Kurzsichtig blinzelte ich in ein relativ unbeleuchtetes Eck. Was stand denn da für eine weiße Tüte herum? Die war mir bisher noch nie aufgefallen. Altes Bettzeug? Kann weg. Forsch trat ich näher ... und erstarrte. Das war keine Tüte, auch kein Bettzeug. Das war ... ein Geist?
Mein Magen zog sich zusammen, meine Gedanken rasten. Hatte der jahrelange Benzodiazepin-Gebrauch nun doch mein Resthirn völlig vernebelt? Angestrengt starrte ich das Häuflein Elend an, das mich seinerseits verschreckt von unten anblickte.
'Sorry,' fiepte der Geist, 'bitte nicht erschrecken jetzt, ich bin's nur, eins einer alternativen Ichs. Ich kann alles erklären!'
Gefangen in einem Gefühl absoluter Surrealität ließ ich mich auf einen der herumstehenden Hocker fallen. 'Erklären. Ja. Erklären ist gut. Alternatives Ich? Und wieso als Geist hier im Keller? Aber gut, wenn du mich im Schlafzimmer aufgesucht hättest, hätt ich wahrscheinlich einen Herzinfarkt gekriegt. In einem Keller rechnet man ja eher mit ... sagen wir mal ungewöhlichen Vorkommnissen. Aber wer bist du jetzt wirklich und was machst du hier?'
'Nun, ich bin, wie gesagt, ein alternativer Lebensentwurf von dir,' fuhr der Geist nun mit deutlich kräftigerer Stimme fort. 'Hast du dich nicht schon öfters einmal gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du hättest studieren können? Wenn du mehr Geld gehabt hättest und andere Bekannte?'
Ich war platt. Hatte ich doch tatsächlich immer wieder mit der Tatsache gehadert, daß ich es aufgrund meiner Dyskalkulie nicht bis zur Matura geschafft hatte und mir sogar das fachgebundene Abitur an einer Fachhochschule durch die Sturheit meines Vaters versagt geblieben war. Dieser hatte mich gegen meinen Willen im Zweig Wirtschaft, Recht, Verwaltung angemeldet. Die einzige Wirtschaft die ich im Laufe dieser beiden Jahre studiert hatte, war die Eckkneipe bei der Gögginger Brücke gewesen, in der sich skurrilerweise auch mein Lieblingslehrer gerne aufgehalten hatte. Kunststück. Damals in Augsburg gab es nach 1 Uhr nachts nur diese eine Kneipe, in der sich dann irgendwann alle trafen.
Ich hatte mich schon damals zu Künstlern hingezogen gefühlt, nicht zu Verwaltungsfetischisten. Ich wäre als Kompromiß allerdings bereit gewesen, auf den Sozialzweig zu gehen, was von meinem Vater jedoch mit einem barschen 'Hat keine Zukunft' abgeschmettert wurde. Hätte ich doch damals schon gewußt, daß man sich seine Ausbildung selbst aussuchen darf. Mir wäre viel erspart geblieben.
Der Schulabbruch, der Rausschmiß zuhause, der hastige Gang zum Standesamt mit einem Stadtstreicher, der sich dadurch eine gesicherte Zukunft erhoffte. Im Gegenzug war ich immerhin durch die Heirat wieder krankenversichert.
Es folgte ein Leben geprägt von ständiger Geldnot aufgrund prekärer Jobs, durchsetzt von alkoholgeschwängerten Nächten in denen ich Menschen mit nach Hause nahm, die ich später nicht mehr loswurde. Das ergab früher oder später Ärger mit der Polizei, nicht zuletzt wegen der Mengen an weißem Rauch. Den immerhin bereute ich nicht. Der hatte mich inspiriert. Manchmal jedenfalls.
Im Laufe der Jahre waren die Bekannten nach und nach weggestorben, ich hatte aus gesundheitlichen Gründe den Rauch aufgeben müssen und war erwachsen geworden. Zumindest ansatzweise. Aber glücklich? Glücklich war ich danach nie mehr gewesen. Clean, aber einsam. Mit Alkoholikern wollte ich nichts mehr zu tun haben und mit 'normalen' Menschen kam ich nicht klar.
All dies erzählte ich dem alternativen Ich, das mir interessiert zuhörte. Eine ganz neue Erfahrung für mich.
'Danke daß du dir das alles angehört hast,' kam ich zum Schluß meines Berichts, 'aber nun bin ich schon sehr auf deine Erklärung gespannt. Du bist also ein alternativer Lebensentwurf von mir? Ein Leben, wie ich es auch hätte haben können, aber nicht hatte? Und es ist nicht gut ausgegangen? Oder wieso sitzt du jetzt bei mir im Keller?'
Und das Gespenst berichtete. Von der bestandenen Matura, vom Studium der Anglistik, das ihm bereits nach einem Jahr absolut keine Freude mehr machte. Langweilige Dozenten, sperrige Lektüre, immer wieder Textinterpretationen von Autoren, die es selbst freiwillig nie gelesen hätte.
'Weißte,' beichtete es kleinlaut, 'da hast du es weitaus besser getroffen. Warst später dann auf der Sprachschule, hast dich in den Lehrer verliebt, hast viel gelernt um ihn zu beeindrucken und konntest anschließend genau die Bücher lesen, die du lesen wolltest. Und danach hast du sie wieder in die Bibliothek zurückgebracht, ohne sie zu Tode analysieren zu müssen. Ich hab das Studium gehaßt. Aber nachdem der Vater es bezahlte, mußte ich natürlich weitermachen. Kennst ja Papa. Alles hinwerfen gibts ned. Also hab ich mit Summa Cum Laude abgeschlossen und, wirst lachen, einen Job im Auswärtigen Dienst bekommen. Irres Gehalt, Luxuswohnung und bald auch Luxus-Mann. Sehr gepflegt, roch gut, trank nur selten Alkohol und war sehr sportlich. Hübscher Mann. Leider fanden die anderen Frauen das auch.
Sagen wir mal so, unsere Ehe war sehr liberal geführt. Ein schöner Euphemismus für: Ich war ihm nach relativ kurzer Zeit bereits wurscht und er hat sich anderweitig amüsiert. Natürlich hätte ich mich trennen können, aber ich hatte meinen Beruf aufgegeben und hätte noch einmal ganz von vorne beginnen müssen. Eine Frau von Hiltensperger müsse nicht arbeiten, meinte Martin. So hieß er. Martin von Hiltensperger. Fand ich natürlich toll, den Namen. Ein Herr von und zu. Mit Yacht auf der wir über den Starnberger See schippern konnten. Luxusurlaube in der ganzen Welt. Massagen, Tennisclub und Friseure vom Feinsten. Anfangs war das schon richtig geil. Aber dann wurde ich schwanger und konnte nicht mehr so mithalten. Nachdem das Baby da war, hat er sich mehr und mehr von mir distanziert. Klar, ich war nicht mehr die schicke coole Tante in die er sich verliebt hatte sondern eine im Vergleich ungepflegte Frau, die nach Babymilch miefte und ständig müde war. Mit der konnte er sich nicht mehr schmücken, die war ihm peinlich.
Bald hatte er angeblich keine Zeit mehr für längere Urlaube, mußte ständig auf Dienstreisen von denen er braungebrannt und erholt zurückkam, während ich zuhause einsam vor der teuren Stereoanlage saß von der ich nicht einmal so recht wußte, wie man sie bedient, weil das immer er gemacht hatte. Einen eigenen Freundeskreis hatte ich nicht und Martins Freunde hielten mich auf Abstand. Als Paar waren wir gerne gesehen gewesen in der feinen Gesellschaft, aber eine einzelne Frau? An mir klebte das Miasma einer verlassenen Ehefrau wie ein Fluch, den die anderen sich nicht ins Haus holen wollten. Aus war es mit den Einladungen in die schicken Häuser in Grünwald, wo der Kaffee immer viel besser schmeckte als daheim.
Ich könne doch eine Kreuzfahrt machen, meinte Martin. Neue Leute kennenlernen. Vermutlich hatte er gehofft, ich würde jemanden kennenlernen und ihn verlassen. Feigling! Langweilig war es auf dem Dampfer! Nur alte Leute überall und das Tuckern des Schiffsmotors macht einen auf Dauer rasend. Außenkabine war sich natürlich budgetär keine ausgegangen. Wer will schon mehr Geld als nötig für die abgelegte Ehefrau ausgeben. Na, und am Ende hat dann ER mich verlassen. Zwar durfte ich das Haus behalten und er zahlte auch großzügig Unterhalt, aber was nutzte mir das, wenn ich nun vollends alleine in dem riesigen Haus herumsaß? Die Tochter führte ihr eigenes Leben, kam nur noch an Weihnachten zu Besuch. Aus Pflichtgefühl und wegen des Umschlags, den ich ihr alljährlich zusteckte. An Geld hat es mir nie gemangelt. Aber mein Leben war öde und leer. Vor zwei Monaten bin ich aus Gram gestorben. Auf meiner Beerdigung waren zwei Leute. Meine Tochter Yvonne und Martin. Sonst niemand. Ja, warum erzähle ich dir das? Sieh dir diesen Kalender an, der dort an der Wand hängt!'
Ich stand auf und besah mir den Kalender, der tatsächlich an der weiß gekalkten Kellerwand hing. 2044? Ein Kalender von 2044? Fragend drehte ich mich um: 'Was ist das jetzt wieder für ein Zauber?'
'Blätter mal vor zum Juni. Dein 80-ster Geburtstag. An dem Tag wären wir laut Plan im Altersheim gelandet. Schau dir meine und deine Gesamtsituation an. Du hast gelebt und viel gelernt. Hast dich weiterentwickelt. Ok, deine Gesundheit hat gelitten aber dadurch hast du deine wilde Jugend überstanden. Die anderen sind fast alle tot. Du lebst noch. Du bist frei!'
Ich holte tief Luft. Alter Schwede. Das Gras war wohl auf der anderen Seite des Zaunes nicht zwangsläufig grüner? Beschämt senkte ich den Blick und entdeckte zu meinen Füßen ein seltsames Teil. Vorsichtig hob ich es auf.
'Was zum Henker ist denn das?', rief ich erstaunt.
'Das ist eine Einspritzdüse. Paß auf, du machst dich ganz schmutzig. Ich kenn mich da zufällig aus weil ich aus purem Trotz eine Zeitlang ein Verhältnis mit einem Automechaniker hatte und ihm immer beim Auseinanderbauen der Motoren zusah. Früher ging das ja noch. Motoren auseinanderbauen. Und wenn er dann fertig war mit der Arbeit und seine Hände total ölig und verschmiert waren, hat er mich im dunkelsten Eck der Werkstatt von hinten genommen wie eine Kuh. Ich fand das geil. Dachte, ich räche mich so an Martin. Dabei habe ich mich nur selbst erniedrigt. Wie dumm von mir.'
'Hat er dich wenigstens mögen, der Mechaniker?'
'Ach wo. Der fand es einfach nur schick, eine reiche Tussi zu ficken und ihr teures Kostüm mit seinen Dreckspfoten vollzuschmieren. Für ein Treffen außerhalb der Werkstatt hatte er nie Zeit. Männer, echt! Aber was erzähle ich, dir war ja auch kein Liebesglück beschieden. Immerhin hast du es versucht und dich nicht vom Erstbesten unterkriegen lassen wie ich. Du hast immer wieder neu angefangen und das Beste aus der jeweiligen Situation gemacht. Du bist resilient und kannst dein Glück in die eigene Hand nehmen. Mach was draus! Das Leben liegt vor dir!'
'Ja und du? Wie geht es bei dir jetzt weiter? Mußt du jetzt für den Rest der Ewigkeit hier im Keller sitzen oder darfst du irgendwann auch mal in den Himmel?'
'Darf ich, ja, aber erst wenn ich es geschafft habe, ein Menschenkind glücklich zu machen. Da hab ich mir gedacht, wer wäre dazu wohl besser geeignet als du, mein liebes Alter Ego? Meine Beinahe-Schwester im Geiste? Und ich sehe es dir an der Nasenspitze an, du bist mir nicht mehr neidig um mein Leben. Jetzt, wo du mitbekommen hast, wie blöd das gelaufen ist. Jetzt bist du froh, daß du gelebt hat. Wirklich, echt und ehrlich gelebt. Stimmts?'
Vorsichtig nahm ich den kleinen Geist in den Arm. Er fühlte sich kühl und ein klein wenig feucht an. 'Ja, du liebes kleines Wesen, ich bin froh und glücklich. Du hast mir heute ein so wertvolles Geschenk gemacht. Ich freu mich total auf meinen Umzug nach Leitershofen, auf die Ruhe dort in meiner kleinen Wohnung, in der ich endlich die Kunstwerke erschaffen kann, die ich mir all die Jahre niemals zugetraut habe. Leb wohl und sag den Himmelswesen einen Gruß von mir und meinen Dank, daß sie dich zu mir geschickt haben. Machs gut und sing mit den Engeln, auch du bist jetzt frei! Und ich hoffe sehr, daß wir uns dereinst wiedersehen! Bussi baba!!!'
Der Geist schwebte durch die Kellertüre, verblaßte zusehends, winkte mir noch einmal zu und war verschwunden.
Ich sank auf meinen Hocker zurück und fühlte, wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. Wer hätte das gedacht? Ja du meine Güte, hatte ich ein Glück gehabt, diese bescheuerte Matura nicht geschafft zu haben! Pippi Langstrumpf hatte auch hier wie immer absolut recht gehabt: Von der Plutimikation sollte man sich auf ALLE FÄLLE fernhalten.

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