Freitag, 10. November 2023
Selbsterfüllende Prophezeihung
Sonntag, 5. November 2023
Allergisch gegen Engel
Freitag, 27. Oktober 2023
Alles nur geträumt?
''Jaaaa! Danke! Toll! Seid ihr auch noch stolz drauf oder was!!!!'' Aus vollem Halse brüllte ich gegen die gefühlt hundertachzigste Durchsage an, mit der ein gesichtsloser Bahnmitarbeiter uns immer wieder darüber in Kenntnis setzte, daß sich unser Ersatzzug leider auf unbestimmte Zeit verspäten würde.
Da stand ich nun, in the fucking middle of nowhere, und kam nicht weiter. Wenn in so einem Nest kein Zug fuhr, dann fuhr keiner. Auch kein anderer. Garkeiner. Höchstens in die andere Richtung, aber aus der kam ich ja gerade.
Es war ja auch nicht so, als ob ich keine Pläne hätte. Eigentlich hatte ich vor der Lesung noch gemütlich eine Weile im Hotel abhängen wollen aber das konnte ich jetzt vergessen. Wenn das noch lange so weiterging würde ich es mit viel Glück gerade noch pünktlich zur Location schaffen. Völlig abgehetzt natürlich und total unvorbereitet. Nicht mein Stil.
Das Schlimmste war, daß ich auch noch selber schuld an meiner Misere war. Herr Meyer, einer meiner treuesten Fans, der auf meinen Lesereisen immer wieder unverhofft auftauchte, hatte sich erboten, mich vormittags mit dem Auto bis Paderborn mitzunehmen. Von dort nach Düsseldorf zur nächsten Lesung zu kommen wäre kein Problem gewesen. Hätte ich mal mitfahren sollen! Stattdessen hatte ich mich lediglich lieb bedankt und ihm versichert, das sei nicht notwendig. Aus Angst, ich müsse mich im Gegenzug dann wieder wochenlang um seinen blöden Dackel kümmern, hatte ich sein nett gemeintes Angebot abgelehnt.
Ich konnte das Vieh nicht leiden. Ständig blieb es stehen um an irgendwas zu schnuppern. Man kam einfach nicht vorwärts und Geduld war noch nie eine meiner Stärken gewesen, jetzt im Alter schon zweimal nicht.
Man hatte ja nicht mehr viel Zeit.
War doch nicht damit zu rechnen gewesen, daß die uns schon nach wenigen Kilometern rüde aus dem Zug komplimentieren würden weil er angeblich defekt sei. So defekt konnte der nicht gewesen sein, da er nach kurzem Aufenthalt fröhlich weitertöffte. Warum konnte man die Leute dann nicht noch die eine Station bis Paderborn mitnehmen? Das war doch lachhaft!
Mißmutig schlug ich meinen Stiefel gegen die Bahnsteigkante. Mein Blick fiel auf das Schild rechts von mir: 'Betreten der Gleisanlage strengstens verboten.'
Sofort mußte ich an Willi denken. Wohnte der nicht hier irgendwo in der Gegend? Der war so irre der Typ, ich hatte ihn geliebt. Damals. Von Verbotsschildern ließ sich Willi niemals abhalten. Im Gegenteil. Die spornten ihn erst recht an, das Areal zu erkunden, das es um jeden Preis zu vermeiden galt. Egal ob Truppenübungsplätze, Moorgebiete oder auch mal Gleisanlagen.
Wir waren uns aufgrund der Distanz unserer Wohnorte zueinander nur selten persönlich begegnet, hatten uns jedoch jahrelang täglich geschrieben und oft telefoniert, bis von heute auf morgen von ihm keine Nachricht mehr kam. Da ich seine Adresse nicht hatte (da tat er immer sehr geheimnisvoll), seine Handynummer aber offenbar außer Betrieb war, mußte ich das so hinnehmen obwohl ich ihn so sehr vermißte, daß es körperlich wehtat.
