Sonntag, 23. Februar 2020

Zu spät ...



Voller Wehmut lehnte Ansgar am Rand der Manege, starrte blicklos auf den mit frischen Sägespänen bedeckten Boden und spürte, wie die Verzweiflung ihn erneut zu überrollen drohte. Noch eine Stunde bis zum Vorstellungsbeginn, bald würden die Zuschauer kommen. Aufgeregte, voll freudiger Erwartung unentwegt plappernde Kinder, betont gelangweilt dreinschauende Erwachsene, die doch im Innersten genauso gespannt waren auf die Vorstellung, wie ihr Nachwuchs. 

Was sie alle nicht wußten war, daß es die letzte Vorstellung sein würde. Die allerletzte. Die Einnahmen waren in der letzten Zeit stetig gesunken, die Leute kamen nur noch, weil er unablässig Gutscheine in den Supermärkten verteilen ließ ... es langte gerade so eben für das Tierfutter, seine Artisten konnte er schon länger nicht mehr adäquat bezahlen, was bereits für einiges Murren gesorgt hatte. Die Moral war am Boden. Er war sich sicher, daß die meisten bereits heimlich anderswo Vertragsverhandlungen am Laufen hatten. Nun, er würde die Konsequenzen ziehen bevor es zu spät war, er würde seinen Entschluß heute nach der Vorstellung in einer spontan einberufenen Versammlung verkünden, auch wenn es ihm das Herz brechen würde.

Die immer aggressiver werdenden Aktionen der radikalen Tierschützer taten ein Übriges. Plakate wurden abgerissen, übersprüht mit Slogans wie 'Die Vorstellung fällt wegen Tierquälerei aus'. Konkurrenzunternehmen, die daraufhin ihre Tiernummern abgeschafft hatten, blieben jedoch in Folge fast gänzlich ohne Publikum, mußten Vorstellungen absagen, gekaufte Karten erstatten, was zusätzlich für Unmut sorgte.

Natürlich kam auch keiner der Tierschützer danach jemals in eine der erschlankten, tierlosen Vorstellungen. Ähnlich den radikalen Nichtrauchern, die sich rauchfreie Restaurants erstritten hatten, und sich nun darüber aufregten, daß sommers in den Gastgärten weiterhin geraucht wurde. Anstatt sich nach drinnen zu begeben, wo sie ungestört ihre rauchfreie Luft einatmen könnten. Und nach dem Genuß ihrer veganen, alkoholfreien Maß womöglich in ein stinkendes Auto stiegen um damit fröhlich die Luft zu verpesten. Scheinheiliges Pack!

Dabei hatte er seine Tiere stets gut behandelt. Keine in Ketten gehaltenen Bären, keine geprügelten Löwen, Tiger oder Elefanten. Da ging es in jedem Zoo brutaler zu als bei ihm hinter den Kulissen. Auch mußten seine Pferde nicht bei ohrenbetäubendem Lärm im Kreise traben wie es bis vor kurzem beispielsweise im Wurstelprater beim Pony-Karussell der Fall gewesen war. Nein, seine Musik war gedämpft und melodisch, das Futter ausgewogen und biologisch, die Tiere hatten stets Auslauf und wurden ausreichend bewegt, auch außerhalb der Vorstellungen.

Sein Lebenswerk, so ging es dahin. Seine Eltern hatten den Zirkus bereits nur mehr schlecht als recht am Laufen erhalten können, aber heute, im Zeitalter von Farbfernsehen, Internet und De-Luxe-Freizeitparks, war der Nervenkitzel, den er zu bieten hatte, offenbar nicht mehr der Mühe wert, sich nachmittags von der gemütlichen Couch zu erheben, geschweige denn, einen Abend zu opfern.

Gerade hier in dem mondänen Tiroler Luftkurort, in dem sie momentan gastierten, gingen die Kurgäste abends lieber in eines der luxuriösen Hotels aus, ganz nach dem Motto 'Sehen und gesehen werden' - und die Einheimischen, meist Bauern aus der Umgegend, hatten kein Geld für derlei Vergnügungen übrig.

Vor allem um Fidelius, den Clown, machte er sich Sorgen. In letzter Zeit hatte dieser zunehmend Hochprozentiges zu sich genommen, die entsorgten Flaschen hinter dem Wohnwagen sprachen Bände. Das Make-up verschmiert, die Aussprache verwaschen und die Ausführung der Späße tollpatschig und fahrig. So würde er anderswo nicht mehr unterkommen können und für das Altersheim war er noch zu jung. Gerade einmal fünfzig Jahre alt, und schon am Ende.

