Sonntag, 27. September 2020

Achtundvierzig Stunden


'Darin sind sie perfekt', grantelte der Mann vor sich hin. Jemanden auf die Wache schleppen und dann hockenlassen. 'Einen Moment noch' hatte es geheißen. Er besaß keine Uhr, das Handy war ihm abgenommen worden. Aber gefühlt waren bereits zwei Stunden vergangen, seit die Polizisten in Zivil ihn hier hereingeführt und dann den Raum wieder verlassen hatten. Ein kahler Raum, grob verputzt, natürlich keine Bilder, da hätte man ja wenigstens was zum Anschauen gehabt. Er hatte keine Idee was er verbrochen haben sollte. Die Tage, als er noch fleißig seiner Sucht gefrönt hatte waren vorbei, alles was damals geschehen war, war lange verjährt, niemand würde ihm daraus mehr einen Strick drehen können. 

Bei der Verhaftung war nicht viel geredet worden, jedenfalls nicht von Seiten der Polizisten. Um vier Uhr in der Früh bist eh nicht so gesprächig. Seine Fragen nach dem Warum und Wieso waren unbeantwortet verhallt, die Handschellen schnitten ins Fleisch, die Wut ließ sich kaum unterdrücken - aber er wußte, daß er sich nur selber schaden würde wenn er jetzt anfangen würde zu toben. Also blieb er scheinbar ruhig sitzen und starrte auf den abgenutzten Tisch vor seiner Nase. Irgendwann mußten sie ja wiederkommen. Oder? Erneut begann er, seinen guten Vorsätzen zum Trotz, ungeduldig auf dem harten Sessel umeinanderzuzappeln. Wozu diente diese Warterei? Das war doch Folter, oder? Was zum Teufel wollte man von ihm?

'Schau ihn dir an, wie er dahockt, das personifizierte schlechte Gewissen', kommentierte Dieter Wendler im Nebenraum den Anblick, der sich ihm und seinem Kollegen Wasilj Petrow im Einwegspiegel bot.
 
'Nun,' mahnte Petrow zur Vernunft, wohl wissend, daß er nichts ausrichten würde, 'wir haben nichts gegen ihn in der Hand. Lediglich die Aufzeichnung des Mordomaten, und wie zuverlässig DER ist, wissen wir beide doch nur zu gut, oder? Also warum brät er noch da drin? Warum machen wir nicht einfach ein Protokoll und lassen ihn laufen? Mein Instinkt sagt mir, daß er absolut keine Ahnung hat, was wir von ihm wollen. Der Typ ist völlig harmlos.'

'Du, die Eisprinzessin damals hat auch voll harmlos ausg'schaut, deswegen san's jo olle auf sie eineg'foin.' Wendler verfiel beim Gedanken an den aufsehenerregenden Fall vom Anfang des Jahrhunderts in den heimischen Dialekt. 'So ein fesches Madl, so unschuldig hat's g'schaut, und dann knallts ihren Mann von hinten ab wie er nichtsahnend am Computer hockt. Des mocht ma ned! Und zwa Joa späta da nächste Haberer. Bumm, tot. Zersägt und ob in Kölla. Oag, oda?'

'Naja, du weißt ja nicht, was man ihr vorher alles angetan hatte, aber hast recht, man sieht es einem Menschen nicht an. Aber dennoch kannst ihn ned aufgrund von Aufzeichnungen aus einem noch nicht wirklich ausgereiften System verknacken. Ned amal du!'

Unruhig wanderte Petrov im Wachzimmer auf und ab, warf ab und an einen Blick zu Wendler, der scheinbar ungerührt weiter den Gefangenen beobachtete.

'Es reicht!' rief Petrov böse und schlug mit der Faust an den Türrahmen, daß eine Staubwolke aus dem morschen Holz drang und ihn zum Husten reizte. 'Es reicht endgültig!' keuchte er. 'Nur wegen deiner Beförderung, oder warum machst du das? Entweder wir gehen jetzt da rein und reden mit dem Mann oder ich gehe alleine!'
'Vernehmungen alleine sind nicht gestattet, das weiß du so gut wie ich.'
'Verhaftungen ohne Grund ebenfalls nicht!'
'Wir können ihn 48 Stunden festhalten. Aber gut, gehen wir rein. Nur daß eins klar ist: ICH führe das Gespräch. Du hältst dich im Hintergrund, wie immer. Du weißt schon, Olga ...'

Zähneknirschend folgte Petrov Wendler ins Vernehmungszimmer. Eines Tages würde er ihn ... Lautes Fiepen unterbrach seine Gedankengänge, grinsend drehte Wendler sich um, griff eine Fernbedienung vom Schrank und schaltete das piepsende Gerät an der Decke aus.
'Hammer wieder Mordphantasien g'habt?', spottete er, angesichts des grimmig schauenden Kollegen. 'Waßt eh, der Mordomat is ned IMMER daneben, manchmal zeichnet er durchaus akkurat auf. Also überleg dir was'd denkst. Auch als Kriminaler bist ned unverwundbar.'

Als ob Petrov das nicht wüßte. Spätestens seit der Sache damals mit Olga ... Wehmütig dachte er an die junge Frau zurück, die er damals eines Gewaltverbrechens hatte überführen müssen und in letzter Minute hatte retten wollen. Naja, schiefgegangen. Wie so einiges in seinem Leben.

