Sonntag, 2. August 2026

Der Rest der Ewigkeit

Erschöpft wischte ich mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Die Räumerei war anstrengend. Ich hatte die Sichtung des Kellers allerdings nun lange genug vor mir hergeschoben. Der Umzug sollte übernächste Woche stattfinden und hier standen noch jede Menge Kisten herum, von denen ich nicht einmal ansatzweise wußte, was sie eigentlich enthielten. Vielleicht war ja doch noch was dabei, was ich brauchen könnte? Immerhin mußte ich die alten Bretter und das andere sperrige Zeug nicht selber fortschaffen, die würden vom Umzugsunternehmen abgeholt und anschließend fachgerecht entsorgt werden.

Kurzsichtig blinzelte ich in ein relativ unbeleuchtetes Eck. Was stand denn da für eine weiße Tüte herum? Die war mir bisher noch nie aufgefallen. Altes Bettzeug? Kann weg. Forsch trat ich näher ... und erstarrte. Das war keine Tüte, auch kein Bettzeug. Das war ... ein Geist?
Mein Magen zog sich zusammen, meine Gedanken rasten. Hatte der jahrelange Benzodiazepin-Gebrauch nun doch mein Resthirn völlig vernebelt? Angestrengt starrte ich das Häuflein Elend an, das mich seinerseits verschreckt von unten anblickte.

'Sorry,' fiepte der Geist, 'bitte nicht erschrecken jetzt, ich bin's nur, eins einer alternativen Ichs. Ich kann alles erklären!'

Gefangen in einem Gefühl absoluter Surrealität ließ ich mich auf einen der herumstehenden Hocker fallen. 'Erklären. Ja. Erklären ist gut. Alternatives Ich? Und wieso als Geist hier im Keller? Aber gut, wenn du mich im Schlafzimmer aufgesucht hättest, hätt ich wahrscheinlich einen Herzinfarkt gekriegt. In einem Keller rechnet man ja eher mit ... sagen wir mal ungewöhlichen Vorkommnissen. Aber wer bist du jetzt wirklich und was machst du hier?'

'Nun, ich bin, wie gesagt, ein alternativer Lebensentwurf von dir,' fuhr der Geist nun mit deutlich kräftigerer Stimme fort. 'Hast du dich nicht schon öfters einmal gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du hättest studieren können? Wenn du mehr Geld gehabt hättest und andere Bekannte?'

Ich war platt. Hatte ich doch tatsächlich immer wieder mit der Tatsache gehadert, daß ich es aufgrund meiner Dyskalkulie nicht bis zur Matura geschafft hatte und mir sogar das fachgebundene Abitur an einer Fachhochschule durch die Sturheit meines Vaters versagt geblieben war. Dieser hatte mich gegen meinen Willen im Zweig Wirtschaft, Recht, Verwaltung angemeldet. Die einzige Wirtschaft die ich im Laufe dieser beiden Jahre studiert hatte, war die Eckkneipe bei der Gögginger Brücke gewesen, in der sich skurrilerweise auch mein Lieblingslehrer gerne aufgehalten hatte. Kunststück. Damals in Augsburg gab es nach 1 Uhr nachts nur diese eine Kneipe, in der sich dann irgendwann alle trafen. 

Ich hatte mich schon damals zu Künstlern hingezogen gefühlt, nicht zu Verwaltungsfetischisten. Ich wäre als Kompromiß allerdings bereit gewesen, auf den Sozialzweig zu gehen, was von meinem Vater jedoch mit einem barschen 'Hat keine Zukunft' abgeschmettert wurde. Hätte ich doch damals schon gewußt, daß man sich seine Ausbildung selbst aussuchen darf. Mir wäre viel erspart geblieben.

Der Schulabbruch, der Rausschmiß zuhause, der hastige Gang zum Standesamt mit einem Stadtstreicher, der sich dadurch eine gesicherte Zukunft erhoffte. Im Gegenzug war ich immerhin durch die Heirat wieder krankenversichert.

Es folgte ein Leben geprägt von ständiger Geldnot aufgrund prekärer Jobs, durchsetzt von alkoholgeschwängerten Nächten in denen ich Menschen mit nach Hause nahm, die ich später nicht mehr loswurde. Das ergab früher oder später Ärger mit der Polizei, nicht zuletzt wegen der Mengen an weißem Rauch. Den immerhin bereute ich nicht. Der hatte mich inspiriert. Manchmal jedenfalls.

Im Laufe der Jahre waren die Bekannten nach und nach weggestorben, ich hatte aus gesundheitlichen Gründe den Rauch aufgeben müssen und war erwachsen geworden. Zumindest ansatzweise. Aber glücklich? Glücklich war ich danach nie mehr gewesen. Clean, aber einsam. Mit Alkoholikern wollte ich nichts mehr zu tun haben und mit 'normalen' Menschen kam ich nicht klar.

All dies erzählte ich dem alternativen Ich, das mir interessiert zuhörte. Eine ganz neue Erfahrung für mich. 

'Danke daß du dir das alles angehört hast,' kam ich zum Schluß meines Berichts, 'aber nun bin ich schon sehr auf deine Erklärung gespannt. Du bist also ein alternativer Lebensentwurf von mir? Ein Leben, wie ich es auch hätte haben können, aber nicht hatte? Und es ist nicht gut ausgegangen? Oder wieso sitzt du jetzt bei mir im Keller?'

Und das Gespenst berichtete. Von der bestandenen Matura, vom Studium der Anglistik, das ihm bereits nach einem Jahr absolut keine Freude mehr machte. Langweilige Dozenten, sperrige Lektüre, immer wieder Textinterpretationen von Autoren, die es selbst freiwillig nie gelesen hätte.

'Weißte,' beichtete es kleinlaut, 'da hast du es weitaus besser getroffen. Warst später dann auf der Sprachschule, hast dich in den Lehrer verliebt, hast viel gelernt um ihn zu beeindrucken und konntest anschließend genau die Bücher lesen, die du lesen wolltest. Und danach hast du sie wieder in die Bibliothek zurückgebracht, ohne sie zu Tode analysieren zu müssen. Ich hab das Studium gehaßt. Aber nachdem der Vater es bezahlte, mußte ich natürlich weitermachen. Kennst ja Papa. Alles hinwerfen gibts ned. Also hab ich mit Summa Cum Laude abgeschlossen und, wirst lachen, einen Job im Auswärtigen Dienst bekommen. Irres Gehalt, Luxuswohnung und bald auch Luxus-Mann. Sehr gepflegt, roch gut, trank nur selten Alkohol und war sehr sportlich. Hübscher Mann. Leider fanden die anderen Frauen das auch.

Sagen wir mal so, unsere Ehe war sehr liberal geführt. Ein schöner Euphemismus für: Ich war ihm nach relativ kurzer Zeit bereits wurscht und er hat sich anderweitig amüsiert. Natürlich hätte ich mich trennen können, aber ich hatte meinen Beruf aufgegeben und hätte noch einmal ganz von vorne beginnen müssen. Eine Frau von Hiltensperger müsse nicht arbeiten, meinte Martin. So hieß er. Martin von Hiltensperger. Fand ich natürlich toll, den Namen. Ein Herr von und zu. Mit Yacht auf der wir über den Starnberger See schippern konnten. Luxusurlaube in der ganzen Welt. Massagen, Tennisclub und Friseure vom Feinsten. Anfangs war das schon richtig geil. Aber dann wurde ich schwanger und konnte nicht mehr so mithalten. Nachdem das Baby da war, hat er sich mehr und mehr von mir distanziert. Klar, ich war nicht mehr die schicke coole Tante in die er sich verliebt hatte sondern eine im Vergleich ungepflegte Frau, die nach Babymilch miefte und ständig müde war. Mit der konnte er sich nicht mehr schmücken, die war ihm peinlich.

Bald hatte er angeblich keine Zeit mehr für längere Urlaube, mußte ständig auf Dienstreisen von denen er braungebrannt und erholt zurückkam, während ich zuhause einsam vor der teuren Stereoanlage saß von der ich nicht einmal so recht wußte, wie man sie bedient, weil das immer er gemacht hatte. Einen eigenen Freundeskreis hatte ich nicht und Martins Freunde hielten mich auf Abstand. Als Paar waren wir gerne gesehen gewesen in der feinen Gesellschaft, aber eine einzelne Frau? An mir klebte das Miasma einer verlassenen Ehefrau wie ein Fluch, den die anderen sich nicht ins Haus holen wollten. Aus war es mit den Einladungen in die schicken Häuser in Grünwald, wo der Kaffee immer viel besser schmeckte als daheim. 

Ich könne doch eine Kreuzfahrt machen, meinte Martin. Neue Leute kennenlernen. Vermutlich hatte er gehofft, ich würde jemanden kennenlernen und ihn verlassen. Feigling! Langweilig war es auf dem Dampfer! Nur alte Leute überall und das Tuckern des Schiffsmotors macht einen auf Dauer rasend. Außenkabine war sich natürlich budgetär keine ausgegangen. Wer will schon mehr Geld als nötig für die abgelegte Ehefrau ausgeben. Na, und am Ende hat dann ER mich verlassen. Zwar durfte ich das Haus behalten und er zahlte auch großzügig Unterhalt, aber was nutzte mir das, wenn ich nun vollends alleine in dem riesigen Haus herumsaß? Die Tochter führte ihr eigenes Leben, kam nur noch an Weihnachten zu Besuch. Aus Pflichtgefühl und wegen des Umschlags, den ich ihr alljährlich zusteckte. An Geld hat es mir nie gemangelt. Aber mein Leben war öde und leer. Vor zwei Monaten bin ich aus Gram gestorben. Auf meiner Beerdigung waren zwei Leute. Meine Tochter Yvonne und Martin. Sonst niemand. Ja, warum erzähle ich dir das? Sieh dir diesen Kalender an, der dort an der Wand hängt!'

Ich stand auf und besah mir den Kalender, der tatsächlich an der weiß gekalkten Kellerwand hing. 2044? Ein Kalender von 2044? Fragend drehte ich mich um: 'Was ist das jetzt wieder für ein Zauber?'

'Blätter mal vor zum Juni. Dein 80-ster Geburtstag. An dem Tag wären wir laut Plan im Altersheim gelandet. Schau dir meine und deine Gesamtsituation an. Du hast gelebt und viel gelernt. Hast dich weiterentwickelt. Ok, deine Gesundheit hat gelitten aber dadurch hast du deine wilde Jugend überstanden. Die anderen sind fast alle tot. Du lebst noch. Du bist frei!'

Ich holte tief Luft. Alter Schwede. Das Gras war wohl auf der anderen Seite des Zaunes nicht zwangsläufig grüner? Beschämt senkte ich den Blick und entdeckte zu meinen Füßen ein seltsames Teil. Vorsichtig hob ich es auf. 
'Was zum Henker ist denn das?', rief ich erstaunt.

'Das ist eine Einspritzdüse. Paß auf, du machst dich ganz schmutzig. Ich kenn mich da zufällig aus weil ich aus purem Trotz eine Zeitlang ein Verhältnis mit einem Automechaniker hatte und ihm immer beim Auseinanderbauen der Motoren zusah. Früher ging das ja noch. Motoren auseinanderbauen. Und wenn er dann fertig war mit der Arbeit und seine Hände total ölig und verschmiert waren, hat er mich im dunkelsten Eck der Werkstatt von hinten genommen wie eine Kuh. Ich fand das geil. Dachte, ich räche mich so an Martin. Dabei habe ich mich nur selbst erniedrigt. Wie dumm von mir.'

'Hat er dich wenigstens mögen, der Mechaniker?'
'Ach wo. Der fand es einfach nur schick, eine reiche Tussi zu ficken und ihr teures Kostüm mit seinen Dreckspfoten vollzuschmieren. Für ein Treffen außerhalb der Werkstatt hatte er nie Zeit. Männer, echt! Aber was erzähle ich, dir war ja auch kein Liebesglück beschieden. Immerhin hast du es versucht und dich nicht vom Erstbesten unterkriegen lassen wie ich. Du hast immer wieder neu angefangen und das Beste aus der jeweiligen Situation gemacht. Du bist resilient und kannst dein Glück in die eigene Hand nehmen. Mach was draus! Das Leben liegt vor dir!'

'Ja und du? Wie geht es bei dir jetzt weiter? Mußt du jetzt für den Rest der Ewigkeit hier im Keller sitzen oder darfst du irgendwann auch mal in den Himmel?'

'Darf ich, ja, aber erst wenn ich es geschafft habe, ein Menschenkind glücklich zu machen. Da hab ich mir gedacht, wer wäre dazu wohl besser geeignet als du, mein liebes Alter Ego? Meine Beinahe-Schwester im Geiste? Und ich sehe es dir an der Nasenspitze an, du bist mir nicht mehr neidig um mein Leben. Jetzt, wo du mitbekommen hast, wie blöd das gelaufen ist. Jetzt bist du froh, daß du gelebt hat. Wirklich, echt und ehrlich gelebt. Stimmts?'

Vorsichtig nahm ich den kleinen Geist in den Arm. Er fühlte sich kühl und ein klein wenig feucht an. 'Ja, du liebes kleines Wesen, ich bin froh und glücklich. Du hast mir heute ein so wertvolles Geschenk gemacht. Ich freu mich total auf meinen Umzug nach Leitershofen, auf die Ruhe dort in meiner kleinen Wohnung, in der ich endlich die Kunstwerke erschaffen kann, die ich mir all die Jahre niemals zugetraut habe. Leb wohl und sag den Himmelswesen einen Gruß von mir und meinen Dank, daß sie dich zu mir geschickt haben. Machs gut und sing mit den Engeln, auch du bist jetzt frei! Und ich hoffe sehr, daß wir uns dereinst wiedersehen! Bussi baba!!!'

Der Geist schwebte durch die Kellertüre, verblaßte zusehends, winkte mir noch einmal zu und war verschwunden.

Ich sank auf meinen Hocker zurück und fühlte, wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. Wer hätte das gedacht? Ja du meine Güte, hatte ich ein Glück gehabt, diese bescheuerte Matura nicht geschafft zu haben! Pippi Langstrumpf hatte auch hier wie immer absolut recht gehabt: Von der Plutimikation sollte man sich auf ALLE FÄLLE fernhalten.










Freitag, 5. Juni 2026

Kloppe gibt's nur auf Bestellung (Sepp 12)

'Wir könnten den aufgeblasenen Schwaben auch ganz verschwinden lassen,' grinst mein tätowierter Bekannter, als wir vor dem Bücherladen stehen und er mir zwei vollgestopfte Koffer mit Sepps geretteten Habseligkeiten überreicht. 'Aber für's Erste ist er gut eingeschüchtert. SO klein mit Hut muß der gewesen sein und er hat jetzt verstanden, daß es keine gute Idee war, sich mit euch anzulegen und daß etwaiges Nachtreten in diese Richtung bleibende Schäden nach sich ziehen wird.'
'Mensch danke! Was hätte ich ohne dich gemacht!' freue ich mich, als ich ihm wie verabredet den zweiten Teil des vereinbarten Betrages übergebe. 
'Wennst dich revanchieren willst ... zwei meiner Bekannten suchen eine Wohnung. Weißt ned zufällig was?'

Meine Bedenken stehen mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn der Tätowierte lacht sich scheckig: 'Die können sich schon benehmen wenn sie wollen, keine Sorge. Kloppe gibt's nur auf Bestellung, ansonsten halten die dir sogar die Türe auf. Ganz feine Jungs. Und die Miete ist auch kein Problem, das schaffen die mit links. Aber der Besitzer ihrer jetzigen Wohnung hat verkauft und der neue Eigentümer will selber einziehen. Daher müssen sie bald raus.'
'Ich schau mal was ich machen kann, du hörst auf alle Fälle von mir!'

Nachdenklich wandere ich mit Sepps Koffern nach Hause. Nur gut, daß die Rollen untendran haben sonst hätt ich jetzt ein Problem. Es ist zwar schon Ende März und es liegt kein Schnee mehr, aber die Teile sind schwer. Der Gute weiß ja nichts von der Aktion der 'ganz feinen Jungs', wie hätte ich ihm das Auftauchen seiner Koffer im Buchladen erklären sollen? So stelle ich sie halt einfach vor die Türe. Huch, sowas aber auch, wo kommen die denn auf einmal her?

Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir die Frage, ob ich an die Burschen vermieten sollte. Eigentlich wollte ich eh umziehen. Aber was wird dann aus Sepp? Hatte der alte Mann in Stuttgart nicht gesagt, ich solle wiederkommen wenn ich die Sache mit Sepp geklärt hatte? Habe ich die geklärt? Nicht wirklich, oder? Ich finde ihn nach wie vor unglaublich attraktiv, aber genauso unglaublich erscheint mir die Vorstellung, daß so ein hübscher, lieber und rücksichtsvoller Mann mich alte faltige Kuh ebenfalls attraktiv finden könnte. Was sollte ich denn jetzt machen? Warum ist das alles so ein Durcheinander?

'WEIL ES DIR AN VERTRAUEN FEHLT!!!'
Oha, was war das denn? Hörte ich jetzt schon Stimmen? War es soweit? Oh Gott, also nicht Stuttgart sondern direkt nach Haar ins Bezirkskrankenhaus?
'ICH BIN DEINE INTUITION UND ICH KANN ES NICHT LÄNGER MITANSEHEN, WIE DU IM KREISE HERUMDENKST NUR WEIL DU NICHT AUF MICH HÖREN WILLST!'

'Ja ok ich hab verstanden, kein Grund so zu brüllen liebe Intuition. Ich bin alt aber nicht taub.'
'Ach hör doch mit dem Quatsch auf, du bist nicht alt! 60 ist das neue 40 und du weißt genau, daß du dem Sepp gefällst. Nur hast du null Vertrauen in deine eigene Frauenkraft, gibst dich sogar betont männlich um alle Avancen abzuschmettern bevor sie überhaupt gedacht werden können, nur weil du die Schmerzen und die Mühe scheust, die eine engere Beziehung zu einem anderen Menschenkind mit sich bringen KÖNNTEN. Du bist nicht mehr diejenige, die du einmal warst. Und Sepp kann nichts für die unreifen Kerls mit denen du früher Umgang hattest. Der raucht ja nicht einmal. Also hör endlich auf mit dem Rumgeeiere und komm in die Pötte!'

Na sehr leiwand. A Preiß. Meine Intuition ist ein Preiß!
'I bin ka Preiß, zefix! Aber man könnt glatt ans Auswandern denken wenn man dir so zuschaut. Also reiß di zamm! Geh heim, koch was Schönes und heute auf d'Nacht wird amal g'redt, host mi!'
'Äh. Ja. Wennst nachhert meinst ...'

Zuhause angekommen betrachte ich stirnrunzelnd den Inhalt meines Schuhschrankes. Frauenkraft. Hm. Sollte ich dann vielleicht diese orangefarbenen Heels anziehen? Die Löcher im Parkett konnten mir egal sein, ich wollte eh ausziehen.
'Meine liebe Kati, Frauenkraft hat nix mit depperte Schuach zum tun in denen du nur daherkämst wie der Storch im Salat. Frauenkraft wohnt in deinem INNERSTEN.'
'Ja wennst immer so plärrst dann ist die gleich weg. Frauenkraft im Innersten. Bist sicher daß ich sowas hab? Und was mach ich wenn er Sex will? Ich will jedenfalls keinen!'
'Doch willst du. Aber halt nicht so wie es früher gelaufen ist. Wirst schon sehen. Komm in deine Kraft und du wirst nicht nur dich spüren sondern die anderen werden auch merken, daß du kein Opfer mehr bist sondern eine Persönlichkeit. Wir beide schaffen das! Also laß die dummen Schuhe, zieh dir was Hübsches an, aber bequem, nicht aufrüschen, und dann bestellen wir was Gutes zum Essen wennst keine Lust zum Kochen hast. Liebe geht immer noch durch den Magen.'

Im Hintergrund höre ich meine Schuhe mosern: 'Frechheit, wer ist hier dumm, wir sind nicht dumm, selber dumm, dumme Trine dumme Trine dumme Trine ...'
Na servus. Jetzt hatte ich es gerade geschafft, die Fußschmerzen, die mich ein halbes Jahr lang geplagt hatten, auf ein Minimum herabzuschrauben und nun waren mir meine Schuhe böse. Ob die Intuition es wirklich so gut mit mir meinte wie ich zu glauben geneigt war? 

Mit einem erschöpften 'Plumps' lasse ich mich auf mein Bett fallen. Unter mir ertönt ein empörtes 'AUA, paß doch ein bissl auf!' Toll. Jetzt beschwert sich das Bett auch noch. Dabei sollte ich diejenige sein die sich beschwert. Schließlich hatte ich mir im Winter zweimal die Patella am harten Bett-Eck gestoßen und mit meinem Schlaf steht es nach wie vor nicht zum Besten. Bockig beschließe ich, das Bett hierzulassen wenn ich umziehe. Müde kuschle ich mich in meine Kissen und versuche, einen kleinen Mittagsschlaf zu halten. Aber die Gedanken lassen sich nicht abschalten, ziehen wie eine Kette spitzer, gleißender Dornen durch mein geplagtes Hirn. Nach gefühlt mehreren Stunden des Wälzens gleite ich doch in einen unruhigen Schlaf und träume von Pandora, die von dem blöden Tongefäß damals derartig provoziert und beschimpft wurde, daß sie ihm einen wütenden Fußtritt verpasste, woraufhin sich der Deckel löste und der fiese Inhalt in die Welt entfleuchen konnte. 

Ich erwache von einem penetranten Knirschen, als ob ein Riese eine Portion Pflastersteine zermalmen wollte. Nachdem unsere Straßen hier aber alle geteert sind, ist dieses Szenario reichlich unwahrscheinlich und ich beschließe, nachzusehen. Nicht, daß sich meine Möbel heimlich verabredet haben und jetzt kollektiv auswandern wollen.

In der Küche entdecke ich Sepp, der sich mit der Zerkleinerung von etwas offensichtlich ziemlich Hartnäckigen abmüht. Gähnend stehe ich in der Küchentüre und schaue ihm zu. Die Haare hängen ihm fast bis in die Schüssel, er sieht so unglaublich sexy aus wie er mit dem Mörser versucht, irgendwelche braunen Dinger gleichmäßig kleinzukriegen. Die über dem Kücheneingang aufgehängten gläsernen Delphine klingen in eine Knirschpause hinein und er blickt auf. Ein total liebes Lächeln erleuchtet sein Gesicht. Ich schaue ihn an, versinke in seinen Augen, die Zeit bleibt stehen. 
'Was machst denn da?', frage ich verwirrt, nachdem ich mich von seinen wunderschönen Augen hatte losreißen können.
Er schluckt und sieht mich etwas seltsam an: 'Kati, ich glaub wir müssen reden.'

Oha. Das klingt ominös. 'Äh ja? Worüber denn?' 
'Ich habe mich in dich verliebt. Und es fällt mir jeden Tag schwerer, wie ein Bruder neben dir zu leben. In derselben Wohnung. Dich zu sehen, mit dir zu reden ... ohne daß du mir auch nur das geringste Zeichen der Ermutigung gibst. Ich hab schon mitbekommen, daß du ein bissl anders bist und gerade das gefällt mir so sehr an dir. Aber eben genau deswegen gestehe ich dir soeben meine Gefühle, weil ich weiß, daß du es nicht so hast mit der non-verbalen Kommunikation. So, nun ist es raus.'

Ich bin baff. Sepp ist in mich verliebt? In MICH? Das kann nicht sein.
'HALLO! FRAUENKRAFT, VERTRAUEN!!', meldet sich meine Intuition wieder. Ah ja, richtig. Da war doch was.
Sepp steht noch immer neben seinen braunen Krümeln und schaut mich unsicher an.
'Meine Güte nun erlöse ihn doch endlich!!!', fleht mich meine innere Stimme an.

Ich trete einen Schritt auf Sepp zu und umarme ihn. Wortlos. Manchmal sind Worte auch einfach nur im Weg. Ich spüre, wie er erleichtert aufatmet und höre ihn an meiner Wange murmeln: 'Ich hab gatscherte Händ, die tät ich mir jetzt grad amal noch waschen wollen, aber dann will ich dich auch ganz fest in den Arm nehmen. Meine Kati! Daß ich das noch erleben darf!'
'Geh Seppl, du tust ja grad aso als wärst du 97 und lägst auf dem Sterbebett!', erwidere ich forscher als mir zumute ist. 

In diesem Moment macht mein Handy ein summendes Geräusch. Da sich Sepp eh seine Hände waschen will, lasse ich ihn los und schau mir die Nachricht an. Mein Bruder. Es soll ein Familientreffen anberaumt werden und ob ich am übernächsten Wochenende Zeit hätte. Zeit schon, aber nur ganz, ganz wenig Lust. Mein Leben springt grad von einem Wahnsinn in den nächsten, und ich soll nach Augsburg fahren und mich dort mit meinen Brüdern und der Kusine treffen als ob nichts geschehen wäre? Ich hab jetzt schon ganz stark den Geruch von Kaffee in der Nase, den man zusammen trinken wird um einen auf heile Welt zu machen.

Aber natürlich werde ich hinfahren, wenn man schon einmal an mich denkt. Und vielleicht fährt Sepp ja sogar mit? Ich frage ihn und er freut sich: 'Ein Familientreffen also,' schmunzelt er und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. 'Da muss ich mich wohl von meiner besten Seite zeigen damit deine Brüder mich nicht gleich wieder rauswerfen.' In diesem Moment klingelt es an der Türe. Sepp geht aufmachen (seit er hier wohnt haben wir die Klingel meistens an, weil er immer wieder wichtige Post per Einschreiben erhält). Als er zurückkommt, hält er einen dicken, edel aufgemachten Briefumschlag in der Hand. 'Das hier war auch dabei. Für dich.' Er reicht mir den Umschlag. Als Absender prangt ein fetter Stempel in Goldschrift: 'Private Banking – Betreuung für Premium-Gewinner'. Sepp sieht auf den Umschlag, dann auf mich. 'Du ... spielst doch gar kein Lotto, oder?'






Dienstag, 26. Mai 2026

Die Jungs sind vom Fach (Sepp 11)


Eigentlich hatte ich ja erwartet, daß Sepp mindestens bis in die Nacht hinein schlafen würde, aber bereits nach drei Stunden höre ich ihn leise auf dem Gang durch mein Sammelsurium von Büchern, Altpapier und Wegzubringendem tapsen. Vielleicht will er nur mal Lulu und dann weiterschlafen? Vorsichtshalber rühre ich mich nicht.
'Kati, bist du da?' Verschlafen steckt er seine Nasenspitze um die Ecke.
Alter Schwede schaut der Mann gut aus ...
Antworten muß ich nicht, sieht er ja, daß ich da bin.
Aber da fällt mir etwas anderes ein:
'Brauchen wir Kaffee? Bei mir hat damals in Augsburg mal jemand eine Weile gepennt der grad aus dem Knast kam und der hat dann erst einmal übers Wochenende fürchterlich Kopfweh bekommen weil man im Gefängnis anscheinend eimerweise Kaffee trinkt und ich hatte keinen da.'

Über Sepps eingefallenes Gesicht huscht der Schatten eines Lächelns: 'Keine Sorge, ich hatte da drin ja leider nix, weil ich den Einkauf knapp verpaßt hatte, und so hab ich mir weder Tabak noch Kaffee kaufen können. Und ausleihen wollte ich mir keinen, diese Leute haben Zinssätze, du machst dir kein Bild. Außerdem rauche ich ja nicht einmal. Wäre nur zum Tauschen gewesen. Dein Geld kann ich dir übrigens gleich wieder geben, das du mir dankenswerterweise eingezahlt hast, hab alles heute Morgen wieder zurückbekommen.'

Er will in sein mitgebrachtes Sackerl greifen aber ich halte seine Hand fest: 'Nee laß mal, ich brauch das jetzt nicht so dringend wie du. Wir müssen überlegen, wie wir weiter vorgehen. G'wand hab ich dir für's erste besorgt, aber was ist mit den Sachen, die noch von dir in der WG lagern. Wie kriegen wir die da raus?'
Sepp schaut traurig und ein bissl sehnsüchtig aus dem Fenster. Hinunter. Dorthin, wo er bis vor einer Woche gewohnt hat. Mit Leuten, die er, wenn schon nicht für Freunde, dann aber doch immerhin für gute Bekannte gehalten hatte.
'Ich weiß es nicht. Wenn ich da jetzt hingeh, dann kann ich für nix garantieren und dann kannst mich gleich wieder zurück nach Stadelheim geleiten. Woher hattest du eigentlich diesen Anwalt? Der muß ein Vermögen gekostet haben, so kurzfristig. Ich zahl dir das natürlich alles in Raten zurück! Und was hast du gemeint vorhin, ich hätte meinen Job noch? Kann ich da morgen in der Früh einfach hinfahren als ob nichts gewesen wäre?'
Bravo. Eleganter Themenwechsel.

'Naja, ich hab ja viele Jahre in Großhadern gearbeitet, und eine meiner ehemaligen Kolleginnen ist mit einem der führenden Mitarbeiter in der Medienabteilung verheiratet. Total lieber Kerl. Und der hat halt mal mit dem Chef gesprochen und waßt eh, bevor die jetzt die Stelle neu ausschreiben und alles, wollen sie dir lieber noch einmal eine Chance geben. Ich konnte glaubhaft versichern, daß das alles ein riesiges Mißverständnis war und da ist eh das letzte Wort noch nicht gesprochen des glaubst. Ich versteh nur zuwenig von diesen Dingen, ich war noch nie im Knast. Der Anwalt hat gesagt man könne schon eine Gegenklage führen, aber die wird seiner Erfahrung nach ins Leere laufen. Jetzt weiß ich nicht, ob der nur keinen Bock hatte oder ob der Vater von dem Wappler da unten wirklich so ein hohes Tier ist, daß man genau nichts machen kann.'

'Mann Kati, das mit dem Job ist so geil, ich hab schon gedacht ich müßt jetzt kellnern gehen oder so. Und ja, der Vater vom 'Wappler' ist leider ein sehr hohes Tier. Arzt und in der Politik gut vernetzt. In Stuttgart kennt den jeder. Gegen den kommst ned an. Aber hast du nicht was von Essen im Kühlschrank gesagt? Ich hätt einen Bärenhunger!'
'Glaub ich dir, nach dem Fraß in der Kiste ... a propos Kiste, ich hab da ein paar Bücher die ich wegbringen müßt. Mach es dir bequem, iß dich satt, schlaf noch ein bissl vielleicht, ich bin dann in zwei Stunden oder so wieder da. Ach ja, ich Depp, warte mal, ich hab dir natürlich die Schlüssel nachmachen lassen.'

Hastig stehe ich auf, um eine gewisse Distanz zwischen Sepp und mich zu bringen, und hole einen Schlüsselbund vom Kasterl im Flur. 'Der Eckige ist von hier oben und der Runde schließt die Haustüre unten und der Kleine ist für den Keller, wennst deine Sachen wieder hast, dann brauchst den vielleicht. Der Komische da ist für den Briefkasten, der schließt auch nicht richtig, aber die Typen grinsen nur immer fies wenn man sich beschwert. Da werden wir aber auch eine Lösung finden. Noch bin ich ja da.'

'Was meinst du mit noch bin ich ja da? Willst auf Kreuzfahrt gehen?'
'Na sicher ned. Nein, aber ich hatte an einen Umzug gedacht, dann könntest du die Wohnung übernehmen wenn du willst. Also, falls du es ertragen kannst, im Haus neben dem Wappler zu wohnen. Vorerst zumindest.'
'Aber Kati! Ich hätte gedacht ... wir beide ... Wo schlafst du eigentlich? Ich nehm ja mal an, daß das dein Bett ist in dem ich mich vorhin breitgemacht habe? Ich will dich doch nicht aus deiner Wohnung vertreiben. Ich ... weißt du, also ... ich mag dich immer mehr und du ... also das mit der Wette war nur am Anfang, da hab ich dich ja noch nicht gekannt!'
Jetzt tut er mir leid, wie er völlig verloren dasitzt und verwirrt zu mir hinaufschaut.

'Never mind, das müssen wir alles nicht jetzt besprechen, das mit dem Umziehen war nur so eine Idee. Luftschloß sozusagen. Ich geh jetzt. Schlüssel hast ja falls du selber rauswillst, und bitte nicht mit den Türen knallen. Ich hab das meinen Nachbarn mit viel Mühe abgewöhnt, da dürfen jetzt nicht wir damit anfangen. Steht auch in der Hausordnung, daß man nicht mit den Türen knallen darf aber manche Leute kennen einfach keine Klinke!'
Aufgewühlt packe ich meine Bücher und stapfe von dannen, ohne mich noch einmal umzudrehen. 

Der Laden heißt 'Schmökerecke' und liegt versteckt im Souterrain eines grauen Wohnblocks oben im Hasenbergl. Man kann dort seine ausgelesenen Bücher, die man jetzt doch nicht so toll fand, hinbringen, und sich neue Bücher mitnehmen. Niemand kontrolliert, wieviel man mitnimmt, alle sind freundlich, ich bin gerne dort. Auch heute werde ich nett begrüßt. Manchmal hab ich den Eindruck, die freuen sich über jeden der kommt, weil sonst den ganzen Tag nix los ist. Die Bücher sind nach Genre geordnet in den Regalen verstaut, wie in einer normalen Bücherei halt auch. Nur ohne dieses nervtötende Piepen und man kann die mitgenommenen Bücher behalten wenn man will. Nachdem ich das Mitgebrachte abgeladen habe und sinnend vor den Regalen stehe, fallen mir ein paar CDs auf die unterhalb der Märchenbücher einsortiert sind. Fragend luge ich um die Ecke: 'Habts jetzt ihr CDs auch? Da hätt ich nämlich einen Schwung abzugeben, könnt ich das nächste Mal mitbringen.'

Ein neuer Mitarbeiter, den ich noch nicht kenne, Glatze, kompakt gebaut mit buntem Tattoo am Hals, winkt mir zu: 'Komm mal mit raus, ich zeig dir was.' Neugierig trete ich mit ihm vor das Haus. Routiniert steckt er sich eine Zigarette an und ich bemerke, daß auch seine linke Hand ein Tattoo ziert. Die berühmten drei Punkte. Ob das was zu bedeuten hat? Er weist mit der Zigarette nach schräg links: Siehst die Tür? Da drinnen sind noch mehr Bücher und  auch CDs und DVDs. Die Tür ist immer auf solang bei uns wer da ist und da kannst deine CDs einfach reinlegen.'

Mir kommt eine Idee: 'Sag mal, kann ich dich was fragen?' 'Mißtrauisch schaut er auf mich herunter, mustert meine abgetragene Armeehose und die schon länger nicht mehr nachgefärbten Haare.
'Kommt drauf an.'
'Rein hpyothetisch: Wenn ein Kumpel von dir im Knast gehockt ist nur weil ein Arschloch ihm was angehängt hat, und du kannst absolut nix dagegen tun weil das Arschloch einen reichen Vater hat, und du würdest dem Arschloch total gerne eine Abreibung verpassen, kannst es aber selber nicht machen weil du eine Frau bist, wo könnte man sich da hinwenden?'
Der Tätowierte guckt mich grantig an: 'Bist von der Zeitung oder was? Hör mal gut zu: Nur weil jemand tätowiert ist und einen Ein-Euro-Job macht, heißt das noch lange nicht, daß er ein Schläger ist. Und selbst wenn, dann könnte es, rein HYPOTHETISCH, ja sein, daß er auf Bewährung draußen ist und sich ganz sicher nicht die Finger dreckig machen wird.'
Er schmeißt seine Kippe auf den Boden, tritt sie aus und reißt die Eingangstüre auf.
Mit eingezogenem Kopf schleiche ich von dannen.

'Hey, warte! Das war dein Ernst oder?'
Ich drehe mich um. Der Mann steht neben der Türe und hält sie mir auf: 'Magst nicht noch ein paar Bücher mitnehmen? Hast doch soviele gebracht.'
'Ach danke, ich hab genug daheim.' 
'Hör mal, also ... vielleicht kann ich dir helfen. Wir sperren hier um 18 Uhr zu, bringst deinen Kumpel und wir reden, ok?'
Strahlend schau ich ihn an: 'Au ja. Super! Bis später!'

Sepp ist von der Sache nicht ganz so begeistert. 'Und wenn das eine Falle ist? Du kennst den Kerl doch garnicht. Am Ende fahr ich wieder ein wegen Anstiftung zu einer Straftat. Da hab ich echt keinen Bock drauf, mir langts mit Knast, lebenslänglich, des glaubst!'
'Dann geh ich alleine. Das wird er verstehen. Ich denk mal der wollte dich einfach nur kennenlernen um sicherzugehen, daß das kein Schmäh von mir ist. Der muß ja auch aufpassen wenn er auf Bewährung draußen ist. Aber wie mach ich das jetzt mit der Identifizierung? 
Die Deppen da drüben schauen sich irgendwie alle so ähnlich, hast ned zufällig ein Foto vom Wappler, damit nicht am Ende der Falsche eine aufs Maul kriegt.'
Sepp grinst. Juhu, er grinst wieder!

'Er bräucht bloß nach dem Kerl mit der gebrochenen Nase zu fragen. Davon gibts verläßlich nur einen. Aber jetzt Schmäh ohne: Du gehst mir da jetzt sicher nicht hin. Die Idee g'fallt mir natürlich und ich finds auch voll leiwand von dir, daß du dich so nett kümmerst, aber jetzt is mal gut. Du kannst doch nicht einem völlig Fremden meine ganze Story aufs Auge drücken und ihn praktisch auffordern, dem Wappler eine reinzuhauen. Am Ende ist das ein Kieberer und die ganze Scheiße geht von vorne los. Nee, das müssen wir schon ein bissl schlauer anfangen. Allerdings ... einen Plan hab ich auch keinen.'

Am nächsten Tag, Sepp ist nach Großhadern gefahren, wegen der Arbeit, marschiere ich wieder in den Buchladen. Zur Tarnung hab ich mir ein paar Bücher mitgenommen. Wie gesagt, ich hab ja genügend. Der Tätowierte sitzt im Eck, zusammen mit einem Kollegen und dem Sozialarbeiter, der sich um die Ein-Euro-Jobber kümmert. Finster schaut er mich an und guckt dann betont weg. Ich lege meine Bücher auf dem dafür vorgesehenen Tischchen ab und gehe beherzt auf ihn zu: 'Hast vielleicht mal ein Feuer? Hab meins vergessen.' Er begreift den Wink und geht mit mir raus.

'Was war das jetzt gestern? Hosen voll? Ich steh hier wie ein Depp aber Madame hatte wohl Besseres zu tun?'
'Tut mir leid, er wollte nicht mitkommen. Hält das Ganze für eine Schnapsidee.'
'Ist es auch. Aber ich kenn Leut, die machen sowas. Gegen entsprechende Entlohnung natürlich. Die wollt ich dir vorstellen. Eigentlich. Aber offenbar hat sich die Sache erledigt.'
'Nein hat sie nicht! Und er hat ja auch noch Sachen bei dem in der Wohnung, die müßt man rausholen. Aber so richtig wohl ist mir dabei auch nicht, die wissen ja dann, daß deine Kumpels von Sepp ... also wegen meinem Bekannten da sind und am Ende kriegt er den Ärger, das will ich natürlich auch nicht.'
'Das laß mal unsere Sorge sein, die Jungs sind vom Fach. Wenn die mit dem fertig sind dann geht der so schnell nirgends mehr hin und schon garnicht zu den Bullen. Paß auf, du sagst mir einfach wer der Kerl ist der den Denkzettel braucht, gibst mir die Anzahlung mit und ich erledige den Rest. Die Sachen von ... Sepp ... kannst hernach hier in der Buchhandlung abholen. Rundum Service, was sagst? Vertrauen gegen Vertrauen. Schlag ein!'
Auffordernd hält er mir seine Hand hin. Ich schlage ein.

Drei Tage später, am Freitag, es ist bereits dunkel, sitzen Sepp und ich gemütlich beim Abendessen und feiern den geglückten Einstand in seinen neuen Job. Ich hatte ihm nichts von meiner neuerlichen Unterhaltung mit dem Tätowierten gesagt, und die Schlafsituation hat er auch geklärt. Er schläft natürlich im Schlafsack, hat er gesagt, das wäre ja noch schöner, und es wär ja eh eine Matratze drunter, also alles gut. Wir lümmeln also grad so im Wohnzimmer neben dem Plattenspieler, als wir von draußen lautes Schimpfen hören. Neugierig krabble ich hoch und schau aus dem Fenster. Drei dunkel gekleidete Kerle verlassen gerade betont lässig das Haus gegenüber während Frau Ziegler, die alte Tratschn, ihren lockenwicklerdekorierten Schädel aus dem Fenster hängt und irgendwas von Nachtruhe und Gepolter und asozialem Studentenpack rumkeift. 'Nur die Zieglerin wieder', beruhige ich Sepp und begebe mich innerlich jubelnd wieder zurück an meinen Platz. Ich denke, ich sollte morgen einmal im Buchladen vorbeischauen ...








Sonntag, 24. Mai 2026

Hoffnung auf Zehenspitzen (Sepp 10)

Eine lange Woche neigt sich ihrem Ende zu. Den Sprechschein für einen Besuch im Knast hatte ich schnell bekommen, aber beim ersten Anlauf hatte ich meinen Ausweis nicht dabeigehabt. Der steckte im anderen Rucksack. Ich werd auch immer tüteliger. Und wie ich dann am Freitag endlich drinnen war, konnte ich Sepp nicht einmal Zigaretten besorgen. Früher in Augsburg konnte man dem Gefangenen eine Cola und eine Packung Kippen im Besuchsraum aus dem Automaten ziehen lassen. Kannste vergessen. Mittlerweile keine Zigaretten mehr. Jugendschutz. In Stadelheim. Daß ich nicht lache. Und wenn jemand eh schon nicht schlafen kann, was braucht er dann noch Cola. Ganz abgesehen davon, daß man durch diese blöde Scheibe eh nichts durchreichen kann und irgendwas mitnehmen in die Zelle ist nicht mehr. Schmal war er geworden in den wenigen Tagen. Es hat mir fast das Herz gebrochen, auch wenn er sich so rührend gefreut hat, mich zu sehen. Viel geredet haben wir nicht, es war wenig los gewesen im Besucherraum und der Depp beim Eingang hat jedes Wort mithören können. So macht das keinen Spaß.

Den Göttern sei Dank war Dr. Heumann ein gewiefter Fuchs, der genau wußte, was zu tun war um seinen Mandanten rauszuhauen Daher sitze ich nun, eine Woche nach Sepps Verhaftung, wie auf Kohlen und warte darauf, daß er heimkommt. Vor dem Tor zu warten, wie man das immer im Film sieht, hätte keinen Zweck, hatte der Anwalt mir erklärt. Es könne Stunden dauern bis die Bürokratie erledigt sei und im Gegensatz zu den Strafgefangenen bekäme ein U-Häftling daher keine feste Uhrzeit für die Entlassung sondern man müsse halt warten, bis er mit allem durch sei. Die Ausgabe der persönlichen Gegenstände, der Termin beim Arzt, und last but not least die Auszahlung des Geldes vom Gefangenenkonto. Das war ja sowieso der Hammer gewesen. Zwar hatte ich Sepp Geld einzahlen können, aber er hatte sich nichts damit kaufen können weil der Einkauf erst wieder Freitag in einer Woche gewesen wäre. Echt spitze! Mittlerweile ist es Mittag vorbei und ich habe keine Ahnung, wann er kommt. Ob er überhaupt kommt. Vielleicht mäandert er orientierungslos durch die Stadt, kommt an einer Kneipe vorbei und beschließt, erst einmal einen zu heben um die wiedergewonnene Freiheit zu feiern. Da wäre er nicht der Erste, der auf diese Weise sein Entlassungsgeld gleich wieder los wird.

Sein Handy ist nach einer Woche natürlich leer, ich kann ihn nicht anrufen, und vice versa. Ausgemacht ist nix, wie auch, und Schlüssel hat er logischerweise noch keinen. Hab ich schon erwähnt, daß ich Warten echt hasse? Vor allem wenn ich keine Ahnung habe, worauf eigentlich genau. Will er überhaupt bei mir, mit mir, wohnen? Will ich das? Wie soll es weitergehen? Natürlich hab ich mir Gedanken gemacht. Da ist mein Hirn super im Gedanken-Machen. Am liebsten Tag und Nacht. Hyperaktiv haben sie gesagt beim Arzt. Also nicht ich, das Gehirn. Zwischenzeitlich hab ich schon einmal Männerklamotten gekauft, hab sie gewaschen, sogar Klammern hab ich gekauft und die Wäsche damit extra draußen aufgehängt damit sie schön duftig wird.

Ansonsten, hab ich mir gedacht, überlasse ich ihm halt die Wohnung bis auf Weiteres und ich kauf mir ein hübsches Haus mit Schwimmbad. Irgendwo. Grünwald wäre blöd, da wird immer eingebrochen. Außerdem will ich eh aus München weg. Aber wohin? Gene Simmons hat ein total geiles Haus aber der wohnt in Amerika. Viel zu weit. Vielleicht sollte ich nach Haar ziehen. Da gibts zweimal die Woche Seniorenschwimmen und das Irrenhaus wär auch um die Ecke. Lang dauerts nimmer bis die mich wegsperren, ich bin mit den Nerven echt zu Fuß. Oh. Echt geschmacklos, so leichtfertig über Wegsperren zu lästern. Wie mag es dem armen Sepp jetzt gehen, nach einer Woche mit kaum Schlaf? Der wird ganz schön fertig sein. Natürlich hab ich in der kurzen Zeit kein zweites Bett kaufen können, das dauert ja immer ewig bis die das liefern aber im Keller war noch ein Schlafsack, mit dem werd ich mich ins Wohnzimmer hauen, er kriegt natürlich das Bett.

Nach einer Stunde schau ich auf die Uhr. Es sind grad mal 10 Minuten vergangen. Vielleicht könnte ich das griechische Alphabet auswendig lernen. Ich konnte das ja mal. Vor 25 Jahren. Da hatte ich mich in meinen griechischen Taxifahrer verknallt und deswegen Sprachkurse genommen. Aber mein damaliger Freund war dagegen, daß ich, wenn wir uns eh nur am Wochenende sehen, dann auch noch Sprachunterricht nehme. Also hab ich's aufgegeben. Ich Depp. Nie mehr einen Mann, echt!

Hilfe, es klingelt! Ob er das schon ist? Eilig haste ich zur Türe und falle beinahe über den Gruscht im Flur. Hätte ich aufräumen sollen? Egal, too late. Langsame Schritte steigen deutlich hörbar die Treppen hinan. Da ist ja Peter schneller mit seinem Asthma. Nach einer sich gefühlt ins Ewige gedehnten Minute steht er vor mir. Gebeugt, unrasiert, hohlwangig, Augenringe wie ein Koala und völlig erschöpft.
'Mann Alter, komm rein, ich hab dir das Bett schon frisch bezogen. Magst noch was essen vorher oder gleich pennen?'
Er betritt die Wohnung, nimmt mich wortlos in den Arm und ich spüre, wie seine Schultern zucken vor unterdrücktem Schluchzen. Einen Tschetschenen werd ich kaufen und den Kerl da unten zammhauen lassen, der ihm das angetan hat! Zefix! 

Nach einer Weile löst sich Sepp von mir und schaut mir lange in die Augen. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Will er jetzt was essen oder nicht? Und wo tu ich sein Knastsackerl hin? Egal, einfach mal auf den Boden. 
'Hab dir einen Schlafanzug besorgt.', wende ich das Gespräch wieder dem Praktischen zu.
'Ach Kati,', krächzt Sepp neben mir. 'Ich ... also, das mit der Wette ...'
'Mann, laß doch den Scheiß jetzt. Wir haben echt anderes zu bereden. Also später. Wenn du dich ausgeschlafen hast. Du bist hier erst einmal in Sicherheit, du kannst bleiben so lange du willst, und deinen Job hast du übrigens auch noch. Falls du den noch willst. Ich kenn wen der den Chef in der Fotoabteilung kennt und daher ... also mach dir keinen Kopf, hau dich hin und sag mir was du vorher noch brauchst und dann laß ich dich in Ruhe, ok?'

Jetzt weint er wirklich. Gott, der Arme muß völlig fertig sein. Langsam gehen wir rüber ins Schlafzimmer, wo der Schlafanzug (zerknüllt, nicht gefaltet, Hausfrau bin ich immer noch keine), auf der Bettdecke liegt. Ein Stapel Bücher liegt neben dem Bett und eine Flasche Wasser mit Glas stehen auf dem Tischchen daneben. Hab aufgeräumt so gut es ging. Für ihn. Damit er sich nicht die Füß bricht wenn er nachts aufs Häusl muß.

'Ach ja, die Toilette ist hier um die Ecke, wenn du mal mußt. Du warst ja noch nie hier. Schau und da ist das Bad wenn du dich später duschen willst und da hinten ist die Küche. Im Kühlschrank ist jede Menge zum Essen.'

'Du bist so lieb Kati', flüstert er leise. 'Danke, danke für alles. Mir ist grad ein ganzer Steinschlag vom Herzen gefallen. Jetzt kann ich ruhig schlafen weil du hast recht, ich bin todmüde. Ich erzähl dir alles später. Jetzt muß ich erst einmal pennen. Ich seh schon alles ganz gerastert ...' Er legt sich ins Bett wie er ist, Klamotten und alles, und im nächsten Moment ist er auch schon eingeschlafen. Beneidenswert. Leise schleiche ich nach draußen und schließe die Türe.

Wie wird es mit uns weitergehen? Natürlich mag ich ihn. Total. Sogar so erschöpft und unrasiert fand ich ihn unwiderstehlich. Aber was will so ein Traummann mit einer hienigen alten Kuh wie mir? Die seit 25 Jahren keinen Sex mehr hatte und auch keinen mehr will. Aus diversen Gründen. Unsere Beziehung, so wir denn eine haben, steht auf tönernen Füßen. Ein winziges Steinchen kann alles zum Einsturz bringen. Auf keinen Fall darf er von meinem Lottogewinn erfahren. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß er nur wegen des Geldes ...

Ich hole das Knastsackerl aus dem Flur und schließe sein Handy an die Steckdose an. Nach und nach ploppen Nachrichten auf. Ich widerstehe der Versuchung und schaue NICHT hin. Schließlich erinnere ich mich nur zu gut an das hübsche Mädel mit dem ich ihn unlängst gesehen hatte. Sie wird ihn ebenfalls schmerzlich vermißt haben. Warum hat SIE sich eigentlich nicht gekümmert? Kann man doch rauskriegen was mit jemandem los ist wenn man bei der Polizei anruft, was wohl jeder vernünftige Mensch tun würde wenn der Freund tagelang nicht erreichbar ist. Ob sie wohl schon lange zusammen sind? Ob er sie sehr liebt? Ob er darüber reden will wenn er wieder wach ist? Ob er das Essen mag das ich für uns gekauft habe?
















Sonntag, 17. Mai 2026

Andere Kulturen

'Also wenn ich studiert hätte, dann Anglistik, und dann hätt ich mich auf die Zeit um Heinrich VIII spezialisiert, da hab ich ein paar Bücher daheim von der Autorin ... zefix, wie heißt die gleich wieder? Jedenfalls, die beschreibt alles derart lebendig, daß du glaubst, du bist selber dabeigewesen. Man riecht förmlich wie das Bein des Königs stinkt. Der hatte ja diese offene Wunde, waßt eh, wegen der Syphilis. Wie heißt denn die Autorin gleich wieder, herrgottnah, nix kann I mir merken ...'

Mein Gegenüber grinst nur nachsichtig und lutscht hingebungsvoll an seinem Eis. Das ist auch etwas, was mich echt anzipft. Da mach ich mir Sorgen wegen Alzheimer und so und die anderen finden das nur witzig. Meine Psychologin meinte neulich: 'Ach, was glauben Sie, wie oft ich meine Schlüssel daheim vergesse. Dann ruf ich halt meinen Mann an und der bringt sie mir.'

Ja, schön für die Frau Doktor wenn ihr Mann ihr die Schlüssel nachträgt. Aber wer bringt mir das ganze mühsam angelesene Wissen zurück, das bei mir ständig und immer wieder durch irgendwelche schwarzen Löcher im Gehirn fällt und ins Nichts gesaugt wird? Nicht einmal den Namen meiner Lieblingsschauspielerin kann ich mir merken. Grad DEN nicht. 

'Du, wie heißt die Schauspielerin gleich wieder aus Vier Frauen und ein Todesfall?', frage ich Alex, der noch immer genüßlich an seinem Eis knabbert. Er trägt heute Sandalen (jaaahaaaa, er ist Beamter, er kann nichts dafür) und das Weiße vom Magnum tropft ihm auf die Socken. Merkt der nicht einmal.

'Ich kenn nur Vier Hochzeiten und ein Todesfall', mümmelt Alex unter seinem weißen Vanilleeisbärtchen.
'Die Andie McDowell wirst ja nicht meinen, oder?'

Immer des Gfrast mit die Piefke. Ka Kultur. Adele Neuhauser! Jetzt fallt's mir wieder ein. Man muß sich  nur über was anderes aufregen, dann geht's.

Mittlerweile lümmeln wir gemütlich, jeder in einem Liegestuhl, bei der Kulperhütte in Göggingen. Ich trinke eine Rhabarberschorle wie immer und sehe einem schon etwas angetrunkenen älteren Mann zu, der sein Krügerl von der Ausgabe zu einem Felsen unten an der Wertach trägt und dabei sehr Obacht geben muß, nicht zu stolpern. Wär schad um das gute Bier. Der Gastgarten ist gut besetzt aber dennoch ist es hier nie laut. Die Wertach fließt in beruhigend stetem Strom vorbei, die Bienen summen um die Gänseblümchen und Kleeblüten herum, Radfahrer sausen vorbei und plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter.

Ich fahre herum und blicke in ein atemberaubend hübsches Gesicht. Ein junger Gott lächelt mich an. Ich krieg Hirnsausen. Der Gott öffnet seinen Mund und teilt mir mit: 'Entschuldige, aber ich hab euer Gespräch grad mit angehört. Hast du schon von der neuen Brainmending Methode gehört? Das wär vielleicht was für dich. Is für Leute die ihr Gedächtnis wieder auf Zack bringen wollen. Wir bieten Kurse an und man kann auch richtige Kuren dort buchen.'

Na bumm. Ich Trottel denk der will mich anmachen und dann kommt er mir knallhart mit meinem Gedächtnis um die Ecke. Boah!

'Du das ist sicher irgendwo in Amerika,' entgegne ich störrisch, 'und ich hab voll die Flugangst. Also leider nichts für mich.'

'Die Methode kommt aus Amerika, da hast du recht, aber wir haben vor zwei Monaten in Inningen drüben eine Praxis eröffnet, wenn du magst dann mach ich dir auch einen Sonderpreis. Sozusagen Eröffnungsangebot.' Freundlich lächelnd streckt er mir seine Hand mit einer Visitenkarte entgegen. Reflexhaft greife ich zu. Kann den Laden ja mal googlen. 'Danke', grummle ich und drehe ihm demonstrativ den Rücken zu. Frau Unerhört ist beleidigt!

Es ist eine Sache, wenn ich mich über mein beschissenes Gedächtnis beschwere. Aber ein Fremder hat sich darüber nicht auszulassen. Find ich.

Zwei Wochen später stehe ich vor der Praxis und traue mich nicht, zu klingeln. Soll ich da jetzt wirklich reingehen? Ja, sollte ich. Schließlich hab ich einen Termin und keine Lust auf Ausfallgebühren wegen nix. Mit Todesverachtung drücke ich auf den Klingelknopf. Ein freundliches Summen ertönt, ich drücke die Türe auf und stehe sofort in einem in lavendelblau und honiggelb gehaltenen Empfangsraum. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, denke ich anerkennend. Und schon schwebt der junge Gott herein und haut mir freundschaftlich auf die Schulter: 'Ja griaß di, servus, wie gehts?', freut er sich und geleitet mich hinüber in einen bordeauxrot gestrichenen Raum in dem nur eine Liege steht. Sonst nichts. Immerhin ist die Liege mit einer Anzahl plüschig weicher Kissen ausgestattet, wie ich mit Behagen zur Kenntnis nehme, nachdem ich mich auf Anweisung des jungen Gottes dort ausgestreckt habe. Schuhe vorher ordentlich ins Eck gestellt, wie sich das gehört.

'Wie du sicher schon gelesen hast, ist unsere Methode so einfach wie effektiv. Wir lenken die brainoplasten und brainoklasten direkt aus dem All in dein Hirn hinein, die arbeiten dann von selbst daran, die Prä- und Postsynapsen auf Trab zu bringen so daß die synaptische Plastizität sich wieder erhöht'.

Jaja, denke ich, mach nur. Gemütlich rutsche ich mich zurecht und stelle mir vor, wie eine Postsynapse ihre Tragetasche voller Briefe im Synapsenspalt eingeklemmt hat und hektisch dran zieht und sämtliche Briefe rausfallen. Tjahaaa, das würde einiges erklären. Während ich noch vor mich hingrinse, richtet der junge Gott einen seltsamen Trichter auf meinen Kopf, erklärt mir dann, ich könne die Augen schließen und mich entspannen. Er würde in einer halben Stunde wieder nach mir sehen.

Wieviel Zeit schon verstrichen ist kann ich nicht sagen, doch es beginnt auf einmal komisch zu riechen. Hat das Göttergerät einen Kurzschluß oder was geht hier ab? Ich werde unruhig. So sollte das eigentlich nicht ablaufen hier. Ich mags nicht wenn es mieft! Kurzerhand erhebe ich mich von der Liege und marschiere hinaus in den Empfangsraum. Niemand da. Seltsam. Vorsichtig luge ich um die Ecke und sehe zwei weitere Türen. Aus einem der beiden Zimmer ertönt lautes Schimpfen: 'Den Laden werd ich euch zusperren lassen! Also er. Der, der ich mal war. Mein Hirn will ich wieder zurück! Den alten Lappen da könnt ihr behalten! Omega 1 von Sigma Tauri oder was. Lieber ein beschissenes Gedächtnis und dafür meine eigenen Gedanken, als sich alles merken zu können aber das Hirn eines Außerirdischen herumzutragen! Gib wenigstens zu, daß euer Gerät kaputt ist. Los! Hinsetzen hab ich gesagt! Und jetzt da unterschreiben, du Penner!'

Eiwei. Da ist aber einer so richtig sauer. Was hat er gesagt? Die haben ihm das Hirn vertauscht? Heiliges Kanonenrohr. Gut, daß ich noch rechtzeitig aufgestanden bin. Jetzt weiß ich auch, was das für ein komischer Geruch ist der sich nach und nach überall verbreitet. Der Ärger. Hier riecht es eindeutig nach Ärger.

Die Klinke der Türe bewegt sich nach unten, ich flitze rasch zurück ins Zimmer mit der Liege und äuge neugierig durch den Türspalt den ich offen gelassen habe. Rasch klappe ich mir die Hand über den Mund, denn die Person, die aus dem Zimmer des 'Göttlichen' tritt, sieht nicht mehr aus wie ein Mensch. Er ist grün, er hat jede Menge Antennen und tiefe Narben im Gesicht. Du meine Güte! Was haben die mit ihm gemacht? Knarzend öffnet sich langsam die Türe, an die ich mich im Schrecken angelehnt hatte. Der Grüne horcht auf, blickt in meine Richtung, sieht mich, starr vor Angst, dort stehen. Langsam breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht auf.
'No, neue Kundschaft? Komm Mädel, schau daß'd aussikommst, des san kane leiwanden Hawerer do. Olles Vabrecha. Oba I wea eahm klogn, des glaubst. Das Geschöpf, das er erschaffen, wird ihn vernichten.'

Am Weg nach draußen erfahre ich dann endlich die Details. Die Methode, die der 'Göttliche' angeblich aus Amerika importiert hatte, war noch nicht ganz ausgereift und obendrein hatte er sich für sein Behandlungszimmer ein Sonderangebot andrehen lassen. Eine Maschine, die zwar die brainoplasten und brainoklasten aus dem All mühelos auf die Erde transportierte, aber leider MITSAMT dem Hirn aus dem sie angeblich problemlos entnommen werden konnten. Natürlich war das den Betroffenen nicht recht und sie forderten im Austausch das Hirn des vertrauensselig auf der Liege ausgestreckten Patienten. Bis der merkte, wie ihm geschah, war es zu spät. Mein grüner Begleiter war keineswegs das erste Opfer, allerdings der erste Geschädigte, der sich wehrte. Weil er es konnte. Weil die Transmutation nicht vollständig durchgeführt worden war. Weil er noch Teile seines Ichs besaß. 

Abends im Garten, Alex und ich sitzen vor unseren Weingläsern und starren in die vielen Kerzen, die ich wegen der Gelsen auf dem Tisch aufgestellt hatte. Alex bemerkt nüchtern (noch): 'Na schau, ist doch eh besser du hast ein nicht so ganz tolles Gedächtnis. Dann kannst deine Bücher alle immer wieder lesen und bist jedes Mal wieder so gespannt auf das Ende wie beim ersten Mal.' 






Dienstag, 21. April 2026

Der Albtraum


Als ich völlig abgehetzt die Waldlichtung erreichte, war niemand zu sehen. Panisch sah ich auf meine Armbanduhr. 18:50 stand dort in großen Ziffern zu lesen. Zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. Wieso war noch niemand hier? Hatte man bei der letzten Besprechung beschlossen, den Treffpunkt zu verlegen? Wurden wir beobachtet?

Zu dumm, daß ich voriges Mal nicht hatte dabei sein können. Fieberhafte Erkältung. Da bleibt man doch lieber zuhause.

Früher wäre man durch WhatsApp oder einen anderen Messenger verbunden gewesen, ohne sich etwas dabei zu denken. Nachdem jedoch unser aller König Markus die Alleinherrschaft in Bayern übernommen hatte, wurde aufgrund der neuerdings Anti-Amerikanischen Haltung WhatsApp völlig abgeschafft und durch einen neuen, bayernweit völlig kostenlosen, Messenger ersetzt. Angelehnt an das bayerische Wort 'suadern' und natürlich als Hommage an den König, wurde nun also nicht mehr gewhatsappt sondern gesödert.

Die Leute liefen nur noch mit ihrem Mobiltelefon vor der Nase durch die Gegend, sozusagen Mensch-Maschinen, und es war ihnen völlig egal, daß jedes Wort, jede Sprachnachricht, direkt im Ministerium landete. Sie hatten ja nichts zu verbergen. Sie wurden nicht einmal hellhörig, als unlängst eine ältere Dame von der Sicherheitspolizei in Hausschuhen abgeführt worden war, nur weil sie das Wort 'Spargel' benutzt hatte. Natürlich hatte sie keine Ahnung gehabt, daß dies bis vor Kurzem unter den Jugendlichen ein Codewort für 'Joint' gewesen war. Denn selbstverständlich hatte König Markus die unlängst eingeführte Freigabe von Cannabis sofort wieder unterbunden. Bayern solle kein Kifferparadies werden, hatte er laut getönt und den Maßkrug erhoben. Die Menge hatte gejohlt und Beifall geklatscht.

Die logische Konsequenz war, wieder in den Untergrund abzutauchen. Wir waren alle in einem Alter, in dem man sich nicht permanent an das Mobiltelefon ketten mußte. Diese blieben bei unseren geheimen Treffen selbstverständlich außen vor. Wir wußten, wie man tote Briefkästen benutzt, wir waren fest entschlossen und fühlten uns wieder jung. Unsere geheime Losung lautete 'Seepferdchen' und wir trafen uns jede Woche auf unserer Waldlichtung, da man im Wald normalerweise nicht abgehört wird. 

Und nun stand ich an diesem Donnerstag um 19 Uhr alleine auf der Lichtung und wußte nicht, was los war. Im toten Briefkasten fand ich keine Nachricht, die anderen zu kontaktieren war praktisch unmöglich. Die oberste Regel lautete: Niemand besucht jemals einen anderen aus der Gruppe zuhause. Ansödern war selbstverständlich ebenfalls ein absolutes No-go und die öffentlichen Telefone waren in den letzten Jahren sukzessive abgebaut worden und somit nicht mehr nutzbar. 

Langsam machte ich mich auf den Heimweg. Waren wir aufgeflogen oder hatte man mich klammheimlich aus der Gruppe ausgeschlossen? Nachdenklich stromerte ich vor mich hin, es war ein milder Sommerabend, ich wollte nicht sofort nach Hause. Ich hatte mich auf den Abend mit den anderen gefreut. Hatte es in der letzten Zeit irgendwelche Differenzen gegeben? Gut, ich hatte neulich total über Jürgen und seinen Gliedersatz gelästert. Jürgen war früher eine Frau gewesen, hatte sich mittlerweile einer Hormontherapie und einer Operation unterzogen. Der Gliedersatz mußte jedes Mal vor dem Geschlechtsverkehr aufgepumpt werden und ich hatte mich darüber totgelacht. Jürgen hatte sein fleischiges Gesicht abgewandt und den ganzen Abend nicht mehr mit mir gesprochen. Verständlich. Aber war das ein Grund, mich aus der Gruppe auszustoßen wie einen Verräter? Nur wegen ein bissl rumkabbeln? Political correctness gut und schön, aber man konnte es auch übertreiben.

Es dauerte eine Weile bis mir das laute Dröhnen des Hubschraubers ins Bewußtsein drang, der wohl schon seit einiger Zeit über mir hin- und herflog. War wohl eine Übung. Oder suchten sie wieder jemanden? Einen entlaufenen Sträfling? Oder gar mich? Hastig wechselte ich die Richtung. Dummerweise hatte ich ein rotes Leiberl an, das man von oben sicherlich prima sehen konnte. Rasch zog ich es aus, warf es ins Gebüsch und rannte weiter. Ich war hier aufgewachsen, ich kannte sämtliche Schleichwege die tief ins Dickicht führten. Da würden sie mich niemals finden. Vorerst. Doch egal wie weit ich rannte, der Hubschrauber blieb stets über mir. Das Dröhnen wurde immer lauter, fast glaubte ich zu sehen, wie die Kufen die Baumwipfel streiften. Völlig panisch verschwand ich in einem der Dixi-Klos, die hier und da am Ufer der Wertach aufgestellt worden waren, um die Leute davon abzuhalten, ihre Häufchen in der naturbelassenen Landschaft abzuseilen. 

Doch was war das? Über mir gab es einen heftigen Ruck, das Klohäuschen wackelte hin und her, und ich spürte deutlich, wie es sich in die Luft hob und schaukelnd davongetragen wurde. Das durfte doch nicht wahr sein! Hastig öffnete ich die Türe einen Spalt um hinauszulugen. So ein Scheiß! Wir schwebten bereits mehrere Meter über dem Boden, zu weit um abzuspringen, fast wäre ich hinausgerutscht! Rasch verriegelte ich die Türe wieder. Nun bekam ich wirklich Angst. Was ging hier vor? Vom Hubschrauber mitsamt dem Klohäuschen entführt? Das glaubt einem doch wieder kein Mensch!

Und was war das für ein Klingeln? Schrill und ohrenbetäubend! Ich hielt mir die Ohren zu, während ich im Häuschen hin- und hergeschleudert wurde ... und wachte auf. Boah! Alles nur geträumt. Den Göttern sei Dank! Gut, daß ich mir vorsichtshalber den Wecker gestellt hatte. Noch einmal das Treffen zu versäumen wäre wirklich fatal gewesen.

Als ich pünktlich an der Lichtung ankam, saßen die anderen bereits im Kreis und Jürgen war gerade dabei, einen fetten Joint zu bauen. Ausgerechnet Jürgen. Ob er mir noch böse war? Ob ich mich entschuldigen sollte? Eigentlich kein Akt, aber vor allen anderen war es mir doch peinlich. Ich ging auf Jürgen zu und wollte mich neben ihn setzen. Mein 'Hallo' verhallte ungehört. Niemand rückte zur Seite, um mich in den Kreis zu lassen. Die anderen unterhielten sich völlig ungerührt weiter, es war, als sei ich unsichtbar geworden. Ich kniff mich in den Arm. Aua! Kein Albtraum dieses Mal.

Auf einmal sah ich Hendrik auf der anderen Seite drüben mit etwas Rotem wedeln. Mein Shirt, das ich im Traum ausgezogen und ins Gebüsch geworfen hatte! Wie kam das hierher?
Langsam ging ich auf Hendrik zu. Er warf mir das Leiberl entgegen und grinste mich an: 'Schönen Traum gehabt heute Nachmittag? Laß es dir eine Warnung sein, Pillemännchen. Widerstand gegen absurde Vorschriften von oben ist eine Sache, aber feindliche Haltung gegenüber Transmenschen ist ein absolutes No Go. Noch einmal so eine Aktion und du fliegst wirklich raus. Jetzt hock dich her und zeig mal, was du uns Schönes mitgebracht hast. Und Jürgen kriegt heute seine Ration gratis, nur damit das klar ist.'











Sonntag, 12. April 2026

Patchouli und Bier (Sepp 9)

Ankunft München Hauptbahnhof an einem Werktag abends gegen 18 Uhr. Ein Gewusel und eine Hektik, daß einem schlecht werden kann. Aber Taxi mag ich mir keins nehmen, auch wenn ich nicht mehr auf den Pfennig schauen muß. Die Taxler in München sind mir grundsätzlich unsympathisch und die Fahrt dauert viel länger als mit der U-Bahn. Also runter und durch die Menge gewühlt, was will man machen. Seit sie den Bahnhof umbauen, und das dauert jetzt schon viele Jahre, kann man nicht mehr von den Gleisen direkt geradeaus und zur U-Bahn hinunter sondern muß ganz links die Rolltreppe zur Ladenstraße nehmen und sich dort durchwuseln bis zur Treppe beim Yormas, da kann man dann runter zur U2. Das dauert, es nervt und der Abgang mieft immer nach Pisse. Bah.

Auf dem Weg nach Hause bemerke ich mit einigem Entzücken, daß es nun doch langsam Frühling wird. Es ist noch immer hell obwohl es schon spät ist, und der Strauch am Eck bekommt bereits lauter kleine gelbe Blüten. Wie schön! Schade, daß ich morgen wieder arbeiten muß. Ein kleiner Spaziergang durch die Natur wäre mir angenehmer, es muß ja nicht gleich wieder eine längere Reise sein. Aber besonders viel gibt es noch nicht zu sehen und ich möchte, wie gesagt, die Kolleginnen nicht im Stich lassen. Auch wenn ich nur noch an zwei Tagen arbeite, bin ich fix eingeplant und meine Vorgesetzte wäre sonst ggf. alleine und es  macht wirklich keinen Spaß, Telefon und Mails gleichzeitig zu bedienen.

Aber bei Sepp werde ich noch vorbeischauen. Ich will jetzt wissen, was da los ist. Noch mit meinem Rucksack am Rücken klingle ich bei der WG. Der Türöffner surrt, ich steige die Treppen hinauf und stehe vor einem der Langhaarigen. Erst als er den Mund aufmacht erkenne ich ihn als den Schwaben, der mir - ist es tatsächlich erst vier Tage her? - bei den Briefkästen unten von der Wette berichtet hat. Heute hat er nämlich einen riesigen Verband im Gesicht und näselt unfreundlich auf Schwäbisch. Meine Frage nach Sepp wird mit einem höhnischen Auflachen kommentiert: 
'Den kannsch in dr Ettschtroß bsuacha. Den hends feschtgnomma geschtrn. Ombrenga hättr me wella, där Sauhond.'
Festgenommen? Ettstraße? Sepp? Ich höre wohl nicht recht? Von hinten taucht ein Mitbewohner auf. Verdutzt wende ich mich an ihn:
'Der Sepp verhaftet? Echt jetzt? Warum denn?' 

Sein Kumpel hätt von Sepp eins auf die Nase bekommen, berichtet der Mitbewohner mit hämischem Grinsen, man hätte sofort die Polizei gerufen und so sei Sepp wegen versuchten Totschlags vom USK auf den Boden geschmissen, mit Handschellen fixiert und abgeführt worden. Bislang sei er noch nicht wieder aufgetaucht, man wisse nichts über seinen Verbleib und man wolle ihn auch nicht mehr hier haben. Bamm wird mir die Türe vor der Nase zugehauen. Boah. Fassungslos stehe ich im Treppenhaus. Meine Knie zittern, ich setze mich auf die Stufen. Versuchter Totschlag? Das kann ich nicht glauben. Was für eine Idiotenbande! 

Was ist zu tun? Wie kann ich mehr erfahren? Ich brauche einen Anwalt. Ich kenne keinen Anwalt. Wo bekomme ich so spät am Abend noch einen Anwalt her?

Völlig durcheinander renne ich hinüber in meine Wohnung. Internetsuche. Es gibt einen Strafverteidiger-Notdienst. Wie genial! Als ich dort anrufe hebt jemand ab, der offenbar gerade beim Essen ist. Im Hintergrund höre ich lautes Geschirrklappern, der Mann muß erst einmal hinuntermampfen bevor er sich vernünftig melden kann: 'Dr. Heumann, wie kann ich Ihnen helfen?' 'Ja guten Abend Herr Dr. Heumann, ich hab grad erfahren, daß ein Bekannter von mir gestern verhaftet wurde. Weil er jemanden auf die Nase gehauen hat. Das kann doch nicht sein, oder? Können Sie da mal nachforschen? Ich mach mir Sorgen.'

'Freilich, dafür sind wir ja da. Allerdings bräuchte ich das Geld sofort in bar. Wie heißt denn ihr Bekannter?' 'Das ist der Loipfinger Sepp aus Rimsting, aktuell wohnhaft in München aber zuletzt war er in Wien.' 'Alles klar, ich ruf gleich mal in der Ettstraße an ob ein Mann dieses Namens dort festgehalten wird und melde mich wieder bei ihnen.' 

Schon hat er aufgelegt. Möchte wahrscheinlich nicht, daß sein Essen kalt wird. Ich sitze wie auf Kohlen. Immerhin hab ich den Rucksack jetzt abgelegt. Ich gehe zu meinem Tresor in dem ich meine Ersparnisse aufbewahre und schließe ihn auf. Wieviel wird er wohl wollen? 300 Euro, 500 Euro, tausend Euro? Egal. Die Gerechtigkeit muß siegen und dieser Blödmann da drüben hat eine gebrochene Nase mehr als verdient. Deswegen die Polizei zu rufen ist eine absolute Unverschämtheit! Die Bayern prügeln sich doch ständig. Da ruft man nicht die Polizei, da haut man zurück und gut is. Daß die Eingewanderten sich aber auch nie an unsere Sitten anpassen können!

Nach einer gefühlten Ewigkeit der Anruf von Dr. Heumann: 'Die Sache ist nicht ganz unkompliziert. Ihr Bekannter hat sich leider in München noch nicht angemeldet, der Meldezettel aus Wien hilft ihm hier wenig. Man unterstellt Fluchtgefahr, die Gegenseite hat offenbar Anklage wegen Mordversuchs erhoben, er wird mit dem nächsten Schub in U-Haft nach Stadelheim verbracht. Wir müssen sofort tätig werden. Der Vorschuß beträgt 500 Euro. Bis wann können Sie in der Ettstraße 2 sein? Wir treffen uns dort, Sie geben mir das Geld und nennen mir eine ladefähige Adresse. Und kleiner Tip: Bringens einen Pulli mit für den Sepp, in der Zelle ist es kalt und er wird nicht so viel angehabt haben bei der Verhaftung, da tut ein bissl Wolle gut. Zahnbürstln wären auch nicht verkehrt, ich werd schaun, daß er die bekommt, auch wenn die immer ein Theater machen, der Häftling könnt ja was draus basteln.'

Ich versichere dem Mann, mich sofort auf den Weg zu machen. Jetzt muß ein Taxi her, unfreundlich oder nicht. Kurz darauf, es war tatsächlich sofort ein Wagen verfügbar, sausen wir wie eine Rakete Richtung Innenstadt, mit 500 Euro und zwei warmen Pullovern im Gepäck. Unterwegs besorge ich an einer Tanke noch drei Packerl Tabak. Mit papers natürlich.

'Bis vors Polizeipräsidium darf ich leider nicht fahren,' erklärt mir der Fahrer. 'Ich laß Sie hier am Eck raus, Sie gehen dort die Gasse hinein und direkt gegenüber von der Kirche sehen Sie den Eingang. Alles Gute!' Ich bezahle den Mann und haste die Straße entlang. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Hier in der Stadt ist vom Frühling noch nichts zu sehen. Mist, ich hätte den Anwalt fragen sollen wie er aussieht. Naja, einen Anzug wird er anhaben, was hätt ich glaubt. Ich stehe vor dem Gittertor. Niemand hier mit Anzug. Ein paar verfrorene Touristen laufen gackernd vorbei. Ich werde ungeduldig. Hat mich der Anwalt versetzt? Der hat doch einen viel kürzeren Weg als ich! Ah, dort hinten! Ein Mann mit wehendem Mantel und Aktentasche kommt die Gasse entlanggelaufen. Ich blicke ihm hoffnungsvoll entgegen: 'Herr Dr. Heumann?' 'Ebendieser, und Sie sind die Bekannte von Herrn Loipfinger? Haben Sie das Geld dabei?' Ich drücke ihm die Scheine in die Hand, komme mir vor wie in einem alten Krimi. Auch die beiden Pullis wechseln den Besitzer. Als ich jedoch auch den Tabak übergeben will, lacht der Anwalt trocken auf: 'Wollen Sie, daß ich meine Zulassung verlier? Gegenstände dürfen nicht von außen hineingebracht werden. Pullover geht meistens gut, es ist schließlich arschkalt, aber mehr ist streng verboten. Sie haben schon recht, Tabak braucht er im Knast, aber dafür müssen Sie ihm ein Geld auf sein Konto einbezahlen, damit kann er sich beim nächsten Einkauf alles besorgen was er braucht. Bis dahin ...  Leider kann ich Sie nicht mit hineinnehmen, Sie können entweder hier warten oder ich ruf Sie später an und sage Ihnen was ich erreichen konnte.'

'Achso, er wird dann nicht gleich freigelassen?'

'Gute Frau, wir sind hier in Bayern. Da muß der Mann dem Haftrichter vorgeführt werden, was ja heute mittag bereits geschehen ist wie ich in Erfahrung bringen konnte, aber offenbar hat sich Ihr Bekannter dermaßen saublöd, entschuldigen'S schon, dabei aufgeführt, ständig gegrinst und flapsig geantwortet, daß der Richter sich provoziert gefühlt hat und ihn in die U-Haft überstellt hat. Wie gesagt, kein fester Wohnsitz in Deutschland, Fluchtgefahr. Offiziell hat er nun den Status Untersuchungshäftling, da kann ich jetzt so schnell nichts mehr machen, ich muß einen Antrag auf Haftprüfung stellen, das dauert. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich krieg das hin. Besorgen Sie mir asap einen Mietvertrag den ich bei Gericht vorlegen kann, Wohnsitz, Sie verstehen, wichtig! Ich geh jetzt da rein und red mit Ihrem Bekannten und beantrage Akteneinsicht. Dann werden wir ja sehen, wer ihn da so reingeritten hat. Eventuell ist Schadensersatz drin, müssen wir dann noch besprechen. Ihnen ist klar, daß weitere Kosten auf Sie zukommen werden?' 

'Geld spielt keine Rolle!' Wie oft wollte ich diesen Satz schon einmal lässig von mir geben. Allerdings hatte ich dabei nicht an eine dunkle Gasse in der Münchner Altstadt  vor dem Polizeipräsidium gedacht sondern eher an ein schickes Berghotel in Österreich. Was für ein Scheiß! Am liebsten würd ich dem Schwaben jetzt selber noch eine reinhauen, aber bringt ja nix. 
Der Anwalt verspricht, sich später bei mir telefonisch zu melden um das weitere Vorgehen zu besprechen. Dann verschwindet er hinein zur Pforte und ich trabe Richtung Stachus. Nun ist es auch schon egal, ich werde mir ein weiteres Taxi leisten, auf U-Bahn hab ich jetzt wirklich keinen Bock. Außerdem hab ich meine Kopfhörer nicht dabei.

Lassen die meinen Sepp da drinnen einfach braten wegen nix! Ich kapier es immer noch nicht. Seit wann wird man eingesperrt nur weil man sich ein bissl gehauen hat? Da gibts vielleicht eine Verhandlung, ja, aber doch nicht gleich Knast. Echt nee, in München gefällt es mir überhaupt nicht mehr. Aber jetzt kann ich nicht weg, muß ich mich um Sepp kümmern. Der hat den Ernst der Lage offenbar noch nicht erfaßt. Immer alles easy peasy, geht scho, ois leiwand ... aber halt ned bei uns in Bayern.

Sepp hat den Ernst der Lage mittlerweile allerdings durchaus begriffen. In der Zelle brennt die ganze Nacht ein Notlicht, die durchgelegene Matratze ist ein Witz und er hat kein Auge zugetan. Obendrein hört man immer wieder das Klacken der Eisentüren und schwere Schritte in den langen Gängen. Dazu die kreisenden Gedanken. Nachtruhe Fehlanzeige. Dennoch hat er versucht, sich am Morgen beim Termin nichts anmerken zu lassen, was wohl ein Fehler gewesen war. Dem Richter waren seine langen Haare sofort ein Dorn im Auge gewesen, offenbar ein Spießer vor dem Herrn, noch ganz vom alten Schlag. Thronte da in seinem holzvertäfelten Kämmerlein und fühlte sich wie der Papst persönlich. Ob er denn keine Reue zeigen wolle, war er angeblafft worden. Den Sohn von Dr. med. Heinrich F. tätlich so schwer anzugreifen, daß dieser um sein Leben fürchten müsse, sei kein Kavaliersdelikt. Sepp fand das logischerweise lächerlich. Niemand müsse um sein Leben fürchten nur weil er eins auf die Nase bekommen hatte, schließlich hätte die dämliche Socke sich in sein Leben eingemischt und die Tetschn verdient.

'Tetschn!', hatte der Richter gewettert, 'Das nennen Sie eine Tetschn? Der junge Mann mußte notärztlich versorgt werden und ich kann ihnen sagen, Herr Dr. med. Heinrich F. war sehr erbost und hat an höchster Stelle darauf bestanden, daß man Ihnen die Flausen schon austreibt. Hiermit verhänge ich Haftbefehl. Sie kommen morgen mit dem nächsten Schub nach Stadelheim. Da können Sie am eigenen Leibe erfahren wie das ist, wenn man sich gegen Stärkere nicht wehren kann! Sie Chaot! Abführen!'

Seither sitzt Sepp in seiner Zelle und friert erbärmlich. Bei der Verhaftung hatte er in der Tat nur ein Leiberl angehabt, man hatte ihm nicht erlaubt, eine Jacke mitzunehmen sondern ihn sofort hierhergeschleppt. Nun ist es wieder Abend und er kann noch immer nicht einschlafen, so müde er auch ist. Die dünne Zudecke ist kratzig und juckt statt zu wärmen. Zum Abendessen hatte man ihm wieder nur hartes Brot gebracht, die Wurstschreiben rollten sich bereits nach oben. Pfui Deibel! Er war hungrig, müde und kurz davor, in Tränen auszubrechen. In was für einen Albtraum war er da hineingeraten? Kati würde er wohl niemals wiedersehen. Statt das Mißverständnis beseitigen zu können, würde er monatelang im Knast sitzen, sein Job war sowas von weg und er würde nicht einmal Sozialhilfe bekommen weil er nirgends gemeldet war. Wovon sollte er leben?

Lautes Scheppern riß ihn aus seinen trüben Gedanken. Die Zellentüre öffnet sich, der Wachhabende raunzt: 'Besuch für dich, Loipfinger.'
Besuch? Wer würde ihn hier besuchen? Sollte doch einer seiner Mitbewohner Erbarmen zeigen? Aufgeregt schlapft er hinter dem Beamten her. Die Schnürsenkel hat man ihm nämlich auch genommen. Er könnt sich ja aufhängen wollen. Was ein Blödsinn!

Er wird in einen kleinen kahlen Raum geführt, am Tisch sitzt ein Mann im Anzug. Der Beamte bleibt an der Türe stehen. Sepp nähert sich langsam dem Tisch. Wer ist der Mann und was will er von ihm? Ein Bekannter seines 'Opfers' das sich an seiner Qual weiden will?

'Guten Abend Herr Loipfinger, mein Name ist Dr. Heumann, ich bin Ihr Anwalt. Keine Sorge, die finanzielle Seite ist geregelt, ich bin hier um Ihnen zu helfen. Leider hat man mich zu spät benachrichtigt, der Haftbefehl ist leider draußen, ich kann jetzt nur noch eine Haftprüfung beantragen und das dauert. Sie werden daher um einen kurzen Aufenthalt in Stadelheim nicht herumkommen. Aber nun berichten Sie doch einmal, was wirklich geschehen ist.'

Die Geschichte ist rasch erzählt. Der Mitbewohner, der Kati von der Wette erzählt, der darob sehr erzürnte Sepp der den Mann zur Rede stellt und ihm schließlich, da dieser ihn obendrein auch noch verhöhnt und triezt, schließlich eine einschenkt. Natürlich hätte er sich nicht so reizen lassen sollen, aber es sei nun einmal geschehen und er verstünde nicht, wieso man ihn deswegen hier festhalten könne. Nicht einmal ein vernünftiges Essen gäbe es, er hätte seit dem Vortag nichts mehr hinuntergebracht, die alte fettige Wurst sei zu abstoßend.

Der Anwalt schaut ernst. 'Herr Loipfinger, ich versuche, Ihnen was zum Essen zu besorgen, versprechen kann ich es aber nicht. Ansonsten, sagen Sie ab jetzt besser nichts mehr. Es wird alles gegen Sie verwendet werden. Sie haben nun einen Anwalt und etwaige Befragungen werden nur noch in meiner Gegenwart stattfinden. Ich werde mir die Akte kommen lassen und alles genau prüfen. Wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie das Opfer einer Intrige geworden. Dagegen läßt sich nur schwer etwas ausrichten, cornix cornici numquam oculos effodit* wenn Sie verstehen (Sepp versteht, er war schließlich am Gymnasium gewesen, auch wenn es ihm dort nicht gefallen hat) aber bleiben Sie guten Mutes! Ich hab Ihnen hier von Ihrer Freundin zwei Pullover mitgebracht die man mich freundlicherweise mit hineinbringen ließ, es ist sicherlich saukalt in Ihrer Zelle.'

'Von meiner Freundin?' Sepp ist überrascht. 'Welche Freundin?' 'Na so eine freundliche ältere Dame mit einer komischen Frisur. Bei ihr sind sie ab sofort auch gemeldet, damit Sie eine ladefähige Adresse haben. Somit haben Sie eine deutsche Meldeadresse, das wird alles sukzessive erledigt und ich hol Sie hier raus. Nur, wie gesagt, Behördenweg. Langsame Mühlen. Sie verstehen. Also bis später, ich schau mal ob ich ein paar frische Semmeln für Sie krieg.'

Komische Frisur? Das kann nur Kati gewesen sein. Sepp kommen nun doch die Tränen. Er schüttelt dem Anwalt beide Hände. 'Vielen Dank Herr Dr. Heumann, sagen Sie Kati bitte auch vielen Dank, ich hatte schon befürchtet, sie niemals wiederzusehen nur wegen dieser blöden Wette! Bitte sagen Sie ihr, das ist alles ein Riesenmißverständnis und ich kann es nicht erwarten, ihr das persönlich zu erklären!' Schluchzend wendet Sepp sich ab und wird vom Beamten wortlos wieder auf seine Zelle zurückgeführt. 

Nach einer Weile taucht der Schließer noch einmal auf und überreicht Sepp eine Tüte mit zwei Wurstsemmeln. 
'Ausnahmsweise, aber nur weil Ihr Anwalt so überzeugend ist. Wir sind hier kein Hotel!'
Verstohlen greift er sich an die knisternde Brusttasche und zieht wieder ab.
Erleichtert zieht Sepp sich die beiden Semmeln rein. Bildet sich ein, daß die mitgebrachten Pullis ein bissl nach Patchouli riechen. So wie Kati meistens. Patchouli und Bier. Müde kuschelt er sich zurecht, dreht er sich auf die Seite und ist trotz des Lichts und des blöden Türenklackerns schnell eingeschlafen. Er träumt von Kati und von einer Frühlingswiese, einem kleinen Zug der pfeifend vorüberfährt und laut gackernden Gänsen auf einem See mit Fontäne. Für kurze Zeit ist er wieder glücklich.


*Eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus. Auf Bayerisch: Die Großkopferten halten immer zamm.