Eigentlich war es ja lieb gemeint. Triantafillos von der Abteilung Straßenreinigung und Gartenbau hatte vorgeschlagen, Sisyphos im Herbst für einige Wochen von seinem Felsbrocken loszueisen und ihm einen Laubbläser in die Hand zu drücken. Auf diese Weise würde er einerseits weiterhin eine schwere Tätigkeit ausführen die zu keinem befriedigenden Ergebnis führen konnte, da die Bäume hinten wieder alles vollgelaubt hatten sobald er vorne fertig war, andererseits konnte er so mal wieder in die Oberwelt zurückkehren und feststellen, daß er dort nichts, aber auch garnichts mehr versäumte. Sogar Thanatos war einverstanden gewesen.
Ihm gefiel die Aussicht, seinen gestürzten Helden beim Kampf mit den Mikroben zu beobachten, die er im Zuge seiner Tätigkeit aufwirbeln und einatmen würde. Gabs ja in der Unterwelt alles nicht. Den Überfall damals hatte er Sisyphos niemals verziehen. Daher wünschte er ihm noch immer alles erdenklich Schlechte an den Hals, in diesem Fall direkt IN den Hals.
Leider hatte niemand daran gedacht, Sisyphos zu fragen, ob er überhaupt Lust dazu hätte. Als der zuständige Beamte, ein rundlicher Mann in den 40-ern, mühsam in den Hades hinabgestiegen kam um ihn abzuholen, hätte er fast den Felsen an den Schädel bekommen. ''Zisch ab, Monsterbacke!'' war noch eine der harmloseren Beschimpfungen. Offenbar hatte sich Sisyphos mit seinem Schicksal abgefunden und war hochzufrieden damit, meditativ den Felsen den Berg hinanzuwuchten, und ihm befreit nachzublicken, wenn er vom Gipfel wieder hinabrollte. So war das Leben halt. Ein ständiges Auf und Ab. Auf die Oberwelt hatte er keine Lust mehr und schon zweimal nicht auf die lärmende Geschäftigkeit die dort Tag und Nacht vorherrschte. Wenn die Leute da oben das Laub störte, dann sollten sie es doch selber wegräumen. Sah er vielleicht aus wie ein Straßenfeger? Sicher nicht!
Tags darauf saß Stavros vor den Bildschirmen der Parkraumüberwachungsanlage im Metropark und wollte gerade seine Brotzeit auswickeln die ihm seine Frau Eleni wie immer liebevoll verpackt hatte, da sah er einen Mann aus dem Fahrstuhl steigen, dem es augenscheinlich sehr pressierte. Das alleine wäre noch kein Grund für Stavros gewesen, sich vorzubeugen und die Augen aufzureißen. Aber der Mann war, bis auf einen winzigen Lendenschurz, total nackt. Nun war es selbst im sonnigen Griechenland im Herbst nicht mehr SO warm, daß man sich unbedingt sämtlicher Kleidung entledigen wollte. Das würde die Eile erklären, mit der der Mann unterwegs war. Womöglich hatte er seine Kleidung im Auto vergessen und fror jetzt erbärmlich. Aber wozu der Lendenschurz? Wer trug denn heute noch so ein Teil? Als Stavros soeben das erste mit Reis gefüllte Weinblattröllchen in den Mund schieben wollte, kam der Mann wieder ins Blickfeld. Noch immer trug er nichts außer des besagten Lendenschurzes und irrte offensichtlich orientierungslos umher.
Mit einem bedauernden Seufzen legte Stavros die Gabel wieder zurück und stand auf. Das konnte er so nicht lassen, da mußte er eingreifen. Rasch noch in jedes Nasenloch eine Ladung Nasenspray - damit ihn seine Sinusitis nicht bei einer etwaigen Verfolgungsjagd beeinträchtigte - dann betrat er in vollem Bewußtsein seiner Parkraumüberwachunghoheitsmacht das Gelände. Der Mann irrte noch immer zwischen den abgestellten Autos umher, augenscheinlich suchte er irgendetwas. Oder irgendjemanden? War er möglicherweise das Opfer eines Anschlags geworden? Oder einfach nur ein exzentrischer Tourist der seine Reisegefährten verloren hatte?
''Öha!'', rief Stavros gebieterisch. ''Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Suchen Sie jemanden?''
Der Mann beachtete ihn nicht weiter und rannte nach wie vor im Zickzack zwischen den Autos herum. Stavros runzelte die Stirn. Das war er nicht gewohnt. Einfach ignoriert zu werden. Bei der Knappheit an Parkraum in der Großstadt taten die Leute gut daran, es sich nicht mit dem Wächter zu verscherzen. So mancher Schein hatte aus diesem Grunde bereits seinen Weg in Stavros' Taschen gefunden.
Wer war dieser Lümmel? Sollte er die Gendarmerie rufen? Die würden ihn Mores lehren!!!
Aber wenn es sich nur um einen dummen Scherz oder gar eine Kunstinstallation handelte, dann stünde er blöd da. So wie damals in Kreta wo er im Zuge seines Jobs als Strandwächter ganze Häufen dieser bunten Dragees am Boden gefunden hatte und gleich einen auf wichtig gemacht und eine Verschmutzung des Öffentlichen Raumes gemeldet hatte. Dabei war das ein neues Kunstwerk gewesen. Gestiftet von einer kleinen österreichischen Süßwarenfabrik, die damit auf die Wichtigkeit der Autarkie von der amerikanischen Großindustrie aufmerksam machen wollten. Allein bei der Erinnerung daran, wie er von seinem Vorgesetzten herablassend über die Gegebenheiten informiert, als Kunstbanause beschimpft und eingehend ermahnt wurde, sich in Zukunft seines gesunden Menschenverstandes zu bedienen, krümmte er sich vor Verlegenheit. So etwas brauchte er wirklich nicht noch einmal.
Der Mann mit dem Lendenschurz blieb endlich erschöpft stehen und blickte geschlagen zu Boden. ''Wenn er nicht schon tot wäre, ich müßte ihn erwürgen!'', hörte Stavros ihn schimpfen nachdem er hastig auf ihn zugerannt war. Abrupt blieb er stehen. Erwürgen? Einen Toten? Was ging hier ab? Der Fremde blickte müde auf und sah Stavros direkt in die Augen.
''Er hat mich gegen meinen Willen hierher in die Oberwelt gezerrt der hinterlistige Schurke! Nun finde ich den Weg zurück nicht mehr und der hockt irgendwo und lacht sich ins verkohlte Fäustchen das Bleichgesicht das gehörnte!'', spie er Stavros ins Gesicht. Als ob dieser etwas dafür könnte! Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. Offensichtlich ein Wahnsinniger. In diesem Fall war es sicherlich indiziert, die Gendarmerie zu rufen. Rasch entfernte er sich und tippte bereits während des Laufens die Nummer der zuständigen Polizeiinspektion. Im wohltuenden Gefühl badend, das Richtige getan zu haben, saß er bald darauf in seiner Kabine und konnte nun endlich die mit Reis gefüllten Weinblätter fertigessen.
Die Ruhe war jedoch nur von kurzer Dauer.
Während von der Einfahrt her bereits das aufgeregte Huiuiuiuiui des Polizeiautos ertönte, brandete weiter hinten, dort wo er den Mann noch immer vermutete, lautes Posaunenspiel auf. Waren sie denn jetzt alle verrückt geworden? Wo kam den jetzt auf einmal ein Blasmusikorchester her? Die Vorfahren von Stavros kamen aus Bayern. Er hatte diesbezüglich keine angenehmen Assoziationen, vor allem weil sein Großvater oft mit ihm bayerisch gesprochen hatte und sich daher nach wie vor einige Vokabeln dieser Ursprache in seinem Wortschatz befanden. Was oft zu Heiterkeitsausbrüchen im Kollegenkreis geführt hatte.
Eilig rannte Stavros in die Richtung der Musik, es herrschte auf einmal ein Gewimmel und ein Durcheinander, das an die Fotos vom Oktoberfest in München erinnerte, wenn sich das Volk um die Bierwagenpferde drängte, die das Bier am Eröffnungstag auf die Festwiese zerrten.
Nur daß hier keine Pferde im Spiel waren. Eher so etwas wie ein ... Drache? Ein Drache der aussah wie ein riesige bösartige Ratte und der drei Köpfe hatte und auf dem der Fremde, wüste Schimpfwörter ausstoßend, in einer Wolke von Dampf und Blasmusik von dannen ritt. Mitten durch die Mauer! Einfach so!
Stavros war sprachlos. Mittlerweile war die Polizei samt Notarzt eingetroffen und eilig befragte man ihn nach dem Verbleib des Patienten. Stavros schüttelte den Kopf wie ein Bernhardiner der aus dem Wasser kommt und pulte sich in den Ohren. Der Posaunenklang war verschwunden, die Mauer wieder fest und intakt wie zuvor und keines der Autos wies sichtbare Beulen auf. Zögernd berichtete er den Gendarmen das Erlebte.
Natürlich hat ihm wieder einmal niemand geglaubt. Sein Nasenspray wurde beschlagnahmt und er selbst auf unbestimmte Zeit auf 'Erholung' geschickt. Vielleicht könne er in der Anstalt einen Kunstworkshop besuchen um sich weiterzubilden, feixte einer der Polizisten, von dem Stavros bis zu diesem Tage gedacht hatte, er sei sein Freund. Traurig blickte er durch die Gitterstäbe nach draußen. Er wußte, was er gesehen hatte und daß es keine Einbildung gewesen war. Der Einzige der seine Geschichte hätte bestätigen können war Triantafillos von der Abteilung für Straßenreinigung und Gartenbau. Doch hatte dieser natürlich keine Ahnung von den Konsequenzen, die seine hübsche kleinen Idee nach sich gezogen hatte.
Den Lendenschurz, den die Putzkolonne am Abend im Parkhaus Metropark fand, wurde irrtümlich für einen alten Fetzen gehalten und ohne langes Federlesens entsorgt. So verschwand die letzte Spur unseres Helden aus der Oberwelt. Er selbst rollt seitdem wieder zufrieden seinen Felsen den Berg hinan und verschwendet keinen Gedanken mehr an die Menschen im allgemeinen oder an den armen verkannten Parkhausüberwachungsbeamten im besonderen, der wegen ihm jetzt im Sanatorium sitzt und die Welt nicht mehr versteht. Und die Moral von der Geschicht? Störe keinen König nicht. Auch nicht, wenn er schon gestorben ist. Und schafft endlich die Laubbläser ab, mit denen hat man wirklich NUR Ärger.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen