Sonntag, 16. November 2025

In Augschburg isch immr was los



Als ich vor etwa drei Jahren während eines Augsburg-Besuchs an der Apotheke beim Dom vorbeiging stand einer dort vor der Eingangstüre und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Natürlich habe ich ihn nach all der Zeit nicht wiedererkannt, dachte mir nur: 'Was glotzt denn der so blöd?' und marschierte weiter. Keine fünf Minuten später überholte er mich auf dem Fahrrad und fragte, schüchtern, von der Seite: ''Marga??? I bins, dr Jonas.''

Der Jonas! Wie hatte er sich verändert. Die blonden Locken, sein Markenzeichen, waren verschwunden, ebenso das ewige Grinsen. Sein Gesicht war nüchtern und ernst geworden. Nur die ewig von den Lippen baumelnde Zigarette war noch wie früher.

Ja, früher. Die Vergangenheit, so stellte sich bald heraus, war das Einzige was uns verband. Mit 'Weißt du noch, damals ...' konnte man sich durchaus eine Weile amüsieren. Sich verzückt erinnern an die Zeit in der man gefühlt permanent berauscht durch die Nächte gezogen war. Ein Spiel, in dem die Vergangenheit retrospektiv in ein rosa Licht getaucht wurde und scheinbar ein einziges großes Abenteuer gewesen war. Erinnerungen an längst verblichene Bekannte wurden durchgekaut und währenddessen so mancher Kaffee konsumiert.

Jonas war sehr beschäftigt. Er hatte das Trinken aufgehört und seine Zeit war ausgefüllt mit Vollzeitjob, Fitneßclub und Enkelbesuch. Seine Gewohnheiten waren eingefahren, er schien wenig interessiert an Neuem. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war nach wie vor neugierig, wollte etwas sehen, wollte herumlaufen, fotografieren, Altbekanntes neu entdecken und jeden Tag wie ein Präsent auswickeln und bestaunen. Kurz und gut: Jonas war noch genauso langweilig wie früher, nur halt jetzt nüchtern. 

Infolgedessen verloren wir uns wieder aus den Augen. Wenn ich nach Augsburg fuhr kontaktierte ich ihn nicht mehr vorher um ein Treffen auszumachen, ich erzählte lediglich hinterher davon, was ihn jedoch nur mäßig zu interessieren schien. Sein Radius war extrem begrenzt auf die Innenstadt während ich am liebsten die Außenbezirke erforschte bzw. neu entdeckte. Bergheim hatte jetzt einen Bioland-Hofladen und einen Bücherschrank! Und den Baggersee gab es nach wie vor, das alte Dreckloch. Zumindest in diesem Punkt waren wir uns einig: Wie konnte man da drin nur baden???

So plätscherte die aufgewärmte Bekanntschaft dahin - bis eines Tages ein weiterer verloren geglaubter Kamerad aus der Vergangenheit auftauchte: Franky, der geheimnisvolle Geflüchtete aus Jugoslawien. Nach wie vor war er ein Nervenbündel, obwohl eigentlich kein Grund mehr dafür bestand. Mittlerweile war er legal eingebürgert und wurde nicht mehr bei jedem Anblick eines Polizeiautos weiß wie eine Wand. Dennoch schien er ständig auf dem Sprung, blickte sich ständig um und machte einen extrem gehetzten Eindruck. Was war da los? 

Eines Tages saßen wir wieder zu dritt in der Mühle und überlegten, wo wir als nächstes hingehen könnten, als Franky plötzlich die Getränkekarte vom Tisch riß, dabei beinahe meine Schorle umwarf und sich, die Karte vors Gesicht haltend, zischte: ''Keine Namen! Ich bin nicht hier!'' Du meine Güte, was sollte das werden? Ein Agentenroman? 

Ganz abwegig war der Gedanke nicht. Früher hatte er immer eine Pistole zuhause gehabt. Gusti hatte sich die einmal ausgeliehen und war in die Kneipe im Erdgeschoß hinuntergegangen wo ein Junge, mit dem ich kurz zuvor einen one night stand gehabt hatte, ahnungslos sein Bier trank. Der Bub hatte mir nichts getan, lediglich hatte ich mich am nächsten Morgen so sehr über eine wohl scherzhaft gemeinte Bemerkung von ihm geärgert, daß ich auf der Stelle aufgestanden und gegangen bin. Er kam aus dem Bad und sprach, als er mich noch im Bett liegen sah: ''Na, und ich hab dacht du hosch scho Frühstück g'macht?'' Boah war ich sauer. So eine saublöde Meldung!
Natürlich hatte ich daheim alles brühwarm Gusti erzählt und der merkt sich manchmal echt jeden Scheiß. Und reagiert dann ein bissl über.

So hielt er dem armen Kerl erbost die Pistole an den Hals und zischte: ''Wenn du meiner Marga no eumol was duasch, dann mach I di alle, hosch des verstanda!!'' Der Arme war käsweiß geworden und hatte mehrmals beteuert, mir doch garnichts getan zu haben. Heute bräuchte man so etwas nicht mehr zu bringen, da würde der Barmann sofort die Bullen rufen. Damals jedoch gab es noch genügend dunkle Winkel in denen Dinge vor sich gingen, die man besser niemandem erzählt.

Nun jedoch befanden wir uns alle miteinander im Hier und Jetzt. Gusti war seit über 10 Jahren tot und die Pistole hoffentlich in irgendeinem See versenkt. Oder doch nicht? Was wurde hier gespielt? Offensichtlich hatte jemand die Lokalität betreten, von dem Franky keinesfalls gesehen werden wollte. Wild um sich blickend warf er einen 20-er auf den Tisch, zischte was von 'Schtoinerner Mo' und verschwand über die Terrasse nach draußen. So ein Depp. Jonas und ich tranken kopfschüttelnd unsere Schorle aus, bezahlten und überlegten, ob wir uns zum Treffpunkt begeben sollten oder nicht. Früher wären wir ohne nachzudenken losgelaufen. Heute jedoch stellte sich ständig die Frage nach dem Warum. Würden wir dort mehr erfahren? Langsam machten wir uns auf den Weg. Die Öffi-Verbindungen in Augsburg sind nach wie vor nichts worüber man erfreut nach Hause schreiben würde, also ging ich gleich zu Fuß und Jonas hatte eh wie immer sein Fahrrad dabei. 

Der 'schtoinerne Mo', auf deutsch 'steinerner Mann', ist eine Sagengestalt aus dem 17. Jahrhundert. Die Legende besagt, daß der Bäcker Konrad Hacker auf die Stadtmauer geklettert war und den kaiserlichen Belagerern seine extra aus Sägemehl gebackene Brote zeigte - daß die Soldaten daraufhin enttäuscht auf ihn schossen und dann aber abzogen, da die Augsburger offenbar noch genügend zu essen hatten um einer längeren Belagerung standzuhalten. Die aus Stein gehauene Skulptur befindet sich in der Nähe des Doms an einem Teil der alten Stadtmauer, nahe der Schwedenstiege. Meist sind hier relativ wenig Leute unterwegs, es gibt einige versteckte Bänke und wir hatten uns daher früher gerne hier eingefunden um heimlich einen durchzuziehen. Daher wußten wir genau, wo wir Franky finden konnten.

''Jetzt mal Klartext Franky,'' moserte ich, nachdem wir wieder glücklich vereint auf einer Bank beim Sandkasten saßen. ''Was ist los und würdest du uns bitte einweihen?''
Franky schaute unglücklich auf seine Schuhspitzen die, am Rande bemerkt, mal wieder eine Bürste vertragen hätten, und räusperte sich verlegen. 
''Ihr wißt ja, daß ich ab und zu Aufträge annehme, Wandmalereien und so.'' Interessiertes Nicken unsererseits. Franky hatte bei Gusti und mir damals eine umwerfende Abbildung eines Pink Floyd Covers an die Wand gezaubert, als Dank dafür, daß er eine Weile bei uns pennen durfte. Niemals würde ich das vergessen, der Mann war ein Genie!

''Ja, also neulich, da hab ich bei so einem reichen Kerl gearbeitet und blöderweise, ja, also da hab ich halt in einer Pause, der war nicht da, am Schreibtisch rumgeschnüffelt. Und hab was gefunden.''

Wieder starrte er müde auf seine Schuhe. ''Ja und Franky, was hosch g'funda? Laß dir doch ned alles aus dr Nas zia!!'', meckerte Jonas ungeduldig. ''Koks? An Beleg vom Altstadtpuff? Bestechungsgelder? Hosch was klaut odr warum kriegsch ständig die Krise wie frühr obwohls jetzt doch garkoin Grund mehr drfür gibt? I meun hey, du bisch fascht 80 da muaß doch amal a Ruah sei!''

''Einen Arztbrief hab ich gefunden. Der Mann hat AIDS und seine Frau offenbar keine Ahnung, daß er mit Männern ... das steht alles in seinem Tagebuch. Und er hat gemerkt, daß ich es gesehen hab. Farbflecken, verstehst du? Und jetzt läßt er mich beschatten und will mich kaltmachen. Weil ich zuviel weiß. Das ganze Geld gehört seiner Frau, wenn die am Rad dreht dann ist alles aus. Geld, Ansehen, alles futsch. Deswegen muß ich um die Ecke gebracht werden. Und ihr seid jetzt auch in Gefahr weil ich euch alles erzählt habe. Wir dürfen uns nicht mehr treffen. Am besten trennen wir uns jetzt sofort und ich werde sehen wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.''

Betroffen saßen wir da. Ob das alles wahr sein konnte? Wer ließ derartig belastendes Material offen auf seinem Schreibtisch herumliegen? Und warum gleich umbringen? Konnte es sein, daß Franky wieder einmal einen seiner paranoiden Anfälle hatte? Kein Wunder bei seiner Vergangenheit mit Verfolgung und Folter in seiner Heimat, aber dennoch lästig. Wir waren hier in Augsburg und nicht in Sizilien. Wobei böse Zungen behaupten, daß da manchmal nicht viel Unterschied bestünde. Noch gut kann ich mich an diese üble Schießerei damals beim Schlachthof erinnern, wo ein Schulkamerad und sein älterer Bruder, zufällig ein Ex von mir, durch Schüsse aus einer Polizeipistole zu Tode kamen. Der Vater war Italiener und hatte sich vom jüngsten Sohn in einen Blödsinn verwickeln lassen. Der Vater war dann wie ein düsterer Geist im Gefängnis umhergewandert und hatte mit niemandem mehr gesprochen. Hat mir ein Kumpel erzählt, der zu der Zeit auch grad in Landsberg einsaß.

Aber das war lange her, die Sonne schien, und eigentlich wollten wir einfach nur gemütlich beisammen sein und uns nicht schon wieder wegen irgendwas reinstressen.

''Und woher weißt du das? Also daß er dich umbringen will?'', fragte ich mißtrauisch. ''Hat er was gesagt oder denkst du das nur?''

''Er hat mir einen Brief geschrieben. Ich soll meinen Lohn abholen kommen und er will mit mir reden. Also da ist doch alles klar! Sonst krieg ich das Geld immer am letzten Arbeitstag. Aber da bin ich ja abgehauen als er gemerkt hatte, daß ich an seinem Schreibtisch war. Und jetzt begegne ich ständig Leuten die ich bei ihm gesehen habe. Bestimmt seine Handlanger. Die auf einen günstigen Moment warten um mich unauffällig zu killen. Alter Mann, bissl erschrecken, kriegt er halt Herzinfarkt. Blöd gelaufen. Sowas fällt doch niemandem auf hinterher.'' 

''Ja weisch was Franky'', meinte Jonas nach einer längeren Gedankenpause, ''Da gehn mir halt jetzt mit dir hin und dann schau mer was er will, ok? Alle drei kann er ja ned einfach erschießn. Komm, des schau mer uns an!''