War er mir doch ein unermüdlicher Begleiter gewesen, stets mit Rat und Tat zur Seite, mich motivierend und immer wieder zum Lachen bringend. Zunächst stürzte ich in ein tiefes Loch. Dann aber begann ich wieder zu schreiben. Texte, die vor Wehmut und süßlicher Schwere förmlich troffen. Welche aber erstaunlicherweise bald darauf einen Verlag aufmerksam werden ließen. Somit habe ich es letztendlich Willi zu verdanken, daß aus mir - spät aber doch - eine 'richtige' Autorin geworden war. Eine Autorin, die stolz echte Bücher umeinandertragen konnte auf der ihr eigener Name gedruckt war, die aber leider auch Lesungen abhalten mußte. Immerhin bezahlte Lesungen. Was natürlich jetzt blöd war, wenn kein Zug kam. Taxi war in dem Kaff ja auch keins zu bekommen. Jedenfalls jetzt nicht mehr, nachdem die anderen Mitreisenden sämtliche verfügbaren Autos in Beschlag genommen hatten. Außer einem Gilbert gab's ja weit und breit kein Taxiunternehmen, wie mir mein Handy verriet. Das hier war Land. Für Stadtmenschen wie mich unvorstellbar abgelegen.
Außerdem war Winter. Eiskalter Winter. Ewig würde ich hier nicht rumstehen können. Was also war zu tun? Vielleicht erstmal einen Tee trinken? Zu meinem großen Erstaunen hatte ich nämlich bereits entdeckt, daß es drüben auf Gleis 1, welches seltsamerweise als Gleis 21 betitelt war, neben dem hübschen alten Bahnhofsgebäude tatsächlich sowas wie ein Bahnhofsrestaurant gab. Nicht nur Snacks und Getränke waren erhältlich, sogar einen Schalter gab es an dem man Fahrkarten kaufen konnte. Eine Rarität in diesen Tagen der anonymen Automaten und ständigem Verweisen auf Handy-Apps.
Heftig keuchend drückte ich die Türe auf und schleppte meinen Koffer über die Schwelle des einladenden Gebäudes. Wohlige Wärme umhüllte mich. Dankbar ließ ich mich auf eine der Holzbänke fallen und sah mich um. An einer Wand hingen gerahmte Sinnsprüche. Wohl um den Reisenden, die kein Buch dabei hatten, die Zeit nicht lang werden zu lassen? In einer Ecke saßen ein paar unrasierte Gestalten die den Eindruck erweckten, zum Inventar zu gehören. Dumpf murmelnd klatschten sie in unregelmäßigen Abständen ihre Karten auf den Resopaltisch, ab und an ein ungläubiger Ausruf, dann wieder Murmeln. Es fehlte eigentlich nur noch die verrauchte Luft, aber natürlich war selbst hier, gefühlt am Ende der Welt, das Rauchen innerhalb öffentlicher Gebäude verboten.
An einem der Stehtische schrieb ein Mann mit wallend langem Haar, wie ein finsterer Engel sah er aus, mit einer altertümlich anmutenden Gänsefeder etwas in eine aufgeschlagene Kladde. Führte der hier ein Sündenregister oder was? Wundern würde es mich nicht. Auch nicht, wenn plötzlich eine Himmelsleiter abgerollt käme, die er gemessenen Schrittes hinaufwandeln würde während im Hintergrund jemand auf der Posaune spielte. Man kam sich hier wirklich vor wie am hintersten Rand der Zivilisation. Immerhin war der Engel glattrasiert und kam mir eigentümlich bekannt vor. Wußte aber nicht, wo ich ihn einordnen sollte.
Nachdem ich meinen wärmenden Kamillentee bekommen hatte, versank ich wieder in hektische Grübeleien. Geduld war, wie bereits bemerkt, nie eine meiner Stärken gewesen und ich hatte es wirklich EILIG. Sonst hätte ich mich einfach nach einem Hotel erkundigen können und einen Tag Pause einlegen. Aber meine Lesung war HEUTE Abend, nicht irgendwann wenn die Frau Autorin mal geruhte einzutreffen. Ob ich beim Verlag anrufen sollte? Aber was wollten die machen? Mir einen Hubschrauber schicken aus der Schweiz? Sicher nicht. Schließlich war ich kein Ken Follett. Wobei der bestimmt nicht mit dem Zug fahren mußte. Der hatte sicherlich einen Chauffeur, der ihn in der Gegend umeinanderkutschierte.
