Montag, 5. Januar 2026

Cavete mulierem


Morgen schon wieder Feiertag. Die heiligen Drei Könige aus dem Morgenland überbringen ihre Geschenke. Mir leider nicht, ich muß selber zum Einkaufen gehen. Früher hatte ich mich über die vielen Feiertage zum Jahreswechsel natürlich gefreut, aber nun da ich sowieso an fast allen Tagen frei hatte, waren diese ständigen Sonntage nur noch lästig. Der Bus fuhr viel zu selten und alle vernünftigen Geschäfte hatten geschlossen. Bayern halt.

Muffelig machte ich mich auf den Weg zum Biomarkt. Immerhin hatten sie uns jetzt einen hingestellt, hier oben im Münchner Norden, wo es ansonsten vorwiegend Discounter und Dönerläden gab.

Als ich durch die Glastüre ins Innere trat, waren zumindest keine schreienden Kinder zu hören. Thank God for small mercies. Langsam schlenderte ich mit meinem Korb durch die Gänge. Joghurt, erledigt. Weinchen, erledigt. Gefrorenes Gemüse könnte ich vielleicht noch mitnehmen? Kleines Eintöpfchen zammschmurgeln in diesen kalten Wintertagen?

Während ich mich kurzsichtig über die Kühltruhe beugte, laberte mich doch glatt ein Typ von der Seite an: 'Na, auch auf der Suche nach was Besonderem? Wie wäre es mir mir? Ich bin heute im Sonderangebot!' Langsam richtete ich mich auf und starrte den Kerl entgeistert an. Ein noch relativ junger Mann, vielleicht Mitte 40, mit ungepflegtem Bart und einer total bescheuerten, giftgrünen Mütze auf dem Kopf, grinste mich unverschämt an. Der meinte tatsächlich mich! 
'Wollen Sie mich etwa anbaggern?', fragte ich fassungslos.
Immer noch frech grinsend antwortete der Todgeweihte: 'Komm jetzt, in deinem Alter kriegst du doch bestimmt sonst keine Anfragen mehr. Andere Frauen bezahlen sogar dafür. Ich mach's dir gratis, und ich bin echt gut!'

Langsam trat ich einen Schritt auf ihn zu und sah ihm fest in die Augen.
Leider befand sich hinter ihm das Regal mit dem Schampus und ich hatte wenig Lust, fast das gesamte Sortiment bezahlen zu müssen nur weil der Trottel dagegenstolpern würde wenn ich ihm jetzt in die Eier träte.
'Wollen wir mal dort hinübergehen?', flötete ich betont harmlos und wies auf die andere Seite der Kühltruhe. 'Wir stehen nämlich den Leuten hier ein bissl im Weg, mein ich einmal.'

Erfreut folgte er mir, siegesgewiß und breitbeinig. Was mir mein Vorhaben immens erleichterte. Kaum waren wir nämlich in den Gang mit den Backzutaten eingebogen, drehte ich mich um, packte ihn beim Kragen und stieß gleichzeitig mein Knie fest von unten gegen seine Kronjuwelen. Sein Aufschrei war durchdringend. Während ich mir noch die Ohren zuhielt, wankte der so schnell vom Angreifer zum Angegriffenen mutierte Vollidiot rücklings in einen hoch aufgetürmten Stapel mit Vollkornmehl, welcher zum Zugreifen für die vorbeieilende Hausfrau mitten im Weg aufgebaut worden war. Nun stolperte das Sonderangebot praktisch ins Sonderangebot, die Mehlpackungen platzten auf und es gab einen Schneesturm vom Feinsten.

Rasch schoß ich noch ein Foto, weil das glaubt einem ja dann wieder keiner, und floh schnurstracks nach draußen, bevor die Situation eskalierte und das den Göttern sei Dank spärlich vorhandene Personal den Tatort erreichen konnte. Auf Hausverbot hatte ich nämlich ganz wenig Lust.

Meine Einkäufe hatte ich leider in der Eile zurücklassen müssen. Schade um den guten Joghurt. Doch der Gedanke an die sicherlich jetzt tagelang dicken Eier des giftgrünbemützten, mehlbestäubten Vollhonks entschädigten mich für den Verlust voll und ganz. Würde ich mir halt statt Joghurt mit Müsli morgen ein Süppchen zubereiten und in genüßlichen Erinnerungen schwelgen ...









Sonntag, 28. Dezember 2025

Herzen mit Sprung

Entsetzt warf Annika dem entgegenkommenden Mann einen kurzen Blick zu und wechselte dann rasch die Straßenseite. Dies war eine der Situationen, in denen sie sehr gerne auf ihre besondere Gabe verzichtet hätte. Mitbekommen zu müssen, wie ein Mann sich detailliert vorstellte, was er mit ihr machen würde wenn er sie in seine Dreckspfoten bekäme. Es schüttelte sie. Wuah! Gruselig!

Nachdenklich trabte sie weiter. Natürlich gab es auch Momente, wo ihre Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen erkennen zu können, ein Riesenbonus war. In ihrem Job als Polizistin beispielsweise war sie damit den meist jugendlichen Angeklagten gegenüber deutlich im Vorteil. Die fühlten sich einer Frau im Polizeidienst sowieso schon einmal überlegen und glaubten, mit Arroganz und heftigem Auftreten alle Vorwürfe im Nu vom Tisch wischen zu können.

Aber nicht mit Annika. Süffisant lächelnd ließ sie die harten Jungs schwadronieren und ihre Unschuld beteuern, ließ sie schmollen und schweigen, oder nach dem Anwalt rufen wie kleine Buben nach der Mama. Am Ende hatte sie einen jeden am Haken und ein jeder wurde mit vor Erstaunen offenem Mund abgeführt, runter in die Durchgangszelle.

Die Beweise zu finden war meist kein Problem, da in den Gaunergedanken fast immer Hinweise vorgekommen waren. Leider hatten sie bisher immer wieder Straftäter laufen lassen müssen weil der Untersuchungsrichter die Beweise nicht anerkennen wollte. So stolzierte immer wieder ein eigentlich überführter Täter mit angeberischem Gang aus der Verhandlung raus, gab dem Anwalt High Five, und ab nach Hause, das treulose Stück vermöbeln, das ihn verpfiffen hatte.

Für diese Fälle hatte Annika ihr eigenes Rachesystem gegründet. Natürlich wußte sie, daß sie sich damit strafbar machte. Man erschafft kein Gesetz außerhalb des Gesetzes, punktum.

Aber wenn sie sich die Gedanken der armen Frauen ansah, die tagtäglich Schlimmstes erdulden mußten und doch keinen Ausweg sahen, ihren Peinigern zu entkommen, da ging ihr buchstäblich das Messer in der Tasche auf.

Die immer zahlreicher werdenden Waffenverbotszonen mußten sie als Polizistin nicht interessieren. Natürlich durfte auch sie in ihrer Freizeit ihre geliebte HK P30 nicht tragen aber Frankfurt war ein Dorf. Man kannte sich und niemand würde beispielsweise ihr kleines Obstmesserchen konfiszieren wollen oder ihren Kuli? Wer wußte schon, was ein mit Wucht ins Ohr gepreßter Kugelschreiber mit einem Mann anstellte? Der würde keine Frau mehr einsperren und täglich eine Hundertschaft Asylanten über sie drüberlassen nur damit er seinen faulen Hintern nicht in die Arbeit zu bewegen brauchte.

Man sollte ja glauben, daß die Menschen so kurz vor Weihnachten etwas friedlicher gestimmt seien, aber gerade das Gegenteil war der Fall. Unstimmigkeiten in der Familie, die während des Jahres unter den Teppich gekehrt wurden, kochten ausgerechnet vor dem Fest der Liebe hoch wie ein Geysir, weil man dem Druck, tagelang einen auf Friede, Freude, Eierkuchen machen zu müssen, nicht mehr standhalten konnte. In die Arbeit zu flüchten war keine Option. Man hatte ja Urlaub. 

Annika war mit Absicht und Bedacht in die Höchster Altstadt gezogen. So wurde sie wenigstens nicht schon beim Blick aus dem Fenster mit fiesen Gedankenwellen bombardiert. Zwar hatte sie es von hier etwas weiter in die Arbeit, doch hatte sie sich damals nach ihrer Versetzung nach Frankfurt sofort in diese hübschen kleinen Gassen um den Schloßplatz herum verliebt, die beinah noch genauso aussahen wie vor dem Krieg. 

Weil die Alliierten sich damals die Farbwerke unter den Nagel reißen wollten und daher in der Gegend drumherum keine Bomben niedergegangen waren. Eine optisch wirklich wunderschöne Gegend mit versteckten kleinen Gärtchen die der Tourist niemals fand, und dem gemütlichen Park unten am Zusammenfluß von Nidda und Main. 

Wie gerne würde sie es sich heute mit einer Thermoskanne Tee zuhause gemütlich machen. Leider hatte sie ihrer besten (ok, einzigen) Freundin versprochen, mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Was für viele Frankfurter ein reines Vergnügen schien, war für sie Tortur pur. Natürlich hatte sie mit den Jahren gelernt, die von allen Seiten auf sie einprasselnden Eindrücke weitgehend auszublenden. Dennoch war so ein Bad in der Menschenmenge immer extrem stressig.

Dicht gedrängt schoben die Menschen sich bereits jetzt am späten Nachmittag über den Römerberg. Nachdem sich Petra, die Freundin, mit einem Becher Glühwein versorgt hatte, schleppte Annika sie zum Kinderkarussell. Dort durften nämlich auch Erwachsene mitfahren und ein Besuch des Weihnachtsmarktes ohne zumindest zwei oder drei Runden Karussell war nicht vorgesehen. Doch was war das? Auf den Stufen unweit des Kassenhäuschens kauerte eine weibliche Gestalt. Erst dachte Annika an eine Bettlerin, doch dann sah sie, daß die Frau bitterlich weinte. Ihre Polizistenseele rührte sich und sie beugte sich zu der Frau hinunter:

''Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?'' Auch Petra war inzwischen nähergekommen und betrachtete besorgt die kleine Szene. 
''Er hat mir mein Kind weggenommen!'', schluchzte die junge Frau verzweifelt.
''Er hat uns hier aufgelauert und als die Kleine auf dem Karussell mitgefahren ist, hat er sie einfach vom Pferd gehoben und ist abgehauen. Und ich hab keine Ahnung wo die hin sind!''
Wieder brach sie in wildes Schluchzen aus. Annika und Petra setzten sich neben sie und bekamen mit viel Geduld die ganze Geschichte aus der Frau heraus. Offenbar hatte da jemand die Scheidung nicht vertragen und sich nun auf diese Weise gerächt. Da der Mann nicht in Deutschland gemeldet war, konnte man ihn auch nicht ohne weiteres ausfindig machen.

''Rumhocken und Heulen hilft nix,'' stellte Annika klar. ''Wir gehen jetzt den Typen suchen. Der hält sich hundertpro noch hier irgendwo auf und fühlt sich total sicher. Los komm, du bist die Einzige die ihn erkennen kann. Wir finden den!'' Zaghaft stand die unbekannte Frau, die sich als Gabi vorgestellt hatte, auf, und folgte den beiden resoluten Polizistinnen durch die erleuchteten Gassen. Zuerst schien es, als sei ihre Suche vergebens. Doch auf einmal verspürte Annika deutliche Signale des Unbehagens.

''Stopp Kinder, hier entlang, ich glaub ich hab 'ne Spur!'' Und tatsächlich, je näher sie dem Lebkuchenhäuschen kamen, desto deutlicher schälten sich Gedanken heraus, die sich deutlich von dem üblichen halb betäubten Summen der Erwachsenen abhoben. Spitzige innere Schreie: Ich will nicht ich will nicht ich will nicht!

Ein Mann zog ein etwa dreijähriges Mädchen am Arm mit sich, das Kind klammerte sich an der mit Lebkuchen bepackten Brüstung fest, diese kippte - und ein Schwall von Lebkuchen ergoß sich über die Kleine. Der Mann fluchte und wollte das Kind aufheben und wegtragen. Da begann das Gebrüll aber im Ernst, du meine Herren. Gabi war nun auch aufmerksam geworden und kreischte los: ''Manuela, laß meine Manuela los! Haltet den Kerl!''

Annika setzte zum Spurt an, ein kurzer Kampf und der Mann lag regungslos am Boden. Das Kind hatte sich zur Mutter geflüchtet und bohrte verstört seinen Kopf in deren Schoß. Der Lebkuchenverkäufer stand verkniffen neben seiner Bude und Annika hörte wie er dachte: 'Und wer bezahlt mir jetzt die kaputten Lebkuchen?'

Sie wandte sich ihm zu und meinte: ''Sie können bei meinen Kollegen, die jetzt gleich eintreffen werden, Anzeige erstatten gegen diesen Herrn hier, aber diese wird von wenig Erfolg gekrönt sein. Der Bursche wird die nächsten Jahre auf Staatskosten leben dürfen, da hat man nicht viel übrig. Aber Sie könnten die Bruchware an ein Waisenhaus spenden, die Kinder dort freuen sich auch über Herzen mit Sprung.''

Nachdem der Kindesentführer ordnungsgemäß verräumt und Mutter und Kind mit Lebkuchen und Glühwein (alkoholfrei natürlich) getröstet worden waren, saßen Annika und Petra nachdenklich nebeneinander auf dem sich klingelnd und trötend drehenden Karussell.

''Sag mal Annika, meinst du nicht, du wärst als Privatdetektivin glücklicher als bei der Polizei? Würdest mehr verdienen, deine Erfolgsquote wäre sicherlich bei 90% und du müßtest dich nicht mehr an die ganzen bescheuerten Regeln halten. Und wenn du dich einigermaßen etabliert hast, dann stellst mich ein. Mir geht das nämlich schon lange auf den Senkel, daß wir soviel Energie aufwenden um diese Kerle einzufangen und dann greifen sie höchstens ein paar Monate ab oder gehen ganz frei wieder raus. Das muß ein Ende haben!'' Gerührt blickte Annika auf die Freundin. Nie hatte sie ihr etwas von ihrem 'Nebenjob' erzählt und doch war Petra zum gleichen Schluß gekommen wie sie.

Zielstrebig marschierten sie bald darauf am Lebkuchenmann vorbei, der noch immer mit dem Aufsammeln seiner Ware beschäftigt war, zum Stand an dem man sich in hübsche Holzbretter Namen oder Ähnliches einritzen lassen konnte.

''Schreiben Sie 'Detektivbüro Gnadenlos','' bestellte Annika bei dem freundlichen jungen Burschen, der die Arbeiten ausführte. ''Und jetzt, liebe Petra, gehen wir zu mir nach Hause, köpfen eine Flasche Schampus und stoßen auf unsere Geschäftsgründung an. Die Herren der Schöpfung werden sich von nun an sehr, sehr warm anziehen müssen. Als Team sind wir unschlagbar!''



















Bild mit KI erstellt

Montag, 22. Dezember 2025

Das Familientreffen

Ein muffiger Geruch nach alten Akten hing wie immer in den Räumen des Augsburger Finanzamts, wo Herr N. wieder einmal einen Bürotag einlegte. Seine Arbeit als Steuerprüfer war abwechslungsreich und er kam viel herum, doch liebte er die Bürotage. Vor allem weil er dort nicht von mißtrauischer und latent feindseliger Kundschaft sondern von seinen Kollegen umgeben war, mit denen er seit vielen Jahren friedlich und freundschaftlich zusammenarbeitete. 

'Karli, Telefon!'

Hastig eilte Herr N. zurück an seinen Schreibtisch. Seine Ohren waren nicht mehr das, was sie einmal gewesen waren, ab und zu ertönte darin sogar ein ominöses Pfeifen, und das sparsame Klingeln im Amt war leicht zu überhören wenn er, wie gerade vorhin, in der Kaffeeküche mit den Damen scherzte.

'Na du Schlafmütze, wo bleibst denn?', tönte der immer leicht spöttische Baß seines Bruders an sein Ohr. 'Hör mal, wir fahren an Allerheiligen wieder ans Grab, holst uns vom Bahnhof ab? Wir wohnen im Hotelturm und dann können wir gleich von dort an den Friedhof fahren, ok?'

Als ob er eine Wahl hätte. Herr N. mochte seine Schwägerin wirklich gerne, aber sein Bruder Rudolf ging ihm nach all den Jahren oft genug immer noch gewaltig auf den Keks mit seinem Kommandoton. Was der ihn als Kind schon immer geärgert hatte! Einmal hatte er ihm deshalb aus blinder Wut ein Holzgewehr nachgeworfen, das beim Aufprall eine verdammt tiefe Delle in der Türe hinterlassen hatte. Hinterher war er natürlich schwer betroffen gewesen. Wenn er besser gezielt hätte ... aber was mußte Rudolf die Leute immer reizen bis aufs Blut. Und wenn man dann am Toben und am Brüllen war, saß er fies grinsend im Eck und genoß das Resultat seiner Bemühungen. Beruflich arbeitete er mittlerweile als Manager bei der Bahn. Da brauchte man Männer mit starken Nerven.

Sinnend saß Herr N. an seinem Schreibtisch und blickt die schwarze Gummiente an, die dort als Briefbeschwerer diente. Ein Geschenk seiner verrückten Schwester. Die Ente blickte ungerührt zurück. 'Selbst schuld,' schien sie zu sagen. 'Was bist auch immer für ein gutmütiger Depp. Soll er doch ein Taxi nehmen der alte Geizkragen und nicht immer dich als Chauffeur mißbrauchen. Stehen genug rum am Bahnhof.'

Seufzend machte Herr N. sich wieder an die Arbeit. Die Berichte schrieben sich nicht von selber und außerdem mochte er seinen Job. Auch wenn ihm in Augsburg nicht immer der gewünschte Respekt entgegengebracht wurde. Man kannte sich aus der Schule oder aus dem Chor, und so konnte es durchaus passieren, daß er ein Geschäft betrat um die Bücher einer Prüfung zu unterziehen und von einem lauten Lachen begrüßt wurde: 'Ja do schau her, dr Karli, griaß di! Was machschn DU do?'

Ja das merkten sie dann schon recht bald, was ER da machte. Grummel. Leider hatte sein Bruder Rudolf keinen Laden, den er prüfen konnte. Wäre eh nicht sein Einzugsgebiet gewesen, der wohnte viel zu weit weg, im Nordwesten Deutschlands.

Am 1. November fuhr Herr N. wie verabredet in die Stadt, um Rudolf mit Familie vom Zug abzuholen. Geparkt wurde vor dem Finanzamt, immerhin hatte er hiermit einen Vorteil den anderen Augsburgern gegenüber, die sich teuer ins Parkhaus stellen mußten wenn sie mit dem Auto in die Innenstadt wollten. Kaum war man losgefahren in Richtung Hotelturm, fing Rudolf schon wieder das Triezen an. 'Grüner wirds ned! Sag amol wo hosch denn du den Führerschein her? Vom Grabbltisch von dr Kaufhalle?' Herr N. beherrschte sich mühsam. Im Auto hatte er eh keine Waffen griffbereit. Leider. Manchmal wünschte er sich, er hätte die Gewehre des Vaters nach dessen Tod nicht beim Landratsamt abgegeben. Den Weiterbesitz ohne die vorgeschriebene Unbrauchbarmachung hätte er den Behörden gegenüber mit seinem Status als 'gefährdete Person' begründen können. Bei DEM Bruder. Doppelgrumpf! 

Nachdem die Weitgereisten ihr Gepäck im Hotelzimmer verstaut und sich ein wenig frischgemacht hatten, traf man sich wie verabredet unten im Restaurant. Karl, Rudolf, dessen Frau Beate und Norbert, Rudolfs Sohn aus erster Ehe. Unverhofft war auch die verrückte Schwester dazugekommen. Obwohl niemand sie eingeladen hatte. Man munkelte, sie könne hellsehen. Fröhlich verteilte sie Süßigkeiten, die sie unterwegs in einer Verschenke-Kiste vor einem Haus gefunden hatte. Überbleibsel von Halloween. Niemand mochte so recht zugreifen.

Die Vorspeise wurde aufgetragen, man unterhielt sich über Belangloses, die Stimmung blieb friedlich. Der Hauptgang wurde als Wildragout-Töpfchen angekündigt und ansprechend garniert in einem ausgehöhlten Kürbis serviert. Man wünschte sich einen guten Appetit und Rudolf begann, die Kostbarkeit gierig in sich hineinzuschaufeln. Doch was war das? Hustend und prustend griff er nach seinem Wasserglas und trank es in einem Zug aus. Knallrot im Gesicht atmete er tief durch, aß aber tapfer weiter, um sich keine Blöße zu geben - nachdem es den anderen ausnahmslos gut zu schmecken schien wie er mittels heimlicher Seitenblicke festgestellt hatte. Keiner hustete, keiner lief rot an. Hatte man lediglich bei ihm den Pfeffer ins Essen fallen lassen oder was war da los?

Nur mit äußerster Beherrschung brachte Rudolf das Essen hinter sich, die Hälfte mußte er stehenlassen. Auf die Frage der Bedienung, ob es ihm nicht geschmeckt hätte, brachte er lediglich ein zittriges Lächeln zustande.

Wenn Beate, auf ihrem Weg zur Toilette, mitbekommen hatte, wie ihr Schwager Karl der Bedienung dankbar auf die Schulter klopfte und ihr einen gefalteten Schein zusteckte, so ließ sie sich nichts anmerken. Auch ihr war die Spannung zwischen den beiden Brüdern nicht entgangen. 

Später am Grab, als man gemeinsam auf den Pfarrer wartete, der wedelschwingend durch die Reihen eilte, glaubte Rudolf, eine leichte Verschiebung der Marmorplatte zu beobachten. Eine strenge Stimme tönte aus den Tiefen des Grabes hervor und ließ ihn zusammenzucken: 'Rudolf, laß das Karlchen in Ruhe!'

Rudolf wischte sich den Schweiß von der Stirne, der ihm trotz des kühlen Novembertages auf die Stirne getreten war. Vielleicht sollte er einmal mit seinem Arzt reden. Beruflich kürzer treten. Schließlich war er bereits herzkrank, und niemand lebte ewig. Beschämt nahm er seinen kleinen Bruder am Arm und meinte vertraulich: 'Tut mir leid Karli, wenn ich mich heute mittag im Ton vergriffen habe, ich werde versuchen, mich zu bessern. Schließlich sehen wir uns so oft auch wieder nicht und wer weiß wie lange noch.' Sogar die verrückte Schwester bekam ein freundliches Lächeln, das diese aber nicht bemerkte, da sie mit dem Kopf wieder einmal völlig woanders war und obendrein kurzsichtig. Beate grinste leise in sich hinein. Ihr Mann war im Grunde doch ein guter Kerl. Auch wenn man manchmal ein wenig nachhelfen mußte.





Sonntag, 7. Dezember 2025

Engelshaar

Kaum jemand kann heutzutage mehr Stroh zu Gold spinnen. Auch Feldmann hatte nur eine vage Ahnung davon was er mit dem Spinnrad in seinem Kofferraum anfangen wollte, als er sich durch den Feierabendverkehr nach Hause quälte. Seit er begonnen hatte, den alten Stall umzubauen, fielen ihm die skurrilsten Deko-Objekte ins Auge und da es ihm an Geld nicht mangelte, griff er jedes Mal beherzt zu. Dabei war er mit dem Umbau noch lange nicht fertig.

Mittlerweile war es Dezember geworden, es wurde früh dunkel und die Nachbarschaft reagierte einigermaßen erbost wenn er spätabends (er arbeitete tagsüber in einer Autowerkstatt) noch mit Preßlufthammer und Schlagbohrer hantierte. Wer auf dem Land wohnte, tolerierte bestenfalls das Gackern von Hühnern, beim Hahnengeschrei hörte es schon auf und dann gar ein Landwirt, der bis 20 Uhr in seinem Stall wütete, daß man es in der gesamten Ortschaft hören konnte? Da war doch jegliche Vorweihnachtsstimmung sofort beim Teufel!

Dieser saß derweilen behaglich am Feuer und pulte sich die Heimatscholle aus dem Pferdefuß. Daß es am Land aber auch immer so schlammig sein mußte. Die Großmutter regte sich jedes Mal total auf wenn er den Dreck ins Haus trug aber ein Teufel mit Gummistiefeln? Also alles was recht ist! Demnächst würde sie ihn vielleicht noch zum Epilieren schicken weil er so haarte? Für solcherlei Kinkerlitzchen hatte er momentan wirklich keine Zeit! Dezember war immer furchtbar busy. Die Konkurrenz schlief nicht, gerade dann nicht, und er hatte alle Hände voll zu tun damit sich die Leute nur ja nicht allzu behaglich eingroovten und am Ende noch die kollektive Stimmungskurve auf ein Niveau anhoben, das sämtliche Weltzerstörer zu friedlichen Schäfchen mutieren lassen würde.

Da hieß es Konsumzwang anheizen, Neid und Eifersucht schüren, häusliche Gewalt eskalieren lassen und die Schwiegermütter dieser Welt auf neugebackene Familien zu hetzen. Fein war's! Aber halt auch viel Arbeit.

Sein aktueller Fall war besonders heikel. Der Mann war Nebenerwerbslandwirt und leider sehr katholisch. Was ihn aber nicht daran hinderte, einen geheimen Fetisch für Latex zu hegen und diesen dann und wann in düsteren Kellern auszuleben. Seine Freundin wollte davon nichts wissen und die Leute im Dorf DURFTEN davon nichts wissen. Was würde der Herr Pfarrer sagen? Da wäre es aus mit dem Vorlesen im Gottesdienst und auch mit dem Respekt der Kameraden von der Feuerwehr. 

Der Teufel rieb sich genüßlich die Hände und beglückwünschte sich selber zu seiner genialen Idee, dem guten Mann eine perfekte Geliebte in den Weg geschubst zu haben, der er mittlerweile völlig verfallen war. Die junge Frau stand wie er auf Latex und verstand es obendrein, ihn so perfekt zu dominieren, daß er wie in Trance freiwillig vor ihr auf die Knie sank, ohne daß sie auch nur ein einziges Mal die Peitsche zu erheben brauchte.

Was für so manch anderen Menschen ein Glücksfall gewesen wäre - Traumfrau finden, mit langweiliger Freundin Schluß machen und fortan mit den Schmetterlingen im Bauch um die Wette flattern - war für den wackeren Landmann eine Höllenqual. Nach all den Jahren noch immer durch die Scheidung von seiner Ex-Frau traumatisiert (sie hatte sich mit dem Nachbarn getröstet weil er vor lauter Arbeit keine Zeit mehr für sie gehabt hatte) brachte er es nicht fertig, mit seiner Freundin Klartext zu reden. Die Traumfrau hatte mittlerweile auch keine Geduld mehr zu warten, bis der Herr Feldmann sich entschieden hatte. Sie wollte ihn ganz oder garnicht. Herr Feldmann litt. Er litt fürchterliche Qualen und der Teufel war ... fast könnte man sagen: im siebten Himmel. Wiewohl man ihn dort natürlich sofort wieder mit viel Gekreische und Oho hinausgeworfen hätte wie einen Nudisten aus dem städtischen Hallenbad.

Was dieses betraf, also das Hallenbad, war es dem Teufel ein stetiges Vergnügen, die Leute dort gegeneinander aufzubringen. Er stiftete Freundinnen an, zu fünft Schwimmen zu gehen, sich im Wasser so langsam wie möglich zu bewegen und selbstverständlich immer alle nebeneinander, so daß die anderen Schwimmer gezwungen waren, im Schneckentempo hinter ihnen herzupaddeln. Auch die Öffis waren ein Quell der Freude. Nervige Kleinkinder, die kreischend auf den Sitzen umeinanderkletterten während die Mutter scheinbar ungerührt auf ihrem Handy daddelte. Da hing der Unmut dann so dicht im Abteil, daß man ihn problemlos in Scheiben schneiden und zwischen zwei Semmerlhälften als Leberkäs hätte verkaufen können. Dann würden die Leute zusätzlich zum Tierleid auch noch gleich den Grant der Pendler mitessen. Ideen hatte er ja, der Teufel, das mußte man ihm lassen. Wirklich eine besondere Gabe, diese pure, unverfälschte Niedertracht und Bosheit!

Der Weihnachtsmann war eigentlich ein humorvolles Kerlchen, aber die Machenschaften des Gehörnten trieben ihm immer öfter den Schweiß auf die Stirn. So konnte man doch nicht arbeiten! Erst die Tage war Amor völlig entnervt nach Hause gekommen, und hatte kreidebleich und zittrig berichtet: ''Ich flieg so durch die Luft und such mir zwei Liebende, da hockt auf einmal der Irre da unten, einen riesigen Bogen im Anschlag und krakeelt: Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen, muhahaaaaaaaaaaa! Also des geht doch ned!'' Da mußte der Weihnachtsmann vorbehaltlos zustimmen: Des geht so wirklich ned!

Guter Rat war teuer und die himmlischen Kassen leer. Was brachte es, Hosianna singend Frieden verbreiten zu wollen, wenn die Leute davon überhaupt nichts mitbekamen sondern derweilen durch die erleuchteten Innenstädte zogen um ihr Weihnachtsgeld auszugeben, sich mit Glühwein vollsogen bis sie nicht mehr gradaus gehen konnten und sich nicht selten obendrein in eine vom Teufel inszenierte Schlägerei verwickeln ließen. Therapeutisch, sozusagen. Frust ablassen. 

Auch an den armen Gestalten in den finsteren Ecken ging der Flitterzauber nicht ganz vorüber. Die fanden die Adventszeit prima weil den Leuten dann das Geld locker saß. Haste mal ne Maak? Die glotzten wenigstens nicht ständig aufs Handy weil sie keins hatten. Man war froh wenn noch Bier da war oder ein kleines Fläschchen mit Hochprozentigem. Das wärmte von innen und dämpfte den Schmerz.

Hier müßte man ansetzen, überlegte der Weihnachtsmann in seinen Bart hinein. Zwar sind auch hier einige wirkliche Dummköpfe dabei aber die meisten dieser Gestrandeten sind echte, ehrliche und sensible Menschen. Die ebendeshalb an dieser Gesellschaft gescheitert waren. Opfer der Bürokratie oder des kaputten Gesundheitssystems. Leute mit Feeling, denen nie jemand zuhören wollte. Sogar die meisten Sozialarbeiter hatten mittlerweile keine Zeit, keine Geduld, keinen Nerv auf Schnapsfahnengelalle. Als ob die immer gleichen Worthülsen besser wären, mit denen die sogenannten anständigen Leute sich Tag für Tag bewarfen. Sich gegenseitig Schmeicheleien umhängten nur um potentielle Angriffe abzuwehren, die dann mit einigen Tagen oder Wochen Verzögerung doch unverhofft hinterrücks stattfanden. Der Teufel wäre nicht er selbst wenn er dafür nicht sorgen könnte.

Kurz entschlossen sandte der Weihnachtsmann ein paar seiner Engel runter an den Königsplatz, an den Oberhauser Bahnhof, an den Keplerplatz, an den Floridsdorfer Bahnhof, an die Münchner Freiheit, um nur einige der Orte zu nennen, wo man immer jemanden antraf mit dem gemeinsam man sein Leid hinunterspülen konnte.

Es war ein Freitagabend. Die Menschen wollten nach Feierabend noch einkaufen und schubsten und drängelten sich dementsprechend ungeduldig und genervt durch die im Wege herumstehenden Trinker und Trinkerinnen. Diese ließen sich das mehr oder weniger passiv gefallen um der Polizei keinen Anlaß zu geben, sie zu vertreiben. Erst neulich war dem Hubert sein Schlafplatz von der Stadt mit so blöden Pfosten abgesperrt worden, so daß er seinen Schlafsack nicht mehr hinlegen konnte. Nun lag er eben weiter vorne bei der Treppe zur U-Bahn. Wo man ständig achtgeben mußte, daß niemand drauftrat. Das war nicht schön. 

Leise mengten sich die Engel unter die Herumstehenden, verteilten Bier und Kekse und fingen vorsichtig Unterhaltungen an. Die Angesprochenen horchten auf. Was redeten die denn da? Das war doch unglaublich! Wollte man sie verhöhnen? Sie sollten nützliche Mitglieder der Gemeinschaft werden können?

''Geh kumm Oida, hau no a Hoibe her, den Schas konnst am Hean Pforra dazöön. Fia uns is da Zug o'gfoan. Uns wü kana. Seids a Sekte, ha? Mia homma ka Göd. Ned fia sowas. Und jetzt hau di iba die Heisa!''*

Sollte sich der Weihnachtsmann so getäuscht haben? Die Engel sahen sich an und schüttelten  heftig den Kopf, daß die goldenen Haare nur so flogen. Und siehe da, drüben in der Ecke stand eine ältere Frau, die mit großen Augen die umherfliegenden Haare bestaunte. Echtes Engelshaar, heute auch für sie. Mutig machte sie einen Schritt nach vorn um die leuchtenden Fäden ehrfurchtsvoll einzusammeln. Was für ein Glanz! Und was für ein wunderschönes Gefühl einem da von den Händen mitten ins Herz fuhr, wenn man eins am Finger hängen hatte.

''Nehmt doch!'', bot sie die Haare den Umstehenden an. ''Nehmt ein Haar und fühlt den wahren Geist der Weihnacht. Besinnen wir uns auf den Grund, warum wir Weihnachten wirklich feiern.''

Gemurmel. Einige nahmen zögernd eins der leuchtenden Haare und blickten sich erstaunt um. Was für ein geiles Feeling! Viel besser als das gestreckte Zeug vom Eduard und tausendmal besser als der beste Wein vom Aldi. Was war denn da los?

Die Engel lächelten und zupften sich noch mehr Haare aus die sie an die vorbeieilenden Passanten verteilten. ''Das ist wahre Liebe'', erklärten sie. ''Deswegen feiern wir Weihnachten. Um uns daran zu erinnern, daß vor 2000 Jahren jemand auf die Erde kam, um uns diese Liebe zu schenken. So daß wir sie weitergeben können. Jeden Tag und immer. Ohne etwas dafür verlangen zu müssen. Einfach so.''

Natürlich gab es auch jetzt noch Menschen die sich nach wie vor in den Fängen des Teufels befanden und kopfschüttelnd weiterhasteten. Haare verschenken. So ein Schmarrn. Wahrscheinlich Friseurwerbung. Niemand gab irgendetwas umsonst. Da wären die ja schön blöd.

Doch die verdunkelten Herzen wurden weniger und weniger, immer mehr Lichtgestalten wandelten durch die Stadt und teilten ihre Verzückung mit anderen. Die Engel sahen sich an und lächelten. Sie wurden hier nicht mehr gebraucht. Der Anfang war gemacht. Mehr konnten sie nicht tun.

Fassungslos hockte der Teufel neben seinem Fernrohr und mußte hilflos mitansehen, was auf der Erde vor sich ging.

''So eine Unverschämtheit! Engelshaar verteilen! Das ist so UNGERECHT! Meine Haare will keiner haben, die drei goldenen hat man mir vor Jahrhunderten bereits geklaut und jetzt kommen diese Gröhlemeister von da oben und versauen mir das Geschäft mit ihren ungewaschenen Matten. Es ist unpackbar! Die FREUEN sich da oben. Und ich kann NICHTS dagegen tun! Oma! Mach mir mal 'ne Verbindung nach Rußland, ich brauch Verstärkung!''

Oma lag jedoch bereits in der Badewanne und war nicht willens, nur aufgrund einer Laune ihres schwefligen Enkels dieses selten gewordene Vergnügen aufzugeben. Seit überall nach Bodenschätzen gebohrt wird ist es in der Hölle auch nicht mehr so warm wie man allgemeinhin annimmt und der Energiesparzwang war schon lange auch dort unten angekommen.

Bis sie also endlich bereit war, ihre runzligen Zehen langsam aus dem Wasser zu strecken, ächzend aus der Wanne zu klettern, sich abzutrocknen und sich anzuhören, was man denn genau von ihr wollte, waren die Engelshaare bereits auf der gesamten Welt verteilt. Die Globalisierung macht's möglich. Als der Teufel schließlich jemandem vom Kreml am Apparat hatte, war es zu spät. Auch dort herrschte Verzückung und wahre Freude. Niemand war bereit, sich das boshafte Geschnarre aus der Unterwelt anzuhören.

Grantig warf der Teufel sein Wörterbuch Deutsch-Russisch ins Feuer. Hatte sich denn die gesamte Welt gegen ihn verschworen?

Offenbar. Die Menschen waren von ehrlicher Freude erfüllt, sie lachten sich an, Messer wurden lediglich zum Schneiden von Zwiebeln oder Kuchenstücken verwendet und sogar Herr Feldmann hatte es geschafft, sein Leben in Ordnung zu bringen. Er lebte fortan in friedlicher Eintracht mit seinen beiden Frauen. Da er nach wie vor die meiste Zeit mit Arbeiten verbrachte, hatten die beiden sich einander zugewandt und vermißten ihn kaum.

Das klingt alles wie ein Märchen. Ist es auch. Aber es wird nicht mehr lange dauern, da wird jemand die einzig wahre Liebes-App erfinden. Nicht zu verwechseln mit Dating Apps. Diese neue App wird dem steten Gedenken an die wunderbare Macht der wahren Liebe dienen. Und dann, Leute, DANN hat der Teufel wirklich verloren, denn gegen die wahre Liebe kommt selbst die teuflischste aller Gaben nicht mehr an. Wir müssen uns nur immer und immer wieder daran erinnern. Mit oder ohne App

*Na komm, gib noch ein Bier her, den Unsinn kannst du dem Herrn Pfarrer erzählen. Für uns ist der Zug abgefahren. Uns will keiner. Seid ihr eine Sekte, hm? Wir haben kein Geld. Nicht für so etwas. Und jetzt geh bitte wieder.






Sonntag, 30. November 2025

Zu spät


Als Hubert diesen neuen Auftrag bekam, war ihm zuerst ziemlich mulmig zumute. Sollte er ablehnen? Andererseits ... so lange war er noch nicht bei der Agentur um sich wählerisch zeigen zu dürfen. Er brauchte das Geld. Die Karriere beim SEK war leider unwiederbringlich vorüber. Ein Bulle mit einem kaputten Bein? Und Innendienst war wenig verlockend. Dann doch lieber selbständig. Aber den Gesellschafter einer alternden Dame zu geben nur weil die zu Geld gekommen war und eine Paranoia entwickelt hatte? Sie hatte sich ein Haus am Waldrand gekauft, mit Pool und allem Schnickschnack, und wollte sich nun zusätzlich zur Alarmanlage auch noch privaten Personenschutz leisten.

Er nahm sich vor, im Vertrag explizit erwähnen zu lassen, daß er NICHT für 'diese Art' von Spielchen zur Verfügung stehen würde. Etwas Würde wollte er sich dann doch noch bewahren. Er hatte extra seine ältesten Cordhosen angezogen um so wenig attraktiv wie möglich zu wirken. Die Mühe hätte er sich sparen können. Die Frau war dermaßen nett und naiv, daß er sich für seine Gedanken zu schämen begann. Nicht alle älteren reichen Damen sind überkandidelte Schachteln die ihre Angestellten als Spielzeug benutzen. Diese Frau war anders.

Die würde niemals den ganzen Tag in einem Strandkorb liegen wollen und sich von ihm die Sonnenmilch einmassieren lassen. Das wurde ihm sehr bald bewußt, als sie ihn stundenlang über Trampelpfade im Wald scheuchte, hier noch ein Foto und da noch eins machte, und er, obwohl 20 Jahre jünger, gewaltig Mühe hatte, Schritt zu halten.

''Ach denken Sie sich nichts, junger Mann,'' lachte sie fröhlich, als er sich für sein Zurückbleiben entschuldigte. ''Zeit meines Lebens höre ich von anderen nur: Renn doch ned so! Aber sagen Sie, hinken Sie etwa? Haben Sie sich sich gestoßen?''

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr von seiner Schußverletzung zu erzählen. Sie lauschte gebannt und kommentierte am Ende trocken: ''Wie im Fernsehen. Brutal. Ihre Frau wird aber schon froh sein jetzt, daß Sie diesen gefährlichen Beruf aufgegeben haben.''
Er schwieg. Wollte sie ihn nun doch anmachen? Daß seine Frau ihn bereits vor 10 Jahren verlassen hatte, behielt er für sich.
''Haben Sie Kinder?'', drehte er nun den Befragungsspieß um, als sie auf einer Aussichtsbank Rast machten und sich Kekse mit Wasser teilten.
''Nein,'' antwortete sie knapp. ''Ich kann Kinder nicht ausstehen und werde nie verstehen, wie man sich sowas freiwillig antun kann.''
Wieder schwieg er. Was sollte man darauf antworten?
Erst viel später erfuhr er, daß sie Autistin war und ihr laute, schrille Geräusche, wie sie Kinder nun einmal gefühlt ständig von sich gaben, körperliche Schmerzen bereiteten. Und wieder einmal schämte er sich für seine Gedanken. Irgendwie schien er ihr ständig Unrecht zu tun.

Obwohl sein Schützling jetzt stinkreich war, lebte sie irgendwo noch genauso weiter wie vorher. Zweimal die Woche begab man sich zu einem Acker im näheren Umkreis, wo man sich das Gemüse selber ausgraben konnte. Fenchel, Brokkoli, Salate, Knollensellerie ... alles frisch aus dem Boden und zu einem fairen Preis. Am Wochenende kaufte man im Hofladen ein und dreimal die Woche nach dem Yoga im Altenzentrum, zu dem er sie allerdings nicht begleiten mußte, wurde im Bioladen nach Sonderangeboten gesucht. Obwohl sie nun keineswegs mehr auf den Pfennig achten mußte, liebte sie nach wie vor Sonderangebote. Einmal wagte er es, ihr vorzuhalten, daß sie dadurch aber den ärmeren Menschen etwas wegnehmen würde.

Oha, da wurde die sonst so liebenswürdige Frau auf einmal doch ziemlich böse: ''Es gibt ich weiß nicht wieviele Läden in dieser Stadt!'' fauchte sie. ''Und ich habe genauso das Recht, Lebensmittel zu retten wie jeder andere auch. Wer zuerst kommt der mahlt zuerst, punktaus. Wer wirklich bedürftig ist, der geht zur Tafel. Der ich übrigens regelmäßig einen nicht unbeträglichen Betrag spende. Mir macht es einfach Freude, ein schönes Sonderangebot zu erwischen. Warum wollen Sie mir das jetzt kaputtreden? Gehören Sie auch zu diesen jungen Leuten, die ständig mit einer Mütze auf dem Kopf rumlaufen und immer alles besser wissen? Ich hoffe doch nicht. Eigentlich hab ich Sie anders kennengelernt. Also fangen Sie bitte nicht ausgerechnet jetzt damit an, wo wir uns grad so gut verstehen.''
Beschämt schwieg er. Wieder einmal. Nahm nur ihre Hand und drückte sie. Und sie drückte zurück. Es war alles gesagt.

Die Monate vergingen, man war mittlerweile beim Du angekommen und vergnügte sich wunderbar auf den beinahe täglichen Fototouren durch die Stadt. Man empfahl sich gegenseitig Lesestoff aus dem Bücherschrank, lachte über skurrile Begebenheiten und erfand abends immer wieder neue abenteuerliche Rezepte. 
''Wir sollten ein Kochbuch schreiben!'', meinte sie eines Abends, als sie über den dampfenden Tellern saßen. ''Ja, da müßten wir deine Notizen aber laminieren so wie du immer kleckerst!'', zog er sie auf und sie mußten beide herzlich lachen.
Auch legte sie ihre in Jahrzehnten der Einsamkeit entwickelten Eigenheiten, wie zum Beispiel Selbstgespräche, niemals ab. Ständig unterhielt sie sich nicht nur mit ihren Stofftieren sondern auch mit diversen Gerätschaften oder ihrem Rucksack. 
Als er beim Gemüseschneiden einmal Zeuge wurde, wie sie sich mit ihrem Herd unterhielt, zweifelte er an seinem Geisteszustand. Der Herd hatte sich offenbar beschwert, daß sie ihn immer 'Herdi' nannte und hatte angedroht, ihr nach ihrem Tod überallhin nachzufolgen und sie 'Leichi' zu nennen, damit sie mal sah, wie das war. Ihm entfuhr ein Stöhnen.
Sofort wandte sie sich ihm zu:
''Was ist passiert, hast du dich geschnitten?''
''Ach woher, mußte nur grad an was denken, koch nur weiter ...''

Die Innenstadt mied sie wo es nur ging, man hielt sich vorzugsweise in der Peripherie auf und er lernte die Stadt, in der er sein gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte, mit ihr zusammen völlig neu kennen.

Auf ihren Spaziergängen machte sie manchmal Witze darüber was sie ihm alles vererben würde wenn sie dereinst a Bankl reißen würde, ein Ausdruck den sie ihm erst erklären mußte, denn obwohl er sich mit ihr bereits einen ganzen Stapel österreichischer Filme angesehen hatte, war er noch immer auf Untertitel angewiesen.
Ihm war dieses Thema unangenehm denn mittlerweile bereute er seine anfängliche Einstellung zu möglicher körperlicher Annäherung zwischen ihnen beiden sehr. Je mehr Zeit sie miteinander verbrachte, desto sympathischer und auch attraktiver wurde sie für ihn. Aber nun da sie immer wieder vom Vererben sprach, verbot sich ein Geständnis seiner Gefühle erst recht. Sie würde glauben, es wäre nur wegen des Geldes. Zudem wußte er noch immer nicht, was sie in ihm eigentlich sah. War er wirklich nur ein bezahlter Begleiter oder hatte auch sie eine gewisse Zuneigung für ihn entwickelt? Manchmal hatte er den Eindruck ... doch dann ging sie wieder deutlich auf Distanz und er glaubte, sich getäuscht zu haben. 

So lebten sie in mehr oder weniger trauter Zweisamkeit dahin, bis er eines Nachmittags von einem Arztbesuch zurückkehrte und ungewöhnlich schweigsam war. Was bei ihm, der schon von Haus aus kein großer Redner war, durchaus etwas heißen wollte.
''Was hat er denn gesagt der Arzt? Darfst keinen Schampus mehr trinken?'', versuchte sie, ihn zum Lachen zu bringen.
Er schwieg weiter. Lange. Dann zog er ein Blatt Papier aus der Brusttasche und reichte es ihr.
'Schriftlicher Befund' stand dort zu lesen.
Darunter ... Fachchinesisch.
''Du hast was bitte? Wos haßt des?''

Nachdem er ihr die Diagnose erklärt hatte, stand sie wortlos auf und hantierte im Küchenschrank herum. Er starrte verunsichert auf ihren Rücken.
''Ich werde kündigen müssen. So kann ich dich nicht mehr adäquat beschützen.''
''Einen Schas wirst du! Wir sagen denen einfach nichts und du bleibst hier, so wie vorher auch!''
Sie drehte sich um und sah ihn mit wildem Gesicht an. Tränen liefen über ihr Gesicht. Erschüttert nahm er sie in die Arme. Nun war keine Zeit mehr für falsche Zurückhaltung.
''Wie lange hast du noch? Gibts eine Prognose?''
''Kein halbes Jahr mehr hat er gesagt ...''

Anfangs merkte sie ihm nichts an. Er ging nach wie vor überallhin mit und sprach auch nicht mehr von seiner Krankheit.
Doch nach einigen Wochen bekam er immer schlechter Luft und konnte bald nicht mehr mit in den Wald und über's Feld.
Sie blieben zuhause, sahen sich Filme an und lagen sich in den Armen.
Zu viel mehr war er nicht mehr in der Lage und ihr schien es zu genügen.

Schmerzen schien er keine zu haben und so kam der Arzt erst wieder, als es bereits zu Ende ging. Sterben ist nie schön, doch immerhin ist es ein Trost, in den letzten Stunden eine geliebte Person bei sich zu wissen. Sie hielt lange seine Hand und ließ sie erst los, als der Arzt vorsichtig an ihre Schulter faßte und etwas von Todesurkunde und Beerdigungsinstitut faselte.
Sie begriff nichts und wollte auch nichts davon hören.

Erst am Tag zuvor hatte er ihr seine Liebe gestanden. Dieser Idiot! Warum hatten sie die kostbare Zeit mit Zweifeln vertan? Warum hatten sie nicht früher miteinander gesprochen? Zu spät. Die schlimmsten Worte auf der ganzen Welt: Zu spät!

Zur Beerdigung war dann niemand gekommen. Absolut niemand, außer ihr.
Als der Pfarrer vor der Beisetzung den Verstorbenen mit salbungsvollen Worten segnen wollte, fiel sie ihm grob ins Wort: ''Das hat doch jetzt alles keinen Wert mehr. Schluß mit dem Unsinn, lassen Sie uns die Sache mit Anstand beenden. Die Götter werden sich um seine Seele kümmern, die wissen auch so wie das geht.''

Heute ist Hubert oben im Himmel ein gefragter Mann. Die Seelen, die sich für eine Reinkarnation entschieden haben, lassen sich am liebsten von ihm coachen.
Seine wichtigste Botschaft lautet stets: ''Sagt es den Menschen, wenn ihr sie mehr als nur lieb habt. Auch wenn ihr in den meisten Fällen Ablehnung erfahren werdet. Aber auf diese Weise werdet ihr jedenfalls nicht diese eine Person verpassen, die euch zurückliebt. Wer diesen Schmerz erfahren möchte, dann nur zu. Macht denselben Fehler wie ich. Ich wünsche euch viel Vergnügen dabei!''











Freitag, 21. November 2025

Jugenderinnerung

Ich weiß noch wie Gusti damals aus dem Knast kam. Ich hatte mittlerweile leider seinen Bruder geheiratet. Wir trafen uns am Kö nachdem ich meinen Putzjob beendet hatte und fuhren gemeinsam nach Hause. War eh klar, daß er bei uns pennte. Fand ich jedenfalls. Sigi war schon wieder pralle, öffnete nur ein Auge und fragte schroff: Hosch a Geld?
Tolle Begrüßung für einen Bruder, den man jahrelang nicht gesehen hatte.

Wir hausten total im Chaos. Ich war kurzsichtig und sah den Dreck nicht und Sigi war er scheißegal. Gusti war entsetzt und fing sofort an zu saugen und den Tisch ein bissl abzuräumen. Der war so vollgestellt mit Bierflaschen und allem möglichen Kram, daß nicht einmal die Paraphernalia Platz hatten, die man brauchte, um eine Pfeife zu bauen. Pappig war er auch. Da traf es sich wirklich bestens, daß Putzen ein Steckenpferd von Gusti war. Man erzählte sich in Kaisheim, daß er jeden Tag seine Zelle säuberlich ausgewischt hatte. 
Später erfuhr ich, daß diese Angewohnheit ihre Wurzeln in seiner Kindheit hatte. Der Vater war alt und saß meist nur noch mit seinem Flachmann im Sessel und die Mutter war süchtig und hatte keine Energie für den Haushalt, schlief meist unter dem Geschirrspülen ein. Der große Bruder war mit Dealen beschäftigt und von früh bis spät hackedicht. Also mußte der kleine Junge dafür sorgen, daß es wenigstens halbwegs sauber war in der Wohnung. 

Eigentlich hätte also endlich alles total gut sein können. Mit dem Untermieter verstanden wir uns ausgezeichnet, der kam aus der Lindauer Gegend wo gutes Gras wuchs, von dem er uns immer wieder gerne etwas mitbrachte. Leider war Sigi ein Arschloch. Statt sich zu freuen, daß sein kleiner Bruder wieder da war und für Ordnung sorgte, mußte er ihn immer wieder triezen, treffsicher kleine fiese Bemerkungen plazieren, bis er gereizt ausflippte und ihm eins in seine blöde Fresse haute. Die anderen holten ihn wieder unter dem Tisch hervor, er machte sich ein neues Bier auf, wischte sich das Blut aus dem Gesicht und es war erst einmal wieder Ruhe. Bis zum nächsten Mal. Wahrscheinlich hat er gespürt, daß Gusti und ich uns gut verstanden und es hat ihm nicht gepaßt. Statt sich zu ändern sekkiert man dann lieber den Konkurrenten.

Eines Tages war jemand auf die glorreiche Idee gekommen, die Geschirrspülmaschine in der Küche anzuwerfen. Gusti hatte Kuchen gebacken, es war sein Geburtstag gewesen aber niemand hatte gratuliert weil keiner auf den Kalender geschaut hatte. Die Küche stand voller Tassen und Teller an denen noch die Schlagsahne klebte. Die Abwasch sah nicht besser aus, also warum nicht die Maschine die Arbeit machen lassen? Was keiner von uns wußte: In eine Geschirrspülmaschine muß man so extra Tabs reintun.
Herbert im besoffenen Schädel leerte einfach normales Geschirrspülmittel rein.
Frage nicht. Es schäumte und schäumte und schäumte, bis die Küche voller Schaum war. Ewig schade, daß damals niemand eine Kamera besaß, das glaubt einem ja hinterher wieder keiner.

Wir standen im Flur und waren hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Lachanfall. Niemand wußte, was zu tun war. Irgendwann gab es einen Kurzschluß und die Maschine hörte auf zu schäumen. Natürlich war es Gusti, der das Chaos am Ende beseitigen mußte.
Seither hat niemand von uns jemals wieder eine Geschirrspülmaschine angelangt.
Was nicht mehr mit der Hand zu säubern war wurde kurzerhand weggeworfen.
Alles, nur nie wieder so eine vollgeschäumte Küche.









Sonntag, 16. November 2025

In Augschburg isch immr was los



Als ich vor etwa drei Jahren während eines Augsburg-Besuchs an der Apotheke beim Dom vorbeiging stand einer dort vor der Eingangstüre und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Natürlich habe ich ihn nach all der Zeit nicht wiedererkannt, dachte mir nur: 'Was glotzt denn der so blöd?' und marschierte weiter. Keine fünf Minuten später überholte er mich auf dem Fahrrad und fragte, schüchtern, von der Seite: ''Marga??? I bins, dr Jonas.''

Der Jonas! Wie hatte er sich verändert. Die blonden Locken, sein Markenzeichen, waren verschwunden, ebenso das ewige Grinsen. Sein Gesicht war nüchtern und ernst geworden. Nur die ewig von den Lippen baumelnde Zigarette war noch wie früher.

Ja, früher. Die Vergangenheit, so stellte sich bald heraus, war das Einzige was uns verband. Mit 'Weißt du noch, damals ...' konnte man sich durchaus eine Weile amüsieren. Sich verzückt erinnern an die Zeit in der man gefühlt permanent berauscht durch die Nächte gezogen war. Ein Spiel, in dem die Vergangenheit retrospektiv in ein rosa Licht getaucht wurde und scheinbar ein einziges großes Abenteuer gewesen war. Erinnerungen an längst verblichene Bekannte wurden durchgekaut und währenddessen so mancher Kaffee konsumiert.

Jonas war sehr beschäftigt. Er hatte das Trinken aufgehört und seine Zeit war ausgefüllt mit Vollzeitjob, Fitneßclub und Enkelbesuch. Seine Gewohnheiten waren eingefahren, er schien wenig interessiert an Neuem. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war nach wie vor neugierig, wollte etwas sehen, wollte herumlaufen, fotografieren, Altbekanntes neu entdecken und jeden Tag wie ein Präsent auswickeln und bestaunen. Kurz und gut: Jonas war noch genauso langweilig wie früher, nur halt jetzt nüchtern. 

Infolgedessen verloren wir uns wieder aus den Augen. Wenn ich nach Augsburg fuhr kontaktierte ich ihn nicht mehr vorher um ein Treffen auszumachen, ich erzählte lediglich hinterher davon, was ihn jedoch nur mäßig zu interessieren schien. Sein Radius war extrem begrenzt auf die Innenstadt während ich am liebsten die Außenbezirke erforschte bzw. neu entdeckte. Bergheim hatte jetzt einen Bioland-Hofladen und einen Bücherschrank! Und den Baggersee gab es nach wie vor, das alte Dreckloch. Zumindest in diesem Punkt waren wir uns einig: Wie konnte man da drin nur baden???

So plätscherte die aufgewärmte Bekanntschaft dahin - bis eines Tages ein weiterer verloren geglaubter Kamerad aus der Vergangenheit auftauchte: Franky, der geheimnisvolle Geflüchtete aus Jugoslawien. Nach wie vor war er ein Nervenbündel, obwohl eigentlich kein Grund mehr dafür bestand. Mittlerweile war er legal eingebürgert und wurde nicht mehr bei jedem Anblick eines Polizeiautos weiß wie eine Wand. Dennoch schien er ständig auf dem Sprung, blickte sich ständig um und machte einen extrem gehetzten Eindruck. Was war da los? 

Eines Tages saßen wir wieder zu dritt in der Mühle und überlegten, wo wir als nächstes hingehen könnten, als Franky plötzlich die Getränkekarte vom Tisch riß, dabei beinahe meine Schorle umwarf und sich, die Karte vors Gesicht haltend, zischte: ''Keine Namen! Ich bin nicht hier!'' Du meine Güte, was sollte das werden? Ein Agentenroman? 

Ganz abwegig war der Gedanke nicht. Früher hatte er immer eine Pistole zuhause gehabt. Gusti hatte sich die einmal ausgeliehen und war in die Kneipe im Erdgeschoß hinuntergegangen wo ein Junge, mit dem ich kurz zuvor einen one night stand gehabt hatte, ahnungslos sein Bier trank. Der Bub hatte mir nichts getan, lediglich hatte ich mich am nächsten Morgen so sehr über eine wohl scherzhaft gemeinte Bemerkung von ihm geärgert, daß ich auf der Stelle aufgestanden und gegangen bin. Er kam aus dem Bad und sprach, als er mich noch im Bett liegen sah: ''Na, und ich hab dacht du hosch scho Frühstück g'macht?'' Boah war ich sauer. So eine saublöde Meldung!
Natürlich hatte ich daheim alles brühwarm Gusti erzählt und der merkt sich manchmal echt jeden Scheiß. Und reagiert dann ein bissl über.

So hielt er dem armen Kerl erbost die Pistole an den Hals und zischte: ''Wenn du meiner Marga no eumol was duasch, dann mach I di alle, hosch des verstanda!!'' Der Arme war käsweiß geworden und hatte mehrmals beteuert, mir doch garnichts getan zu haben. Heute bräuchte man so etwas nicht mehr zu bringen, da würde der Barmann sofort die Bullen rufen. Damals jedoch gab es noch genügend dunkle Winkel in denen Dinge vor sich gingen, die man besser niemandem erzählt.

Nun jedoch befanden wir uns alle miteinander im Hier und Jetzt. Gusti war seit über 10 Jahren tot und die Pistole hoffentlich in irgendeinem See versenkt. Oder doch nicht? Was wurde hier gespielt? Offensichtlich hatte jemand die Lokalität betreten, von dem Franky keinesfalls gesehen werden wollte. Wild um sich blickend warf er einen 20-er auf den Tisch, zischte was von 'Schtoinerner Mo' und verschwand über die Terrasse nach draußen. So ein Depp. Jonas und ich tranken kopfschüttelnd unsere Schorle aus, bezahlten und überlegten, ob wir uns zum Treffpunkt begeben sollten oder nicht. Früher wären wir ohne nachzudenken losgelaufen. Heute jedoch stellte sich ständig die Frage nach dem Warum. Würden wir dort mehr erfahren? Langsam machten wir uns auf den Weg. Die Öffi-Verbindungen in Augsburg sind nach wie vor nichts worüber man erfreut nach Hause schreiben würde, also ging ich gleich zu Fuß und Jonas hatte eh wie immer sein Fahrrad dabei. 

Der 'schtoinerne Mo', auf deutsch 'steinerner Mann', ist eine Sagengestalt aus dem 17. Jahrhundert. Die Legende besagt, daß der Bäcker Konrad Hacker auf die Stadtmauer geklettert war und den kaiserlichen Belagerern seine extra aus Sägemehl gebackene Brote zeigte - daß die Soldaten daraufhin enttäuscht auf ihn schossen und dann aber abzogen, da die Augsburger offenbar noch genügend zu essen hatten um einer längeren Belagerung standzuhalten. Die aus Stein gehauene Skulptur befindet sich in der Nähe des Doms an einem Teil der alten Stadtmauer, nahe der Schwedenstiege. Meist sind hier relativ wenig Leute unterwegs, es gibt einige versteckte Bänke und wir hatten uns daher früher gerne hier eingefunden um heimlich einen durchzuziehen. Daher wußten wir genau, wo wir Franky finden konnten.