Sein einziger Lichtblick war Bethanie, die junge, biegsame Artistin mit dem entzückenden Muttermal auf ihrem rasierten Venushügel, die seit dieser Saison mit ihren beiden Brüdern bei ihm unter Vertrag war, und in die er sich sofort heiß und innig verliebt hatte. Zu seinem restlosen Entzücken waren seine Gefühle nicht unerwidert geblieben und er freute sich schon darauf, mit der bescheidenen Summe, die ihm nach dem Verkauf der Tiere und der Auszahlung der Artisten verbleiben würde, ein kleines Häuschen irgendwo zu kaufen und sich mit Bethanie dort niederzulassen. Gesprochen hatte er mit ihr noch nicht darüber, auch würden ihre Brüder nicht gerade begeistert sein, schließlich war deren Programm ohne Bethanie so nicht durchführbar, aber darüber würde er sich aufregen wenn es soweit war.

Nun würde er sich in seinen Wagen zurückziehen, sich ankleiden, schminken, die Beleuchtung prüfen und seinen obligatorischen Rundgang machen. Die Leute hatten ja keine Ahnung, was an so einem Zirkusbetrieb alles dranhing. Die meinten doch glatt, man triebe zweimal am Tag die Tiere ein bissl im Kreis herum und mache sich ansonsten ein feines Künstlerleben. Hah. Alles was er sich an Luxus gönnte, war ab und an ein Quarkstreuselkuchen aus der Bäckerei, auch wenn der niemals an das Original seiner Mutter herankam. Aber ein Mann durfte schließlich hoffen ...

Als er, kurz vor seinem Wohnwagen, um die Ecke bog, kam ihm Fidelius entgegen. Barfuß, leicht schwankend, offenbar auf dem Weg in Richtung Zelt.
'Hey Fidelius', sprach er ihn an, 'alles klar bei dir?'
Fidelius wankte an ihm vorbei als ob er Luft sei. Hochaufgerichtet, starren Blicks, die Augen stur geradeaus gerichtet.
'Donnerwetter,', dachte Ansgar, 'der hat tüchtig getankt. Hoffentlich geht das gut mit dem Auftritt. Aber viel ist ja nicht mehr kaputtzumachen, so why bother ...'
Resigniert setzte er seinen Weg fort, Trauer im Herzen und mit aufsteigenden Tränen kämpfend.
'Sei ein Mann!', ermahnte er sich selbst. 'Du bist der Direktor, du mußt dich zusammenreißen!'

Gestiefelt und gespornt, stilgerecht mit Zylinder und einer Chrysanthemenblüte im Knopfloch, stieg er kurz drauf wieder die Treppe seines Wohnwagens herab, vornehmlich um seine Kontrollrunde vor der Vorstellung durchzuführen, aber heimlich Ausschau haltend nach Bethanie, die trotz aller Liebesbekundungen immer noch einen Teil von sich zurückhielt, sich ihm nie voll und ganz erklärt hatte.

Vielleicht war es gerade dieses Geheimnisvolle an ihr, das er so faszinierend fand? Eine komplett hingebungsvolle Frau, die ihm ständig am Rockzipfel hing, wäre ihm sicher bald so langweilig wie seine geschiedene Frau es am Ende ihrer Beziehung gewesen war. Oder? Oder doch nicht? War er nicht insgeheim ein bissl eifersüchtig auf die Blicke, die sie dem Feuerspucker, dem Löwenbändiger und sogar Fidelius manchmal zuwarf? Wie konnte er sich ihrer jemals sicher sein? Ärgerlich über sich selber schüttelte er den Kopf und marschierte betont forsch in Richtung Tiergehege, ohne sich weiter umzusehen. Er würde sie ja nach der Vorstellung und der anschließenden Besprechung hoffentlich wieder in den Armen halten dürfen, solange würde er sich gedulden müssen. Für diese heimlichen Knutschereien zwischen den Wagen fühlte er sich langsam wirklich zu alt.

Tröpferlweis trudelten die ersten Zuschauer ein, trieben sich noch bei den Tiergehegen herum, wo ein Pfleger bunte Quietscheentchen verteilte und den Kindern gerne ihre Fragen beantwortete. Den Erwachsenen weniger gern, da auch hier oft Unwissenheit und Vorurteile die Unterhaltung überschatteten.

Ansgar näherte sich dem Zelt, schlug die Plane beiseite ... und blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Daß der Feuerschlucker noch ein wenig übte vor der Vorstellung, ok. War ja sein Hals. Aber daß Bethanie direkt vor ihm rittlings auf der Balustrade saß und ihn anhimmelte, die Beine weit gespreizt so daß der Tutu weit abstand und man direkt zwischen ihre Beine sehen konnte, das war sowas von NICHT ok! Ansgar schluckte. Sollte er wieder nach draußen gehen und so tun, als ob er nichts gesehen hätte? Sollte er sich laut hustend bemerkbar machen? Bethanie würde nur spöttisch lächeln und so tun, als sei alles in Ordnung und er ein überpenibler alter Oberlehrer. 

Mit einem Mal kam Fidelius von rechts aus den Kulissen gerumpelt, stieß den Feuerschlucker an, dieser ruderte mit den Armen, um sein Gleichgewicht zu bewahren, dabei kam seine Fackel, die er nach wie vor  weit von sich gestreckt hielt, mit Bethanies Tutu in Berührung welcher sofort in helle Flammen aufging. Fidelius blieb erschrocken stehen, sein Gesicht ein einziges, rotes, weit aufgerissenes O. Ansgar rannte sofort los, mußte jedoch hilflos mit ansehen, wie die Flammen in Windeseile auf die Dekoration übergriffen, die Zeltwand zu brennen anfing und im Nu ein allumfassendes, glühendes, brüllendes Inferno herrschte, in dessen Mitte sich Bethanie, der Feuerschlucker und Fidelius wie in einem grotesken Theaterstück agierende Gliederpuppen in den Flammen wanden. Zu spät. Alles war zu spät. Ansgar spürte, wie unaufhaltsam eine Feuersäule in ihm aufstieg, als er wie aufgezogen direkt auf Bethanie und ihre im Todeskampf schreckgeweiteten Augen zustolperte. Als das Feuer endlich auch ihn ergriff, spürte er nichts mehr außer den grausamen inneren Schmerz und gleichzeitig diese unerträgliche Leere ...





















Anton sinniert über Miranda - Zukunftsgarten 3

Charlie hat mir gestern erzählt, daß er in der Früh jetzt eine Woche lang Patrouille machen muß. Ich hab mir heute morgen schon überlegt, ob ich einfach mitgeh, zur Gesellschaft, aber dann hab ich mich doch nicht getraut. Vielleicht will er ja alleine den Sonnenaufgang genießen. Miranda war da auch so, wenn man ihr ständig wo reingequasselt hat, dann ist sie böse geworden. Aber SIE hat ständig reden dürfen, auch unter'm Fernsehen. Hmpf.

Ach, Miranda. Ich vermisse sie so. Aber ich habe keine Wahl, muß ihr fernbleiben, offiziell bin ich ja tot.  Man hat mir erzählt, sie hat sehr um mich getrauert, ist sogar krank geworden und mußte in eine Klinik deswegen. Hat mir fast das Herz zerrissen, aber was sollte ich tun? Hab gehört sie hat das Familiengrab gekauft wo meine Eltern, der Sigi und nun angeblich ich drinliegen, und kümmert sich auch drum, obwohl sie immer extra von München hinfahren muß. Schneidet den Efeu und bringt auch immer hübsche Spielsachen mit von denen sie denkt, daß sie mir gefallen hätten. Dann weint sie ein bissl, schimpft mich aus und geht wieder.

War eine krasse Sache, wie sie mich da im Sarg abtransportiert haben, in der Prosektur ham's fast an Herzkasper kriegt wie sie den Deckel abgenommen haben und ich ihnen was entgegengeschnauft hab. So hab ich noch nie wen rennen sehen. Der Arzt hat dann den Kopf geschüttelt und gemeint, es wär ein Wunder, und daß jeder andere mit einer Ösofizzifazzi ... also mit einer Blutung im Hals wie ich sie hatte, sterben würde. Aber ich bin halt ein Bayer. War dann lange im Krankenhaus, und der Besuch, den ich dort immer wieder hatte, hat mir vom Zukunftsgarten erzählt und daß ich da hinkönnte, wenn ich ... naja. Es ist schwer. Das ganze Leben ist schwer.