Wieder mußte ich zu dem finsteren Engel hinschauen. Irgendwie sah der aus wie ... das konnte doch nicht ... Während ich noch kurzsichtig blinzelnd den Mann anstarrte, hob dieser seinerseits den Blick und begann ebenfalls zu starren: ''Entschuldigen Sie, aber Sie erinnern mich ... Sie sehen aus wie eine ehemalige ... Brigitta, bist du das?'' ''Willi! Hab ich mir's doch gedacht! Aber seit wann hast du Haare?''
Willi lachte dröhnend. ''Meine Brigitta wie sie leibt und lebt. Immer gleich auf den Punkt.'' Etwas leiser fuhr er fort: ''Aber hömma, ich bin inkognito unterwegs, deshalb auch die Perücke. Paß auf, ich geh jetzt raus und warte dann am Gleis 2, wo der Zug nach Paderborn abfährt. Abfahren sollte. Hätte abfahren sollen. Du kommst dann in etwa 5 bis 10 Minuten nach. Kannst ruhig noch ein bißchen grummeln, Scheiß Bahn und so, damit du nicht weiter auffällst.''
Völlig platt saß ich auf meiner harten Holzbank. Die Götter hatten wirklich eine seltsame Art, zu wirken. Nach all den Jahren schickten sie mir meinen Willi über den Weg, ausgerechnet an einem Tag an dem ich weder Zeit noch Nerven für eine Wiedersehensfeier hatte. Und er wohl auch nicht, so wie es aussah. Er hatte sich mittlerweile seine blaue Kladde unter den Arm geklemmt und war ohne einen weiteren Blick zur Türe hinausgeeilt. Der Willi. Immer in irgendwelchen undurchsichtigen Missionen unterwegs. Bereits früher hatte er ständig Geschichten von angeblich super geheimen Treffen auf Lager gehabt, an denen er teilnehmen mußte, über die er aber selbstverständlich nichts verraten durfte. Schließlich waren sie ja geheim. Die meisten Menschen hielten ihn für einen Spinner, ich fand ihn toll. Wir hatten so wunderbar zueinander gepaßt. Zwei verlorene, ehrbare Seelen in dieser irrsinnigen Welt voller Täuschungen und Irrungen. Und nun sollte ich ihn endlich wiedersehen! Kaum hielt es mich auf meinem Platz, aber geheim war geheim, da darf man nichts falsch machen.
Zwei Durchsagen später (die Bereitstellung meines Zuges verzögerte sich weiterhin auf unbestimmte Zeit) stand ich auf und eilte voller Vorfreude zum Gleis 2. Doch was war das? Weit und breit kein Willi zu sehen. Dafür stand inzwischen ein Zug da und der Lautsprecher drängte die (nicht vorhandenen) Passagiere, doch rasch zuzusteigen, da man eine beträchtliche Verspätung aufzuholen habe. Was sollte ich tun? Einsteigen und das Wiedersehen vergeigen? Vielleicht hatte er ja noch rasch auf die Toilette müssen? Oder die Perücke wechseln? Oder beides? Andererseits hatte ich Verpflichtungen gegenüber meinem Verlag. Einfach nicht zu erscheinen weil man glaubte, in einer Bahnhofskneipe einen Bekannten getroffen zu haben? Klang selbst in meinen Ohren lächerlich und ich bin von mir immerhin einiges gewohnt. Meine Lieblingslehrerin damals in der 10-ten Klasse hatte stets meine rege Phantasie gelobt.
Seufzend wuchtete ich meinen Koffer in den Zug und kletterte hinterher. Pflicht war Pflicht. Und inzwischen war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob die Begegnung tatsächlich stattgefunden hatte. Der Willi, den ich gekannt hatte, wäre niemals mit einer so lächerlichen Perücke in der Öffentlichkeit herumgelaufen. Beknackte Mützen ja. Altmodische Hüte, auch ja. Aber niemals eine Langhaarperücke. Vielleicht hatte ich die Begegnung nur geträumt? Wunschdenken, ausgelöst durch dieses Verbotsschild? Hätte ich nicht vielleicht doch warten sollen? Aber schließlich wußte ER doch wie er mich erreichen konnte. Warum hatte er das nie versucht?
Die Umstiege in Paderborn und Hamm gingen problemlos vonstatten, obwohl ich mit meinen Gedanken nicht bei der Sache war und noch immer mit mir haderte, entgegen meiner Überzeugung in diesen blöden Zug gestiegen zu sein. Als ich in dem für mich gebuchten Hotel ankam, erwartete mich an der Rezeption eine Nachricht: Es täte ihnen (dem Verlag) total leid, doch die für heute angesetzte Lesung müsse leider mangels Interesse ausfallen.
Na Bumm!
Später, im Hotelrestaurant nach dem dritten Glas Wein, glaubte ich plötzlich, einen großgewachsenen, langhaarigen Mann zu erkennen, der forschen Schrittes in Richtung Ausgang marschierte. Doch obwohl ich sofort hinterherstolperte, war er nicht mehr zu sehen sobald ich den Hotelausgang erreicht hatte. Frierend stand ich auf der Straße im Schneegestöber und weinte bittere Tränen um eine nun unwiderruflich verlorene Freundschaft.
Donnerstag, 19. Oktober 2023
Die Niederlage Reginald des Rächers
Mittwoch, 18. Oktober 2023
Im Jenseits gibt es keinen Wodka
Ich sehe dich nicht. Immer noch nicht. Ich habe Angst! Der Weg hierher war total gruselig, schwarz und schlammig wie im Moor, und ich hatte ständig Angst, zu versinken. Eine Stimme in meinem Kopf (deine???) mahnte immer wieder: Fürchte dich nicht, geh einfach weiter. Denk an das Licht!
So bin ich nun an dieser Brücke angekommen. Die hatte ich mir auch anders vorgestellt.
Bunt, hell, vielleicht nicht grad mit Herzchen und Blümchen aber doch nicht so!
So unromantisch und ungepflegt.
Außerdem bin ich nicht schwindelfrei. Ob die mein Gewicht aushält? Obwohl, ich hab ja eigentlich keinen Körper mehr.
Die Landschaft erinnert mich ein bissl an unseren Schloßpark in Innsbruck. Weißt noch, Innsbruck, wir beide? Der Gunsch immer mit dem Besen vor dem Haus damit ihm ja nix entgeht und der kleine Laden in Hötting mit den Schulheften, dem Brot und den kleinen Teddybärchen?
Wo ich mich ewig nicht entscheiden konnte welches von beiden ich nehmen soll und du bist dann später heimlich nochmal runter und hast das zweite Bärchen gekauft damit es nicht traurig ist.
Und jetzt krieg ich langsam Panik. Du hast doch versprochen du holst mich ab!
Tote brauchen keine Brillen, ich sehe glasklar. Alles. Nur dich nicht.
Im Jenseits gibt es keinen Wodka. Daran kann es also nicht liegen, daß du zu spät bist.
Ok deine Orientierung war schon immer Scheiße. Aber ich brauch dich jetzt! Ich weiß nicht wo es langgeht. Ich seh nur Felsen und da komm ich doch nicht mehr rauf in meinem Alter! Tot oder lebendig. Wurscht. August wo bist du? Ich hasse Warten, August, du weißt das!
Hat der Nietzsche Bernd immer gesagt.
August, du weißt das!
Hast du den mal irgendwo getroffen?
Oder den Mike? Oder den Joe?
Wo seid ihr denn alle?
Ist das der Tod?
Alleine deppert umeinanderwarten?
In alle Ewigkeit?
Wo ist das Licht? Wo sind die Engel?
