Sonntag, 25. Mai 2025

Ein Mann der Tat


Lust hätte er schon gehabt. Die hatte er immer. Liebe brauchte es dazu keine, die verkomplizierte die Sache nur unnötig. Aber dieses Mädel war irgendwie anders. Der konnte man nicht sofort sein Bedürfnis um die wohlgeformten Ohren hauen, da war Subtilität angesagt. Am ersten Abend wanderten sie daher lediglich händchenhaltend aus der Disco in die sommerliche Sternennacht hinaus. Nicht einmal geknutscht hatten sie. Nur geredet. Das dafür die halbe Nacht. 

Seine Strategie schien sich auszuzahlen. Sie himmelte ihn an und die Tatsache, daß sie mit ihrer Freundin und zwei kleinen Kindern in einer Wohnung schlief, hinderte ihn glücklicherweise daran, in den frühen Morgenstunden mit nach oben zu kommen und sich vielleicht doch noch von der Gier hinreißen zu lassen. Und alles zu versauen. Mit dieser Frau, das spürte er, wollte er keinen One Night Stand. Er wollte viele. Ganz viele Stands wollte er in ihr versenken, immer und immer wieder. Laut jaulend schleuderte er seinen aufgestauten Samen aus dem Fenster in die niederbayerische Nacht. Er würde siegen und kommen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Welche er am nächsten Tag, einem Sonntag, selbstverständlich besuchte, wie sich das in einem Dorf gehört. Damals wurden die Geschäfte nicht auf dem Golfplatz gemacht wie heute üblich, sondern am Stammtisch nach dem Gottesdienst. 

Sobald der Pfarrer die Meute entließ mit den lange ersehnten Worten: 'Gehet hin in Frieden!', stampfte man erleichtert von dannen, goß sich im Dorfkrug die eine oder andere Maß hinter die gelockerte Binde während die Frauen daheim brav das Essen zubereiteten.

Daß eins der beiden Kinder nicht zur Freundin sondern zu ihr gehörte, bekam er leider zu spät mit. Er war bereits gefangen im Strudel der Leidenschaft und wagte es gar, sich gegen seine dominante Mutter aufzulehnen, die der festen Ansicht war, daß eine Ausländerin, auch wenn sie aus einem Land geflohen war in dem man es mit den Menschenrechten nicht so genau nahm, in ihrer Familie nichts zu suchen hatte. 

Die nächsten Wochen vergingen wie im Rausch, nur das blöde Kind störte ihn massiv. Sonst hätte er sie vielleicht sogar spontan geheiratet, trotz des Gemeckers seiner Mutter, so stark war die Sogwirkung, die von ihr ausging. Aber die Kleine störte ständig seine Pläne, war im Weg, war krank, mußte von der Schule abgeholt werden - und wenn sie da war konnte er nie so wie er wollte.

Eines Morgens wachte er auf und merkte sofort: Etwas stimmt nicht. Die Bettseite neben ihm war leer, kein Kaffeeduft wehte aus der Küche herüber, keine wohlig anmutende Betätigung in seiner Lendengegend hatte ihn geweckt sondern die Sonne die zum Fenster hereinschien, und es gab auch keine Semmerln ans Bett. Sie war spurlos verschwunden. Was war geschehen? Hektisch suchte er nach einem Zettel, fand aber keinen. Wurde sie gekidnappt? Von Aliens? Verstört blickte er aus dem Fenster und sah ... ein Ufo im Garten stehen. Das auch nach mehrmaligem ungläubigem Blinzeln noch dastand. War das ein Witz? Würde jetzt gleich der Mork vom Ork an seiner Türe klingeln und fröhlich 'Nano Nano' krähen? Wo war seine Geliebte? Was ging hier ab und was war das für ein Teil da draußen?

Vorsichtig öffnete er seine Haustüre und linste um die Ecke. Tatsache. Da stand ein Ufo mitten im Garten. Gerade als er sich diesem langsam nähern wollte ging die Türe auf und ein Mädchen mit knallroten Haaren kam heraus. Pippi Langstrumpf? Seine Augen wuchsen zu Tellergröße heran. Was hatten sie gestern getrunken? Das konnte doch alles nicht wahr sein. Hatte man ihm was in den Wein gegeben, so daß er jetzt unter Halluzinationen litt? 

''Hey alter Mann, was schaust du so? Gefällt dir mein Raumschiff nicht? Magst mal mitfahren?''
''Was soll das heißen alter Mann? Ich bin nicht alt und du bist eine freche Rotzgöre. Wo ist meine Freundin? Was soll der Unsinn?''
''Ja, wo ist die Freundin. Hat sie dir heute noch keinen geblasen? Uiuiui. Warum fragst du nicht wo ihre Tochter ist? Die vermißt du nicht oder wie? Hast wohl nix übrig für Kinder?''

Er war sprachlos. Und auch ein wenig betroffen. Um der Gerechtigkeit Genüge zu tun mußte er zugeben, daß sie recht hatte. Er mochte keine Kinder. Die waren einfach ständig im Weg, forderten und nervten und kosteten unnötig Geld. Als könnte sie seine Gedanken lesen fuhr das Mädchen fort:

''Ich hab die beiden in Sicherheit gebracht, vor dir und deinem Ego. Du hättest sie früher oder später betrogen und das Kind geht emotional vor die Hunde in so einer lieblosen Atmosphäre. Kinder brauchen Freiheit und Luft zum Atmen. Bei dir hat sich das arme Ding immer im Eck rumdrücken müssen weil du nur Augen für die Mutter hattest. A propos Mutter: Die deinige wird sich vor Dankbarkeit nicht mehr zu halten wissen wenn sie erfährt, daß ihr heiliger Sohnemann die böse Ausländerin endlich los hat und frei ist, die Pichler Rosi zu heiraten so wie sie es für dich geplant hat. Noch Fragen?''

Nein, die hatte er nicht. Dafür plötzlich eine Axt in der Hand mit der er auf das Raumschiff losgehen wollte. In seinen Augen stand Mordgier geschrieben. Das Mädchen lachte nur, entwand ihm mit sicherem Griff die Axt und warf ihn auf den nächsten Baum.

'Sag mal, du hast wohl in deiner Jugend nicht viel gelesen? Gegen mich kommst du doch mit einer Axt nicht an, alter Mann. Ja, ächze nur und stöhne, und überlege dir, wie du ein besserer Mensch werden könntest. So wie bisher geht's jedenfalls nicht weiter!'' 

Mit einen heftigen Knall fuhr die Axt in den Baum auf dem er hing und erschütterte die gesamte Krone. Mit einem heftigen Schrei fuhr er hoch und haute sich den Kopf am Bettgestell an. Er hatte geträumt. Du meine Güte was für ein Traum!

Aus der Küche wehte Kaffeeduft herüber und soeben kam die Freundin mit einem Teller belegter Semmeln lächelnd zur Türe hereingestöckelt. Das Blag drückte sich wie immer irgendwo im Eck herum. So konnte es nicht weitergehen, auch ohne Ufo und freche axtschwingende Mädels. ''Wir müssen reden'', sagte er und nahm ihr den Teller ab.

Am Abend saß er wieder in seiner Stammdisco und flirtete nach allen Richtungen. Sex ohne Reue, ungebunden, frei und unbeschwert. So sollte es sein, das wollte er wiederhaben. Die Trennung hatte nicht nur ihr wehgetan, auch er hatte einen heftigen Schmerz verspürt, sogar mitgeweint hatte er. Dann war er aufgestanden. ''Das Leben geht weiter'', hatte er zu ihr gesagt und sie sanft aus der Türe bugsiert. Ein Mann der Tat. Ein Mann, der wußte was er wollte.

Bereits die Woche darauf hing das Aufgebot mit der Pichler Rosi im Kasten vor der Kirche. Bedröppelt stand er davor. Ein Mann, dessen Mutter stets das Beste für ihn wollte. Ein Mann, der wußte wann er sich geschlagen zu geben hatte. 























Aussichtslos



Sonntag, 13. April 2025

Rätsel um den Schatz im Olympiapark


''Dieser Volltrottel! In zwei Jahren wär er eh rauskommen, mit Glück sogar eher, hätt halt der Anwalt müssen ein bissl was zaubern und was macht er? Hängt sich auf! I pack's ned!''

''Wußte garnicht, daß du sentimental sein kannst. Bist doch sonst nicht so.''

''Schwachsinn sentimental! Stinkesauer bin ich! Denk doch amal mit! Wer hat denn als einziger g'wußt wo das Geld vom Überfall versteckt is, hm? Damit's ja niemand holt solang er noch im Hefn hockt. Und jetzt??? Weg ist sie die Marie!!! Darum geht's mir, und um sonst garnix!''

Schweigen.

''Ja oder kennst wen. der medial begabt genug ist um des Versteck für uns rausfinden zu können? Da wartest Jahr um Jahr und dann draht er si ham da Deppate! Und mir können sich des Geld aufzeichnen! I hoit's ned aus!!!''

''Jetzt reg dich ned auf Schurli, ich versteh dich ja. Bist extra wegen dem ganzen Wahnsinn nach Deutschland gekommen und am Ende war alles umsonst. Laß uns doch mal überlegen, vielleicht kommen wir so auch drauf. Was hat er denn immer gesagt? Er hätt es dem Herrn Jesus in Obhut gegeben. Was könnt er damit gemeint haben?''

''An Schas, heast. An Größenwahn hod a g'hobt, woascheinlich hod a si denkt er is mit'n Jesus per du und woit'n amoi bsuachn gehn, des hod a jetzt. Für imma. Na dankschön!''

Nervös drehte Peter sein orangefarbenes Feuerzeug in den Händen. Wenn Schurli in so einer Laune war, dann schaute man besser, daß man weiterkam. Nur, es war seine Wohnung in der sie sich aufhielten. Wohin sollte er flüchten vor dem irren Zorn des Freundes? 

Schurli stand auf, griff sich einen herumliegenden Zollstock und schlug sich damit in die Handinnenfläche. 

''I kannt eahm daschlogn, wann a ned scho dod warat. Des Oaschloch!!!'''

Peter blickte auf die Magnolienzweige die vor dem Fenster im Wind auf- und abwippten.

''Du, vielleicht hat er es an einem Wegkreuz vergraben? Eins mit Jesus drauf?''
''Ja freilich, und mir grabn jetzt ein jedes Wegkreuz in und um München um? Waßt du wieviel's do umeinanderstehn hod? Oida bitte, vaschon mi mit dein Bledsinn, danke!!!''

Zerknirscht zog Peter das Genick ein. Nun war guter Rat teuer. Wie sollte er Schurli  beruhigen? Schnaps anbieten war eine schlechte Idee, da flippte er dann immer komplett aus.
Hastig griff er nach der Zeitung in der Hoffnung, ein Bonmot zu finden das die Atmosphäre vielleicht ein wenig auflockern könnte.

Doch was er hinten im Lokalteil zu lesen bekam, verschlug ihm den Atem. Unter den Trümmern der vor zwei Jahren abgebrannten Ost-West-Friedenskirche von Väterchen Timofej waren mehrere Säcke mit Bargeld gefunden worden. Kirche! Jesus! Geld! Nun war auch klar, warum Konrad sich aufgehängt hatte. Wie sollte er das nun Schurli beibringen, der mit zornrotem Gesicht durch die kleine Wohnung tigerte? Am Ende würde es gleich noch einen Toten geben.

Vorsichtig stand Peter auf und klemmte sich die Zeitung unter den Arm. ''Äh, du, Schurli, was meinst, sollen wir vielleicht einen trinken gehen auf den Schreck? Ich geb was aus.'' 

Stunden später standen vier Beamte der PI 43 kopfschüttelnd in einer Mietwohnung im 7-ten Stock eines Hochhauses im Hasenbergl.

'Oiso sowas hob I aa no nia ned g'sehn'', sagte einer zu seinem Nebenmann.
''Schiabt eahm den Zollstock in Oasch bis zum Anschlag, foit üba eahm drüber und bricht si des G'nack. Wos moanst was muagn in da Zeitung steht? Homo-Drama im Hasenbergl? Jeder Zoll eine Liebeserklärung?''
Grinsend machten sie sich vom Acker. Den Rest würde das zuständige Kommissariat erledigen. Zeit für ein Feierabendbier!





















Quelle: Bayerischer Rundfunk


Donnerstag, 20. März 2025

Das Comeback der Brieftauben

'Mama, Mama, schau mal! Der Mann da hat drei Arme!'

Schmunzelnd blickte ich in die Richtung der kleinen Familie, deren jüngster Nachwuchs soeben meine neueste Errungenschaft entdeckt hatte. Sie saßen auf einem der Vierersitze im hinteren Teil des U-Bahn Wagens und starrten ungläubig in meine Richtung.

Ja, ich genoß die Bewunderung der Leute. Einer der ersten zu sein, die neue Trends erspürten und ganz vorne mit dabei waren, war einfach geil. Zur Norm zu gehören war langweilig. Fad wie altes Brot. Hier in der Großstadt war man besser am Puls der Zeit. Man mußte wer sein. Sonst könnte man geradesogut am Land leben und Schafe züchten. Und jeden Tag mit seinem Hund die Runde durchs Dorf machen. 'Grüß Gott Herr Mayer' 'Grüß Gott Herr Huber.' Nein wirklich, wie scheußlich.

Meterlange Fingernägel und Schlauchbootlippen waren, auch wenn viele das noch nicht mitbekommen hatten, mittlerweile sowas von passée. Wer in München etwas auf sich hielt, ließ sich einen dritten Arm annähen. Wie sonst sollte man in den Öffis Kaffeebecher und was zum Lesen jonglieren und sich gleichzeitig festhalten? Sicherheit ging schließlich vor.

Die Operation war kein großer Akt, bei der Gelegenheit konnten auf besonderen Wunsch die Plastiker hinzugezogen und  somit unauffällig eine Straffung der lasch gewordenen Oberarmhaut durchgeführt werden. Besonders für die etwas älteren Damen der Schöpfung interessant, die hatten auch das dafür nötige Sondervermögen auf der Seite.

Am liebsten hätte ich die kleine Episode mit der Familie sofort all meinen Freunden weitererzählt, doch seit diese alte Wetterhexe Kanzlerin geworden war, hatte man den Betrieb von Handys in allen Öffentlichen Verkehrsmitteln verboten. Wegen der Ruhestörung die angeblich damit einherging. Nun, wir Trendsetter ließen uns von solchen Verboten nicht die Laune verderben, wir dachten uns flugs etwas Neues aus: Das Comeback der Brieftauben.
Immer öfter sah man nun Menschen in den Bussen und Bahnen, die einen Käfig mit einer oder mehreren Brieftauben mit sich führten. Wollte man jemandem etwas mitteilen, so wurde die Message auf einen Zettel geschrieben und die Taube an der nächsten Haltestelle durch die offene Türe hinausgeschickt. Voll der Retro-Chic.

Natürlich handelte es sich hierbei nicht um echte Tauben. Die Verunreinigung der Sitze und Fußböden wäre unerträglicher gewesen als die Lärmbelästigung durch ständiges Telefonieren und Musikhören. Nein, es handelte sich hierbei selbstverständlich um das neueste elektronische Gadget bei dessen Entwicklung ich, wenn ich das so sagen darf, nicht ganz unbeteiligt gewesen war. Die Handynummern der Zielpersonen konnten vorab einprogrammiert und gespeichert werden und die Tauben flogen so, völlig selbstständig, direkt zur Zielperson. Es sei denn, diese hatte ihr Mobiltelefon zu Hause gelassen. Aber wer macht das schon. Heutzutage. Keiner! Außer vielleicht VOLL ALTE Leute.

Bei Regen war das Ganze nicht wirklich ideal, hier war die Idee noch etwas unausgereift. Kindische Gemüter wollten die Tauben mit kleinen bunten Schirmchen ausstatten, aber das hätte sicherlich ein erneutes Taubenflugverbot nach sich gezogen, in Brüssel hatte man keinen Sinn für Humor.

Unlängst hatte man damit gedroht, uns die Leberkässemmeln verbieten zu wollen. Geh bitte! Bayern ohne Leberkässemmeln? Undenkbar! Obwohl ich persönlich ja nichts von Backwaren halte. Mein neuester Lieblingstrend im Food-Sektor sind die Snackzitronen. Die werden in Italien extra zum Verzehr samt Schale gezüchtet und sind sooooooooo lecker. Wenn ich damit so locker-leicht im Eck einer Vierergruppe sitze und mit beiden Armen die Zeitung halte während der dritte Arm meinen Mund mit den Snackzitronen versorgt, trifft mich so manch neidischer Blick.

Der neueste Gag der Wetterhexe lautete, man dürfe ab dem kommenden Jahr Prothesen nicht mehr mitbeerdigen. Angeblich wegen des Grundwassers. Ich habe daher verfügt, daß mein dritter Arm zu einer Skulptur verarbeitet und oberhalb des Grabes befestigt werden soll. Nicht, daß ich von Todessehnsucht geplagt wäre, aber ist ist ratsam, sich beizeiten Gedanken zu machen. Damit es einem keinesfalls ergeht wie dereinst dem guten Herrn Mozart, dessen Gebeine man derartig achtlos entsorgt hatte, daß heute niemand mehr weiß, wo er eigentlich wirklich begraben ist und die Fans zu einem 'Ehrengrab' auf dem St. Marxer Friedhof pilgern müssen wenn sie ihm Blümchen bringen wollen. 

So etwas wird mir nicht passieren, meine Grabstelle ist bereits bestellt und bezahlt. Nur mit der Kunst hapert es bei mir ein wenig. Meine Bilder interessieren außer meiner Psychologin niemanden. Man muß heutzutage immer gröbere Schoten bringen um Aufmerksamkeit zu erregen. 

Plötzlich ein Ruck, die Fahrt stoppte abrupt. Neben mir schwappten einige Kaffeebecher über, gedämpftes Fluchen entfleuchte den Mündern der nun braun gefleckten Yuppies. Von weiter vorne hörte ich lautes Gröhlen. War da einer in aller Herrgottsfrüh schon blau? Da verbieten sie einem, die Handys anzuschalten weil sie zu laut sind, aber Rumgröhlen geht oder was?

Mit Entsetzen erkannte ich eine groteske Gestalt mit einer Kettensäge, die sich durch die Wagenreihen hindurch bis zu uns nach hinten durcharbeitete. Mir warf er nur einen verächtlichen Seitenblick zu und steuerte dann zielgerichtet auf das Kleinkind zu, das mich soeben noch bewundernd angestarrt hatte. Nun war der Kerl dabei, mir die Show zu stehlen. Mit grimmigem Gesicht hielt er die Kettensäge hoch und brüllte: 'Kinder! Ich hasse Kinder! Ständig brüllen sie überall umeinander und gehen einem am Nerv! Ich bring euch alle um! Alle! Und mit DIR fange ich an!!!'

Ich sah mich hastig um. Die Mitfahrenden starrten, wie der Münchner das nun mal so macht, weiterhin in ihre Zeitungen oder auf den Boden und taten so, als nähmen sie nicht wahr, was um sie herum geschieht. Nun, ich bin wahrlich selbst kein Kinderfreund, aber was zu weit geht, geht zu weit. Ich warf meinen Kaffeebecher Richtung Yuppies (war auch schon egal) und stürzte mich von hinten auf das Monster. Trainiert war ich ja, das gehört dazu wenn man in sein möchte. Zudem hatte ich das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Ich entriß ihm die Kettensäge und haute sie ihm mit aller Gewalt derer ich fähig war gegen den Schädel. Langsam kippte er zur Seite und sah mich direkt an: 'Du kannst mich nicht umbringen. Ich bin unsterblich. Aber du hast heute dazu beigetragen, daß ich eine Aufgabe erledigen konnte, die mich wieder etwas weiter in Richtung Himmel bringt. Weißt du, eigentlich bin ich ein Engel und es macht ECHT keine Freude, immer den Teufel geben zu müssen. Echt nicht. Ständig diese Hitze und nur langweilige Leute um einen herum. Du bist heute über deinen Schatten gesprungen und hast versucht, jemand anderem zu helfen. Ich feier dich dafür Bro. Gehe hin in Frieden.'

In diesem Moment bekam sein Gesicht tatsächlich etwas Engelsgleiches. Er lächelte freundlich und löste sich vor meinen ungläubigen Augen in Luft auf. Weg war er! Die Leute um mich herum schienen absolut nichts mitbekommen zu haben. Nach wie vor glotzten sie in die Zeitungen und einer murmelte grantig: 'Wann fahrt'n der endlich weida! I hob an Termin, zefix!'

Morgen früh werde ich den jungen Mann am Kiosk einmal fragen, was genau er eigentlich alles in den Kaffee mischt ...



















Mittwoch, 12. März 2025

Die Moorleiche


Urlaub am Land. Petra war begeistert. Nicht. Statt sich wie geplant mit ihrem Schwarm jede Nacht in der Disco zu vergnügen, während die Eltern auf Urlaub waren, hatte sie dieses Mal wieder mitgemußt. Wegen der Brandflecken im Wohnzimmerteppich und der Zigarettenasche in den Blumenkübeln, und nicht zuletzt auch wegen der pickerten Bierflecken welche die gesamte Vortreppe bis hinunter verunziert hatten und nur schwer wegzuschrubben gewesen waren.

'Nur weil deine Eltern Geld und demzufolge ein großes Haus haben, bedeutet das nicht, daß du in unserer Abwesenheit jeden Krethi und Plethi zur Party bitten kannst!', hatte es grämlich geheißen. Man hatte ihr mangelnde sittliche Reife attestiert und nun hockte sie mit ihren Eltern in diesem Kaff im Schwäbischen und langweilte sich praktisch rund um die Uhr halb zu Tode. Hier war absolut NICHTS los! Klar, man konnte ins Schwimmbad gehen, aber dort waren tagsüber meist auch nur alte Omis, die Wassergymnastik machten. Der nächste Höhepunkt im Dorfleben wäre das Schnakenfest gewesen, welches aber erst nach ihrer Abreise stattfinden würde. Dabei waren ihre Arme und Beine bereits jetzt großflächig mit Quaddeln bedeckt, überall dort, wo die hungrigen Mistviecher sich bedient hatten. Sehr gerne hätte sie denen mal die Meinung gesagt!

Für heute Mittag war eine Führung durch das Torfmuseum angesagt. Gäääääähn. Danach durfte man eine Runde mit der Torfbahn fahren, auf die der von Ehrenamtlichen geführte Verein mächtig stolz war. Wenigstens gab es vorher noch was zu Essen. Der Vater hatte bereits total auf wichtig einen Vortrag gehalten, demzufolge es in Gebieten, in denen der aktive Abbau des Torfs beendet worden war, oft solche Attraktionen gab um den Tourismus anzukurbeln. Ja das war hier aber auch dringend nötig. Die Wanderwege waren großteils verwaist, ab und an begegnete man einer pensionierten Handarbeitslehrerin oder einem ältlichen Vogelkundler mit Fernglas und Kamera. Die totale Ödnis, wohin man auch blickte.

Die Gegend war hübsch, keine Frage, aber doch nichts für ein junges Mädel! Wenn die Mutter beglückt auf die Kuhherden hier und da zeigte und der Vater gleich wieder Vorträge darüber hielt, daß es sich bei den jungen Kühen sicherlich um Färsen handelte, die hier vorbildlicherweise nicht von der Herde getrennt aufwuchsen sondern bei ihren Müttern bleiben durften, fiel es Petra wirklich sehr, sehr schwer, nicht in lautes Geschrei auszubrechen und sich kopfüber auf die nächste Fahrbahn zu stürzen. Hätte sowieso nichts genutzt, es kam nur extrem selten einmal ein Fahrzeug vorbei. Die Ampel beim Rathaus hätte man sich direkt sparen können. Offenbar war der Bürgermeister ein vorsichtiger Mensch und wollte keine Risiken eingehen.

Die Führung im Museum war dann doch nicht ganz so uninteressant wie Petra befürchtet hatte. In der Gruppe wißbegieriger Wandersleute befand sich unter anderem ein recht sympathisch aussehender Junge in ihrem Alter, der bestimmt genauso gegen seinen Willen von den Eltern hierhergeschleppt worden war wie sie. Eifrig versuchte Petra, seine Aufmerksamkeit zu erregen, doch leider, leider hatte sie sich in der Früh nicht geschminkt. Für wen auch. Abgesehen davon hatte sie befürchtet, die Wimperntusche würde in der Hitze nur schmelzen und wie sah das dann aus? Besser bleiben lassen. Und nun stand sie da in ihrem langweiligen alten Kleid, ungeschminkt und fad, nicht einmal die Haare waren ordentlich gekämmt. Kein Wunder, daß er nicht herschauen wollte. Der würde sich doch nicht allen Ernstes für diesen dreckigen alten Dolch da vorne interessieren, den man vor tausend Jahren oder so mal ausgegraben hatte und der irgendeinem bescheuerten Krieger gehört hatte? Menno! Sollte sie den Jungen mit Papierkügelchen bewerfen? Nee, zu aufdringlich. Was war das auch für ein Stiesel! Warum guckte der nicht!!! Hier war ja nun wirklich keinerlei Konkurrenz, gegen die sie sich zu behaupten hätte. Außer diesem blöden Dolch!

Der Vortragende vorne näselte unbeirrt weiter, irgendeine voll beknackte Story wie sie früher Mithilfe beim Torfstechen verlost hatten, stets interessant für alleinstehende Damen aufgrund der hübschen kräftigen Arbeiter, und eine der Damen auf einmal aufgeschrien hatte und in Ohnmacht gefallen war, weil im Lostopf eine Unke auf den fein säuberlich zusammengerollten Losen gesessen hatte. 'Des isch hald so bei ons in dr Naduuur', grinste er nachträglich noch schadenfroh und kündigte an, man dürfe sich nun nach draußen begeben, 'des Bähnle' würde gleich vorgefahren und man dürfe einsteigen.

Die Gleise waren Petra bei der letzten Wanderung schon aufgefallen und sie freute sich auf eine lange Fahrt durch die unheimliche Moorlandschaft, auf Aussichten, die man vom Weg aus nicht hatte, und vor allem darauf, neben dem Jungen zu sitzen zu kommen. Das müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie es nicht schaffen würde, hinter ihm in den Zug zu klettern!

Eifrig drängelte sie sich in seine Nähe und es gelang ihr tatsächlich, auf derselben Sitzbank zu landen auf der ihr neuer Schwarm soeben Platz genommen hatte. Leider saß ihr Vater ihnen beiden genau gegenüber ... das durfte doch nicht wahr sein! Nach wie vor beachtete der Junge sie kein bißchen, blickte interessiert aus dem Fenster, und als der Zug ruckelnd anfuhr, winkte er eifrig seiner Mutter, die vor dem Museum zurückgeblieben war. So ein blödes Mamakind, ärgerte sich Petra. Nun, dann wollte sie wenigstens die Fahrt genießen. Vorwitzig streckte sie ihre Nase in den Wind und während die Bahn langsam über die alten Schienen ratterte, war sie fast schon wieder mit dem Urlaub versöhnt. Doch was war das? Bereits nach der ersten Kurve kam der Zug zum Stehen, aus der Fahrerkabine kletterte ein Mann heraus und begann, einen Vortrag über die Torfbahn zu halten und die Anwesenden darüber aufzuklären, wie der Verein in mühevoller Kleinarbeit die Schienen erneuert hatte und sich seither aufopferungsvoll um die Erhaltung selbiger kümmerte, damit man wenigstens ein paar Meter bis hierher fahren und den Leuten ...

'This is a bloody hoax!', schrie da auf einmal der Junge neben Petra so laut auf, daß ihr fast die Ohren weggeflogen wären. 'Ye scamming arseholes take our money and promise a ride across the moors and THAT'S all we get? I can't believe it!' *

Mit offenem Mund starrte Petra den Schreihals an. Nun ja, er hatte recht, aber sich dermaßen aufzuführen? Bei dem Wetter? Auch Petras Vater versuchte, beruhigend auf den Jungen einzuwirken, doch vergebens.

'I'll sue your bloody arses off, yer minging twats!',** polterte der junge Mann, den Petra mittlerweile keineswegs mehr anziehend oder auch nur sympathisch fand, weiter.

Grinsend kam der Vortragende auf den Wagen zugeschlendert, aus dem der Unsympath mittlerweile mit grimmigem Gesicht weit herauslehnte.

'You want to see more of our lovely moors? Come on then, follow me, I know of an especially beautiful spot.' *** Zögerlich kletterte der Knabe aus dem Waggon und folgte dem Mann. Sämtliche im Zug sitzenden Touristen sahen den beiden gespannt nach wie sie hinter dem Haufen verrosteter, zur Dekoration aufgebauten ehemaligen Torfabbaumaschinen verschwanden, die in der Mitte des Gleisrundes aufgebaut waren.

Plötzlich kam der Junge, käseweis im Gesicht, wieder um die Ecke geschossen, rannte zu seinem Vater, der weiter hinten im Zug saß und stotterte: 'There's a stiff down yonder, all you can see is an airm ...' ****

Petra sah wie der Angestellte dem Vater leise zublinzelte, dieser blinzelte zurück, nahm seinen Sohn tröstend in den Arm und meinte: 'Ja dann sind wir doch mal froh, lieber Sohn, daß wir nicht weiter ins Moor hinausfahren müssen, wer weiß, ob es uns dann nicht vielleicht auch so ergehen würde?'

Später, nach der Rückkehr des Zuges zum Bahnhof vor dem Museum, hörte Petra wie der Angestellte zum Vater des Jungen leise sagte: 'Nur ein Scherzartikel, ein skelettierter Arm der im Boden steckt. In unseren Mooren kann schon lange niemand mehr versinken. Aber offenbar hat es ihren aufgebrachten Sprößling zur Raison gebracht. Mit den Yorkshire Moors können wir hier beileibe nicht mithalten.'

*Das ist totale Verarschung! Ihr betrügerischen Arschlöcher nehmt unser Geld und versprecht uns eine Fahrt durch's Moor und das ist alles? Ich glaub das jetzt nicht!

**Ich klag euch bettelarm, ihr ... (üble Beleidigung, die wäre FSK18 ;-)

*** Du willst mehr von unserem Moor sehen? Dann komm mit. Ich kenne da eine ganz besonders bezaubernde Ecke.

**** Da drüben liegt eine Leiche, man sieht nur noch einen Arm ...





Donnerstag, 27. Februar 2025

Am Küchentisch mit Erna


'Ja Mann und wieso? Wieso ist das keine gute Idee? Die Idee ist astrein!'
Zornig fegte Manne mit dem Arm heftig über den Tisch, so daß die festgepappten Bierflaschen rumpelnd und klirrend am anderen Ende zu Boden fielen.

'Haste toll gemacht Manne, echt toll!', regte sich Erwin auf. 'Jetzt überleg doch mal. Du willst Leute abchecken die auf deiner neuen App ihre Wanderungen live aufzeichnen und während sie weg sind, räumst du ihre Bude aus. Soweit so gut. Aber wie willst du die erkennen? Die tragen ihren Namen und ihre Adresse doch nicht auf den Klamotten wie die Fußballer ihre Zahlen. Willst den Leuten nachschleichen und sie fragen wer sie sind? Und am besten noch, ob sie eh guten Schmuck daheim rumliegen haben?'

'Schmarrn Alter! Ich geh denen unauffällig nach und dann seh ich ja wo sie wohnen und mit wem. Und beim nächsten Ausflug ... rein in die gute Stube! Ich versteh dein Problem nicht.'

'Weil das viel zuviel Aufwand ist. Überleg doch mal. Bis du endlich mal ein passendes Opfer gecheckt hast können Wochen vergehen und dann ist es ein fauler Sack der nur alle paar Monate mal rausgeht ... ich seh das einfach als wenig rentabel an.'

'Ja Mann Erwin echt, du klingst wie mein Vater! Weißte was? Dann zieh ich das alleine durch. Du bist und bleibst ein Schisser. Kannst ja weiter auf Stütze vor dich hinmodern, wenn dich das aufbockt. Wirst schon sehen wer am Ende recht hat. Und dann kannst schaun, wenn ich mit nem coolen Auto und zwei heißen Bräuten drin vorfahre und du immer noch einsam und alleine auf deinem rostigen Radl durch die Gegend eierst.'

'Ja so blöd wärst du auch noch, dir eine Angeberkarre zu kaufen. Alter! Da fragen sie dich doch dann sofort wo die Asche herkommt! Du darfst deinen Lebensstil doch nicht ändern, bist du völlig bescheuert? So fliegst doch sofort auf! Sehnsucht nach Kaisheim?'

Bamm. Mit einem lauten Knall war die Wohnungstüre ins Schloß gefallen. Ok, Manne war mal wieder sauer. Aber so war er halt. Ständig neue Ideen im Schädel die ihn fast immer auf direktem Wege zurück in den Knast führten. Und wenn man was sagte flippte er aus. Manche Leute lernen es einfach nie. Wenigstens war jetzt wieder Ruhe. Behaglich angelte sich Erwin eins seiner Comics vom Boden, legte die Füße auf den nun freien Tisch und begann zu lesen.

So richtig konzentrieren konnte er sich jedoch nicht. Die Idee von Manne ließ ihn nicht los. So ganz dumm war die tatsächlich nicht. Wenn die Adrenalinjunkies sich in Wald und Heide austobten, waren sie nicht nur eine Zeitlang beschäftigt sondern man konnte in der App ja auch genau sehen, wo sie waren und wann sie demzufolge frühestens nach Hause kämen Vorausgesetzt natürlich ... Erwin sprang auf und begann, in seinem Kleiderschrank zu wühlen.

Am nächsten Morgen joggte Erwin keuchend um den Stempflesee herum. Bissl was für die Fitneß tun, redete er sich ein. Schadet nie. Da vorne, der Große mit den teuer aussehenden, schreiend bunten Outdoor Klamotten. Ob er sich den mal näher ansehen sollte? Langsam auf der Stelle trippelnd verfolgte Erwin die Runden des federnden Sportsmannes, warum sich unnötig quälen, bis dieser endlich Richtung Parkplatz abbog. Enttäuscht und außer Atem mußte Erwin mit ansehen, wie sein Zielobjekt in einen feschen Sportwagen einstieg und röhrend davonbrauste. Shit! Klar! Hierher fuhr niemand mit der Straßenbahn wenn er sich ein Auto leisten konnte. Böser Denkfehler. Also Ortswechsel. 

Die App leitete ihn als nächstes auf die Feldwege zwischen Inningen und Bobingen. Prima Gelände, hier mußten die Leute nicht mit dem Auto hinfahren, da sie nicht weit entfernt wohnten. Die App zeigte ihm einen älteren Herrn, der zwar nicht besonders teuer gekleidet war, aber eine fette Breitling am Arm trug. Ihm zumindest konnte er ohne weiteres folgen. Gemächlich drehte der Opa seine Runde und ließ sich schlußendlich auf dem Bankerl beim Friedhof nieder um sich auszuruhen. Ja toll! Unauffällig schlich Erwin durch die Gräberreihen, immer die App im Auge, um ja das Aufbrechen seines Zielobjeks nicht zu versäumen.

'Ja sag amal, die jungen Kerle, sogar am Friiiiiiiedhof immer des Handy vor die Augen! Hosch du keun Reschpekt mehr vor die Toten, ha!' Verdutzt blickte Erwin in die zornblitzenden Augen einer älteren Dame, die es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht hatte, auf dem Inninger Friedhof für Zucht und Ordnung zu sorgen. 
'Wem g'hörsch denn du? In die Kirch gehsch jedenfalls ned, do han I di no NIA g'säha!', fuhr sie in breitestem Schwabendialekt fort. 

Verdammt! In diesem Moment sah er, wie der Opa in einen alten verbeulten Toyota stieg und puffend und knarzend die Straße hinabknatterte. Wieder nix! 

'Was guggsch so? Hosch den Herrn Wieninger kennt, oder? Dem sei Frau isch neulich g'storba und seither kommt er jeden Tag ans Grab und dernoch duat er joggen. Wie sie no g'läbt hod, hod er sich nix saga lassa. Aber jetzat ... leider zu spät ...'

Erwin hatte eine Idee: 'Schauen Sie mal, so ein Handy ist wirklich auch sehr praktisch. Wenn man beispielsweise jetzt nicht mehr weiß, wo jemand wohnt, dann kann man das hier nachschauen. Was hat denn der Herr Wieninger für eine Adresse?' 'Ja Lindauer Schtroß 80b, deswäga fahrt er ja mit'm Audo. Des laufsch nemme in dem Alter.'
'Ja no gucket Se,' verfiel Erwin in den heimischen Dialekt während der die Adresse rasch im Google eingab. 'Do sähat Se? Lindauer Schtroß 80b. Jetzt wenn Sie nemme wisset wo Sie nah müsset, na gangat Se eufach dem Pfeil nooch.'

Die Frau war fasziniert. 'Ond mit meiner Adress gott des au?', fragte sie neugierig. Ihre kleinen verschmitzten Äuglein blickten interessiert zu Erwins Gesicht auf. 'Ha freilich. Des gott mit jedr Adress. Au mit Ihrer.'
'No guggsch amol Steingadener Schtroß 4.'
'Steingadener Schtroß 4? Do war doch amol ... do han I als Kind immr Gutsle kofft ...'
'Ha des isch abr scho lang här... Des waret mei Muttr und mei Schweschtr, dia hend den Lada g'hett. Und I han des Haus g'erbt. Ha, no bisch du doch von do. Abr jetzt zeug mr des amol mit dera Adress!'

Flugs gab Erwin die Steingadener Straße in Google ein und während die alte Dame mit kindlicher Freude die blaue Linie betrachtete, die direkt zu ihrem Häuschen führte, äugte Erwin wohlgefällig nach den Perlenketten, die sie um ihren dürren, faltigen Hals geschlungen hatte.

'Also gell, I glaub so a Handy koff I mr au. Komm, mir fahret in'd Stadt, I muaß bloß grad no des Eumerle bei mir in'd Garaaasch schtella, wenn mr si schicket no kriag ma no den Zug um 10.40 noch Augschburg nei.'

Bevor Erwin auch nur einen Pieps machen konnte, wurde er von der energischen Dame am Arm gepackt und die Straße hinabgezogen. An der nächsten Kreuzung bog sie mit Schwung nach rechts ab: 'Do warat frihers Küh g'schtanda. Ond jetzt? Elles vollr Heisr. A Schand isch des was dia aus onsrm Dorf g'macht hend!!!'

Kurze Zeit später, am Heimweg von Augsburg, nannte die alte Dame nicht nur ein funkelnagelneues Smartphone ihr eigen, auf dem sie bereits mit wachsender Begeisterung herumtippte, sie hatte ihrem treuen Einkaufsbegleiter sogar ein Paar neue Kopfhörer spendiert 'drmit oinr wenigr in dr Schrossaboh mit seine Filmle rumnervt.' Das könne sie nämlich auf den Tod nicht ausstehen. Die angebotene Tasse Tee nach dem erfolgreichen Einkaufsbummel schlug Erwin nicht aus, hoffte er doch, sich in der Wohnung der alten Dame einen umfassenden Überblick über eventuell vorhandene Preziosen machen zu können.

Mit offenem Mund saß Erwin kurze Zeit später am Küchentisch mit Erna, wie sich seine neue Bekanntschaft vorgestellt hatte. Die Wände der gesamten Wohnung waren, soweit er bisher hatte feststellen können, mit Zeitungsausschnitten, Fotos und selbstgemalten Bildern zugepappt. Kein Mut zur Lücke, alles bunt durcheinander, keine Struktur erkennbar. Ihm wurde schwindelig.

'Des isch scho cool, gell?', grinste Erna erfreut, in der irrigen Annahme, ihr Gast sei in purer Bewunderung erstarrt. Erwin räusperte sich und fragte nach der Toilette. Doch nicht einmal hier war seinen Sinnen eine Erholungspause vergönnt. Fotos, Zeitungsausschnitte und Poster klebten nebeneinander, übereinander, durcheinander. Es war der absolute Wahnsinn.

Der Tee war warm und belebend, und Erna trotz ihres starken Dialekts eine wirklich bezaubernde Gesprächspartnerin. Auch sie schien sich sehr über seinen Besuch gefreut zu haben, sprach sie doch, als er sich schlußendlich schweren Herzens von ihr verabschiedete, sofort eine Einladung für ein nächstes Mal aus, gerne auch ohne Anmeldung.
'Wo wird so alts Weib wia I schon higanga, außr in dr Friah amol zomm Friedhof.'

Herr Wieningers Haus stand in einer kleinen Siedlung, die streng genommen bereits zur nächsten Ortschaft gehörte, aber doch näher an Inningen lag als an Göggingen. Sogar eine eigene Bushaltestelle hatte sie, an der etwa alle halbe Stunde ein Bus hielt. Vier Euro wollten sie mittlerweile für eine Fahrt von Augsburg hierher, kein Wunder, daß sich Herr Wieninger für ein Auto entschieden hatte.

Wie jeden Morgen war Herr Wieninger, wie auf der App unschwer zu erkennen war, eifrig zwischen Bobingen und Inningen am Joggen. In das Haus einzusteigen war weiter kein Problem, die Nachbarhäuser waren von dichten Büschen umgeben, nirgends bellte ein Hund. Erwin war begeistert. Wenig später trollte er sich, seine Fundsachen im Rucksack mit sich tragend, nach hinten hinaus über die Äcker in Richtung Wertach. Weniger Zeugen. Zwar stellte die Singold ein kleines Problem dar, doch wer sich auskannte wußte, wo man unauffällig über den Fluß kommen konnte wenn ihn nicht vorher ein Golfball vom benachbarten Platz am Kopf traf. Ein Hopser und es war geschafft.

Seine Teestunde mit Erna fand mittlerweile fast täglich statt. Manne war schon wieder eingefahren weil er ausgerechnet bei einem ehemaligen Polizisten in der Benediktbeurer Straße eingestiegen war, und ohne ihn fühlte er sich einsam. Erna und er unterhielten sich über das Tagesgeschehen, er lud ihr neue faszinierende Apps auf ihr Handy, manchmal spielten sie sogar ein Spiel miteinander. Bis Erna eines Tages fragte: 'Sagamal, kannsch du di no an den Herrn Wieninger erinnern? Der immr in dr Früh am Friedhof kommt vorm Joggn?'
'Ähm ... Herr Wieninger? Der mit der alten Rostkiste?'
'Bei dem hends eibrocha. Dr Schmuck vo seinr Frau. Elles weg. G'woint hodr. Es wär ihm ja ned wegn an Geld hodr gsagt, abr halt die Erinnerung an sei Frau ...' verstohlen wischte sich Erna ein Tränchen aus dem Augenwinkel.
Verdammt. Das hatte er nicht gewollt. So ein reicher Kerl hat doch eine Versicherung hatte er gedacht und somit ist der Schaden gedeckt. Und nun? Nun weinte der arme alte Mann um den Verlust und er, Erwin, war schuld. 
Den Göttern sei Dank hatte er die Schore noch nicht zum Hehler gebracht sondern diese lag sicher im Versteck zwischen Wertach und Seitelbach. Da kam so schnell niemand hin.

Als er am nächsten Morgen mit seinem Rucksack gerade rittlings auf der Fensterbank von Herrn Wieningers Schlafzimmerfenster saß, hörte er von unten eine sonore Stimme:
'Heda, Sie! Was machen Sie da! Hände hoch und keinen Mucks!'
Erschrocken blickte Erwin hinab in den Garten, wo ein typisches Wichtigtuer-Männchen breitbeinig dastand und mit beiden Armen ein längliches, uraltes Gewehr, wohl noch aus Armee-Beständen, auf ihn gerichtet hielt.
'Die Polizei ist schon verständigt. So eine unglaubliche Frechheit, gleich zweimal bei dem armen Herrn Wieninger einbrechen zu wollen! So geweint hat er um den Verlust des Schmucks seiner geliebten Frau und jetzt täten Sie ihm auch noch den Rest mitnehmen wollen? Was für eine Saubande!!!'

'Moment mal!,' verteidigte sich Erwin beherzt. 'Ich möchte nichts stehlen, sondern etwas zurückbringen. Ich habe erfahren, wie nahe dem Bestohlenen der Verlust gegangen war und da ich wußte, wer den Schmuck entwendet hatte, wollte ich ihn einfach und unkompliziert wieder zurückbringen. Das ist alles.'

'Luagabeidl verreckter!', warum hosch no et eufach klinglt, ha???'
'Weil ich niemanden hineinziehen wollte. Es hätte sicher Fragen gegeben und ich möchte den Dieb nicht hineinreiten. Sehen Sie selbst, der Schmuck befindet sich hier unversehrt im Rucksack und ich wollte ihn einfach nur ...' Erwin wußte nicht mehr was er sagen sollte. Seine ritterliche Aktion war offenbar gewaltig fehlgeschlagen. Warum hatte er nicht besser aufgepaßt, statt sich eitel in seinem Edelmut zu sonnen? Unvorsichtigkeit ist der erste Schritt ins Gefängnis, hatte sein Vater immer gesagt.

Einer plötzlichen Eingebung folgend rief er aus: 'Hören Sie, rufen Sie die Erna an, die kann für mich bürgen! Wir kennen uns vom Friedhof und sie hat mir das mit dem Einbruch erzählt!'
'Red kein Schmarrn und laß die arme alte Frau aus'm Spiel du Verbrecher!'
Mittlerweile hatten sich weitere Nachbarn zu dem Wichtigtuer gesellt und blickten neugierig nach oben.

Während Erwin verzweifelt versuchte, sich auf der eckigen Fensterbank so zu setzen, daß er sich nicht sämtliche Weichteile abklemmte, was ohne Hände, die er ja weiter erhoben hatte, fast unmöglich war, tockerte auf einmal die allen wohlbekannte alte Rostkiste von der Hauptstraße herab und Herr Wieninger entstieg verwundert seinem, naja, Auto.
'Was isch denn do los?' fragte er verwundert. 'Was stehts ihr da im Weg rum? I muaß jetzt do a Kehrtwende machen, soll I euch zammfahrn oder was wird des?'

'Ja sehen Sie das nicht! Der Einbrecher da! Der sitzt am Fensterbrett und will noch mehr Schmuck klauen!'
'Is doch ned wahr!', schrie Erwin verzweifelt. 'Zurückbringen wollt ich ihn, zurückbringen! Und der Depp do der laßt mi ned. Schauns doch nei in den Rucksack, da isser doch drin der Schmuck! Rufts die Erna an am Handy und fragts es, wenn ihr mir nix glaubn wollts!'

'Ja sonscht no was, die alde Hex. Für was moinsch hab I überall den Liebstöckl anpflanzt durch den du mir dankenswerterweise direkt durchg'latscht bisch. Also a Einbrecher bisch du ned, der tät schaun wo er hintrabbt. Zeig amal den Rucksack!'

Erleichtert ließ Erwin die Hände sinken, rückte sich noch einmal zurecht, zog den Rucksack von den Schultern und warf ihn Herrn Wieninger zu. Dieser blickte gerührt auf den Inhalt und danach mit Tränen in den Augen wieder hinauf zu Erwin: 'Mei Bua, so a Freid! Jetzt komm amal da runter, des isch doch unkommod.'

Bald darauf saßen alle Beteiligten, samt der mittlerweile angerückten Polizeistreife, im Vorgarten des Anwesens Lindauer Straße 80B und tranken gemütlich ein Weißbier, das ihnen Herr Wieninger großzügig spendiert hatte. Die Polizisten notierten, daß es sich bei dem Einsatz um einen falschen Alarm gehandelt hatte und jeder war glücklich und zufrieden.
Jeder außer Erwin, dem sein gutes Herz einmal wieder einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hatte.

Allzulange mußte er sich jedoch nicht grämen, denn bereits drei Monate später stellte sich heraus, daß die gute Erna, die 'alde Hex', ihn in ihrem Testament als Alleinerben eingesetzt hatte. Herr Wieninger hatte ihr wohl von dem jungen Mann erzählt, der ihm den vermißten Schmuck durch's Schlafzimmerfenster wieder zurückbringen wollte und sie hatte sich ihren Teil dabei gedacht. 

Leise schniefend stand Erwin vor der erstaunlich zahlreichen Trauergemeinde am Inninger Friedhof. Er hatte sich bereit erklärt, ein paar Worte am Grab vortragen zu wollen. Zu Ehren der sonderlichen alten Dame, mit der ihn während der letzten Monate eine so tiefe Freundschaft verbunden hatte.
Mit zitternden Händen hielt er sich einen schmutzigen, zerknitterten Zettel vor die Augen und las vor:

Und die Moral von der Geschicht: Klau besser keine Sachen nicht, denn sonst kann es wirklich sein, du landest bald in Stadelheim. Die Freundschaft lieber alter Leute ist besser noch als jede Beute.

















Sonntag, 9. Februar 2025

Der Mann der sich auskannte


Die Leute fanden immer, ich sei komisch. Daher war ich meist alleine. Da wird man dann halt seltsam. Sowas bedingt sich oft gegenseitig.

Wenn es mir gutging und das Wetter danach war, fuhr ich manchmal in eine andere Stadt, seit ich in München wohnte beispielsweise nach Kufstein rüber, und stieg dort ein bissl auf einen Berg. Aber nur ein klein wenig. Keine steilen Wege, nur hoch zu den Seen und dann auf der anderen Seite wieder runter nach Deutschland. Ist eine nette Runde und man hat was von der guten Luft.

Am liebsten fuhr ich unter der Woche, da hat es weniger ungezogene Kinder bzw. Erwachsene ohne Anstand im Zug. Aufgrund meiner Lärmempfindlichkeit ist das Fahren in den Öffis ein großes Problem für mich, über das ich aber mit niemandem sprechen kann, da mich die anderen sofort zurechtweisen. Ich solle mich nicht so anstellen. Man könne das doch ausblenden. Ja, man schon. Ich nicht.
Da helfen oft auch keine Kopfhörer mehr, die ich selbstverständlich immer dabei hatte. Aber ich wollte halt mein Leben nicht nur in der Wohnung und auf Friedhöfen verbringen. Daher freute ich mich immer sehr, wenn sich die Gelegenheit zu einem kleinen Ausflug ergab.

Am See saß ich gerne auf einer Bank, genoß die Ruhe und las - oder schaute einfach gradaus in die Natur. Dabei hatte ich normalerweise die Bank für mich. Bis zu diesem schicksalhaften Tag im Mai vorigen Jahres.

Da nämlich kam auf einmal ein Mann mit Hut und fragte höflich, ob er sich neben mich setzen dürfe. 
Najo na eh, es ist ja keine Privatbank.
'Hoffentlich geht er bald wieder', dachte ich und steckte meine Nase ins mitgebrachte Buch.
''Was lesen Sie denn da Schönes?'', fragte der Mann neugierig.
Ich hielt ihm schweigend den Buchdeckel unter die Nase und dachte 'Aha, der is ned von do.' Die Tiroler sagen niemals 'Sie' wenn sie dich anreden. Auch wenn du ihnen fremd bist. Da wird immer geduzt und ich find das toll.

Umständlich zog der Mann eine Brille aus der Hemdtasche und setzte sie auf.
''Aha, das ist ja englisch. Können Sie auf Englisch lesen?''
''Naa eh ned, ich tu nur so im Fall daß jemand vorbeikommt, des schaut dann so g'scheit aus.''
Der Mann schmunzelte amüsiert.
''1:0 für Sie. Das war wirklich eine dumme Frage. Aber wissen Sie, ich spreche normalerweise keine Frauen an und bin daher etwas aus der Übung. Wie man sicherlich hört bin ich auf Urlaub hier.''
''Aha, und jetzt suchen Sie eine Urlaubsbekanntschaft?''

Wieder schmunzelte der Mann, wobei seine Augen blitzten und seine Mundwinkel auf eine absolut unnachahmliche Weise zuckten.
''Sind Sie immer so direkt?''
''Ja schon. Das Leben ist viel einfacher wenn man gleich auf den Punkt kommt. Hätten Sie noch eine Frage oder kann ich jetzt weiterlesen?''

Nun war es offenbar vollends um den armen Mann geschehen. Er brach in lautes Gelächter aus, klopfte sich auf die Schenkel wie es die Einheimischen beim Schuhplattler nicht besser gekonnt hätten, und wischte sich anschließend die Tränen aus den Augen.
''Sie sind 'ne Marke,'' berlinerte er grinsend. ''Wissen Sie, daß ich seit dem Tod meiner Frau nicht mehr so gelacht habe? Ich find Sie Klasse.''
''Oh, mein Beileid.'' Das war ja wieder mal typisch ich. Gleich wieder ins Fettnäpfchen latschen wenn ich einmal versuchte, mir etwas Freiraum zu schaffen.
Erneut lachte er schallend.
''Ich erkläre Ihnen, daß ich Sie Klasse finde und Sie beteuern mir Ihr Beileid, das ist köstlich, absolut köstlich!''
''Nein lassen Sie, ich verstehe schon,'' fuhr er fort, als ich zu einer hastigen Entgegnung ansetzte, ''Sie meinten natürlich weil ich den Tod meiner Frau erwähnt hatte. Nun, sie war lange krank gewesen, es kam nicht allzu überraschend. Und es ist nun auch schon drei Jahre her. Man gewöhnt sich. Wie Sie sehen, kann ich mittlerweile meine Schuhe alleine binden und sogar in den Urlaub fahren ohne in der falschen Stadt zu landen.
Aber sagen Sie: Kennen Sie sich in der Gegend aus? Ich bin das erste Mal hier und finde mich auf den Wanderwegen nicht wirklich gut zurecht. Außerdem macht es zu zweit viel mehr Spaß. Das Wandern! Schauen Sie nicht so streng, ich meinte das Wandern!''

Nun war es an mir zu grinsen. Der Mann hatte Humor, hatte eine wunderschöne Nase und er wollte nur Wandern. Aber leider war ich ja ebenfalls nicht aus Kufstein. Was ich ihm auch erklärte. Alle paar Monate einmal einen Tagesausflug an die Seen zu unternehmen, machte noch lange keinen Ortskundigen. Auch wenn ich wußte wo der Billa war, daß es den Friseur Klipp nicht mehr gab und daß man im Brillengeschäft chronisch unfreundlich war zu den Kunden. Dafür im Bipa gegenüber umso netter. Kein Wunder bei den Preisen.

''Wie sind Sie ausgerechnet auf Kufstein gekommen?'', fragt ich neugierig. ''In Innsbruck und Umgebung ist es doch viel hübscher als hier. Kufstein ist eine ausgesprochen scheußliche Stadt und ich fahr auch nur deswegen manchmal her, weil es halt von München aus praktisch um die Ecke ist.''

Er erzählte, daß ein Bekannter von ihm sich als Reisevermittler selbständig gemacht und ihm einen 'Superdeal' herausgesucht hatte. Leider sei das Hotel um den Preis den er bezahlen mußte jetzt nicht so wirklich toll und außerdem an einer sehr lauten Straße gelegen. Er holte einen zerknitterten Prospekt aus seinem Rucksack und beim Anblick des Portraits auf der ersten Seite holte ich tief Luft. Ich kannte den Mann. Ich hatte ihn vor einigen Jahren im Internet kennengelernt. Immer wieder hatte er mich angeschrieben, sich mit mir getroffen und war hinterher wieder abgetaucht. So ein Wappler. Und jetzt verarschte er die Leute. Grandios.

''Müssen Sie da jetzt die ganze Woche bleiben oder können Sie auch kündigen?'' fragte ich besorgt. ''Eigentlich ist es ein Paket, das bedeutet ja, ich habe bezahlt und muß da auch bleiben.'' ''Warten Sie mal eben, ich geh kurz telefonieren, bin gleich zurück!''

Zwei Bänke weiter holte ich mein Mobiltelefon heraus und rief eine mir wohlbekannte Nummer an. Er ging auch gleich ran. ''Hör mal Giordano, das find ich echt nicht ok!'' legte ich los. Der Gute war so verdutzt, daß er ins Stottern kam. ''Wie ... was ... wen hab ich verarscht? Wovon sprichst du?''
Nun fiel mir siedendheiß ein, daß ich weder den Namen des Mannes mit Hut kannte noch den des Hotels. Was war ich für ein Trottel. Mein Chef hatte wohl doch recht, mich konnte man zu nix gebrauchen.

Hastig lief ich wieder zurück zu 'unserer Bank' und rief: ''Wie hoascht denn du?''
Begleitet vom mittlerweile wohlbekannten Schmunzeln kam die Antwort und ich bellte erneut in den Hörer: ''Ja der Kurti halt. Der Kurt, aus Berlin oder so. Was hast dem denn für ein g'schissns Hotel angedreht, hm?''
Giordano wand sich eine Weile, stimmte dann aber zu, den Vertrag zu stornieren, der Kurti könne also noch heute ausziehen. Wenn er wolle. Na und ob der wollen würde!
Freundlich bedankte ich mich und marschierte zurück.

''So und jetzt kannst dir was Schönes in Innsbruck suchen, da ist es viel netter als hier. Soll ich dir was empfehlen?''
Kurt war begeistert. Wie ich das gemacht hätte, wollte er wissen.
''Ja mei'', antwortete ich. Das geht immer, wenn man sich nicht weiter über etwas auslassen möchte. Einfach 'Ja mei' sagen, das paßt dann schon.

Eigentlich, so überlegte Kurti vor sich hin, wolle er nicht unbedingt in Tirol bleiben, eigentlich würde ihn München viel mehr interessieren. Ob ich ihm da auch etwas empfehlen könnte? Konnte ich natürlich. Ein wunderschönes kleines Hotel in Dachau, total ruhig gelegen und doch bestens an den öffentlichen Nahverkehr angebunden.

Es versteht sich von selbst, daß wir den Spaziergang gemeinsam fortsetzten. Anschließend gingen wir zu seinem Hotel, wo er seine Sachen zusammenpackte und gleich mit mir nach München fuhr, wo ich ihn in den Bus nach Dachau setzte nachdem ich ihm den Weg zum Hotel genau beschrieben hatte.

An eine Partnerschaft hatte ich niemals mehr zu denken gewagt. Natürlich lernte ich immer wieder einmal Männer kennen, aber noch bevor ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden konnte, hatte sich die Sache schon wieder erledigt. Meist waren sie verheiratet und suchten ein kleines Abenteuer auf der Seite. Aber ned mit mir. Ich war kein Kleenex in das man quasi im Vorbeigehen hineinrotzt und es dann achtlos wegwirft.

Daher war ich nicht darauf gefaßt gewesen, daß Kurti mich bereits am nächsten Tag anrufen würde (ja, wir hatten die Nummern ausgetauscht, für alle Fälle, man wußte ja nie ...) um zu fragen, ob ich ihm vielleicht meine Lieblingsorte in Dachau zeigen wolle?
War der so unselbständig oder wollte er sich noch ein paarmal über mich totlachen?
Aber gut, dachte ich, ich bin ja nicht so. Ich hatte eh noch ein paar Tage frei und so spielte ich gerne den unermüdlichen Fremdenführer für den Mann aus dem hohen Norden. Schließlich hat Dachau noch viel mehr zu bieten als die KZ-Gedenkstätte, wegen der die Touristen von nah und fern angereist kommen.

Ja, was soll ich sagen. Nächste Woche sind wir bereits seit einem Dreivierteljahr ein Paar. Er kennt mittlerweile sämtliche Friedhöfe in der näheren Umgebung, kann geschmeidig auf bayerisch fluchen und es macht mir nicht einmal mehr etwas aus, jedes Mal mein Bett frisch zu beziehen wenn er nach München kommt. Was er beruflich nun ziemlich oft tut.
Neulich hab ich ihn sogar dabei überrascht, wie er den Immobilienteil der Zeitung studiert hat. Immer gleich so stürmisch, die Piefke. 

Ab und an fahren wir nach Kufstein, steigen hinauf zu unserer Bank, auf der alles angefangen hat, und schauen gemeinsam über den See. Gerne stoßen wir dabei mit einem Schlumberger Piccolo an. Auf den Giordano und sein komisches Reiseunternehmen. Auf Frauen, die gerne ohne Unterwäsche durch die Botanik spazieren. Und auf Männer, die das mit einem unwiderstehlichen Grinsen zur Kenntnis nehmen. Liebe ist einfach etwas Wunderschönes!








Mittwoch, 22. Januar 2025

Es ist Zeit


Manchmal bin ich einfach zu gutmütig. Immer wieder hatte ich sie vor der herannahenden Katastrophe gewarnt. Hatte sie eingeladen, mit mir zum Dorfladen zu gehen und mir zu helfen, die Einkäufe den Berg hinaufzutragen. Hatte sie in meine Pläne eingeweiht und ihr gar meine Höhle gezeigt in die ich übersiedeln wollte wenn es soweit war. 

Nun war es soweit. Und sie stand da. Verschwitzt vom langen Aufstieg, bleich und hohläugig. 
Nun sollte ich meine knappen Vorräte mit ihr teilen.
Nun wollte ich aber nicht mehr. Sie hatte ihre Chance gehabt.

Verstohlen sah ich mich um bevor ich die Tote mit einem Tritt den Abhang hinunterbeförderte. Hatte sich halt jemand verlaufen, war gestürzt und dumm gefallen. Pech gehabt. Bei dem was momentan unten los war, würde es Monate, wenn nicht Jahre, dauern bis man die Leiche fände. 

Für viele Menschen war ein Leben ohne Telefon undenkbar. Diese würden als erstes sterben. Der Rest würde noch versuchen, in den kalten Wohnungen zu überleben. Irgendwie. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Einkaufsmöglichkeiten. Man würde experimentieren, verzweifelt probieren, sich noch ein paar Wochen irgendwie durchzuschlagen. Die Scheiße aus dem Fenster kippen wie früher im Mittelalter. Dann würden die Ratten kommen, die Seuchen, von parotitis epidemica (Ziegenpeter) bis zur Ruhr und dem Typhus, und niemand wäre mehr da, der auf Knopfdruck zur Hilfe eilen könnte. Jeder war sich mittlerweile selbst der Nächste, selbst der Pfarrer war sicherlich längst geflohen, solange noch Züge fuhren.

Mich wunderte es tatsächlich, daß nicht mehr Menschen auf die Idee gekommen waren, sich hier oben eine Notunterkunft einzurichten. Es gab einen kleinen Bach, somit immer frisches Wasser, im Wald lebten jede Menge Tiere die man bei Bedarf jagen konnte. Wenn man wußte wie es geht und einen die Förster nicht erwischten ... doch auch diese hatten aktuell sicherlich anderes zu tun als hinter einem einsamen Wilderer herzuspionieren.

Mir war kalt. Vielleicht hätte ich sie nicht gleich umbringen sollen. Eine Weile bei Laune halten, angekettet natürlich damit sie mir nicht alles wegfraß solange ich unterwegs war, und wenn es eng wurde mit den Essensvorräten ... 
Ich hatte mal ein Buch gelesen, in dem im Detail beschrieben wurde, wie eine Gruppe von Menschen einen Flugzeugabsturz im Urwald überlebte.
Gibt's halt keine Kochrezepte im Internet, aber Internet hatte sich eh erledigt, von daher: Wurscht.

Eigentlich ziemlich kurzsichtig von den Verantwortlichen. Auf der einen Seite darauf hinarbeiten, daß mehr und mehr alltägliche Funktionen von KI übernommen wurden, auf der anderen Seite aber nicht daran denken, daß diese KI-Vorrichtungen auch ziemlich viel Energie verbrauchten und unsere Stromversorgung dies auch packen können mußte. Während die Leute noch an die Geschichten vom Klimaschutz glaubten und lauthals nach Energiewende schrien, schwächelte das Stromnetz bereits gewaltig. Da halfen drei Windräder mehr oder weniger auch nicht mehr dazu.

Immer wieder kam es zu Ausfällen in einzelnen Gebieten. In der Stadt waren die Polizisten zum großen Teil damit beschäftigt, den Verkehr zu regeln, weil die Ampeln ausgefallen waren, so daß die Ausgestoßenen der Gesellschaft in aller Ruhe die Geschäfte ausräumen und sich mit der Beute davonmachen konnten. Es war zwischendrin schon ein bissl eine Endzeitstimmung gewesen, aber nachdem die Ausfälle nie lange dauerten, nahm sie kaum jemand besonders ernst.

Meinereiner hatte sich jedenfalls Gedanken gemacht und begonnen, sich mit Nützlichem einzudecken. Feuerstahl und so. Man wußte ja nie.

Sinnend saß ich vor meiner Höhle und blickte ins Tal hinab. Viel war nicht zu sehen. Es hatte geregnet und die meisten Dorfbewohner saßen wohl in ihren Häusern. Ohne Heizung trocknet es sich nur schwer, da will man nicht naß werden.

Auf einmal kam die Sonne hinter den Wolken hervor und es bildete sich ein perfekter, formschöner Regenbogen über dem gegenüberliegenden Bergmassiv. Ich stand auf und glotzte hinüber wie ein Depp. Wie konnte es in dieser kaputten, von Angst und Gewalt beherrschten Welt noch so etwas Schönes geben? Was wollten mir die Götter damit sagen?
War ich doch noch nicht völlig vom Guten abgeschnitten? 
Weinend sank ich auf die Knie und betete um meine Seele.
Die Hoffnung hatte mich wieder in ihrem grausamen Griff.

Mit einem Ruck erwachte ich. Mein Kopfkissen war naß vor Tränen und die Vollmöndin beleuchtete mein Schlafzimmer. 
Alles war noch da. 
Ich hatte geträumt.
Draußen liefen Betrunkene auf dem Heimweg vom Dorfkrug am Gartenzaun vorbei, ihr Gegröhle hatte mich wohl geweckt.

Statt zu schimpfen wie ich es sonst wohl getan hätte, fühlte ich Dankbarkeit in mir aufsteigen. Für das Aufwecken, aber auch für den Traum.
Meine Oma hatte immer gesagt, erst wenn man etwas verloren hat, weiß man es so richtig zu schätzen. Wie recht sie doch gehabt hatte. Gleich morgen würde ich um ein Ehrenamt im Seniorenstift anfragen. Es war Zeit. Zeit für gelebtes Miteinander. Zeit für eine wunderschöne, neue Welt.