Samstag, 28. März 2026

Das Kätzchen hatte recht, wie immer.

Meine romantische Seite liegt in Scherben. Da ist nichts mehr zu machen. Auch kein Kintsugi. Kaputt für immer. Eine Wette! Wegen einer Wette hat er sich mit mir abgegeben! Wie weh das tut! Ein Polygamist wäre schlimm genug gewesen aber jemand, der hintenrum eine Wette abschließt und sich dann an einen ranwanzt ... sowas macht man vielleicht mit 14 am Schulhof aber doch nicht mehr in unserem Alter! Ist der Untergang von Anstand und Moral bereits so weit fortgeschritten?

Daß die romantische Seite nun hinüber ist, macht mir nicht wirklich etwas aus, da sie sich oft genug negativ ausgewirkt hat. Beispielsweise hatte ich mir vor einiger Zeit Blaubeeren gekauft. Ich mag die so gerne. Die waren aus Peru. Die romantische Seite hatte mir was vom Anbau in den weiten Fluren der Anden vorgeschwärmt, ich sah fröhliche Inkas in farbenfrohen Gewändern, wie sie durch ein vor Bienen summendes Feld schritten und wunderschöne Lieder sangen.

Die Wirklichkeit sah anders aus. Ich hab ziemlich Durchfall bekommen weil das Zeug so mit Spritzmitteln belastet war. Konnte ich doch nicht ahnen, daß der Obstanbau in Südamerika von Schneewittchens Stiefmutter organisiert wird, die sich offenbar besonders an den Deutschen rächen will, weil die solche uncoolen Märchen über sie erzählen.

Nun war jedenfalls endgültig Schluß mit Romantik. Das gesamte Wochenende hatte ich in einer Art Schockstarre verbracht. Wie konnte ich mich so in einem Menschen täuschen? Klar, ich bin naiv und gutgläubig und alles, aber daß jemand nur wegen einer Wette so freundlich zu mir sein ... sich so verstellen kann ... daß ich glauben muß, ihm läge tatsächlich etwas an mir ... das ist unpackbar. 

Klar, die Aktion mit der Leiter war schon grenzwertig. Die hatte Sepp auch nur deswegen hinbekommen, weil die Erdgeschoßwohnung, zu der das Gärtchen unter meinem Balkon gehört, aktuell noch leersteht und die neuen Eigentümer nur sporadisch zu Renovierungsarbeiten anreisen. Sonst hätte man ihm gleich was gehustet.

Den Göttern sei Dank hat mittlerweile der Mann vom Lotto angerufen, das Geld sei nun verfügbar. Ich packe meine Reisetasche. Halb blind vor Tränen und völlig planlos. Egal. Was ich vergesse kann ich nachkaufen. Vor Ort. Wo auch immer das sein wird. Normalerweise plane ich meine Reisen Wochen oder gar Monate im voraus. Heute nicht. Ich fahr jetzt an den Bahnhof und schaue einfach mal. Ganz spontan. Ich kann das!

Bald darauf sitze ich im ICE nach Stuttgart. Wo will man um diese Jahreszeit auch sonst groß hinfahren außer nach Tirol und ich kann nicht skifahren. In Stuttgart gibt es immerhin das Kurbad. Wo man in warmem Mineralwasser baden und es sich wohlsein lassen kann. Ich mag Stuttgart. Anfang März kann man zwar leider noch nicht mit dem Bähnle über den Killesberg sausen, das geht nur in der warmen Jahreszeit, aber man kann sich im flauschigen Hotelbett verkriechen, man kann von den vielen Mineralbrunnen trinken die in ganz Cannstatt verteilt herumstehen und ganzjährig Betrieb sind weil die Mineralquellen ja ständig fließen, und man kann sich sicherlich das eine oder andere Museum ansehen. Museum geht immer. 

Blöd nur, daß sie in meinem Stammhotel kein Zimmer mehr frei hatten. Jetzt hab ich einfach mal so eine Luxushütte gebucht. Hoffentlich schreit dort niemand herum. Wir werden sehen.

Der Hauptbahnhof ist noch verbauter als bei meinem letzten Besuch, stelle ich nach der Ankunft in Stuttgart fest. Meine Herren, das kann heiter werden. Stuttgart 21 wird als die Ewigkeitsbaustelle in die Annalen der deutschen Baustellenhistorie eingehen. Und in Cannstatt hat man die Baustelle auch noch direkt vor der Nase. Der halbe Rosensteinpark ist ihr zum Opfer gefallen. Natürlich könnte ich woanders absteigen, aber mir gefällt es in Cannstatt. Und ich kenn mich aus. Auch wichtig.

Dieses Hotel hier kenn ich allerdings nicht. Nie gesehen. Aber man achtet ja auch nicht auf alles und schon garnicht auf teure Hotels. Hätt ich mir früher nie geleistet und eigentlich fühl ich mich dort auch nicht wohl. Wenn einem schon jemand das Gepäck aufs Zimmer tragen will! Das kann ich grad noch selber, vielen Dank auch. Und schon guckt er konsterniert. Dabei tät ich ihm doch nur Arbeit abnehmen wollen. Dauernd das schwere Zeug schleppen, das kann doch nicht gesund sein. Im Zimmer angekommen schau ich mich um - es ist ruhig und das ist die Hauptsache. Riesenbude ist das. Praktisch Suite. Da könnte man zu dritt wohnen und würde sich nicht gegenseitig auf die Füße treten. Weiche Teppiche, Riesenfernseher, Bad mit so einer komischen Sprudelwanne und einem Bidet, Kochnische gibts, im Schlafbereich Minibar, Wasserkocher, Weingläser und sogar Gratis-Knabberzeug. Da tät er gucken der Sepp ... aber ich verscheuche diesen Gedanken sofort wieder. Diese Idioten aus der WG sind jetzt nicht mehr in meinem Leben, punktum. Ich fang ein neues an. Also Leben. Da muß ich mir jetzt überlegen, was ich eigentlich will. Bisher hab ich hauptsächlich das gemacht, was ich mußte. Also reagiert statt agiert. Nachdenklich mümmle ich an einem Grissino. Vertrag ich eigentlich nicht aber des is mir heut amal wurscht. Morgen werd ich sogar runtergehen zum Frühstück. Sonst frühstücke ich nie in Hotels. In der Früh hab ich keinen Hunger und das Zeug mag ich eh alles nicht was da normalerweise so rumsteht. Aber, wie gesagt, jetzt neues Leben und einfach mal schaun. Is eh inkludiert. 

In der Nacht schlaf ich wunderbar, und tapse in der Früh voll erholt gleich um 7 Uhr runter in den Frühstücksraum. Du meine Güte, was die alles haben! Lachs mit Petersilie, mindestens 10 verschiedene Semmerln und als Aufstrich alles vom veganen Hummusgatsch über Bärlauchpesto bis hin zur scharfen Paprikapaste. Sogar Spargel haben sie schon. Ich lad mir glutenfreies Knäcke auf den Teller mit jeder Menge Lachs und hocke mich hin. Es ist noch kaum jemand auf um die Zeit, bis auf drei Typen im Anzug. Offenbar Geschäftsreisende, die sich hastig ihren Kaffee hinter die Krawatte kippen und ständig aufs Handy glotzen. Mei geht's mir gut. Ich muß mich nicht mehr hudeln, ich hab jetzt The Life of Riley. Nachher werd ich einfach mal losgehen, immer der Nase nach. Mach ich am liebsten. Man weiß nie, was man alles Schönes findet.

Das Erste was ich sehe ist ein Langhaariger der nur wenige Meter vor mir die Waiblinger Straße hinuntermarschiert. Kann ich diesen Typen vielleicht mal aus dem Kopf bekommen? Rasch biege ich in eine Seitengasse ein und orientiere mich in Richtung Altstadt. Doch warte, was ist das hier? Ein winziger Laden, fast wäre ich vorbeigelaufen, das Schaufenster voller antikem Trödel. Und uralter Postkarten! Ich liebe Postkarten! Völlig unerwartet ist das Geschäft sogar schon offen, um noch nicht einmal 9 Uhr morgens. Beim Hineingehen bimmelt eine altmodische Glocke. Ich steige vorsichtig eine Stufe hinunter, der alte Mann hinter der riesigen Massivholztheke blickt auf und lächelt verschmitzt.

'Da bist du ja endlich!', sagt er zu mir als hätte er bereits sein Leben lang auf mich gewartet. Was nicht sein kann. Hab ihn noch nie gesehen. Mein Gesicht spricht offensichtlich Bände, denn er setzt, weiterhin freundlich lächelnd, zu einer weiteren Erklärung an:

'Meine Katze hat mir gestern gesagt, daß du heute ziemlich früh eintreffen wirst. Eigentlich hätt ich um die Zeit noch nicht aufgesperrt. Aber ich wollte dich natürlich nicht verpassen. Wie du siehst bin ich nicht mehr der Jüngste und ich möchte den Laden an jemanden weitergeben, der ihn auch zu führen weiß. Deine Nase hat dich hierhergeführt. Mein Kätzchen hatte also recht, wie immer.'

'Und wenn jetzt in 10 Minuten jemand anderer kommt, der diesen Laden tatsächlich kaufen möchte? Was ich ja nicht vorhabe?', bemühe ich Logik und Verstand. Obwohl ... wenn ich mich so umsehe hier, das ist genau die Art von Geschäft in dem ich stundenlang gruschteln könnte und hinterher einen LKW bräuchte um meine Errungenschaften nach Hause zu transportieren. So schöne Sachen! Und kistenweise Postkarten!

'Es gefällt dir hier. Das merke ich doch. Und das was du siehst ist nur die Oberfläche. Komm mit, ich zeig dir was!' Neugierig folge ich dem Mann hinter einen staubigen Vorhang in ein Hinterzimmer. Auch hier stehen alte massive Eichenschränke, Truhen und Kisten, vollgestopft mit den wunderbarsten Dingen und vollgestellt mit kuriosen Skulpturen, Gemälden und uralten Fotos. Der Mann bedeutet mir mit einer Handbewegung, mich zu setzen. Ich kann mich nicht sattsehen. Der Laden ist tatsächlich ein Traum. Staubig, ja, aber das bin ich von zuhause gewohnt, des macht mir nix. Die Katze läuft mit erhobenem Schwanz und laut miauend durch den Raum. Schaut mich nicht einmal mit dem Hintern an das arrogante Vieh. Bin enttäuscht. Der Ladenbesitzer schmunzelt: 'Sie hat dich schon erkannt, sie weiß aber auch, daß die Zeit noch nicht gekommen ist. Du hast noch etwas Unerledigtes in deinem Leben und mußt noch viel lernen. Schau her, das ist eine Zauberkugel. Wenn du hineinschaust wirst du sehen, was noch zu erledigen ist. Und dann wirst du wiederkommen und ich werde dir alles beibringen, was du wissen mußt.'

Bissl ballaballa ist er schon, denk ich mir, aber ich hab Zeit und ich möchte nicht unhöflich sein. Also rutsche ich auf dem harten Holzstuhl (sicher total antik) nach vorne und schaue in die Kugel. Und traue meinen Augen nicht! Kein anderer als Sepp steht hier vor meinen Augen in der Kugel, offensichtlich völlig derangiert, und plärrt einen seiner langhaarigen Kumpels an: 'Wos für an Schas host ihr dazöht! Wette, oda? Des woa doch nur a Schmäh und hob I total schon wieder vergessen g'habt! I mog die Frau! Total! Und du host's versiebt! Du Oaschloch!'








Freitag, 20. März 2026

Mit Halbvier und mir ist nicht mehr zu rechnen



'AUA!' Auf was bin ich denn jetzt wieder draufgetreten? Noch dazu mit dem wehen Fuß. Hab mir selber ein Morton Neurom diagnostiziert aber der Professor hat nur gelacht und mir Einlagen verschrieben. Grummelig wühle ich mich durch den Kleiderhaufen am Boden. Aha.  Einer der Kiefernzapfen, der meine Bücherregale im Schlafzimmer verzieren sollte, hatte sich irgendwann heimtückisch auf den Boden begeben und zwischen den Klamotten versteckt. Und ich tret natürlich voll drauf. Nun ist er kaputt und mir tut die Fußsohle weh. Fängt schon gut an, der Tag.

Immerhin hab ich frei. Wobei ich die beiden vergangenen Tage um die Ablenkung durch meinen Job nicht bös war. So konnte ich wenigstens nicht ständig darüber nachgrübeln, wieso es mich so stört, daß Sepp eine Freundin hat, wenn ich doch eh nichts von ihm will. 

Ich arbeite Mittwoch und Donnerstag von Zuhause aus in der Terminvergabe eines großen Klinikums. Noch. Sobald der Typ vom Lotto angerufen hat und ich sicher sein kann, meine Millionen zu bekommen, werde ich wohl kündigen. Und umziehen.

Manche Anrufe die ich so bearbeite, gehen mir wirklich nahe. Beispielsweise ruft eine Frau an, die 1952 geboren wurde, also bereits über 70 Jahre alt ist. Sie möchte ihren Termin ein bissl nach hinten verschieben weil sie in der Früh immer ihre gebrechliche Nachbarin versorgt.

Heute ist Freitag, da geh ich immer ins Seniorenyoga. Neben mir sitzt Erika. Erika sieht fast nichts, ist sehr schwerhörig und ihre Gelenke tun so weh, daß sie Fentanyl verschrieben bekommt. Dennoch geht sie noch fast jeden Tag raus, auf Wegen die sie sich eingeprägt hat, als sie noch ein bissl was sehen konnte. Erika hat nur Pflegestufe zwei, daher kommt jeden Morgen ihre Tochter, macht das Frühstück und erledigt die Post und was so anliegt. Dann eilt sie zur Arbeit. Abends bringt sie dann der Mutter noch Einkäufe vorbei. Dies geht nur, weil sie keine vollen 38 Stunden in der Woche arbeitet.

Und dann stellt sich unser Kanzler hin und nervt rum, die Leute würden zuwenig arbeiten? Dabei leisten soviele Menschen diese wichtige, aber für ihn halt wahrscheinlich mangels Zahlen 'unsichtbare' Arbeit. In der Pflege, beim Roten Kreuz, bei der Diakonie. Alles ehrenamtlich oder einfach privat völlig unter dem Radar. Er hingegen sieht nur Menschen, die immer weniger offizielle Arbeitsstunden leisten. Das wird seinen Grund haben. Ein Bekannter von mir ist Nebenerwerbslandwirt. Auch er würde gerne seine Arbeitszeit in der Autowerkstatt reduzieren, nur der Chef läßt ihn nicht. Der fährt nach der Arbeit oft noch bis spät in die Nacht mit dem Trecker über seine Felder, und nebenbei ist er noch bei der freiwilligen Feuerwehr. Aber das sieht der Herr Merz alles nicht. Warum sind die Politiker so weit von dem Volk entfernt, um dessen Bedürfnisse sie sich doch eigentlich kümmern sollten? Idealerweise jedenfalls.

Als ich mich frisch gewaschen und gekämmt zur Wohnungstüre hinausbegebe, um zum Yoga zu fahren, sehe ich einen kleinen Umschlag auf der Fußmatte liegen. Beschriftet ist er nur mit 'Für Kati, persönlich'. Als ob sich meine Nachbarn für meine Post interessieren würden.
Mein Herz beginnt zu rasen. Ob das wohl eine Nachricht von Sepp ist? Er hat ja meine Nummer nicht. Nur ich seine. Während ich die Treppen hinunterlaufe, reiße ich neugierig den Umschlag auf. Tatsache. Nachricht von Sepp. 'Warum machst du nicht auf wenn ich klingele? Geht es dir nicht gut? Ich mache mir Sorgen!'

Oh. Das wollte ich natürlich nicht. Daß er sich Sorgen macht. Aber wieso macht er sich Sorgen um mich wenn er doch mit der jungen Tussi beschäftigt ist? Bin ich in seinen Augen auch eine alte gebrechliche Nachbarin um die man sich kümmern muß? Wie peinlich! Und ich naiver Trottel hatte doch glatt gedacht, er flirtet mit mir. Er schaut zwar viel jünger aus als ich, ist aber doch im selben Alter. Zutiefst gedemütigt werfe ich den Zettel in den Abfalleimer vor dem Haus und eile mit Riesenschritten zur U-bahn. Sorgen macht er sich. Pah! Depp, der.
Soll er sich lieber Sorgen um den Teint seiner Freundin machen. Mit der vielen pappigen Schminke macht man sich die Epidermis kaputt, jawoll! Die Haut will atmen und sich nicht mit billigem Gatsch die Poren verstopfen lassen! Zornig und enttäuscht wüte ich vor mich hin bis ich beim ASZ (Alten- und Servicezentrum) angekommen bin, wo unser wöchentliches Seniorenyoga stattfindet. Silvia, die Kursleiterin, ist total lieb und schafft es jedes Mal, daß ich mich hinterher besser fühle.  

Besonders reif habe ich mich ja nicht verhalten, überlege ich so vor mich hin, als ich nach der Yogastunde wieder in Richtung Zuhause marschiere. Er kann ja nicht wissen, daß ich meine Türklingel grundsätzlich abgeschaltet habe damit mich niemand mit plötzlichem Klingeln erschrecken kann. Neulich wie er vor der Türe stand und um Mehl fragte (ausgerechnet!), hatte ich einfach nur vergessen, nach der Lebensmittellieferung die Klingel wieder auszuschalten. Vielleicht sollte ich mich einfach kurz melden. Schriftlich. Ich telefoniere extrem ungern. Hab immer Sorge, den anderen zu stören sollte ich es wagen, einfach anzurufen. Die Leute sind ja immer so beschäftigt. Sogar Erika ist meist gerade auf dem Sprung, wenn ich mich melde. 

Die Schleißheimer Straße ist sehr lang. In der Stadt drinnen beginnt sie als eine enge Gasse mit kleinen Läden und Cafés rechts und links, voller Menschen die umherwuseln, lebendiges Stadtbild würde man wohl sagen. Mit der Zeit wird sie breiter, und bei uns oben im Norden ist sie einfach nur noch häßlich, laut und stinkig. Die Menschen, die bei BMW arbeiten, strömen gerade heraus in die Mittagspause. Die Wintersonne blinzelt von schräg oben, das lockt die Menschen ins Freie. Überall stehen diese neumodischen Scooter herum, und werden auch fleißig benutzt. Mir sind die unheimlich. Vor fünf Jahren hat ein Mann beim Aufladen seines Rollers ein historisches Gebäude in Brand gesteckt. Der Akku ist beim Laden einfach explodiert. Es war das älteste Haus in der Augsburger Karolinenstraße und der Schaden ging in die Millionen. Es ist zwar niemand gestorben, aber viele Menschen verloren durch den Hausbrand all ihr Hab und Gut.

Seither sehe ich diese Roller immer ziemlich skeptisch an. Und die schauen frech zurück. Eigentlich hatte ich bislang immer nur ausgebüchste Einkaufswagen fotografiert aber seit einiger Zeit habe ich auch die Roller im Visier. Man muß den Feind im Auge behalten. 

Gemütlich flaniere ich die Straße entlang und träume vor mich hin, als auf einmal ein Jugendlicher von hinten auf genau so einem Roller dahergedüst kommt und so eng an mir vorbeifährt, daß er mich mit seinem Rucksack heftig am Arm anrempelt. Erschrocken fahre ich zusammen und schicke dem Kerl laute Schimpfwörter hinterher. So ein Depp! Kann der nicht schauen wo er hinfährt? So dick bin ich auch wieder nicht, daß man nicht bequem an mir vorbeikäme!

Da kann man jetzt über den Sepp sagen was man will, aber DER würde das NIEMALS tun. Sein Humor ist zwar gewöhnungsbedürftig aber er ist ein guter Kerl und verhält sich im Straßenverkehr vernünftig und vorausschauend. Irgendwie vermisse ich sein bescheuertes Grinsen. Ob ich doch anrufen soll? Nein! Am Ende störe ich beim Schäferstündchen. Ich werde eine meiner Postkarten in den Briefkasten drüben stecken. Genau. So werde ich es machen.

Beschwingt eile ich nach Hause und durchforste meinen Postkartenfundus. Manchmal lasse ich von einem meiner Fotos Postkarten drucken. Damit 'beglücke' ich dann meinen zugegebenermaßen eher übersichtlichen Bekanntenkreis. Hier! Diese Karte würde doch bestens passen. Sie zeigt ein grünes Männchen, offensichtlich ein Außerdischer, der Grüße von Halbvier ausrichtet, mit dem in nächster Zeit aber nicht zu rechnen wäre. (Halbvier ist ein Weltraumreisender der sich auf einer anderen Postkarte als Dyskalkuliker vorstellt. Daher fand ich es lustig, daß mit ihm in nächster Zeit nicht zu rechnen sei. Ich weiß, mein Humor ist auch gewöhnungsbedürftig.) Hinten auf die Karte schreibe ich, daß auch mit mir aus persönlichen Gründen aktuell nicht zu rechnen sei und man sich keine Sorgen zu machen brauche.

Erst als es dunkel geworden ist, traue ich mich, zum Briefkasten der WG zu schleichen. Den Göttern sei Dank sind an diesem Haus die Briefkästen außen. Bei uns müßte man klingeln, um hineinzukommen. Ich kann mich noch erinnern, damals in Ulm als ich noch ein Kind war, da kam jede Woche der Getränkelieferant. Der hat, und das fand ich so faszinierend, seine riesige Hand über ALLE Klingeln gleichzeitig gelegt und sobald jemand den Türöffner betätigte, brüllte er ins Treppenhaus: FINKBEINER!
Daraufhin kamen dann wohl die Hausfrauen aus den Wohnungen und holten ihre Bestellungen herein. Daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Wir haben sowieso nie Sprudel gekauft, dazu war mein Vater viel zu geizig. Wasser kam ja aus dem Hahn und damit konnte man Tee machen.

Kaum habe ich meine Karte in den Kasten der WG gesteckt, öffnet sich die Wohnungstüre und ein langhaariger Mann kommt heraus. Ich schaue ihn erschrocken an ... aber es ist ein Fremder, nicht Sepp. Er jedoch scheint mich zu erkennen. Langsam breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus (offenbar Voraussetzung für eine Aufnahme in die WG: Lange Haare und freches Grinsen).

'Du bisch doch die Alte mit dem Bild, gell? Hod er di schon rumkriagt?'
Ich erstarre zur Salzsäule. 'Rumgekriegt???'
'Ja du hosch doch grad a Liebesbriefle in den Kaschta g'schmissa. Han I doch g'säha.'
Du meine Güte, ein Schwabe. 
'Mir hend halt a Wette laufa, dr Sepp und I. Und wenn I verlaura hätt, no tät's mi grad scho interessiera ...'









Sonntag, 15. März 2026

Ich möchte ein Eisbär sein ...


Im nächsten Moment hätte ich mir am liebsten die Zunge abgebissen. Wie dumm von mir! Überall ist nachzulesen, man solle im Falle eines Lottogewinns niemandem davon erzählen. Den Grund kann man sich denken. Und nun binde ich es ausgerechnet Josef auf die Nase, den ich nicht nur kaum kenne, sondern eigentlich auch nicht wirklich kennenlernen will.

Doch dieser ist offenbar mit einem göttlichen Gleichmut gesegnet. Er zuckt mit keiner Wimper und bemerkt nur höflich: 'Ja mei is des schee!' Um dann aber doch neugierig nachzufragen: 'Und was machst nachher mit dem Geld? A Kreuzfahrt? Oder kaufst dir ein Ferienhaus irgendwo? Oder ein Regal voller Schuhe?'

'Ah geh, Schuhe! Schau I so aus? I kann's irgendwie ned glauben, grad. Weißt I wünsch mir des scho so lang, daß ich amal g'scheit im Lotto was krieg, und jetzt ... du vielleicht ist das auch garnicht echt? Im Internet kannst ja gleich garnix mehr glauben. Weißt Josef, ich muß des jetzt erst mal sacken lassen. Und daheim die Zahlen nachschaun ob das auch alles so stimmt.'

'Warum nennst du mich eigentlich immer Josef?', will Josef wissen. 'I bin doch da Sepp.'

'In Gedanken nenn ich dich ja eh schon Sepp,' gebe ich zögerlich zu, 'aber das klingt halt so familiär und vertraut und wir sind uns immerhin total fremd. Nach nicht einmal drei Tagen Bekanntschaft.'

Wieder lacht er. 'Hältst mich insgeheim immer noch für eine Art Jack Unterweger, der die Frauen erst in seinen Bann zieht und dann reuelos erwürgt? Aber ich darf daran erinnern: Jack kam vom Land. Und aus der Steiermark. Ich hingegen hab mich immer in Wien herumgetrieben. Und wie wir alle wissen, Wien ist nicht Österreich.'
Ganz automatisch rufen wir im Chor 'Wien ist anders!'
Und brechen in ausgelassenes Gelächter aus.
Und sind auch schon bei mir zuhause angekommen.

'Danke fürs Heimbringen ... Sepp.' Sage ich leise und will aussteigen. Ich sehe in sein enttäuschtes Gesicht und mir wird mulmig. Er fragt: 'Darf ich nicht noch auf ein Getränk mit hinaufkommen?' Ich bin verwirrt. Getränk? 'Nun, einen Tee könnte ich uns machen ...'
'Ich hatte eher an ein Glas Wein gedacht?'

'Nur gut, daß du Fotograf bist und kein Krankenpfleger. Bei Gehirnerschütterung ist Alkohol streng kontraindiziert. Aber wenn du Lust auf Wein hast, ich kann dir gerne was mitgeben, ich hab ein paar Flaschen da. Sogar welchen aus Österreich.'

Er schaut beschämt und meint: 'Nein nein laß nur, ich hab eh welchen z'haus, ich wollt eigentlich nur noch mehr Zeit mit dir verbringen. Aber klar, du mußt dich jetzt ausruhen, das versteh ich total. Machs dir gemütlich, schlaf ein bissl, und ich würd mich freuen, wenn wir uns bald wieder sehen könnten. Nummer hast ja. Bussi baba!'

Ich schmunzle über diesen typischen Wiener Abschiedsgruß und winke ihm freundlich nach. Er ist schon ein herziger Bub, denke ich mir, da kannst nix sagen. Aber mehr kann ich mir zwischen uns einfach nicht vorstellen. Er, der aktive, immer gut gelaunte und attraktive Fotograf, der an jedem Finger zehn Frauen haben könnte, und dann ich, die komische Alte die soviele Eigenheiten entwickelt hat, daß ein normales Leben kaum mehr möglich erscheint.

Was ja unter'm Strich egal ist solange man alleine ist. Aber erklär mal einer zweiten Person, warum Kinder dich so grantig machen, warum du ein Restaurantessen nicht genießen kannst und warum du 'lieber zum Zahnarzt gehst als auf eine Party' wie es Gunkl einmal so schön auf den Punkt gebracht hat. Weil man beim Zahnarztbesuch wenigstens weiß, für was es gut ist. Gunkl ist prima. Leider hab ich schon lange keine Vorstellung mehr von ihm gesehen weil ich abends immer so müde bin.

Das ist ja das nächste Thema. Mit mir kann man nicht viel unternehmen. Selten, daß ich einmal in ein Museum gehe, obwohl ich Museen irre interessant finde. Besonders das in Salzburg oben am Mönchsberg. Dort gibt es immer was Abgefahrenes zu sehen. Aber reisen kann ich halt auch nicht mehr. Die vielen lärmigen Leute im Zug und im Hotel, das halte ich nicht aus.
Abgesehen davon, daß die Hotels so teuer geworden sind. Ich zahl doch keine Lawine dafür, daß man mich nachts nicht schlafen läßt.

A propos Lawine ... schlagartig fällt mir mein Lottogewinn wieder ein. Ob da wirklich was dran ist? Eilig steige ich zu meiner Wohnung hinauf und werfe mein Chromebook an. Checke die Zahlen auf gmx. Und tatsächlich: Mein Schein hat gewonnen! Sechs Richtige mit Zusatzzahl! Es erscheint ein Pop-up in dem ich aufgefordert werde, mit einem Klick die Benachrichtigung über den Gewinn offiziell zur Kenntnis zu nehmen. Aber wieviel es ist, sagen sie immer noch nicht. Es ist nur die Rede von einem Zentralgewinn und daß ich meine Identität mit einem Postident-Verfahren bestätigen muß. Find ich gut. Erst neulich las ich von einem hinterfotzigen Angestellten in einer Trafik, der einem Lottogewinner dreist ins Gesicht gelogen hat, ihm weisgemacht hat, er hätte eh nichts gewonnen. Der hats geglaubt und ist wieder abgezogen, den Schein hat er liegenlassen ... und der Angestellte wollte dann damit das Geld für sich abholen. Hat aber nicht geklappt weil man herausgefunden hat, daß er in der Lotto-Annahmestelle arbeitet. Leider ist der echte Gewinner mittlerweile nicht mehr identifizierbar. Eineinhalb Millionen Euro beim Teufel nur wegen so eines Betrügers! Das kann beim Online-Spiel nicht passieren. Da weiß nur ich, daß ich gewonnen habe. Naja und der Sepp halt jetzt. 

Am nächsten Morgen durchlaufe ich per Videocall dieses Postident-Verfahren, der Mann ist sehr nett und teilt mir mit, daß mich demnächst jemand anrufen wird wegen einer Beratung.
Na, was werd ich eine Beratung brauchen. Das Problem ist doch, daß die Banken nur bis zu einem Betrag von Hunderttausend Euro haften. Ich hab neun Millionen. Euro. Ich kann doch keine Tausende von Konten eröffnen. Soviele Banken gibts ja garnicht. So recht kann ich mich über meinen Gewinn nicht freuen. Kaum haben die Kopfschmerzen wegen des Treppensturzes endlich nachgelassen, bekomme ich gleich wieder welche weil ich nicht weiß, wie ich das Geld am besten so aufhebe, daß es nicht gleich wieder verschwindet.

Ich beschließe, mich dann aufzuregen wenn es soweit ist und fahre erst einmal ins Nordbad, zum Schwimmen. Das Außenbecken, das ich wegen des warmen Wassers auch im Winter präferiere, füllt sich rasch mit den üblichen Verdächtigen. Die kurzhaarige Frau die immer nur in der Mitte steht und so laut schreit, daß man sie bis in die Stadt hinein hört. Der Mann der aussieht wie Harpo mit seiner Schwimmbrille, und den ich gerne mag weil er nie im Weg herumsteht sondern auch einfach nur schwimmen möchte. Das Knoblauchmännchen, ein kleiner dünner Mann der immer unter den Massageduschen herumspringt, alle vollspritzt und nach Knoblauch stinkt wie ein Weltmeister. Der Mann mit dem tätowierten Adler auf der Schulter, ich nenne ihn 'The German', der immer wie aufgezogen im äußeren Kreis rundherum geht und sich dabei von niemandem aufhalten läßt. Nicht einmal von den beiden lästigen Weibern die dort immer gemütlich entlangschlendern und niemanden vorbeilassen wollen. Und natürlich der 'Zuhälter'. Den finde ich besonders nervig, weil er mich jedes Mal gnadenlos zutextet. Natürlich ist er nicht wirklich ein Zuhälter sondern sieht nur so aus. Glatze und Goldkettchen. Mehrere. Im Schwimmbad! Ständig redet er über Geld, Immobilien, Teppiche, seine Uhrensammlung ... als ob das irgendjemanden interessieren würde. Lediglich der Fortschritt seiner Schulterverletzung interessiert mich. Leider kann er mir immer noch nicht sagen, was im MRT-Befund gestanden war. Typisch Patient. Kein Interesse am Sachverhalt aber auf den Arzt schimpfen.

Langsam drehe ich meine Runden und überlege mir, daß ich mich ja nun nicht mehr mit all diesen Leuten herumzuärgern brauche. Ich kann mir meinen eigenen Swimming-Pool anlegen lassen. In dem niemand schreit, niemand im Weg herumsteht und den ich jeden Tag genießen kann, egal wie spät es schon ist. Ins Nordbad kann ich ja nur ganz in der Früh gehen, danach wird es vollends unerträglich.

Das Leben ist auf einmal voller Möglichkeiten, so daß einem ganz schwindelig wird. Ich kann endlich umziehen wohin ich möchte. Raus aus diesem miefigen Wohnblock in dem in immer kürzeren Abständen die Eigentümer wechseln und jedes Mal monatelang gehämmert und gebohrt wird, daß das Haus wackelt. Ich kann meinen Job kündigen und zurück nach Augsburg ziehen. Wo es noch echte Wälder gibt und nicht nur sporadische Ansammlungen von kranken Bäumen zum Zwecke der Hundeentladung, so wie hier. Ich könnte das Geld in ein paar Eigentumswohnungen investieren, statt zig Konten aufzumachen, dann könnte ich eine davon an Sepp vermieten. Total anonym natürlich. Über eine dritte Person. Leider kenne ich weder Strohmänner noch Strohfrauen. Das Leben ist auf einmal sehr kompliziert geworden. Was Sepp wohl gerade so macht?

Am Nachhauseweg nähere ich mich meinem Wohnblock einmal von der anderen Seite. Tue so, als würde ich rein zufällig hier langlaufen, und werfe einen unauffälligen Blick hinauf zu den Fenstern der WG. Plötzlich sehe ich ihn von der Hauptstraße her auf mich zukommen. Rasch verschwinde ich im Hauseingang gegenüber. Er ist nämlich nicht alleine. An seiner Seite hüpft eine aufgedrehte, überschminkte Person, gerade einmal Mitte 20 oder so. Lange Haare, beneidenswerte Figur, absolut perfekt. Sie redet in einer Tour auf ihn ein und er grinst sein unwiderstehliches Seppl-Grinsen. Es tut weh, daß es nun einer anderen gilt. Einer so hübschen und beneidenwert gesunden jungen Frau. Die beiden nähern sich der Haustüre, er zieht den Schlüssel heraus, sie fällt ihm um den Hals. Er nimmt sie zärtlich in den Arm und drückt ihr einen Kuß auf die Stirn. Mir wird ganz komisch im Bauch. So ein Verräter! Gestern wollte er noch mit mir einen Wein trinken und heute busselt er schon die nächste ab.

Ich warte, bis sie im Haus verschwunden sind und suche dann rasch das Weite.
Dem vermiete ich keine Wohnung. Am Ende zieht er dann mit ihr ein und die macht alles fleckig mit ihrer Schminke! Langsam steige ich die Treppen hinauf, betrete den Hausflur und ziehe als erstes die Vorhänge an dem Fenster zu, von dem aus man aufs Nachbarhaus hinübersieht. Meine romantische Seite ist sehr traurig.
Schade, daß ich Angst vor dem Fliegen habe.
Eine Auszeit am anderen Ende der Welt erscheint mir gerade extrem verlockend.













Freitag, 6. März 2026

Der Teufel von Straßburg


Mir verschlägt es die Sprache. Was zugegebenermaßen eher selten vorkommt.
'Du weißt aber schon, daß ich eine Gehirnerschütterung hab? Und dann tätst du mich auf so einem Klappergaul heimscheppern lassen wollen? Mann Alter echt ey!'
Enttäuscht wende ich mich ab und strebe Richtung Bushaltestelle. Hoffentlich guckt grad keiner von den Klinikleuten aus dem Fenster. Ich will heim!

'Kati bitte, das war nur ein Schmäh! Das ist doch nicht mein Motorrad! Ich bin selbstverständlich mit dem Auto da! Ok manchmal bin ich ein bissl verrückt aber noch nicht völlig krumm in der Birne. Ehrlich. Komm, der Wagen steht dort um die Ecke, es war nicht ganz einfach, hier einen Parkplatz zu bekommen.'

'Woher weißt du wie ich heiße?' frage ich irritiert. 'Schließlich kenne ich deinen Namen auch nicht. Wieso du dann meinen? Bist du vom Geheimdienst?'

'Dein Name steht auf deiner Klingel, da muß man nicht viel recherchieren, das schaff sogar ich mit meinem männlichen Hirn, gell? Und meinen Namen sag ich dir gerne, ich bin der Loipfinger Josef. Aus Rimsting. Von Beruf Fotograf und ab und an auch mal Model. Bisher hab ich in Wien mein Unwesen getrieben, mal dies gemacht, mal das, aber dafür fühl ich mich echt langsam zu alt. Und jetzt wo ich eine Festanstellung in München bekommen hab, tät ich halt eine Wohnung suchen und bis dahin penn ich drüben in der WG, da war grad ein Zimmer frei. Und du so, wenn wir grad dabei sind uns kennenzulernen? Was machst du beruflich?

'Ach, ich bin nur der Depp vom Dienst in einem LMU Klinikum, nothing to write home about.'

'Geh weida, LMU? Wo denn da genau? Weil da fang ich nächste Woche auch an. In der Medienabteilung in Großhadern.'

'Nee, oder? In Großhadern! Dort war ich auch! Fast 20 Jahre lang. Des gibts ja jetzt ned! Und du bist aus Rimsting am Chiemsee? Da wo der Bus jedes Mal von der andern Seitn wegfahrt als die auf der man grad steht?'

Sein herzhaftes Lachen erwärmt mein Herz. Ich hab ihn zum Lachen gebracht. Ich kenne seine Heimat und er hat einen Job ausgerechnet in Großhadern. Das kann doch alles kein Zufall mehr sein. Sind wir womöglich tatsächlich füreinander bestimmt? Meine romantische Seite boxt sich gerade ganz massiv den Weg frei. Wir erreichen sein Auto und er hält mir galant die Beifahrertüre auf. Als ob ich nicht selbst einsteigen könnte. Einsteigen ist nie das Problem, nur beim Aussteigen sieht man in meinem Alter nicht mehr ganz so elegant aus.

Er fährt los und wir sitzen eine ganze Weile friedlich nebeneinander.  Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Ich gucke erschrocken zu ihm hinüber: 'Knurrst du vor dich hin oder ist was mit dem Auto? Was tut denn da so?' Er grinst wieder: 'Das wird dein Magen sein, mein ich alleweil? Wann hast du zum letzten Mal was gegessen?' Ich horche an mir hinunter. Tatsache. Ich hab Magengeräusche. Wie peinlich! Daß die so laut sein können. Die Autos heutzutage machen aber auch fast keinen Lärm mehr. Nicht einmal dann, wenn man ihn mal bräuchte. Ständig muß man Obacht geben, daß man nicht überfahren wird so unauffällig schleichen die sich heran.

'Gegessen ... irgendwann gestern. Das Zeug was man im Spital bekommt ist nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, das hat sich aber bis zu den Krankenkassen noch nicht rumgesprochen.'

'Dann schlag ich vor, wir fahren jetzt erst einmal nach Paris zum Abendessen, was meinst?' Glücklicherweise kenne ich ihn mittlerweile gut genug, um diesen Vorschlag als nicht unbedingt ernst gemeint zu erkennen. 'Nein danke, der französische Wein soll ja sehr mit Schadstoffen belastet sein. Aber wenn du magst und einen Parkplatz findest, dann könnten wir auf ein Glaserl ins Beans&Books gehen, das kommt jetzt gleich da rechts nach dem Petuelpark. Einen Durst hätt ich nämlich schon wieder und man kann dort auch eine Kleinigkeit essen.'

Kurz darauf sitzen wir uns in dem gemütlichen kleinen Café gegenüber, er hat den Wagen tatsächlich in einer Nebenstraße parken können. Was bin ich froh, kein Auto zu haben. Man kann nie einfach stehenbleiben und sich etwas näher ansehen oder spontan irgendwo hineingehen. Immer ist man wuuuuuuuuuutsch im nächsten Augenblick auch schon vorbei - und einfach am  Straßenrand anhalten geht auch nicht, weil da immer schon welche stehen.

'Was schaust denn so düster in dein Glas? Sind da auch Schadstoffe drin?' Er grinst schon wieder. War die Frage ernst gemeint oder will er mich veräppeln. 'Ohne genaue Laboranalyse kann ich dir das leider nicht sagen. Aber man muß auch einfach mal Vertrauen haben.'

Er bricht in Gelächter aus, so laut daß sie von der Theke herschauen und ich befürchte schon, daß wir Hausverbot kriegen. Ist alles schon vorgekommen. Damals im Thing, in Augsburg, haben sie uns gebeten zu gehen, weil wir zu laut gelacht haben. Allerdings hab ich damals schon den Verdacht gehegt, daß sie uns einfach nicht mochten und daher loswerden wollten. Wir haben nicht ins neue Image der Kneipe gepaßt. Wir waren Übriggebliebene aus einer anderen Zeit. Aber hier darf man anders sein, deswegen komme ich gerne ab und zu her, auch wenn ich sonst ungern ausgehe. Immerhin gibt es Bücher. Man muß ja nichts essen. Das tu ich dann doch vorzugsweise daheim.

'Was lachst denn jetzt?' Er kriegt sich gleich garnicht mehr ein und haut sich vor lauter Vergnügen auf die Schenkel. 'Brich dir fei ned das Bein vor lauter Begeisterung!'

'Daß ausgerechnet du über Vertrauen sprichst das find ich so witzig', keucht er, als er wieder Luft holen kann. 'Überall witterst du Gifte, Gefahren und Schadstoffe, aber man muß ja auch mal Vertrauen haben. Ich schmeiß mich weg!' Und wieder fängt er das Wiehern an.
Meine romantische Seite stemmt die Hände in die Hüften und dreht sich beleidigt weg. Mit dem da? Niemals. Lacht sich der tot nur weil ich mehr Fachartikel lese als er. Medizinische Fachartikel. Keine Autozeitschriften. Falls er sowas liest. Falls er überhaupt liest.

'Jetzt hör amal auf mit Schrein, so witzig is des ned. Liest du eigentlich auch manchmal was?'
Verblüfft schaut er mich an. 'Ob ich was lese? Najo eh. Die Getränkekarte beispielsweise wenn ich ins Beisl geh ...' Und wieder grinst er von einem Ohr zum anderen. 'Wieso fragst? Schau ich aus wie ein Analphabet?' Na gut, wenigstens kennt er Fremdwörter. Eins zumindest.

'Nein, wie ein Analphabet schaust nicht aus. Eher wie der Teufel von Straßburg.'
'Du meine Güte du kennst Leute', lacht er. 'Wer bitte ist der Teufel von Straßburg?'
'So heißt ein Roman von Heidrun Hurst. Spielt im 14-ten Jahrhundert. Da geht's um einen grauslichen Mörder, den nennt man den Teufel von Straßburg und ich stell mir den ein bissl so vor wie dich.'

'Ah ja. Ich überlege gerade ob ich das jetzt schmeichelhaft finden soll, daß du dich dennoch neben mich ins Auto setzt wenn ich dich an einen teuflischen Mörder erinnere, aber immerhin, mich ehrt dein, hihi, Vertrauen ... pruuuuuuuust ... ' Und schon wieder fällt er vor Lachen fast unter den Tisch. Wirklich ein sonniges Gemüt, der Bursche. Neben ihm komme ich mir langsam vor wie eine vertrocknete Handarbeitslehrerin. Mit gerunzelter Stirn betrachte ich die Bücherwand am Ende des Cafés. Ob man mir wohl abnehmen würde, daß dieser Mann nicht zu mir gehört, wenn ich jetzt aufstehe und mir die Bücher ansehe? Vielleicht steht ja was Neues dabei das ich noch nicht gesehen habe? 

Zielstrebig stehe ich auf und stolpere beinah über einen kleinen Hund, der fast exakt die Farbe des Teppichbodens hat und den ich daher nicht wahrgenommen habe. Kreizdeifi, grad aus dem Spital entlassen, hätte es mich fast schon wieder hingehauen. Das Leben ist nun einmal gefährlich, egal was der Seppl aus Rimsting darüber denkt. 

Nachdem ich die Bücherwand eingehend inspiziert habe, leider ist nichts für mich Interessantes dabei, drehe ich mich wieder um und sehe, wie Josef den Teppichhund mit einer Wurst füttert. Das scheint der Besitzerin aber nicht zu passen, dem Keifen nach zu urteilen das ich problemlos bis hierher hören kann. Also des geht ja ned, daß die ihn so ankeppelt. Gerade will ich mich auf den Weg machen um mich schützend vor ihn zu werfen, da beißt der Hund auf einmal in Josefs Hand. Der schreit auf, haut mit der anderen Hand versehentlich den Tisch um und die Kante fällt dem Hund genau auf den Schwanz. Der Hund jault auf, das Frauchen kreischt wie von Sinnen, der Kaffeeautomat zischt los und ich kriege die Krise. Rasch packe ich Josefs gesunde Hand und zerre ihn nach draußen. Nur weg hier. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine Bedienung uns nacheilen will, aber aus figurlichen Gründen sind wir um einiges schneller und sie bleibt schnaufend am Eck stehen. 

'Weißt du', meint Josef beiläufig als wir wieder im Auto sitzen 'jetzt bin tatsächlich ein Verfolgter und Geächteter, wie dein Straßburger Mörder. Da drinnen können wir uns jedenfalls nicht mehr blicken lassen.'
'Ach das macht nix. In München gibt es jede Menge Bücherschränke. Wennst ein Buch brauchst mußt nicht in ein Café gehen.'
Ich muß nicht zu ihm hinübersehen um zu spüren, daß er schon wieder grinst. Dabei war das eine absolut sachliche Feststellung. Es ist wirklich ein Kreuz mit den Leuten.

Aber ich bin ihm dankbar, daß er mich nach Hause fährt, bin froh, daß der Hund nicht richtig zugebissen hat und er nicht wirklich verletzt ist, und unter'm Strich ist einer der ständig lacht tausendmal besser als jemand der ständig an allem rummeckert und mich erziehen will. Meine romantische Seite sieht mich mahnend an. Ich nehme mein Handy zur Hand und checke meine Mails. Das WLAN im Spital war unterirdisch, ich hab da nicht viel sehen können.
Langsam scrolle ich nach unten ... auf einmal stockt mir der Atem.
'DES GIBTS JA NED!'
'Was hast denn?', meldet sich Seppl vom Fahrersitz.
'Der Lotto schreibt mir. Ich hätt gewonnen. Und zwar dieses Mal so richtig viel!'