Sonntag, 27. September 2026

Lilith lacht


Paradies, ein Novembertag im Jahre 4004 vor Christus

Entgegen der Überlieferung war Evas Mann keineswegs der erste Mensch auf Erden, auch wenn er sich oft genug so anstellte. Das hebräische Wort 'adam' bedeutet einfach nur 'Mensch'. Natürlich war Eva auch nicht die erste Frau. Auch nicht die erste Frau Adams. Nicht, daß er sie spüren ließ, wie sehr er seine erste Frau, Lilith, vermißte. Das nicht. Er bemühte sich, für seine Verhältnisse, rührend, war stets aufmerksam und korrekt, doch manchmal, wenn er sich unbeobachtet fühlte, stand er einfach nur da und starrte in die Luft. Dort hinauf, wohin seine Lilith einst entflohen war nachdem er drauf bestanden hatte, beim Sex immer oben liegen zu wollen. Lilith hatte gelacht, ihm erklärt, er sei langweilig, machohaft und überhaupts, hatte sich ein paar Flügel gezaubert und weg war sie gewesen. Adam war dagestanden wie angewurzelt und hatte fürchterlich bereut. Leider zu spät.

'Warum guckst denn wieder so traurig, Adam? Schau doch wie die Blätter am Baum leuchten. So einen wunderschönen Altweibersommer hatten wir schon lange nicht mehr. Ich glaub ich nehm mir heute mal so ein rot-grün gestreiftes Blatt, das steht mir doch gut, oder? Was sagst?'

Adam sagte nichts. Er seufzte nur. Manchmal war seine Frau einfach nicht zu ertragen mit ihrer hausbackenen Art. Lilith, ja, Lilith, die war anders. Aufregend, feurig, gefährlich. Da war es keine Minute fad, auch wenn es oft genug Zank gegeben hatte. Mit Eva konnte man nicht einmal zanken. Sie versuchte stets sofort, den Riß im Gefüge wieder zu kitten. 

Doch was war das? Was ringelte sich denn da so ominös im Blattwerk direkt über ihren Köpfen? Hastig trat Adam einen Schritt zur Seite. Eh klar, alle Geschöpfe sind Gottes Werk und alle haben sich lieb und so weiter, aber Vorsicht war noch immer die Mutter der Porzellankiste. 

'Jö schau, eine Schlange!', rief Eva begeistert und lächelte das grüngefleckte Tier freundlich an. Adam schaute skeptisch. Irgendwie ... irgendwie erinnerte ihn das Züngeln des Reptils an Lilith ... beschämt blickte er nach unten und versuchte hastig, sein Blatt des Tages zu glätten. Vergeblich. Eva bekam wie immer nichts mit und war bald in ein Gespräch mit der Schlange verstrickt. Weiberkram, dachte Adam abfällig und wandte sich ab. Lilith grinste.

'Hör mal Eva', zischte die Schlange leise, 'du mußt dir dieses Leben nicht antun. Ich kenne Adam. Viel Freude hat man mit dem nicht. Dir ist schon klar, daß Frauen auch alleine leben können? Ohne sich als selbstverständlichen Teil eines Paares zu sehen?'

Eva wurde schwindelig. Alleine leben? Mit den anderen Frauen im Zelt? Oder wie? Nein, das wäre ihr dann doch nicht recht. Einen Beschützer an der Seite zu haben, fühlte sich einfach sicherer an. Außerdem, was sollte sie den ganzen Tag machen, wenn nicht einen Mann umsorgen? 

Den dargebotenen Apfel wollte sie daher auch nicht anbeißen. Das sei schließlich verboten. Nur ein kleines bißchen? Nun ja, vielleicht ... hastig blickte sie sich um und biß ein winziges Eckchen aus der Frucht. Hmmmmmmmmmm, das schmeckte ja wirklich ... himmlisch! Kein Wunder, daß die Götter dieses Obst nicht teilen wollten! Hocherfreut rannte sie hinüber zu Adam, ganz in ihrer Rolle als Ehefrau aufgehend: 'Schau mal, ein Apfel! Du der schmeckt fei genial, probier mal!' Adam, in Gedanken noch bei Lilith, biß geistesabwesend in die Frucht ... und zuckte sofort erschrocken zusammen. Ein Gewitter, urplötzlich aufgezogen! Donner, Grant und Gloria! Gott war oberstinkig. Nun konnte er wieder von vorne anfangen mit seinem Experiment, einen fügsamen und folgsamen Menschenschlag zu züchten. Zefix! So würde das nie was werden mit der Evolution wenn jeder machte was er wollte!

Frankfurt am Main, im Oktober 2026

Eva putzte das Klo. Eva putzte das Klo jeden Tag. Sie machte auch täglich das Bett und wischte den Staub, bevor er überhaupt Zeit hatte, sich niederzulassen. Sie hatte sonst nicht viel zu tun. Ihr Mann arbeitete den ganzen Tag, und immer öfter zusätzlich die halben Nacht, in der City. Als Banker. Anfangs hatte sie das faszinierend gefunden. Auch das Geld, natürlich, das besonders. Nur ... seine Großzügigkeit hatte recht bald ein Ende gehabt. Nach der opulenten Hochzeitsreise hatte Eva recht schnell festgestellt, daß das Haushaltsgeld knapp bemessen und für Luxus kein Budget vorgemerkt war. Nix war's mit Bummeln und Einkaufen auf der Zeil. Da sie keine Haushaltshilfe hatten, mußte Eva alles selber machen. 

Das einzige Highlight in ihrem Leben war das wöchentliche Kaffeekränzchen. Ehefrauen von Adams Kollegen. Eigene Freundinnen hatte sie nicht. Während sie mit hastig hochgesteckten Haaren und noch nach Reinigungsmitteln riechend zur illustren Runde stieß, kamen diese Damen meist gerade gemütlich vom Shoppen, wie man das heute nannte. Neulich hatte sich Mara eine Handtasche gekauft um 14.000 Euro. Eva war grasgrün geworden vor Neid. Nicht, daß sie sich ebenfalls eine so teure Tasche hätte kaufen wollen. Aber von dem Geld hätte sie eine Haushaltshilfe bezahlen können und für sich selbst ein hübsches Kleid. Mußte ja nicht von Dior sein, der konnte seine komischen Fummel selber anziehen. Aber einfach mal wieder was NEUES. Stattdessen mußte sie sich rechtfertigen, wenn zum Ende des Monats das Haushaltsgeld knapp wurde. 

Adam ging logischerweise nie selbst einkaufen und hatte daher null Ahnung, wie teuer alles geworden war. Der konnte nur rummeckern: 'Dann hättest du eben das teure Steak nicht gekauft!' Dabei hatte sie das Rezept von der Frau seines Lieblingskollegen bekommen nachdem sie dort zum Abendessen eingeladen gewesen waren, und wollte es ebenfalls mal ausprobieren. Geschmeckt hatte es ihm! Aber danach wieder rumgeizen. Arschloch!

Auch würde es sie brennend interessieren, wo er sich spätabends immer wieder herumtrieb und hinterher nach Kneipe stinkend zur Tür hereingewankt kam. Dafür war das Geld vorhanden? Für durchzechte Nächte? Von wegen Überstunden. Lachhaft! Ganz so doof, wie er dachte, war sie auch wieder nicht. Eva wurde immer unglücklicher, Adam immer genervter. Ihre Ehe schien in einer Sackgasse gelandet zu sein. 

Eines Tages schlenderte Eva nach dem Kaffeekränzchen noch durch ihre Lieblingszootierhandlung. So gerne hätte sie ein Haustier gehabt, wenigstens ein winzig kleines, aber angeblich konnten sie sich das nicht leisten. Der Tierarzt sei so teuer und wer sollte auf das Tier aufpassen wenn sie im Urlaub wären? Dabei hatte es seit drei Jahren keinen Urlaub mehr gegeben. Zumindest nicht für sie. Wen er immer mit auf seine 'Dienstreisen' nahm, konnte sie nicht einmal erahnen.

Wehmütig stand sie vor dem Hamsterkäfig mit den goldfarbenen Gitterstäben in dem die Tierchen durcheinanderwuselten und an den Stäben knabberten. Genauso fühlte sie sich. Eingesperrt in einem goldenen Käfig. Langsam ging sie weiter, betrachtete die Schlangen im Terrarium. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf, wie immer beim Betrachten dieser Tiere. Nicht direkt eine Erinnerung, aber etwas, das eine werden wollte. 

Direkt hinter ihr stand eine blondgelockte Frau und lachte in sich hinein. Sie erinnerte sich bestens an die Geschehnisse von einst und auch daran, was für ein Depp Adam sein konnte. 'Scho elegant, oder? Weisch, die häuten sich wenn ihne ihr altes Läba zu eng wird', raunte sie Eva ins Ohr. 'Solltesch au amal probiera.'
Eva erstarrte. Wer war diese Frau und wieso duzte sie sie ohne weiteres?

'Entschuldigen Sie, kennen wir uns?', fragte sie verwirrt und drehte sich um. Vor ihr stand eine hübsche junge Frau, nur wenig älter als sie selbst, aber aber die hatte keine roten Putzhände. Die war rundum gepflegt und dennoch lässig angezogen. In Eva regte sich mal wieder der Neid. 

'An hübschen Schal hosch do um,' sprach Lilith Eva betont harmlos an. 'Wo hosch den denn kauft? Das Muschter isch phänomenal!'
'Den hab ich mir selber gestrickt. Kaufen wäre zu teuer, meinte mein Mann.'
'Där abscheuliche Geizkraga. Hot sich keu Stück verändert. Dann kriegsch g'wiß au ned oft Sachertorte? Komm, mir gehn konditorn! I lad di ein!'

Eva schaute kariert. Wer war diese Frau? Und woher kannte sie Adam? Ist sie es, zu der er am Abend immer geht wenn er angeblich Überstunden macht? Und nun will sie herausfinden, wie Eva so drauf ist und wie sie ihr den Mann am einfachsten ausspannen könnte? Na warte! 

Kurz darauf sahen die anderen Gäste im Café Laumer zwei hübsche Frauen mitten im Kaffeehaus über ihren Kuchentellern sitzen und lebhaft streiten. Lilith, die sich als Inga Häberle aus Stuttgart vorgestellt hatte, begann bald, ungeduldig mit ihrem Stuhl zu kippeln vor lauter Frustration und lehnte sich schlußendlich resigniert zurück. Evas Denken war noch immer genauso unverrückbar in Beton gegossen wie damals. Sie begriff zwar, daß ihr Leben unglücklich war, hatte aber panische Angst, ohne Versorger dazustehen. Schließlich hatte sie nur den Hauptschulabschluß und danach eine Schneiderlehre gemacht. Wo bitte wurden heutzutage noch Schneiderinnen gebraucht? Außer vielleicht in Bangladesh mit einem Stundenlohn von 50 ct.

Ihre Vorstellungkraft reichte einfach nicht aus, um ein Leben in einer emanzipierten Frauen-WG zu visualisieren, wo sie alle Unterstützung bekommen würde, die sie benötigte und wo sie FREI sein würde. Sich entwickeln könnte zu der Person, die sie eigentlich war. Ohne ständige Unterdrückung durch einen von Natur aus geistig beschränkten Mann.
 
'Paß auf Eva, ich gib dir hier mei Kärtle, falls'd es dir no andersch überlegsch. Rufsch mi eufach am Handy an, d'accord?' Mit diesen Worten stand sie auf und verließ das Lokal. Hier waren Hopfen und Malz verloren.

Wenn sie Eva schon nicht aus ihrem Gruselleben befreien konnte, dann wollte sie wenigstens Adam ein bissl aufrütteln. Ihm einen Denkzettel verpassen. Adam war nämlich schwerhörig. Was niemand wußte außer ihm und seinem Hörgeräteakustiker. Eva hatte er einen Schmäh von wegen Aktivierung der Hirnzellen erzählt und sie hatte es geschluckt. 

In der folgenden Nacht, als Adam unschuldig neben Eva lag und einen halben Wald niedersägte, einen Wald der bevölkert war mit mehrköpfigen grüngefleckten Schlangen, die allesamt ein fieses Grinsen im Gesicht trugen, schlich Lilith sich ins Haus und klaute das Hörgerät aus dem Nachtkasterl.

Als Adam am nächsten Morgen ins Leere griff, war die Panik natürlich groß. Es stand ein wichtiges Meeting mit US-Investoren an, es war einfach keine Zeit für langes Suchen, nicht einmal mehr Zeit, Eva zusammenzuscheißen, die betroffen neben ihrem tobenden Ehemann stand und nicht einmal wußte, was eigentlich genau das Problem war. Konnte er ohne seinen Hirnzellenaktivator nicht arbeiten? Natürlich hatte sie ihn nicht genommen, verteidigte sie sich vehement. Sein Nachtkastl sei für sie tabu, das hatte er ihr von Anfang an eingeschärft und daran hatte sie sich stets gehalten.

Das Meeting war ein Desaster von vorne bis hinten. Als der amerikanische Investor beispielsweise fragte: 'We are worried about a hostile takeover by some competitors. Do you have a strategy?', verstand Adam Hustensaft statt hostile und Computer statt competitors. Sein Chef blickte ihn auffordernd an, also blökte er los: 'Also gegen Husten nehme ich immer einen Saft aus Zwiebeln und Honig. Und was den Computer angeht: Einfach mal den Stecker ziehen und neu starten. Das löst das Problem meist von selbst.'

Betroffene Stille im Raum. Dann lachte der US-Investor laut auf: 'Brilliant! Back to the basics! I love your radical style, Adam!'

So hatte Adam Glück im Unglück. Der Mann verstand Spaß, ging auf jeden Blödsinn ein und lobte nach Abschluß des Vertrages sogar den 'wide open mind' des Mitarbeiters Adam, so daß sein Chef gute Miene zum bösen Spiel machen mußte und ihn nicht hochkant hinauswerfen konnte. Aber die Beförderung, mit der er bereits fix gerechnet hatte, konnte er sich jetzt aufzeichnen. Entschuldigend murmelte er etwas von einer mißlungenen Pilz-Zubereitung und schlapfte geschlagen nach Hause.

Daheim bekam Eva seinen gesammelten Zorn ab. Sie hätte ganz bestimmt seinen Hirnwellenstimulator beim Putzen verschlampt! Was für ein Quatsch! Als ob Eva nachts heimlich putzen würde statt zu schlafen. 

Während Adam im Wohnzimmer vor der Glotze saß und versuchte, seinen Frust mit ein paar Halben Bier hinunterzuspülen, hockte Eva in der Küche und überlegte verbittert, ob sie nicht vielleicht doch mit Frau Häberle hätte nach Berlin fahren sollen. Wenn diese tapfere Frau trotz ihres unmöglichen Dialekts in der Hauptstadt zurechtkam, so konnte sie, Eva, es möglicherweise doch auch schaffen? Aber nun war es zu spät. Oder doch nicht? Fieberhaft kramte sie in ihrem Handtäschchen nach der lilafarbenen Visitenkarte. Wagte es jedoch nicht, um diese späte Stunde noch anzurufen.

Am nächsten Tag schien alles wie immer. Adam stürzte aus dem Haus ohne sich zu verabschieden, der Termin beim Hörgeräteakustiker war schließlich vor der Arbeitszeit zu erledigen. Eva hatte der Mut schon wieder verlassen, sie zog resigniert ihren Mantel an, holte den Trolley aus dem Keller hervor und begann ihre übliche Einkaufsrunde. Noch bevor sie beim Fleischhauer die Stufen hinaufsteigen konnte, tupfte ihr jemand von hinten auf die Schulter. Erschrocken drehte sie sich um: 'Ja guten Morgen Frau Häberle! Sind sie noch nicht wieder heimgefahren?' Blöde Frage, dachte sie im selben Moment, offensichtlich nicht, sonst stünde sie nicht hier.
Frau Häberle alias Lilith lächelte nachsichtig. 'Na Eva, alles klar zuhause?' Da brach der Damm endgültig. Heulend und schniefend berichtete Eva, wie ihr Mann irgend so ein seltsames Gerät verschmissen hatte, das er sich tagsüber immer in die Ohren steckte und sie wäre jetzt schuld, daß er keine Beförderung bekam. Dabei wäre er vor lauter Arbeitsüberlastung sowieso schon so gut wie nie zuhause. Lilith nahm sie tröstend in den Arm, redete ihr gut zu, stellte den noch leeren Einkaufstrolley in die Ecke neben die Fleischhauerstiege und wanderte langsam, Arm in Arm mit Eva, Richtung Bahnhof. Bevor sie es sich versah, saß Eva im Zug nach Berlin. Keinerlei Wehmut trübte ihr Herz. Hier in Frankfurt hatte sie wirklich NICHTS mehr verloren.

Adam hingegen, der hatte mal wieder alles verloren. Zunächst einmal seinen Job (der Chef hatte ihn, nachdem der Investor abgereist war, schlußendlich doch gefeuert), und als er am Abend nach einem Besuch im Puff hackedicht nach Hause kam, war außer einem angetrockneten Käsewürfel im Kühlschrank und drei Flaschen Gösser nichts mehr zu finden. Keine Ehefrau, kein warmes Abendessen. Eine kurze SMS, bereits am Nachmittag abgesandt, brauchte eine Weile, um in sein vernebeltes Hirn zu dringen und dort verdaut zu werden:

„Bin auf dem Weg in ein eigenes Leben, zusammen mit anderen Frauen. Ab jetzt kannst du gerne bei jeder oben liegen, die dich läßt. Ciao, Eva.“










 







Sonntag, 13. September 2026

Wenn der Teufel das Handtuch wirft


Das Knacken eines Astes ließ Agnes zusammenfahren. Hier draußen, im dichten Unterholz der Lechauen, klang jedes Geräusch wie eine Anklage. Nur ein paar hundert Meter hinter ihr ragte die mächtige Silhouette des Roten Tores in den grauen Augsburger Himmel – eine unbarmherzige Grenze aus Stein und Gesetz. Agnes zupfte sich hastig ein paar Kletten vom Saum ihres Seidenkleides. Wenn Jakob diese Spuren sah, war sie verloren. Schließlich hatte sie sich unter dem Vorwand aus dem Hause begeben, die Siechen bei St. Servatius zu besuchen und ihnen Lebensmittel zu bringen. Kletten kamen dabei nicht ins Spiel. Ihre Zofe Martha saß derweil auf einem Baumstamm, und bewachte den Trampelpfad. Ganz sicher dachte diese sich ihren Teil, doch etwas in Agnes war stärker als alle Vorsicht. Die süße Droge des Begehrt-Werdens vernebelte ihr Hirn und Verstand. Dieser Lohndichter Hans hatte eine Art zu schreiben, daß einem schwindelig werden konnte. Geschickt flocht er französische und italienische Wörter mit ein, naturalmente ti amo, principessa ... wer konnte da widerstehen?
'Agnes?', flüsterte eine Stimme aus dem Weidengebüsch. Hans trat ins matte Licht der Nachmittagssonne, die Haare zerzaust, die Augen voller Verlangen. In der Hand hielt er eine hölzerne Wachstafel. Mit eisernem Griffel hatte er im Schutz der Bäume hastig die Verse eingeritzt, die ihm die Gunst der reichen Dame sichern sollten – Worte, die er mit einem einzigen Daumenstrich wieder auslöschen konnte bevor die Stadtwache ihn überraschte. Mit leiser, doch melodischer Stimme begann er zu lesen ...

Jakob saß derweilen in seinem Kontor und brütete über den Büchern. Die Wachskerze flackerte im Luftzug des Fensters und warf unruhige Schatten auf die Zahlenreihen. Müde rieb er sich die Augen. Seit dieser Ungustl Florian in der Zunft in vorderster Reihe saß, gab es nichts als Ärger. Erst gestern hatte man ihm bei der Beschau drei Ballen feinsten Barchents abgelehnt weil die Wolle angeblich nicht rein genug sei. So ein Schmarrn! Bestochen waren diese Kerle und er würde seine Hand dafür ins Feuer legen, daß dieser Florian dahintersteckte.

Die Ehefrau neidete Florian ihm, dessen war sich Jakob sicher, hatte dieser doch dereinst selbst ein Auge auf sie geworfen gehabt. Doch entschieden hatte sich Agnes für ihn, Jakob, den schüchternen linkischen jungen Burschen, der er damals gewesen war. Agnes war eine wunderbare Frau und er liebte sie von Herzen. Doch er war ein Mann der Zahlen, des Gewichts und der Maße. Er verstand, wie man ein Geschäft führte. Von Herzensdingen hatte er keine Ahnung. Sein Vater hatte mit der Rute nicht gespart, hatte aus dem einst zartfühlenden Knaben einen Mann geschmiedet, der jegliche emotionale Regungen wohl zu verbergen wußte und das Leben stets unter rationalen Gesichtspunkten betrachtete.

Jedes Mal, wenn er Agnes ansah, wenn er ihren klugen, forschenden Blick spürte, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Er wollte ihr sagen, dass er stolz auf sie war. Dass er sie ehrte. Doch heraus kamen immer nur Fragen wegen des Personals oder der Kosten für das Mehl. 
Draußen auf der Gasse warfen die spitzen Giebel der Nachbarhäuser in der Oberstadt bereits lange, dunkle Schatten, als die schwere Haustür unten im Erdgeschoß endlich ins Schloß fiel.
Es war Agnes. Sie stellte die hölzernen Unterschuhe in die Ecke und stieg die hölzerne Treppe hinan. Ihre Zofe Martha huschte mit gesenktem Kopf direkt weiter in die Küche. Agnes betrat die Stube. Ihre Wangen waren gerötet von der frischen Herbstluft und sie wirkte seltsam aufgewühlt.
'Du bist spät, mein Herz', sagte Jakob, ohne aufzusehen, während er hastig eine Zeile im Kontobuch zu Ende schrieb. 'War das Elend im Siechenhaus heute so groß?' 
Agnes hielt den Atem an. Hatte Jakob etwas bemerkt? Sie strich sich über den Ärmel ihres Kleides, panisch hoffend, daß kein übersehenes Blatt aus den Auen genau in diesem Augenblick verräterisch vor den Augen ihres Ehemannes zu Boden fiel.
'Die Kranken brauchten viel Zuspruch, Jakob', antwortete sie, und ihre Stimme klang erstaunlich fest. Sie trat an den Tisch und blickte auf die Zahlenkolonnen ihres Mannes. 'Und die Wege vor dem Roten Tor sind beschwerlich um diese Jahreszeit. Überall Schlamm.'
Jakob nickte nur, legte die Feder beiseite und sah sie an. Er wollte so viel sagen. Er wollte fragen, wie es ihr ging. Stattdessen brachte er nur ein brummiges:  'Gut, dass du zurück bist. Die Stadt ist kein sicherer Ort für eine Frau, wenn die Dämmerung hereinbricht', heraus.
Agnes unterdrückte ein trauriges Lächeln. 'Immer nur Pflicht und Sicherheit', dachte sie bitter. Woher sollte sie wissen, daß Jakob nur aus purer Sorge so streng klang.
Sie wandte sich ab, um nach nebenan in ihre Gemächer zu gehen und ihre verstaubten Schuhe zu wechseln, als von unten plötzlich ein heftiges, rücksichtsloses Poltern ertönte. Jemand hämmerte gegen die hölzerne Eingangstüre, als brenne die Stadt.
Jakob fuhr hoch, Agnes erstarrte. Von unten erklang die schrille Stimme der Dienstmagd und  der wütende Baß des Pfarrers Melchior. Was wollte der denn jetzt noch um diese unchristliche Zeit? Wurde er daheim nicht satt, so daß er sich bei ihnen noch eine zusätzliche Mahlzeit ergattern wollte? Sie wusste genau, dass Melchior den schweren vinum alsaticum ihres Mannes schätzte. Doch die Schritte, das nun die Stufen heraufgestampft kamen, klangen nicht nach einem gierigen Gast. Sie klangen nach einem Jäger.
Die Stubentür flog auf. Die junge Magd Marie stolperte rückwärts herein, den Scheuerlappen wie einen Schutzschild vor sich hergetragen, dicht gefolgt von der wuchtigen Gestalt des Pfarrers. Seine schwarze Kutte roch nach Weihrauch und kaltem Schweiß.
'Jakob Weber!', rief Melchior, ohne Agnes auch nur eines Blickes zu würdigen. Er deutete mit dickem, anklagendem Finger auf sie. 'Gott hat mir die Augen geöffnet! Schaut sie euch an, Eure treue Ehefrau! Seht hin, wohin sie ihre sündigen Füße getragen haben!'
Verwirrt blickte Jakob auf die Schuhe seiner Gemahlin, als wäre dort ein Stadtplan aufgedruckt. 
Der Pfarrer machte einen schweren Schritt auf Agnes zu. Sein Atem ging rasselnd. Er blickte nicht auf ihr Gesicht, sondern starrte gebannt nach unten. Auf den Saum ihres Rockes. 
'Sie kommt nicht von ehrbaren Wegen, Jakob!', triumphierte Melchior, und Speichel trat ihm auf die Lippen. 'Sie war im Unterholz! In den wilden Lechauen, wo die Sünde wohnt! Ich habe sie gesehen, wie sie sich mit dem verarmten Reimeschmied, dem Lohndichter Hans, im Gebüsch herumgetrieben hat! Sie treibt Unzucht hinter Eurem Rücken, während Ihr hier für Euer Brot schuftet!'
Jakob erstarrte. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Er blickte von dem schnaubenden Pfarrer zu Agnes. 
Agnes spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror. Sie sah die Weidenknospe, die an ihrem klammen Lederschuh pickte, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, das Schafott vor sich zu sehen. Sie sah den Pfarrer an – seinen roten Kopf, seine gierigen Augen – und plötzlich kam ihr die rettende Eingebung, ob von Gott höchstselbst oder den Geistern des Waldes, wer weiß das schon so genau.
Sie tat einen langsamen, fast provokanten Schritt nach vorn.
'Ihr habt Euch wohl im Maß des Weines geirrt, den Ihr heute Mittag getrunken habt, Hochwürden', sagte Agnes, und ihre Stimme schnitt wie ein frisch geschliffenes Messer durch den Raum. 'Ihr redet wirres Zeug. Mein Mann weiß ganz genau, wo ich war. Ich war am Schäfflerbach bei den Siechen von St. Servatius, um ihnen die Brote zu bringen, die Jakob gestiftet hat.'
'Lüge! Ketzerei!', brüllte der Pfarrer so laut, daß man ihn problemlos bis nach Schwäbisch Gmünd hätte hören können. Er hob die Hand, als wolle er sie auf der Stelle verfluchen. 'Ich habe Euren hochmütigen Gang genau erkannt! Ihr wart im Wald! Ihr wart nicht bei den Siechen!'
Agnes trat an die Truhe am Fenster, in der sie ihre Handarbeiten aufbewahrte. Unter den Leinenstoffen lag ein Buch. Ein schweres, in dunkles Leder gebundenes und mit Messing beschlagenes Buch, das sie wie ihren Augapfel hütete. Sie zog es heraus. 'Ihr solltet vorsichtig sein, wen Ihr hier der Lüge bezichtigt, Pfarrer Melchior. Denn wer falsches Zeugnis redet gegen seinen Nächsten, der bricht das Gesetz. Und Ihr brecht es nicht nur hier in unserer Stube, Ihr brecht es jeden Sonntag auf Eurer Kanzel.'
Das schwere Buch knallte mit einem dumpfen Ton auf den Eichentisch, direkt neben Jakobs Kontobücher.
Pfarrer Melchior wich einen Schritt zurück, als hätte Agnes eine Giftschlange auf den Tisch geworfen. Sein Blick heftete sich auf die geprägten Messingbeschläge des Einbands. 'Das... das ist...', stammelte er, und zum ersten Mal mischte sich echtes Entsetzen in seine Stimme.

 'Das ist das Wort Gottes, Hochwürden', sagte Agnes kühl. Sie schlug das Buch mit sicheren, geübten Griffen auf. Die kunstvollen Lettern des Augsburger Druckers Günther Zainer schimmerten im Kerzenlicht. 'Auf Deutsch. Damit auch wir Frauen verstehen, was der HERR wirklich gesagt hat, wenn Ihr es schon nur auf Lateinisch hinter dem Altar murmelt.'

Jakob starrte auf das Buch mit einem Gefühl, als habe sich der Boden unter ihm aufgetan. Eine deutsche Bibel im Haus zu haben, war Ketzerei. Es konnte seine Familie das Vermögen kosten, wenn nicht gar das Leben. Er sah Agnes an, und in seinen Augen lag keine Wut, sondern ein tiefes, fassungsloses Staunen über den Mut seiner Frau.

'Am letzten Sonntag', fuhr Agnes fort und strich über die rauhe Seite des Hadernpapiers, 'habt Ihr von der Kanzel herab gebrüllt, dass das Weib die Wurzel aller Sünde sei. Ihr habt den braven Bürgern Angst eingejagt, indem Ihr behauptet habt, der Teufel säße in unseren Stuben. Ihr habt sie aufgefordert, mit Fingern auf jene zu zeigen, die angeblich Gottes Zorn über Augsburg bringen. Ihr habt die Meute aufgehetzt, bis sie am Kirchenausgang fast eine arme, unbescholtene Witwe gesteinigt hätten, nur weil ihr Schleier verrutscht war.'

Sie fixierte den Pfaffen mit scheinbar unerschrockenem Blick während sie innerlich vor Angst bebte. 'Aber hier steht etwas ganz anderes. Im Evangelium des Johannes, im achten Kapitel. Wollt Ihr hören, was Christus zu den Pharisäern sagte, die ihm eine Frau brachten, die beim Ehebruch ertappt worden war? Die sie steinigen wollten, so wie Ihr mich jetzt an den Pranger stellen wollt?'

Agnes blickte nicht einmal mehr auf den Text. Sie wusste die Worte auswendig, weil sie sie in schlaflosen Nächten immer wieder gelesen hatte.

'Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie', sprach sie, und ihre Stimme erfüllte die ganze Stube. 'Das hat der HERR gesagt, Melchior. Er hat sie nicht verdammt. Er hat die Heuchler weggeschickt, die sich an der Schande anderer ergötzen wollten. Genau wie Ihr es tut.'

Der Pfarrer schnaubte, doch das Rot in seinem Gesicht wich einem aschfahlen Grau. 'Das... das ist eine falsche Übersetzung! Eine Ketzerei! Der Rat wird Euch...'

'Der Rat wird gar nichts', unterbrach ihn eine tiefe, ruhige Stimme.

Jakob war aufgestanden. Er war kein Mann der großen Reden, doch jetzt baute er sich in seiner ganzen Größe vor dem Schreibtisch auf. Seine Hand wanderte langsam, aber entschlossen auf die Schulter seiner Frau. Er drückte sie sanft – ein stummer, unumstößlicher Schwur.

'Hochwürden', sagte Jakob, und seine Stimme war so fest wie die Barchentballen in seinem Lager. 'Ihr werdet dieses Haus jetzt verlassen. Und Ihr werdet kein Wort über meine Frau oder dieses Buch hier verlieren. Denn wenn Ihr es tut, werde ich dem Bischof melden, dass unser Herr Pfarrer seine Zeit mit unkeuschen Gedanken im Unterholz der Lechauen verbringt um dort ehrbaren Bürgersfrauen nachzuspionieren, und obendrein am Sonntag Gottes Wort auf der Kanzel verfälscht. Mal sehen, wen die Augsburger zuerst aus der Stadt jagen.'

 Melchior öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Die Falle war zugeschnappt. Er sah in Jakobs unnachgiebige Augen, dann auf Agnes, die die Hand noch immer auf der verbotenen Bibel hatte. Zähneknirschend, die Faust in der Kutte geballt, wandte sich der Pfaffe um und rauschte ohne ein weiteres Wort aus der Stube. Seine schweren Schritte polterten die Treppe hinab, bis unten das große Haustor mit einem dumpfen Knall ins Schloß fiel.

Agnes atmete zittrig aus und sah zu ihrem Mann auf. Jakob stand noch immer da wie ein Fels, die Hand fest auf ihrer Schulter. Er blickte auf die verbotene deutsche Bibel hinab, dann in das Gesicht seiner Frau. Er verstand vielleicht nichts von Liebesgedichten, aber in diesem Moment begriff Jakob eines ganz genau: Seine Frau war ihm an Klugheit, Mut und theologischer Schärfe haushoch überlegen. Es war ihm ein absolutes Rätsel, wie er es jemals hatte wagen können, ihr Vorschriften zu machen. Insgeheim hatte er in diesem Moment vor dem scharfen Verstand seiner Agnes weitaus mehr Angst als vor dem Pfarrer, dem Bischof und dem leibhaftigen Teufel zusammen.
'Ein schönes Buch', brummte Jakob schließlich, räusperte sich und klopfte ihr ungeschickt, aber unendlich sanft auf die Wange. 'Laß es nicht offen herumliegen, mein Herz. Das Abendbrot wird kalt.'
Agnes starrte ihn an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen – nicht aus Angst, sondern vor tiefer, unbändiger Rührung. In diesem einen ungeschickten Satz lag mehr echte Treue und Liebe, als der Lohndichter Hans jemals auf all seine Wachstafeln hätte kratzen können. In diesem Moment traf sie einen Entschluß: Die Venusfahrt war vorbei. Sie brauchte keinen Poeten im Wald. Sie hatte ihren Jakob. 'Ich liebe dich, und nur dich allein!', brach es aus ihr hervor und sie meinte es in diesem Moment absolut ehrlich und ernst.
Draußen vor dem Haus, im Schatten des Nachbargebäudes, drückte sich Hans der Lohndichter in die Mauerecke. Er hatte durch das offene Fenster jedes Wort gehört. Als er begriff, daß Agnes ihn für diesen steifen Tuchhändler aufgab, stieg kalte Wut in ihm hoch. 
Getrieben von verletztem Künstlerstolz, dachte er an die Worte des Pfarrers: 'Der Teufel sitzt in unseren Stuben.'
'Wenn der Pfaff recht hat', knurrte Hans und trat auf die dunkle Gasse hinaus, 'dann hole ich mir die Agnes eben mit Hilfe der dunklen Macht zurück. 
'Teufel!', rief er halblaut in die Nacht. 'Hörst du mich? Ich schließe einen Bund mit dir! Gib mir die Angebetete zurück, und meine Seele gehört dir!'
Es tat einen dumpfen Schlag, Rauch stieg aus dem Rinnstein auf, und mit einem hämischen Lachen materialisierte sich eine gehörnte Gestalt im fahlen Mondlicht. Der Teufel höchstselbst grinste Hans an, bereit, den Vertrag mit Blut zu besiegeln.
Doch bevor Hans auch nur die Klinge ansetzen konnte, um sich den Finger zu ritzen, blitzte ein gleißendes, rosa-goldenes Licht auf. Die Luft roch plötzlich nach Patchouli und absolutem Kontrollverlust. Mitten auf dem Augsburger Kopfsteinpflaster stand eine weibliche Gestalt – strubbelige Haare, die Krone schief im Gesicht und sichtlich genervt davon, daß sie schon wieder einmal bei einem bahnbrechenden Ereignis übergangen worden war.
'Nichts da!', kreischte die dreizehnte Fee (denn um diese handelte es sich bei der irrlichternden Gestalt) und schwang wild ihren Zauberstab umher. 'Hier wird überhaupt kein Bund geschlossen! Ich verwünsche dich, du gehörnter Sündenmolch! Zurück in die Hölle mit dir, und nimm deinen Reimeschmied gleich mit!'
Sie feuerte eine Ladung magischen Glitzers ab, die dem Teufel die Barthaare versengte. Der Fürst der Finsternis, der mit vielem gerechnet hatte, aber nicht mit einer amoklaufenden Märchenfee im Augsburg des Jahres 1500, jaulte jämmerlich auf. Er zog hastig den Schwanz ein und floh in riesigen Sätzen über die spitzen Dächer der Stadt hinweg in die Ferne. Hans blieb mit offenem Mund auf der Straße stehen und verstand die Welt nicht mehr.
Während der Teufel im Flug das Jakobertor passierte, blickte er grimmig über die Schulter auf die reiche Handelsstadt zurück. Er rieb sich die angesengte Oberlippe und murmelte voller Verachtung in seinen verbliebenen Bart:
'Weiber. Pfaffen. Und durchgeknallte Feen. Mir reicht’s mit diesem Mittelalter-Schmarrn. Im nächsten Leben mache ich es schlauer: Da werde ich Banker, gründe ein Kontor gleich hier um die Ecke bei den Fuggern, und dann können sie alle mal schauen, wer am Ende wirklich die Seelen einsaugt!'

Die historische Detailrecherche erfolgte in Zusammenarbeit mit einer KI, denn leider kann ich mich aufgrund meines schlechten Gedächtnisses nicht an alle Einzelheiten meiner früheren Leben erinnern ;-)

Sonntag, 16. August 2026

Ein gemütlicher Sonntagvormittag


Angefangen hatte alles damit, daß ich wegen des bevorstehenden Umzugs ein Foto von der Gästematratze und der Kirschkernunterlage im Wohnzimmer machen wollte. Für Kleinanzeigen. Zum Verschenken. Alter, war das Teil schwer. Also die Kirschkernunterlage. Hab ich mal in Grödig gekauft. Das ist südlich von Salzburg und ich bin auf meinen Spaziergängen immer wieder mal dort vorbeigekommen. 'Schlaraffenland' stand groß über der Türe. Aber wer sich nun einen Feinkostladen vorstellt mit Wein, Käse und anderen erlesenen Leckereien, der liegt falsch. Naturtextilien gab es dort. Alles vom Feinsten. Aus purer Neugierde hab ich mir diese Kirschkernunterlage gekauft. Aber nie benutzt. Viel zu hart. Hätte ich wohl mal probeliegen sollen vorher. Nun soll sie also verschenkt werden. Mühsam zog ich das schwere Teil von der Gästematratze und klappte diese hoch. 

Waaaaaaaaaaaaaaah! Panik! Alles voller Exuvien! Motten! Wie eklig! Hatte mich schon gewundert. Immer wieder fand ich so ein Vieh durchs Licht torkeln, hatte aber niemals herausfinden können, wo die herkamen. Ok, jetzt wußte ich es. Lebten glücklich und zufrieden in der Matratze mit dem weinroten Bezug. Die da seit 7 Jahren am Boden gelegen war. Pfui bah! Absaugen war unmöglich, also schnitt ich die Matratze in drei Teile und schleppte diese nacheinander die 3 Stock ohne Lift hinunter, zum Mülltonnenhäuschen. Als ich mit dem dritten Teil angekeucht kam, war dort drinnen grad ein Mann beschäftigt. Der kam raus, sah mich und erklärte mir, daß ich Schaumstoff aber nicht in den Restmüll geben dürfe, sonst müsse man ein Bußgeld bezahlen. Das sei Sperrmüll. Oh. Fuck! Panik! Die Leute im Haus konnten mich nicht ausstehen, das würde Ärger geben. Was tun? Na, das was ich immer mache wenn ich nicht weiter weiß: Ich fragte die KI. 

Diese gab mir den guten Rat, einen Freund zu bitten, mir die Teile doch zum Wertstoffhof zu fahren. Ja, witzig. Seit wann hab ich Freunde? Ja, dann könne ich die Matratzenteile ja in einen Müllsack wickeln damit die Viecher nicht auskommen, und im Keller aufheben bis ich eine Lösung gefunden hatte. Ok, gute Idee, ich also rauf, Müllsäcke geholt. Natürlich waren die Matratzenteile zu breit. Nur wenige Millimeter aber halt zu breit. War irgendwie klar. Nicht mein Tag heute. Also halt wieder raufgerannt, Schere holen, und die Säcke an der Seite aufschneiden. Dann ging's.

Voller Triumph schleppte ich die Pestmatratzen zu meiner Kellertüre. Doch das Ende der Tragik war noch nicht erreicht. Ich griff nach dem Schlüsselbund und erstarrte: Der Kellerschlüssel war weg! Das durfte doch nicht wahr sein! Eigentlich hab ich eh zwei, aber den zweiten hatte ich wenige Tage zuvor meinem Makler gegeben. Nachdem ich ihn endlich wieder gefunden hatte. Der war nämlich ebenfalls verschwunden gewesen, nachdem ich ihn einer Nachbarin gegeben hatte, damit sie in meiner Abwesenheit (mußte nach Augsburg wegen der anderen Wohnung) den Keller aufsperren kann für irgendsoeine Begehung. Sie hatte mir den auch ganz lieb wieder auf eine Karte geklebt wieder in den Briefkasten geworfen, aber dann war die Karte weg gewesen. Hab sie aber wieder gefunden beim Aufräumen. Lag ganz im Eck bei den Stiefeln. Wie die da wohl hingekommen sein mag? Egal. Nun war jedenfalls der erste der beiden Schlüssel weg. Die Bändchen, mit dem er am Schlüsselring befestigt war, war wohl schon ziemlich marode gewesen und daher gerissen. 

Ich wieder Panik. Was mach ich jetzt? Wenn ich die Matratzen einfach im Gang stehen lasse dann gibts hundertpro Streß mit den Spießern, die Verwaltung war eh schon grantig auf mich und der Beirat hielt mich seit Anbeginn für einen Volltrottel. Bin ich aber keiner. Bissl ein zerstreuter Tollpatsch vielleicht, aber kein Trottel!

Bin also wieder raufgesaust in die Wohnung und hab den Schlüssel gesucht. Erst diesen Morgen hatte ich den Schlüsselbund im Rucksack gehabt. Hoffnungsvoll öffnete ich den Reißverschluß. Nee, nix. Alles mögliche drin, sogar eine Ersatz-Tintenpatrone für meinen Füller, aber kein Kellerschlüssel. Ins Schlafzimmer gerast, die Hose aus dem Haufen am Boden rausgesucht die ich zuletzt angehabt hatte, in die Hosentasche gelangt: YEAH! Da war er! Freudig den gehobenen Schatz in der Hand bergend rannte ich wieder runter in den Keller, öffnete das Schloß und trug die Mistmatratzen in mein Abteil. Puh. Geschafft.

Nie mehr würde ich mich über die armen kleinen Spinnen echauffieren die ich ab und an in einer Ecke meiner Wohnung antraf. Tausendmal lieber eine Spinne als diese widerlichen Mottenviecher!

Eigentlich hatte ich ja nur möglichst viel Besitz loswerden wollen, um im neuen Heim sorglos, leicht und voller Frohsinn neu zu beginnen. Das mit dem „leicht“ hat nach gefühlten dreißig Stockwerken Treppenlauf jedenfalls schon mal geklappt – ich habe heute sicher zwei Kilo an Gewicht verloren ;-)














Sonntag, 9. August 2026

Das Projekt Anti-Weps (Sepp 13)

'Nein, leider, das war kein Schmäh. Bin selber noch ganz erschlagen davon und hab's auch noch niemandem erzählt. Außer dir halt. Aber danach hätte ich mir die Zunge abbeißen mögen. Schließlich wollte ich nicht, daß gerade du mir wegen des Geldes Zuneigung vorspielst, wo keine ist. A propos Zuneigung, wo wir grad dabei sind uns auszusprechen: Wer ist denn das junge Ding mit dem du neulich heimgekommen bist? So eine angemalte Person? Ich hatte geglaubt das ist deine Freundin?'

'Geh Kati, ich hab dich doch schon mögen, da hast mir noch garnix g'sagt g'habt von dem Lotto und ich hab wirklich gedacht du machst Spaß. Ja und das junge Ding, das ist meine Nichte. Also die Tochter von meinem Bruder. Die freut sich jetzt total, daß ich wieder hier in Deutschland bin und wir uns öfters sehen. Angemalt ... ja das ist sie leider. Hat noch nicht so recht ihren eigenen Stil gefunden und ihre Mutter ist ihr diesbezüglich kein gutes Vorbild. Aber ich bin zuversichtlich, schließlich hat sie auch meine Gene und von mir laßt sie sich auch eher was sagen. Aber hör mal, wieso arbeitest du denn noch wenn du jetzt so reich bist? Ich glaub an deiner Stelle wär ich schon lang irgendwo an der Sonne statt hier im frostigen München. Obwohl mir das natürlich SEHR RECHT ist, daß du hier bei mir bist. Ohne dich würd ich immer noch im Knast hocken. Ach Kati, geh her ...'

Liebevoll nimmt er mich in den Arm und streichelt mir mit seinen - mittlerweile gewaschenen - Händen über den Rücken. Ich gucke verlegen Richtung Spülbecken und jetzt verstehe ich auch, warum es so nach Kaffee riecht. Sepp hat angefangen, Kaffeebohnen zu zerstoßen. Seltsames Hobby.

'Sag, was hast denn mit dem Kaffee da vor? Wir können fei schon eine Kaffeemühle kaufen wennst eine brauchst gell!' 

Sepp grinst. Wie ich dieses Grinsen vermißt habe! Mein Herz schmilzt dahin und meine romantische Seite kommt langsam wieder aus ihrem Kellerloch. Wie es wohl wäre, ihn zu küssen? In diesem Moment überfällt mich mit einem Schlag die Komplexizität der Situation. Küssen. Sex. Waaaaaaaaaaaah! Was mach ich jetzt, wie sag ich es ihm, daß ich damit zeit meines Lebens Probleme hatte?

'Also wegen dem Kaffee,' unterbricht Sepp meine düsteren Gedanken. 'Hab mal wo gelesen, daß die Viecher den Duft nicht ausstehen können. Also Ameisen, Mücken und auch der Weps. Und du hast mir doch erzählt, daß du nicht am Balkon draußen sitzen magst weil dann immer gleich der Weps kommt. Da hab ich mir gedacht, wenn wir so Schälchen mit Kaffeeknurpsel aufstellen und immer heißes Wasser nachgießen, dann haben wir da draußen unsere Ruhe, können im Sommer am Abend draußen die frische Brise genießen statt in der Wohnung zu schwitzen. Und das wollt ich jetzt einfach mal ausprobieren. Noch ist es eh zu frisch draußen aber ich hab gestern auf der Wiese unten schon Bienen fliegen sehen, da ist der Weps sicher auch nicht mehr weit.

Ich bin gerührt. Was für ein liebenswerter Junge er doch ist! Aber es hilft nix, das Geständnis muß einmal gemacht werden und besser früher als zu spät. 'Sepp, ich muß dir was sagen. Der Weps ist nicht das Einzige vor dem ich Angst habe.'

'Vor was denn noch? Spinnen?', lacht Sepp fröhlich. 'Naja, die müßt ich jetzt auch nicht grad im Bett sitzen haben.' 

'Ja, das Bett. Um das geht es. Ich war seit 2001 mit niemandem mehr im Bett und das lag nicht an mangelnden Gelegenheiten. Es geht einfach nicht mehr. Und jetzt ... wir beide ... das kann nur schief gehen. Ich habe Angst! Angst, daß du dich von mir abwendest wenn ich nicht Frau genug bin für die Ansprüche eines Mannes. Und dann ist wieder was kaputtgegangen. Aber ich möchte nicht, daß das zwischen uns kaputt geht. Dafür ist es zu kostbar. Jetzt darfst auch was sagen.'

'Ach Kati! In unserem Alter muß man sich doch keinen solchen Streß mehr machen. Das Wichtigste ist doch, daß man sich vertraut und sich lieb hat. Und daß das bei uns der Fall ist, haben wir, glaub ich, beiderseits ausreichend geklärt.' Wieder drückt er mich zärtlich an sich und ich fange an, mich marginal zu entspannen. 

