Sonntag, 30. November 2025

Zu spät


Als Hubert diesen neuen Auftrag bekam, war ihm zuerst ziemlich mulmig zumute. Sollte er ablehnen? Andererseits ... so lange war er noch nicht bei der Agentur um sich wählerisch zeigen zu dürfen. Er brauchte das Geld. Die Karriere beim SEK war leider unwiederbringlich vorüber. Ein Bulle mit einem kaputten Bein? Und Innendienst war wenig verlockend. Dann doch lieber selbständig. Aber den Gesellschafter einer alternden Dame zu geben nur weil die zu Geld gekommen war und eine Paranoia entwickelt hatte? Sie hatte sich ein Haus am Waldrand gekauft, mit Pool und allem Schnickschnack, und wollte sich nun zusätzlich zur Alarmanlage auch noch privaten Personenschutz leisten.

Er nahm sich vor, im Vertrag explizit erwähnen zu lassen, daß er NICHT für 'diese Art' von Spielchen zur Verfügung stehen würde. Etwas Würde wollte er sich dann doch noch bewahren. Er hatte extra seine ältesten Cordhosen angezogen um so wenig attraktiv wie möglich zu wirken. Die Mühe hätte er sich sparen können. Die Frau war dermaßen nett und naiv, daß er sich für seine Gedanken zu schämen begann. Nicht alle älteren reichen Damen sind überkandidelte Schachteln die ihre Angestellten als Spielzeug benutzen. Diese Frau war anders.

Die würde niemals den ganzen Tag in einem Strandkorb liegen wollen und sich von ihm die Sonnenmilch einmassieren lassen. Das wurde ihm sehr bald bewußt, als sie ihn stundenlang über Trampelpfade im Wald scheuchte, hier noch ein Foto und da noch eins machte, und er, obwohl 20 Jahre jünger, gewaltig Mühe hatte, Schritt zu halten.

''Ach denken Sie sich nichts, junger Mann,'' lachte sie fröhlich, als er sich für sein Zurückbleiben entschuldigte. ''Zeit meines Lebens höre ich von anderen nur: Renn doch ned so! Aber sagen Sie, hinken Sie etwa? Haben Sie sich sich gestoßen?''

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr von seiner Schußverletzung zu erzählen. Sie lauschte gebannt und kommentierte am Ende trocken: ''Wie im Fernsehen. Brutal. Ihre Frau wird aber schon froh sein jetzt, daß Sie diesen gefährlichen Beruf aufgegeben haben.''
Er schwieg. Wollte sie ihn nun doch anmachen? Daß seine Frau ihn bereits vor 10 Jahren verlassen hatte, behielt er für sich.
''Haben Sie Kinder?'', drehte er nun den Befragungsspieß um, als sie auf einer Aussichtsbank Rast machten und sich Kekse mit Wasser teilten.
''Nein,'' antwortete sie knapp. ''Ich kann Kinder nicht ausstehen und werde nie verstehen, wie man sich sowas freiwillig antun kann.''
Wieder schwieg er. Was sollte man darauf antworten?
Erst viel später erfuhr er, daß sie Autistin war und ihr laute, schrille Geräusche, wie sie Kinder nun einmal gefühlt ständig von sich gaben, körperliche Schmerzen bereiteten. Und wieder einmal schämte er sich für seine Gedanken. Irgendwie schien er ihr ständig Unrecht zu tun.

Obwohl sein Schützling jetzt stinkreich war, lebte sie irgendwo noch genauso weiter wie vorher. Zweimal die Woche begab man sich zu einem Acker im näheren Umkreis, wo man sich das Gemüse selber ausgraben konnte. Fenchel, Brokkoli, Salate, Knollensellerie ... alles frisch aus dem Boden und zu einem fairen Preis. Am Wochenende kaufte man im Hofladen ein und dreimal die Woche nach dem Yoga im Altenzentrum, zu dem er sie allerdings nicht begleiten mußte, wurde im Bioladen nach Sonderangeboten gesucht. Obwohl sie nun keineswegs mehr auf den Pfennig achten mußte, liebte sie nach wie vor Sonderangebote. Einmal wagte er es, ihr vorzuhalten, daß sie dadurch aber den ärmeren Menschen etwas wegnehmen würde.

Oha, da wurde die sonst so liebenswürdige Frau auf einmal doch ziemlich böse: ''Es gibt ich weiß nicht wieviele Läden in dieser Stadt!'' fauchte sie. ''Und ich habe genauso das Recht, Lebensmittel zu retten wie jeder andere auch. Wer zuerst kommt der mahlt zuerst, punktaus. Wer wirklich bedürftig ist, der geht zur Tafel. Der ich übrigens regelmäßig einen nicht unbeträglichen Betrag spende. Mir macht es einfach Freude, ein schönes Sonderangebot zu erwischen. Warum wollen Sie mir das jetzt kaputtreden? Gehören Sie auch zu diesen jungen Leuten, die ständig mit einer Mütze auf dem Kopf rumlaufen und immer alles besser wissen? Ich hoffe doch nicht. Eigentlich hab ich Sie anders kennengelernt. Also fangen Sie bitte nicht ausgerechnet jetzt damit an, wo wir uns grad so gut verstehen.''
Beschämt schwieg er. Wieder einmal. Nahm nur ihre Hand und drückte sie. Und sie drückte zurück. Es war alles gesagt.

Die Monate vergingen, man war mittlerweile beim Du angekommen und vergnügte sich wunderbar auf den beinahe täglichen Fototouren durch die Stadt. Man empfahl sich gegenseitig Lesestoff aus dem Bücherschrank, lachte über skurrile Begebenheiten und erfand abends immer wieder neue abenteuerliche Rezepte. 
''Wir sollten ein Kochbuch schreiben!'', meinte sie eines Abends, als sie über den dampfenden Tellern saßen. ''Ja, da müßten wir deine Notizen aber laminieren so wie du immer kleckerst!'', zog er sie auf und sie mußten beide herzlich lachen.
Auch legte sie ihre in Jahrzehnten der Einsamkeit entwickelten Eigenheiten, wie zum Beispiel Selbstgespräche, niemals ab. Ständig unterhielt sie sich nicht nur mit ihren Stofftieren sondern auch mit diversen Gerätschaften oder ihrem Rucksack. 
Als er beim Gemüseschneiden einmal Zeuge wurde, wie sie sich mit ihrem Herd unterhielt, zweifelte er an seinem Geisteszustand. Der Herd hatte sich offenbar beschwert, daß sie ihn immer 'Herdi' nannte und hatte angedroht, ihr nach ihrem Tod überallhin nachzufolgen und sie 'Leichi' zu nennen, damit sie mal sah, wie das war. Ihm entfuhr ein Stöhnen.
Sofort wandte sie sich ihm zu:
''Was ist passiert, hast du dich geschnitten?''
''Ach woher, mußte nur grad an was denken, koch nur weiter ...''

Die Innenstadt mied sie wo es nur ging, man hielt sich vorzugsweise in der Peripherie auf und er lernte die Stadt, in der er sein gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte, mit ihr zusammen völlig neu kennen.

Auf ihren Spaziergängen machte sie manchmal Witze darüber was sie ihm alles vererben würde wenn sie dereinst a Bankl reißen würde, ein Ausdruck den sie ihm erst erklären mußte, denn obwohl er sich mit ihr bereits einen ganzen Stapel österreichischer Filme angesehen hatte, war er noch immer auf Untertitel angewiesen.
Ihm war dieses Thema unangenehm denn mittlerweile bereute er seine anfängliche Einstellung zu möglicher körperlicher Annäherung zwischen ihnen beiden sehr. Je mehr Zeit sie miteinander verbrachte, desto sympathischer und auch attraktiver wurde sie für ihn. Aber nun da sie immer wieder vom Vererben sprach, verbot sich ein Geständnis seiner Gefühle erst recht. Sie würde glauben, es wäre nur wegen des Geldes. Zudem wußte er noch immer nicht, was sie in ihm eigentlich sah. War er wirklich nur ein bezahlter Begleiter oder hatte auch sie eine gewisse Zuneigung für ihn entwickelt? Manchmal hatte er den Eindruck ... doch dann ging sie wieder deutlich auf Distanz und er glaubte, sich getäuscht zu haben. 

So lebten sie in mehr oder weniger trauter Zweisamkeit dahin, bis er eines Nachmittags von einem Arztbesuch zurückkehrte und ungewöhnlich schweigsam war. Was bei ihm, der schon von Haus aus kein großer Redner war, durchaus etwas heißen wollte.
''Was hat er denn gesagt der Arzt? Darfst keinen Schampus mehr trinken?'', versuchte sie, ihn zum Lachen zu bringen.
Er schwieg weiter. Lange. Dann zog er ein Blatt Papier aus der Brusttasche und reichte es ihr.
'Schriftlicher Befund' stand dort zu lesen.
Darunter ... Fachchinesisch.
''Du hast was bitte? Wos haßt des?''

Nachdem er ihr die Diagnose erklärt hatte, stand sie wortlos auf und hantierte im Küchenschrank herum. Er starrte verunsichert auf ihren Rücken.
''Ich werde kündigen müssen. So kann ich dich nicht mehr adäquat beschützen.''
''Einen Schas wirst du! Wir sagen denen einfach nichts und du bleibst hier, so wie vorher auch!''
Sie drehte sich um und sah ihn mit wildem Gesicht an. Tränen liefen über ihr Gesicht. Erschüttert nahm er sie in die Arme. Nun war keine Zeit mehr für falsche Zurückhaltung.
''Wie lange hast du noch? Gibts eine Prognose?''
''Kein halbes Jahr mehr hat er gesagt ...''

Anfangs merkte sie ihm nichts an. Er ging nach wie vor überallhin mit und sprach auch nicht mehr von seiner Krankheit.
Doch nach einigen Wochen bekam er immer schlechter Luft und konnte bald nicht mehr mit in den Wald und über's Feld.
Sie blieben zuhause, sahen sich Filme an und lagen sich in den Armen.
Zu viel mehr war er nicht mehr in der Lage und ihr schien es zu genügen.

Schmerzen schien er keine zu haben und so kam der Arzt erst wieder, als es bereits zu Ende ging. Sterben ist nie schön, doch immerhin ist es ein Trost, in den letzten Stunden eine geliebte Person bei sich zu wissen. Sie hielt lange seine Hand und ließ sie erst los, als der Arzt vorsichtig an ihre Schulter faßte und etwas von Todesurkunde und Beerdigungsinstitut faselte.
Sie begriff nichts und wollte auch nichts davon hören.

Erst am Tag zuvor hatte er ihr seine Liebe gestanden. Dieser Idiot! Warum hatten sie die kostbare Zeit mit Zweifeln vertan? Warum hatten sie nicht früher miteinander gesprochen? Zu spät. Die schlimmsten Worte auf der ganzen Welt: Zu spät!

Zur Beerdigung war dann niemand gekommen. Absolut niemand, außer ihr.
Als der Pfarrer vor der Beisetzung den Verstorbenen mit salbungsvollen Worten segnen wollte, fiel sie ihm grob ins Wort: ''Das hat doch jetzt alles keinen Wert mehr. Schluß mit dem Unsinn, lassen Sie uns die Sache mit Anstand beenden. Die Götter werden sich um seine Seele kümmern, die wissen auch so wie das geht.''

Heute ist Hubert oben im Himmel ein gefragter Mann. Die Seelen, die sich für eine Reinkarnation entschieden haben, lassen sich am liebsten von ihm coachen.
Seine wichtigste Botschaft lautet stets: ''Sagt es den Menschen, wenn ihr sie mehr als nur lieb habt. Auch wenn ihr in den meisten Fällen Ablehnung erfahren werdet. Aber auf diese Weise werdet ihr jedenfalls nicht diese eine Person verpassen, die euch zurückliebt. Wer diesen Schmerz erfahren möchte, dann nur zu. Macht denselben Fehler wie ich. Ich wünsche euch viel Vergnügen dabei!''











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