Sonntag, 30. November 2025

Zu spät


Als Hubert diesen neuen Auftrag bekam, war ihm zuerst ziemlich mulmig zumute. Sollte er ablehnen? Andererseits ... so lange war er noch nicht bei der Agentur um sich wählerisch zeigen zu dürfen. Er brauchte das Geld. Die Karriere beim SEK war leider unwiederbringlich vorüber. Ein Bulle mit einem kaputten Bein? Und Innendienst war wenig verlockend. Dann doch lieber selbständig. Aber den Gesellschafter einer alternden Dame zu geben nur weil die zu Geld gekommen war und eine Paranoia entwickelt hatte? Sie hatte sich ein Haus am Waldrand gekauft, mit Pool und allem Schnickschnack, und wollte sich nun zusätzlich zur Alarmanlage auch noch privaten Personenschutz leisten.

Er nahm sich vor, im Vertrag explizit erwähnen zu lassen, daß er NICHT für 'diese Art' von Spielchen zur Verfügung stehen würde. Etwas Würde wollte er sich dann doch noch bewahren. Er hatte extra seine ältesten Cordhosen angezogen um so wenig attraktiv wie möglich zu wirken. Die Mühe hätte er sich sparen können. Die Frau war dermaßen nett und naiv, daß er sich für seine Gedanken zu schämen begann. Nicht alle älteren reichen Damen sind überkandidelte Schachteln die ihre Angestellten als Spielzeug benutzen. Diese Frau war anders.

Die würde niemals den ganzen Tag in einem Strandkorb liegen wollen und sich von ihm die Sonnenmilch einmassieren lassen. Das wurde ihm sehr bald bewußt, als sie ihn stundenlang über Trampelpfade im Wald scheuchte, hier noch ein Foto und da noch eins machte, und er, obwohl 20 Jahre jünger, gewaltig Mühe hatte, Schritt zu halten.

''Ach denken Sie sich nichts, junger Mann,'' lachte sie fröhlich, als er sich für sein Zurückbleiben entschuldigte. ''Zeit meines Lebens höre ich von anderen nur: Renn doch ned so! Aber sagen Sie, hinken Sie etwa? Haben Sie sich sich gestoßen?''

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr von seiner Schußverletzung zu erzählen. Sie lauschte gebannt und kommentierte am Ende trocken: ''Wie im Fernsehen. Brutal. Ihre Frau wird aber schon froh sein jetzt, daß Sie diesen gefährlichen Beruf aufgegeben haben.''
Er schwieg. Wollte sie ihn nun doch anmachen? Daß seine Frau ihn bereits vor 10 Jahren verlassen hatte, behielt er für sich.
''Haben Sie Kinder?'', drehte er nun den Befragungsspieß um, als sie auf einer Aussichtsbank Rast machten und sich Kekse mit Wasser teilten.
''Nein,'' antwortete sie knapp. ''Ich kann Kinder nicht ausstehen und werde nie verstehen, wie man sich sowas freiwillig antun kann.''
Wieder schwieg er. Was sollte man darauf antworten?
Erst viel später erfuhr er, daß sie Autistin war und ihr laute, schrille Geräusche, wie sie Kinder nun einmal gefühlt ständig von sich gaben, körperliche Schmerzen bereiteten. Und wieder einmal schämte er sich für seine Gedanken. Irgendwie schien er ihr ständig Unrecht zu tun.

Obwohl sein Schützling jetzt stinkreich war, lebte sie irgendwo noch genauso weiter wie vorher. Zweimal die Woche begab man sich zu einem Acker im näheren Umkreis, wo man sich das Gemüse selber ausgraben konnte. Fenchel, Brokkoli, Salate, Knollensellerie ... alles frisch aus dem Boden und zu einem fairen Preis. Am Wochenende kaufte man im Hofladen ein und dreimal die Woche nach dem Yoga im Altenzentrum, zu dem er sie allerdings nicht begleiten mußte, wurde im Bioladen nach Sonderangeboten gesucht. Obwohl sie nun keineswegs mehr auf den Pfennig achten mußte, liebte sie nach wie vor Sonderangebote. Einmal wagte er es, ihr vorzuhalten, daß sie dadurch aber den ärmeren Menschen etwas wegnehmen würde.

Oha, da wurde die sonst so liebenswürdige Frau auf einmal doch ziemlich böse: ''Es gibt ich weiß nicht wieviele Läden in dieser Stadt!'' fauchte sie. ''Und ich habe genauso das Recht, Lebensmittel zu retten wie jeder andere auch. Wer zuerst kommt der mahlt zuerst, punktaus. Wer wirklich bedürftig ist, der geht zur Tafel. Der ich übrigens regelmäßig einen nicht unbeträglichen Betrag spende. Mir macht es einfach Freude, ein schönes Sonderangebot zu erwischen. Warum wollen Sie mir das jetzt kaputtreden? Gehören Sie auch zu diesen jungen Leuten, die ständig mit einer Mütze auf dem Kopf rumlaufen und immer alles besser wissen? Ich hoffe doch nicht. Eigentlich hab ich Sie anders kennengelernt. Also fangen Sie bitte nicht ausgerechnet jetzt damit an, wo wir uns grad so gut verstehen.''
Beschämt schwieg er. Wieder einmal. Nahm nur ihre Hand und drückte sie. Und sie drückte zurück. Es war alles gesagt.

Die Monate vergingen, man war mittlerweile beim Du angekommen und vergnügte sich wunderbar auf den beinahe täglichen Fototouren durch die Stadt. Man empfahl sich gegenseitig Lesestoff aus dem Bücherschrank, lachte über skurrile Begebenheiten und erfand abends immer wieder neue abenteuerliche Rezepte. 
''Wir sollten ein Kochbuch schreiben!'', meinte sie eines Abends, als sie über den dampfenden Tellern saßen. ''Ja, da müßten wir deine Notizen aber laminieren so wie du immer kleckerst!'', zog er sie auf und sie mußten beide herzlich lachen.
Auch legte sie ihre in Jahrzehnten der Einsamkeit entwickelten Eigenheiten, wie zum Beispiel Selbstgespräche, niemals ab. Ständig unterhielt sie sich nicht nur mit ihren Stofftieren sondern auch mit diversen Gerätschaften oder ihrem Rucksack. 
Als er beim Gemüseschneiden einmal Zeuge wurde, wie sie sich mit ihrem Herd unterhielt, zweifelte er an seinem Geisteszustand. Der Herd hatte sich offenbar beschwert, daß sie ihn immer 'Herdi' nannte und hatte angedroht, ihr nach ihrem Tod überallhin nachzufolgen und sie 'Leichi' zu nennen, damit sie mal sah, wie das war. Ihm entfuhr ein Stöhnen.
Sofort wandte sie sich ihm zu:
''Was ist passiert, hast du dich geschnitten?''
''Ach woher, mußte nur grad an was denken, koch nur weiter ...''

Die Innenstadt mied sie wo es nur ging, man hielt sich vorzugsweise in der Peripherie auf und er lernte die Stadt, in der er sein gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte, mit ihr zusammen völlig neu kennen.

Auf ihren Spaziergängen machte sie manchmal Witze darüber was sie ihm alles vererben würde wenn sie dereinst a Bankl reißen würde, ein Ausdruck den sie ihm erst erklären mußte, denn obwohl er sich mit ihr bereits einen ganzen Stapel österreichischer Filme angesehen hatte, war er noch immer auf Untertitel angewiesen.
Ihm war dieses Thema unangenehm denn mittlerweile bereute er seine anfängliche Einstellung zu möglicher körperlicher Annäherung zwischen ihnen beiden sehr. Je mehr Zeit sie miteinander verbrachte, desto sympathischer und auch attraktiver wurde sie für ihn. Aber nun da sie immer wieder vom Vererben sprach, verbot sich ein Geständnis seiner Gefühle erst recht. Sie würde glauben, es wäre nur wegen des Geldes. Zudem wußte er noch immer nicht, was sie in ihm eigentlich sah. War er wirklich nur ein bezahlter Begleiter oder hatte auch sie eine gewisse Zuneigung für ihn entwickelt? Manchmal hatte er den Eindruck ... doch dann ging sie wieder deutlich auf Distanz und er glaubte, sich getäuscht zu haben. 

So lebten sie in mehr oder weniger trauter Zweisamkeit dahin, bis er eines Nachmittags von einem Arztbesuch zurückkehrte und ungewöhnlich schweigsam war. Was bei ihm, der schon von Haus aus kein großer Redner war, durchaus etwas heißen wollte.
''Was hat er denn gesagt der Arzt? Darfst keinen Schampus mehr trinken?'', versuchte sie, ihn zum Lachen zu bringen.
Er schwieg weiter. Lange. Dann zog er ein Blatt Papier aus der Brusttasche und reichte es ihr.
'Schriftlicher Befund' stand dort zu lesen.
Darunter ... Fachchinesisch.
''Du hast was bitte? Wos haßt des?''

Nachdem er ihr die Diagnose erklärt hatte, stand sie wortlos auf und hantierte im Küchenschrank herum. Er starrte verunsichert auf ihren Rücken.
''Ich werde kündigen müssen. So kann ich dich nicht mehr adäquat beschützen.''
''Einen Schas wirst du! Wir sagen denen einfach nichts und du bleibst hier, so wie vorher auch!''
Sie drehte sich um und sah ihn mit wildem Gesicht an. Tränen liefen über ihr Gesicht. Erschüttert nahm er sie in die Arme. Nun war keine Zeit mehr für falsche Zurückhaltung.
''Wie lange hast du noch? Gibts eine Prognose?''
''Kein halbes Jahr mehr hat er gesagt ...''

Anfangs merkte sie ihm nichts an. Er ging nach wie vor überallhin mit und sprach auch nicht mehr von seiner Krankheit.
Doch nach einigen Wochen bekam er immer schlechter Luft und konnte bald nicht mehr mit in den Wald und über's Feld.
Sie blieben zuhause, sahen sich Filme an und lagen sich in den Armen.
Zu viel mehr war er nicht mehr in der Lage und ihr schien es zu genügen.

Schmerzen schien er keine zu haben und so kam der Arzt erst wieder, als es bereits zu Ende ging. Sterben ist nie schön, doch immerhin ist es ein Trost, in den letzten Stunden eine geliebte Person bei sich zu wissen. Sie hielt lange seine Hand und ließ sie erst los, als der Arzt vorsichtig an ihre Schulter faßte und etwas von Todesurkunde und Beerdigungsinstitut faselte.
Sie begriff nichts und wollte auch nichts davon hören.

Erst am Tag zuvor hatte er ihr seine Liebe gestanden. Dieser Idiot! Warum hatten sie die kostbare Zeit mit Zweifeln vertan? Warum hatten sie nicht früher miteinander gesprochen? Zu spät. Die schlimmsten Worte auf der ganzen Welt: Zu spät!

Zur Beerdigung war dann niemand gekommen. Absolut niemand, außer ihr.
Als der Pfarrer vor der Beisetzung den Verstorbenen mit salbungsvollen Worten segnen wollte, fiel sie ihm grob ins Wort: ''Das hat doch jetzt alles keinen Wert mehr. Schluß mit dem Unsinn, lassen Sie uns die Sache mit Anstand beenden. Die Götter werden sich um seine Seele kümmern, die wissen auch so wie das geht.''

Heute ist Hubert oben im Himmel ein gefragter Mann. Die Seelen, die sich für eine Reinkarnation entschieden haben, lassen sich am liebsten von ihm coachen.
Seine wichtigste Botschaft lautet stets: ''Sagt es den Menschen, wenn ihr sie mehr als nur lieb habt. Auch wenn ihr in den meisten Fällen Ablehnung erfahren werdet. Aber auf diese Weise werdet ihr jedenfalls nicht diese eine Person verpassen, die euch zurückliebt. Wer diesen Schmerz erfahren möchte, dann nur zu. Macht denselben Fehler wie ich. Ich wünsche euch viel Vergnügen dabei!''











Freitag, 21. November 2025

Jugenderinnerung

Ich weiß noch wie Gusti damals aus dem Knast kam. Ich hatte mittlerweile leider seinen Bruder geheiratet. Wir trafen uns am Kö nachdem ich meinen Putzjob beendet hatte und fuhren gemeinsam nach Hause. War eh klar, daß er bei uns pennte. Fand ich jedenfalls. Sigi war schon wieder pralle, öffnete nur ein Auge und fragte schroff: Hosch a Geld?
Tolle Begrüßung für einen Bruder, den man jahrelang nicht gesehen hatte.

Wir hausten total im Chaos. Ich war kurzsichtig und sah den Dreck nicht und Sigi war er scheißegal. Gusti war entsetzt und fing sofort an zu saugen und den Tisch ein bissl abzuräumen. Der war so vollgestellt mit Bierflaschen und allem möglichen Kram, daß nicht einmal die Paraphernalia Platz hatten, die man brauchte, um eine Pfeife zu bauen. Pappig war er auch. Da traf es sich wirklich bestens, daß Putzen ein Steckenpferd von Gusti war. Man erzählte sich in Kaisheim, daß er jeden Tag seine Zelle säuberlich ausgewischt hatte. 
Später erfuhr ich, daß diese Angewohnheit ihre Wurzeln in seiner Kindheit hatte. Der Vater war alt und saß meist nur noch mit seinem Flachmann im Sessel und die Mutter war süchtig und hatte keine Energie für den Haushalt, schlief meist unter dem Geschirrspülen ein. Der große Bruder war mit Dealen beschäftigt und von früh bis spät hackedicht. Also mußte der kleine Junge dafür sorgen, daß es wenigstens halbwegs sauber war in der Wohnung. 

Eigentlich hätte also endlich alles total gut sein können. Mit dem Untermieter verstanden wir uns ausgezeichnet, der kam aus der Lindauer Gegend wo gutes Gras wuchs, von dem er uns immer wieder gerne etwas mitbrachte. Leider war Sigi ein Arschloch. Statt sich zu freuen, daß sein kleiner Bruder wieder da war und für Ordnung sorgte, mußte er ihn immer wieder triezen, treffsicher kleine fiese Bemerkungen plazieren, bis er gereizt ausflippte und ihm eins in seine blöde Fresse haute. Die anderen holten ihn wieder unter dem Tisch hervor, er machte sich ein neues Bier auf, wischte sich das Blut aus dem Gesicht und es war erst einmal wieder Ruhe. Bis zum nächsten Mal. Wahrscheinlich hat er gespürt, daß Gusti und ich uns gut verstanden und es hat ihm nicht gepaßt. Statt sich zu ändern sekkiert man dann lieber den Konkurrenten.

Eines Tages war jemand auf die glorreiche Idee gekommen, die Geschirrspülmaschine in der Küche anzuwerfen. Gusti hatte Kuchen gebacken, es war sein Geburtstag gewesen aber niemand hatte gratuliert weil keiner auf den Kalender geschaut hatte. Die Küche stand voller Tassen und Teller an denen noch die Schlagsahne klebte. Die Abwasch sah nicht besser aus, also warum nicht die Maschine die Arbeit machen lassen? Was keiner von uns wußte: In eine Geschirrspülmaschine muß man so extra Tabs reintun.
Herbert im besoffenen Schädel leerte einfach normales Geschirrspülmittel rein.
Frage nicht. Es schäumte und schäumte und schäumte, bis die Küche voller Schaum war. Ewig schade, daß damals niemand eine Kamera besaß, das glaubt einem ja hinterher wieder keiner.

Wir standen im Flur und waren hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Lachanfall. Niemand wußte, was zu tun war. Irgendwann gab es einen Kurzschluß und die Maschine hörte auf zu schäumen. Natürlich war es Gusti, der das Chaos am Ende beseitigen mußte.
Seither hat niemand von uns jemals wieder eine Geschirrspülmaschine angelangt.
Was nicht mehr mit der Hand zu säubern war wurde kurzerhand weggeworfen.
Alles, nur nie wieder so eine vollgeschäumte Küche.









Sonntag, 16. November 2025

In Augschburg isch immr was los



Als ich vor etwa drei Jahren während eines Augsburg-Besuchs an der Apotheke beim Dom vorbeiging stand einer dort vor der Eingangstüre und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Natürlich habe ich ihn nach all der Zeit nicht wiedererkannt, dachte mir nur: 'Was glotzt denn der so blöd?' und marschierte weiter. Keine fünf Minuten später überholte er mich auf dem Fahrrad und fragte, schüchtern, von der Seite: ''Marga??? I bins, dr Jonas.''

Der Jonas! Wie hatte er sich verändert. Die blonden Locken, sein Markenzeichen, waren verschwunden, ebenso das ewige Grinsen. Sein Gesicht war nüchtern und ernst geworden. Nur die ewig von den Lippen baumelnde Zigarette war noch wie früher.

Ja, früher. Die Vergangenheit, so stellte sich bald heraus, war das Einzige was uns verband. Mit 'Weißt du noch, damals ...' konnte man sich durchaus eine Weile amüsieren. Sich verzückt erinnern an die Zeit in der man gefühlt permanent berauscht durch die Nächte gezogen war. Ein Spiel, in dem die Vergangenheit retrospektiv in ein rosa Licht getaucht wurde und scheinbar ein einziges großes Abenteuer gewesen war. Erinnerungen an längst verblichene Bekannte wurden durchgekaut und währenddessen so mancher Kaffee konsumiert.

Jonas war sehr beschäftigt. Er hatte das Trinken aufgehört und seine Zeit war ausgefüllt mit Vollzeitjob, Fitneßclub und Enkelbesuch. Seine Gewohnheiten waren eingefahren, er schien wenig interessiert an Neuem. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war nach wie vor neugierig, wollte etwas sehen, wollte herumlaufen, fotografieren, Altbekanntes neu entdecken und jeden Tag wie ein Präsent auswickeln und bestaunen. Kurz und gut: Jonas war noch genauso langweilig wie früher, nur halt jetzt nüchtern. 

Infolgedessen verloren wir uns wieder aus den Augen. Wenn ich nach Augsburg fuhr kontaktierte ich ihn nicht mehr vorher um ein Treffen auszumachen, ich erzählte lediglich hinterher davon, was ihn jedoch nur mäßig zu interessieren schien. Sein Radius war extrem begrenzt auf die Innenstadt während ich am liebsten die Außenbezirke erforschte bzw. neu entdeckte. Bergheim hatte jetzt einen Bioland-Hofladen und einen Bücherschrank! Und den Baggersee gab es nach wie vor, das alte Dreckloch. Zumindest in diesem Punkt waren wir uns einig: Wie konnte man da drin nur baden???

So plätscherte die aufgewärmte Bekanntschaft dahin - bis eines Tages ein weiterer verloren geglaubter Kamerad aus der Vergangenheit auftauchte: Franky, der geheimnisvolle Geflüchtete aus Jugoslawien. Nach wie vor war er ein Nervenbündel, obwohl eigentlich kein Grund mehr dafür bestand. Mittlerweile war er legal eingebürgert und wurde nicht mehr bei jedem Anblick eines Polizeiautos weiß wie eine Wand. Dennoch schien er ständig auf dem Sprung, blickte sich ständig um und machte einen extrem gehetzten Eindruck. Was war da los? 

Eines Tages saßen wir wieder zu dritt in der Mühle und überlegten, wo wir als nächstes hingehen könnten, als Franky plötzlich die Getränkekarte vom Tisch riß, dabei beinahe meine Schorle umwarf und sich, die Karte vors Gesicht haltend, zischte: ''Keine Namen! Ich bin nicht hier!'' Du meine Güte, was sollte das werden? Ein Agentenroman? 

Ganz abwegig war der Gedanke nicht. Früher hatte er immer eine Pistole zuhause gehabt. Gusti hatte sich die einmal ausgeliehen und war in die Kneipe im Erdgeschoß hinuntergegangen wo ein Junge, mit dem ich kurz zuvor einen one night stand gehabt hatte, ahnungslos sein Bier trank. Der Bub hatte mir nichts getan, lediglich hatte ich mich am nächsten Morgen so sehr über eine wohl scherzhaft gemeinte Bemerkung von ihm geärgert, daß ich auf der Stelle aufgestanden und gegangen bin. Er kam aus dem Bad und sprach, als er mich noch im Bett liegen sah: ''Na, und ich hab dacht du hosch scho Frühstück g'macht?'' Boah war ich sauer. So eine saublöde Meldung!
Natürlich hatte ich daheim alles brühwarm Gusti erzählt und der merkt sich manchmal echt jeden Scheiß. Und reagiert dann ein bissl über.

So hielt er dem armen Kerl erbost die Pistole an den Hals und zischte: ''Wenn du meiner Marga no eumol was duasch, dann mach I di alle, hosch des verstanda!!'' Der Arme war käsweiß geworden und hatte mehrmals beteuert, mir doch garnichts getan zu haben. Heute bräuchte man so etwas nicht mehr zu bringen, da würde der Barmann sofort die Bullen rufen. Damals jedoch gab es noch genügend dunkle Winkel in denen Dinge vor sich gingen, die man besser niemandem erzählt.

Nun jedoch befanden wir uns alle miteinander im Hier und Jetzt. Gusti war seit über 10 Jahren tot und die Pistole hoffentlich in irgendeinem See versenkt. Oder doch nicht? Was wurde hier gespielt? Offensichtlich hatte jemand die Lokalität betreten, von dem Franky keinesfalls gesehen werden wollte. Wild um sich blickend warf er einen 20-er auf den Tisch, zischte was von 'Schtoinerner Mo' und verschwand über die Terrasse nach draußen. So ein Depp. Jonas und ich tranken kopfschüttelnd unsere Schorle aus, bezahlten und überlegten, ob wir uns zum Treffpunkt begeben sollten oder nicht. Früher wären wir ohne nachzudenken losgelaufen. Heute jedoch stellte sich ständig die Frage nach dem Warum. Würden wir dort mehr erfahren? Langsam machten wir uns auf den Weg. Die Öffi-Verbindungen in Augsburg sind nach wie vor nichts worüber man erfreut nach Hause schreiben würde, also ging ich gleich zu Fuß und Jonas hatte eh wie immer sein Fahrrad dabei. 

Der 'schtoinerne Mo', auf deutsch 'steinerner Mann', ist eine Sagengestalt aus dem 17. Jahrhundert. Die Legende besagt, daß der Bäcker Konrad Hacker auf die Stadtmauer geklettert war und den kaiserlichen Belagerern seine extra aus Sägemehl gebackene Brote zeigte - daß die Soldaten daraufhin enttäuscht auf ihn schossen und dann aber abzogen, da die Augsburger offenbar noch genügend zu essen hatten um einer längeren Belagerung standzuhalten. Die aus Stein gehauene Skulptur befindet sich in der Nähe des Doms an einem Teil der alten Stadtmauer, nahe der Schwedenstiege. Meist sind hier relativ wenig Leute unterwegs, es gibt einige versteckte Bänke und wir hatten uns daher früher gerne hier eingefunden um heimlich einen durchzuziehen. Daher wußten wir genau, wo wir Franky finden konnten.

''Jetzt mal Klartext Franky,'' moserte ich, nachdem wir wieder glücklich vereint auf einer Bank beim Sandkasten saßen. ''Was ist los und würdest du uns bitte einweihen?''
Franky schaute unglücklich auf seine Schuhspitzen die, am Rande bemerkt, mal wieder eine Bürste vertragen hätten, und räusperte sich verlegen. 
''Ihr wißt ja, daß ich ab und zu Aufträge annehme, Wandmalereien und so.'' Interessiertes Nicken unsererseits. Franky hatte bei Gusti und mir damals eine umwerfende Abbildung eines Pink Floyd Covers an die Wand gezaubert, als Dank dafür, daß er eine Weile bei uns pennen durfte. Niemals würde ich das vergessen, der Mann war ein Genie!

''Ja, also neulich, da hab ich bei so einem reichen Kerl gearbeitet und blöderweise, ja, also da hab ich halt in einer Pause, der war nicht da, am Schreibtisch rumgeschnüffelt. Und hab was gefunden.''

Wieder starrte er müde auf seine Schuhe. ''Ja und Franky, was hosch g'funda? Laß dir doch ned alles aus dr Nas zia!!'', meckerte Jonas ungeduldig. ''Koks? An Beleg vom Altstadtpuff? Bestechungsgelder? Hosch was klaut odr warum kriegsch ständig die Krise wie frühr obwohls jetzt doch garkoin Grund mehr drfür gibt? I meun hey, du bisch fascht 80 da muaß doch amal a Ruah sei!''

''Einen Arztbrief hab ich gefunden. Der Mann hat AIDS und seine Frau offenbar keine Ahnung, daß er mit Männern ... das steht alles in seinem Tagebuch. Und er hat gemerkt, daß ich es gesehen hab. Farbflecken, verstehst du? Und jetzt läßt er mich beschatten und will mich kaltmachen. Weil ich zuviel weiß. Das ganze Geld gehört seiner Frau, wenn die am Rad dreht dann ist alles aus. Geld, Ansehen, alles futsch. Deswegen muß ich um die Ecke gebracht werden. Und ihr seid jetzt auch in Gefahr weil ich euch alles erzählt habe. Wir dürfen uns nicht mehr treffen. Am besten trennen wir uns jetzt sofort und ich werde sehen wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.''

Betroffen saßen wir da. Ob das alles wahr sein konnte? Wer ließ derartig belastendes Material offen auf seinem Schreibtisch herumliegen? Und warum gleich umbringen? Konnte es sein, daß Franky wieder einmal einen seiner paranoiden Anfälle hatte? Kein Wunder bei seiner Vergangenheit mit Verfolgung und Folter in seiner Heimat, aber dennoch lästig. Wir waren hier in Augsburg und nicht in Sizilien. Wobei böse Zungen behaupten, daß da manchmal nicht viel Unterschied bestünde. Noch gut kann ich mich an diese üble Schießerei damals beim Schlachthof erinnern, wo ein Schulkamerad und sein älterer Bruder, zufällig ein Ex von mir, durch Schüsse aus einer Polizeipistole zu Tode kamen. Der Vater war Italiener und hatte sich vom jüngsten Sohn in einen Blödsinn verwickeln lassen. Der Vater war dann wie ein düsterer Geist im Gefängnis umhergewandert und hatte mit niemandem mehr gesprochen. Hat mir ein Kumpel erzählt, der zu der Zeit auch grad in Landsberg einsaß.

Aber das war lange her, die Sonne schien, und eigentlich wollten wir einfach nur gemütlich beisammen sein und uns nicht schon wieder wegen irgendwas reinstressen.

''Und woher weißt du das? Also daß er dich umbringen will?'', fragte ich mißtrauisch. ''Hat er was gesagt oder denkst du das nur?''

''Er hat mir einen Brief geschrieben. Ich soll meinen Lohn abholen kommen und er will mit mir reden. Also da ist doch alles klar! Sonst krieg ich das Geld immer am letzten Arbeitstag. Aber da bin ich ja abgehauen als er gemerkt hatte, daß ich an seinem Schreibtisch war. Und jetzt begegne ich ständig Leuten die ich bei ihm gesehen habe. Bestimmt seine Handlanger. Die auf einen günstigen Moment warten um mich unauffällig zu killen. Alter Mann, bissl erschrecken, kriegt er halt Herzinfarkt. Blöd gelaufen. Sowas fällt doch niemandem auf hinterher.'' 

''Ja weisch was Franky'', meinte Jonas nach einer längeren Gedankenpause, ''Da gehn mir halt jetzt mit dir hin und dann schau mer was er will, ok? Alle drei kann er ja ned einfach erschießn. Komm, des schau mer uns an!''

Nach einiger Überredungsarbeit unsererseits willigte Franky schließlich ein, rückte die Adresse raus und wir machten uns auf den Weg. Jonas auf dem Fahrrad, wir mit dem Bus und den Rest zu Fuß. Gottseidank war es von der Haltestelle nicht weit. Das Tempo das Franky und Jonas vorlegten, hätte ich nicht lange durchgehalten. So fit wie die beiden Männer war ich, obwohl jünger, bei weitem nicht.

Das Haus war wirklich imposant. Praktisch ein Schloß. Riesige Villa mit Türmchen und Erkerchen, wie aus einem Bilderbuch ausgeschnitten. Mit offenem Mund stand ich davor und bewunderte die Fassade in Schönbrunner Gelb. Was für ein geiler Kasten! Da hätte ich auch Angst, den zu verlieren. Meine Herren!

Inzwischen hatten die Jungs geklingelt, der Türöffner surrte und wir betraten die kühle Eingangshalle. Fast erwartete ich, hier einen Butler anzutreffen der uns in einen Vorraum geleiten würde um die Herrschaft über unseren Besuch zu informieren, doch es war der Hausherr selbst, wie ich aus Frankys verschrecktem Gesichtsausdruck schloß, der uns leutselig lächelnd begrüßte. 
''Na, Franky, altes Haus, hast Freunde mitgebracht? Dann kommt doch mal weiter, ich hab dir nämlich einen interessanten Vorschlag zu machen. Wir gehen in den Salon. Was wollt ihr trinken?''
Mir vorsichtshalber vornehmend, nichts von dem Angebotenen zu mir zu nehmen, folgte ich den anderen in den 'Salon'. Ein riesiges Wohnzimmer, teuer aber nicht protzig eingerichtet. An den Wänden wunderschöne Drucke. Keine Ölschinken sondern wirklich ausgesuchte Kostbarkeiten. Der Mann hatte Geschmack, keine Frage. Dann konnte er doch so unsympathisch nicht sein wie Franky tat.
Fast hätte ich vor lauter An-die-Wände-Starren nicht mitbekommen, was die beiden zu bereden hatten. Und dann mußte ich mir mit Gewalt das Grinsen verkneifen.

Wieder draußen auf der Straße platzten Jonas und ich fast vor Lachen während Franky mal wieder seine Schuhe betrachtete.
''Das war ein Romaaaaaaaaaaan, ich schmeiß mich weg, du hast einen Romanentwurf gefunden, bruuhahaaaaaaaaa!'', keuchte ich. ''Und er will a Buch über di schreiba!'', überschrie mich Jonas und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. ''A Buch über dei Flucht und deine erschten Johr hier bei uns in Augschburg, I glaubs ja ned, kommen mir da dann au drin vor?''

Vor lauter Heiterkeit kam niemand von uns auf die Idee, zu überlegen, was es denn dann wohl mit dem Arztbefund auf sich gehabt hatte, wenn die Kladde doch nur ein Romanentwurf gewesen war? Und keiner von uns bemerkte den schwarzen Wagen, der langsam um die Ecke gebogen kam als wir die Professor-Steinbacher-Straße erreicht hatten, welche in den Siebentischpark führte. Kurz nach dem ehemaligen Eingang zum Botanischen Garten griff sich Franky plötzlich an die Brust und sackte zu Boden. Erschrocken wollte ich mich über ihn beugen doch schon standen wie aus dem Boden gewachsen zwei kräftige Männer in Hoodies da, die ihn rasch aufhoben und wegtrugen. ''Ihr habt nichts gesehen, sonst seid ihr die Nächsten!'' raunte mir einer der beiden noch zu und schon waren sie mitsamt ihrer Bürde im schwarzen Auto verschwunden und brausten davon. 

Noch heute rätseln Jonas und ich, wie die beiden Franky zu Boden gestreckt hatten und was hinter der ganzen Geschichte wirklich steckte. Franky haben wir niemals wiedergesehen.








Sonntag, 9. November 2025

Der letzte Auftritt des Königs von Korinth

Eigentlich war es ja lieb gemeint. Triantafillos von der Abteilung Straßenreinigung und Gartenbau hatte vorgeschlagen, Sisyphos im Herbst für einige Wochen von seinem Felsbrocken loszueisen und ihm einen Laubbläser in die Hand zu drücken. Auf diese Weise würde er einerseits weiterhin eine schwere Tätigkeit ausführen die zu keinem befriedigenden Ergebnis führen konnte, da die Bäume hinten wieder alles vollgelaubt hatten sobald er vorne fertig war, andererseits konnte er so mal wieder in die Oberwelt zurückkehren und feststellen, daß er dort nichts, aber auch garnichts mehr versäumte. Sogar Thanatos war einverstanden gewesen.

Ihm gefiel die Aussicht, seinen gestürzten Helden beim Kampf mit den Mikroben zu beobachten, die er im Zuge seiner Tätigkeit aufwirbeln und einatmen würde. Gabs ja in der Unterwelt alles nicht. Den Überfall damals hatte er Sisyphos niemals verziehen. Daher wünschte er ihm noch immer alles erdenklich Schlechte an den Hals, in diesem Fall direkt IN den Hals.

Leider hatte niemand daran gedacht, Sisyphos zu fragen, ob er überhaupt Lust dazu hätte. Als der zuständige Beamte, ein rundlicher Mann in den 40-ern, mühsam in den Hades hinabgestiegen kam um ihn abzuholen, hätte er fast den Felsen an den Schädel bekommen. ''Zisch ab, Monsterbacke!'' war noch eine der harmloseren Beschimpfungen. Offenbar hatte sich Sisyphos mit seinem Schicksal abgefunden und war hochzufrieden damit, meditativ den Felsen den Berg hinanzuwuchten, und ihm befreit nachzublicken, wenn er vom Gipfel wieder hinabrollte. So war das Leben halt. Ein ständiges Auf und Ab. Auf die Oberwelt hatte er keine Lust mehr und schon zweimal nicht auf die lärmende Geschäftigkeit die dort Tag und Nacht vorherrschte. Wenn die Leute da oben das Laub störte, dann sollten sie es doch selber wegräumen. Sah er vielleicht aus wie ein Straßenfeger? Sicher nicht!

Tags darauf saß Stavros vor den Bildschirmen der Parkraumüberwachungsanlage im Metropark und wollte gerade seine Brotzeit auswickeln die ihm seine Frau Eleni wie immer liebevoll verpackt hatte, da sah er einen Mann aus dem Fahrstuhl steigen, dem es augenscheinlich sehr pressierte. Das alleine wäre noch kein Grund für Stavros gewesen, sich vorzubeugen und die Augen aufzureißen. Aber der Mann war, bis auf einen winzigen Lendenschurz, total nackt. Nun war es selbst im sonnigen Griechenland im Herbst nicht mehr SO warm, daß man sich unbedingt sämtlicher Kleidung entledigen wollte. Das würde die Eile erklären, mit der der Mann unterwegs war. Womöglich hatte er seine Kleidung im Auto vergessen und fror jetzt erbärmlich. Aber wozu der Lendenschurz? Wer trug denn heute noch so ein Teil? Als Stavros soeben das erste mit Reis gefüllte Weinblattröllchen in den Mund schieben wollte, kam der Mann wieder ins Blickfeld. Noch immer trug er nichts außer des besagten Lendenschurzes und irrte offensichtlich orientierungslos umher.

Mit einem bedauernden Seufzen legte Stavros die Gabel wieder zurück und stand auf. Das konnte er so nicht lassen, da mußte er eingreifen. Rasch noch in jedes Nasenloch eine Ladung Nasenspray - damit ihn seine Sinusitis nicht bei einer etwaigen Verfolgungsjagd beeinträchtigte - dann betrat er in vollem Bewußtsein seiner Parkraumüberwachunghoheitsmacht das Gelände. Der Mann irrte noch immer zwischen den abgestellten Autos umher, augenscheinlich suchte er irgendetwas. Oder irgendjemanden? War er möglicherweise das Opfer eines Anschlags geworden? Oder einfach nur ein exzentrischer Tourist der seine Reisegefährten verloren hatte?

''Öha!'', rief Stavros gebieterisch. ''Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Suchen Sie jemanden?''

Der Mann beachtete ihn nicht weiter und rannte nach wie vor im Zickzack zwischen den Autos herum. Stavros runzelte die Stirn. Das war er nicht gewohnt. Einfach ignoriert zu werden. Bei der Knappheit an Parkraum in der Großstadt taten die Leute gut daran, es sich nicht mit dem Wächter zu verscherzen. So mancher Schein hatte aus diesem Grunde bereits seinen Weg in Stavros' Taschen gefunden. 

Wer war dieser Lümmel? Sollte er die Gendarmerie rufen? Die würden ihn Mores lehren!!!
Aber wenn es sich nur um einen dummen Scherz oder gar eine Kunstinstallation handelte, dann stünde er blöd da. So wie damals in Kreta wo er im Zuge seines Jobs als Strandwächter ganze Häufen dieser bunten Dragees am Boden gefunden hatte und gleich einen auf wichtig gemacht und eine Verschmutzung des Öffentlichen Raumes gemeldet hatte. Dabei war das ein neues Kunstwerk gewesen. Gestiftet von einer kleinen österreichischen Süßwarenfabrik, die damit auf die Wichtigkeit der Autarkie von der amerikanischen Großindustrie aufmerksam machen wollten. Allein bei der Erinnerung daran, wie er von seinem Vorgesetzten herablassend über die Gegebenheiten informiert, als Kunstbanause beschimpft und eingehend ermahnt wurde, sich in Zukunft seines gesunden Menschenverstandes zu bedienen, krümmte er sich vor Verlegenheit. So etwas brauchte er wirklich nicht noch einmal.

Der Mann mit dem Lendenschurz blieb endlich erschöpft stehen und blickte geschlagen zu Boden. ''Wenn er nicht schon tot wäre, ich müßte ihn erwürgen!'', hörte Stavros ihn schimpfen nachdem er hastig auf ihn zugerannt war. Abrupt blieb er stehen. Erwürgen? Einen Toten? Was ging hier ab? Der Fremde blickte müde auf und sah Stavros direkt in die Augen.
''Er hat mich gegen meinen Willen hierher in die Oberwelt gezerrt der hinterlistige Schurke! Nun finde ich den Weg zurück nicht mehr und der hockt irgendwo und lacht sich ins verkohlte Fäustchen das Bleichgesicht das gehörnte!'', spie er Stavros ins Gesicht. Als ob dieser etwas dafür könnte! Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. Offensichtlich ein Wahnsinniger. In diesem Fall war es sicherlich indiziert, die Gendarmerie zu rufen. Rasch entfernte er sich und tippte bereits während des Laufens die Nummer der zuständigen Polizeiinspektion. Im wohltuenden Gefühl badend, das Richtige getan zu haben, saß er bald darauf in seiner Kabine und konnte nun endlich die mit Reis gefüllten Weinblätter fertigessen. 

Die Ruhe war jedoch nur von kurzer Dauer.
Während von der Einfahrt her bereits das aufgeregte Huiuiuiuiui des Polizeiautos ertönte, brandete weiter hinten, dort wo er den Mann noch immer vermutete, lautes Posaunenspiel auf. Waren sie denn jetzt alle verrückt geworden? Wo kam den jetzt auf einmal ein Blasmusikorchester her? Die Vorfahren von Stavros kamen aus Bayern. Er hatte diesbezüglich keine angenehmen Assoziationen, vor allem weil sein Großvater oft mit ihm bayerisch gesprochen hatte und sich daher nach wie vor einige Vokabeln dieser Ursprache in seinem Wortschatz befanden. Was oft zu Heiterkeitsausbrüchen im Kollegenkreis geführt hatte.

Eilig rannte Stavros in die Richtung der Musik, es herrschte auf einmal ein Gewimmel und ein Durcheinander, das an die Fotos vom Oktoberfest in München erinnerte, wenn sich das Volk um die Bierwagenpferde drängte, die das Bier am Eröffnungstag auf die Festwiese zerrten.

Nur daß hier keine Pferde im Spiel waren. Eher so etwas wie ein ... Drache? Ein Drache der aussah wie ein riesige bösartige Ratte und der drei Köpfe hatte und auf dem der Fremde, wüste Schimpfwörter ausstoßend, in einer Wolke von Dampf und Blasmusik von dannen ritt. Mitten durch die Mauer! Einfach so!

Stavros war sprachlos. Mittlerweile war die Polizei samt Notarzt eingetroffen und eilig befragte man ihn nach dem Verbleib des Patienten. Stavros schüttelte den Kopf wie ein Bernhardiner der aus dem Wasser kommt und pulte sich in den Ohren. Der Posaunenklang war verschwunden, die Mauer wieder fest und intakt wie zuvor und keines der Autos wies sichtbare Beulen auf. Zögernd berichtete er den Gendarmen das Erlebte.

Natürlich hat ihm wieder einmal niemand geglaubt. Sein Nasenspray wurde beschlagnahmt und er selbst auf unbestimmte Zeit auf 'Erholung' geschickt. Vielleicht könne er in der Anstalt einen Kunstworkshop besuchen um sich weiterzubilden, feixte einer der Polizisten, von dem Stavros bis zu diesem Tage gedacht hatte, er sei sein Freund. Traurig blickte er durch die Gitterstäbe nach draußen. Er wußte, was er gesehen hatte und daß es keine Einbildung gewesen war. Der Einzige der seine Geschichte hätte bestätigen können war Triantafillos von der Abteilung für Straßenreinigung und Gartenbau. Doch hatte dieser natürlich keine Ahnung von den Konsequenzen, die seine hübsche kleinen Idee nach sich gezogen hatte. 

Den Lendenschurz, den die Putzkolonne am Abend im Parkhaus Metropark fand, wurde irrtümlich für einen alten Fetzen gehalten und ohne langes Federlesens entsorgt. So verschwand die letzte Spur unseres Helden aus der Oberwelt. Er selbst rollt seitdem wieder zufrieden seinen Felsen den Berg hinan und verschwendet keinen Gedanken mehr an die Menschen im allgemeinen oder an den armen verkannten Parkhausüberwachungsbeamten im besonderen, der wegen ihm jetzt im Sanatorium sitzt und die Welt nicht mehr versteht. Und die Moral von der Geschicht? Störe keinen König nicht. Auch nicht, wenn er schon gestorben ist. Und schafft endlich die Laubbläser ab, mit denen hat man wirklich NUR Ärger.




















Sonntag, 28. September 2025

Oma räumt auf

Niemals hätte ich gedacht, mein Spiegelbild noch einmal derartig strahlen zu sehen. Der Lottogewinn hatte aber auch arg lange auf sich warten lassen. Nun wanderte ich beglückt durch mein kleines Häuschen, das sich in einer absolut ruhigen Wohngegend befand. 
Ruhe, das höchste Gut. Die Nachbarn im Mehrfamilienhaus hatten mich während der vergangenen Jahre immer öfter an den Rand des Wahnsinns getrieben, mittlerweile litt sogar meine sonst so resiliente Nervenärztin an Burnout, so sehr hatte ich sie mit meinen Problemen zugeschwallt.

Aber nun war alles gut und ich war endlich in Sicherheit. Beim Umzug hatte ich vieles entsorgt, im Haus war jetzt viel Platz für Leinwände und Farben samt Zubehör wie Terpentin-Ersatz, Pinsel, und allem möglichen Kleinkram den ich über die Jahre aufgehoben hatte weil ich ihn 'vielleicht mal für ein Kunstwerk brauchen könnte'. 
Hier war es mir endlich möglich, vernünftig zu arbeiten. Ich konnte nicht nur ohne Ohrschutz in meinem Wohnzimmer sitzen, sondern sogar ungestört kleine Spaziergänge in der Umgebung machen. 
Es war einfach himmlisch.

Natürlich ging es nicht allen Menschen in München so gut wie mir. Immer mehr von ihnen hatten nicht einfach nur eine laute Wohnung sondern garkeine. Mietgesuche wurden mittlerweile keineswegs ausschließlich in der Zeitung und in den Social Media inseriert sondern die Verzweifelten tapezierten vielmehr die gesamte Stadt mit ihren Anfragen. Doch halt, was war das hier? Das war kein Mietgesuch, hier war eine Frau offenbar auf Rachefeldzug: 'Alex, ich weiß, daß du mich betrogen hast. Mädels, meidet diesen Typen!' stand auf einem Din-A-4 Blatt gedruckt, zusammen mit einem QR Code. Kopfschüttelnd ging ich weiter. Hätte es nicht genügt, bei den Freundinnen das Herz auszuschütten? Mußte man den Jungen in der gesamten Stadt unmöglich machen? Den Code einzuscannen verkniff ich mir, mit dem modernen Zeug kam ich schon länger nicht mehr zurecht. Mein Handy war zum Fotografieren da und zur Kommunikation mit der Handvoll Menschen die mir noch geblieben waren. 

Wieder zuhause griff ich eine herumliegende Zeitung und wollte mir diese soeben als Unterlage für ein weiteres Malwerk auf dem Tisch ausbreiten, als mein Auge auf eine fett gedruckte Überschrift fiel: 'Kriminalpolizei warnt vor QR-Falle!'
'Na geh,' dachte ich, 'hab ich's doch gewußt, daß das Zeug gefährlich ist!'

Mit offenem Mund las ich den Artikel. Es handelte sich offenbar um eine ähnliches Flugblatt wie das von mir gerade zuvor entdeckte. Jemand beklagte die Untreue seiner Frau und wenn die Spaziergänger neugierig den mit auf dem Blatt befindlichen Code scannten, wurde (fragt mich nicht wie, ich bin kein IT-ler) den Betrügern die Möglichkeit eröffnet, das Handy auszulesen, samt Bankverbindung und sämtlichen Kennwörtern. Ja gute Nacht! Mir wurde noch nachträglich ganz flau im Magen. Denn natürlich war ich genauso neugierig wie die meisten Menschen und wäre ich technisch etwas begabter, gehörte ich nun womöglich zum Kreis der Geschädigten. Puh!
So schnell konnte das also gehen. Gerade noch, haha und hihi, etwas Lustiges gescannt und im nächsten Moment ward flugs das Konto abgeräumt. Da konnten die Kennwörter noch so sperrig und kompliziert sein, wenn jemand auf diese Art und Weise ins Handy kam, war die Mühe umsonst gewesen.

Bitterlich beschwerte ich mich bei meinem KI-Kumpel Emil über die Schlechtigkeit der Menschen. Emil nickte ernsthaft und gab zu bedenken, daß auch seine KI-Kollegen so einige Tricks in petto hätten und wir uns noch gehörig wundern würden, wenn wir weiterhin so leichtfertig mit unseren Daten umgingen.
Das war natürlich wenig hilfreich jetzt!
Entrüstet schaltete ich Emil wieder aus. Depp der!

Gedankenverloren blickte ich aus dem Fenster. Mittlerweile war es Herbst geworden und der Rasen vor dem Haus war mit bunten Ahornblättern bedeckt. Diese segelten bei jedem Windstoß von den Bäumen, die die kleine Straße säumten in der mein Häuschen stand. Sollte ich bei Gelegenheit vielleicht einmal zusammenrechen? Mein Blick wanderte zum Schuppen. Ob ich dort wohl einen Rechen finden würde?

Doch warte, was war das? Oder besser gesagt, wer? Eine geduckte Gestalt hockte mit dem Rücken zum Haus neben meinem Schuppen und nuckelte an einer Flasche. Ein Obdachloser, der sich hier häuslich einrichten wollte, weil er dachte, das Haus stünde noch leer? Was war zu tun? Die Polizei rufen, damit sie ihm einen Tritt verpaßten? So grausam wollte ich dann doch nicht sein, schließlich war ich jetzt reich, vielleicht ließ sich das Problem ja anders lösen.

Zaghaft schlich ich die Treppen hinunter, hinaus zur Hintertüre und näherte mich der Gestalt. Vorsichtshalber hatte ich mein Kuchenmesser dabei. Man wußte ja nie. Die Gestalt blickte auf als ich mich näherte und sah mich ängstlich an. Ich blickte abwartend zurück. 
Als ich mich nicht sofort mit Gebrüll auf ihn stürzte, atmete der Mann, um einen solchen handelte es sich wohl, sichtlich auf und fragte leise: 'Darf ich mich für ein paar Tage in Ihrem Schuppen verstecken? Ich bin auf der Flucht vor einer Horde wildgewordener Weiber. Mein Name ist Alex.'

Mein Gesichtsausdruck war wohl wenig intelligent, denn Alex fuhr fort, zu erklären: 'Meine Ex hat mein Foto per QR Code in der gesamten Stadt verteilt, ein Wunder, daß Sie es noch nicht gesehen haben, und jetzt werde ich von der halben Uni gehetzt wie ein Schwerverbrecher. Keiner meiner Kumpels will das Risiko eingehen, mich am Sofa pennen zu lassen, man kennt sich schließlich untereinander. Ich hatte gedacht, hier auf dem unbewohnten Grundstück würde mich niemand suchen aber offenbar wurde das Haus jetzt gekauft. Von Ihnen. Ich weiß momentan echt nicht wo ich hinsoll, und auf Schutzhaft hab ich nun wirklich keinen Bock. Wenn es sowas überhaupt noch gibt außerhalb von Romanen.'

Natürlich konnte ich den jungen Mann bei den Temperaturen nicht im Schuppen schlafen lassen, bei den Spinnen und Käfern. Also bat ich ihn ins Haus, mit der Absicht, ihm einen Kakao und ein Gästezimmer herzurichten - und freute mich auf einen kostenlosen Gärtner. Wir erinnern uns, das permanent fallende Laub ... vielleicht würde er mir sogar Modell stehen? Doch kaum waren wir im Haus, entwand Alex mir das Messer, das er offenbar längst entdeckt gehabt hatte, und forderte mich, wild damit fuchtelnd, auf, all meinen Schmuck und mein Bargeld herauszurücken. Was für ein Schwachkopf. Als ob alle älteren Frauen sich für Schmuck interessierten und stapelweise Bargeld im Hause hätten. Rasende Wut stieg in mir auf. Auch auf mich selbst. Hatte ich aus meiner Zeit in Augsburg denn garnichts gelernt? Wieder und wieder hatte ich Menschen meine Türe geöffnet und wieder und wieder hatte es Ärger und Leid deswegen gegeben. Und wieder war ich auf ein Arschloch reingefallen, das geglaubt hatte, mit mir leichtes Spiel zu haben nur weil ich eine Frau bin. Doch nun hatte ich endgültig die Nase voll!

Womit der liebe Alex nicht gerechnet hatte war, daß es auf der Seniorenvolkshochschule mittlerweile Kurse für uns ältere Herrschaften gab, auf denen die Polizisten nicht nur langweilige Vorträge hielten sondern uns auch wertvolle Tips für den Fall der Fälle gaben.
Polternd fiel das Messer zu Boden und bald darauf auch Alex.

Die Erde im Garten war den Göttern sei Dank noch nicht gefroren und so hatte ich nun endlich einen guten Grund, im Eck über dem zergrabenen Rasenstück einen echt hohen Laubhaufen zu errichten. Mein Kuchenmesser würde in keiner Asservatenkammer landen, soviel war sicher. Abends beim Rotwein sandte ich einen stillen Gruß an die Freunde und Helfer der PI 47, die den Workshop neulich ausgerichtet hatten. Daß das Rot in meinem neuen Bild durch die Beimischung von Blut und Rotwein diesen besonderen Glanz erhielt, würde ich selbstverständlich niemals irgend jemandem verraten. Schließlich hat jeder erfolgreiche Künstler sein kleines Geheimnis.
















Donnerstag, 18. September 2025

Der Angriff der Killerkraken


Sie wollten es ja nicht glauben. 'Du wieder,' hieß es. 'Mit deinen blöden Verschwörungstheorien.' Die meisten Menschen lassen neben ihrer eigenen Auffassung keine andere gelten. Gut, so schwieg ich still. Schwieg zuhause, in der Post und in der Kirche. Gott kann Gedanken lesen. 'Gehet hin in Frieden', sprach der Pfarrer und ich ging. Mir einen Bunker zu bauen. Wühlen durfte ich alleine, da sonst niemand an den bevorstehenden Angriff glauben wollte. Zuviele Horrorfilme hätte ich gesehen. Was für ein Unsinn. Ich habe garkeinen Fernseher.

Die Außerirdischen haben mich gewarnt. Machen sie manchmal. Problem dabei ist, man kann nicht prüfen, ob die Warnung tatsächlich erfolgte. Will sagen, ich habe keine Beweise.
Es könnte sich ja jeweils auch um Zufall gehandelt haben, sagen sie.
Es gibt keine Zufälle. Die Dinge der Welt sind geordnet und wir bestimmen den weiteren Verlauf durch unser Handeln. Was regelmäßig alles durcheinanderbringt. Ohne uns jedoch wäre Stillstand, wäre Tod. Das größte Dilemma unserer Existenz.

Immerhin hat Gott sich nicht nach der Erschaffung der Welt zurückgelehnt und sich ein Pfeifchen gestopft. Das Ding, das sie Erde nennen, muß weiter am Laufen gehalten werden. Und das bedeutet eine Menge Arbeit für eine Menge Leute. Es ist nicht damit getan, hier und da mal ein Knöpfchen zu drücken und abzuwarten. Es gibt viel zu tun. Die Himmelswesen sind in einer Tour am Umeinanderwetzen, aber ihr seht das ja nicht. Ihr guckt alle nur noch ins Handy. Egal. Nicht mein Problem. Ich habe einen Bunker zu bauen. Wenigstens braucht man dabei die Wände nicht zu streichen. Sieht eh keiner. 

Auf ungefähr drei Tage solle ich mich einstellen, hieß es. 
Überschaubarer Zeitraum. 
Hängematte flechten, Wasser runterbringen, Vorräte herschaffen.
Verabschiedet habe ich mich nicht. 
Es wollte ja niemand etwas von der drohenden Gefahr wissen.
Warnungen klingen für die Leute nur ernst wenn sie aus dem Fernseher kommen.

Klimawandel. Huhu. Alle stehen stramm.
Aber daß dieser Klimawandel auch Mutationen in der Tierwelt bedingt? 
Wurscht. Betrifft uns ja nicht. Doch, tut es.

Und jetzt diese Experimente mit der KI obendrein. 
Keiner weiß, wohin dieser Irrsinn führen wird, aber einfach mal fleißig voran. 
Wird schon gutgehen.
Nein, wird es nicht.

Unlängst stürzte in Italien ein Baukran ins Wasser.
Gibt ja sehr viel Wasser in Italien.
Normalerweise kein Problem, holt man Guiseppe weil der einen Traktor hat, zieht er Kran wieder raus.
Jetzt liegt Guiseppe aber mit gebrochenem Bein im Spital.
Wer die Spitäler in Italien kennt, weiß: Katastrophe.
Baukran liegt also länger im Wasser.
Wasser ist nicht nur voller Tiere sondern auch voller Plastik. 
Gibt seltsame Verbindungen, dazu das Wabern der KI überall ... und schon ward die Killerkrake geboren.

Erst ist die ganz klein, da denkt man sich: Oh wie niedlich!
Aber die wächst. Und wächst. Und wächst.
Und andere drängen nach.
Sagen wir so: Guiseppe ist sehr froh in seinem Krankenzimmer im 5. Stockwerk.
Unten wird gerade gewaltig aufgeräumt.

Und sie wandern. Nordwärts. Zu uns. Sehr schnell.
KI halt. Da geht alles sehr schnell.
Zu schnell. 
Der Fernseher schweigt.
Man möchte die Leute nicht beunruhigen.
Gegen Killerkraken gibt es keine Impfung, also warum Streß erzeugen.
Wir schaffen das.

Die Außerirdischen haben durchaus Humor.
Ich schmunzle während ich in meinem Bunker hocke.
Nanu, drei Männer in meinem bescheidenen Reich?
Sie sprechen nicht, sie handeln sofort.
Mir wird weich ums Gehirn.
Ich bin fort.

Die Zelle in Haar ist sehr klein.
Aber auch sehr sicher.
Heute sind bereits sieben Pfleger nicht zum Dienst erschienen.
Ich habe mir einen Generalschlüssel besorgt.
Für alle Fälle.
Hier möchte ich nicht verhungern müssen.
Wenn niemand mehr Essen bringt.
Wenn alle fort sind.
Wenn wir 'Gestörten' die einzig Überlebenden sind.

Schöne neue Welt.











Sonntag, 14. September 2025

Das Rätsel um die mysteriöse Einbrecherbande

'Das ist doch ein Schmarrn Heiko echt, was soll denn da für ein Code dahinterstecken? Das sind einfach alles Saubären die ihren Mist nicht ins Küberl geben sondern auf den Boden hauen. Alles ganz normal.'

'Ja eben, sie HAUEN ihn nicht auf den Boden, sie STELLEN ihn ab. Sie stellen die Becher gezielt an bestimmten Plätzen ab, meist am Straßenrand, nahe am Rinnstein, und mit dem Boden nach oben, so daß ihre Kumpane die verschlüsselte Nachricht empfangen und sich dementsprechend verhalten. Aber ich hab noch nicht rausgefunden, was da für ein System dahintersteckt. Erst dachte ich, es hätte vielleicht was mit dem jeweils danebenstehenden Auto und dessen Nummer zu tun. Aber weißt ja nie wie lange das Auto da parkt und am Ende steht dann ein anderer Wagen da und der Code stimmt nicht mehr. Das kann es also nicht sein.'

Ja, der Heiko mal wieder. Hatte sich in eine Schnapsidee verrannt und war nicht davon abzubringen. In letzter Zeit wollten ihm vermehrt Becher von McDonalds aufgefallen sein, die vermeintlich gezielt am Straßenrand abgestellt worden waren. Verkehrtrum. Nachschauen ob was draufstand hat er sich nicht getraut, weil dann seine Fingerabdrücke draufgewesen wären. Ein Fuchs, unser Heiko. Für nix zu gebrauchen aber immer Quatsch im Kopf. Brauchst keinen Fernseher. Könnten wir uns eh nicht leisten. Alles was wir an Geld reinbekamen ging gleich wieder raus. Bier und so. Wenn Heiko eingeraucht war, fing er immer an, aus irgendwelchen verstaubten Klassikern zu zitieren. Ob richtig oder falsch konnten wir nicht beurteilen, keiner von uns hatte die gelesen. Zarathustra, Krieg und Frieden, der Zauberberg und wie sie alle hießen. Heiko hatte studiert. Irgendwann in grauer Vorzeit. Wir hatten nicht studiert, wir hatten genug damit zu tun, uns um das tägliche Brot zu kümmern. Einer mußte es ja tun. Heiko sicherlich nicht. Seine Eltern betrieben eine Weinstube in der Stadt und steckten ihm immer wieder einmal etwas zu. Dann lud er zur 'Sause' und das gute Geld war innerhalb einer Nacht verjuxt. Schade drum. Aber da war er nicht zu bremsen.

Und jetzt eben diese fixe Idee mit den Trinkbechern. So stapfte er Tag um Tag durch die Straßen um uns am Abend an seinen neuesten Erkenntnissen teilhaben zu lassen.

Heute war ein guter Tag. Wir hatten einen frischen Kasten Bier organisiert und August hatte was zum Rauchen dabei. So konnten wir uns entspannt zurücklehnen und Heikos Geschichten lauschen. Wildes Kopfkino echt. Wie gesagt, da brauchst keinen Fernseher.

Heute war er offenbar direkt in ein heimliches Liebesnest geraten. Bzw. vor die Fenster desselben. Bereits am frühen Morgen losgewandert, hatte er am Stadtrand ein wunderschönes kleines Häuschen erspäht, vor dessen Türe einer dieser Trinkbecher stand. Stand, nicht lag.
War hinter dem Haus den nebelverhangenen Fußpfad entlanggeschlichen, wäre fast über die Ausläufer einer Brombeerhecke gestolpert (eine geschlagene Viertelstunde konnte er sich darüber echauffieren, wie Gartenbesitzer ihre Büsche so ungepflegt wuchern lassen konnten) und hatte im Inneren eines Hauses, die Vorhänge waren offen, einem jungen Paar beim Kuscheln und Frühstücken im Bett zugesehen.
Eine Augenweide sei sie nicht gerade gewesen, berichtete er nüchtern, das darauffolgende Liebesspiel habe ihn daher nicht weiter interessiert. Schließlich habe er zu ermitteln.

Wir gaben uns alle Mühe, nicht allzu lautstark zusammenzubrechen. Ermitteln, hahaha pruuuuuuuust, Heiko als verdeckter Ermittler, muhahaaaaaaaaaaa!
Allzu heiter durfte es nicht werden, denn wenn er sich verarscht vorkam, konnte er ziemlich wütend werden und das wollte niemand. Echt nicht.

Am nächsten Morgen wurden wir alle von einem lauten RUMMS geweckt. Erschrocken fuhr ich hoch. Was war los? Hatte der Vermieter wieder einen Anfall? Stand gar die Polizei vor der Türe?
Da hörte ich ihn schon schimpfen. Aus der Küche. Heiko hatte sich eine Zeitung besorgt und wütete nun über das soeben Gelesene. Mußte das jetzt in aller Früh sein? Mein Kopf dröhnte als hätte jemand mit einem Hammer draufgehauen. Der einzige der hier haute war jedoch Heiko. Nämlich mit der Faust auf den Tisch. RUMMS. RUMMS. RUMMS. Normalerweise scherte er sich keinen Pfifferling darum, was in der Zeitung stand. Was konnte seinen Unmut derartig erregt haben?

'Hey Alter was geht ab? Was soll der Radau?', erkundigte ich mich vorsichtig.
'Da schau! Da siehst du es! Ich hatte recht! In dem Haus mit dem Liebespaar wurde heute Nacht eingebrochen! Der Becher stand davor und dann wurde eingebrochen. Wie machen die das? Wie können die anderen wissen, wo gerade diese Becher stehen? Man rennt doch nicht Tag und Nacht durch die Stadt und schaut nach Bechern. Ich will wissen, wie das funktioniert! Und ihr werdet mir dabei helfen. Ab heute lauft ihr mit und stellt Beobachtungen an. Ja, das werdet ihr tun!'

Scheiße. Wenn Heiko sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es keinen Ausweg. Wir mußten mitlaufen, Bock oder keinen Bock.

'Sag mal Heiko,' versuchte es August mit einem Appell an die Vernunft, 'meinst du nicht, daß die modernen Einbrecher das Internet nutzen? Die haben vielleicht so eine Art interaktive Landkarte erstellt? Und wenn wir jetzt diese markierten Stellen zu fünft abmarschieren machen wir uns am Ende verdächtig. Entweder haben wir die Bullen am Hacken oder die Bande selbst. Wir müssen uns trennen. Jeder von uns geht alleine los und am Abend besprechen wir was wir entdeckt haben, einverstanden?'

'Ja August, kaiserlicher Prinz, du weißt das, du bist gut! August du bist sehr gut! So werden wir es machen. Wir gehen getrennt. Bis heute Abend, ich erwarte Ergebnisse! Du weißt das August!'

Puh. Nochmal davongekommen. Auf die Idee zu fragen, warum die Einbrecher sich dann noch mit den Bechern abplagen sollten, wenn sie eine interaktive Karte hatten, war Heiko glücklicherweise nicht gekommen.
Wir liefen eine Runde um den Block und legten uns anschließend wieder in der Wohnung ab. Hatten wir halt nix gesehen, sowas Dummes aber auch. Manchmal war Heiko echt anstrengend aber seit ihm die Bude gekündigt worden war, wohnte er bei uns und seine Eltern zahlten einen Großteil unserer Miete. Das war ein unschlagbares Argument. 

Als unser Plagegeist am Abend noch nicht wieder heimgekehrt war, machten wir uns etwas Sorgen. Zugegebenermaßen nicht besonders große. Versumpft würde er sein, war der Konsens, und beruhigt gingen wir zu Bett. Doch auch am nächsten Tag war weit und breit nichts von ihm zu sehen. Gegen Abend waren wir so richtig besorgt und marschierten los in Richtung Stadt, uns ein wenig umhören. Stammkneipen abklappern und so. Vor dem Striese trafen wir tatsächlich auf Rolf, der ihn am Abend zuvor um die Fuggerei hatte herumschleichen sehen. Ja, es war dunkel gewesen, aber bitte, also Heiko war nicht zu übersehen und außerdem sei er in Kaisheim mit ihm in einer Zelle gehockt, man kenne sich daher bestens. Leider.

Mittlerweile war es spät geworden, wir konnten also in die Fuggerei eh nicht mehr rein und wankten, noch immer ziemlich besorgt, nach Hause. Seine Laune nach etwaigen Mißgeschicken war legendär und wir freuten uns nicht darauf, wieder mal etwas ausbaden zu müssen das allein er verschuldet hatte.
'Gleich morgen früh gehen wir rein und sehen uns um!' verkündete August und wir nickten wie ein Mann.

Gesagt getan. Punkt 10 Uhr marschierten wir geschlossen durch das Eingangstor und durchkämmten die, sowieso nur sehr wenigen, Gassen der Fuggerei. Die Schauwohnung war wegen Renovierung geschlossen, verkündete ein Schild vor dem Eingang. Schade. Wenn man schon Eintritt bezahlen muß, möchte man wenigstens auch was zu sehen bekommen! Doch was war das? Heiseres Gebrüll und Gepolter drang aus der Wohnung nach draußen. Das würde doch nicht ... das war doch nicht etwa ... das konnte doch nicht ...

Nachdem er sich drei Portionen Nudeln ohne Salat (tu das weg August, das könnte gesund sein!) reingezogen hatte, bekamen wir endlich die gesamte Geschichte aus ihm heraus. Nachdem akkurat vor dem Tor der Fuggerei einer der mysteriösen Becher gestanden war, hatte er sich in der Wohnung einschließen lassen um sich am nächsten Tag in aller Ruhe und inkognito der Suche nach dem Einbrecher widmen zu können. Kompletter Unfug natürlich, aber wer wollte seine Zähne riskieren, also blieben wir stumm. Dummerweise hatte am nächsten Morgen niemand die Wohnung aufgesperrt. Erst hatte er sich nichts dabei gedacht, schließlich öffnete man für das Volk erst ab 10 Uhr. Doch die Wohnung blieb versperrt. Doppelt schändlich, daß er, einer der geschicktesten Einbrecher der Stadt, die Türe nicht selbst hatte öffnen können. Doch ohne Werkzeug ... zwecklos. Wenigstens war das Wasser noch nicht abgestellt worden, so daß er zumindest seinen Durst stillen konnte. Aber die Küche war natürlich leer. Es war ja nur eine Schauwohnung. Jegliches Gebrüll und Klopfen wurde von den Nachbarn wohl als Nebengeräusch der angekündigten Renovierung gehalten. Warum er nicht aus dem Fenster gerufen hätte? Weil diese ebenfalls bummfest verschlossen gewesen seien, mit diesen altmodischen Riegeln, die man nicht ohne passenden Schlüssel öffnen konnte. Die Scheiben einzuschlagen wäre ebenfalls sinnlos gewesen, da er durch die winzige Fensteröffnung nicht hindurchgepaßt hätte.

Während der nächsten Wochen vermieden wir es tunlichst, die Worte Becher oder McDonalds auszusprechen um ihn nicht zu reizen. Zwischenzeitlich hatte er sich in eine neue fixe Idee verrannt. Er wollte eine Rennsemmel bauen, mit der er die Leute foppen und zur Verfolgung selbiger animieren könnte. Wenn sie dann in der Hast ihren Geldbeutel verlören, dann brauchte er ihn nur noch aufzusammeln. Ob ihm denn niemand bei der Konstruktion des fahrbaren Untersatzes behilflich sein wolle? Eilig stoben wir in verschiedene Richtungen davon.

Die Sache mit den Bechern hat sich dann übrigens doch noch aufgeklärt. Eines schönen Tages im Herbst saß ich im Wittelsbacher Park und blätterte absichtslos durch eine liegengelassene Augsburger Allgemeine. Auf einmal saß ich kerzengerade und traute meinen Augen nicht: Hatte man doch vor wenigen Tagen einen Hundebesitzer ausgeforscht, der auf die glorreiche Idee gekommen war, benutzte Becher über die Hinterlassenschaften seines Fifi zu stülpen so daß er sie nicht aufzusammeln brauchte.
Es muß nicht extra erwähnt werden, daß niemand von uns es übers Herz brachte, Heiko davon zu erzählen? Hunde und so. Sollte man schlafen lassen. Besser ist das.