Samstag, 15. Februar 2020

Anton stellt sich vor - Zukunftsgarten 1

Wenigstens haben sie mir das Dope gelassen. Solang ich mich tagsüber nicht einrauch, nur am Abend, zum Einschlafen, haben sie gesagt. Scheiß-Vorschriften immer, aber ich bin ja froh, daß ich hier im Zukunftsgarten untertauchen kann. Einen Namen hab ich auch bekommen: Xampi. Das kommt von 'bad example', und als solches lauf ich tagsüber umeinander, gehe dorthin, wohin ich gerufen werde.  

Die Kinder hier haben ja auch Schule. Bissl jedenfalls. Nicht so wie bei uns damals, von acht bis 13 Uhr, die Fächer ordentlich getrennt voneinander und alles todlangweilig. Nein, es geht richtig lebendig zu! Sie lernen Bogenschießen, Feuer machen, Trommelzeichen geben, lauter nützliche Sachen, ja und zwischendrin auch sowas wie Sozialkunde - und ich bin dann immer das wandelnde schlechte Vorbild. Der Mann, der alles falsch gemacht hat und somit nur Ärger hatte im Leben, obwohl er im Grunde kein schlechter Kerl ist. 

Eigentlich heiß ich Anton, und ich bin hier weil ich draußen nicht mehr zurechtgekommen bin. Alle mit ihrem blöden Internet, ich will kein Internet! Und ich will auch nicht mehr vom Amt sekkiert werden und ich will auch nicht ständig Männchen machen bei der Mama von Miranda wenn sie wieder einmal tagsüber unangemeldet in der Wohnung steht weil sie den Schlüssel hat, und überhaupts. I mog ned! 

Ich bin Bayer. Miranda sagt, ich bin ein sturer Esel.

Einmal als wir gemeinsam im Urlaub waren, hab ich mir ein Herz gefaßt und ihr erzählt, wie satt ich es habe, den ganzen Tag Männchen machen zu müssen. Sie hat mich nicht ernst genommen, hat gelacht und gesagt: Ah geh, du machst den ganzen Tag Männchen und ich krieg keins?

Bei Miranda hab ich zuletzt gewohnt, sie hat mich aber nun schon zweimal rausgeworfen wegen dem Wodka und außerdem ist der Metzger von gegenüber hinter mir her. Miranda meinte immer, ich solle doch ein Buch schreiben, ich müsse ja nicht zur Arbeit gehen mit dem kaputten Kreuz aber damit ich halt was zu tun hätte außer Saufen und deppert ins Narrenkastl schaun, und was ich alles erlebt hätt, da könnt ich doch ganze Bände schreiben!

Stimmt, das könnte ich, aber danach wäre nicht nur der Metzger hinter mir her sondern noch ganz andere Leute, und die sind brandgefährlich. Ich trau denen zu, daß sie mich sogar hier finden würden. Wenn nicht gar schon ein Spitzel unter uns ist. Weiß man's? Mit den meisten Leuten bin ich noch nicht so recht warm geworden, man sagt ich schau immer so finster. Ja mei, so is mein Gesicht halt mal. 

Den Charlie find ich cool, den hätte ich gerne zum Freund, aber der guckt halt auch niemanden an, genau wie ich. Mit Waffen kenn ich mich super aus, damals beim Bund wollten sie mich unbedingt behalten weil ich ein Gewehr schneller zusammenbauen konnte als der Kommandant, aber ich fand dort alles so bescheuert. Die Feldjäger hatten mich mit Gewalt hingeschleppt und ich hab's einfach ned blickt. Bis ich fertig war in der Früh, waren alle anderen schon weg, ich bin blöd am Hof unten gestanden und hab meine Kompanie nicht gefunden. Bin halt dann irgendwo mitexerziert bis mich einer angebrüllt hat wo ich eigentlich hinwill.

Nach Indien, hab ich dem Psychiater dann erzählt. Nach Indien will ich. Unbedingt. Der hat mir ziemlich rasch eine Untauglichkeit bescheinigt und man hat mich unehrenhaft entlassen. In den Knast hab ich dennoch müssen, wegen Verweigerung oder so. Ein halbes Jahr.

Sonst hab ich nix gelernt, also Beruf oder so, außer Dealer und Einbrecher, und das sind keine Berufe, wie mir die Richter immer wieder erklärt haben. Dabei brauchst da ein Supergedächtnis weil du ja nix aufschreiben darfst. Also wann du wem wieviel und so. Weißt ja nie wann du Besuch von den netten Herren bekommst und da wär so eine Buchführung verdammt blöd, wenn sie in falsche Hände kommt. 

Mein älterer Bruder, der Sigi, hat mich als Buben schon immer mitgenommen zu den Amis, ich glaub der hat mir das Zeug in die Jacke gesteckt, ich hatte ja keine Ahnung, und wußte natürlich damals auch nicht, warum die so gegrinst und mich Sputnik genannt haben. Die Weiber von denen haben viel Quatsch mit mir angestellt, mich geschminkt und so, bis ich heulend nach Hause gerannt bin und meine Mutter nur seufzte: 'Mei Bua, wia schaugst denn wieder aus.' Dann ist sie in der Küche eingeschlafen, mitten unter'm Geschirrspülen. Der Arzt hat ihr immer Morphiumzäpfchen verschrieben, das gab es damals noch. Sigi hat ihr die natürlich geklaut wo er konnte, der Arsch. 

Und was das Einbrechen betrifft, also das kann auch nicht jeder! Hatte einen guten Lehrer, den verrückten Zagreb. Ich wär eine Bereicherung, hat er gesagt, weil ich so dünn bin und durch das kleinste Kellerfenster gepaßt hab. Soletti hat Miranda mich immer genannt. Aber wie sie dann, zerstreut wie sie ist, die Türe zugehauen hat obwohl der Schlüssel noch innen gesteckt ist, war sie auch froh, daß ich das ziemlich schnell hinbekommen habe und wir unseren Zug doch noch erwischt haben.

Naja, und jetzt bin ich halt hier das schlechte Vorbild, weil jeder irgendwas Nützliches tun muß. Einfach nur abhängen und blöd schaun geht nicht. Am Bauernhof würd ich gern mitarbeiten, ich hab Tiere so gern, viel lieber als die Menschen, aber am Bauernhof sind schon soviele. Marie hat auf meine vorsichtig vorgetragene Bitte nur fein gelächelt und gemeint, ich müsse noch ein bissl Geduld haben, den meisten würde mit der Zeit aufgehen, daß die Arbeit dort kein Zuckerlecken sei, sie würden nach und nach die Lust verlieren und um Versetzung ansuchen. Dann dürfte ich ran. Ich freu mich schon! In der Zwischenzeit bin ich eh oft dort und besuche die Kühe im Stall, die Pferde auf der Weide und die lieben kleinen Kaninchen. Sogar die Hühner kann ich bereits voneinander unterscheiden.

So, und jetzt bau ich mir einen und leg mich dann schlafen. Bissl lesen vielleicht noch, die Bibliothek hier ist prima, noch besser als damals in Kaisheim. Bin zufrieden. Ich glaub das erste Mal in meinem Leben bin ich wirklich zufrieden. Hab mein eigenes kleines Häuschen, niemand jagt mich oder zerrt ständig an mir, das ist so schön.

Donnerstag, 13. Februar 2020

Wienerbergblues

Jetzt hocke ich da, Sonntagmorgen am Ufer des Wienerbergsees, mir brennt der Fuß weil ich Trottel barfuß in einen Kronkorken getreten bin. Daß die so scharf sein können ... aber dieser Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem, der glühend heiß in meiner Seele wütet, tobt, lodert und mich von innen her verbrennt. Ins Wasser möcht ich mich stürzen und nie mehr wieder auftauchen! Wie soll ich so weiterleben? Wie kann ich mich ab jetzt wieder mit dem ruhigen, langweiligen Leben zufriedengeben, das ich bis vorgestern geführt hatte?

Notgedrungen. Schließlich bin ich krank und soll mich nicht aufregen.

Aber dann hab ich ihn getroffen und ab da war alles anders.

Es hat ganz harmlos angefangen, wie das eigentlich immer so ist bei wirklich großen Ereignissen. Lange Schatten vielleicht, ja, aber dann: Bamm! Mein alter Freund Petzi kam auf seinem klapprigen Fahrrad in den Gastgarten geeiert in dem wir verabredet waren, lachte sein dröhnendes Lachen und rief: ‘Stöh da vua mir is de E-Seitn g’rissn, so a Schas und heute auf’d Nocht da Auftritt ...’

Also Pilgerreise durch versteckte Gassen Wiens, Fachsimpeln im winzigen Laden, notdürftig erleuchtet von einer funzligen Lampe die alle Gesichter geheimnisvoll erscheinen läßt. Gitarre neu bestückt und auf ins Chelsea, obwohl ich normalerweise abends nicht mehr weggehe. Schon lange nicht mehr. Um acht hau ich mich in die Hapfn und versuche zu schlafen, was selten gelingt. Nur Schonkost und keine Aufregung, der Magen, die Nerven, aber nun war ich doch noch einmal in Wien, wollte einmal noch leben, einmal noch mich spüren, einmal noch mich verlieren ...

Und das hab ich so gründlich geschafft ... bin so unendlich verloren. Niemals mehr werd ich mich wiederfinden, meine Seele ist verglüht, eine Nacht nur und mein Leben ist vertan.

Dabei wollte ich lediglich das Konzert anhören wo ich schon einmal da war. Petzi, Lovro und Lollo im Chelsea. Die neue Band heißt ‘Die Klonkrieger’, blöder Name eigentlich, oder? Und mein Gott ja, es ist ungemütlich. Dieses lange Stehen, die vielen Leute, der Krach umadum, also Freude ist das keine aber was tut man nicht alles ... und dann er. Dieser Blick, ich bin sofort auf die Knie gegangen. Also innerlich, der Boden im Chelsea ist selten sauber und überhaupt, vor allen Leuten und so, aber da war ich schon drin im Sog dieser Augen, und es war für alles zu spät.

Von der Musik hab ich nichts mehr mitbekommen, wir sind dann auch raus, weg vom Trubel, trunken voneinander, Küsse wie im Rausch, dabei hatte ich kein einziges Bier intus, trinken darf ich ja auch nichts mehr - was aber insgesamt egal ist denn so ein Gefühl wie dieser Mann es in mir entfachte, das war mit keiner Droge der Welt zu erreichen. So süchtig, schon nach einem Blick dir verfallen, alles egal, in der U-Bahn deine Hand an meinem Schritt, schamlose Gier, am Reumannplatz hinauf beim Amalienbad, das Rattern der Bim, die Ansage ‘Neilreichgasse’, so vertraut, ach, damals, wie war ich jung gewesen, einmal noch dieses Gefühl - dann wir beide, nachts am See, nur wir und die Gelsen, das dünne Sommergewand am Boden gehaut, gewälzt haben wir uns bis ins Gebüsch ... später am Wasser, schlammbaden, lachen und kreischen wie die Kinder, vor schierem Übermut, das Gefühl wenn dir das Herz birst vor Glück, ach Glück ... wie flüchtig bist du ... wie hoch kann man fliegen in einem Augenblick und wie tief danach fallen? So tief, bis auf der Hölle Grund und noch weiter, weiter hinab, unendlich weit.

Natürlich konnte es nicht auf Dauer so bleiben, das weiß ich auch. So schwer, das Herz, wer hilft mir Tragen? Das kann man von niemandem verlangen.

Ultramarinblau der See in der Morgendämmerung, hysterisches Gewieher vom anderen Ufer her, in der Nacht auf Sonntag ist man hier niemals allein in den lauen Sommernächten, und doch hab ich mich niemals einsamer gefühlt als heute, jetzt, in diesem Augenblick.

Ein Herzhäuschen hab ich gebaut, ein kleines Heim nur für unsre beiden, aber deins war schon vergeben. Nun zahle ich den Preis für diese eine Nacht. In meinem Schädel singt Wolfgang Ambros ‘Heite drah I mi ham’, im hohem Bogen fliegt der scharfrandige Kronkorken ins Wasser, meine Fassung hinterher, und ich weine bitterliche Tränen in den See hinein. Nebel umwabern das zitternde Schilf und mein armes Herz blutet eine weite Spur vom Niemalsmehr ins leere, weiße ewige Nichts.



Samstag, 1. Februar 2020

Zwei sehr kurze Texte, inspiriert von berühmten Romananfängen

Endlich hatte er das Fundbüro entdeckt. Es war alles andere als einfach gewesen, sich unauffällig durch diese ihm doch völlig fremde Stadt zu bewegen. Und dann die Zweifel. Ob er seinen Fund überhaupt abgeben sollte? Und wenn ja, dann wo? Oder doch einfach liegenlassen? Oder selber behalten? Zumindest einen Teil? Zumal der Besitzer sich aus offensichtlichen Gründen niemals würde melden können. Zumindest nicht beim Fundbüro. Energisch riß August R. die Türe auf und knallte dem verdutzten Beamten den Beutel mit dem Kokain auf den Tresen.

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Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben. Endlich. Der Arsch. Keine Ahnung, was sie jemals an ihm gefunden hat. Unserem Vater konnte er niemals das Wasser reichen. Nicht, daß der welches gewollt hätte, ihm war Bier eh lieber. Uns allen war Bier eh lieber. Aber wir haben's auch vertragen. Im Gegensatz zum Arsch, der nur mitgetrunken hat um sich bei uns anzubiedern und garnicht gemerkt hat, wie lächerlich wir ihn allein deswegen fanden.

Mir ist er jedenfalls tierisch auf den Sack gegangen und ich hab lang überlegt, wie wir ihn wieder loswerden könnten. Ohne daß einer von uns deswegen einfährt, versteht sich. Und nachdem unsere Schwester dann diesen Biologiestudenten angeschleppt hatte, war eigentlich alles ganz einfach gewesen. Seltene Pflanzen. Genial. Der Arsch hatte doch keine Ahnung, wie Bier zu schmecken hat. Alles hat er brav geschluckt. Das Leben kann so schön sein.


Samstag, 25. Januar 2020

Das Märchenhaus im Walde


Wer wie ich mit Märchenbüchern aufgewachsen ist, vermißt wohl zeit seines Lebens eine gewisse Ästhetik im realen Miteinander. Die Menschen kleiden sich langweilig und angepaßt an widersinnige Regeln, verschwenden kostbare Zeit mit Small Talk über das Fernsehprogramm oder ihr Abendessen, fahren mit stinkenden, knatternden Ungetümen umher statt genüßlich ausschreitend die Bewegung ihrer Muskeln zu genießen - und weit davon entfernt, sich in den wenigen verbliebenen Grünflächen achtsam zu verhalten, werfen sie überall ihr verschmiertes Plastik weg und reißen lachend den armen Bäumen die Äste ab.

Wenn das der Zeitgeist ist, dann will ich ihn lieber nicht kennenlernen, der wäre besser in seiner Flasche geblieben. Aber was will man machen; es wird behauptet, ich hätte mir dieses Leben ausgesucht. Offenbar ist es möglich, auch im Zwischenreich geistig umnachtet zu sein. 

So wanderte ich eines Tages, wieder einmal auf der Suche nach Ruhe und Behaglichkeit, forschen Schrittes durch den Lainzer Tiergarten, immer auf der Hut vor Wildschweinen und vor Familien mit schreienden Kindern. Wenn man die Hermesvilla mal hinter sich gelassen hat, verteilen sich die Massen im doch recht weitläufigen Gelände und es spaziert sich recht angenehm durch dieses ehemalige kaiserliche Jagdgebiet. Selbst die altmodischen Gesellen, die keinen Google dabei haben, können sich mit Hilfe der großzügig verteilten Taferln wunderbar orientieren, es besteht daher keine Gefahr, sich zu verlaufen, man kann unbesorgt seiner Nase nachmarschieren, irgendwo kommt man schon hin und am Ende auch jedes Mal wieder raus.

Wie immer war ich darauf bedacht, bald die bekannten Pfade zu verlassen und Wege zu gehen, die ich bisher noch nicht beschritten hatte. Fort von den Menschen, vom Lärm, vor allem von den Raststätten, in denen die Besucher sich besonders am Wochenende drängten, als wären in ganz Wien die Lebensmittel rationiert worden und nur noch hier könne man sich sattessen. Du meine Güte. Essen. Als ob es Essen wäre, was man dort bekommt. Jedes Mal wenn ich an der Hubertuswarte vorbeikomme, muß ich daran denken, wie Gusti dort oben nach einem Besuch in der nahegelegenen Wirtschaft Bauchgrummeln bekam, sich bald darauf panisch ins Gebüsch schlug und ich meinen mitgeführten Roman als Häuslpapier zur Verfügung stellen mußte obwohl ich ihn noch nicht einmal zur Hälfte gelesen hatte!

Hernach mußten wir sofort nach Hause und die Waschmaschine anschalten, weil er, aus Furcht vor den Wildschweinen, die Hose nicht rechtzeitig herunterbekommen hatte. Es ist manchmal nicht so einfach mit der Ernährung im Wald, aber eins ist wichtig: Alles was einem dort angeboten wird, ist grundsätzlich entweder nicht oder nur mit Vorsicht zu genießen. Egal ob es sich um Tollkirschen, Dachplatten aus Lebkuchen oder hübsch dekorierten Hirschbraten handelt.

Anders als in der Lobau, wo man, zumindest am Anfang, durchaus noch auf menschliche Behausungen stößt, auch auf Äcker die von der MA 49 betrieben werden, wohnt im Lainzer Tiergarten normalerweise kein Mensch, schließlich handelt es sich um ein Naturschutzgebiet, auch die Hermesvilla ist lediglich zur Besichtigung vorgesehen, seit unser aller Sisi dort notgedrungen ausziehen und in die Kaisergruft wechseln mußte.

Umso erstaunter war ich, als ich nach etwa einer guten Stunde des Marschierens auf einer Waldlichtung ein wunderhübsches kleines Häuschen entdeckte. Mit Türmchen und Erkerchen, genau wie ich es mag, aber nicht aus Beton oder so, sondern nach Art der Tiroler Häuser hauptsächlich aus Holz errichtet. Wow. Man soll ja die Wege nicht verlassen steht überall geschrieben, aber geschrieben steht viel und es kümmert sich keiner drum, also wagte ich mich nach kurzem Blick über die Schulter (ob auch wirklich keiner guckt) mit gezücktem Fotoapparat langsam näher ... was für ein Motiv!!!

'Heda', erscholl es plötzlich aus einem geöffneten Fenster im Erdgeschoß, und ich zuckte erschrocken zusammen. Mußten die auch ausgerechnet jetzt zuhause sein? Am Samstagvormittag, wo sich jeder normale Mensch in Vösendorf oder Lugner City herumtreibt? 

Rasch drehte ich mich um und wollte mich auf den Weg zurückflüchten, aber zu spät. Schon schlug krachend die Haustüre auf und eine massive Gestalt bewegte sich sagenhaft schnell auf mich zu, packte mich beim Arm und sprach:
'Etzatle, wartet Se doch amol, wo wellet Se denn so hurtig wieder naa? Se send doch grad erscht komma, wellet Se ned gschwind a Täßle Tee mit ons trinka?'

Fasziniert blickte ich auf den rabenschwarzen Brustpelz, der dem Riesen in berückender Lockenfülle aus dem Ausschnitt quoll (das mußte doch tierisch jucken bei der Hitze), und schwäbelte gekonnt zurück: 
'Ha noi ... dank recht schön, aber I hans a bissle eilig, die Kährwoch warded ...' und wollte mich verdrücken.

Leider hatte der Riese noch immer seine Pranke um meinen Oberarm geschlossen, so daß ich mein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen konnte. Langsam wurde mir mulmig. Wer war dieser Mann, wer war 'uns' und woher sollte ich wissen, womit die da drinnen ihren Tee aufbrühen? Bilsenkraut? Stechapfel? Ich mein, welcher normale Mensch wohnt mitten im Wald? Da liefert kein Billa, da muß man selber schauen was so rundherum wächst.

'Kommet Se, kommet Se, Sie wellet des Häusle doch sicher au von inna ahgucka, han I recht? Sie send ja eune vo uns, I han des glei gsäha!'

Man soll in Krisensituationen ja niemals Angst zeigen, hatte ich mal gelesen, also schluckte ich trocken und folgte, nolens volens, der an sich durchaus attraktiven Gestalt ins Innere des Hauses. Ich gebe zu, ich WAR neugierig. Und in meinem Alter begegnete ich leider nur noch sehr selten attraktiven Männern, die Wert auf meine Gegenwart legten. Doch kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle des Vorzimmers gesetzt, prallte ich entsetzt zurück. Offenbar war ich hier direkt in die Vorbereitungen zu einer Orgie geplatzt. Überall im Raum waren massive Kerzenhalter mit schwarzen Kerzen um rote Sofas herum aufgestellt, am Boden lagen blaue und türkisfarbene Teppiche und im Saal dahinter, in den man durch die offene Türe hineinblicken konnte, wieselte ein winziges, dünnes Männchen mit Handfeger und Kehrblech umeinander und sang etwas vor sich hin das klang wie 'Besenrein, besenrein, bis Samstag muß es sauber sein.' 

Was war hier los? Ein geheimer Kult, der sich Samstagabend zur triebhaften Geselligkeit zusammenfand und denen jetzt grad noch eine Frau fehlte? Vielleicht sogar eine Snuff-Party? Niemand würde meine letzten Schreie hören! Also SO wollte ich eigentlich auch nicht aus dem Leben scheiden, und vor allem nicht so FRÜH, und nicht ausgerechnet JETZT, wo ich endlich die Frührente durch hatte, meine Großstadtwohnung verkaufen und mir ein Häuschen im Grünen suchen konnte! Außerdem wollte ich noch Schriftstellerin werden, ein paar Bilder malen und Testament hatte ich auch noch keins gemacht! 

'Denkat Se si nix', beruhigte mein ominöser Begleiter, 'des isch dr Karle, der isch ned grad a Käpsele abr a liabr Bua. Kommet se weidr, oba send no mähr Zimmr.'

Eine eisige Hand schloß sich um meine Brust. Sollte dies tatsächlich mein letzter Tag auf Erden sein? Hatte ich so sehr gefrevelt, als ich mich über meine einstige Absicht, hier auf Erden länger verweilen zu wollen, lustig gemacht hatte, daß man mich nun zurückrief damit ich mir von höchster Stelle einen Rüffel über Respekt gegenüber der Göttlichkeit und so weiter abholte? Wie würde ich zu Tode kommen? Würde es sehr weh tun und wie lange würde es dauern? Vor lauter Angst bemerkte ich nur noch am Rande, wie geschmackvoll die Zimmer eingerichtet waren, wie herrlich ruhig es überall war (bis auf die hier oben noch dumpf vernehmbaren Gesänge von Karl) und wie angenehm mein Kerkermeister duftete. Eigentlich genau die Art von Haus die ich mir ausgesucht hätte, wenn ich noch hätte weiterleben dürfen, wenn man mich ...

'Ond, was saget Se?', riß mich mein Quälgeist aus meinen sich überschlagenden Gedanken. 'Wia gfallt Ihne des Haus? Dia Leit kriagt ma hald ned so leicht do hanna här, I han mi eh gwundrat daß Sie no auftaucht send. Midda im Wald will keunr wohna, wo mr ned amol midn Auto fahra darf ond si a Pfärdekutsche halda muaß. Mir gangat au no ronder mit'm Preis wenn des a Brobläm wär ... dr Besitzer hod gsait es isch langsam egal, Hauptsach es kauft amol endlich eunr den alda Schuppa ...'


















Sonntag, 12. Januar 2020

Der Ausweg


Erschöpft ließ ich mich neben meinem Lieblingsstein im Japanischen Garten des Wittelsbacher Parks ins Gras sinken. Sonst saß ich auch sehr gerne rittlings drauf, die tröstliche Ausstrahlung dieses Kraftortes genießend, aber das ging sich heute kräftemäßig nicht mehr aus. Es war eine lange Nacht gewesen. Obendrein war ein Riemen meines zugegebenermaßen billigen Rucksacks gerissen und ich hatte ihn von der Altstadt bis hierher in der Hand getragen, die andere Hand hielt die letzte Flasche Bier von der Tanke fest umklammert, the one for the road, sozusagen.

Auf der ‘Straße’ fühlte ich mich sicher. Ganz im Gegensatz zu meiner Wohnung. In die ich nun aber bald zurückkehren mußte. Es war nicht mehr lange hin zum Sonnenaufgang, ich war müde, wollte in mein Bett, wollte schlafen, wollte endlich heim. Aber allein beim Gedanken daran, was mich dort wohl erwartete, wurde mir übel. Und das lag sicher nicht am Bier. In meiner Wohnung befand ich nämlich ein Mann.

Das ist jetzt für die meisten Menschen sicher kein Grund zur Besorgnis oder gar Angst, aber es handelte sich hierbei um einen Vertreter des männlichen Geschlechts, der sich offenbar den Rest seines sowieso schon nicht sonderlich üppig ausgestalteten Gehirns so gründlich mit Drogen und Alkohol zerschmurgelt hatte, daß nur noch die Grundfunktionen des Stammhirns übrig geblieben waren.

Das kommt davon, dachte ich mit später Reue, wenn man sich immer wieder Kneipenbekanntschaften nach Hause einlädt nur weil die Kneipe schließt und es ‘eh grad so lustig’ war. Im Verlauf stellt sich dann immer wieder heraus, daß die Jungs keine eigene Wohnung haben, ich bin gutmütig und lasse sie bleiben, und sie bleiben. Und bleiben. Und bleiben. Bis ihre Präsenz jeden Winkel der bislang so behaglichen Bude ausfüllt und ich mich entweder in einem mir verbliebenen Eck kleinmachen muß, jedes laute Geräusch vermeidend, das den Herrn stören könnte, oder aber mein Heil in der Flucht suche. So wie heute Nacht. Einfach mal raus, weg von der erdrückenden Atmosphäre, in der dieser Mann seit Monaten jeden Augenblick, den ich in meiner Wohnung verbringe, zur Folter werden läßt.

Seine Kommunikationsunfähigkeit war derart ausgeprägt, daß er es tatsächlich geschafft hatte, sich während der drei Jahre, die wir uns nun kannten, mit nur wenigen, sich immer wieder wiederholenden, oft nicht einmal kompletten, Sätzen durchzuschlagen. Mir war es nicht weiter aufgefallen, denn wenn sonst alles paßt … muß man ja nicht viel reden. Anfangs war alles gut gewesen in unserem Elfenbeinturm. Wir tranken unser Bier, das ich von meinem Gehalt in genügendem Umfang bereitstellen konnte, nach Feierabend meinte er fragend: ‘Dresdn?’ und meinte damit: 'Würdest du die Freundlichkeit besitzen, uns einen Joint zu drehen?’ Hinterher begaben wir uns wortlos ins Bett, dort muß man auch nicht viel reden, abgesehen davon, daß eine Dame eh nicht mit vollem Munde spricht.

Dieser paradiesische Zustand hatte sich sich inzwischen leider in sein Gegenteil verwandelt, es war die Hölle. Gepudert hatten wir schon lange nicht mehr, und ich dachte immer öfter daran, wie ich jubilieren würde, wenn ich die Wohnung endlich wieder für mich hätte, und wie ich GANZ SICHER niemanden mehr hineinlassen würde. Niemals mehr. Not ever again!

Natürlich hatte ich ihn gebeten, sich endlich etwas Eigenes zu suchen, notfalls im Rabenbad bei den anderen. Mehrmals. Aber irgendwie war diese Bitte nicht in seinem Resthirn angekommen sondern wurde unterwegs von sich dort befindlichen Erinnerungen gestoppt und in eine ihn überwältigende Bedrohung verwandelt. Was das Zusammenleben nicht erleichterte und mir zwei farbenprächtige Blinker bescherte - und ich hatte nicht einmal eine Sonnenbrille. Blöd.

Daß andere Menschen keinen gesteigerten Wert auf Rechtschreibung legen, war mir durchaus bekannt. Nur, wenn ich dann Zettel vorfand auf dem Dinge standen wie: ‘... wo die Foze mich verlies hap ich mir geschworn daß mach nich nomal ne alde mid mir …’, da wurde mir erneut bewußt, daß ich ein Problem hatte. Ein Riesenproblem. Ratschläge wie ‘Ja dann schmeißn halt naus!’ waren dabei wenig hilfreich.

Mich an den tröstlichen Gedanken klammernd, daß dieser unhaltbare Zustand nun bald ein Ende finden würde, stand ich auf und schleppte mich langsam in Richtung Heimat, die keine mehr war. Ich wußte was zu tun war, hatte mich ausführlich in den einschlägigen Kneipen beraten lassen, und war endlich bereit, es zu tun. Es würde mich hinterher wohl keiner meiner Bekannten besuchen kommen, aber von Männern hatte ich sowieso nachgerade genug. Mit den Frauen dort würde ich sicher klarkommen, und die zehn Jahre würden auch vorübergehen ...



Freitag, 13. Dezember 2019

Zum Teufel an Weihnachten

Wutentbrannt rauschte Beelzebub, in eine dampfende Schwefelwolke gehüllt, zur Türe herein und knallte diese mit einer Vehemenz zu, daß der Rahmen zitterte und die alten Mauern außenrum gleich mit.
‘Was zum Teufel stinkt denn hier so?’ brüllte er erbost. ‘Man riecht es fast bis nach oben! Hast du schon wieder das Essen anbrennen lassen, Oma???’

Keine Antwort.

Hm.

War sie etwa ausgegangen? In ihrem Alter? In diesem Augenblick war deutlich weibliches Gekicher zu vernehmen und da außer ihnen beiden momentan niemand hier wohnte ... mißmutig stapfte er durch die Küche und betrat die dahinterliegende Wohnlandschaft. Seine Großmutter wälzte sich kreischend vor Lachen in den Polstern, auf dem Bildschirm lief irgendwas Kulturelles, ein Schauspiel?

‘Oma was soll das!’ schimpfte er vorwurfsvoll. ‘Ich komm hungrig heim und anstatt daß du mich mit was Leckerem empfängst und mir den Rücken kraulst, jaulst du vor dem Fernseher umeinander und verstinkst die ganze Bude!’

‘Hihiiiii, Belzi das ist sooooooooooooooooo cool,’ japste die Großmutter,’ich guck grad den ‘Jedermann’ und da spielt einer den Teufel sowas von akkurat, ich hab so an dich denken müssen, hihihiiiiii ...’

Der Teufel ließ sich genervt neben ihr in ein Fauteuil fallen: ‘Und mein Essen? Was ist mit meinem Essen? Ich hab HUNGER’ raunzte er. ‘Du hast doch sonst den ganzen Tag nix zu tun, ist es denn zuviel verlangt, daß du mir am Abend ein bissl was kochst, ohne dabei die Bude abzufackeln? Und nenn mich nicht immer Belzi. Mein Name ist Beelzebub E. Hagner! Das weißt du genausogut wie ich und wenn du bereits komplett vertrottelt bist und es dir nicht merken kannst dann kannst du es jederzeit an der Türklingel nachlesen, HIMMELarsch und Zwirn!’

Bei seinen letzten Worten war die Großmutter zusammengezuckt, ihr Lachen verstummte schlagartig und sie blickte starr auf die Wand neben dem gnadenlos weiterblökenden Fernsehgerät. Der Teufel rutschte unruhig in seinem Fauteuil umeinander, zupfte sich an den Nasenhaaren, und nahm dann ihre Hand.

‘Hör mal Oma, es tut mir leid, ich hätte das böse H-Wort nicht sagen sollen, es tut mir wirklich leid! Vielleicht hat dieser komische kleine Kerl mit dem verstümmelten Oberlippenbart doch recht: Rassen soll man nicht vermischen. Mit mir und der Menschin hat es nicht hingehauen, und du damals mit dem blöden Flügelheini ...’

‘Der war nicht blöd,’ flüsterte die Oma heiser, ‘der war alles andere als blöd. Sonst hätt ich mich ja nicht so verknallen können. Und daß du die Haushaltshilfe verjagt hast mit deinen trampeligen Annäherungsversuchen ist nun wirklich nicht irgendwelchen bescheuerten Theorien zuzuschreiben sondern allein deiner Flegelhaftigkeit. ICH habe dich nicht so erzogen Junge, es ist mir ein Rätsel nach wem du geraten bist, deine Mutter selig würde sich im Grabe umdrehen so sie denn eins hätte! Und daß ich nicht kochen kann ist auch nix Neues. Ich versuche es ja, immer wieder versuche ich es, aber Herrschaftzeiten, ich bin nun mal keine Hausfrau! Wir hatten für so etwas immer Personal.’

Der Teufel tätschelte tröstend ihre Hand: ‘Is ok Omi, is ok, gleich morgen geh ich rauf und schau nach einer neuen Köchin, versprochen! So, und nun schmeiß ich uns halt einen von den Lebenslänglichen auf den Grill, der freut sich wenn sein Leiden ein Ende hat, und meine Kegelschädel sind auch schon wieder voll ausgefranst, es schadet ABSOLUT nix wenn ich mir da den einen oder anderen neuen zulege. Wo hammer denn die Liste, hmmmm ja, der zweiunddreißigjährige Vergewaltiger vielleicht, der ist noch nicht so zäh, ach nee, der soll ruhig noch ‘ne Weile büßen ... ahja, hier ... die Ehebrecherin, also die hat ja eigentlich nix falsch gemacht, die können wir guten Gewissens erlösen und schmecken wird sie auch hervorragend, was meinst?’

‘Ach Bel ... zebub,’ seufzte die Großmutter, ‘eigentlich wollte ich uns ja Spaghetti machen, du weißt doch daß ich Menschenfleisch nicht mag, aber irgendwie ... laß ich mich immer ablenken ... und dann vergeß ich drauf ...’

‘Is doch egal Oma, du ißt halt dann den Salat von gestern, der is noch pfenniggut, und wie gesagt, morgen steig ich mal wieder hoch zu den Depperten und schau mich ein bissl um, ich find schon was. Und nun klaub ich mir die Fatma aus dem Pool und du kriegst dein Salätchen ... und dann gucken wir gemeinsam einen hübschen Thriller ... ach, nicht? Na gut, dann halt was Romantisches ...’

Bettina wühlte unentschlossen in der Kramskiste des großen Warenhauses im Norden der Stadt- eigentlich hatte sie weder Zeit noch Geld um ausgedehnte Einkaufsorgien zu veranstalten, aber an Weihnachten bei den neuen Schwiegerleuten ohne Geschenk aufzutauchen - das ging ja mal garnicht, also mußte unbedingt eine Kleinigkeit her. Günstig, aber nicht billig, und obendrein etwas, das den Eindruck erweckte, sie habe sich tatsächlich Gedanken gemacht.

Hatte sie auch, aber weniger über das Geschenk, eher darum, ob sie wirklich noch länger mit ihrem Freund zusammenbleiben wollte. Jemand, der fast jede Woche eine andere Ausrede hatte, um sowenig Zeit wie möglich mit ihr verbringen zu müssen, und der zudem erst nach heftigem Drängen ihrerseits überhaupt dazu bereit gewesen war, sie endlich mal seinen Eltern vorzustellen ... da hatte der Spaß doch schön langsam mal ein Loch.

Aus jeder Ecke, in jeder Abteilung, dröhnte Weihnachtsmusik in migräneerzeugender Lautstärke. Es wurde wegen Weihnachten nach Hause gefahren, es wurde dem im Vorjahr verschenkten Herz nachgetrauert, es wurde geklingelt und gescheppert was nur ging ... und - was war DAS denn? Da saß doch tatsächlich ein riesiger Weihnachtsmann mitten in der Einkaufspassage und verteilte grinsend Gutscheine für ... Bettina kniff ihre Augen zusammen um besser sehen zu können: Kochtöpfe! 50% Rabatt auf Kochtöpfe! Ernsthaft jetzt? Wer kaufte denn an Weihnachten Kochtöpfe!

Hilflos in der Menge eingekeilt und unweigerlich weitergeschoben, näherte sich Bettina unfreiwillig dem teuflisch grinsenden Nikolaus, der weiterhin nach rechts und links seine buntbedruckten Gutscheine anbot ... bis sie selbst so ein Teil direkt unter ihrer Nase fand. Reflexartig langte sie zu, sah dem Weihnachtsmann in die Augen, erschrak vor seinem glutäugigen Blick und fühlte sich mit einem Mal ziemlich schwach. Du meine Güte, was war denn jetzt los? Hatte sie das Frühstück ausgelassen? Auf zittrigen Beinen stakste sie weiter in Richtung Sitzgruppe, spürte wie ihr das Blut aus dem Gehirn wich, griff hilflos ins Leere und sackte inmitten der wogenden Menschenmassen in sich zusammen.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie weich gebettet auf roten Ärmeln und fühlte sich leicht, schwebend, wie auf Wolken ... Wolken? Rote Ärmel? Hastig hob sie den Kopf und ... blickte direkt in die neckisch grinsenden Augen des Weihnachtsmannes.
‘Na, gut geschlafen?’ lachte dieser sie an. ‘Sag mal, kannst du kochen?’

‘Kochen?’ fragte Bettina verwirrt. ‘Ob ich kochen kann? Was ist das jetzt für eine Frage. Hilf mir lieber mal auf. Wie heißt du eigentlich? Äh ja, und danke fürs Auffangen. Blöder Kreislauf. Und ich hab keine Banane dabei. Und ja, ich kann kochen. Aber für mich alleine lohnt die Mühe nicht und mein Freund ... naja, der hat nie Zeit ... aber das interessiert dich jetzt sicher weniger. Wie sagtest du war dein Name? Ich heiße übrigens Bettina.’

‘Ich hab noch garnix gesagt beste Bettina’, feixte der Nikolaus, aber das läßt sich nachholen.’ Vorsichtig stellte er sie auf ihre eigenen Beine wobei er seinen Arm länger als unbedingt notwendig um sie geschlungen hielt - sie spürte, wie eine wohlige Wärme von ihm ausging und wünschte sich irrsinnigerweise, er würde sie nie mehr loslassen.

Ihm schien es ähnlich zu gehen. Nur widerwillig löse er sich von ihr und sah sie durchdringend an: ‘Hör zu Bettina, das kommt jetzt sicher etwas plötzlich für dich, aber ich suche dringend eine neue Köchin. Meiner Oma wächst der Haushalt zusehends über den Kopf, und ganz ehrlich, ich hab den Job mit den Flyern nur deswegen angenommen, weil ich hoffte, auf diesem Wege rasch an mein Ziel zu kommen. Und nun, da ich dich getroffen habe, würde ich dich am liebsten auf der Stelle mitnehmen. Nicht nur als Köchin, am liebsten als meine Gefährtin, Geliebte und ... Ehefrau. Bettina ...’ er sank vor ihr auf die Knie und sah sie von unten herauf sehnsuchtsvoll an: ‘Bettina, willst du meine Frau werden?’

Bettina wußte nicht mehr wo ihr der Kopf stand, der Lärm aus dem Einkaufszentrum hatte an Intensität zugenommen, es klang nicht mehr wie Musik, mehr wie ... ein lautes Scheppern? In diesem Augenblick erwachte sie und ja, in der Tat, der Krach kam von ihrem Wecker der lautstark auf dem Nachtschränkchen ratterte und fast von der Kante gefallen wäre, hätte sie ihn nicht im letzten Moment aufgefangen.

Irrer Traum. Ein Weihnachtsmann der einen Heiratsantrag ... du meine Güte! Im nächsten Moment saß sie kerzengerade im Bett. Morgen war doch das Treffen mit den Eltern des Freundes und sie hatte TATSÄCHLICH noch kein Geschenk. Langsam ließ sie sich wieder zurück in die Kissen sinken und spürte genüßlich nach, wie sich die Arme des rotgewandeten Mannes um ihre Taille angefühlt hatten. Leos Arme hatten niemals solche Gefühle in ihr ausgelöst. Ob sie nicht vielleicht tatsächlich mal rauffahren sollte ins Donauzentrum, bissl durch die Geschäfte schlendern, auf der Suche nach ihrem Traum-Weihnachtsmann?

Zeitgleich saß der Teufel zufrieden auf der Kante des Springbrunnens im Donauzentrum und ließ seine Beine baumeln. Er wußte, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er seiner Oma die neue Köchin präsentieren konnte. Was war schon dabei, dem Schicksal ein bissl nachzuhelfen, wenn man schon übernatürliche Kräfte hatte?



Sonntag, 8. Dezember 2019

Wolke mit Aussicht


Ich hätte es ahnen können. Sollen. Eigentlich müssen. Die Sauferei hatte über die letzten Jahre kontinuierlich zugenommen, von all den anderen Drogen, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit einpfiff, ganz zu schweigen - aber der Alkohol war am Schlimmsten weil er einfach nichts vertrug. La gueule du bois. Klingt wunderschön, aber wenn dein Liebhaber und Chef bald jeden Tag mit diesem ‘hölzernen Gesicht’ unterwegs ist und dich aus dem Stand anblafft wegen nichts, dann ist daran nichts mehr schön, nur noch verwunderlich.

Nämlich, daß ich ihn nicht schon längst verlassen hatte. Aber wie ich Oleg kenne, hätte er mich dann glatt von der Co-Autoren-Liste gestrichen und meine ganze Arbeit, an die achtzig Papers hatten wir bereits veröffentlicht über die Jahre, wäre umsonst gewesen. Teuer bezahlter Ehrgeiz.

Jetzt lümmelte ich tot auf meiner Wolke umeinander und er hockte in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Wo er wahrscheinlich eh nicht mehr viel mitbekam. Wirklich leid tut es mir um die Kinder. Irgendwie traue ich es seiner Noch-Ehefrau nicht zu, die beiden im Alleingang versorgen zu können. Große Gefühle hatte sie ihrem Nachwuchs gegenüber auch vorher schon nicht gehabt, zumindest hat er mir das so erzählt. Sie habe einer Schwangerschaft nur zugestimmt, um ihn trotz seiner promiskuitiven Ausflüge an sich zu binden.

Aber egal, von hier oben konnte ich nicht eingreifen, konnte nichts beeinflussen, nur beobachten und lernen. Fürs nächste Leben. Ein Leben ohne Männer. Und ohne Holzofen.

Natürlich denkst du dir nichts dabei, wenn jemand Axt und Säge in der Wohnung hat, wenn er jede Woche einen Haufen Holz kleinzumachen hat. Und wenn man schon einmal im Wald ist, dann schießt man sich auch mal ein Kaninchen oder was einem so vor die Flinte läuft.

Bei uns läuft es nun einmal nicht wie im Westen, wo man sich den Sonntagsbraten bequem beim Metzger kaufen kann. Das können bei uns nur Leute mit Connections. Die mit ihren Dollarscheinen in bestimmte Läden Eintritt erhalten wo du echt ALLES bekommst. Sogar echten Kaviar. Nicht, daß mir der je geschmeckt hätte, aber nur mal so als Beispiel. Weil die Leute ja immer glauben, bei uns in Rußland würden alle Kaviar essen. Pustekuchen.

Das gemeine Volk muß schauen, daß es halbwegs über die Runden kommt, und dazu gehört auch die Wilderei. War gefährlich, ohne Frage, aber Oleg hatte den Napoleon nicht nur im Detail studiert, er war mit der Zeit auch genauso größenwahnsinnig geworden wie sein kleinwüchsiges Vorbild.

Wer würde es wagen, mich zu kontrollieren, Nastenka, lachte er mich aus wenn ich zur Vorsicht mahnte. Nastenka! Frechheit, meinen Vornamen so zu verstümmeln! Alleine dafür hätte ich ihn verlassen sollen, und es wäre beim Verstümmeln des Vornamens geblieben. Naja, hätte hätte Herrentoilette, die Reue kommt eindeutig zu spät.

Nur gut, daß mein Astralkörper nicht genauso zerstückelt hier angekommen war wie mein Erdenkörper nach dem Mord ausgesehen hatte. Wahrscheinlich mußte ich noch froh sein, daß er mich zuvor erschossen und nicht bei lebendigem Leib zersäbelt hatte, wie ein wahnsinnig gewordener Zauberkünstler der nicht mehr mitbekommt, daß seine Vorstellung gerade gewaltig danebengeht und seiner schreienden Assistentin vor schreckensstarrem Publikum in blinder Wut den Kopf absägt.

Seine Wutanfälle waren wirklich legendär. Für einen Russen hatte er, wie bereits erwähnt, relativ wenig Alkohol vertragen, nahm daher auch sehr gerne andere Stimulantien zu sich, beispielsweise LSD. Oder was er dafür hielt. Die Leute von der Fakultät für Chemie konnten einem ja erzählen was sie wollten. Wer weiß, was sie sich da immer so zusammengepantscht hatten. Abends, oder am Wochenende, wenn sie die Gerätschaften für sich hatten und angeblich irgendwelche Versuchsreihen für ihre Doktorarbeiten vornehmen wollten.

Ja und der Oleg, der hat das Zeug begeistert geschluckt, die zunehmende Unschärfe im Gehirn nahm er billigend in Kauf, und weil er schon immer ziemlich exzentrisch gewesen war, fiel es nicht weiter auf, daß er immer g’spinnerter wurde. Jedes Jahr ein bissl mehr. Aber bitte, der Herr Professor - als mehrfach geehrtes und ausgezeichnetes Mitglied der sozialistischen Oberschicht kannst du dir einiges erlauben und kommst damit davon.

Wie zum Beispiel die Sache mit Miranda damals. Mir hatte er erzählt, sie hätte sich nur dafür rächen wollen, daß er kein Interesse mehr an ihr gezeigt und die Beziehung abrupt beendet hatte. Ich war damals noch ein Schulmädel gewesen vor dem man solche Dinge tunlichst geheimhielt: Sadomaso-Spielchen, Sex überhaupt, und Professoren, die ihre Freundin quasi auf Bestellung grün und blau schlugen, sowieso.

Wenn es nicht schon so lange hergewesen wäre, hätte ich mich natürlich wundern müssen, warum sie ihn dann hätte anzeigen sollen. Wenn sie es doch so gewollt hatte? Wenn es in beiderseitigem Einverständnis so ausgemacht worden war?

Aber so ... so war mir das Schreiben des Anwalts nur rein zufällig zwischen die Finger geraten während ich seinen Schreibtisch aufräumte. Zuerst hatte er einen seiner Wutanfälle bekommen, der Speichel war ihm aus dem Mund gespritzt wie der Morgentau aus der Wiese wenn man ganz schnell mit dem Fahrrad durchfährt, er hatte das Papier zerfetzt und im Zimmer umeinandergeschmissen wie Konfetti - sich dann aber relativ rasch wieder beruhigt und von oben herab erklärt, daß die Tatsache, daß die Anklage nie vor Gericht gekommen war, doch wohl für sich spräche.

Damals habe ich ihm gerne geglaubt. Blauäugig, ich weiß, aber wer sieht schon seinen bewunderten, zugegebenermaßen etwas cholerischen, professörlichen Liebhaber gerne als ein Monster, das seine Freundin prügelt?

Inzwischen frage ich mich, wieviele Mädels in St. Petersburg es wohl gibt, die ähnliche Geschichten zu berichten hätten wie Miranda damals, die nur entweder nicht den Mut hatten, zur Polizei zu gehen damit, oder aber bereits zerteilt in der Moika schwammen. Wieviele Frauenleichen passen in einen Fluß bevor er übergeht?

Natürlich sind auch nicht alle Polizisten so wie Wasilj Petrow, der letztendlich die Ermittlungen zu meinem Fall übernahm. Ihm hätte ich mich gerne anvertraut, hätte ihm meine Sorgen und Bedenken geschildert und mich von ihm beraten lassen.

Als man ihm den Fall übergab war ja bereits alles klar. Oleg war im Vollrausch ins Wasser gefallen als er anfangen wollte, meine Leiche Stück für Stück zu entsorgen, was man ja am besten in der Nacht macht bevor der Hahn kräht. Nachdem sie ihn prustend und fluchend aus dem Fluß gezogen hatten, sah einer der Retter im Schein der Laterne, wie es rot aus dem Rucksack tropfte, vermutete Wilderei und rief die Polizei. Die auch prompt eintraf, aber statt des erhofften Kaninchens zwei menschliche Arme vorfand. Meine Arme. Am rechten Handgelenk baumelte noch das Freundschaftsband, das er mir keine zwei Wochen zuvor geschenkt hatte, lediglich die Farben waren ein bissl verwässert.

Ob es etwas am Lauf der Dinge geändert hätte wenn ich Wasilj eher kennengelernt hätte? Noch am Leben, sozusagen an einem Stück?