'Ich geb ja zu,' fährt er leise fort, und zieht mit seiner Nase verlegene Kreise durch meine verstrubbelten Haare, 'daß das mit dem Fensterln nicht die allerbeste Idee für ein erstes Kennenlernen war. Ich war halt schon immer eher der impulsive Typ, der Dinge einfach gemacht hat, ohne groß darüber nachzudenken. Das mit dem Knast jetzt hat mich aber schon ziemlich geschockt und auch ein wenig reifen lassen, auch wenn ich dank deiner Intervention relativ schnell wieder rausgekommen bin. Ich freu mich jedenfalls auf eine wunderschöne Zeit mit dir, die so lange wie möglich andauern soll! Ich bin mir sicher, daß wir eine totale Freude miteinander haben werden. Und, also ned bös sein jetzt, aber ich hab den Eindruck, daß du jemanden brauchen kannst, der dir ein bissl zur Seite steht und auf dich aufpaßt, und ich würd das total gerne übernehmen. Und was das Bett betrifft: So ein Bett ist ja kein Sportgerät. Da kann man sich doch auch einfach reinlegen und eineinanderkuscheln. Da muß man keine Liegestütze machen. Mir samma ja ned beim Bundesheer.'

Ich muß laut lachen. Dann fange ich an zu heulen. Muß mich schneuzen. Fasse mich wieder und sehe ihn ernst an: 'Das war wirklich eine sehr beeindruckende Rede und ich freu mich total über alles was du gesagt hast. FAST alles. Was soll das heißen, daß ich jemanden brauche, der auf mich aufpaßt??? Ich bin Zweiundsechzig! Oida!'

In diesem Moment gurgelt der Wasserkocher los und kündigt mit einem lauten PFLOPP an, daß das Wasser jetzt heiß wär. Sepp will wohl beweisen, was für ein großartiger Beschützer er ist, greift mit einer schwungvollen Bewegung nach dem Wasserkocher und verkündet stolz: 
'So, und jetzt startet das Projekt Anti-Weps!', blickt mir dabei tief und verliebt in die Augen – und gießt den Schwall kochendes Wasser im dämmrigen Küchenlicht ...  direkt auf das Sparschwein das neben der Spüle steht. 'Haha, was wird das? Geldwäsche?' Meine Heiterkeit verdrängt jegliche Rührung und ich lache laut heraus: 'Hast jetzt deine kriminelle Energie entdeckt, was? Brauchen wir bald wieder 'nen Anwalt?' Sepp lächelt verlegen und stellt den Wasserkocher wieder auf seinen Platz. Wir sehen uns in die Augen und genau in dem Moment, in dem ich denke, wir werden uns jetzt vielleicht küssen, zieht der erste, verirrte Frühjahrs-Weps durch das offene Fenster schnurgerade in Sepps weite Boxershorts. Der romantische Augenblick endet in einem wilden, bayerischen Tänzchen quer durch die Küche, während ich vor Lachen mittlerweile auf dem Boden liege.
'Da wär aber noch was,' bemerke ich, nachdem der Weps erfolgreich vertrieben ist und wir uns wieder eingekriegt haben. Ich wische mir die Lachtränen aus dem Gesicht und suche nach Worten. Sepp sieht mich besorgt an und ich beruhige ihn: 'Keine Angst, ned wegen uns. Es ist so: Ich war doch neulich in Stuttgart. Dachte ich kann jetzt wieder unbeschwert wegfahren so wie früher, weil ich mir gute Hotels leisten kann wo niemand rumschreit, einfach Job hinschmeißen und reisen wohin die Nase mich führt ... aber es hat mir alleine absolut keine Freude mehr gemacht, mir sinnlos die Beine krummzuhatschen, und dann hatte ich dieses seltsame Erlebnis ...' Stockend erzähle ich von der Begegnung mit dem alten Mann im Antiquitätenladen und seiner Zauberkugel. In der ich ihn gesehen hatte, wie er wegen mir seinen Mitbewohner zusammenscheißt, worüber ich mich narrisch gefreut hatte und weswegen ich dann nach Hause geeilt war um eine Aussprache zu suchen und erfahren mußte, daß man ihn verhaftet hatte wegen dem Wappler.

'Jedenfalls hat der alte Mann gesagt, sobald ich das mit dir geklärt hätte, sollte ich wiederkommen. Naja und geklärt haben wir es ja. Das mit uns. Daß wir uns total liebhaben und zusammensein wollen. Aber wie soll ich das jetzt machen, mit Stuttgart? Du hast grad deinen neuen Job angetreten von dem ich dich doch jetzt nicht gleich wieder wegreißen kann. Aber wenn du jeden Tag ins Klinikum mußt, dann bin ich wieder alleine unterwegs. Das wär doch blöd. Allerdings hätt ich da so eine Idee. Natürlich nur wenn du einverstanden bist. Ich könnte dich als Chauffeur einstellen. Dann bist du ordnungsgemäß beschäftigt, so mit Krankenversicherung und allem, aber natürlich müßtest nicht wirklich arbeiten, weil wir fahren ja eh zusammen wenn wir wohinfahren, das geht dann in einem. Mit dir würde mir das Reisen wieder Spaß machen. Allerdings find ich Autos eigentlich blöd. Kosten ein Heidengeld und dann ist immer unten Rost dran. Andererseits ist eins der Haupthindernisse beim Reisen das, daß die Leute im Zug immer so laut sind. Selbst wenn ich mich in einen Ruhewagen setze, falls überhaupt einer vorhanden ist. Mit dir zusammen wäre alles viel schöner, egal ob im Zug oder auch mal im Auto. Schließlich können wir nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, Obst essen oder Chili con Carne und Fernseh gucken. Heinz Erhard beispielsweise. Ein Reh, ein Reh, nein, ein Contra ... ich hab nicht einmal einen Fernseher ... und für dich wär das dann aber auch wieder blöd. Das klingt so nach Klischee und Adelsroman: Die Frau von und zu hat ein Verhältnis mit ihrem Chauffeur ... hmpfmblgrmpf ...'

Sepp steht lachend vor mir und hält mir den Mund zu: 'Kati bitte, mach dir doch ned so einen Kopf jetzt! Wir fahren morgen gleich in der Früh zusammen nach Stuttgart und schauen, ob der Laden überhaupt noch da ist. Du hast ja erzählt der war weg wie du noch einmal reinschauen wolltest. Vielleicht ist er immer noch weg, dann hat sich das eh erledigt. Und weil Samstag ist, fahren wir mit dem Zug, die Autobahn ist bestimmt bummvoll. Und dann schau mer mal. Der Mann kann ja nicht verlangen, daß du den Rest deines Lebens in seinem Laden verbringst. Das kann der nicht gemeint haben, da steckt sicher was anderes dahinter. Mich macht das schon auch neugierig. Fahren wir hin, fragen wir ihn! Komm, wir schauen gleich einmal nach einem schönen Hotel, und keine Angst, ich bestehe nicht auf einem Doppelbett ...' Wieder grinst er und ich bin hingerissen. Was für ein wunderbarer Mann. Ich freue mich auf unsere erste gemeinsame Reise ...