'Frau Niedermöller, da sind Sie ja!'
Vor mir steht ein Mann mit langem Bart.
'Sind Sie der Petrus? Komm ich nun doch in den Himmel rein? Wo ist denn der Eingang?'
'Frau Niedermöller Sie kommen doch jetzt noch nicht in den Himmel! Jetzt gibt's erstmal Abendessen. Sie waren ja fleißig unterwegs heute, fast hätt ich Sie nicht gefunden so weit hinten im Garten. Da haben Sie jetzt sicher tüchtig Hunger!'
Samstag, 14. Oktober 2023
Damals, beinah ...
Die Zeit verging, verrann ihr zwischen den Fingern wie der Sand, den sie gedankenverloren immer wieder von einer Hand in die andere laufen ließ. Die Hoffnung, ihm hier noch einmal zu begegnen, wurde jeden Tag kleiner, doch niemals verschwand sie völlig, so wie die Sonne es jeden Abend tat ... und selbst diese tauchte regelmäßig morgens erneut aus dem Meer wieder auf als sei nichts geschehen und sie hätte sich nur einmal kurz das Gesicht waschen müssen.
Ein Mann, eine Kamera, ein Stativ. Jeden Tag war er hier vorbeigekommen, meist gegen neun Uhr morgens. Anfangs hatte er sie natürlich nicht beachtet. Schließlich war nur eine von vielen Urlauberinnen und sein Blick war stets in die Ferne gerichtet gewesen. Ein Suchender. Ein Philosoph. Ein Heiliger vielleicht?
Eines Tages jedoch hatte er eine ungewöhnlich geformte Muschel entdeckt, die nicht weit von ihren weißen Stadtbewohnerinnenzehen entfernt auf dem Sand gelegen war.
Nachdem er umständlich sein Stativ aufgebaut und die Muschel von allen Seiten fotografiert hatte, sah er ihr plötzlich und unerwartet direkt ins Gesicht, seine Mundwinkel zuckten kaum wahrnehmbar. Er bückte sich, hob die Muschel auf und überreichte sie ihr mit einer formvollendeten Verbeugung.
Auch sie war stumm geblieben, sah ihm lediglich mit einer kindlichen Verzückung ins Gesicht, suchte nach einem Punkt an dem sie sich festhalten konnte doch schon hatte er sich abgewandt, ergriff sein Stativ und marschierte weiter, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen.
Natürlich saß sie am nächsten Morgen wieder hier und wartete gespannt darauf, ihn wiederzusehen.
Doch er kam nicht. Nicht an diesem Tag und auch an keinem anderen.
Inzwischen war es Herbst geworden, die anderen Touristen waren abgereist, die Strandkörbe standen einsam und verlassen nebeneinander. Ein kalter Wind pfiff ihr um die Ohren während sie unverdrossen weiter wartete. Die kostbare Muschel war sicher im Hotelsafe verwahrt, zusammen mit ihrer mittlerweile beträchtlich geschrumpften Barschaft. Bald würde sie aufbrechen müssen. Zurückfahren nach Hause, in ihre kleine muffige Wohnung, in der niemand auf sie wartete.
Niemand konnte ahnen, daß, nur wenige Kilometer entfernt, das Meerwasser täglich von früh bis spät leise plätschernd eine von vielen vielen grünen Algen mittlerweile fast völlig zugewobene Kamera umfloß. Daneben eine weiße Hand, die noch immer zu versuchen schien, sich ihr Eigentum zurückzuerobern.
Bei Ebbe nur erhob sich knapp daneben eine perlweiße Düne aus dem Meer, das Schild davor bereits von den Elementen völlig verwittert und unleserlich geworden: Danger! Keep away!
Foto: © by Flaneur1960, Bad Driburg / Bildrechte liegen ausschließlich beim Fotografen und der Autorin
Mittwoch, 12. Juli 2023
Alexander Schmatulkes Traum von der Liebe
Alexander Schmatulke war verärgert. Ungewöhnlich für ihn, der er sonst ein eher gleichmütiges Verhalten an den Tag legte aber irgendwann langt's halt. Und irgendwann war jetzt!
Da hatte er seine Frau sorgfältig zerhackt, mittels einer aus der Arbeit mitgenommenen Knochensäge mühevoll zerkleinert, portionsweise verpackt und im Gefrierschrank verschwinden lassen - und jetzt? Stromausfall. Stromausfall bitte!!! Im gesamten Stadtteil, auf unbestimmte Zeit. 'Wieder so ein Cyberangriff!' sagten wichtigtuerisch jene, die bei Bekannten noch Fernsehschauen konnten.
Der Gestank in seiner Wohnung war bereits nach wenigen Stunden bestialisch. Da half kein Parfum mehr. Bald würden die Leute reden. Fragen stellen. Sich wundern. Man würde sich erinnern. Später, wenn die Kommissare kämen. Erinnern an den Gestank und wie man Frau Schmatulke eigentlich schon länger nicht mehr gesehen hatte.
Als ob sich auch nur einer von denen Gedanken um seine Frau gemacht hätte, dachte Alexander voller Ingrimm, als noch Gelegenheit dazu gewesen wäre. Sie mal besucht hätte. Gefragt, wie es ihr geht. Aber das wußten wir ja alle, wie es ihr geht. Ging. Gegangen ist. Scheiße ist es ihr gegangen. Gefühlt seit Ewigkeiten schon. Deswegen war sie auch in einer Tour am Keppeln gewesen. So daß er schließlich keine andere Möglichkeit mehr gesehen hatte als sie zu erlösen. War doch kein Leben mehr gewesen mit der Alten. Für sie nicht und genausowenig für ihn.
Endgültig in ihm gereift war dieser Entschluß, nachdem er, verblüfft über sich selber, beim Anblick einer gewissen jungen Dame die, wie er, jeden Morgen mit dem halb-8-Uhr Bus in die Stadt fuhr, in seiner Brust ein Jubeln verspürt hatte. Ein Zerren und sehnsüchtiges Ziehen. Eine unpackbare Freude, die beim Anblick des Mädchens immer wieder aufs Neue entfacht wurde.
Natürlich war er nicht so vermessen, sich altem Trottel bei so einem jungen Ding, wahrscheinlich Studentin denn sie stieg immer bei der Uni aus, Chancen ausrechnen zu wollen. Niemals. Da mußte man schon auf dem Teppich bleiben.
Die Gefühle jedoch, die sie in ihm hervorrief, die wollte er auskosten. Diese lang schon vergessenen, vergrabenen, und nun unverhofft erneut zum Leben erweckten Gefühle.
Spüren. Genießen. Träumen. Davon, was wäre, wenn. Wenigstens das. Ein kleines, bittersüßes Glück. Welches ihm seine Frau mit ihrem fix ins Gemüt eingestanzten Mißmut einfach nicht gönnen wollte. Einfach nichts Positives um sich herum zuließ. Die Atmosphäre in der Wohnung dauerhaft vergiftete. Mit ihrer quäkenden Fragerei beispielsweise, wo er so lange gewesen, wenn er auch nur ein Viertelstündchen später als gewohnt von der Arbeit nach Hause kam. Entenleber mitbrachte, die ihr zu fettig war obwohl sie sie sich am Morgen noch gewünscht hatte. Barsch, der ihr zuviele Gräten hatte oder Erdbeeren, die ihr nicht reif genug erschienen.
Weil der Greißler am Eck eh ein Gauner war und hätte sie das nicht immer schon gesagt?
Hatte sie.
Also mußte er sie erlösen. Vom Greißler, vom Leiden und von ihm. Ihrem Nichtsnutz von Ehemann der endlich zum Leben erwacht war. Zu einem Leben, das er ohne sie und ihr permanentes Gemecker zu führen gedachte.
Und nun der Stromausfall.
Natürlich hätte er die Leiche nicht ewig in der Gefriere verstecken können. Irgendwann wäre der Zeitpunkt gekommen, an dem er seine Frau als vermißt hätte melden müssen. Vom Einkaufen nicht zurückgekommen, beim Greißler, von dem man ja wußte ...
Aber doch jetzt noch nicht! Noch ehe er Gelegenheit gehabt hatte, sie portionsweise zu entsorgen!
Am nächsten Morgen fand er sich, nolens volens, mit einem leider deutlich miefenden Packerl in seiner Aktentasche auf dem Weg in die Arbeit. In einem großen Krankenhaus sollte es doch möglich sein, etwaige Teile, die bei einer OP übrig geblieben waren, zu entsorgen. Und wenn da mal ein bissl mehr lag ... seine Kollegin von der OP-Reinigung, die ihm auch die Knochensäge stibitzt hatte (er selber arbeitete in der Sterilisation und war leider nicht in einer Position, wo man einfach mal ein Gerät beiseiteschaffen konnte) würde ihm hierbei vielleicht weiterhelfen?
Doch der Weg zur Arbeit war lang und der Sommer bereits jetzt am Morgen drückend heiß. Sehr heiß. Am Hauptplatz stieg wie immer seine Angebetete ein, dieser frische Hauch in seinem neuen Leben ... doch noch bevor er mit seiner Aktentasche von ihr abrücken konnte, schließlich wollte er nicht, daß sie dachte er hätte sich nicht geduscht, zwinkerte sie ihm zu und meinte: 'Keine Sorge, ich kenne diesen Geruch. Ich arbeit grad unten auf der Prosektur. Ich studier Humanmedizin, zweites Semester.'
Alexander erstarrte. So schnell war also das Ende gekommen ... würden sie ihn nach Kaisheim bringen - oder vielleicht gleich nach Stadelheim zu den ganz harten Jungs?
Die Studentin plauderte munter weiter: 'Ich hab auch mal einen Hirschen zusammengefahren. Natürlich völlig unabsichtlich. Weit und breit niemand, also das Tier in den Kofferraum und ab dafür. Und dann aber drauf vergessen. Tja, wohin dann mit der Leich? DAS war vielleicht eine Sauarbeit sag ich Ihnen, bis wir die Teile entsorgt hatten. Mein Freund hat mir geholfen. Haben Sie auch einen Freund oder müssen Sie alles alleine machen? Aber warum ich Sie anspreche, Sie hätten nicht vielleicht den einen oder anderen dicken Knochen übrig für uns? Wir machen grad Versuche mit Fadenankern und an menschliche Knochen kommt man ja sooooooooooooooooooooo schlecht ran.'
Alexander schluckte. Menschliche Knochen. Hätte er durchaus anzubieten jetzt. Jede Menge. Aber wie erklärt man das einer harmlosen Medizinstudentin?
'Drogentote', brachte sich sein Gegenüber wieder zu Gehör, ungeachtet dessen, daß bereits die halbe Bahn interessiert zuhörte. 'Drogentote sind super, wenn die keine Angehörigen haben die sich kümmern, dann kriegen wir die manchmal. Aber natürlich sind die Knochen dann auch nicht mehr sooooooooooooooooooo dolle beinand.'
In Alexanders Kopf spielte unerklärlicherweise ein Orchester in minimaler Besetzung das alte Lied: 'Es zittern die morschen Knochen der Welt vor des Todes Sieg ...' oder sowas in die Richtung.
In seinem Inneren tobte ein Kampf. Was sollte er nun machen? Freundlich lächelnd die gute Frau verabschieden und sich extrem zeitnah um die weitere Vernichtung seiner Frau kümmern oder - um ein zweites Treffen mit der Angebeteten zu erheischen - sich als Sozialarbeiter vorstellen der REIN zufällig einen Drogentoten zu betreuen hatte bei dessen Verfolgung er leider diesen Hasen überfahren hatte dessen sterbliche Überreste er nun in seiner Aktentasche herumtrug in der Hoffnung, diese in der Klinik unbemerkt verschwinden lassen zu können?
Als hätte sie seine Gedanken gelesen, nahm Wanja, wie sie sich ihm nun vorstellte, die Entscheidung gekonnt in ihre russischen Hände und meinte: 'No schauen Sie, Sie kommen heute einfach ein bissl später in die Arbeit rauf, und ich zeig Ihnen derweil wo man bei uns unten die Resterln hintun kann. Damals wie ich noch in Wien studiert hab, wars ein bissl einfacher, die Österreicher haben's nicht so mit dem Reglement, aber dafür gehen die Deutschen immer davon aus, daß sich ALLE an die Regeln halten, so kommt man leichter dazwischen.'
Inzwischen waren sie angekommen, stiegen in den Lift nach unten und Wanja zeigte ihm stolz 'ihr' Reich, die Prosektur. Ein bissl wie in einem dieser japanischen Hotels mit den sehr engen Zimmern, nur daß in den 'Zimmern' Tote lagen und auf die Obduktion warteten. Menschen in weißen Kitteln wuselten durch die Gegend ohne sie beide zu beachten. Die Räume mit den meterhohen Plafonds standen voll mit frisch gewienerten blanken Liegen aus Chrom und Stahl, jedoch aktuell alle unbelegt worüber sich Alexander sehr freute. Noch mehr Leichengestank hätte er jetzt nicht noch gebraucht. A propos Leichengestank ... unauffällig stupste er Wanja in die Seite und deutete auf seine Aktentasche.
Diese grinste und meinte: 'Müssen wir noch ein bissl warten, sind grad zuviele Leute umadum. Komm mit, ich zeig dir derweil mal die Veterinärmedizin. Noch bevor Alexander die Chance gehabt hätte, etwas zu sagen, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich hier durch ein Gewirr von Gängen, ein Kaninchenbau war nichts dagegen. Wie soll ich hier jemals wieder herausfinden, dachte er kläglich ... doch schon stoppte Wanja vor einer Türe und lugte vorsichtig hinein. Schlüpfte hindurch und winkte ihm, ihr zu folgen. Todesmutig betrat Alexander hinter ihr das Zimmer und erstarrte. Ein riesiger Saal voller Schafe! Eins nach dem anderen pittoresk auf einer Liege plaziert, doch keins gab auch nur den geringsten Laut von sich.
'Sind die alle ... tot?' fragte Alexander und räusperte sich mehrmals, seine Stimme schien ihm hier unten nicht mehr wirklich zu gehorchen. 'Ach woher, die machen einfach nur Versuche mit denen. Jetzt schau nicht so mitleidig, immer noch besser als wenn die an Menschen rumexperimentieren, oder? Magst mal ausprobieren? Komm, leg dich doch mal hier auf die freie Liege!' Grinsend schob Wanja den stolpernden und mittlerweile todbleichen Alexander rückwärts auf eine der Stahlliegen zu. Verzweifelt versuchte sich dieser zu wehren, ließ seine geliebte Aktentasche zu Boden fallen, ruderte mit beiden Armen, aber keine Chance, Wanja war nicht umsonst in Russland zur Schule gegangen. Sie wußte wie man kämpft.
Am Ende lag Alexander festgeschnallt neben den Schafen auf einer Liege und mußte hilflos mitansehen, wie Wanja routiniert eine Spritze aufzog und sich ihm damit näherte.
'Mußt du keine Angst haben Alexejowic, ist schnell vorbei. Du hast ewige Ruhe (sie deutete zwinkernd auf seinen Ehering) und wir haben ein feines Paar Humeri für unsere Forschung. Win-Win Situation, wie ihr das hier nennt.'
Alexander hätte noch soviel zu sagen gehabt. Daß er ihr ebenfalls zwei Humeri bringen könnte von daheim, daß er doch garnicht mehr verheiratet sei und daß er sie liebte ... aber dazu war es jetzt zu spät. Mit einem letzten Blick in die Augen seiner schönen Mörderin verabschiedete er sich von dieser Erde und nahm all seine frisch wiederentdeckten und letztendlich doch unausgelebten Träume und Sehnsüchte mit sich hinüber in die Anderswelt.