Nach einiger Überredungsarbeit unsererseits willigte Franky schließlich ein, rückte die Adresse raus und wir machten uns auf den Weg. Jonas auf dem Fahrrad, wir mit dem Bus und den Rest zu Fuß. Gottseidank war es von der Haltestelle nicht weit. Das Tempo das Franky und Jonas vorlegten, hätte ich nicht lange durchgehalten. So fit wie die beiden Männer war ich, obwohl jünger, bei weitem nicht.

Das Haus war wirklich imposant. Praktisch ein Schloß. Riesige Villa mit Türmchen und Erkerchen, wie aus einem Bilderbuch ausgeschnitten. Mit offenem Mund stand ich davor und bewunderte die Fassade in Schönbrunner Gelb. Was für ein geiler Kasten! Da hätte ich auch Angst, den zu verlieren. Meine Herren!

Inzwischen hatten die Jungs geklingelt, der Türöffner surrte und wir betraten die kühle Eingangshalle. Fast erwartete ich, hier einen Butler anzutreffen der uns in einen Vorraum geleiten würde um die Herrschaft über unseren Besuch zu informieren, doch es war der Hausherr selbst, wie ich aus Frankys verschrecktem Gesichtsausdruck schloß, der uns leutselig lächelnd begrüßte. 
''Na, Franky, altes Haus, hast Freunde mitgebracht? Dann kommt doch mal weiter, ich hab dir nämlich einen interessanten Vorschlag zu machen. Wir gehen in den Salon. Was wollt ihr trinken?''
Mir vorsichtshalber vornehmend, nichts von dem Angebotenen zu mir zu nehmen, folgte ich den anderen in den 'Salon'. Ein riesiges Wohnzimmer, teuer aber nicht protzig eingerichtet. An den Wänden wunderschöne Drucke. Keine Ölschinken sondern wirklich ausgesuchte Kostbarkeiten. Der Mann hatte Geschmack, keine Frage. Dann konnte er doch so unsympathisch nicht sein wie Franky tat.
Fast hätte ich vor lauter An-die-Wände-Starren nicht mitbekommen, was die beiden zu bereden hatten. Und dann mußte ich mir mit Gewalt das Grinsen verkneifen.

Wieder draußen auf der Straße platzten Jonas und ich fast vor Lachen während Franky mal wieder seine Schuhe betrachtete.
''Das war ein Romaaaaaaaaaaan, ich schmeiß mich weg, du hast einen Romanentwurf gefunden, bruuhahaaaaaaaaa!'', keuchte ich. ''Und er will a Buch über di schreiba!'', überschrie mich Jonas und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. ''A Buch über dei Flucht und deine erschten Johr hier bei uns in Augschburg, I glaubs ja ned, kommen mir da dann au drin vor?''

Vor lauter Heiterkeit kam niemand von uns auf die Idee, zu überlegen, was es denn dann wohl mit dem Arztbefund auf sich gehabt hatte, wenn die Kladde doch nur ein Romanentwurf gewesen war? Und keiner von uns bemerkte den schwarzen Wagen, der langsam um die Ecke gebogen kam als wir die Professor-Steinbacher-Straße erreicht hatten, welche in den Siebentischpark führte. Kurz nach dem ehemaligen Eingang zum Botanischen Garten griff sich Franky plötzlich an die Brust und sackte zu Boden. Erschrocken wollte ich mich über ihn beugen doch schon standen wie aus dem Boden gewachsen zwei kräftige Männer in Hoodies da, die ihn rasch aufhoben und wegtrugen. ''Ihr habt nichts gesehen, sonst seid ihr die Nächsten!'' raunte mir einer der beiden noch zu und schon waren sie mitsamt ihrer Bürde im schwarzen Auto verschwunden und brausten davon. 

Noch heute rätseln Jonas und ich, wie die beiden Franky zu Boden gestreckt hatten und was hinter der ganzen Geschichte wirklich steckte. Franky haben wir niemals wiedergesehen.








Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen