Sonntag, 7. Juni 2020

Wenn Bücher sprechen könnten ...



Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein Buch. Ein sehr, sehr altes Buch, das seit einiger Zeit im offenen Bücherschrank neben der St-Agnes-Kirche im Münchner Norden sitzt. Jeder darf sich hier Bücher nehmen und natürlich auch welche bringen.

Manche von uns werden, kaum daß sie gebracht wurden, schon wieder mitgenommen, andere, so wie ich, sitzen schon sehr lange hier. 

Die Kirchenglocke schlägt alle 15 Minuten, eine Erinnerung daran, daß die Zeit vergeht. Was für ein so altes Buch wie mich natürlich höchst irrelevant ist. Was bedeutet mir ein Jahr, ein Monat, ein Tag oder eine winzige Viertelstunde? 

Vor der Kirche steht, inmitten duftender, blumendurchsetzter und bienenumsummter Gräser, die in diesem März bei dem feinen Wetter fast schon eine Sommerwiese bilden, eine Bank, auf der ich ab und an, vor allem am Wochenende, ein älteres Paar beobachten durfte, offenbar schon lange verheiratet, die sich dort niederließen um in einem der Bücher aus unserem Schrank zu blättern bevor sie es wie einen Schatz einpackten und langsam miteinander davonhumpelten. Hand in Hand, und niemals ein böses Wort gewechselt. Unglaublich, welche Rührung mein altes Bücherherz noch zu empfinden in der Lage ist, dachte ich bei mir.

Während der Woche hörte ich fast den ganzen Tag Kindergekreisch aus der nahegelegenen Schule oder vom gegenüberliegenden Kinderhort, nur übertönt vom stetigen Rollen des Autoverkehrs. Nicht sehr angenehm, aber Gottes Wege sind unergründlich und niemand hat einen Einfluß darauf, wohin das Leben einen trägt.

Eines Tages jedoch verstummte die unselige Kakophonie, mein altes Pärchen kam nicht mehr, und selbst am Sonntag blieb die Kirche leer. Was war geschehen? Wieder einmal ein deutscher Weltkrieg?

Das eine oder andere Auto fuhr nach wie vor die Straße entlang, auch eilte hier und da ein Fußgänger mit eingezogenem Kopf und scheuem Blick vorüber, die meiste Zeit jedoch herrschte grandiose Stille. Welche ich, ein Buch, das noch an die staubgesättigte Ruhe wahrhafter Büchereien gewohnt ist, natürlich sehr genoß. 

Ich hörte die Vögel singen, die Bienen summen, ein wunderbarer lautloser Frieden lag über allem - lediglich die Kirchenuhr erfüllte weiterhin unermüdlich ihre Pflicht und erinnerte jede Viertelstunde daran, daß die Zeit weiterlief. Man hätte es sonst wohl vergessen können und sich in der seligen Ewigkeit wähnen.

Wäre da nicht diese eine Frau gewesen, die fast jeden zweiten Tag kam um uns zu besuchen. Obwohl ich mich mittlerweile an meinem Platz wirklich wohlfühlte, erwachte doch bei ihrem Anblick jedes Mal die Hoffnung in mir, daß sie mich erwählen möge. Sie schien mir jemand zu sein, der Bücher zu schätzen wußte und sie pfleglich behandeln würde. Woran ich das zu erkennen glaubte? Nun, sie war anders. Wühlte nicht mit gierigen Händen und starrem Blick durch die Reihen, lediglich nach den neuen Büchern greifend und alles verschmähend was einen Stempel trug oder gar beschädigt war. Nein, sie schenkte jedem von uns ihre Aufmerksamkeit, besah sich den Umschlag, blätterte ein wenig hier oder da ... aber leider war ich niemals unter den Glücklichen, die in ihrer Tasche verschwanden und mit ihr nach Hause durften und ich war nach jedem Besuch seltsam niedergeschlagen. Wenn Bücher weinen könnten, hätten meine Nachbarn und ich nicht selten nasse Füße bekommen. Zurückweisung schmerzt auch ein altes Herz nicht unerheblich.

Andererseits gefiel es mir immer besser, einfach nur im Bücherschrank zu sitzen, völlig ohne Verpflichtungen, ohne sich in einem Büro die ständigen Telefonate und Brainstormings anhören zu müssen, ohne die Angst, von Kinderhänden zerfleddert und beschmutzt zu werden, ohne Gebrüll und Lärm, der meine arme Seele stets aufs Grausamste plagte.

Einfach nur dazusitzen, mit Aussicht auf die sonnenbeschienenen Pflastersteine des Kirchhofs die kaum mehr jemand betrat, nichts mehr zu denken, nichts mehr zu wollen, einfach nur zu sein.
Welch pure, ungetrübte Glückseligkeit ...





Sonntag, 19. April 2020

Hirnbrennen


Ich kann fliegen! Ich wußte nicht, daß ich fliegen kann! Wie das im Magen kitzelt - nur nicht nach unten sehen ... Leute ich fliege!!!

Eigentlich ist es ganz einfach. Immer der Nase nach. Und meine ist groß genug, da kann man nicht fehlgehen. Ähm, fehlfliegen.

Hatte ich mich schon vorgestellt? Manchmal bin ich ein bissl zerstreut, aber das bin ich schon immer gewesen, man gewöhnt sich daran. Macrophelia heiß ich. Nein, das ist nicht die, die sich volltrunken durch duftgetränkten Blütenregen wankend im Schlamm ertränkte. Klingt nur so ähnlich und führt oft zu Verwechslungen.

Wegen eines Mannes würd ich mich niemals umbringen, Männer sind Esel. Störrische, verfressene und stets begattungsbereite Esel. Wegen sowas bringt sich keine Frau um die was auf sich hält. Bei mir war's ein Unfall. Leider.

Eigentlich hatte ich schon noch ein Weilchen weiterleben wollen, auch wenn es in der letzten Zeit zunehmend ungemütlich geworden war auf der Erde. Aber vielleicht grad deswegen. Da wird man dann wenigstens mal gebraucht und vegetiert nicht so nutzlos in der Gegend umeinander. Wenn fast alles verboten ist, dann freuen sich die Leute auch wieder über Kleinigkeiten. Aber soweit sind wir dann doch nicht gekommen, die Leute und ich.

Ich mach einen romantischen Spaziergang im Mondlicht, neulich, so zwischen Stadtrand und Autobahn, in der sicheren Gewißheit, daß um die Zeit sicher niemand dort rumstreunt außer mir ... und whaaam ... auf einmal seh ich ein Moped vor mir aus dem Gebüsch schnellend herbeisausen und bevor ich noch auf die Seite springen kann macht's einen DUSCHER und das Ding geht in die Luft. Der Fahrer und ich natürlich mit. Blöd gelaufen.

Scheiß Bandenkriege. Münchner Norden halt. Erst drei Wochen zuvor hatte wer seinen Dealer in dessen Auto erschossen. Einfach so. Puffn raus und Bumm. Der Dealer muß aber auch ein fester Trottel gewesen sein, wenn er geglaubt hat, er kriegt einfach so sein Geld. Völlig freiwillig. Auf einmal. Naja Arroganz kommt vor dem Fall.

A propos Fall, ich muß ein bisserl aufpassen wo ich hinflieg. Sehr neblig heute. Aber hey, ich kann die Gedanken der Leute sehen! Ja krass. Die kleine verkniffene Frau da drinnen will die Polizei anrufen, weil es sie stört, daß da hinten am See zwei Jugendliche sitzen und Alkohol trinken? Weil sie schließlich auch keine Freude mehr haben darf im Leben und dann sollen sich die anderen gefälligst ebenfalls freudlos an die Gesetze halten? Ja hör mal alte Frau, wer sagt denn, daß du keine Freude mehr haben darfst??? Frag doch die Nachbarin, ob sie nicht mal ein Stück Kuchen mitessen mag, kleine Rebellion in Bayern! Sich einfach gegenseitig besuchen! Geht das? Ah, sie hält inne, offenbar kann sie mich hören wenn ich ihr dazwischendenke. Cool!

Nachbarin Zettel schreiben! Kuchen! Nix junge Leute vernadern!

Da, die Hand legt den Hörer wieder auf! Langsam schlurft die Frau in die Küche und ... jetzt seh ich nix mehr. Vielleicht blättert sie im Kochbuch? Stehen da auch Backrezepte drin? Ich kenn mich mit sowas nicht aus, ich glaub nicht daß ich jemals 'ne Hausfrau gewesen bin. In keinem meiner Leben.

So, das ist ja nochmal gut gegangen. Vielleicht sollte ich den Burschen da unten aber auch klarmachen, daß heutzutage bereits der Besitz einer Bierflasche ein Verbrechen darstellt, wenn man sie auf einem Bankerl im Freien trinkt, vor allem wenn noch wer dabeihockt.

Oh nein, die Kieberei ist schon da. Hat Oma doch angerufen? Nee, so schnell sind die nicht ... wahrscheinlich hat jemand anders ... die Deutschen sind wirklich so voll arg! Kein bissl aus der Übung gekommen seit damals.

Behäbig kommt der Polizist aus seinem Auto gekrochen, der Kollege bleibt drin, der Funk blökt, der Polizist denkt: 'Oh Mann, lernen die's nie? Sorglos andere Leute gefährden weil sie nix als Party im Kopf haben ... andererseits, warum soll man nicht auch ein bissl Spaß haben im Leben?'
Angststarr sitzen die beiden Jungs auf der Bank, blicken dem Polizisten entgegen, dieser lacht auf einmal freundlich und fragt: 'Na Kameraden, habt's für mich auch noch ein Bierchen übrig?'

Die beiden gucken erst ihn an, dann sich, dann wieder ihn. Fühlen sich veräppelt, fürchten einen Ausbruch. Der nicht kommt. Der Kollege bleibt im Wagen, brummelt ins Telefon: 'Hör mal Mama, ich arbeite! Nein, ich hab keine Ahnung wie das mit dem Guglhupfrezept von der Tante Anni war. Guck halt in der Truhe nach bei den alten Sachen, ja genau, am Dachboden!'

Der Polizist sitzt jetzt mit den Burschen auf der Bank und trinkt ein Bier. Aus Bayern. Weil's guad is. Und weil sich das so gehört. Buy local. Da sind sich alle drei einig. Ich freue mich und fliege weiter.

Haha, das macht Spaß! Die mit ihren Vorschriften, sakrosankt und unantastbar, die das tapfere Söderlein jeden Tag frisch erfindet, grad wie es ihm Freude macht. Sieben auf einen Streich, oder auch mal mehr. Na, dem werd ich in die Suppe spucken!

Quecksilbrig drehe ich ein paar lustige Salti und fege weiter, auf der Suche nach Vernaderern und Polizistenhirnen, die dringend bekehrt werden müssen. Kann schon sein, daß ich eines nicht allzufernen Tages dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Ziemlich sicher sogar. Aber das ist es mir wert. So bin ich wenigstens nicht umsonst gestorben. Die Menschen können sehr wohl gut sein, wenn sie wollen. Davon bin ich überzeugt. Nur haben die meisten vergessen, was wirklich wichtig ist im Leben. Und ich werde sie erinnern. Weil ich es kann. Damit am Ende doch noch alles gut ausgeht. Glaube, Hoffnung, Liebe. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen!








Sonntag, 12. April 2020

Der Dialog


Was sagst? Ich versteh dich ganz schlecht. Scheiß-Empfang hast da unten, echt.

Ja, jetzt isses besser ... nee warte mal was heißt ich hätt dich  rausgeschmissen??? WER hat dafür gesorgt, daß du nicht für den Rest deines Lebens als behaarter, häßlicher kleiner Schmid durch die Gegend hinken mußt? 

Jajaja, weiß schon, cooles BDSM-Möbel damals, der Fesselsessel für deine Mutter, aber erinnere dich, warum du es gebaut hast - sogar SIE hatte dich gleich nach der Geburt rausgeworfen ... ja ok, wir reden nicht mehr drüber, paßt. Aber dennoch. Hättest es gut haben können bei uns. Daß die Engel dich so knubbelig fanden, sich nicht an dir sattsehen konnten und sich immer öfter um dich geprügelt haben daß die Federn flogen, anstatt ihre Harfen zu stimmen und mir Lobgesänge zu widmen, das wäre schon ein Grund für das Hausverbot gewesen. 

Was machst eigentlich mit den vielen Locken die man dir damals als Liebespfand zukommen ließ? Könntest sämtliche Fauteuils bei euch unten polstern damit ... andererseits, des fäut ur wauns anbrennt ... es STINKT SEHR wenn es ... ja eh, genau, darum geht's, nämlich daß du den Menschen dann auch noch das Feuer gebracht ... nein, laß mich ausreden!!! Es geht hier nicht um das Feuer, auf dem sie ihre Würstl braten. Sollen sie. Ich hab mein Manna auch gern paniert und gebraten, warum nicht. Nein, nicht mit Kren, mein Magen, waßt eh, ich nehm immer Preiselbeeren ... ja, das geht auch. Aber zurück zum THEMA!

Es geht mir um das INNERE FEUER. Der Gottesfunken, den jeder meiner Kreationen in sich trägt und den sie in sich finden sollen um wirklich in Liebe Mensch sein zu können. Echt, ehrlich und ... naja, Dings halt. So genau kann ich noch nix sagen dazu, hatte ja noch keiner 'ne wirkliche Erleuchtung auf Erden. Ist in der Desoxyribonukleinsäure halt nicht vorgesehen, muß erst entstehen. Mittels genau dieses göttlichen Funkens. Dafür gibt's kein Handbuch, muß man einfach machen. Wie beim Kuchenbacken. Die besten Kuchen kriegst hin, wenn du dich nicht an das Rezept hältst. Woher ich das weiß? Nona, bin ich allwissend oder ned?

Und das hast mir sauber durcheinandergebracht. Viel zu früh. Und ich hab jetzt die Hackn damit. Die wissen, da is was, aber du immer mit Mediamarkt und Möbel Leiner ... 

Wirklich guter Versuch, jetzt mit dem Virus. Allerhand. Aber halt nicht mit mir, mein Freund. Am Ende wird alles gut, da kannst dich in den Schwanz beißen. Zugegeben, es kommt mir sehr zupaß, daß Ostern vor der Türe steht. Dieses Mal wird es klappen! Da wandelt ER dann nicht mehr unerkannt, sie werden ihn finden, ohne daß ER was sagen muß und wieder in der Psychiatrie verschwindet wie jedes Jahr. Wird eh immer schwieriger, ihn da auch wieder rauszubekommen ohne Schlagzeilen.

Heutzutage sagen sie auch nicht mehr 'Bist du es oh Herr?' und verlangen Beweise, nee, da läuft das total daneben ab, mehr so in die Richtung: 'Sachma, kenn' wir uns? Kommst mir irgendwie bekannt vor, ne? Wolln wir ein' trinken gehn?'

Und dann trinken sie und trinken ... aber mehr passiert nicht. Der 'Jünger' ist am Ende ang'soffen, hat am nächsten Morgen alles vergessen und stierlt müd im Kaffeesatz umeinander. Und ER hat wieder mal die Rechnung zahlen müssen, weil das mit dem Wasser-in-Wein-verwandeln kannst auch nicht mehr bringen, viel zu auffällig.

Deswegen hab ich dieses Mal alle Kneipen zusperren lassen. Weltweit. Da geht nix mehr mit deppert Ansaufen beim Wirten und Party im Park ist auch verboten, hehe.

Die Menschen werden sich besinnen müssen, allein deswegen weil es kaum mehr Ablenkungen gibt. Auch wenn sie ihn nicht erkennen, sie werden ihm endlich zuhören, sie werden singen, werden lachen, werden 'DES GIBTS NED!' schreien, werden endlich kapiern, worum sich alles ... ah ... sorry. Deppertes Internet. Macht mich auch schon ganz wuschig. 

Was sagst? Elmsfeuer in Tirol? I sog's glei I woas ned! Ja, Seilbahn, Seilbahn, Seilbahn ... hat sich alles erledigt erstmal. Gib dir keine Mühe, du schaffst es nicht. Ich werde gewinnen. Äh ... um was ging's eigentlich gleich nochmal???







Sonntag, 5. April 2020

Es hat sich ausgelinzt



'Sie wissen, warum Sie hier sind, Herr Nyfzgen?'
'Nein', antwortete ich betroffen. 'In der Vorladung stand lediglich Ort und Uhrzeit, kein Grund.'
'Und Sie können es sich auch nicht denken? Sie sind doch sonst immer so schlau, quatschen die Leute voll und verbreiten Ihre Ansichten in sämtlichen Foren?'

Mir wurde flau im Magen. Hatten die mein Telefonat mit Hanna neulich abgehört, in dem ich mich ausführlich über den Staat und dessen neuesten Machenschaften ausgelassen hatte?

'Sie haben wirklich keine Ahnung Herr Nyfzgen, was? Nun, so lassen Sie mich zur Sache kommen.'
'Ich bitte darum ...' entgegnete ich schwach.

'Wie Sie sich erinnern, hatten Sie sich damals geweigert, diese App auf Ihrem Handy zu installieren, mit deren Hilfe wir den Lockdown vorzeitig beenden konnten und die Leute ihr gewohntes Leben zumindest teilweise wieder aufnehmen konnten. Nicht sehr sozial von Ihnen, aber gut. War ja freiwillig.'

Sein Telefon begann in diesem Augenblick auf der funkelnd polierten Schreibtischplatte umherzutanzen, irritiert blickte er aufs Display und bellte hinein: 'Ich hab Ihnen doch gesagt Fräulein Schneider ... WAS??? Er hat WAS??? Gut, stellen Sie durch ...'
'Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen,' rief er über die Schulter in meine Richtung, während er bereits die Klinke seiner Bürotüre in der Hand hielt, 'bin sofort wieder bei Ihnen.'

'Kann's kaum erwarten', murmelte ich vor mich hin und fragte mich, zum x-ten Male, was denn der Beamte von mir wollen könnte. Amt für Verfassungsschutz. War ich ein Spion? Nein. Hatte ich irgendwas mit Terroristen oder so zu tun? Nein. Was zum Henker ...

Damals, im Frühsommer vorigen Jahres, waren die Bürger nach Wochen des Eingesperrtseins langsam aber sicher an ihre Grenzen gelangt. Selbst die, die noch Arbeit hatten, also eh nicht den ganzen Tag daheim zu hocken hatten, riefen immer lauter nach einem Ende des Lockdowns. Auch wenn ich nicht unmittelbar betroffen war, denn mein Job im Krankenhaus war sicher und ich war sowieso dezidiert misanthropisch veranlagt, war es auch für mich kein Spaß gewesen, auf einmal niemanden mehr treffen zu dürfen. Es ist immer ein Unterschied, ob man freiwillig auf die Gesellschaft anderer Leute verzichtet oder ob man den Verzicht von oben diktiert bekommt.

Ins Internet zu gehen war bereits nach kurzer Zeit keine gangbare Alternative zur persönlichen Konversation mehr, da sich dort genau die Leute tummelten, die im wirklichen Leben nichts zu sagen hatten, nun dafür aber alles besser wußten und andere bei jeder Gelegenheit aufs Heftigste beschimpften. Nicht gut, wenn die Nerven sowieso schon blank liegen.

Auch draußen war der immerhin noch erlaubte Spaziergang keine Freude mehr. Die Menschen machten weite Bögen umeinander herum, niemand schaute den anderen mehr an, als ob Blicke bereits töten könnten, jeder hastete mit gesenktem Kopf durch die Natur und war froh, wenn er seine Türe wieder hinter sich zumachen und tief Atem holen konnte. Die Stay-at-Home-Fraktion belauerte ihre Umgebung auf Schritt und Tritt, keine fünf Minuten konnte der Spaziergänger mehr auf einer Bank sitzen ohne daß jemand die Polizei anrief und diesen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz meldete. Und wehe jemand bekam Besuch. Da konnte man sicher sein, daß nach spätestens zehn Minuten ein Beamter vor der Türe stand, den ausgefüllten Erlagsschein bereits in der Hand. Paradoxerweise waren es genau diejenigen, die am lautesten nach Solidarität schrien, die dann ganz vorne mit dabei waren wenn es darum ging, andere Menschen hinzuhängen. Wir alle müssen uns an die Regeln halten, lautete die Parole. Da kannte der deutsche Bürger nix. 

Der Himmel über unserer Kleinstadt war trübe geworden, die Vögel ungewöhnlich still. Der Frühling verhallte weitgehend unbemerkt.

Ostern war es besonders schlimm. Erklär mal einem Sechsjährigen, wieso er nicht, wie im Vorjahr, mit den anderen Kindern Eier suchen gehen durfte. Oma weinte am Telefon und konnte nicht begreifen, warum man sie nicht mehr besuchen kam. Das Wort Pandemie sagte ihr nichts, sie wollte ihren Enkel sehen, solange dies noch möglich war! Meine Briefe konnte sie schon lange nicht mehr lesen, die Augen wollten nicht mehr so recht, und die freiwillige Helferin, die ihr bisher ihre Post erledigt und auch mal aus einem Buch oder der Zeitung vorgelesen hatte, durfte aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht mehr zu ihr. Bald darauf ist sie aus Gram gestorben. Die Beerdigung fand im kleinsten Kreise statt, der Mindestabstand wurde eingehalten, der Leichenschmaus fiel natürlich aus. Bedrückt gingen wir unserer Wege und fragten uns: Wie lange noch?

War es verwunderlich, daß ich voller Wut war auf diese Zustände, die meiner Meinung nach von gewissen gierigen Industriellen herbeigeführt und von der Politik aus Eigeninteresse billigend in Kauf genommen wurden? Die Duldsamkeit, mit der die meisten anderen diese einschneidenden Restriktionen über sich ergehen ließen fand ich abnormal, die Zahlen, mit denen sie uns in einer Tour bewarfen waren unsauber hochrechnet, die 'Fakten' erschienen immer unglaubwürdiger, Mahner wurden als Verschwörungstheoretiker und Leugner bezeichnet und ausgebuht. Es war zum Ausrasten. Was ich gelegentlich auch tat, ich gebe es zu.

Jedoch litten bald alle unter den Umständen, jeder auf seine Weise - und so hatten es die Menschen natürlich wundervoll gefunden, endlich wieder ohne Begründung und Restriktion ihre Wohnungen verlassen zu dürfen, ungehindert zum Friseur, ins Theater und ins Museum zu gehen, oder gar spontan in ihre Autos oder den Zug zu steigen zu um einen kleinen Ausflug in den Biergarten zu machen. Auch wenn das Oktoberfest fix abgesagt worden war, a Moß ging alleweil, und das war die Hauptsache. Prost alleweil und no aane auf die Madln mit die festn Wadln!

Die Lockerung der Ausgangsbeschränkung erfolgte allerdings unter einer Bedingung: Nur wenn mindestens 60% der Bevölkerung sich bereit erklärten, sich diese neue App aufs Handy zu laden, mittels derer jederzeit überprüft werden konnte, wo sie sich zu welcher Zeit aufgehalten und mit wem sie Kontakt gehabt hatten, war man bereit, ihnen ihre Freiheiten wiederzugeben.

Daß auf einmal keine Rede mehr war von den vielen Tausend Toten, die unbeschränktes Umherlaufen der Bürgerschaft unweigerlich zur Folge haben würde, und von der Verantwortung die wir alle mittragen müßten und aufgrund derer man auf KEINEN Fall den Lockdown vorzeitig beenden dürfe, fiel niemandem auf. Einfach App drauf und raus in die Freiheit, juchhee!!!

Der Beamte, der sein Telefonat am Gang inzwischen beendet hatte, riß mich aus meinen Gedanken, indem er sich jovial mir gegenüber auf seinen Sessel plumpsen ließ und mich mit blitzenden Zähnen angrinste:
'So, Herr Nyfzgen, wo waren wir stehengeblieben? Richtig, die App. Sie hatten doch wohl nicht geglaubt, daß wir uns damit zufriedengeben würden, die Überwachungs-Software nur bei den Leuten zu installieren, die 'nichts zu verbergen' hatten? Grad die anderen waren ja interessant. Haben Sie also garnicht bemerkt, Sie kleiner Klugscheißer, daß wir beim nächstbesten Update auch bei Ihnen ein kleines Spiönchen reingedonnert haben, was? Tja, für Spionage sind wir ja die Experten, hihihi ...'

Mann, hatte der sich jetzt am Klo 'ne Nase gegeben oder was war auf einmal los mit ihm? Der kriegte sich ja vor lauter Heiterkeit nicht mehr ein.

'Und bevor Sie jetzt dann nach Hause marschieren', fuhr er grinsend fort, 'und ihr Handy entsorgen, lassen Sie sich gesagt sein: Das nutzt nix. Wie sie ja bereits beim Kauf ihrer vorigen SIM-Card auf sämtlichen Kanälen erbost kundgetan hatten - jaja wir schreiben alles mit - ist der Kauf einer solchen Karte nur unter Vorlage des Ausweises möglich. Welcher kopiert und eingeschickt wird. Noja, und schwupps, schon ist die Software auch auf dem neuen Handy drauf. Sie gehören übrigens zur blauen Kategorie. Das ist noch nicht so wild wie violett, aber schon kurz vor bedenklich. Und somit kommen wir zu dem Grund, warum ich Sie heute hier vorgeladen habe. Nicht, um Sie zu warnen. Da hätt ich viel zu tun, ich wollte mir einfach nur Ihr dummes Gesicht anschauen wenn Sie hören, daß Sie uns trotz allen Widerstandes nicht auskommen können, haha köstlich, man gönnt sich ja sonst nix. Nein, ich habe Sie hierherbestellt um Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß Sie ihre Punktzahl für dieses Jahr fast erreicht haben und wenn Sie sich nur noch das kleinste Bissl zuschulden kommen lassen dann ... aber hallo! Da brauchen Sie jetzt kein arrogantes Gesicht zu machen, Herr Oberschlau. Ve haff our vays ... und wer nicht spurt der muß fühlen.

Und ich red jetzt nicht von Ihren dummen Bemerkungen im Internet. Das kratzt uns wenig, wir notieren das zwar aber im Grunde ist es uns egal was Herr und Frau Bundesbürger von uns denken. Was uns aber ganz gewaltig stört, das sind so Sachen wie Kontakte zu Widerständlern in anderen Ländern. Netzwerken und so. Wir wissen ganz genau, wen Sie im letzten Jahr wiederholt besucht haben. In Linz. Ich verwarne Sie hiermit höchst offiziell. Entweder Sie brechen diesen Kontakt auf der Stelle ab oder Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben. Kapiert, Herr Oberschlau?'

Kontakte in Linz? Redete dieses Nachtschattengewächs von meinem Kumpel, den ich seit mindestens zehn Jahren kannte? Meinem Kumpel Andreas, mit dem ich nichts Gefährlicheres tat als über den Teich in seinem Garten zu plaudern und dumme Witze per WhatsApp auszutauschen?

'Ich sehe, Sie haben keine Ahnung', plauderte das Nachtschattengewächs heiter weiter. Ihr Kumpel Andreas ist nicht das Problem sondern seine Frau. Und nachdem Sie von deren Machenschaften offenbar keine Idee haben, werde ich Sie auch nicht weiter aufklären. Der Bürger muß nicht alles wissen, nur zu gehorchen hat er. Unser Gespräch ist hiermit beendet Herr Nyfzgen, Sie wissen was zu tun ist: Es hat sich ausgelinzt, zumindest was diese beiden da oben in ihrem hübschen kleinen Häuschen betrifft. In den Zoo oder zum Zwergerlschneuzen dürfen Sie natürlich weiterhin, ich sehe, Sie haben die Tierpatenschaft für eine der Ziegen übernommen, wie herzig. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag und auf Wiedersehen.'

Freitag, 27. März 2020

Mia bleibn dahoam



'Laut dem Tarot befinden wir uns momentan in der Zeit des Gehängten', warf Richard in die betretene Stille. Durch das gekippte Fenster hörte man lauten Vogelgesang. Sonst nichts. Aus dem Keller, Stille.

'Ja Mann, das ist doch jetzt echt voll abgedreht und am Thema vorbei,' schimpfte Agnes feurig los, obwohl sie als Frau eigentlich eher noch Zugang zu esoterischen Denkweisen haben sollte, dachte sich Richard, sprach es aber vorsichtshalber nicht aus. Immerhin war sie die Frau eines der mächtigsten Bauern vor Ort, da war Vorsicht angebracht. 

'Die Meldung entbehrt nicht eines gewissen Scharfblicks,' warf Alois ein, der auch am Stammtisch immer das große Wort führte und dem daher alle stets widerspruchslos zuhörten. 'Ich persönlich finde sowieso, eine Woche einsperren ist für das Gesocks da unten noch viel zu milde. Wenn wir sie öffentlich aufhängen, so richtig kreuzigen, dann statuieren wir ein Exempel und die Verbrecher aus München bleiben endlich in ihrer verstunkenen Metropole anstatt uns hier unseren herrlichen Heimatsee zuzumüllen und ihre dreckigen Viren anzuschleppen.'

Zustimmendes Gemurmel von den Umsitzenden.

'Nachdem wir leider die meisten Gebräuche unserer Altvorderen ablegen mußten, beispielsweise das Julfest zur Wintersonnenwende, wird es an der Zeit, das Volk durch gemeinsame Feiern wieder zu einen, gerade in diesen Zeiten der Wandlung, in denen doch einige sich einbilden, die Obrigkeit sei gegen sie eingestellt und wolle sie in ihrer Freiheit beschneiden. Da gilt es gegenzusteuern. Schlimm genug, daß der Bürgermeister mit seiner Forderung beim Ministerpräsidenten so bös abgefahren ist und es auch noch in der Zeitung gestanden hat. Diese Wunde gärt und schwelt, es gilt, diese zu besänftigen und gleichzeitig ein Zeichen zu setzen.' 

Kollektives Schlucken.

'Aber ...', wagte Richard leise einzuwerfen, 'ist das nicht Mord? Wenn uns der Ministerpräsident bereits ein Betretungsverbot für die Münchner versagt, ja wie wird er denn reagieren, wenn wir die Leute so einfach aufhängen? Des kannst doch ned machn Alois, sorry! Und außerdem hab ich des mit dem Gehängten ganz anders gemeint und zwar ...'

'Schau Richard,' unterbrach Alois den Dorfarzt, 'ich will dir mal zugute halten, daß du ein wackerer Kamerad bist, auf den wir uns immer verlassen konnten.' 'Bisher.', fügte er ominös hinzu.
'Deine Kinder hast auch keineswegs verdorben, ich hab neulich den Jörg gesehen wie er ein Auto aus München mit Joghurt beworfen hat. Guter Junge. Und nun merke auf: Wir werden unsere Gefangenen natürlich nicht umbringen. Wir hängen sie nur ein bissl auf, sagen wir einmal ein paar Stunden, so wie man früher die Menschen an den Pranger gestellt hat. So lange ist das noch nicht her. Das Volk braucht einen gemeinsamen Feind und einen starken Bürgermeister, der ihnen zeigt, wer der Chef ist, auch wenn er gerade eine empfindliche Niederlage aus München einstecken mußte. Gerade deswegen.'

'Irgendwelche Einwände?', fragte Alois in die rund um den mächtigen Eichentisch sitzenden Ratsmitgliedsgesichter. Natürlich eine rein rhetorische Frage, auf die er sich keine Antwort erwartet hatte. Schließlich wollte keiner der Beteiligten sich mit den Fremden zusammen am Kreuz vorfinden. Mitgefangen, mitgehangen, oder in diesem Fall gerade eben lieber nicht.

'Gut, dann gehen wir jetzt in den Wald und suchen uns ein paar geeignete Bäume aus, sieben Stück, eine heilige Zahl. Emma, du machst mal einen Plan wie wir die Penner da unten bis dahin verköstigen können, daß sie uns nicht vorher vom Fleisch fallen, Richard, dich brauchen wir, damit nicht doch noch einer vorzeitig abnippelt. Gemma!' Wie ein Mann erhoben sich die Dörfler und strebten dem Ausgang der Gaststube zu. Die Frühlingssonne schien unbeirrt weiter.

Es waren in der Tat seltsame Zeiten, da mußte jeder schauen wo er blieb, und wer unvorsichtig war und sich zu weit von der Heimat entfernte, nun, der mußte die Suppe dann eben auslöffeln, die er sich eingebrockt hatte. Da kannte der Alois nichts und der Bürgermeister sowieso nicht.
Mia san mia und mia bleiben dahoam.











Sonntag, 22. März 2020

O Tempora O Mores



Manchmal kommen Gaukler ins Land, sie tragen buntes Gewand, sprechen fremde Dialekte und lachen viel. Oma sagt es ist besser, man geht nicht zu den Vorstellungen, ich würd mir damit nur die Zukunft versauen. Versteh ich nicht, ich finds lustig wenn sie den Kanzler mit den Ohren nachmachen ...

Von der Bevölkerung werden sie mißtrauisch betrachtet, man spricht von Zigeunern, Diebesvolk und Kinderschändern, wobei die meisten schon nicht einmal mehr wissen, was das eigentlich sein soll. Ein Schimpfwort aus längst vergangener Zeit, als die Kinder noch bei ihren Eltern aufwuchsen, als die Familien noch unüberwacht mit Freunden in eigenen Wohnzellen beinandersaßen und oft die eigenen Verwandten sich an den Kinder vergriffen. 
Unvorstellbar heutzutage.

Wie so vieles, von dem Oma noch zu erzählen weiß. Von damals, vor der Großen Krise, die das Leben der Menschen praktisch von einer Woche auf die andere völlig umkrempelte. Nur Wenige sahen es kommen, die meisten Menschen murrten zwar ein wenig, als sie auf einmal die Wohnung nicht mehr verlassen durften, angeblich um die Verbreitung des Virus zu stoppen, machten sich aber weiter keine Gedanken. Man müsse jetzt Geduld haben und Solidarität zeigen hieß es. Dagegen ließ sich auch erst einmal nichts sagen. Die Ausgangssperre wurde bald wieder aufgehoben, die unmittelbare Gefahr schien gebannt, die Regierung ließ sich feiern und das Leben ging weiter wie gehabt.

Bis auf einmal dieser Brief im Kasten lag. Man möge sich innerhalb von 14 Tagen bei der zuständigen Krankenkasse melden, das Tragen von Gesundheitsarmbändern sei ab jetzt verpflichtend. Selbstverständlich würden die so erhobenen Daten nicht sehr lange gespeichert, es diene alles nur der Sicherheit. Wer sich weigerte, wurde als Ignorant beschimpft, der leichtfertig nicht nur die eigene Gesundheit aufs Spiel setzte sondern auch die der anderen Menschen um ihn herum. Die Wiederholung einer solchen Pandemie könne nur effektiv verhindert werden, wenn jeder zu jeder Zeit seine Temperatur messen ließe und man jederzeit lückenlos nachweisen könne, wer zu welcher Zeit mit wem Kontakt gehabt hatte.

Nun wachten die Ersten auf, witterten Intrige und Verrat, doch es war bereits zu spät. Egal ob adelig oder arbeitslos, es gab kein Zaudern, wer der Aufforderung nicht zeitnah nachkam wurde mit erheblichen Repressalien bedroht, und kurz darauf waren alle an das Überwachungsnetz angeschlossen. 

Grenzgeniale Programmierleuchten arbeiteten rund um die Uhr und bald konnte nicht nur die Bewegung der menschlichen Körper überwacht werden, auch jede seelische Regung in selbigen. Jeder Gedanke war auf einmal meßbar. Die Regierung wußte nun nicht nur, was die Leute sich so im Fernsehen und im Internet ansahen, sie wußten auch, was sie dabei für Gefühle und Gedanken hatten. Das neue System ließ die bisher bekannten Algorithmen auf facebook uralt aussehen. Es war ein Bankett für Datensammler, an dem diese sich ungeniert bedienen konnten. Datenschutz? Ein Begriff, der ja bereits in der guten alten Zeit bereits nur noch dazu benutzt worden war, die Angestellten in Behörden und Kliniken zu sekkieren.

Noch heute zuckt Oma zusammen wenn es an der Türe läutet. Die Kontrollen waren häufig und die Inspektoren alles andere als zahm. Anfangs hatte sie es mit Humor nehmen wollen, hatte ihnen grinsend die Türe geöffnet mit den Worten: 'Inspekta gibt's kaan!' Man hatte daraufhin alle ihre Bücher beschlagnahmt, sich extralange Zeit gelassen, sie mit dem Genehmigungsstempel zu versehen und natürlich hatte hinterher die Hälfte gefehlt. Oma hatte während dieser Zeit wieder mal Ausgangssperre und mußte sich dreimal täglich telefonisch bei der Aufsichtsbehörde melden. Vom Festnetz aus. Welches sie ja noch hatte.

Es wurden viele Bücher vernichtet, damals. Zeitgenössische Schriftsteller wie Bertha Garlan oder Leo Himmelsblau wurden verbrannt, genauso wie Autoren aus längst vergangenen Zeiten wie Erich Kästner oder Jane Austen. Auf Satire stand die Todesstrafe, menschliche Nähe war verpönt. Das während der Pandemie eingerichtete Gesetz, daß sich Menschen in der Öffentlichkeit nur noch höchstens zu dritt zusammenfinden durften, wurde aufrechterhalten. Workshops etc. wurden weiterhin nur noch online geduldet, das Leben fand hauptsächlich digital statt. Die Menschen bezahlten im Supermarkt mit der Armbanduhr, welche solcherart ihr comeback feierte, und die Unterhaltung mit Fremden hatte sich bald eh erledigt, da alle nur noch mit Google-Brille und Kopfhörern unterwegs waren und einander nicht mehr beachteten.

Konversation gab es daher praktisch nur noch schriftlich, vorzugsweise elektronisch, oder am Telefon. Damit die Unterhaltungen überwacht werden konnten und niemand mehr Angst vor freistehenden Koffern haben mußte. Heutzutage ebenfalls ein Unding. Kein Mensch reist mehr mit Koffern. Die Hotels bieten alles, was der Gast zur Annehmlichkeit benötigt, in den Zimmern an, persönliche Dinge wie Medikamente oder Extrakleidung werden am Tag der Abreise von Götterboten abgeholt und in Windeseile an den Zielort transportiert. Natürlich ist das Reisen dadurch so teuer geworden, daß es sich nur noch Privilegierte leisten können. Der Rest der Bevölkerung staut sich in den noch zugelassenen lokalen Vergnügungsbetrieben und schreit sich gegenseitig die Ohren voll. Da bleibt jeder vernünftige Mensch freiwillig zuhause und loggt sich in seine Unterhaltungsmedien ein.

Einmal fand ich ein uraltes, völlig verstaubtes Buch auf dem Dachboden, diesem Hort geheimer Schätze. Ich blätterte neugierig darin herum, nieste vom aufsteigenden Staub und mußte auf einmal furchtbar lachen. Erschrocken kam Oma herbeigeeilt, denn Lachen war schon lange nur mehr in Ausnahmesituationen erlaubt, wer es zu oft tat wurde von den Nachbarn besonders streng beobachtet,denn Denunzianten waren bei der Obrigkeit beliebt und durften sich oft Extrarationen Toilettenpapier oder Nudeln abholen.

Was ich denn so lustig fände, wollte Oma vorwurfsvoll wissen. Als sie das Buch erblickte wurde sie bleich. 'Jö, die Bibel!', flüsterte sie. Offenbar ein verbotenes Buch.

Ich las ihr den Satz vor, der mich so erheitert hatte: 'Und sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund'.

'Weißt, Oma', erklärte ich, 'hab mir halt diesen Götterpropheten vorgestellt wie er im Arztkittel und mit Google-Brille durch die Pampa spaziert und die Leute mittels Sprachfunktion heilt. Aber hör mal Oma, was ist denn eine Seele???'



Sonntag, 8. März 2020

Anton Teil 2

Am nächsten Tag bastelte Anton den ganzen Tag an einem Brief rum - er konnte Briefeschreiben nicht ausstehen und schrieb nur in äußersten Notfällen einen, so wie jetzt eben - den er dann abends stolz seiner Vermieterin vorlas:

Lieber Metzger.
Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen damals soviele Schinken gestohlen habe, ich würd sie Ihnen jetzt gerne zurückgeben aber sie sind halt schon weg. Mein alter Bekannter, der mich damals immer angestiftet hat, brachte mir gestern ein Geschenk für Sie mit, das ich Ihnen gerne bringen würde, aber Sie müssen vorher Ihren Hund wegsperren sonst trau ich mich nicht klingeln.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Ihr Anton Fieselmaier

''Hm'', machte Miranda. Nach der Anrede kommt kein Punkt und der Schluß ist reichlich altmodisch. Da sieht man wieder mal, wie lange du schon nix mehr geschrieben hast – aber sonst: Echt nicht schlecht. Jetzt, Frage: Wie willst du den Brief in seinen Briefkasten kriegen wenn du dich nicht zu klingeln traust? Die Briefkästen sind doch innen.''
''Öhm, mit der Post?''
''Mit der Post? Bist deppat? Des kost a Lawine und bis der Brief ankommt wohnt da drüben der Enkel und dem is des olles Blunzn!''

''Naa'', blökte Anton auf bayerisch, ''ned bei uns in Deutschland. Da is ned so teuer und ankommen tut's auch. Meistens. Also fast immer.''
''Und wenn ned?''
''Ja was soll ich denn machen? Den Hund erschießen und die Tür eintreten? Ihr könnz mi doch alle mal! Mir langts! Was'n no? Etzt hab I so an schönen Brief g'schriebn + will mi entschuldigen für alles und es is no ned recht und immer wird g'schimpft. I mog nimma! Es könnts mi alle!''
''Der einzige der hier schimpft bist du. Wieder mal typisch! Zu keinerlei Diskurs bereit + gleich lostoben. Bayern!!!''

Etwa eine halbe Stunde später sah man eine wütende Miranda mit dem Brief in der Hand zum gegenüberliegenden Häuserblock traben während Anton wieder mal am Balkon stand, heulend sein Popscherl rieb und die Ungerechtigkeit der Welt beklagte.

Jetzt war es so, daß der Metzger ja nicht einfach den Brief gelesen, Anton zu sich eingeladen und großmütig die Entschuldigung und das Geschenk entgegengenommen hätte. Nee. Dann wäre ja alles gut und die Geschichte somit zuende. Vielmehr hat der Metzger den Brief zwar gelesen aber dann eine Wut gekriegt. Bisher hatte er Anton für einen zwar wehleidigen aber doch immerhin bösen Schwerverbrecher gehalten, vor dem man Angst haben muß, und so war er sich mutig und stark vorgekommen indem daß er ihm nicht nur einen Drohbrief geschrieben sondern ihm diesen auch noch ins Ohr gepfeilt hatte als er Anton wieder am Balkon wehklagen sah. Nun jedoch, nach Erhalt des kleinlauten Entschuldigungsschreibens von Anton, kam der Metzger sich nicht mehr mutig vor sondern fühlte sich ausgesprochen dämlich. Und weil keiner sich gerne dämlich fühlt wurde er wütend. Auf Anton. Wen sonst. Also setzte er sich an seinen Küchentisch und überlegte. So ein Küchentisch ist überhaupt der allerbeste Ort um zu überlegen. Es soll ja Leute geben, die am liebsten am Klo überlegen, aber wer hat schon Wein und Kekse am Klo? Eben. In einer Küche dagegen befinden sich außer einem Tisch auch stets Wein und Kekse, womit alle Voraussetzungen für genußvolles Überlegen gegeben sind. Jetzt kommt es aber natürlich sehr auf den Wein (und die Kekse) an, ob die Überlegungen, die man am Küchentisch so anstellt, auch zielführend sind. In dieser Hinsicht war der Metzger gut aufgestellt, denn er war ein Genießer und trank nur guten Wein. Wenn sich Anton und Zagreb damals nicht ausschließlich auf seinen Schinken spezialisiert hätten, wären sie damals bereits fündig geworden, wären sie nur eine  Türe weitergegangen. 

Nachdem er also drei Achterl von seinem guten Wein getrunken hatte, kam der Metzger auf die Idee, Anton zu einem Fest einzuladen und ihm dort seine Rache angedeihen zu lassen. Inmitten seiner Freunde fühlte sich der Metzger stark denn, zugegeben, ein bissl Angst hatte er doch noch vor Anton, und der Hund würde ja beim Fest nicht dabeisein können.

''Was hat er dich?'' fragte Miranda ungläubig am nächsten Tag, als Anton ihr seine Einladung zum Gartenfest des Metzgers vor die Nase hielt.
''Zu seinem Gartenfest hat er mich eingeladen'', wiederholte Anton stolz. ''Hättst ned denkt, ha?''
''Noja, I waß ned, bist sicher doß des ka Foin is?''
''Bitte was?''
''Eine Falle, heast.''
''Eine Falle! Freilich! Klar! Bist grantig weil er dich ned mit eing'ladn hat und schon mußt es mir wieder kaputtreden. Des is SO typisch, echt!!!''

Kurz darauf hörte Miranda, die sich mit einem Buch in ihr Zimmer geflüchtet hatte, wie draußen vor dem offenen Fenster ein Kind auflachte und rief:
''Schau mal Papi! Da steht ein erwachsener Mann am Balkon und flucht ganz laut! Wieso darf der das und ich nicht???''

Das Fest war offensichtlich ein Erfolg. Zufrieden und mit angepapptem Dauergrinsen schlängelte sich der Metzger zwischen den lachenden, zwischendurch aufkreischenden und allenorts begeistert aufeinander einredenden Gästegruppierungen hindurch, immer wieder leutselig nickend, jedoch stets darauf bedacht, Anton am Rande seiner Peripherie zu behalten. Was nicht weiter schwierig war. Als Anton vor seiner Türe gestanden hatte - erst mußte er ihn hinter einem riesigen Blumenstrauß hervorholen, für die gnädige Frau, ein weiteres Ärgernis denn der Metzger, nach wie vor unbeweibt, fühlte sich verhöhnt – mußte der Metzger sofort an diesen Film mit Eric Idle denken, an die Szene wo Eric auf ein Fest kommt, ein Bettlaken um die Schultern geschlungen, der einzige Europäer unter lauter Indern, und der Gastgeber empfiehlt ihm freundlich 'to mingle', also sich unauffällig unter die Gäste zu mischen. Jetzt hatte Anton beileibe kein Bettlaken um die Schultern geschlungen und die Gäste waren auch keine Inder – dennoch hob er sich  von der Masse der übrigen Anwesenden auf eine unheimliche Weise ab und man konnte nicht einmal sagen woran das lag. Er war sauber angezogen, frisch rasiert, er trug geputzte Schuhe und bemühte sich, freundlich dreinzuschauen. Und dennoch ...