Behutsam schloß er die Türe hinter sich und setzte sich mit Wendler zu dem Angeklagten an den Tisch, dieser hatte hoffnungsvoll aufgeblickt als die beiden Polizisten den Raum betreten hatten, und mußte sich nun mit Mühe zurückhalten, um die Beamten nicht mit Fragen zu bestürmen. Würde sich das Mißverständnis nun endlich aufklären?

Wendler räusperte sich, er liebte diese Momente in denen er einen zerknautschten Häftling vor sich sitzen hatte. Nun, streng genommen war der Mann noch kein Häftling, aber wenn es nach ihm, Wendler, ginge, würde er bald einer sein.

'Sie wissen, warum Sie hier sind?' Wendler legte einen strengen Unterton in seine Frage.

'Nein!!!', kam es heiser und verzweifelt aus dem Mund des Angeklagten. 'Nun sagen Sie mir doch endlich, was ich getan haben soll! Mich in der Früh aus dem Bett zu reißen und abzuführen wie einen Verbrecher! Ich war noch nie im Leben auf einer Demo, ich trage immer meinen Mundschutz und habe auch keine Schulden, mein Impfpaß ist auf dem neuesten Stand, was liegt gegen mich vor!!!???!!!', brach es aus ihm heraus.

Wendler lächelte maliziös. Er genoß es sichtlich, wenn sich die Leute bedürftig vor ihm entblößten, ihre Angst und Unsicherheit verlieh ihm die Größe, an der es ihm im wirklichen Leben ganz offensichtlich fehlte, da halfen auch die teuren Einlagen nichts.

'Wo waren Sie heute Nacht um halb zwei?' fragte Wendler scheinbar ruhig.
'Na im Bett, geschlafen hab ich!'
'Wie kann es dann sein, daß der Mordomat exakt um halb zwei eine Meldung herausgegeben hat, daß in ihrem Haus ein Mord verübt worden ist? Wenn sie angeblich geschlafen haben?'
'Na, geträumt werd ich haben. Dafür kann ich doch nichts! Ist es das? Haben Sie mich deswegen verhaften lassen, nur weil ich irgendetwas geträumt habe, das den Mordomaten hat anspringen lassen? Das kann ja wohl nicht wahr sein, oder???'

'Ned tun'S Ihnen aufregen,' mahnte Wendler, 'die Fragen hier stelle immer noch ich und wenn der Mordomat anschlägt UND der Algorithmus gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit als hoch bewertet, daß hier tatsächlich ein Mord geschehen ist, dann ist es unsere Pflicht, der Sache nachzugehen, das wissen Sie genausogut wie ich. Oder sollen wir uns Nachlässigkeit vorwerfen lassen, nur weil wir alle Morde, die nachts geschehen, auf irgendwelche Träume zurückführen und lieber in der warmen Wachstube sitzen bleiben?'

'Nein, natürlich nicht, aber haben Sie in meiner Wohnung eine Leiche gesehen? Nein, haben Sie nicht. Ohne Leiche keine Anklage. Sie können mich hier nicht grundlos festhalten! Ich muß nach Hause, der Hund will raus!'

'No, hätten's Ihnen eine Katze gekauft, die macht weniger Arbeit,' entgegnete Wendler ungerührt.

Petrov verdrehte im Hintergrund die Augen. Sein Kollege war und blieb ein sadistisches Arschloch. Natürlich mußten sie den Anzeigen des Mordomaten nachgehen, genauso wie ein Feuerwehrmann jedem Alarm nachzugehen hat, auch wenn es dann statt des erhofften Großbrandes doch wieder nur ein Hotelgast war, der heimlich auf der Toilette geraucht hatte. Dennoch war es absolut unnötig, jedes Mal so einen Zirkus zu veranstalten, die Leute auf die Wache zu zerren und stundenlang zu demütigen. Aber er konnte ihn nicht davon abhalten. Wendler war sein Vorgesetzter, trotz dessen Jugend. Seit der Sache mit Olga war er nicht mehr befördert worden und würde es wohl auch nie mehr werden. 

'Hören Sie, Sie müssen mir glauben!', beschwor der Gefangene sein Gegenüber. 'Ich habe keinen Mord begangen! Sie können mich hier nicht länger festhalten. Die Zeiten sind hoffentlich vorbei, in denen man Leute wegen nix eingesperrt hat!'

'No, Vorsicht! Wenn Sie so weitermachen dann wird das hier ganz schnell eine Sache für den Verfassungsschutz. Wegen nix san die Leut auch damals ned eing'sperrt worden. Wer ansteckend ist gehört isoliert, und wer Morde begeht gehört eingesperrt. Und nur weil Sie heute Nacht lediglich von der Ausführung eines Mordes geträumt haben bedeutet das nicht, daß Sie nicht das Potential haben, einen Mord zu begehen. Sie haben schon recht, der Mordomat kann das noch nicht so recht unterscheiden warum die Aktivität in diesem bestimmten Hirnareal zunimmt. Ob der Betreffende nun tatsächlich gerade einen Mord begeht oder ob er nur daran denkt. Aber allein die Bereitschaft zählt ... und wenn der Algorithmus dann berechnet, daß bei Ihnen die Mordwahrscheinlichkeit stark erhöht ist, dann können wir Sie nicht so einfach laufen lassen. Das werden Sie doch einsehen müssen. Die Bevölkerung muß geschützt werden. Vor Viren genau wie vor Mördern.'

