'Nein, leider, das war kein Schmäh. Bin selber noch ganz erschlagen davon und hab's auch noch niemandem erzählt. Außer dir halt. Aber danach hätte ich mir die Zunge abbeißen mögen. Schließlich wollte ich nicht, daß gerade du mir wegen des Geldes Zuneigung vorspielst, wo keine ist. A propos Zuneigung, wo wir grad dabei sind uns auszusprechen: Wer ist denn das junge Ding mit dem du neulich heimgekommen bist? So eine angemalte Person? Ich hatte geglaubt das ist deine Freundin?'
'Geh Kati, ich hab dich doch schon mögen, da hast mir noch garnix g'sagt g'habt von dem Lotto und ich hab wirklich gedacht du machst Spaß. Ja und das junge Ding, das ist meine Nichte. Also die Tochter von meinem Bruder. Die freut sich jetzt total, daß ich wieder hier in Deutschland bin und wir uns öfters sehen. Angemalt ... ja das ist sie leider. Hat noch nicht so recht ihren eigenen Stil gefunden und ihre Mutter ist ihr diesbezüglich kein gutes Vorbild. Aber ich bin zuversichtlich, schließlich hat sie auch meine Gene und von mir laßt sie sich auch eher was sagen. Aber hör mal, wieso arbeitest du denn noch wenn du jetzt so reich bist? Ich glaub an deiner Stelle wär ich schon lang irgendwo an der Sonne statt hier im frostigen München. Obwohl mir das natürlich SEHR RECHT ist, daß du hier bei mir bist. Ohne dich würd ich immer noch im Knast hocken. Ach Kati, geh her ...'
Liebevoll nimmt er mich in den Arm und streichelt mir mit seinen - mittlerweile gewaschenen - Händen über den Rücken. Ich gucke verlegen Richtung Spülbecken und jetzt verstehe ich auch, warum es so nach Kaffee riecht. Sepp hat angefangen, Kaffeebohnen zu zerstoßen. Seltsames Hobby.
'Sag, was hast denn mit dem Kaffee da vor? Wir können fei schon eine Kaffeemühle kaufen wennst eine brauchst gell!'
Sepp grinst. Wie ich dieses Grinsen vermißt habe! Mein Herz schmilzt dahin und meine romantische Seite kommt langsam wieder aus ihrem Kellerloch. Wie es wohl wäre, ihn zu küssen? In diesem Moment überfällt mich mit einem Schlag die Komplexizität der Situation. Küssen. Sex. Waaaaaaaaaaaah! Was mach ich jetzt, wie sag ich es ihm, daß ich damit zeit meines Lebens Probleme hatte?
'Also wegen dem Kaffee,' unterbricht Sepp meine düsteren Gedanken. 'Hab mal wo gelesen, daß die Viecher den Duft nicht ausstehen können. Also Ameisen, Mücken und auch der Weps. Und du hast mir doch erzählt, daß du nicht am Balkon draußen sitzen magst weil dann immer gleich der Weps kommt. Da hab ich mir gedacht, wenn wir so Schälchen mit Kaffeeknurpsel aufstellen und immer heißes Wasser nachgießen, dann haben wir da draußen unsere Ruhe, können im Sommer am Abend draußen die frische Brise genießen statt in der Wohnung zu schwitzen. Und das wollt ich jetzt einfach mal ausprobieren. Noch ist es eh zu frisch draußen aber ich hab gestern auf der Wiese unten schon Bienen fliegen sehen, da ist der Weps sicher auch nicht mehr weit.
Ich bin gerührt. Was für ein liebenswerter Junge er doch ist! Aber es hilft nix, das Geständnis muß einmal gemacht werden und besser früher als zu spät. 'Sepp, ich muß dir was sagen. Der Weps ist nicht das Einzige vor dem ich Angst habe.'
'Vor was denn noch? Spinnen?', lacht Sepp fröhlich. 'Naja, die müßt ich jetzt auch nicht grad im Bett sitzen haben.'
'Ja, das Bett. Um das geht es. Ich war seit 2001 mit niemandem mehr im Bett und das lag nicht an mangelnden Gelegenheiten. Es geht einfach nicht mehr. Und jetzt ... wir beide ... das kann nur schief gehen. Ich habe Angst! Angst, daß du dich von mir abwendest wenn ich nicht Frau genug bin für die Ansprüche eines Mannes. Und dann ist wieder was kaputtgegangen. Aber ich möchte nicht, daß das zwischen uns kaputt geht. Dafür ist es zu kostbar. Jetzt darfst auch was sagen.'
'Ach Kati! In unserem Alter muß man sich doch keinen solchen Streß mehr machen. Das Wichtigste ist doch, daß man sich vertraut und sich lieb hat. Und daß das bei uns der Fall ist, haben wir, glaub ich, beiderseits ausreichend geklärt.' Wieder drückt er mich zärtlich an sich und ich fange an, mich marginal zu entspannen.
'Ich geb ja zu,' fährt er leise fort, und zieht mit seiner Nase verlegene Kreise durch meine verstrubbelten Haare, 'daß das mit dem Fensterln nicht die allerbeste Idee für ein erstes Kennenlernen war. Ich war halt schon immer eher der impulsive Typ, der Dinge einfach gemacht hat, ohne groß darüber nachzudenken. Das mit dem Knast jetzt hat mich aber schon ziemlich geschockt und auch ein wenig reifen lassen, auch wenn ich dank deiner Intervention relativ schnell wieder rausgekommen bin. Ich freu mich jedenfalls auf eine wunderschöne Zeit mit dir, die so lange wie möglich andauern soll! Ich bin mir sicher, daß wir eine totale Freude miteinander haben werden. Und, also ned bös sein jetzt, aber ich hab den Eindruck, daß du jemanden brauchen kannst, der dir ein bissl zur Seite steht und auf dich aufpaßt, und ich würd das total gerne übernehmen. Und was das Bett betrifft: So ein Bett ist ja kein Sportgerät. Da kann man sich doch auch einfach reinlegen und eineinanderkuscheln. Da muß man keine Liegestütze machen. Mir samma ja ned beim Bundesheer.'
Ich muß laut lachen. Dann fange ich an zu heulen. Muß mich schneuzen. Fasse mich wieder und sehe ihn ernst an: 'Das war wirklich eine sehr beeindruckende Rede und ich freu mich total über alles was du gesagt hast. FAST alles. Was soll das heißen, daß ich jemanden brauche, der auf mich aufpaßt??? Ich bin Zweiundsechzig! Oida!'
'Jedenfalls hat der alte Mann gesagt, sobald ich das mit dir geklärt hätte, sollte ich wiederkommen. Naja und geklärt haben wir es ja. Das mit uns. Daß wir uns total liebhaben und zusammensein wollen. Aber wie soll ich das jetzt machen, mit Stuttgart? Du hast grad deinen neuen Job angetreten von dem ich dich doch jetzt nicht gleich wieder wegreißen kann. Aber wenn du jeden Tag ins Klinikum mußt, dann bin ich wieder alleine unterwegs. Das wär doch blöd. Allerdings hätt ich da so eine Idee. Natürlich nur wenn du einverstanden bist. Ich könnte dich als Chauffeur einstellen. Dann bist du ordnungsgemäß beschäftigt, so mit Krankenversicherung und allem, aber natürlich müßtest nicht wirklich arbeiten, weil wir fahren ja eh zusammen wenn wir wohinfahren, das geht dann in einem. Mit dir würde mir das Reisen wieder Spaß machen. Allerdings find ich Autos eigentlich blöd. Kosten ein Heidengeld und dann ist immer unten Rost dran. Andererseits ist eins der Haupthindernisse beim Reisen das, daß die Leute im Zug immer so laut sind. Selbst wenn ich mich in einen Ruhewagen setze, falls überhaupt einer vorhanden ist. Mit dir zusammen wäre alles viel schöner, egal ob im Zug oder auch mal im Auto. Schließlich können wir nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, Obst essen oder Chili con Carne und Fernseh gucken. Heinz Erhard beispielsweise. Ein Reh, ein Reh, nein, ein Contra ... ich hab nicht einmal einen Fernseher ... und für dich wär das dann aber auch wieder blöd. Das klingt so nach Klischee und Adelsroman: Die Frau von und zu hat ein Verhältnis mit ihrem Chauffeur ... hmpfmblgrmpf ...'
Sepp steht lachend vor mir und hält mir den Mund zu: 'Kati bitte, mach dir doch ned so einen Kopf jetzt! Wir fahren morgen gleich in der Früh zusammen nach Stuttgart und schauen, ob der Laden überhaupt noch da ist. Du hast ja erzählt der war weg wie du noch einmal reinschauen wolltest. Vielleicht ist er immer noch weg, dann hat sich das eh erledigt. Und weil Samstag ist, fahren wir mit dem Zug, die Autobahn ist bestimmt bummvoll. Und dann schau mer mal. Der Mann kann ja nicht verlangen, daß du den Rest deines Lebens in seinem Laden verbringst. Das kann der nicht gemeint haben, da steckt sicher was anderes dahinter. Mich macht das schon auch neugierig. Fahren wir hin, fragen wir ihn! Komm, wir schauen gleich einmal nach einem schönen Hotel, und keine Angst, ich bestehe nicht auf einem Doppelbett ...' Wieder grinst er und ich bin hingerissen. Was für ein wunderbarer Mann. Ich freue mich auf unsere erste gemeinsame Reise ...






