu turfen, da dürfen dann nur Familienmitglieder hinein. Wenn überhaupt. Aber eigentlich möchte ich das nicht. Eigentlich möchte ich nur meine Ruhe.

'Guten Morgen schöne Frau', bringt sich der Grinser in Erinnerung. Als ob ich ihn bereits vergessen hätte. 

'Erstens bin ich nicht schön, nachdem ich euer Stiegenhaus mit der Nase genau untersucht habe eh schon nicht mehr, und zweitens sind diese Blumen gewiß aus einem Blumenladen um diese Jahreszeit, es sei denn ich habe länger geschlafen als mir lieb sein kann.'

'Und was ist jetzt wieder falsch an einem Blumenladen?', lächelt der Mann unermüdlich weiter.

'Blumen aus Blumenläden sind gezüchtet und total voller Gift, ich würd mal nicht so nah rangehen mit der Nase wenn ich Sie wäre. Am besten, Sie bitten die Schwester um eine Vase und stellen die Pracht ins Vestibül, da sieht es immerhin hübsch aus und verursacht am wenigsten Schaden.'

Er steht auf, verläßt den Raum. Sein Grinsen war nun doch ein wenig verrutscht, und ich atme erleichtert auf. Hoffentlich hab ich den jetzt los. Schließlich bin ich hier um mich von meiner Gehirnerschütterung zu erholen. Ob ich wohl Frakturen erlitten habe? Aber außer der Schulter und dem Schädel tut mir nichts weh. Wo ist der Arzt? Macht man nicht in der Früh immer Visite und wirft dabei die Besucher raus?
Woher wußte der Mann überhaupt, wo er mich finden kann? Weiß ich doch selbst nicht genau wo ich eigentlich bin, tippe aber auf Schwabing, der Sanka fährt ja meist in das nächstgelegene Spital. 

Ich fühle mich verfolgt. Wie in einem alten Spionagefilm wo immer jemand hinter einem her ist, in unverhofften Momenten um Ecken lugt oder feixend im Auto an einem vorbeifährt. Und natürlich hat man keine Ahnung, wer der ist und was er will. Wobei ich mir beim Grinser nur zu gut vorstellen kann, was der will. Die Frage ist nur, wieso grad von mir? Soll er sich doch ein jüngeres Opfer suchen. Die freuen sich über einen so hübschen Mann und jeder ist zufrieden.

Langsam drehe ich meinen noch immer heftig pochenden Kopf zum Fenster. Zweibettzimmer. Also eher nicht Schwabing. Wenigstens ist das andere Bett nicht belegt. Ich will nach Hause! Wo bleibt der Arzt?

Wie auf Kommando öffnet sich die Türe und die Morgenvisite betritt den Raum. Man teilt mir in knappem Ton mit, daß ich bis auf einige Prellungen wohl keine schwereren Verletzungen erlitten hätte und nur wegen der Gehirnerschütterung eine Nacht hier in Bogenhausen zur Beobachtung dabehalten worden sei. Man habe ein MRT anberaumt u. a. zum Ausschluß einer Supraspinatussehnenruptur, sollte dieses unauffällige Befunde ergeben, könnte ich danach heim. Also abholen lassen oder mit dem Taxi.

Taxi? Der hat Nerven. Weiß der was das kostet, von Bogenhausen bis zu mir nach Hause? Und abholen lassen, wer würde mich schon abholen? Genau garniemand. 
Die weißbekittelte Meute entschwindet. Bis auf eine junge Ärztin, die sich mit ernsthaftem Gesichtsausdruck auf dem Besucherstuhl neben dem Bett niederläßt. Was will die jetzt von mir? Als sie vorsichtig zu sprechen beginnt klappt mir die Kinnlade runter.
'Gestoßen? Mich soll jemand gestoßen haben? Danke nein, ich bin selbst in der Lage über meine eigenen Füße zu stolpern. Die Treppe bin ich völlig alleine hinuntergesegelt.'
'Ja, das sagen sie alle ...'
'Sie wollen jetzt nicht allen Ernstes ein Opfer häuslicher Gewalt aus mir machen? Ich bin Single und zwar aus Überzeugung!'
'Ich wollte Ihnen nur die Gelegenheit geben, sich auszusprechen, sollte der Bedarf bestehen. Es ist nur ein Angebot. Rein prophylaktisch.'
'Na sehr fein. Dann kommt als nächstes jemand mit einem Läusekamm, im Fall daß ich Nissen hätte? Rein prophylaktisch?'

Die junge Ärztin lächelt.
'Da wären wir bei Ihrer Frisur wenigstens gleich durch.
Nichts für ungut, aber wir müssen bei solchen Unfällen nachfragen und es ist zumindest für mich immer wieder unpackbar schwer, zusehen zu müssen wie Frauen, die deutlich sichtbar von ihrem Mann geschlagen worden sind, treu und ergeben wieder zu diesem zurückkehren. Aber wenn die Patientin dies nicht möchte, sind uns die Hände gebunden und wir können nichts tun.'

'Ja, meine Kollegin ist auch mit so einem Kerl verheiratet. Der Typ ist ein strunzdummer Narr. Ativ heißt der, aber ich nenn ihn immer Abdullah. Natürlich nur wenn er es nicht hört, sonst krieg ich auch noch was ab. Die hat halt Angst. Sie wäre nicht die erste, die abends in einer einsamen Ecke ein Messer in den Rücken bekommt. Mit einer Anzeige ist es halt nicht getan, vergessen Sie das bitte nicht. Zumal die Beweislage meist ziemlich dürftig ist und die Frauen oft von der Familie genötigt werden, die Anzeige zurückzunehmen.'