''Jetzt mal Klartext Franky,'' moserte ich, nachdem wir wieder glücklich vereint auf einer Bank beim Sandkasten saßen. ''Was ist los und würdest du uns bitte einweihen?''
Franky schaute unglücklich auf seine Schuhspitzen die, am Rande bemerkt, mal wieder eine Bürste vertragen hätten, und räusperte sich verlegen. 
''Ihr wißt ja, daß ich ab und zu Aufträge annehme, Wandmalereien und so.'' Interessiertes Nicken unsererseits. Franky hatte bei Gusti und mir damals eine umwerfende Abbildung eines Pink Floyd Covers an die Wand gezaubert, als Dank dafür, daß er eine Weile bei uns pennen durfte. Niemals würde ich das vergessen, der Mann war ein Genie!

''Ja, also neulich, da hab ich bei so einem reichen Kerl gearbeitet und blöderweise, ja, also da hab ich halt in einer Pause, der war nicht da, am Schreibtisch rumgeschnüffelt. Und hab was gefunden.''

Wieder starrte er müde auf seine Schuhe. ''Ja und Franky, was hosch g'funda? Laß dir doch ned alles aus dr Nas zia!!'', meckerte Jonas ungeduldig. ''Koks? An Beleg vom Altstadtpuff? Bestechungsgelder? Hosch was klaut odr warum kriegsch ständig die Krise wie frühr obwohls jetzt doch garkoin Grund mehr drfür gibt? I meun hey, du bisch fascht 80 da muaß doch amal a Ruah sei!''

''Einen Arztbrief hab ich gefunden. Der Mann hat AIDS und seine Frau offenbar keine Ahnung, daß er mit Männern ... das steht alles in seinem Tagebuch. Und er hat gemerkt, daß ich es gesehen hab. Farbflecken, verstehst du? Und jetzt läßt er mich beschatten und will mich kaltmachen. Weil ich zuviel weiß. Das ganze Geld gehört seiner Frau, wenn die am Rad dreht dann ist alles aus. Geld, Ansehen, alles futsch. Deswegen muß ich um die Ecke gebracht werden. Und ihr seid jetzt auch in Gefahr weil ich euch alles erzählt habe. Wir dürfen uns nicht mehr treffen. Am besten trennen wir uns jetzt sofort und ich werde sehen wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.''

Betroffen saßen wir da. Ob das alles wahr sein konnte? Wer ließ derartig belastendes Material offen auf seinem Schreibtisch herumliegen? Und warum gleich umbringen? Konnte es sein, daß Franky wieder einmal einen seiner paranoiden Anfälle hatte? Kein Wunder bei seiner Vergangenheit mit Verfolgung und Folter in seiner Heimat, aber dennoch lästig. Wir waren hier in Augsburg und nicht in Sizilien. Wobei böse Zungen behaupten, daß da manchmal nicht viel Unterschied bestünde. Noch gut kann ich mich an diese üble Schießerei damals beim Schlachthof erinnern, wo ein Schulkamerad und sein älterer Bruder, zufällig ein Ex von mir, durch Schüsse aus einer Polizeipistole zu Tode kamen. Der Vater war Italiener und hatte sich vom jüngsten Sohn in einen Blödsinn verwickeln lassen. Der Vater war dann wie ein düsterer Geist im Gefängnis umhergewandert und hatte mit niemandem mehr gesprochen. Hat mir ein Kumpel erzählt, der zu der Zeit auch grad in Landsberg einsaß.

Aber das war lange her, die Sonne schien, und eigentlich wollten wir einfach nur gemütlich beisammen sein und uns nicht schon wieder wegen irgendwas reinstressen.

''Und woher weißt du das? Also daß er dich umbringen will?'', fragte ich mißtrauisch. ''Hat er was gesagt oder denkst du das nur?''

''Er hat mir einen Brief geschrieben. Ich soll meinen Lohn abholen kommen und er will mit mir reden. Also da ist doch alles klar! Sonst krieg ich das Geld immer am letzten Arbeitstag. Aber da bin ich ja abgehauen als er gemerkt hatte, daß ich an seinem Schreibtisch war. Und jetzt begegne ich ständig Leuten die ich bei ihm gesehen habe. Bestimmt seine Handlanger. Die auf einen günstigen Moment warten um mich unauffällig zu killen. Alter Mann, bissl erschrecken, kriegt er halt Herzinfarkt. Blöd gelaufen. Sowas fällt doch niemandem auf hinterher.'' 

''Ja weisch was Franky'', meinte Jonas nach einer längeren Gedankenpause, ''Da gehn mir halt jetzt mit dir hin und dann schau mer was er will, ok? Alle drei kann er ja ned einfach erschießn. Komm, des schau mer uns an!''

Nach einiger Überredungsarbeit unsererseits willigte Franky schließlich ein, rückte die Adresse raus und wir machten uns auf den Weg. Jonas auf dem Fahrrad, wir mit dem Bus und den Rest zu Fuß. Gottseidank war es von der Haltestelle nicht weit. Das Tempo das Franky und Jonas vorlegten, hätte ich nicht lange durchgehalten. So fit wie die beiden Männer war ich, obwohl jünger, bei weitem nicht.

Das Haus war wirklich imposant. Praktisch ein Schloß. Riesige Villa mit Türmchen und Erkerchen, wie aus einem Bilderbuch ausgeschnitten. Mit offenem Mund stand ich davor und bewunderte die Fassade in Schönbrunner Gelb. Was für ein geiler Kasten! Da hätte ich auch Angst, den zu verlieren. Meine Herren!

Inzwischen hatten die Jungs geklingelt, der Türöffner surrte und wir betraten die kühle Eingangshalle. Fast erwartete ich, hier einen Butler anzutreffen der uns in einen Vorraum geleiten würde um die Herrschaft über unseren Besuch zu informieren, doch es war der Hausherr selbst, wie ich aus Frankys verschrecktem Gesichtsausdruck schloß, der uns leutselig lächelnd begrüßte. 
''Na, Franky, altes Haus, hast Freunde mitgebracht? Dann kommt doch mal weiter, ich hab dir nämlich einen interessanten Vorschlag zu machen. Wir gehen in den Salon. Was wollt ihr trinken?''
Mir vorsichtshalber vornehmend, nichts von dem Angebotenen zu mir zu nehmen, folgte ich den anderen in den 'Salon'. Ein riesiges Wohnzimmer, teuer aber nicht protzig eingerichtet. An den Wänden wunderschöne Drucke. Keine Ölschinken sondern wirklich ausgesuchte Kostbarkeiten. Der Mann hatte Geschmack, keine Frage. Dann konnte er doch so unsympathisch nicht sein wie Franky tat.
Fast hätte ich vor lauter An-die-Wände-Starren nicht mitbekommen, was die beiden zu bereden hatten. Und dann mußte ich mir mit Gewalt das Grinsen verkneifen.

Wieder draußen auf der Straße platzten Jonas und ich fast vor Lachen während Franky mal wieder seine Schuhe betrachtete.
''Das war ein Romaaaaaaaaaaan, ich schmeiß mich weg, du hast einen Romanentwurf gefunden, bruuhahaaaaaaaaa!'', keuchte ich. ''Und er will a Buch über di schreiba!'', überschrie mich Jonas und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. ''A Buch über dei Flucht und deine erschten Johr hier bei uns in Augschburg, I glaubs ja ned, kommen mir da dann au drin vor?''

Vor lauter Heiterkeit kam niemand von uns auf die Idee, zu überlegen, was es denn dann wohl mit dem Arztbefund auf sich gehabt hatte, wenn die Kladde doch nur ein Romanentwurf gewesen war? Und keiner von uns bemerkte den schwarzen Wagen, der langsam um die Ecke gebogen kam als wir die Professor-Steinbacher-Straße erreicht hatten, welche in den Siebentischpark führte. Kurz nach dem ehemaligen Eingang zum Botanischen Garten griff sich Franky plötzlich an die Brust und sackte zu Boden. Erschrocken wollte ich mich über ihn beugen doch schon standen wie aus dem Boden gewachsen zwei kräftige Männer in Hoodies da, die ihn rasch aufhoben und wegtrugen. ''Ihr habt nichts gesehen, sonst seid ihr die Nächsten!'' raunte mir einer der beiden noch zu und schon waren sie mitsamt ihrer Bürde im schwarzen Auto verschwunden und brausten davon. 

Noch heute rätseln Jonas und ich, wie die beiden Franky zu Boden gestreckt hatten und was hinter der ganzen Geschichte wirklich steckte. Franky haben wir niemals wiedergesehen.