Mir verschlägt es die Sprache. Was zugegebenermaßen eher selten vorkommt.
Kurzgeschichten
Freitag, 6. März 2026
Der Teufel von Straßburg
Mir verschlägt es die Sprache. Was zugegebenermaßen eher selten vorkommt.
Samstag, 21. Februar 2026
Die Albernheit von tausend Clowns
Wenn man in einem Krankenhausbett aufwacht, ist zunächst alles um einen herum weiß und grau. Manchmal auch beige oder speibsacklgrün. Bei mir ist das dieses Mal nicht so. Das erste was ich sehe ist Bunt. Viel Bunt. Hinter dem Bunt schiebt sich das mir mittlerweile wohlbekannte Grinsen hervor. Ich schließe erschöpft die Augen. Was ist das für ein Albtraum? Und hier kann ich nicht einmal entkommen. Es sei denn, ich bitte den Arzt, mich irgendwo in eine Geschlossene zu turfen, da dürfen dann nur Familienmitglieder hinein. Wenn überhaupt. Aber eigentlich möchte ich das nicht. Eigentlich möchte ich nur meine Ruhe.
Sonntag, 15. Februar 2026
Dunkel mit Kopfweh
Freitag, 6. Februar 2026
Und sie tun es doch!
Bettwäsche soll man auslüften. Hab ich mal wo gelesen, aber noch nie gemacht. Doch jetzt fängt ein neues Leben an, hatte ich mir vorgenommen. So mit Ordnung und Putzen. Also hieve ich das Bettzeug auf die Fensterbank ... vielleicht hätte ich dort vorher staubwischen sollen ... und richte mich erwartungsvoll auf. Das schöne Gefühl von erfüllter Pflicht will sich jedoch nicht so recht einstellen. Hm. Dann könnte ich mir die Arbeit ja in Zukunft sparen! Den Milben wäre es sicherlich recht.
Montag, 5. Januar 2026
Cavete mulierem
Morgen schon wieder Feiertag. Die heiligen Drei Könige aus dem Morgenland überbringen ihre Geschenke. Mir leider nicht, ich muß selber zum Einkaufen gehen. Früher hatte ich mich über die vielen Feiertage zum Jahreswechsel natürlich gefreut, aber nun da ich sowieso an fast allen Tagen frei hatte, waren diese ständigen Sonntage nur noch lästig. Der Bus fuhr viel zu selten und alle vernünftigen Geschäfte hatten geschlossen. Bayern halt.
Sonntag, 28. Dezember 2025
Herzen mit Sprung
Entsetzt warf Annika dem entgegenkommenden Mann einen kurzen Blick zu und wechselte dann rasch die Straßenseite. Dies war eine der Situationen, in denen sie sehr gerne auf ihre besondere Gabe verzichtet hätte. Mitbekommen zu müssen, wie ein Mann sich detailliert vorstellte, was er mit ihr machen würde wenn er sie in seine Dreckspfoten bekäme. Es schüttelte sie. Wuah! Gruselig!
Nachdenklich trabte sie weiter. Natürlich gab es auch Momente, wo ihre Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen erkennen zu können, ein Riesenbonus war. In ihrem Job als Polizistin beispielsweise war sie damit den meist jugendlichen Angeklagten gegenüber deutlich im Vorteil. Die fühlten sich einer Frau im Polizeidienst sowieso schon einmal überlegen und glaubten, mit Arroganz und heftigem Auftreten alle Vorwürfe im Nu vom Tisch wischen zu können.
Aber nicht mit Annika. Süffisant lächelnd ließ sie die harten Jungs schwadronieren und ihre Unschuld beteuern, ließ sie schmollen und schweigen, oder nach dem Anwalt rufen wie kleine Buben nach der Mama. Am Ende hatte sie einen jeden am Haken und ein jeder wurde mit vor Erstaunen offenem Mund abgeführt, runter in die Durchgangszelle.
Die Beweise zu finden war meist kein Problem, da in den Gaunergedanken fast immer Hinweise vorgekommen waren. Leider hatten sie bisher immer wieder Straftäter laufen lassen müssen weil der Untersuchungsrichter die Beweise nicht anerkennen wollte. So stolzierte immer wieder ein eigentlich überführter Täter mit angeberischem Gang aus der Verhandlung raus, gab dem Anwalt High Five, und ab nach Hause, das treulose Stück vermöbeln, das ihn verpfiffen hatte.
Für diese Fälle hatte Annika ihr eigenes Rachesystem gegründet. Natürlich wußte sie, daß sie sich damit strafbar machte. Man erschafft kein Gesetz außerhalb des Gesetzes, punktum.
Aber wenn sie sich die Gedanken der armen Frauen ansah, die tagtäglich Schlimmstes erdulden mußten und doch keinen Ausweg sahen, ihren Peinigern zu entkommen, da ging ihr buchstäblich das Messer in der Tasche auf.
Die immer zahlreicher werdenden Waffenverbotszonen mußten sie als Polizistin nicht interessieren. Natürlich durfte auch sie in ihrer Freizeit ihre geliebte HK P30 nicht tragen aber Frankfurt war ein Dorf. Man kannte sich und niemand würde beispielsweise ihr kleines Obstmesserchen konfiszieren wollen oder ihren Kuli? Wer wußte schon, was ein mit Wucht ins Ohr gepreßter Kugelschreiber mit einem Mann anstellte? Der würde keine Frau mehr einsperren und täglich eine Hundertschaft Asylanten über sie drüberlassen nur damit er seinen faulen Hintern nicht in die Arbeit zu bewegen brauchte.
Man sollte ja glauben, daß die Menschen so kurz vor Weihnachten etwas friedlicher gestimmt seien, aber gerade das Gegenteil war der Fall. Unstimmigkeiten in der Familie, die während des Jahres unter den Teppich gekehrt wurden, kochten ausgerechnet vor dem Fest der Liebe hoch wie ein Geysir, weil man dem Druck, tagelang einen auf Friede, Freude, Eierkuchen machen zu müssen, nicht mehr standhalten konnte. In die Arbeit zu flüchten war keine Option. Man hatte ja Urlaub.
Annika war mit Absicht und Bedacht in die Höchster Altstadt gezogen. So wurde sie wenigstens nicht schon beim Blick aus dem Fenster mit fiesen Gedankenwellen bombardiert. Zwar hatte sie es von hier etwas weiter in die Arbeit, doch hatte sie sich damals nach ihrer Versetzung nach Frankfurt sofort in diese hübschen kleinen Gassen um den Schloßplatz herum verliebt, die beinah noch genauso aussahen wie vor dem Krieg.
Weil die Alliierten sich damals die Farbwerke unter den Nagel reißen wollten und daher in der Gegend drumherum keine Bomben niedergegangen waren. Eine optisch wirklich wunderschöne Gegend mit versteckten kleinen Gärtchen die der Tourist niemals fand, und dem gemütlichen Park unten am Zusammenfluß von Nidda und Main.
Wie gerne würde sie es sich heute mit einer Thermoskanne Tee zuhause gemütlich machen. Leider hatte sie ihrer besten (ok, einzigen) Freundin versprochen, mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Was für viele Frankfurter ein reines Vergnügen schien, war für sie Tortur pur. Natürlich hatte sie mit den Jahren gelernt, die von allen Seiten auf sie einprasselnden Eindrücke weitgehend auszublenden. Dennoch war so ein Bad in der Menschenmenge immer extrem stressig.
Dicht gedrängt schoben die Menschen sich bereits jetzt am späten Nachmittag über den Römerberg. Nachdem sich Petra, die Freundin, mit einem Becher Glühwein versorgt hatte, schleppte Annika sie zum Kinderkarussell. Dort durften nämlich auch Erwachsene mitfahren und ein Besuch des Weihnachtsmarktes ohne zumindest zwei oder drei Runden Karussell war nicht vorgesehen. Doch was war das? Auf den Stufen unweit des Kassenhäuschens kauerte eine weibliche Gestalt. Erst dachte Annika an eine Bettlerin, doch dann sah sie, daß die Frau bitterlich weinte. Ihre Polizistenseele rührte sich und sie beugte sich zu der Frau hinunter:
''Geht es Ihnen nicht gut? Kann ich Ihnen helfen?'' Auch Petra war inzwischen nähergekommen und betrachtete besorgt die kleine Szene.
''Er hat mir mein Kind weggenommen!'', schluchzte die junge Frau verzweifelt.
''Er hat uns hier aufgelauert und als die Kleine auf dem Karussell mitgefahren ist, hat er sie einfach vom Pferd gehoben und ist abgehauen. Und ich hab keine Ahnung wo die hin sind!''
Wieder brach sie in wildes Schluchzen aus. Annika und Petra setzten sich neben sie und bekamen mit viel Geduld die ganze Geschichte aus der Frau heraus. Offenbar hatte da jemand die Scheidung nicht vertragen und sich nun auf diese Weise gerächt. Da der Mann nicht in Deutschland gemeldet war, konnte man ihn auch nicht ohne weiteres ausfindig machen.
''Rumhocken und Heulen hilft nix,'' stellte Annika klar. ''Wir gehen jetzt den Typen suchen. Der hält sich hundertpro noch hier irgendwo auf und fühlt sich total sicher. Los komm, du bist die Einzige die ihn erkennen kann. Wir finden den!'' Zaghaft stand die unbekannte Frau, die sich als Gabi vorgestellt hatte, auf, und folgte den beiden resoluten Polizistinnen durch die erleuchteten Gassen. Zuerst schien es, als sei ihre Suche vergebens. Doch auf einmal verspürte Annika deutliche Signale des Unbehagens.
''Stopp Kinder, hier entlang, ich glaub ich hab 'ne Spur!'' Und tatsächlich, je näher sie dem Lebkuchenhäuschen kamen, desto deutlicher schälten sich Gedanken heraus, die sich deutlich von dem üblichen halb betäubten Summen der Erwachsenen abhoben. Spitzige innere Schreie: Ich will nicht ich will nicht ich will nicht!
Ein Mann zog ein etwa dreijähriges Mädchen am Arm mit sich, das Kind klammerte sich an der mit Lebkuchen bepackten Brüstung fest, diese kippte - und ein Schwall von Lebkuchen ergoß sich über die Kleine. Der Mann fluchte und wollte das Kind aufheben und wegtragen. Da begann das Gebrüll aber im Ernst, du meine Herren. Gabi war nun auch aufmerksam geworden und kreischte los: ''Manuela, laß meine Manuela los! Haltet den Kerl!''
Annika setzte zum Spurt an, ein kurzer Kampf und der Mann lag regungslos am Boden. Das Kind hatte sich zur Mutter geflüchtet und bohrte verstört seinen Kopf in deren Schoß. Der Lebkuchenverkäufer stand verkniffen neben seiner Bude und Annika hörte wie er dachte: 'Und wer bezahlt mir jetzt die kaputten Lebkuchen?'
Sie wandte sich ihm zu und meinte: ''Sie können bei meinen Kollegen, die jetzt gleich eintreffen werden, Anzeige erstatten gegen diesen Herrn hier, aber diese wird von wenig Erfolg gekrönt sein. Der Bursche wird die nächsten Jahre auf Staatskosten leben dürfen, da hat man nicht viel übrig. Aber Sie könnten die Bruchware an ein Waisenhaus spenden, die Kinder dort freuen sich auch über Herzen mit Sprung.''
Nachdem der Kindesentführer ordnungsgemäß verräumt und Mutter und Kind mit Lebkuchen und Glühwein (alkoholfrei natürlich) getröstet worden waren, saßen Annika und Petra nachdenklich nebeneinander auf dem sich klingelnd und trötend drehenden Karussell.
''Sag mal Annika, meinst du nicht, du wärst als Privatdetektivin glücklicher als bei der Polizei? Würdest mehr verdienen, deine Erfolgsquote wäre sicherlich bei 90% und du müßtest dich nicht mehr an die ganzen bescheuerten Regeln halten. Und wenn du dich einigermaßen etabliert hast, dann stellst mich ein. Mir geht das nämlich schon lange auf den Senkel, daß wir soviel Energie aufwenden um diese Kerle einzufangen und dann greifen sie höchstens ein paar Monate ab oder gehen ganz frei wieder raus. Das muß ein Ende haben!'' Gerührt blickte Annika auf die Freundin. Nie hatte sie ihr etwas von ihrem 'Nebenjob' erzählt und doch war Petra zum gleichen Schluß gekommen wie sie.
Zielstrebig marschierten sie bald darauf am Lebkuchenmann vorbei, der noch immer mit dem Aufsammeln seiner Ware beschäftigt war, zum Stand an dem man sich in hübsche Holzbretter Namen oder Ähnliches einritzen lassen konnte.
''Schreiben Sie 'Detektivbüro Gnadenlos','' bestellte Annika bei dem freundlichen jungen Burschen, der die Arbeiten ausführte. ''Und jetzt, liebe Petra, gehen wir zu mir nach Hause, köpfen eine Flasche Schampus und stoßen auf unsere Geschäftsgründung an. Die Herren der Schöpfung werden sich von nun an sehr, sehr warm anziehen müssen. Als Team sind wir unschlagbar!''
Bild mit KI erstellt
Montag, 22. Dezember 2025
Das Familientreffen
Ein muffiger Geruch nach alten Akten hing wie immer in den Räumen des Augsburger Finanzamts, wo Herr N. wieder einmal einen Bürotag einlegte. Seine Arbeit als Steuerprüfer war abwechslungsreich und er kam viel herum, doch liebte er die Bürotage. Vor allem weil er dort nicht von mißtrauischer und latent feindseliger Kundschaft sondern von seinen Kollegen umgeben war, mit denen er seit vielen Jahren friedlich und freundschaftlich zusammenarbeitete.
'Karli, Telefon!'
Hastig eilte Herr N. zurück an seinen Schreibtisch. Seine Ohren waren nicht mehr das, was sie einmal gewesen waren, ab und zu ertönte darin sogar ein ominöses Pfeifen, und das sparsame Klingeln im Amt war leicht zu überhören wenn er, wie gerade vorhin, in der Kaffeeküche mit den Damen scherzte.
'Na du Schlafmütze, wo bleibst denn?', tönte der immer leicht spöttische Baß seines Bruders an sein Ohr. 'Hör mal, wir fahren an Allerheiligen wieder ans Grab, holst uns vom Bahnhof ab? Wir wohnen im Hotelturm und dann können wir gleich von dort an den Friedhof fahren, ok?'
Als ob er eine Wahl hätte. Herr N. mochte seine Schwägerin wirklich gerne, aber sein Bruder Rudolf ging ihm nach all den Jahren oft genug immer noch gewaltig auf den Keks mit seinem Kommandoton. Was der ihn als Kind schon immer geärgert hatte! Einmal hatte er ihm deshalb aus blinder Wut ein Holzgewehr nachgeworfen, das beim Aufprall eine verdammt tiefe Delle in der Türe hinterlassen hatte. Hinterher war er natürlich schwer betroffen gewesen. Wenn er besser gezielt hätte ... aber was mußte Rudolf die Leute immer reizen bis aufs Blut. Und wenn man dann am Toben und am Brüllen war, saß er fies grinsend im Eck und genoß das Resultat seiner Bemühungen. Beruflich arbeitete er mittlerweile als Manager bei der Bahn. Da brauchte man Männer mit starken Nerven.
Sinnend saß Herr N. an seinem Schreibtisch und blickt die schwarze Gummiente an, die dort als Briefbeschwerer diente. Ein Geschenk seiner verrückten Schwester. Die Ente blickte ungerührt zurück. 'Selbst schuld,' schien sie zu sagen. 'Was bist auch immer für ein gutmütiger Depp. Soll er doch ein Taxi nehmen der alte Geizkragen und nicht immer dich als Chauffeur mißbrauchen. Stehen genug rum am Bahnhof.'
Seufzend machte Herr N. sich wieder an die Arbeit. Die Berichte schrieben sich nicht von selber und außerdem mochte er seinen Job. Auch wenn ihm in Augsburg nicht immer der gewünschte Respekt entgegengebracht wurde. Man kannte sich aus der Schule oder aus dem Chor, und so konnte es durchaus passieren, daß er ein Geschäft betrat um die Bücher einer Prüfung zu unterziehen und von einem lauten Lachen begrüßt wurde: 'Ja do schau her, dr Karli, griaß di! Was machschn DU do?'
Ja das merkten sie dann schon recht bald, was ER da machte. Grummel. Leider hatte sein Bruder Rudolf keinen Laden, den er prüfen konnte. Wäre eh nicht sein Einzugsgebiet gewesen, der wohnte viel zu weit weg, im Nordwesten Deutschlands.
Am 1. November fuhr Herr N. wie verabredet in die Stadt, um Rudolf mit Familie vom Zug abzuholen. Geparkt wurde vor dem Finanzamt, immerhin hatte er hiermit einen Vorteil den anderen Augsburgern gegenüber, die sich teuer ins Parkhaus stellen mußten wenn sie mit dem Auto in die Innenstadt wollten. Kaum war man losgefahren in Richtung Hotelturm, fing Rudolf schon wieder das Triezen an. 'Grüner wirds ned! Sag amol wo hosch denn du den Führerschein her? Vom Grabbltisch von dr Kaufhalle?' Herr N. beherrschte sich mühsam. Im Auto hatte er eh keine Waffen griffbereit. Leider. Manchmal wünschte er sich, er hätte die Gewehre des Vaters nach dessen Tod nicht beim Landratsamt abgegeben. Den Weiterbesitz ohne die vorgeschriebene Unbrauchbarmachung hätte er den Behörden gegenüber mit seinem Status als 'gefährdete Person' begründen können. Bei DEM Bruder. Doppelgrumpf!
Nachdem die Weitgereisten ihr Gepäck im Hotelzimmer verstaut und sich ein wenig frischgemacht hatten, traf man sich wie verabredet unten im Restaurant. Karl, Rudolf, dessen Frau Beate und Norbert, Rudolfs Sohn aus erster Ehe. Unverhofft war auch die verrückte Schwester dazugekommen. Obwohl niemand sie eingeladen hatte. Man munkelte, sie könne hellsehen. Fröhlich verteilte sie Süßigkeiten, die sie unterwegs in einer Verschenke-Kiste vor einem Haus gefunden hatte. Überbleibsel von Halloween. Niemand mochte so recht zugreifen.
Die Vorspeise wurde aufgetragen, man unterhielt sich über Belangloses, die Stimmung blieb friedlich. Der Hauptgang wurde als Wildragout-Töpfchen angekündigt und ansprechend garniert in einem ausgehöhlten Kürbis serviert. Man wünschte sich einen guten Appetit und Rudolf begann, die Kostbarkeit gierig in sich hineinzuschaufeln. Doch was war das? Hustend und prustend griff er nach seinem Wasserglas und trank es in einem Zug aus. Knallrot im Gesicht atmete er tief durch, aß aber tapfer weiter, um sich keine Blöße zu geben - nachdem es den anderen ausnahmslos gut zu schmecken schien wie er mittels heimlicher Seitenblicke festgestellt hatte. Keiner hustete, keiner lief rot an. Hatte man lediglich bei ihm den Pfeffer ins Essen fallen lassen oder was war da los?
Nur mit äußerster Beherrschung brachte Rudolf das Essen hinter sich, die Hälfte mußte er stehenlassen. Auf die Frage der Bedienung, ob es ihm nicht geschmeckt hätte, brachte er lediglich ein zittriges Lächeln zustande.
Wenn Beate, auf ihrem Weg zur Toilette, mitbekommen hatte, wie ihr Schwager Karl der Bedienung dankbar auf die Schulter klopfte und ihr einen gefalteten Schein zusteckte, so ließ sie sich nichts anmerken. Auch ihr war die Spannung zwischen den beiden Brüdern nicht entgangen.
Später am Grab, als man gemeinsam auf den Pfarrer wartete, der wedelschwingend durch die Reihen eilte, glaubte Rudolf, eine leichte Verschiebung der Marmorplatte zu beobachten. Eine strenge Stimme tönte aus den Tiefen des Grabes hervor und ließ ihn zusammenzucken: 'Rudolf, laß das Karlchen in Ruhe!'
Rudolf wischte sich den Schweiß von der Stirne, der ihm trotz des kühlen Novembertages auf die Stirne getreten war. Vielleicht sollte er einmal mit seinem Arzt reden. Beruflich kürzer treten. Schließlich war er bereits herzkrank, und niemand lebte ewig. Beschämt nahm er seinen kleinen Bruder am Arm und meinte vertraulich: 'Tut mir leid Karli, wenn ich mich heute mittag im Ton vergriffen habe, ich werde versuchen, mich zu bessern. Schließlich sehen wir uns so oft auch wieder nicht und wer weiß wie lange noch.' Sogar die verrückte Schwester bekam ein freundliches Lächeln, das diese aber nicht bemerkte, da sie mit dem Kopf wieder einmal völlig woanders war und obendrein kurzsichtig. Beate grinste leise in sich hinein. Ihr Mann war im Grunde doch ein guter Kerl. Auch wenn man manchmal ein wenig nachhelfen mußte.