'Was soll das heißen, Mordwahrscheinlichkeit stark erhöht', heulte der in die Enge Getriebene auf. 'Was für eine Mordwahrscheinlichkeit! Wen sollt ich denn umbringen? Ich hab doch garkein Motiv?'

'Na, sollen wir Ihnen das vielleicht auch noch liefern?, höhnte Wendler. 'Außerdem, noch nie was von Mord im Affekt gehört?' Wieder verdrehte Petrov die Augen. Mord im Affekt. Das wär dann höchstens Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge, aber Wendler war jetzt voll in Fahrt, da mußten sie jetzt alle durch, ob sie wollten oder nicht. Eigentlich sah er diese Stückerln seines Chefs manchmal nicht einmal ungern. 

Natürlich war es grundfalsch was da ablief, andererseits verging so die Zeit bis zum Feierabend schneller, als wenn man lediglich tatenlos herumsaß. Seit der weltweiten Pandemie damals in den Zwanziger Jahren waren die Leute so verängstigt und handzahm, daß kaum noch Verbrechen verübt wurden. Und wenn, dann kam man ihnen dank der stark verbesserten Überwachungstechnologie recht rasch dahinter. 

Allerdings war dieser Fortschritt eine ambivalente Sache. Die zu rasche Entwicklung der künstlichen Intelligenz hatte oft groteske Auswirkungen. Immer öfter wurden Neuerungen eingeführt, noch bevor sie völlig ausgereift waren. Was bei Autos lediglich leichte Kollateralschäden verursachte, führte in der Justiz jedoch bald einmal zum völligen Chaos. 

Der Verhaftete war inzwischen zum wimmernden Wurm geworden - wie die meisten Leute war er ohne Kaffee in der Früh einfach zu nichts zu gebrauchen, nicht einmal dazu, sich vernünftig selber zu verteidigen. Anwalt hatte er, wie alle rechtschaffenen Leute, natürlich keinen. Wozu auch. Wer glaubte schon daran, daß man ihn eines Tages wegen eines Mordes verhaften würde, den er noch nicht einmal begangen hatte? Genausogut könnte man an Magie glauben oder an winzige Zwerge, die nachts Socken, Armbanduhren und Autoschlüssel umhertrugen, so daß man sich am nächsten Morgen fluchend alles wieder zusammensuchen mußte.

Am Ende würde Wendler den Mann gehen lassen müssen, wie jedes Mal. Aber wann dies der Fall war, das bestimmte Wendler alleine. Achtundvierzig Stunden können sehr, sehr lange sein, und man konnte in dieser Zeit eine Menge Spaß haben. Auch wenn das Vergnügen wie immer sehr einseitig sein würde. Immerhin, tröstete sich Wendler. Man konnte nicht alles haben, und ein bisserl was geht immer ...






Dienstag, 15. September 2020

But the Greatest of These is Love

Boy, I can fly! I didn't know I can fly! What a funny tickling in my stomach - just don't look downwards ... hey folks, I'm flying!!!

It's quite easy, in fact. Just follow your nose. And mine is big enough not to lose my bearings. 

Did I introduce myself? I'm a bit featherbrained sometimes but then I've always been like that, one is getting used to it over time. My name is Macrophelia. No, that's not the one who drowned herself in a bog after winding her way drunkenly across a rain of flowers smelling of magnolias and death. My name just sounds fairly similar which often leads to confusion.

I would never go and kill myself because of a man. Men are asses. Obstinate, greedy and always ready for mating. No woman worth her salt would kill herself over one of those. In my case it was an unfortunate accident. 

Actually, I would have loved to live on for a little longer, even though it had become increasingly uncomfortable on earth - or even because of it. After all you can lend a hand to the needy in times like these and don't just rot away in your flat as usual. When almost everything you used to entertain yourself with is suddenly forbidden, people learn to be happy about small things. But we never got that far, people and I.

The other day I went for a romantic walk in the moonlight, at the outskirts of town, near the autobahn, certain that at this time of night I would be the only one roaming around in this lost area ... and whaaaaam ... all of a sudden a burning motorcycle comes popping out of the bushes right in front of me and even before I can jump aside we collide, the motorcycle explodes with a loud BANG and both the driver and I go up in flames. Tough luck.

Stupid gang warfare. That's the North of Munich for you. Only three weeks ago somebody shot his dealer in his car. The dealer's car, that is. Just like that. Got out his gun and boom. This dealer must have been some kind of eijit anyway if he thought he'd get his money without any hassle? Just like that? A well, that's what you get for being an arrogant cunt.

Talking about arrogant, I have to be more careful, it's rather foggy today, a real peasouper. But hey, I can read peoples' thoughts! Way cool! This sour-faced woman in there wants to call the police because it buggers her that over by the lake there are two youths sitting on a bench, drinking beer. After all, she doesn't have any joy in her life, so others must also joylessly obey all and any of the new rules.
But, old woman, who says you mustn't have joy anymore? Why don't you go over to your neighbour and ask her if she wants to join you for coffee and cake? Be a Bavarian rebel! Just visiting each other, wicked!!! Can you do that? Ah, she hesitates. Apparently she can hear me when I interfere with her thoughts. Cool!

Write note to neighbour! Cake! No snitching on young people!

So there, her hand puts back the receiver! Slowly she makes her way into the kitchen and ... now I can't see her anymore. Perhaps she's leaving through her recipe book? Do recipe books also contain recipes for cakes? I wouldn't know anything about that. I don't think I have ever been a housewife. In none of my lives.

Ha, that was a narrow escape. Perhaps I ought to let the boys down there know that nowadays it's a crime to possess a bottle of beer - at least if you are drinking it on a park bench, and especially if there is someone else sitting on this bench with you.

Oh no, the police are already there! Has grandma called them after all? No, they can't be that fast. Apparently somebody else ... the Germans are really too bad. Not a bit out of practice since back then ...

A bulky policeman gets out of his car and comes lumbering over, his colleague stays seated, the police radio is heard bleating into the stillness of the night, the policeman thinks: 'For fuck's sake, will they never learn? Carelessly jeopardising other peoples' lives because they can think of nothing else but fun and partying! On the other hand ... what's wrong with having a bit of fun now and then?'

Frozen with fear, the two youngsters sit and stare at the policeman who suddenly laughs and asks: 'Well, blokes, any chance of bumming a beer from you?'

The boys look at him, then at each other, then at him once more. They think he's taking the piss, fear an outburst of fury - which doesn't happen. The colleague still sits in the car, growling into his phone: 'Listen Mam, I'm working! No, I have no idea what the recipe for Aunt Annies Guglhupf cake went like. Why don't you go and dive into this old chest where you keep all your mouldy treasures? Yeah, exactly, the one on the attic.'

Meanwhile, the older policeman has joined the two youngsters on the bench and he too, has a bottle of beer in his hands now. Bavarian beer. Because it's the best. And because it's custom in Bavaria to drink beer. They agree on that, all three of them. I fly on happily.

Hey, that's fun! All these stupid new laws our dear Governor thinks up every day, just as he thinks fit. Seven at a time, sometimes even more. Hah, I'll put a spoke in this one's wheel!!!

Mercurially I turn a few funny flips and then I bomb along, in a quest for snitches and police brains who needs urgent proselytizing. Quite possibly I will be called to account for this one sooner or later. Probably very soon I'll have to face the heavenly music. But it's worth the trouble. At least this way I didn't die for nothing. Mankind can be good if they want to, I'm certain of that. Only - most of them forgot what's really important. And I will remind them. So as things will turn out all right in the end. Faith, Hope, Love. But the greatest of these is Love!

1050 words





Show Me The Way To The Next Loony Bin ...

I'm sitting in this cab which is supposed to take me to hospital. I could have taken a train, of course, and sent the luggage ahead - but then I don't trust the postal services. What if my suitcase got lost? And me walzing about in a hospital gown for the next six weeks? No way! So I got me a cab.

The driver is my best friend's brother who is happy to get custom in these difficult times. We don't know each other, not having met before, ever, so we sit in silence. I have to wear a face covering and sit on the back seat anyway which further disencourages conversation.

I'm used to not talking anymore. There seems to be only one subject these days and most people seem to have a very decided opinion on the matter. Woe betide you if you don't share this particular opinion of which there seem to exist only two: Pro or contra strict corona measures.

I'm an artist. I challenge fixed structures, both of mind and matter. I'm looking forward to being amongst people again, though, I muse, as the city traffic moves by my window. Lots of cars on the roads on this Tuesday morning. Shouldn't they be at work by now? The drivers, of course, not the cars. What kind of work could cars do? One becomes funny if one is alone for too long.

Will the Corona rules be very strict?
Will my room be nice and quiet?
Will there be nice folks in my group?
What does psychotherapy with a face mask feel like?
Lots of questions in my mind.

Meanwhile we reached the autobahn. Here, too, an amazingly high number of cars. What business do that many people have on the autobahn in an ordinary workday? Surely they can't all be salesmen about to peddle their goods?

The traffic becomes thinner as we get off the autobahn and wind our way across the country lanes in Upper Bavaria. I admire the way my driver seems to know exactly where we are going.

The year before, my brother drove me and he didn't have the faintest most of the time despite using GPS on his phone - which in the end led us to a nicely decorated frontyard full of ceramic hens and grinning dwarfs and proudly announced: You have now reached your destination. Well ... not quite.

This year, however, I already know most of Bad Endorfs roads and can guide my driver directly to the clinic doors. Which of us is gladder to be finally rid of the other, I will never know.





Sonntag, 13. September 2020

Der Schuhladen



Trübsinnig saß ich auf der Schwelle vor meinem Laden und starrte bitter vor mich hin.

Viele, viele Jahre lang hatte ich diesen Schuhladen mit Liebe und Herzblut geführt, mir keinen Urlaub gegönnt und jeden Kundenwunsch zu erfüllen versucht. Alt und grau war ich darüber geworden obwohl ich noch nicht einmal fünfzig Lenze zählte. Doch legten die Menschen im neuen Jahrhundert, trotz ihres Wohlstandes, Wert auf gutes Schuhwerk? Nein, taten sie nicht. Sie kauften sich im Billigladen minderwertige Latschen, liefen damit drei Monate rum und warfen sie danach weg. Praktisch niemand brachte mehr hübsche, hochwertige Schuhe zum Richten. Und wenn, dann jedenfalls nicht zu mir.
 
Den größten Teil des Tages konnte ich nur mehr im Hinterzimmer dösen und selbst die notwendig gewordenen Schönheitsreparaturen an der Fassade konnten keine Kunden mehr anlocken, Geld für üppige Dekorationen war sowieso keins mehr vorhanden. Wie lange würde ich noch ausharren können, bis die Bank mir den Kredit kündigte?

Die Hauptverkehrsstraße vor meiner Nase war an diesem Vormittag nicht weniger belebt als sonst auch, nicht enden wollende Fußgängermassen zogen vorüber, Radlfahrer klingelten sich den Weg frei und Kolonnen von Stadtbussen  transportierten mehr oder weniger gut gelaunte Menschen an ihr jeweiliges Ziel. Nebenan mampften zufriedene Kunden Döner und Kebab von Omar dem Türken, der fröhlich grinsend mit dem Dönersäbel in der Hand seine Witze riß, jeden Tag andere, so daß sogar die Stammgäste immer wieder was zu Lachen hatten. 

Plötzlich wurde ich eines jungen Burschen gewahr, der selbstvergessen auf seinem Radl im Zickzack von rechts dahergedübelt kam, ohne darauf zu achten, wer noch alles an diesem sonnigen Tag hier unterwegs war. Beispielsweise der dunkelblaue Mercedes, der gerade auf meiner linken Seite extrem zügig aus der Tiefgarage auftauchte, ohne sich um wildgewordene jugendliche Radlfahrer oder andere Passanten zu scheren. Rasch sprang ich auf und stellte mich panisch wedelnd dem Jungen in den Weg: 'Halt!', schrie ich. 'Stehenbleiben!' Erschrocken trat der Bub in die Bremsen, konnte jedoch einen Aufprall nicht mehr verhindern. Das scheußliche Geräusch von schleifendem Metall auf Gehsteig, ein heißer Schmerz in meiner Schulter, alles bunt durcheinander und dann ... nichts mehr.

Als ich aus ihrer Ohnmacht erwachte, lag ich in meinem Hinterzimmer auf der Couch, mein Schädel brummte und eine junge Frau saß an meiner Seite. Verwirrt hob ich den Kopf und griff mir gleich darauf stöhnend an denselben. 'Immer langsam,' lächelte die junge Frau. Hast ordentlich was abbekommen. Du kennst mich nicht, ich heiße Valeriana und du hast vorhin meinen Sohn gerettet, sonst wäre er statt in dich in dieses Bonzenauto reingedonnert. Kann man sich vorstellen, wie das ausgegangen wär. Der Typ ist natürlich ungerührt weitergefahren, war sich keiner Schuld bewußt. Aber heute Abend wird ihn seine Frau verlassen. Das weiß er nur noch nicht.'

'Ah,' meinte ich. Die Frau grinste entschuldigend und fügte hinzu: 'Nicht, daß du denkst ich hab einen an der Klatsche. Ich bin sowas wie eine Hexe, nur nennt man das heutzutage anders. Fachfrau für Paranormalitäten beispielsweise. Aber wurscht jetzt, ich wollte dir einfach meine Dankbarkeit bekunden und dir mitteilen, daß ich einen Weg gefunden habe, dein Geschäft wieder etwas zu beleben. Jaaaaa ich kann ein bissl hellsehen, aber glaube mir das ist keine Freude. Das meiste willst ned wirklich wissen. Und wie das abläuft, mit der Geschäftsbelebung? Na, des wirst schon sehen. Wollte nur gucken, ob du keine bleibenden Schäden hast bzw. diese versuchen zu lindern, aber ich sehe schon, es geht eh besser, oder?'

Benommen blickte ich in ihre verschmitzten Äuglein und mußte zugeben, daß der Kopfschmerz zur Gänze verschwunden war und ich auch sonst keine Schmerzen verspürte. Bevor ich jedoch auch nur ein Wort an die freundliche junge Frau richten konnte, war sie mit einem Happs verschwunden, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Vielleicht hatte ich doch was am Kopf zurückbehalten? Vorsichtig richtete ich mich auf und stakste zu meinem Logenplatz vor der Türe zurück. 

Kaum jedoch hatte ich mich niedergelassen, mußte ich mitansehen, wie eine Frau, die behende auf ihren ewig hohen Stöckelschuhen dahergeeilt kam, mit einem Mal bös stolperte und hinterher betroffen auf den Absatz ihres linken Schuhs blickte, der sich nun statt am Schuh in einer Spalte zwischen zwei Pflastersteinen befand. Hilfesuchend blickte sie umher, strahlte glücklich auf als sie mein Ladenschild entdeckte und kam hinkend auf mich zu. 'Sagen Sie, hätten Sie wohl kurz Zeit, mir den Absatz wieder ranzumachen? Ich bin auf dem Weg zu einer Verabredung. Also, eh früh dran, aber es wär mir schon wichtig ...'
Aber klar hatte ich Zeit! Und Lust und Freude, über den unverhofften Auftrag!

Kurz drauf stöckelte die Dame beschwingt von dannen, ihrem Liebsten entgegen, und ich ließ mich erneut auf meiner Schwelle nieder. Ja, und was soll ich sagen, kurz drauf löste sich wie von Wunderhand bei einem vorbeieilenden Turnschuh die Sohle ab ... und auch der Inhaber dieses widerspenstigen Schuhs war hocherfreut, sich just in diesem Moment vor einem Schusterladen zu befinden.

Und so ging es in einem fort, immer wieder bekamen während der folgenden Tage, Wochen und Monate Leute kurz vor dem Laden auf einmal Probleme mit ihren Schuhen und empfanden es als kleines Wunder, daß ihr Malheur immerhin direkt vor einem Schusterladen stattfand und so rasche Abhilfe geschaffen werden konnte.

Wie die gute Hexe, äh, Fachfrau für Paranormalitäten, dies fertiggebracht hatte, ist  mir bis heute ein Rätsel.
Kleine Schreckensgeister, die in die Schuhe fuhren und sie zerstörten? Naja, egal. Hauptsache der Laden brummt wieder, und das tut er. Mein Bankberater ist auch zufrieden, gestern hat er sogar gelacht als ich mit meiner neuen Frisur reinkam und fast ein bissl neckisch geschaut. Ist schon ein ganz ein Fescher. Ob er mich wohl bald einmal zum Essen einladen möcht? Naja, man wird ja noch träumen dürfen ...










Montag, 31. August 2020

Even after all these years ...


Immer wieder hatte ich diesen Traum gehabt: Wir sitzen, stehen oder liegen nebeneinander und sprechen uns endlich einmal aus. Du bist freundlich, zugewandt, hörst mir zu, und ich kann dich fragen: Warum? Warum hast du so reagiert, damals? Deine unnahbare Diva von Agentin vorgeschoben und dich jeglicher Konfrontation entzogen?

Deine Antwort ist nicht mehr wichtig, jetzt, wo du tatsächlich neben mir stehst, meine Hand ergreifst, mich zärtlich ansiehst und ich von diesem unbeschreiblichen Gefühl durchflutet werde, genau wie in meinen Träumen. Nur schöner, weil wahr. Wie gerne würde ich deine Körperlandschaft erforschen, dich langsam entblättern, mich verlieren in deinen Erkern und Buchten, irgendwann auch zu deinen Kronjuwelen und dem heiligen Zepter vordringen ... aber so weit sind wir noch lange nicht, noch sind wir bei mir zuhause, im Kreise meiner Familie, werden beobachtet und müssen uns benehmen, sind gebunden von den Fesseln der Konvention. Müssen die aufdringlichen Fragen meiner kleinen Brüder geduldig beantworten, meiner Mutter versichern, daß wir nun aber wirklich satt sind und gerne noch ein bisserl rausgehen möchten, vielleicht auf den Spielplatz, um eine Sandburg zu bauen, soferne wir noch gelenkig genug sind, um in der Hocke sitzend eine Zeitlang ausharren zu können, oder sonstwas Kindisches zu machen? Übermütig uns aneinander und am Leben zu erfreuen?

Aber nein, ich vergaß, es ist bereits spät, mein Vater blickt streng auf die Uhr, es ist Zeit, uns zu verabschieden, ich bringe dich zur Türe, wir küssen uns zum Abschied ... die Nachbarstüre öffnet sich, Kinder lugen neugierig heraus, du machst Faxen, sie lachen, wir gehen um die Ecke und schmusen weiter ... auf einmal steht mein Vater vor uns und hält dir seine Faust unter die Nase. Erschrocken sagst du: Ich gehe ja schon ... und entfernst dich rasch, ich eile dir nach, du drehst dich halb um und rufst: Ok, du hast jetzt keinen Freund mehr!!!

Traurig kehre ich nach Hause zurück, sammle unterwegs meine verstreuten Ohrringe und Halsketten wieder ein ... als ich die Wohnung betrete ist mein Vater gerade dabei, meine Urlaubsfotos einzuschmelzen. Als er mich erblickt hält er inne doch es ist zu spät, in blindem Haß hat er bereits die meisten Fotos verdorben, er blickt mich an und ich kann die Wut in seinen Augen sehen.

Er greift nach seiner Krawatte, und bevor einer von uns reagieren kann, hat er sie sich um den Hals gewunden, das andere Ende am Rohr befestigt, das über unseren Köpfen verläuft, und ist vom Tisch gesprungen. Er lebt noch, aber ich komme nicht zu ihm hin, der Tisch versperrt den Weg, ich schreie meinen Bruder an, eine Schere zu holen und die Krawatte durchzuschneiden ... was dieser auch versucht, doch er müht sich vergebens, die Schere ist zu stumpf ... er sucht verzweifelt nach einer schärferen Schere ... und dann wache ich auf.

Wieder nur ein Traum ...









Sonntag, 7. Juni 2020

Wenn Bücher sprechen könnten ...



Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein Buch. Ein sehr, sehr altes Buch, das seit einiger Zeit im offenen Bücherschrank neben der St-Agnes-Kirche im Münchner Norden sitzt. Jeder darf sich hier Bücher nehmen und natürlich auch welche bringen.

Manche von uns werden, kaum daß sie gebracht wurden, schon wieder mitgenommen, andere, so wie ich, sitzen schon sehr lange hier. 

Die Kirchenglocke schlägt alle 15 Minuten, eine Erinnerung daran, daß die Zeit vergeht. Was für ein so altes Buch wie mich natürlich höchst irrelevant ist. Was bedeutet mir ein Jahr, ein Monat, ein Tag oder eine winzige Viertelstunde? 

Vor der Kirche steht, inmitten duftender, blumendurchsetzter und bienenumsummter Gräser, die in diesem März bei dem feinen Wetter fast schon eine Sommerwiese bilden, eine Bank, auf der ich ab und an, vor allem am Wochenende, ein älteres Paar beobachten durfte, offenbar schon lange verheiratet, die sich dort niederließen um in einem der Bücher aus unserem Schrank zu blättern bevor sie es wie einen Schatz einpackten und langsam miteinander davonhumpelten. Hand in Hand, und niemals ein böses Wort gewechselt. Unglaublich, welche Rührung mein altes Bücherherz noch zu empfinden in der Lage ist, dachte ich bei mir.

Während der Woche hörte ich fast den ganzen Tag Kindergekreisch aus der nahegelegenen Schule oder vom gegenüberliegenden Kinderhort, nur übertönt vom stetigen Rollen des Autoverkehrs. Nicht sehr angenehm, aber Gottes Wege sind unergründlich und niemand hat einen Einfluß darauf, wohin das Leben einen trägt.

Eines Tages jedoch verstummte die unselige Kakophonie, mein altes Pärchen kam nicht mehr, und selbst am Sonntag blieb die Kirche leer. Was war geschehen? Wieder einmal ein deutscher Weltkrieg?

Das eine oder andere Auto fuhr nach wie vor die Straße entlang, auch eilte hier und da ein Fußgänger mit eingezogenem Kopf und scheuem Blick vorüber, die meiste Zeit jedoch herrschte grandiose Stille. Welche ich, ein Buch, das noch an die staubgesättigte Ruhe wahrhafter Büchereien gewohnt ist, natürlich sehr genoß. 

Ich hörte die Vögel singen, die Bienen summen, ein wunderbarer lautloser Frieden lag über allem - lediglich die Kirchenuhr erfüllte weiterhin unermüdlich ihre Pflicht und erinnerte jede Viertelstunde daran, daß die Zeit weiterlief. Man hätte es sonst wohl vergessen können und sich in der seligen Ewigkeit wähnen.

Wäre da nicht diese eine Frau gewesen, die fast jeden zweiten Tag kam um uns zu besuchen. Obwohl ich mich mittlerweile an meinem Platz wirklich wohlfühlte, erwachte doch bei ihrem Anblick jedes Mal die Hoffnung in mir, daß sie mich erwählen möge. Sie schien mir jemand zu sein, der Bücher zu schätzen wußte und sie pfleglich behandeln würde. Woran ich das zu erkennen glaubte? Nun, sie war anders. Wühlte nicht mit gierigen Händen und starrem Blick durch die Reihen, lediglich nach den neuen Büchern greifend und alles verschmähend was einen Stempel trug oder gar beschädigt war. Nein, sie schenkte jedem von uns ihre Aufmerksamkeit, besah sich den Umschlag, blätterte ein wenig hier oder da ... aber leider war ich niemals unter den Glücklichen, die in ihrer Tasche verschwanden und mit ihr nach Hause durften und ich war nach jedem Besuch seltsam niedergeschlagen. Wenn Bücher weinen könnten, hätten meine Nachbarn und ich nicht selten nasse Füße bekommen. Zurückweisung schmerzt auch ein altes Herz nicht unerheblich.

Andererseits gefiel es mir immer besser, einfach nur im Bücherschrank zu sitzen, völlig ohne Verpflichtungen, ohne sich in einem Büro die ständigen Telefonate und Brainstormings anhören zu müssen, ohne die Angst, von Kinderhänden zerfleddert und beschmutzt zu werden, ohne Gebrüll und Lärm, der meine arme Seele stets aufs Grausamste plagte.

Einfach nur dazusitzen, mit Aussicht auf die sonnenbeschienenen Pflastersteine des Kirchhofs die kaum mehr jemand betrat, nichts mehr zu denken, nichts mehr zu wollen, einfach nur zu sein.
Welch pure, ungetrübte Glückseligkeit ...





Sonntag, 19. April 2020

Hirnbrennen


Ich kann fliegen! Ich wußte nicht, daß ich fliegen kann! Wie das im Magen kitzelt - nur nicht nach unten sehen ... Leute ich fliege!!!

Eigentlich ist es ganz einfach. Immer der Nase nach. Und meine ist groß genug, da kann man nicht fehlgehen. Ähm, fehlfliegen.

Hatte ich mich schon vorgestellt? Manchmal bin ich ein bissl zerstreut, aber das bin ich schon immer gewesen, man gewöhnt sich daran. Macrophelia heiß ich. Nein, das ist nicht die, die sich volltrunken durch duftgetränkten Blütenregen wankend im Schlamm ertränkte. Klingt nur so ähnlich und führt oft zu Verwechslungen.

Wegen eines Mannes würd ich mich niemals umbringen, Männer sind Esel. Störrische, verfressene und stets begattungsbereite Esel. Wegen sowas bringt sich keine Frau um die was auf sich hält. Bei mir war's ein Unfall. Leider.

Eigentlich hatte ich schon noch ein Weilchen weiterleben wollen, auch wenn es in der letzten Zeit zunehmend ungemütlich geworden war auf der Erde. Aber vielleicht grad deswegen. Da wird man dann wenigstens mal gebraucht und vegetiert nicht so nutzlos in der Gegend umeinander. Wenn fast alles verboten ist, dann freuen sich die Leute auch wieder über Kleinigkeiten. Aber soweit sind wir dann doch nicht gekommen, die Leute und ich.

Ich mach einen romantischen Spaziergang im Mondlicht, neulich, so zwischen Stadtrand und Autobahn, in der sicheren Gewißheit, daß um die Zeit sicher niemand dort rumstreunt außer mir ... und whaaam ... auf einmal seh ich ein Moped vor mir aus dem Gebüsch schnellend herbeisausen und bevor ich noch auf die Seite springen kann macht's einen DUSCHER und das Ding geht in die Luft. Der Fahrer und ich natürlich mit. Blöd gelaufen.

Scheiß Bandenkriege. Münchner Norden halt. Erst drei Wochen zuvor hatte wer seinen Dealer in dessen Auto erschossen. Einfach so. Puffn raus und Bumm. Der Dealer muß aber auch ein fester Trottel gewesen sein, wenn er geglaubt hat, er kriegt einfach so sein Geld. Völlig freiwillig. Auf einmal. Naja Arroganz kommt vor dem Fall.

A propos Fall, ich muß ein bisserl aufpassen wo ich hinflieg. Sehr neblig heute. Aber hey, ich kann die Gedanken der Leute sehen! Ja krass. Die kleine verkniffene Frau da drinnen will die Polizei anrufen, weil es sie stört, daß da hinten am See zwei Jugendliche sitzen und Alkohol trinken? Weil sie schließlich auch keine Freude mehr haben darf im Leben und dann sollen sich die anderen gefälligst ebenfalls freudlos an die Gesetze halten? Ja hör mal alte Frau, wer sagt denn, daß du keine Freude mehr haben darfst??? Frag doch die Nachbarin, ob sie nicht mal ein Stück Kuchen mitessen mag, kleine Rebellion in Bayern! Sich einfach gegenseitig besuchen! Geht das? Ah, sie hält inne, offenbar kann sie mich hören wenn ich ihr dazwischendenke. Cool!

Nachbarin Zettel schreiben! Kuchen! Nix junge Leute vernadern!

Da, die Hand legt den Hörer wieder auf! Langsam schlurft die Frau in die Küche und ... jetzt seh ich nix mehr. Vielleicht blättert sie im Kochbuch? Stehen da auch Backrezepte drin? Ich kenn mich mit sowas nicht aus, ich glaub nicht daß ich jemals 'ne Hausfrau gewesen bin. In keinem meiner Leben.

So, das ist ja nochmal gut gegangen. Vielleicht sollte ich den Burschen da unten aber auch klarmachen, daß heutzutage bereits der Besitz einer Bierflasche ein Verbrechen darstellt, wenn man sie auf einem Bankerl im Freien trinkt, vor allem wenn noch wer dabeihockt.

Oh nein, die Kieberei ist schon da. Hat Oma doch angerufen? Nee, so schnell sind die nicht ... wahrscheinlich hat jemand anders ... die Deutschen sind wirklich so voll arg! Kein bissl aus der Übung gekommen seit damals.

Behäbig kommt der Polizist aus seinem Auto gekrochen, der Kollege bleibt drin, der Funk blökt, der Polizist denkt: 'Oh Mann, lernen die's nie? Sorglos andere Leute gefährden weil sie nix als Party im Kopf haben ... andererseits, warum soll man nicht auch ein bissl Spaß haben im Leben?'
Angststarr sitzen die beiden Jungs auf der Bank, blicken dem Polizisten entgegen, dieser lacht auf einmal freundlich und fragt: 'Na Kameraden, habt's für mich auch noch ein Bierchen übrig?'

Die beiden gucken erst ihn an, dann sich, dann wieder ihn. Fühlen sich veräppelt, fürchten einen Ausbruch. Der nicht kommt. Der Kollege bleibt im Wagen, brummelt ins Telefon: 'Hör mal Mama, ich arbeite! Nein, ich hab keine Ahnung wie das mit dem Guglhupfrezept von der Tante Anni war. Guck halt in der Truhe nach bei den alten Sachen, ja genau, am Dachboden!'

Der Polizist sitzt jetzt mit den Burschen auf der Bank und trinkt ein Bier. Aus Bayern. Weil's guad is. Und weil sich das so gehört. Buy local. Da sind sich alle drei einig. Ich freue mich und fliege weiter.

Haha, das macht Spaß! Die mit ihren Vorschriften, sakrosankt und unantastbar, die das tapfere Söderlein jeden Tag frisch erfindet, grad wie es ihm Freude macht. Sieben auf einen Streich, oder auch mal mehr. Na, dem werd ich in die Suppe spucken!

Quecksilbrig drehe ich ein paar lustige Salti und fege weiter, auf der Suche nach Vernaderern und Polizistenhirnen, die dringend bekehrt werden müssen. Kann schon sein, daß ich eines nicht allzufernen Tages dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Ziemlich sicher sogar. Aber das ist es mir wert. So bin ich wenigstens nicht umsonst gestorben. Die Menschen können sehr wohl gut sein, wenn sie wollen. Davon bin ich überzeugt. Nur haben die meisten vergessen, was wirklich wichtig ist im Leben. Und ich werde sie erinnern. Weil ich es kann. Damit am Ende doch noch alles gut ausgeht. Glaube, Hoffnung, Liebe. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen!