Sonntag, 25. Februar 2024

Angriff der Klinikkillerklinken

Anfangs hatte sich keiner etwas gedacht. In Altenheimen sterben nun einmal immer wieder Menschen. Das machte immer eine Menge zusätzlicher Arbeit, erregte jedoch nicht mehr Aufsehen als ein Sommergewitter. 

Gerade hier in St. Joseph lagen einige Pflegefälle, von denen manch einer den Tag herbeisehnte, an dem er dieser Erde Sayonara sagen und endlich heimkehren könnte. 

Am schlimmsten litten diejenigen, die geistig noch völlig wach waren, deren Körper ihnen jedoch nicht mehr gestattete, sich selbständig auch nur die Nase zu putzen geschweige denn auf die Toilette zu gehen oder gar auf einen kleinen Spaziergang durch den anstaltseigenen Park. 

Wenn sie Glück hatten, kam einmal die Woche eine ehrenamtliche Betreuung vorbei und las ihnen für ein Stündchen oder zwei etwas aus einem Buch vor oder erzählte ihnen von der Welt draußen. Ob sie das jetzt gerade interessierte oder nicht. 

Wenn bei der Visite alle Türen offenstanden damit sich der Herr Chefarzt nicht vor jedem Zimmer die Hände desinfizieren mußte wegen der Klinken, der gefährlichen Klinikkillerklinken - obwohl er eh jeglichen Patientenkontakt mied und sich lediglich von Patienten und Untergebenen anbeten ließ - verschwammen die Satzfetzen aus den einzelnen Zimmern zu einer Art surrealistischer Soundfile wenn man den Gang entlangmarschierte:

'... Tumore dorsal und radial ...System schon noch in Ordnung, Kreislauf und so, nur halt die Schwäche ... mit 95 noch jeden Morgen einen Ständer ... Pilz vom Cortison hat der Arzt gesagt, das nennt man Soor ... anamnestische Erstbeschreibung ... Erstgespräch heißt das du Depp ...Aua! Schwester, er hat mich gehauen ...'

Immer wieder suchte sie den Park auf für eine kurze Verschnaufpause, die Gesellschaft der immer kindischer werdenden alten Leute war schwer zu ertragen.

Waren alte Menschen in Deutschland keines selbstbestimmten Daseins mehr würdig? Von Zufriedenheit im Herbst ihres Lebens waren die meisten hier jedenfalls weit entfernt. Lagen oft stundenlang in ihrer Scheiße denn das System WAR einfach Scheiße und es steckten alle tief drin. Das konnte sie leider nicht ändern. Zumindest nicht von heute auf morgen. Jede Pflegekraft gab ihr Bestes und es war nie genug. Da konnte man schon einmal auf seltsame Gedanken kommen.

Soziale Ungerechtigkeiten seien aber keine Rechtfertigung für Selbstjustiz hatte der Richter gemeint. Und eine Haftunfähigkeit aufgrund hohen Alters sei in ihrem Fall nicht gegeben, schließlich sei sie erst 78 Jahre alt und wer es fertigbrachte, ein halbes Stockwerk auszurotten indem man immer wieder die Türklinken mit Colibakterien verunreinigte nachdem die Putzfrau durch war, Details würde er den Anwesenden jetzt ersparen, der würde sich auch mit den Umständen in einem Gefängnis abfinden können.












Sonntag, 18. Februar 2024

Die unbekannte Macht


Lässig saßen wir im Aufenthaltsraum, Werner und ich, mit den heute beschlagnahmten Bierflaschen auf dem Tisch vor uns. Eigentlich war Alkohol hier streng verboten, aber es war bereits spät, außer uns war niemand mehr da, die Frühschicht würde erst in einer Stunde übernehmen und die Kameras waren draußen am Bahnsteig. Schließlich waren WIR der Sicherheitsdienst und würden uns kaum selber anzeigen.

''Heast wos is des, Zwuckel???'' Skeptisch betrachtete Werner das Etikett der Bierflasche vor sich, die einer von uns im Laufe des Abends vermutlich am Karlsplatz mitgenommen hatte. Die jungen Leute lernten es einfach nicht. Tschechern im Untergeschoß = Bier weg. So einfach war das. Aber Zwuckel statt Zipfer? Offenbar hatten wir harmlosen Touristen ihren Marschproviant abgenommen. 

''Wos maanst, des woa sicha da neiche Kollege. Wo is a denn eigentlich? Eh scho ham? Oiso I find den ... iagendwie strange ...''
''Tu nicht nörgeln Werner, er ist verläßlich und wir können froh sein, daß wir Verstärkung bekommen haben. Was die Leut krank sind in letzter Zeit, des is nimmer normal. Patrick ist nie krank.''
''Jo eh, oba wie der redt. So redt doch ka normala Mensch!''

Eigentlich hatte Werner recht, überlegte ich mir, als ich in der U-Bahn nach Hause saß. Der Neue hatte eine extrem monotone Sprechweise, lachte nie, verstand Witze grundsätzlich nicht und wenn es irgendwo eine Schlägerei gab war er sofort mittendrin, ohne Angst vor Verletzungen. Und mit seinen endlosen Vorträgen konnte er einen echt mürbe machen. Offenbar hatten seine Eltern einen Hof im Mühlviertel, den zwar nicht er sondern ein Bruder übernommen hatte, aber wenn man ihn so hörte, könnte man annehmen, er sei für jede einzelne Frucht mitverantwortlich. So detailliert wie er die Erntevorgänge und Produktionsschritte am väterlichen Hof beschrieb war man dann direkt froh, wenn es irgendwo einen Wickel gab und man sich einmischen konnte. Nein, normal war Patrick wirklich nicht.

Während der nächsten Tage hatte ich ausreichend Gelegenheit, den neuen Kollegen aus der Nähe zu beobachten, denn man hatte ihn mal wieder mir zugeteilt. So marschierten wir zackig durch unser Revier, alles andere als fesch aber immerhin markant gekleidet in unseren neuen 'Kasperluniformen' wie wir sie verächtlich nannten. Blaues Gwand und rote Sicherheitswesten. Und wieder hatte ich große Mühe, ihn vom Thema Hof und Ernte abzubringen. Hatte der Mann nichts anderes im Schädel? Und wenn ihn der Hof so interessierte, warum war er dann nicht dortgeblieben statt hier in Wien den Kollegen mit seinen Vorträgen darüber am Nerv zu gehen?

Weiters fiel mir auf, daß er offenbar Schwierigkeiten damit hatte, Dialoge zu führen. Nicht nur, daß er einem dabei nicht in die Augen sehen konnte, er gab auch immer wieder völlig unsinnige und vom Thema abweichende Antworten. In mir keimte ein Verdacht. Las man in den Medien nicht ständig von diesen künstlichen Intelligenzen, die mittlerweile in diversen Bereichen eingesetzt wurden? In Japan hatten die Menschen mittlerweile sogar so einen Roboter als Lebensgefährten, und die sahen total ECHT aus.

Meine Anfrage beim Vienna Open Lab erbrachte, daß für einen zeitnah stattfindenden Kurs 'Gene Detectives' noch ein Platzerl frei war. Eigentlich sollte dort nur DNA von Obst und Gemüse bestimmt werden, aber hey, wenn man die Möglichkeiten und Instrumentarien dazu hatte ...

Ein Haar von Patrick war einfach beschafft, der Mann war so arglos, daß er es mir sogar mit einem Schleiferl drumrum überreicht hätte, hätte ich ihn darum gefragt. Was ich natürlich nicht getan habe. Ich hab es ihm heimlich von der Jacke gezupft, bissl was geht immer.

Die Untersuchung des Haares erwies sich als schwieriger als gedacht. Eigentlich hatte ich gehofft, alleine zurechtzukommen, aber so ganz ohne Vorkenntnisse ... unmöglich. Die Kursleiterin schaute zwar etwas seltsam, als sie mich mit dem Teil hantieren sah, bestätigte aber nach einem ausführlichen Exkurs in die Tiefen der Gentechnik, daß es sich hierbei eindeutig um ein menschliches Haar handelte. Mein Respekt vor der Frau war während ihrer Ausführungen rasant gestiegen. Die hatte echt was drauf! Fast hätte ich sie gefragt, ob ich sie zum Essen einladen dürfe, das erschien mir dann aber doch zu platt. Besser noch ein paar Kurse bei ihr belegen ... Weiterbildung schadet nie.

Meine Restzweifel besprach ich mit Werner. 
''Was meinst, sind die so gut mit ihren KI, daß sie vielleicht tatsächlich menschliche Gene verwenden, so daß man nix merken kann, auch wenn der Roboter dann mal zum Arzt muß oder so?''
''Geh heast Bertl, so a Bledsinn! A Robota geht ned zum Oazt, der geht in d'Werkstatt. Do foat die Eisenbahn drüber!''

Offenbar hatte Werner seine Klappe nicht halten können ... denn einige Tage später wurde ich zur Leitung der Sicherheitswache bestellt. Zuerst hatte ich keine Ahnung um was es ging, hatte mir sogar schon Hoffnungen auf eine Beförderung gemacht ... doch als ich nach dem sonoren 'Herein' des Chefs dessen Büro betrat prallte ich entsetzt zurück. Vor dem Schreibtisch saß, seinen Blick anklagend auf mich gerichtet, niemand anderer als Patrick.

''Kommen Sie nur herein Ewerdinger, setzen Sie sich, und dann erklären Sie mir einmal wie es zu diesen abstrusen Gerüchten kommen konnte, von denen mir Ihr Kollege soeben berichtet hat.''

Ich war sprachlos. Was zugegebenermaßen selten vorkommt. Was genau hatte man sich erzählt? Was sollte ich zugeben?

Unser Vorgesetzter lächelte schmal. ''Nun Ewerdinger, offenbar sind Sie sich nicht ganz im Klaren darüber, was Sie angerichtet haben. Herr Thompson hat mir gestattet, Sie darüber in Kenntnis zu setzen, daß er von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen ist. Haben Sie schon einmal von Asperger Autismus gehört? So nannte man das früher. Es ist keine Krankheit, die Menschen sind einfach ein wenig anders. Das berechtigt uns aber nicht, uns über sie lustig zu machen und sie gar für Roboter zu halten, nur weil sie einen etwas anderen Humor haben und gerne von ihren Lieblingsthemen erzählen. 
Nun schauen Sie nicht so bedröppelt, Sie konnten das ja nicht wissen. Aber ich würde es sehr gerne sehen, wenn Sie sich mit Herrn Thompson ein wenig anfreunden könnten um dieses abscheuliche Gerücht wieder aus der Welt zu schaffen. Was meinen Sie Thompson, wären Sie damit einverstanden?''

Sofort reichte mir Thompson seine Hand und ich schlug ein. ''Sehr erfreut Bertl, darf ich dir vom neuesten Stand auf dem Hof meiner Eltern erzählen? Seit gestern sind nämlich die Pflaumen reif und da hat ...''
Innerlich stöhnend blendete ich den Redeschwall aus, mit dem mich Patrick nun ungehindert zutextete, während wir das Büro des Chefs verließen und uns zusammen auf den Weg zum Aufenthaltsraum machten.

Was keiner von uns beiden mehr mitbekam war, wie der Chef auf einem altmodischen Festnetztelefon zufrieden eine Nummer wählte und in vorwurfsvollem Ton berichtete: ''Vorfall geklärt, Gefahr beseitigt. Anweisung: Produktion stoppen bis wir die Software gründlich überarbeitet haben. Serie noch nicht völlig problemlos einsetzbar. Vorhandene Exemplare integrieren soweit möglich, aber Vorsicht walten lassen, äußerste Vorsicht. Experiment darf nicht vorzeitig enttarnt werden, eh schon wissen. Erinnerungen an Farm aus Gedächtnis tilgen, Besuch von Kollegen dort wäre fatal. Over and Out.''







Skulptur 'Wir, Erzkinder lernen Macht' von Jonathan Meese, fotografiert 2009 im Skulpturenpark Köln

Sonntag, 11. Februar 2024

Der Mönch und die Heilerin


Bruder Augustus war immer so lieb. Er redete stets etwas länger mit mir als unbedingt notwendig gewesen wäre, wenn ich die Salben und Tinkturen für das Kloster brachte. Ihre Medizin stellen die Brüder dort großteils selber her, aber einige Rezepturen sind so geheim, daß sie in unserer Gegend wirklich nur meiner Mutter und mir bekannt sind. Und nicht jedes Kloster hat einen eigenen Apothekergarten wie die Antoniter drüben in Höchst. Da muß man schon genau wissen, was wann wo wächst.

Meine Mutter. Sie würde täglich tausend Tode sterben wenn sie wüßte, daß ich mich mit einem Mönch eingelassen habe. Wobei das nie beabsichtigt war. Ich mochte ihn einfach so gerne. Es fühlte sich irgendwie an, als ob wir uns schon immer gekannt hätten.
Nachdem meine Mutter aber bereits vor zwei Jahren zu Tode gekommen war, während die große Seuche in Frankfurt wütete, bin ich jetzt ganz alleine und hätte mir manchmal ihren Rat wirklich gewünscht, so sehr mir ihre Ermahnungen früher lästig gewesen sind.

Vorigen Vollmond, als ich frühmorgens in den Wald wollte um einige Kräuter zu sammeln, habe ich die Brüder singen hören. Es war so wunderschön, daß ich vor Ehrfurcht auf die Knie gesunken bin und das Beten anfing. Bruder Augustus meinte, ich solle mich besser nicht im Umkreis des Klosters aufhalten, da der Abt ein Sexmonster sei. Als ich ihn fragte, was das bedeutet, wurde er käseweis und meinte, er müsse jetzt wieder hinein, aber wenn ich zur Mittagszeit zur Alten Eiche käme, könnte er es mir erklären.

Natürlich bin ich hingegangen, neugierig und wißbegierig wie eh und je. Dort hat er mir nicht nur sehr anschaulich erklärt, was ein Sexmonster ist und was es tut, und auch den Unterschied zur üblichen Vorgehensweise sehr deutlich herausgearbeitet - er hat mir auch ein großes Geheimnis verraten. Daß er nämlich aus der Zukunft kommt und daher immer wieder aus Versehen Worte verwendet, die in unserer Zeit niemand versteht. Er wäre in seinem früheren Leben ein rechter Tunichtgut gewesen und sei daher von den Göttern hierher in die Zeit des 30-jährigen Krieges gesandt worden, um den Menschen zu helfen und ihnen zur Seite zu stehen. 

Aufgewachsen sei er bei den Hugenotten in Frankreich, dortselbst sei er zum Orden der Antoniter gestoßen und mit diesen nach Deutschland gekommen, um zu versuchen, das Leiden der Menschen zu lindern, die vom Antoniusfeuer befallen seien. Dummerweise hätte er, da er ja Bescheid wußte, versucht, den Leuten zu erklären, daß diese Krankheit dem übermäßigen Verzehr von mit Mutterkorn verseuchtem Roggen geschuldet sei, was leider mit eklatantem Unverständnis aufgenommen worden war. Die Leute könnten einfach die Wahrheit nicht ertragen wenn sie nicht in ihr Weltbild paßte. Was bitte, hieß es, sollten die armen Leute denn essen außer Roggen wenn sie nichts anderes hätten, und er sei offenbar genauso von Dämonen besessen wie die Kranken, die sich schreiend in Krämpfen wanden. So sei er mit Schimpf und Schande weggejagt worden und war froh gewesen, nach einigen Irrwegen hier im Kloster als Mitbruder aufgenommen worden zu sein. Auch wenn ihm das Leben als Mönch nicht wirklich besonders gefalle. Vor allem die ständige Beterei sei sehr lästig.

Ich liebte seine Geschichten aus der weiten Welt. Von den Gauklern denen er sich angeschlossen hatte nachdem er von den Antonitern ausgestoßen worden war, weil ihn die lockere Art und einfache Freundlichkeit des fahrenden Volkes angezogen hatte, mit der sie jeden Willkommen hießen der bereit war, mit anzupacken. Von der Tochter des Zirkusdirektors und Hochseilartisten in die er sich verliebt hatte, die aber bald darauf vom Seil zu Tode stürzte weil sie unaufmerksam gewesen war. Ständig hatte sie nach ihm Ausschau gehalten, der er im Publikum gesessen war, Handküsse nach oben werfend und verliebte Faxen schneidend. Um seine Schuld auch nur ansatzweise zu tilgen, hatte er einige Jahre als Clown lediglich für schmale Kost und Logis gearbeitet, hätte dann aber die unheilbare Trauer des Direktors nicht mehr ertragen können, die sich wie eine schwere Decke über den gesamten Zirkus gelegt und ihn beinahe erstickt hätte, so daß er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit Zuflucht in einem Kloster gesucht hätte, letztendlich bekanntes Terrain für ihn.

Unsere gemeinsame Zeit dauerte nur wenige Tage. Nun sitze ich hier im Verlies, weit unten im Keller des Klosters, und habe seit vorgestern nichts mehr zu essen oder trinken bekommen. Bald werde ich aussehen wie der Suppenkaspar am vierten Tag. Auch diese Geschichte hat mir Augustus erzählt. Von dem Knaben, der seine Suppe nicht essen wollte und am fünften Tag verhungert ist. So froh wäre ich jetzt um ein kleines Schälchen davon. Bald werde auch ich sterben. Anfangs habe ich noch gehofft, man wolle mir lediglich einen Schrecken einjagen und würde mich bald wieder freilassen. Nun habe ich begriffen, daß man mich hier einfach 'vergessen' wird. Ich habe keine Kraft mehr übrig um zu schreien. 

Ich frage mich, wie der Abt von unseren geheimen Treffen erfahren konnte. Niemand hatte uns gesehen, niemandem habe ich davon erzählt. Ich sei der Kirche seit langem ein Dorn im Auge, hatte er mir boshaft versichert. Mitbrüder hätten Zeugnis gegen mich abgelegt und man werde mich der Hexerei anklagen, es sei denn, ich würde auch ihm gewisse Gefälligkeiten ... seine Schweinsäuglein glitten gierig über mein Mieder während mir sein fauliger Atem ins Gesicht schlug. Natürlich habe ich mich heftig gewehrt. Nun liegt er in seinem eigenen Krankenzimmer. Was nicht zur Verbesserung meiner Lage beiträgt. Niemand wird mich vermissen. Das Schlimmste ist, daß ich nicht sicher sein kann, ob nicht Augustus selbst, möglicherweise während einer hochnotpeinlichen Befragung, Dinge erzählt hat, die ihm jetzt zwar leid tun, aber die nun einmal von den Schergen der Kirche niedergeschrieben und somit amtlich sind. Ich bin nicht dumm. Ich kann lesen, ich kann schreiben, und ich kann meinen Mund nicht halten. Schlechte Voraussetzungen für eine Frau im 17-ten Jahrhundert.

In seiner Zeit, hatte Augustus einmal gemeint, sei ich mit meinen medizinischen Kenntnissen systemrelevant gewesen. Auch wieder eins dieser Wörter, die es erst viel später einmal geben wird. Jetzt aber bin ich offenbar eine Gefahr und muß beseitigt werden. Ich bin so müde. Sie haben eine lange Reihe von Kerzen angezündet, die fast heruntergebrannt sind. Dann wird es dunkel und kalt werden hier unten. Hoffentlich wird es schnell gehen. Die Wände sind so dick, es ist kein Entkommen möglich, und bei Gott, ich habe es versucht. Meine Finger bluten und mir tut alles weh. Aber glaubt mir eins, ihr scheinheiligen Pfaffen, ich werde wiederkommen. Ich werde die neue Welt von der mir Augustus erzählt hat, auf unserer heiligen Mutter Erde mitgestalten und ihr, die ihr eigennützig und verschlagen seid, werdet erbärmlich zugrundegehen und an eurer Bosheit ersticken. Amen!













Sonntag, 4. Februar 2024

Traditionen und Kultur


Ein Jahr ist schnell vorbei, dachte Lukas. Danach kann ich zurückkehren und neu anfangen. Auch das gute Gehalt lockte. Also die Gelegenheit ergreifen, alles Elend zurücklassen, ab nach Alaska!

Alles was er vermissen würde, war die Torte von Tante Agathe. Dafür würde es in der Arktis sicherlich jede Menge Fisch geben. Lukas mochte Fisch. In seinem oberbayerischen Heimatdorf gab es den nur leider niemals frisch zu kaufen.

Das Jahr ging rasch vorüber, Lukas aß noch immer sehr gerne Fisch und vermißte nichts. Nicht einmal die Torte seiner Tante oder gar die Tante selbst. Er hatte seine Ruhe, eine Haushälterin, die die gut geheizte Wohnung sauberhielt und hervorragend kochte. Er verdiente eine Menge Geld und liebte es, in seiner Freizeit stundenlang von seinem Fenster aus die Robbenfamilien zu beobachten, die sich auf den Schollen des Treibeises tummeln. Blau war der Himmel und schwarz seine Seele.

Tante Agathe hatte während der ersten Monate fleißig geschrieben, hatte auch von Josefine erzählt und wie schlecht sie mit dem Tod des Töchterleins zurechtkam. Er wollte davon nichts hören. Hätte das Kind der Mutter gehorcht, wäre es nicht unter seinen Traktor gekommen. Ihm die Schuld für das Resultat der seiner Ansicht nach viel zu laschen Erziehung Josefinens zu geben, war schlicht eine Unverschämtheit.

Alleine der Gedanke an die tobsüchtig vorgebrachten Vorwürfe seiner Angetrauten brachten ihn noch immer an den Rand des Wahnsinns. Er hatte keinen einzigen Brief beantwortet und nach einer Weile verebbte die Postflut. Josefine selbst hatte sich kein einziges Mal gemeldet, sich für die mehr als großzügigen Unterhaltszahlungen bedankt oder wenigstens eine Weihnachtskarte geschrieben.

Sein Vertrag wurde weiter verlängert. Jahr um Jahr um Jahr. Kollegen kamen und gingen. Man nannte ihn 'Old Luke' und hinter seinem Rücken auch einmal den 'grumpy old Bavarian'. Lukas war das egal. Seine Forschungsergebnisse über die Eigenschaften furchtbar geheimer Fluide waren von den Vorgesetzten mittlerweile mehrfach mit Anerkennung bedacht worden, seine Mitarbeiter und er hatten wenig Berührungspunkte.

Eines Tages erhielt er ein amtlich aussehendes Schreiben das ihn davon in Kenntnis setzte, daß Zahlungen an die Ehefrau von nun an nicht länger geleistet werden mußten, sie hatte sich neu verheiratet. Bald darauf trudelte eine Todesanzeige ein. Tante Agathe war gestorben. 

Kurz regte sich Widerstand in seiner Brust: Sollte er heimkehren und es denen heimzahlen, die damals mit dem Finger auf ihn gezeigt hatten? Reich genug wäre er mittlerweile. Alle Äcker könnte er aufkaufen und ihnen ein Einkaufszentrum vor die Nase stellen. Oder ein riesiges Asylwerberheim. Oder 30 Hochhäuser mit lauter Sozialwohnungen.

Diese rachsüchtigen Gedanken verflogen jedoch so rasch wie sie gekommen waren. Im Sommer hörte er den Gletschern beim Schmelzen zu und im Winter saß er in der gemütlichen Stube und hoffte, daß die Internetversorgung stabil bliebe. Seit Pacific Dataport ganz Alaska mit einem Internetzugang versorgte, hatte auch der ewige Winter seinen Schrecken verloren. Die trockene Kälte war ihm angenehmer als die feuchte Hitze der bayerischen Sommer. So verging die Zeit und eines Tages traf erneut ein amtliches Schreiben ein. Lukas hatte die erforderliche Anzahl an Arbeitsjahren abgeleistet und durfte in Rente gehen. Diese Mitteilung traf ihn wie ein Schlag. Seine Arbeit war sein Leben! Wenn man ihn hier nicht mehr haben wollte ... war seine Existenz absolut nutzlos geworden!

Einige Tage hing er unentschlossen in seiner Wohnung herum. Zum ersten Mal in seiner Karriere hatte er sich krank gemeldet.

Am vierten Tag sah ihn ein Kollege mit lediglich einem kleinen Rucksack die Forschungsstation verlassen. Kurz zögerte er. Sollte er Old Luke nacheilen und ihn fragen, wo er hinwollte? Rein aus Sicherheitsgründen? Dann schüttelte er den Kopf. Sollte der alte Grantler doch machen was er wollte, was ging es ihn an. Vielleicht wollte er vor seiner Pensionierung einfach noch eine Abschiedsrunde drehen. Ob er wohl Kuchen ausgeben würde? Alkohol war zwar verboten, wurde aber doch immer wieder ins village geschmuggelt. Vielleicht war er auf Besorgungstour?

Bald hatte der Kollege ihn vergessen und Lukas wanderte weiter in der eisigen Kälte. Stunde um Stunde stapfte er so dahin, immer wieder einen Schluck aus einem kostbaren, heimlich eingeschleusten Flachmann nehmend. So würde es rasch gehen. Er würde nicht lange leiden müssen.
Seine Schritte wurden kürzer, er taumelte, fiel in den Schnee. Blieb liegen. Ihm war nicht mehr kalt. Müde schloß er die Augen. Wer ihn wohl drüben erwarten würde?

Als er erwachte lag er dicht neben einer warmen Frau. War er im Himmel gelandet? Vorsichtig hob er den Kopf. Die Frau lächelte ihn an. ''English?'' fragte sie. Offenbar doch kein Engel sondern eine Inupiat-Ehefrau, die ihm ihr Ehemann großzügig zur Verfügung gestellt hatte, um den Gast vor dem Erfrieren zu bewahren.
''Sledge dogs sniffed dying man, we brought man home to save life.'', erfuhr er später. So hatte man ihm also das Leben gerettet. Lukas war nicht glücklich. 

Was er denn könne, wurde er am nächsten Tag gefragt. Verwirrt überlegte er was er antworten sollte. Mit seinen Forschungen war den Leuten hier nicht gedient, umgekehrt hatte er wenig Ahnung von deren Kultur, sprach ihre Sprache nicht. Inwieweit könnte er hilfreich sein? 
''Do you like dancing?''
Tanzen? Er? Der Ameranger Stolperkönig? Sicher nicht!

Unbeirrt lächelnd brachte sein Engel vier lange Stäbe herein, vier Männer folgten, sie trugen riesige, mit Tierhaut bespannte Scheiben. Lachend und jauchzend begannen die Männer zu singen und dabei die Stangen rhythmisch auf ihre straff gespannten Trommeln und deren Rahmen zu schlagen während der Engel ihn mit Handbewegungen aufforderte, zu tanzen.
Zefix. Nun war guter Rat teuer.

Diese Leute hatten ihm das Leben gerettet. Das mindeste was er im Gegenzug tun konnte war, ihnen eine Freude zu bereiten. Und wenn sie ihn unbedingt tanzen sehen wollten, nun gut, so sollte es sein. Unbeholfen begann er, sich im Kreis zu bewegen wie ein abgehalfterter Zirkusbär. Mit der Zeit jedoch erinnerte er sich an seine Jugend, die Abende mit der Feuerwehr - zögerlich weitete er seine Schritte aus, schlug sich auf die Schenkel, auf die Fußsohlen, stieß ein Juchhei nach dem anderen aus ... seine neuen Freunde waren begeistert! 

Fast jeden Abend durfte er nun im Gemeinschaftszelt vortanzen zur grenzenlosen Freude des gesamten Volkes. Lukas wurde zur Attraktion der gesamten Küste und lebte noch ein langes, erfülltes Leben bis er im Alter von 81 Jahren unter großen Trauerbezeugungen zu Grabe getragen wurde.

Bei den traditionellen Tanzdarbietungen der Ureinwohner Alaskas kommt es noch heute immer wieder zu erstauntem Geraune im Publikum wenn die jungen Männer dort auf einmal anfangen, einen original bayerischen Schuhplattler vorzuführen.








Donnerstag, 25. Januar 2024

Calliope lächelt

Keine Ahnung warum sie gerade mich mit dem Fall betraut haben. Mich, den Loser, den unangepaßten, einsamen Wolf ohne Krawatte. Aussichtslos, werden sie sich gedacht haben. Schicken wir den Depperten an die Küste, dann haben wir ihn los weil DEN Fall löst der NIE.

Mir kann es nur recht sein. So einen tollen Anblick bietet der Chef auch nicht, wenn er mit Schaum vor dem Mund dasteht und mir ins Gesicht brüllt. Trottel. Selber nix derreißn aber dauernd andere niedermachen. Das hab ich schon gern. 

Das Meer bietet von hier oben einen grandiosen Anblick. Als ich ankam vor einer Woche, hab ich gleich einmal mein Auto abgestellt, bin ausgestiegen, und hab mit Staunen hinunter auf die wogenden Wellen geschaut. Bei diesem Anblick merkst erst wie vergänglich dein Leben doch ist. Das Meer, das ist Ewigkeit. Das war irgendwie schon immer da und das wird auch noch da sein, wenn die letzte Spur der Menschheit von der Erdoberfläche getilgt sein wird. Was nicht mehr lange dauern wird wenn wir so weitermachen.

Ein verlassenes Fleckchen Erde ist das hier, unpackbar für einen Stadtmenschen wie man auf Dauer so leben kann. Ein einziger Laden für ungefähr 15 Dörfer, kein Arzt weit und breit, und wenn du Fußball schauen willst dann mußt du in die Kneipe gehen weil daheim kein Empfang ist. Die Kneipe befindet sich im Hinterzimmer des Ladens. Also alles in einer Hand. Wenn du es dir mit dem guten Mann verscherzt, der über dieses Imperium regiert, dann hast wahrlich Pech gehabt. Die nächste Kreisstadt ist locker 80 km entfernt. Da fahrst ned wegen einem jeden Suppenwürfel hin.

Abends wird hier getanzt. In der Kneipe. Nachmittags sitzen sie in der Sonne, die Herren der Schöpfung und trinken ihren Ouzo, und abends tanzen sie zu der melancholischen Musik die aus den Lautsprechern gescheppert kommt. Die Frauen sind grundsätzlich daheim und machen die ganze Arbeit. Hier hat sich seit Sokrates' Zeiten nix geändert. Und dann wundern die Männer sich, wenn sie angekeppelt werden. Später, wenn sie zu ihren Xanthippen heimgeschwankt kommen. Und wieder nix erledigt ist von all dem, was sie eigentlich hätten machen wollen. Sollen. Schon lange gemußt hätten. 

Es ist eine karge Gegend. Bittere Armut wohin man schaut. Aber die Menschen sind glücklich. Die Männer jedenfalls. Die Frauen eher nicht so. Abgearbeitet und müde schleppen sie sich durch den Tag, die jüngeren von ihnen meist drei oder mehr Kinder am Rockzipfel, die älteren sitzen abgestumpft und mit leerem Blick vor den ärmlichen Hütten und kauen auf dem Stiel einer alten Pfeife herum. 

Mir geht es gut. Wein, Datteln, Ziegenkäse und jede Menge Sonne. Könnte ich mich dran gewöhnen. Aber ich hab ja diesen Fall aufzuklären. Das unerklärliche Verschwinden von mindestens 15 Männern in den letzten drei Jahren. Die genaue Zahl ist nicht bekannt weil nicht alle Todesfälle gemeldet werden. Es scheint fast, als seien die Frauen insgeheim froh darum, ihre Ehemänner loszusein. Was mich bei näherer Betrachtung nicht wirklich wundert.

Hier scheint überhaupt nur eine einzige Frau wirklich fröhlich zu sein: Calliope. Die Frau vom Berg. Zu ihr gehen die Leute auch mit ihren gesundheitlichen Problemen. Offenbar eine Art Heilerin. Bezahlt wird sie hauptsächlich in Naturalien. Sozusagen Lieferdienst. Dachte ich könne sie ein bissl aushorchen aber sie hat mich so schnell um ihren hübschen kleinen Finger gewickelt, so schnell konnte ich garnicht schauen. Und jetzt komm ich mit meinem Fall nicht weiter. Die Männer spielen die Coolen die lässig mit den Schultern zucken und ihr wallendes Haar nach hinten schütteln, und die Frauen mauern. Reden nicht mit Fremden. Haben keine Zeit. Müssen arbeiten. Und Calliope ... Calliope lächelt griechisch-mysteriös und zündet sich eine Zigarette an. Der Duft ihres Parfums vermischt sich mit dem herben Rauch und mir wird so leicht im Kopf, so wunderbar leicht. Ich küsse ihre Hand - mehr ist mir nicht gestattet - und nippe an einem Becher gewürzten Weins. Am Fenstersims steht ein Glas voller Muschelschalen. Ich hab sie gefragt ob sie Muscheln sammelt, sie hat nur wieder gelächelt.

In ihrem Haus fühle ich mich so wohl wie nie zuvor. Diese Frau ist der absolute Hammer. Eloquent, schlagfertig ohne in Sarkasmus abzugleiten, gebildet und unglaublich charmant. Dabei ist sie auf den ersten Blick nicht unbedingt eine Schönheit. Oberflächlich von mir, ich weiß. Innere Werte wichtiger und bla bla bla. Dabei weiß jeder Mann, daß ihm das Blut nicht wegen der inneren Werte in die Lenden steigt, oder? Aber bei ihr, praktisch Dauererektion. Allein wie sie mich anschaut, so zärtlich, und dabei fast unmerklich blinzelt, als seien wir Komplizen. Die kleine Narbe auf der Wange macht sie nur noch attraktiver, und daß sie nicht gerade die Schlankste ist ... egal! Am liebsten säße ich Tag und Nacht bei ihr. Vor allem in der Nacht - und Sitzen ist nicht unbedingt die Tätigkeit, die mir dabei vorrangig in den Sinn kommt.

Seltsamerweise bekommt sie hauptsächlich Damenbesuch. Selten, daß sich einmal ein Mann den Berg hinaufbemüht. Entweder die sind alle so gesund oder sie schicken ihre bessere Hälfte. Natürlich liege ich hinter dem Busch und beobachte sie. Was hättet ihr gedacht? Natürlich wegen dem Fall. Weswegen sonst. Eifersucht? Ich? Niemals! Wo ich doch allzu enge Bindungen immer verabscheut habe. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Einsamer Wolf und so. Aber hier kennt mich niemand. Hier kann ich es mir eingestehen: Ich habe mich verliebt. Ich habe mich verändert. Gäbe es irgendwo eine Filiale von Tiffany's, ich würde mich glatt nach einem Ring umsehen. 

Heute sind gleich zwei Leute gekommen. Erst Super-Sonnenbrillen-Dandy Alexandros, wegen dem bin ich näher ans Haus und habe versucht, zu lauschen. Aber zwecklos. Wahrscheinlich hat er sich einen Potenzdrink mischen lassen, das trau ich dem zu. Dann Maria, die kenne ich vom Vorbeigehen. Lacht nie. Und das war wirklich komisch: Sie betrat den Raum, hat Calliope eine Muschelschale gegeben, diese hat genickt und sich ihrem Glas auf dem Fenstersims zugewandt. Grad daß ich mich noch wegducken konnte. Geredet können die nichts haben, denn Maria kam sofort wieder raus und verschwand den Hügel hinab. Was zum Teufel geht da vor? 

Heute Abend bin ich wieder offiziell bei Calliope eingeladen. Vielleicht krieg ich doch noch was aus ihr raus. Werd  mir Mühe geben und meinen vollen Charme entfalten. Wäre doch gelacht! 

Kurz bevor ich losgehen will, erreicht mich die Nachricht: Es hat wieder einen Toten gegeben. Kein Geringerer als der Mann von Maria. Ich schlucke das aufsteigende Unbehagen nieder. Sicherlich nur ein dummer Zufall.

Mit einer Flasche ausgesuchten Rotweins steige ich den Hügel hinan. Bin nervös. So kenne ich mich nicht. Blumen habe ich keine mitgenommen, bei der Hitze wären die welk noch bevor ich oben angekommen bin. Außerdem hat sie sowieso den Garten selber voll davon. Blumen, Kräuter, Sträucher - alles was das Herz begehrt. Kurz bevor ich das Haus erreiche sehe ich, wie Maria von der anderen Seite hochgerannt kommt, das erste Mal, daß ich sie lachen sehe, sie schreit laut: Σας ευχαριστώ, σας ευχαριστώ πολύ!!! *

Calliope winkt ihr hastig, sich wieder davonzumachen und sie gehorcht. Zu spät. Ich habe begriffen. Die Muschelschalen sind praktisch ein Auftrag. Der prompt ausgeführt wird. Calliope bestätigt meinen Verdacht als wir plaudernd beim Wein sitzen und meint, ich dürfe jetzt dreimal raten, wer als nächstes verschwinden würde. Eigentlich hätte sie noch ein wenig warten wollen, ich hätte ihr gut gefallen. Aber nun sei die Zeit gekommen. Ich will aufspringen und davonlaufen, doch meine Beine gehorchen mir nicht mehr. Der herbe Rauch ihrer Zigaretten erfüllt den Raum als ich langsam ins Nichts hinübergleite, das Lächeln meiner geliebten Mörderin über mir ist das Letzte was ich in diesem Leben sehe, und ihr Flüstern das Letzte was ich höre: Leb wohl mein geliebter Prinz, dein Tümpel wartet schon auf dich!

*Vielen Dank, vielen Dank!!!
















Sonntag, 21. Januar 2024

Unterschätzen Sie die Dachse nicht!


Manchmal höre ich Stimmen. Ich mag die Stimmen. Sie sind freundlich und niemals harsch. Zumindest solange ich mache was sie sagen. Heute haben sie mir befohlen, den Schubkarren und den alten Fuchsschwanz von Papa aus dem Schuppen zu holen und damit in den Wald hinüberzugehen. Ich wollte zuerst nicht weil ich gerade ein ganz schwieriges Puzzle angefangen habe mit wahnsinnig viel Himmel und ich schon prima weit gekommen bin und jetzt erst zum interessanten Teil vorstoße, aber die meinten das hätte Zeit, und der Wald würde bereits rufen, ich solle doch mal das Fenster aufmachen. Hab ich dann gemacht und tatsächlich habe ich lautes Rufen gehört. Kein Witz. Ja, dann mußte ich wohl. Wenn der Wald ruft, muß man folgen. Das habe ich gelernt.

Bald waren wir aus dem vertrauten Gebiet nahe meines Hauses in eine Gegend vorgedrungen, die ich nicht mehr wiedererkannte. Ein Wald wie im Märchen. Hohe Bäume mit erhabener Ausstrahlung wuchsen zwischen großblättrigen Farnen und weich bemoosten Flächen. Wäre plötzlich ein Zwerg um die Ecke geturnt gekommen, ich hätte mich nicht gewundert. 

Mühsam lenkte ich die Schubkarre über die wurzeligen Wege, denn natürlich durfte ich mit der Säge, auch wenn sie schon alt und rostig war, nicht auf dem Hauptweg gehen, damit mich der Förster nicht sieht. Hatte ja keinen Leseschein. Ich bin zwar verrückt aber nicht blöd. Kleiner jedoch feiner Unterschied.

Immer wieder mußte ich anhalten und mir den Schweiß von der Stirne wischen. Wir haben August. Da ist es bereits um Acht in der Früh sehr warm. Vor allem wenn man auch noch eine Kamera und drei Objektive mitschleppt. Ach, hatte ich das noch nicht erwähnt? Ja, ich bin Fotograf. Von irgendetwas muß ich ja leben. Von selber hüpft das Essen nicht in den Kühlschrank.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde dieser sinnlosen Plackerei hatten die Stimmen ein Einsehen und zeigten mir einen besonders hohen Baum, locker 20 Meter, den ich umsägen sollte. Ungläubig betrachtete ich den Baum und dann den rostigen alten Fuchsschwanz. Das ist nicht euer Ernst! Doch, kam es zurück. Mach einfach und du wirst schon sehen. 

Also setzte ich die Säge an und sie glitt tatsächlich wie Butter durch den Baumstamm. Eigentlich hätte ich ja zuerst ein Eck raushacken müssen aus dem Stamm, aber die Stimmen hatten nichts von einer Axt gesagt, auch nichts vom Bäumefällen ... eigentlich hätte das so niemals funktionieren können, vor allem wäre der Baum nicht mitsamt den Wurzeln umgekippt nur weil ich ihn ein bissl angeritzt habe, aber ich sah mit eigenen Augen, wie der Baumstamm sich langsam zu neigen begann und schließlich mit der Krone unheilvoll krachend gegen den Nachbarn schlug. Ungläubig starrte ich auf die riesigen Wurzeln. Nicht nur, weil sie wirklich enorm waren, sondern weil sich darunter eine Treppe befand. Eine Treppe bitte! Unter einem Baum! Natürlich war ich jetzt neugierig und wollte wissen, wo die hinführt. Die Treppe. Vorsichtig lauschte ich, kein Einspruch. Also stieg ich die kreisförmig angelegten Stufen langsam hinunter, und stand bereits nach wenigen Minuten mitten in einer alten Grabstätte. Sehr grobe Schichtung. Schmucklos. Keine Beigaben. Nur Knochen. Wild durcheinandergeworfen. Keine vollständigen Skelette wie man sie in Kliniken und Arztpraxen dekorativ umeinanderhängen sieht. Wie unordentlich! Fast wäre ich versucht gewesen, die Knochen zu sortieren, aber konnte mich beherrschen. Schon wollte ich mich umdrehen und die Treppe wieder hinaufsteigen, da sah ich aus dem Augenwinkel ein Glitzern. Doch noch etwas Gold? Zwar würde ich es nicht behalten dürfen, soviel war mir klar, aber man konnte immerhin mal gucken. Vorsichtig tastete ich mich weiter nach hinten, es war trotz des von den Baumwurzeln aufgerissenen Riesenloches in der Waldbodendecke doch recht düster hier unten. Das Glitzern war verschwunden und auf einmal stand ein riesiger, alter Dachs vor mir. Er lächelte mich an, soweit Dachse lächeln können, und sprach: ''Gold wirst du hier keines finden. Auch keine Diamanten. Aber es gibt hier in der Gegend andere Schätze für Fotografen wie dich. Wenn du wieder nach oben kommst, wende dich gen Süden und steige den Abhang hinab. Dort wirst du wahrhaftig hohe Bäume finden. Mit diesen Fotos kannst du mühelos deine nächste Ausstellung bestreiten. Ich werde bei der Affengalerie in Paderborn ein gutes Wort für dich einlegen, man möge doch auch einmal Fotos zeigen. Diese Galeristen haben online eine gute Reichweite, wirst sehen. So kommst du eher an Gold als durch Graben in Gräbern. Lebe wohl mein Freund, du wirst beschützt.''

Freudig erregt stieg ich wieder nach oben, griff meine Kameras und die Säge (die Schubkarre ließ ich stehen, die würde niemand stehlen) und stieg den Abhang hinunter. Bereits nach der ersten Biegung konnte ich die Baumriesen sehen. Voller Ehrfurcht blickte ich zu ihnen auf. Daß es so hohe Bäume außerhalb von Australien gab, hatte ich nicht gewußt. Ich haute die Säge in den Boden, stützte meine Kamera am Griff ab und begann zu fotografieren. Wenn ich so versunken bin in meine Kunst fehlt mir jegliches Gefühl für Zeit und ich kam erst wieder zu mir, als die Sonne bereits tief gesunken war und hinter den hohen Bäumen verschwand. Du meine Güte, wie spät war es? Hatte ich den gesamten Tag hier verbracht? Eilig nahm ich Objektive, Kamera und Säge an mich und stieg den Abhang wieder hinauf. Doch der umgesägte Baum war verschwunden. Sowie meine Schubkarre. War es der richtige Abhang gewesen? Gab es mehrere Abhänge? Wo zum Teufel war ich? Panik stieg in mir auf.

Natürlich war ich am Morgen, noch halb im Traum, ohne mein Handy aus dem Haus gegangen. Google mußte nicht alles wissen und Anrufe bekam ich sowieso keine, ich hatte doch meine Stimmen.

Doch jetzt wäre mir eine ungefähre Richtungsanweisung doch sehr zupaß gekommen. Ich mußte mir eingestehen, ich hatte mich verirrt. Wie sollte ich jetzt wieder nach Hause kommen? Und wo waren die Stimmen, wenn man sie brauchte? Verzagt blickte ich in den undurchdringlichen Blätterwald. Vielleicht wenn ich den Abhang noch einmal hinunterstieg und nachzuvollziehen versuchte, von wo ich gekommen war?

Gesagt getan ... doch kaum hatte ich drei Schritte gemacht, hörte ich lautes Singen. Singen? Menschen! Fragen! Weg! Nach Hause! Mit neu erwachter Hoffnung wandte ich mich in die Richtung, in der ich die Sangeskünstler vermutete. Und siehe da, zwischen den Bäumen kam doch tatsächlich ein Trupp Pfadfinder fröhlich des Weges, alle in die typische Uniform gewandet. Als sie mich sahen winkten sie freundlich und wollten an mir vorüberziehen. 
''Halt!'', rief ich, ''ich habe eine Frage. Kennen Sie sich hier aus? Ich habe mich verlaufen.''

''Guten Mutes lieber Mann, bin froh wenn ich ihm helfen kann'', sang der Anführer der Truppe lächelnd. ''Wohin möchte er denn reisen? Will den rechten Weg wohl weisen.''

Sollte ich jetzt auch singend antworten? Lieber nicht. Sonst würden sie am Ende laut schreiend davonlaufen. Daher antwortete ich in normaler Sprechstimme: ''Ich wohne in Schafsdorf, neben dem Golfplatz. Und jetzt habe ich völlig die Orientierung verloren.''

''Ach das ist doch kein Problem, hat er jenen Baum gesehn?'' Ich folgte der Richtung seines wedelnden Zeigefingers und in der Tat, dort hinten lag der Baumriese den ich am Morgen eigenhändig zu Fall gebracht hatte und den ich, vom Buschwerk verdeckt, zuvor nicht hatte sehen können.

''Von dort folge er dem Weg, immer gradaus, niemals schräg, und wir gehn jetzt nach Kanada, Hollari und Hollara.'' Die Umstehenden fielen ein in den Refrain und die gesamte Truppe entfernte sich unter jubelndem Gesang: ''Hollari und hollara, wir gehen jetzt nach Kanada!''

Nachdem ich meinen Baum wieder gefunden hatte, war es kein Problem mehr, auch den Weg nach Hause zu finden. Schließlich mußte ich nur meinen eigenen Spuren folgen, die ich am Morgen mit dem Schubkarren im weichen Waldboden gemacht hatte. Kamera, Säge und Objektive sicher in der Schubkarre verstaut, machte ich mich auf den Heimweg. Kurz schoß mir der Gedanke durch den Kopf, wieso ich den armen Baum hatte umsägen müssen, nur damit mir der Dachs die schönen Bäume weiter unten hatte zeigen können, doch da waren die Stimmen auf einmal wieder da: ''Niemals hinterfragen, niemals hinterfragen!'', forderten sie. ''Träume sind Schäume und der Zweck heiligt manchmal die Mittel. Manchmal auch nicht. Aber damit brauchst du dich nicht zu befassen. Geh jetzt einfach nach Hause, koch dir was Gutes und dann laß deine Fotos entwickeln.''

Hatte ich sowieso vorgehabt. Blöde Stimmen. Schmollend schob ich den Schubkarren, den ich eh auch völlig umsonst mitgeschleppt hatte, vor mir her und freute mich einfach nur auf mein Puzzle und natürlich auf das Entwickeln der Bilder.

Ein Jahr später, Schlagzeile in der Paderborner Zeitung: Wilhelmsson, der begnadetste Verrückte seit Kinski! Neue Ausstellung in der Paderborner Affengalerie!

- Herr Wilhelmsson, Sie sind ja bekannt dafür, daß man keine vernünftigen Interviews mit Ihnen führen kann, aber eines würde unsere Leser sicherlich interessieren: Ihre große Karriere begann ja vor einem Jahr mit der Fotoausstellung hier in Paderborn über diese riesenhaften Bäume deren Standort Sie nicht verraten wollten. Seither sind Sie ein weltweit gefragter Fotograf geworden. Worin liegt Ihrer Meinung nach ihr plötzlicher Erfolg begründet?

- Schafe und Dachse. Unterschätzen Sie vor allem die Dachse nicht. Sehr gescheite Tiere.






Freitag, 19. Januar 2024

Der doppelte Karl

''Im Winter mit'm Fiaker durch den Prater? Spinnst?''
Karl war offensichtlich nicht bereit, meine Faszination mit der Winterwelt in unseren innerstädtischen Parks zu teilen. 
''Da frierst dir doch den Popsch ab. Und bei dem Wetter sieht man eh nix von der Landschaft.''

Dabei fand ich gerade die Fahrt durchs dichte Flockengetümmel, begleitet vom leisen Klimpern des Pferdegeschirrs, so romantisch. Naja, Männer. Aber egal, er sollte sich ja wohlfühlen bei mir in Wien und so würde ich mich selbstverständlich nach seinen Wünschen richten.
Welche er auch sofort unmißverständlich äußerte:
''Ins MDM tät ich gern schaun. Und ins Zwanz'ger-Haus.''
''Das heißt jetzt Belvedere 21,'' klugscheißerte ich.
''No des kannt ja wos wern,'' orakelte Karl. ''Im Belvedere war ich einmal und nie mehr. Alles voller Klimt und weiter hinten noch mehr Schas, zum Beispiel an Rappelkopf von dem Kerl der so heißt wie die erste Hälfte von unserer Landeshauptfrau. Mikl. Mikl Josef. Oida wenn des Kunst is ...''

Während ich mich noch fragte, was er dann im Museum der Modernen Kunst zu finden glaubte, wenn ihm so offensichtlich der Zugang zu selbiger zu fehlen schien, ließ sich mein Gast schwungvoll auf die Ottomane fallen und legte die Füße auf dem Couchtisch ab. Auf dem frisch polierten Couchtisch aus Glas, auf dem nicht einmal Gläser ohne Unterlage stehen durften. Ich schluckte weithin hörbar. Was hatte ich mir da ins Haus geholt?

Meine Freundin Barbara hatte mir lang und breit von dieser innovativen, österreichweiten Datingplattform vorgeschwärmt und nachdem sie mir ihre neueste Eroberung einmal vorgeführt hatte, war ich geneigt gewesen, ihre Begeisterung zu verstehen. Barbara war so straight, daß man sie jederzeit als Lineal benutzen konnte. Wenn sie sich also auf eine solche Plattform einließ, dann war davon auszugehen, daß sich dort keine Herumtreiber und Fakes aufzuhalten pflegten. Hatte ich geglaubt. Und mich ebenfalls angemeldet. Und jetzt das. Keine Kultur, keine Manieren und offenbar auch keinen Genierer.

''Hast kein Bier da?'', blökte er unzufrieden und sah mich auffordernd an.
Aha, anscheinend sollte ich ihn jetzt auch noch bedienen und dabei zusehen, wie er sich einen ansoff.
Dabei war er mit dem Auto da und ich hatte eigentlich gehofft, daß er mit selbigem auch recht bald wieder davonfahren würde. Als ehemaliger Polizist würde er dies jedoch wohl kaum im angetrunkenem Zustand tun. Jetzt war guter Rat teuer.

Ich schlich in die Küche, holte ein Pfiff Glas, hehe, und stellte es vor seine dreckerten Schuach auf den Tisch. Sein Blick sprach Bände. ''Bier muß ich erst von unten holen,'' verkündete ich zuckersüß und griff mir klammheimlich mein Telefon während ich eine Riesenshow daraus machte, in den Keller hinabzusteigen.  

''Heast Barbara, mein Date ist so ein Oaschloch, wie krieg ich den jetzt wieder los?''
In Wien hat man auch im Keller prima Empfang.
''Ich ruf dich in 10 Minuten an und dann brauchst nur zu sagen: Jö, ich komm sofort! - ihm erzählst was von Notfall und daß du sofort gehen mußt. Dann muß er auch gehen und du kommst zu mir und wir haben ihn los.''

''Notfall?'', wollte Karl neugierig wissen. ''Was für ein Notfall? Da fahrst mir ned allein hin, I hob mei Puffn dabei, ich werde dir beistehen! Keine Frage! Wos is, gemma gemma!''
''Karl, sicher nicht, tut mir leid, das ist eher ... öh ... was unter Frauen. Also ohne Männer. Verstehst?''

Karl verstand offenbar nicht und bestand trotzig darauf, mich auf meinem Weg zum vorgeschützten Notfall zu begleiten. Was sollte ich jetzt nur machen? Ich geriet in Panik. Statt des erhofften zauberumstrickten Dates, Pferdegetrappel und Winterlandschaft, hatte ich einen bewaffneten Irren an der Backe der in meiner Wohnung mit der Puffn umeinanderwachelte. Absoluter Albtraum! Am End würd er mich erschießen wenn rauskäm, daß ich ihn angelogen hab. Da half nur die Flucht nach vorn.

Ich riß die Wohnungstüre auf und schrie aus vollem Hals: ''Hupf in Gatsch Oida! Schleich di, oba gleeeeeeich!''
Wie erwartet öffnete sich auf der Stelle die Türe der alten Huberin im Stockwerk darunter. Ich war nicht mehr alleine.
''Wos is'n do obn scho wieda los?'', keifte sie durchs Stiegenhaus. ''Wann ned augenblicklich eine Ruhe ist dann hol ich die Polizei!''
''Nicht notwendig gnädige Frau, nicht notwendig!'', beeilte sich Karl zu versichern, der hinter mir aus der Wohnung getreten war. ''Die Polizei ist bereits vor Ort und wird sich um alles kümmern.''

Na servus, das half meinem Ruf im Haus jetzt weiter. Und Karl war immer noch da.
Ich lehnte mich gegen die Bassena und richtete meinen Blick nach vorn in die Unendlichkeit. Vielleicht würde Karl einfach verschwinden wenn ich nicht mehr an ihn dachte? Es würde PING machen und er wäre weg. 

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er langsam seine Pistole wieder ins Halfter gleiten ließ. Wenigstens das. Wobei ich mich eh frag, seit wann Polizisten a. D. noch mit einer Pistole herumlaufen dürfen? Hatte er mich vielleicht angelogen? War er garkein Polizist sondern einer von der anderen Seite?

''Du willst mich loswerden, hab ich jetzt verstanden," meldete sich die 'andere Seite' wieder zu Wort. 
''Hättest du auch ganz normal sagen können aber hast du nicht. Also geh ich auch nicht ganz normal weg. Los, komm wieder rein, ich zeig dir jetzt mal wie ich mit Frauen umspringe, die mich verarschen wollen!''

Grob packte er mich beim Arm und wollte mich in die Wohnung ziehen, ich klammerte mich an die Bassena und schrie aus Leibeskräften: ''Hilfe, so helft mir doch! Zu Hilfe!''

Aber wie immer wenn man jemanden braucht, blieben die Wohnungstüren fest geschlossen. Frau Huber glaubte offensichtlich, ich würde gerade verhaftet und die anderen im Haus waren entweder nicht daheim oder machten vorsichtshalber nicht auf. Ich trat wild nach hinten aus und hatte wohl göttlichen Beistand, denn der eiserne Griff um meinen Oberarm ließ auf einmal nach und Karl lag stöhnend am Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht umklammerte er sein bestes Stück und ließ mich wissen: ''Das wirst du büßen du mieses Stück!''

Während ich um ihn herum zu meiner Türe eilte, versuchte er, mich am Bein zu packen aber ich war schneller. Fest haute ich die Türe ins Schloß - war ich hier drinnen sicher? Rasch wählte ich die 133 - nun hatte ich doch noch meinen Notfall. Mittlerweile war Karl draußen wieder auferstanden und hämmerte wild an meine Türe. Der (echte) Polizist am anderen Ende der Leitung erkannte wohl, daß es sich hier tatsächlich um ein dringendes Problem handelte und versicherte mir, ein Streifenwagen sei unterwegs.

Das Hämmern wurde lauter und lauter ... und ich wachte auf. Du meine Güte, was für ein Traum! Und wer hämmerte da an meine Türe?
''Aufmachen, Polizei!'', hörte ich eine Männerstimme im Stiegenhaus rufen. ''Wenn Sie nicht augenblicklich die Türe aufmachen werden wir sie aufbrechen!''

Um Himmels Willen, was war denn jetzt los? Gab es Karl wirklich? Hatte ich ihn nicht nur geträumt? War ich jetzt völlig hinüber?
Hastig rannte ich zum Eingang und rief: ''Ich komme ja schon. Was ist denn passiert?''
''Frau Etlaschek, sind Sie das?'', tönte es durch die Holztüre.
''Ja eh, ich wohn doch hier. Was hauen Sie denn meine Tür zamm? Sind sie eh echte Polizisten? Was ist denn los?''
''Frau Etlaschek, Sie müssen jetzt bitte aufmachen und sich ausweisen.''

Irgendwas war hier faul. Ein Wiener Polizist wäre niemals so freundlich, der hätte schon lange die Türe eingetreten und wäre mit der Wega hier reingeplatzt.
Außerdem, was wollten die Trottel denn von mir? Waren Albträume jetzt auch schon verboten?

''Haben Sie einen richterlichen Beschluß?''
''Heast I glaub I spinn!'', tönte es von draußen. ''Do mocht ma si an Streß wäu die Nachbarn glaubn sie stirbt und dann loßts aan ned amal eini!''

Das klang schon eher nach echtem Polizisten. Vorsichtig öffnete ich die Türe einen Spalt und lugte hinaus. Tatsächlich. Gleich zwei Kieberer und einer in Zivil standen in gespannter Haltung im Stiegenhaus.

''Alles in Ordnung bei Ihnen Frau Etlaschek?'' erkundigte sich der Kieberer mit den ungewöhnlichen Manieren besorgt. ''Die Nachbarn hatten uns angerufen, als sie lautes Stöhnen und Schreien aus Ihrer Wohnung hörten und dachten, Sie wären wohl in Bedrängnis.''
''Ja eh, ois leiwand, ich hatte nur einen Albtraum, es duat ma laad für die Umständ.'', entschuldigte ich mich etwas lahm. ''Wollen Sie vielleicht einen Kaffee auf den Schrecken?'' ,lud ich ein und sah dem netten Kieberer auffordernd in die Augen.

''Karli, du hast jetzt eh dienstfrei, du schaust gern einmal bei der Frau Etlaschek in der  Wohnung nach ob wirklich alles in Ordnung ist oder nicht, wir beide fahren jetzt wieder aufs Revier, es ist eh gnua zum Tun.''

Mit diesen Worten drehte sich der Zivile um, scheuchte seinen Adlatus die Stiegen hinab und ich blieb zurück mit dem edlen Uniformierten, einem Traum von einem Mann, der jetzt tatsächlich eine knappe Verbeugung machte und sich formvollendet vorstellte: ''Gestatten gnä Frau, mein Name ist Glossek. Karl Glossek.''