Montag, 2. November 2026

Gaudeamus igitur?

Martha war ein typisches Mauerblümchen. Am Gymnasium war sie so schüchtern gewesen, daß ihr Schwarm sie völlig zu übersehen pflegte, sie höchstens, Fratzen schneidend, blöd nachäffte, wenn sie ihn von ihrem Platz aus mit offenem Mund anschwärmte. So vergingen die Jahre, Martha wurde älter, aber blieb unsichtbar. Mit 17 beschloß sie, die Schule zu wechseln. Einfach noch einmal neu anzufangen. Doch auch in der neuen Klasse war sie einfach nicht vorhanden.

Eines schönen Tages stieg sie, da sie den Linienbus zur Fachoberschule knapp verpaßt hatte, in den Bus ein, der die Jugendlichen ins Berufsbildungwerk führte. Eine ganz besondere Gruppe junger Leute, die sich offenbar wenig um die üblichen Gepflogenheiten kümmerten, denn hier kreiste bereits in der Früh um Sieben die Schnapsflasche. Um nicht als Weichei dazustehen, nahm auch Martha einen tiefen Schluck. Und begann sofort heftig zu husten. Henning lachte und klopfte ihr gutmütig auf den Rücken. 'Immer langsam mit den jungen Pferden, das Zeug hat 40 Umdrehungen, das kannst du nicht reinlaufen lassen wie Limo.'

Seither hatte Martha auch in der Schule immer einen kleinen Flachmann einstecken. Alles fiel ihr leichter, wenn sie etwas getrunken hatte. Das Risiko, sich zu blamieren oder abgelehnt zu werden, erschien ihr nun eingehenswert und so wurde sie wagemutiger, riskierte den Lehrern gegenüber immer öfter eine Lippe und nahm die Verweise völlig gleichmütig entgegen.

Die Klassenkameraden begannen, sie zu respektieren und in ihre Kreise einzubeziehen. Was Martha schon nicht mehr wirklich wahrnahm. Seltsam, dachte sie. All die Jahre hätte ich wer weiß was dafür gegeben, von den anderen beachtet zu werden. Nun da es soweit ist, empfinde ich nicht einmal mehr Gleichgültigkeit, ich empfinde garnichts. Im Vergleich zu Henning waren das alles noch Kinder. Henning war ein Mann. Wie der knutschen konnte! Natürlich nicht mit ihr. Mit Mutze. Als sie den beiden zum ersten Mal zugesehen hatte, war ihr wieder einmal der Mund offengestanden. Das mußte wahre Leidenschaft sein, hatte sie gedacht. Henning hatte nur gelacht und gemeint: 'Du bist dafür noch zu jung, wenn du mal älter bist, dann zeig ich dir gerne mehr'.
Zu jung. Wann war man alt genug für die Liebe?
Wenn man bereits die ersten Falten bekam?

An diesem Abend traf sie Bernhard. Bernhard war bereits 21 und hatte ein Auto. Bernhard war leider auch ziemlich dämlich, aber das fiel Martha mit ihrer mangelnden Menschenkenntnis zunächst nicht weiter auf. Bernhards Freunde waren ein bunter Haufen junger Leute, die alle eine Lehre machten und sich in ihrer Freizeit fortwährend betranken. Die Lokale waren billig, der Alkohol ebenfalls, und so fühlte sich Martha pudelwohl in ihrer neuen Clique. Daß es alles andere als normal war, sich als 17-jährige in einer heruntergekommenen Bahnhofskneipe zu betrinken und Karten zu spielen, statt in eine Disco zu gehen wie andere Mädchen in ihrem Alter, wußte sie nicht und hätte sie es gewußt, es wäre ihr egal gewesen.

Der Wirt besagter Bahnhofskneipe hieß Toni. Toni war immer gut aufgelegt und auch seine Kumpels gaben sich zugänglich und luden Martha, wenn sie ohne ihre Clique dort auftauchte, immer gerne auf ein paar Gläser Sekt ein. Was Martha mit Freuden annahm, sich am Ende bedankte und frohgemut nach Hause fuhr zu ihrem tobenden Vater. Was Martha nicht mehr mitbekam war, wie sich Toni und seine Bekannten jedes Mal hinterher auf die Lippen bissen vor Wut, weil sie sie wieder nicht betrunken genug bekommen hatten, um sie flachzulegen. 'Dieses Miststück verträgt zuviel! Ungelogen, ich hab noch nie eine 17-jährige getroffen die derartig saufen kann und danach noch selbständig heimfährt. Wir müssen ihr anders beikommen, aber wie?'

Bald darauf betrat Martha einmal wieder Tonis Treff am Oberhauser Bahnhof. Hinter dem Tresen stand Mary, eine von Tonis Nutten. Was Martha natürlich nicht wußte. 'Du, ich gib dir ein Weizen aus,' wurde sie von Mary begrüßt, 'aber vorher mußt bitte dem Toni seine Hosen rüberbringen. Der ist so vergeßlich, vorhin ist er heimgegangen aber hat die Hosen liegenlassen die ich ihm mitgebracht hab. Frisch aus der Wäscherei. Und ich kann hier nicht weg, siehst ja wie's zugeht. Machst das für mich?'

Hilfsbereit wie sie war, erklärte Martha sich sofort bereit, ließ sich den Weg erklären und marschierte los. Allerdings wurde auf ihr Klingeln nicht geöffnet. Ratlos stand sie eine Weile im Treppenhaus herum, dann legte sie die Hosen sorgfältig auf dem Fußabtreter ab und kehrte ins Lokal zurück.
Mary sah sie verdutzt an, zapfte aber dann doch das versprochene Weißbier und der Abend war gerettet.

Bald darauf kam es zum absoluten Eklat. Martha war einmal wieder mit Bernhard in Tonis Treff gesessen. Bernhard hatte die Woche zuvor die ganze Zeit mit Doris geflirtet und nun wollte es Martha ihm heimzahlen. Sie knutschte derart schamlos mit Brigitte herum, daß sogar die Kumpels von Toni applaudierten und sie zu einer weiteren Runde Sekt einluden. Bernhard war irgendwann wütend abgezogen und so bot man ihr an, sie heimzufahren. Was sie gerne annahm. Von Oberhausen nach Inningen war es ein weiter Weg mit den Öffis, das Autofahren war da doch weitaus angenehmer.

Doch was war das? Wo fuhren die denn hin? 'Leute sorry,' meldete sie sich vom Rücksitz, 'das ist nicht der Weg nach Inningen, da hättet ihr vorhin links abbiegen müssen.' Der Fahrer grinste nur und ließ sich zu keinerlei Kommentar herab. Martha wurde mulmig zumute. Was hatten die vor?
Nach einer Weile bemerkte sie erleichtert Bernhards kleines Auto, das sich tapfer hinter dem Zuhälterschlitten hielt und ihnen nicht von der Stoßstange wich. Offenbar hatten auch die anderen den Wagen erkannt, denn auf einmal wurde der Mund des Fahrers schmal vor Zorn. Er wendete wortlos und schlug den richtigen Weg ein.

Bernhard empfing sie vor dem Gartentor ihres Elternhauses. 'Ist dir eigentlich klar, in was für einer Gefahr du geschwebt hast? Ich hab ein Gespräch mitangehört vorhin am Parkplatz. Die wollten dich in eine Falle locken neulich. Du wurdest unter einem Vorwand zu Toni geschickt und er sollte dich vergewaltigen und zu einer seiner Nutten machen. Und ich denke nicht, daß er sich mit Pole-Dance Vorführungen zufriedengegeben hätte. Und nachdem Toni just an dem Abend wieder so pralle war, daß er die Türklingel verpennt hat, wollte man dich heute Abend entführen und den Job endlich zu Tonis Zufriedenheit erledigen.

Jemand wie du, der nicht einmal mit dem eigenen Freund ins Bett gehen möchte (an dieser Stelle bekam er wieder diesen Hundeblick der sie immer total wütend machte) sollte auf einmal ganze Heerscharen von Männern bedienen? Tu mir bitte einen Gefallen und geh NIE mehr alleine in diesen Schuppen! Am besten du gehst sowieso da nicht mehr rein. Wir suchen uns eine andere Stammkneipe, ok?'

Martha starrte Bernhard an. Sie sah das zerschlissene Interieur seines kleinen Autos, das im Mondlicht glänzte. Er hatte ihr gerade das Leben gerettet – oder zumindest das, was davon noch übrig war. Und trotzdem empfand sie nichts als eine tiefe, bleierne Müdigkeit. 'Okay', sagte sie leise. 'Nie wieder!' Bernhard atmete erleichtert aus, strich ihr über den Arm und glaubte fest daran, in diesem Moment ihr Held zu sein. Martha ließ es geschehen. Sie betrat leise das Haus, schlich an der geschlossenen Schlafzimmertür ihres Vaters vorbei, aus der lautes Schnarchen drang, und setzte sich in der Dunkelheit auf ihr Bett. Sie dachte an Henning, der ihr damals den ersten Schluck verpasst hatte. Immer langsam mit den jungen Pferden. Sie hatte gelernt, zu reiten. Schneller und wilder als die meisten Mädchen in ihrem Alter. Sie hatte die Wölfe überlebt, einfach nur, weil sie mehr vertrug als andere. Sie griff in ihre Tasche, spürte das kalte Metall des Flachmanns und trank den letzten Schluck. Sie brauchten eine neue Stammkneipe, hatte Bernhard gesagt. Martha schloss die Augen und lächelte im Dunkeln. Er würde dort ohne sie sitzen müssen. Nie wieder gegen ihr Bauchgefühl antrinken. Nie wieder mit Leuten ausgehen, die sich nur betrunken lebendig fühlten. Nie wieder sich selber verleugnen. Es war Zeit, sich selber zu spüren, auch wenn es wehtat.