Die Ärztin schweigt betreten. Dann erhebt sie sich und geht langsam zur Türe. Sie tut mir leid. Es ist ja nicht ihre Schuld. Aber mir fällt nichts Versöhnliches ein, das ich ihr zum Abschied mitgeben könnte. Männer sind nun einmal Tiere, und wer sich mit einem gefährlichen Tier einläßt, muß mit allem rechnen. Telekinese zum Mond geht leider noch nicht. Wär 'ne prima Lösung. Find ich. Nur der Mond täte mir leid.

Kaum ist die junge Ärztin draußen, kommt meine Nemesis wieder rein. Immerhin ohne Blumen.
'Hab dir Monade mitgebracht!', kräht er fröhlich.
Der Junge muß mindestens eine Million Gute-Laune-Gene haben.
Und die Albernheit von tausend Clowns.

Strahlend stellt er mir eine Flasche Sprite auf den Nachttisch.
'Ich möchte ja nicht undankbar erscheinen, aber dieses Zeug ist voller Industriezucker. Das kann man doch nicht trinken.' Langsam komme ich mir selber vor wie eine Spielverderberin aber das sind nun einmal die Fakten, an denen kommt selbst er nicht vorbei. 'Wenn du mir vielleicht eine Flasche stilles Wasser besorgen könntest? Ich hab nämlich wirklich Durst.', versuche ich den Schaden zu begrenzen.
'Mach ich gerne!', freut er sich. 'Wie lange mußt du denn hierbleiben?'
'Das erfahre ich später nach dem MRT. Die wollen mich aber nicht mit den Öffis heimfahren lassen. Da werde ich mir noch was einfallen lassen müssen.'

'Du das ist doch kein Problem, ich fahr dich natürlich. Jetzt hol ich dir dein Wasser und dann laß ich dich in Frieden.'
Kurze Zeit später kommt er tatsächlich mit einer Flasche stillen Wassers und einem Zettel wieder herein.
'Hier hast du meine Nummer, rufst einfach an, ich komm dich dann holen. Bis dann!'
Pfeifend schlendert er von dannen, nicht ohne sich an der Türe noch einmal umzudrehen und mir eine Kußhand zuzuwerfen.
Was für ein Kasperle.
Aber nun bin ich ihm zu Dank verpflichtet, ob es mir paßt oder nicht.
Blöd.

Im MRT war dann alles in Ordnung und ich hab erst versucht, mich am Stützpunkt vorbei aus der Station zu schleichen, aber die sind auf Zack dort. Keine gelangweilten Tippsen denen es total egal ist was abgeht, wie bei uns im Klinikum. Die wußten sogar meinen Namen. Alle Achtung. Also mußte ich doch meinen Verehrer anrufen, was sollte ich tun. Geld fürs Taxi hab ich keins dabei und auch zuhause liegt momentan nicht wirklich viel rum.

Mein Grinsebär kommt kurz nach dem Telefonat fröhlich um die Ecke gefegt, er muß noch unterschreiben, daß er mich abholt und nach Hause bringt, und bald stehen wir gemeinsam im Aufzug und fahren nach unten. Etwas irritiert betrachte ich den Motorradhelm, den er in der Hand trägt.
'Du bist aber jetzt nicht mit dem Motorrad gekommen, oder?', frage ich voll düsterer Vorahnung.

Die Lifttüren öffnen sich und wir betreten die die Straße.
Stolz zeigt mein Begleiter auf ein sehr seltsames Motorrad, das nicht aus aussieht, als sei es für den Straßenverkehr zugelassen.
'Keine Sorge,' lächelt er mir ins ungläubige Gesicht. 'Ich hab noch 'nen zweiten Helm dabei.'











Sonntag, 15. Februar 2026

Dunkel mit Kopfweh

'So ein Mumpitz!', brülle ich enerviert ins Telefon. 
'Hey', kommt postwendend der Protest aus dem Hörer.
'Wenn ich jetzt wegen dir einen Tinnitus hab dann darfst du mir die Kur bezahlen!', beschwert sich meine Bekannte.

Beschämt und mit gedämpfter Stimme erwidere ich: 'Sorry, aber was redest auch für ein Blech zamm. Nur weil der Depp einfach über den Balkon einsteigt hätt ich mich sofort auf den Teppich legen und ihn drüberlassen sollen? Das war eindeutig Hausfriedensbruch in Tateinheit mit sexueller Belästigung. Der soll froh sein, daß ich ihn nicht angezeigt hab. Wo samma denn?'

Manchmal frag ich mich schon, was ich für Leute kenne. Erst dachte ich ja, Manuela macht Witze, aber die hat das total ernst gemeint. Wieso ich mich von dem hübschen Burschen nicht habe vernaschen lassen. Ja warum wohl. Meine Wohnung ist doch kein Laufhaus wo man einfach reingeht und ... ja, erst einmal bezahlt. Die Frauen kriegen dort Geld dafür. Und ich sollte einfach so? Näh! Außerdem, so debil wie der gegrinst hat, war er hundertpro total unterbelichtet. Man muß sich mit den Leuten doch auch unterhalten können. Find ich. 

Nun ziehe ich jeden Abend die Vorhänge zu. Nicht, daß der glaubt ich würde mich dafür interessieren, was in der Wohnung gegenüber so los ist, ob er vielleicht wieder dasteht und nach oben schaut. Am Ende sieht es so aus, als würde ich ihm nachrennen. Sicher nicht. Für sowas hab ich absolut keine Zeit. Ich bin nämlich Künstlerin. Jawohl. Weiß nur niemand, vor allem die Galeristen nicht. Beim Friseur hatte ich mal eine Zeitlang was hängen. Der meinte allerdings damals, mehr als 50 Euro könnte ich für ein Bild nicht verlangen. Das gäbe das Klientel nicht her. Hinterher hat mir ein Bekannter erzählt, daß mich der nur abzocken wollte. Die Bilder zu einem guten Preis verkauft und mich pro Bild mit einem 50-er abgespeist hätte.
Seither schneide ich meine Haare selber.
Geht auch.

Eigentlich hatte Manuela aber nicht angerufen, um mich zu unzüchtigen Handlungen zu überreden, sondern sie wollte mit mir ausgehen. Alleine würde sie sich nicht trauen und ich sei doch sowieso noch nie weggegangen seit ich in München wohne. Da könne ich doch nicht sagen, es würde mir nicht gefallen, wenn ich es noch nie probiert hätte. Die hat Nerven. Ich geb doch hier nicht die Disco-Oma in irgend so einem anrüchigen Schuppen. Am Ende schleift sie mich noch in ein Pornokino! Ok jetzt mal Schluß, meine Phantasie geht mit mir durch. Leider hab ich die Gute nämlich wenig feinfühlig abgewürgt, noch bevor sie mir sagen konnte, wohin genau sie mich hätte entführen wollen. 

Fortgehen ist tatsächlich nicht mein Ding. Weiß sie aber. Zu laut, zuviele Leute und arschteuer. Wenn ich mich amüsieren will, dann lese ich ein lustiges Buch oder schaue mir einen Krimi im Fernsehen an. Ob ich sie zurückrufen soll? Ach was, die soll mit ihrem Freund weggehen, der wird ja auch mal wieder gesund werden. Muß sie halt abwarten. Männergrippe hat er. Sowas dauert.

Nachdenklich starre ich auf mein Sammelsurium von Zeitungsausschnitten, Klebebuchstaben, Farben und diversen anderen bunten hübschen Dingen, die auf meinem Wohnzimmertisch ausgebreitet liegen. Aber die Inspiration will sich nicht so recht einstellen. Warum muß ich immer noch an diesen Kerl denken? Gut ausgesehen hat er ja, aber seine Absicht war eindeutig und ich fand das einfach unverschämt. Wenn der das immer so macht, dann hat er sicherlich AIDS, Syphilis und drei verschiedene Tripper. Kann er behalten. Wütend mache ich ein paar pechschwarze Striche auf dem vor mir liegenden Papier. Jawohl!

Es läutet. Scheiße! Hab ich wieder vergessen, die Klingel abzustellen! So ein Mist. Wahrscheinlich eh nur jemand, der unten Anzeigenblättle einwerfen will. Die klingeln immer überall und hoffen, daß einer aufmacht. Ich beschließe, nicht zu reagieren.
Es läutet wieder. Hm. Die Zeugen Jehovas? Mal wieder eine streitlustige Diskussion über Glauben und Spiritualität? Warum nicht. Beherzt öffne ich die Türe ... und schaue perplex in das grinsende Gesicht vom Vortag. Der Frechdachs von gegenüber!

'Ob ich mir vielleicht ein Täßchen Mehl borgen könnte?', fragt er und grinst leutselig.
Meine Nerven!
'Erstens einmal habe ich garkein Mehl, das sind nur leere Kalorien, sowas ißt man nicht.', erwidere ich streng. 'Zweitens verleihe ich keine Lebensmittel und drittens sollte klar sein, daß das Mehl in diesem Fall weder geborgt noch geliehen wäre, da ich ja nicht dasselbe Mehl wieder zurückbekommen würde sondern ein anderes. Idealerweise jedenfalls.'
Er blickt verwirrt.
Wußte ich es doch. Unterbelichtet.

'Sonst noch Fragen?' Ich schaue ihn böse an, und nachdem er weiterhin sprachlos dasteht, schließe ich die Türe. Es zieht. Muß ja nicht sein.
Bevor er erneut läuten kann, schalte ich die Klingel ab.
Hab ich wohl versehentlich angelassen, nachdem ich heute morgen eine Lebensmittellieferung bekommen hatte. Meine Klingel ist grundsätzlich abgeschaltet weil mich das Geräusch immer so erschreckt. 

Nun ist die Inspiration da! Zu den schwarzen Wut-Strichen gesellen sich bunte Spiralen, die mit Knöpfen besetzt ausschauen wie eine ferne Galaxie. Dazwischen messages mit den Klebebuchstaben. Vorsichtshalber auf Deutsch, 'Bleib mir vom Leibe' und so, weil der schaut mir nicht aus wie einer, der was im Lexikon nachschaut.  Bissl Glitter drauf, Yeah! Im Gegensatz zu Öl trocknet ja Acryl total schnell und so bin ich kurz darauf auch schon auf dem Weg nach drüben. Und hoffe, daß in der WG die Klingel an ist. 

Ist sie. Man öffnet, und ich überreiche mit bemüht freundlichem Gesicht mein Werk und sag, es ist für den frechen Kerl mit den langen Haaren. Ich stutze. Vor mir stehen drei Kerls mit langen Haaren. 'Also ich mein den mit der Leiter', stoße ich hastig hervor, drehe mich um und holpere die Treppen hinab. Etwas überstürzt, offenbar, denn auf einmal kommen mir die Stufen entgegen, in einem irren Tempo, und es wird dunkel mit Kopfweh.






















Freitag, 6. Februar 2026

Und sie tun es doch!


Bettwäsche soll man auslüften. Hab ich mal wo gelesen, aber noch nie gemacht. Doch jetzt fängt ein neues Leben an, hatte ich mir vorgenommen. So mit Ordnung und Putzen. Also hieve ich das Bettzeug auf die Fensterbank ... vielleicht hätte ich dort vorher staubwischen sollen ... und richte mich erwartungsvoll auf. Das schöne Gefühl von erfüllter Pflicht will sich jedoch nicht so recht einstellen. Hm. Dann könnte ich mir die Arbeit ja in Zukunft sparen! Den Milben wäre es sicherlich recht.

Es ist kalt bei geöffnetem Fenster. Draußen ist es noch dunkel, die Möndin ist nur ganz klein in der Ferne zu sehen. Mikromond nennt man das, wie ich neulich im Internet erfahren habe. Keine Ahnung, was die Leute immer gegen das Internet haben. Ich find's toll!

In der Wohnung schräg gegenüber brennt auch schon Licht, was mich etwas verwundert, da die Leute dort oftmals bis weit nach Mitternacht auf sind und sich in ihrer rauchgeschwängerten Bude die Synapsen wegkiffen. Weder besonders interessant noch sehenswert, aber wer sich auskennt der kriegt's halt mit wenn er nachts zur Toilette wandert und dabei aus dem Fenster guckt.

Heute jedoch bietet sich dem noch etwas verschlafenen Auge ein völlig anderes Bild. Der absolute Traummann (lange schwarze Haare, schlank, wollig behaarte Brust) lehnt mit laszivem Grinsen im Gesicht an einem Schrank und schaut direkt zu mir hinauf. Erschrocken weiche ich zurück. Herzklopfen. Diesen Anblick muß ich erst einmal verdauen. Heiliges Zebra! Wäre ich doch 20 Jahre jünger. Ach was, 30. Dann könnte ich beispielsweise ein Pappschild hochhalten mit der Aufschrift 'Frühstück bei mir?'.

Würde mein jüngeres Selbst natürlich niemals tun. Viel zu schüchtern. Und jetzt wo ich die Nerven dazu hätte, bin ich zu alt. Wahrscheinlich hat er eh nicht mich gemeint, sondern einfach so vor sich hingegrinst und dabei zufällig in meine Richtung geschaut. Genau. So muß es gewesen sein. 

Nachdem ich genüßlich geduscht habe wandere ich, noch im Bademantel, ins Wohnzimmer hinüber wo es mollig warm ist. Zwar frühstücke ich selten wirklich ausgiebig, aber eine gute Tasse Tee und eine Banane dürfen es schon sein. Während ich den Bananenkorb durchwühle (René Gräber hat gesagt, je grüner die Bananen sind, desto gesünder für den Darm seien sie) höre ich plötzlich ein seltsames Knirschen von draußen. Ich lausche. DA! Wieder so ein seltsames Knarz knarz knarz ... als ob jemand ... da wird doch nicht etwa ein Einbrecher ...???

 Ich lösche das Licht und verhalte mich mucksmäuschenstill. Das Geräusch persistiert. Na warte Bürschchen! Ich greife mir meinen Knüppel, schleiche vorsichtig zur Balkontüre und reiße sie mit einem Ruck auf. 'Hände hoch!' brülle ich den Kerl an der gerade vorsichtig seinen Kopf über die Balustrade schiebt. Verdutzt blickt er mich an, dann breitet sich wieder das laszive Grinsen auf seinem Gesicht aus. Vor mir steht, auf einer Leiter zum Balkon hinaufgeklettert wie in einem alten Komödienstadl, der Traummann von vorhin. Immerhin hatte er sich eine Seppelhose angezogen, wie ich durch das Gitter hindurch mit Erleichterung bemerke.

'Offensichtlich bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen,' lacht er frech, mit Blick auf die Banane, die ich noch in der linken Hand halte. 'Da hätte ich wahrlich Besseres zu bieten!' 








Montag, 5. Januar 2026

Cavete mulierem


Morgen schon wieder Feiertag. Die heiligen Drei Könige aus dem Morgenland überbringen ihre Geschenke. Mir leider nicht, ich muß selber zum Einkaufen gehen. Früher hatte ich mich über die vielen Feiertage zum Jahreswechsel natürlich gefreut, aber nun da ich sowieso an fast allen Tagen frei hatte, waren diese ständigen Sonntage nur noch lästig. Der Bus fuhr viel zu selten und alle vernünftigen Geschäfte hatten geschlossen. Bayern halt.

Muffelig machte ich mich auf den Weg zum Biomarkt. Immerhin hatten sie uns jetzt einen hingestellt, hier oben im Münchner Norden, wo es ansonsten vorwiegend Discounter und Dönerläden gab.

Als ich durch die Glastüre ins Innere trat, waren zumindest keine schreienden Kinder zu hören. Thank God for small mercies. Langsam schlenderte ich mit meinem Korb durch die Gänge. Joghurt, erledigt. Weinchen, erledigt. Gefrorenes Gemüse könnte ich vielleicht noch mitnehmen? Kleines Eintöpfchen zammschmurgeln in diesen kalten Wintertagen?

Während ich mich kurzsichtig über die Kühltruhe beugte, laberte mich doch glatt ein Typ von der Seite an: 'Na, auch auf der Suche nach was Besonderem? Wie wäre es mir mir? Ich bin heute im Sonderangebot!' Langsam richtete ich mich auf und starrte den Kerl entgeistert an. Ein noch relativ junger Mann, vielleicht Mitte 40, mit ungepflegtem Bart und einer total bescheuerten, giftgrünen Mütze auf dem Kopf, grinste mich unverschämt an. Der meinte tatsächlich mich! 
'Wollen Sie mich etwa anbaggern?', fragte ich fassungslos.
Immer noch frech grinsend antwortete der Todgeweihte: 'Komm jetzt, in deinem Alter kriegst du doch bestimmt sonst keine Anfragen mehr. Andere Frauen bezahlen sogar dafür. Ich mach's dir gratis, und ich bin echt gut!'

Langsam trat ich einen Schritt auf ihn zu und sah ihm fest in die Augen.
Leider befand sich hinter ihm das Regal mit dem Schampus und ich hatte wenig Lust, fast das gesamte Sortiment bezahlen zu müssen nur weil der Trottel dagegenstolpern würde wenn ich ihm jetzt in die Eier träte.
'Wollen wir mal dort hinübergehen?', flötete ich betont harmlos und wies auf die andere Seite der Kühltruhe. 'Wir stehen nämlich den Leuten hier ein bissl im Weg, mein ich einmal.'

Erfreut folgte er mir, siegesgewiß und breitbeinig. Was mir mein Vorhaben immens erleichterte. Kaum waren wir nämlich in den Gang mit den Backzutaten eingebogen, drehte ich mich um, packte ihn beim Kragen und stieß gleichzeitig mein Knie fest von unten gegen seine Kronjuwelen. Sein Aufschrei war durchdringend. Während ich mir noch die Ohren zuhielt, wankte der so schnell vom Angreifer zum Angegriffenen mutierte Vollidiot rücklings in einen hoch aufgetürmten Stapel mit Vollkornmehl, welcher zum Zugreifen für die vorbeieilende Hausfrau mitten im Weg aufgebaut worden war. Nun stolperte das Sonderangebot praktisch ins Sonderangebot, die Mehlpackungen platzten auf und es gab einen Schneesturm vom Feinsten.

Rasch schoß ich noch ein Foto, weil das glaubt einem ja dann wieder keiner, und floh schnurstracks nach draußen, bevor die Situation eskalierte und das den Göttern sei Dank spärlich vorhandene Personal den Tatort erreichen konnte. Auf Hausverbot hatte ich nämlich ganz wenig Lust.

Meine Einkäufe hatte ich leider in der Eile zurücklassen müssen. Schade um den guten Joghurt. Doch der Gedanke an die sicherlich jetzt tagelang dicken Eier des giftgrünbemützten, mehlbestäubten Vollhonks entschädigten mich für den Verlust voll und ganz. Würde ich mir halt statt Joghurt mit Müsli morgen ein Süppchen zubereiten und in genüßlichen Erinnerungen schwelgen ...









Sonntag, 28. Dezember 2025

Herzen mit Sprung

Entsetzt warf Annika dem entgegenkommenden Mann einen kurzen Blick zu und wechselte dann rasch die Straßenseite. Dies war eine der Situationen, in denen sie sehr gerne auf ihre besondere Gabe verzichtet hätte. Mitbekommen zu müssen, wie ein Mann sich detailliert vorstellte, was er mit ihr machen würde wenn er sie in seine Dreckspfoten bekäme. Es schüttelte sie. Wuah! Gruselig!

Nachdenklich trabte sie weiter. Natürlich gab es auch Momente, wo ihre Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen erkennen zu können, ein Riesenbonus war. In ihrem Job als Polizistin beispielsweise war sie damit den meist jugendlichen Angeklagten gegenüber deutlich im Vorteil. Die fühlten sich einer Frau im Polizeidienst sowieso schon einmal überlegen und glaubten, mit Arroganz und heftigem Auftreten alle Vorwürfe im Nu vom Tisch wischen zu können.

Aber nicht mit Annika. Süffisant lächelnd ließ sie die harten Jungs schwadronieren und ihre Unschuld beteuern, ließ sie schmollen und schweigen, oder nach dem Anwalt rufen wie kleine Buben nach der Mama. Am Ende hatte sie einen jeden am Haken und ein jeder wurde mit vor Erstaunen offenem Mund abgeführt, runter in die Durchgangszelle.

Die Beweise zu finden war meist kein Problem, da in den Gaunergedanken fast immer Hinweise vorgekommen waren. Leider hatten sie bisher immer wieder Straftäter laufen lassen müssen weil der Untersuchungsrichter die Beweise nicht anerkennen wollte. So stolzierte immer wieder ein eigentlich überführter Täter mit angeberischem Gang aus der Verhandlung raus, gab dem Anwalt High Five, und ab nach Hause, das treulose Stück vermöbeln, das ihn verpfiffen hatte.

Für diese Fälle hatte Annika ihr eigenes Rachesystem gegründet. Natürlich wußte sie, daß sie sich damit strafbar machte. Man erschafft kein Gesetz außerhalb des Gesetzes, punktum.

Aber wenn sie sich die Gedanken der armen Frauen ansah, die tagtäglich Schlimmstes erdulden mußten und doch keinen Ausweg sahen, ihren Peinigern zu entkommen, da ging ihr buchstäblich das Messer in der Tasche auf.

Die immer zahlreicher werdenden Waffenverbotszonen mußten sie als Polizistin nicht interessieren. Natürlich durfte auch sie in ihrer Freizeit ihre geliebte HK P30 nicht tragen aber Frankfurt war ein Dorf. Man kannte sich und niemand würde beispielsweise ihr kleines Obstmesserchen konfiszieren wollen oder ihren Kuli? Wer wußte schon, was ein mit Wucht ins Ohr gepreßter Kugelschreiber mit einem Mann anstellte? Der würde keine Frau mehr einsperren und täglich eine Hundertschaft Asylanten über sie drüberlassen nur damit er seinen faulen Hintern nicht in die Arbeit zu bewegen brauchte.

Man sollte ja glauben, daß die Menschen so kurz vor Weihnachten etwas friedlicher gestimmt seien, aber gerade das Gegenteil war der Fall. Unstimmigkeiten in der Familie, die während des Jahres unter den Teppich gekehrt wurden, kochten ausgerechnet vor dem Fest der Liebe hoch wie ein Geysir, weil man dem Druck, tagelang einen auf Friede, Freude, Eierkuchen machen zu müssen, nicht mehr standhalten konnte. In die Arbeit zu flüchten war keine Option. Man hatte ja Urlaub. 

Annika war mit Absicht und Bedacht in die Höchster Altstadt gezogen. So wurde sie wenigstens nicht schon beim Blick aus dem Fenster mit fiesen Gedankenwellen bombardiert. Zwar hatte sie es von hier etwas weiter in die Arbeit, doch hatte sie sich damals nach ihrer Versetzung nach Frankfurt sofort in diese hübschen kleinen Gassen um den Schloßplatz herum verliebt, die beinah noch genauso aussahen wie vor dem Krieg. 

Weil die Alliierten sich damals die Farbwerke unter den Nagel reißen wollten und daher in der Gegend drumherum keine Bomben niedergegangen waren. Eine optisch wirklich wunderschöne Gegend mit versteckten kleinen Gärtchen die der Tourist niemals fand, und dem gemütlichen Park unten am Zusammenfluß von Nidda und Main. 

Wie gerne würde sie es sich heute mit einer Thermoskanne Tee zuhause gemütlich machen. Leider hatte sie ihrer besten (ok, einzigen) Freundin versprochen, mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Was für viele Frankfurter ein reines Vergnügen schien, war für sie Tortur pur. Natürlich hatte sie mit den Jahren gelernt, die von allen Seiten auf sie einprasselnden Eindrücke weitgehend auszublenden. Dennoch war so ein Bad in der Menschenmenge immer extrem stressig.

Dicht gedrängt schoben die Menschen sich bereits jetzt am späten Nachmittag über den Römerberg. Nachdem sich Petra, die Freundin, mit einem Becher Glühwein versorgt hatte, schleppte Annika sie zum Kinderkarussell. Dort durften nämlich auch Erwachsene mitfahren und ein Besuch des Weihnachtsmarktes ohne zumindest zwei oder drei Runden Karussell war nicht vorgesehen. Doch was war das? Auf den Stufen unweit des Kassenhäuschens kauerte eine weibliche Gestalt. Erst dachte Annika an eine Bettlerin, doch dann sah sie, daß die Frau bitterlich weinte. Ihre Polizistenseele rührte sich und sie beugte sich zu der Frau hinunter:

''Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?'' Auch Petra war inzwischen nähergekommen und betrachtete besorgt die kleine Szene. 
''Er hat mir mein Kind weggenommen!'', schluchzte die junge Frau verzweifelt.
''Er hat uns hier aufgelauert und als die Kleine auf dem Karussell mitgefahren ist, hat er sie einfach vom Pferd gehoben und ist abgehauen. Und ich hab keine Ahnung wo die hin sind!''
Wieder brach sie in wildes Schluchzen aus. Annika und Petra setzten sich neben sie und bekamen mit viel Geduld die ganze Geschichte aus der Frau heraus. Offenbar hatte da jemand die Scheidung nicht vertragen und sich nun auf diese Weise gerächt. Da der Mann nicht in Deutschland gemeldet war, konnte man ihn auch nicht ohne weiteres ausfindig machen.

''Rumhocken und Heulen hilft nix,'' stellte Annika klar. ''Wir gehen jetzt den Typen suchen. Der hält sich hundertpro noch hier irgendwo auf und fühlt sich total sicher. Los komm, du bist die Einzige die ihn erkennen kann. Wir finden den!'' Zaghaft stand die unbekannte Frau, die sich als Gabi vorgestellt hatte, auf, und folgte den beiden resoluten Polizistinnen durch die erleuchteten Gassen. Zuerst schien es, als sei ihre Suche vergebens. Doch auf einmal verspürte Annika deutliche Signale des Unbehagens.

''Stopp Kinder, hier entlang, ich glaub ich hab 'ne Spur!'' Und tatsächlich, je näher sie dem Lebkuchenhäuschen kamen, desto deutlicher schälten sich Gedanken heraus, die sich deutlich von dem üblichen halb betäubten Summen der Erwachsenen abhoben. Spitzige innere Schreie: Ich will nicht ich will nicht ich will nicht!

Ein Mann zog ein etwa dreijähriges Mädchen am Arm mit sich, das Kind klammerte sich an der mit Lebkuchen bepackten Brüstung fest, diese kippte - und ein Schwall von Lebkuchen ergoß sich über die Kleine. Der Mann fluchte und wollte das Kind aufheben und wegtragen. Da begann das Gebrüll aber im Ernst, du meine Herren. Gabi war nun auch aufmerksam geworden und kreischte los: ''Manuela, laß meine Manuela los! Haltet den Kerl!''

Annika setzte zum Spurt an, ein kurzer Kampf und der Mann lag regungslos am Boden. Das Kind hatte sich zur Mutter geflüchtet und bohrte verstört seinen Kopf in deren Schoß. Der Lebkuchenverkäufer stand verkniffen neben seiner Bude und Annika hörte wie er dachte: 'Und wer bezahlt mir jetzt die kaputten Lebkuchen?'

Sie wandte sich ihm zu und meinte: ''Sie können bei meinen Kollegen, die jetzt gleich eintreffen werden, Anzeige erstatten gegen diesen Herrn hier, aber diese wird von wenig Erfolg gekrönt sein. Der Bursche wird die nächsten Jahre auf Staatskosten leben dürfen, da hat man nicht viel übrig. Aber Sie könnten die Bruchware an ein Waisenhaus spenden, die Kinder dort freuen sich auch über Herzen mit Sprung.''

Nachdem der Kindesentführer ordnungsgemäß verräumt und Mutter und Kind mit Lebkuchen und Glühwein (alkoholfrei natürlich) getröstet worden waren, saßen Annika und Petra nachdenklich nebeneinander auf dem sich klingelnd und trötend drehenden Karussell.

''Sag mal Annika, meinst du nicht, du wärst als Privatdetektivin glücklicher als bei der Polizei? Würdest mehr verdienen, deine Erfolgsquote wäre sicherlich bei 90% und du müßtest dich nicht mehr an die ganzen bescheuerten Regeln halten. Und wenn du dich einigermaßen etabliert hast, dann stellst mich ein. Mir geht das nämlich schon lange auf den Senkel, daß wir soviel Energie aufwenden um diese Kerle einzufangen und dann greifen sie höchstens ein paar Monate ab oder gehen ganz frei wieder raus. Das muß ein Ende haben!'' Gerührt blickte Annika auf die Freundin. Nie hatte sie ihr etwas von ihrem 'Nebenjob' erzählt und doch war Petra zum gleichen Schluß gekommen wie sie.

Zielstrebig marschierten sie bald darauf am Lebkuchenmann vorbei, der noch immer mit dem Aufsammeln seiner Ware beschäftigt war, zum Stand an dem man sich in hübsche Holzbretter Namen oder Ähnliches einritzen lassen konnte.

''Schreiben Sie 'Detektivbüro Gnadenlos','' bestellte Annika bei dem freundlichen jungen Burschen, der die Arbeiten ausführte. ''Und jetzt, liebe Petra, gehen wir zu mir nach Hause, köpfen eine Flasche Schampus und stoßen auf unsere Geschäftsgründung an. Die Herren der Schöpfung werden sich von nun an sehr, sehr warm anziehen müssen. Als Team sind wir unschlagbar!''



















Bild mit KI erstellt

Montag, 22. Dezember 2025

Das Familientreffen

Ein muffiger Geruch nach alten Akten hing wie immer in den Räumen des Augsburger Finanzamts, wo Herr N. wieder einmal einen Bürotag einlegte. Seine Arbeit als Steuerprüfer war abwechslungsreich und er kam viel herum, doch liebte er die Bürotage. Vor allem weil er dort nicht von mißtrauischer und latent feindseliger Kundschaft sondern von seinen Kollegen umgeben war, mit denen er seit vielen Jahren friedlich und freundschaftlich zusammenarbeitete. 

'Karli, Telefon!'

Hastig eilte Herr N. zurück an seinen Schreibtisch. Seine Ohren waren nicht mehr das, was sie einmal gewesen waren, ab und zu ertönte darin sogar ein ominöses Pfeifen, und das sparsame Klingeln im Amt war leicht zu überhören wenn er, wie gerade vorhin, in der Kaffeeküche mit den Damen scherzte.

'Na du Schlafmütze, wo bleibst denn?', tönte der immer leicht spöttische Baß seines Bruders an sein Ohr. 'Hör mal, wir fahren an Allerheiligen wieder ans Grab, holst uns vom Bahnhof ab? Wir wohnen im Hotelturm und dann können wir gleich von dort an den Friedhof fahren, ok?'

Als ob er eine Wahl hätte. Herr N. mochte seine Schwägerin wirklich gerne, aber sein Bruder Rudolf ging ihm nach all den Jahren oft genug immer noch gewaltig auf den Keks mit seinem Kommandoton. Was der ihn als Kind schon immer geärgert hatte! Einmal hatte er ihm deshalb aus blinder Wut ein Holzgewehr nachgeworfen, das beim Aufprall eine verdammt tiefe Delle in der Türe hinterlassen hatte. Hinterher war er natürlich schwer betroffen gewesen. Wenn er besser gezielt hätte ... aber was mußte Rudolf die Leute immer reizen bis aufs Blut. Und wenn man dann am Toben und am Brüllen war, saß er fies grinsend im Eck und genoß das Resultat seiner Bemühungen. Beruflich arbeitete er mittlerweile als Manager bei der Bahn. Da brauchte man Männer mit starken Nerven.

Sinnend saß Herr N. an seinem Schreibtisch und blickt die schwarze Gummiente an, die dort als Briefbeschwerer diente. Ein Geschenk seiner verrückten Schwester. Die Ente blickte ungerührt zurück. 'Selbst schuld,' schien sie zu sagen. 'Was bist auch immer für ein gutmütiger Depp. Soll er doch ein Taxi nehmen der alte Geizkragen und nicht immer dich als Chauffeur mißbrauchen. Stehen genug rum am Bahnhof.'

Seufzend machte Herr N. sich wieder an die Arbeit. Die Berichte schrieben sich nicht von selber und außerdem mochte er seinen Job. Auch wenn ihm in Augsburg nicht immer der gewünschte Respekt entgegengebracht wurde. Man kannte sich aus der Schule oder aus dem Chor, und so konnte es durchaus passieren, daß er ein Geschäft betrat um die Bücher einer Prüfung zu unterziehen und von einem lauten Lachen begrüßt wurde: 'Ja do schau her, dr Karli, griaß di! Was machschn DU do?'

Ja das merkten sie dann schon recht bald, was ER da machte. Grummel. Leider hatte sein Bruder Rudolf keinen Laden, den er prüfen konnte. Wäre eh nicht sein Einzugsgebiet gewesen, der wohnte viel zu weit weg, im Nordwesten Deutschlands.

Am 1. November fuhr Herr N. wie verabredet in die Stadt, um Rudolf mit Familie vom Zug abzuholen. Geparkt wurde vor dem Finanzamt, immerhin hatte er hiermit einen Vorteil den anderen Augsburgern gegenüber, die sich teuer ins Parkhaus stellen mußten wenn sie mit dem Auto in die Innenstadt wollten. Kaum war man losgefahren in Richtung Hotelturm, fing Rudolf schon wieder das Triezen an. 'Grüner wirds ned! Sag amol wo hosch denn du den Führerschein her? Vom Grabbltisch von dr Kaufhalle?' Herr N. beherrschte sich mühsam. Im Auto hatte er eh keine Waffen griffbereit. Leider. Manchmal wünschte er sich, er hätte die Gewehre des Vaters nach dessen Tod nicht beim Landratsamt abgegeben. Den Weiterbesitz ohne die vorgeschriebene Unbrauchbarmachung hätte er den Behörden gegenüber mit seinem Status als 'gefährdete Person' begründen können. Bei DEM Bruder. Doppelgrumpf! 

Nachdem die Weitgereisten ihr Gepäck im Hotelzimmer verstaut und sich ein wenig frischgemacht hatten, traf man sich wie verabredet unten im Restaurant. Karl, Rudolf, dessen Frau Beate und Norbert, Rudolfs Sohn aus erster Ehe. Unverhofft war auch die verrückte Schwester dazugekommen. Obwohl niemand sie eingeladen hatte. Man munkelte, sie könne hellsehen. Fröhlich verteilte sie Süßigkeiten, die sie unterwegs in einer Verschenke-Kiste vor einem Haus gefunden hatte. Überbleibsel von Halloween. Niemand mochte so recht zugreifen.

Die Vorspeise wurde aufgetragen, man unterhielt sich über Belangloses, die Stimmung blieb friedlich. Der Hauptgang wurde als Wildragout-Töpfchen angekündigt und ansprechend garniert in einem ausgehöhlten Kürbis serviert. Man wünschte sich einen guten Appetit und Rudolf begann, die Kostbarkeit gierig in sich hineinzuschaufeln. Doch was war das? Hustend und prustend griff er nach seinem Wasserglas und trank es in einem Zug aus. Knallrot im Gesicht atmete er tief durch, aß aber tapfer weiter, um sich keine Blöße zu geben - nachdem es den anderen ausnahmslos gut zu schmecken schien wie er mittels heimlicher Seitenblicke festgestellt hatte. Keiner hustete, keiner lief rot an. Hatte man lediglich bei ihm den Pfeffer ins Essen fallen lassen oder was war da los?

Nur mit äußerster Beherrschung brachte Rudolf das Essen hinter sich, die Hälfte mußte er stehenlassen. Auf die Frage der Bedienung, ob es ihm nicht geschmeckt hätte, brachte er lediglich ein zittriges Lächeln zustande.

Wenn Beate, auf ihrem Weg zur Toilette, mitbekommen hatte, wie ihr Schwager Karl der Bedienung dankbar auf die Schulter klopfte und ihr einen gefalteten Schein zusteckte, so ließ sie sich nichts anmerken. Auch ihr war die Spannung zwischen den beiden Brüdern nicht entgangen. 

Später am Grab, als man gemeinsam auf den Pfarrer wartete, der wedelschwingend durch die Reihen eilte, glaubte Rudolf, eine leichte Verschiebung der Marmorplatte zu beobachten. Eine strenge Stimme tönte aus den Tiefen des Grabes hervor und ließ ihn zusammenzucken: 'Rudolf, laß das Karlchen in Ruhe!'

Rudolf wischte sich den Schweiß von der Stirne, der ihm trotz des kühlen Novembertages auf die Stirne getreten war. Vielleicht sollte er einmal mit seinem Arzt reden. Beruflich kürzer treten. Schließlich war er bereits herzkrank, und niemand lebte ewig. Beschämt nahm er seinen kleinen Bruder am Arm und meinte vertraulich: 'Tut mir leid Karli, wenn ich mich heute mittag im Ton vergriffen habe, ich werde versuchen, mich zu bessern. Schließlich sehen wir uns so oft auch wieder nicht und wer weiß wie lange noch.' Sogar die verrückte Schwester bekam ein freundliches Lächeln, das diese aber nicht bemerkte, da sie mit dem Kopf wieder einmal völlig woanders war und obendrein kurzsichtig. Beate grinste leise in sich hinein. Ihr Mann war im Grunde doch ein guter Kerl. Auch wenn man manchmal ein wenig nachhelfen mußte.