Was die hier wirklich machen hab ich noch nicht so recht verstanden, es geht wohl um irgendwelche Werte und vor allem um die Wahrheit. Und da bräuchte man aufrichtige Menschen, ehrlich bis auf die Haut, die bereit seien, sich einzubringen. Klingt irgendwie genauso bescheuert wie dieses Gelaber immer auf Therapie, von wegen sich einbringen und sich gegenüber ehrlich sein und seine Gefühle konfrontieren ... mit sowas kannst mich jagen. Liegt aber, das hab ich allerdings erst später begriffen, an der Scheinheiligkeit der Therapeuten. Wasser predigen und Wein saufen. Geht garnicht. Hier sind sie anders. Eigentlich ein Haufen Gestörter. Aber gut gestört, nicht komplett durchgeknallt wie Zagreb beispielsweise, oder Ricardo. Die beiden würde man hier nicht reinlassen. Never ever.

Nun hab ich schon lange nichts mehr über Miranda erfahren, der Kontakt, der mich sporadisch mit Nachrichten versorgt hat, ist in Pension gegangen und kriegt selbst nichts mehr mit. Ich muß darauf vertrauen, daß das Versprechen, daß man sie in Ruhe läßt, eingehalten wird. Schließlich hatte sie nie eine Ahnung was wirklich los war. Ihr Bruder hat mal gesagt, er kenne nur einen Menschen, der noch naiver sei als Miranda, und das wäre ich. Tja, da hat er sich dann ein bissl verschätzt, der Gute. Egal.

Als ich heute nach der Schule bei den Kaninchen war ist Maria auf einmal hinter mir gestanden, hat mich freundlich am Arm getätschelt und gemeint, daß ich nun bald am Bauernhof mitarbeiten dürfe, es wären schon zwei abgesprungen, sie müsse nur noch mit den anderen reden.

Also an mir soll's nicht liegen, ich kann zupacken! Ok, der Rücken ist nicht der, der er einmal war, aber solang ich keine allzu schweren Sachen hebe, so wie die Getränkekisten damals, und dazu auch noch seitliche Bewegungen mache, sollte es gehen. Miranda hat immer gesagt ich bin selber schuld, weil ich meine Krankengymnastik nicht mach und SIE schiebt mich nicht wenn ich im Rollstuhl lande. Na und dann hat sie Rheuma bekommen und wär selber bald im Rollstuhl gelandet. Haha. Ach, Miranda ...

Ich hab mir überlegt, daß ich dem Charlie gerne mal was kochen würde, er schaut so mager aus. Aber am liebsten mach ich halt Braten mit Knödel, und wen könnte ich hier braten? Die Tiere am Bauernhof kenn ich alle, die brat ich doch nicht! Ja und zum Metzger ... also nicht, daß der den Kollegen kennt, der hinter mir her ist, Metzgernetzwerk, wer weiß? Außerdem wird der ja auch nur Tiere vom Hof hier haben ... das wär mir so garnicht recht. Und Knödel ohne Braten? Auch nix. Schwierig. Gewürze hab ich ja auch noch keine daheim. Ich sag's ja, das Leben ist schwer ...

Und zum Rauchen hab ich auch nix mehr. Ob ich mir nicht vielleicht doch ein Bier...??? Ob Charlie mich heute Abend besuchen kommt? Gesagt hat er es jedenfalls. Wann fängt der Abend an?


Samstag, 22. Februar 2020

Anton findet einen Freund - Zukunftsgarten 2

Maria hat gesagt ich soll mich abends auch mal mit ans Feuer setzen und nicht immer nur allein in meiner Hütte hocken. Sie hat es freundlich und verständnisvoll gesagt, sie weiß um meine Kinderseele und sagt sie versteht, daß ich mich zum eigenen Schutz zurückziehen muß, aber sie findet auch, daß Kontakte wichtig sind und wen ich denn von allen, die ich bisher so kennengelernt habe, am meisten mag wollte sie wissen. 'Den Charlie', hab ich gesagt und auf den Boden geguckt.

'Wohlan', hat sie gemeint, 'dann setze dich heute Abend mal zu ihm, er ist nämlich auch viel allein und ich glaube ihr beiden habt einiges gemeinsam. Auch du warst und bist auf deine Art ein verwundeter Krieger, hast deine Ehre und deinen Stolz, hast nie jemanden verraten und immer den Schwächeren geholfen, oft zu deinem Nachteil. Und ohne, daß dich jemand dafür geehrt hat. Für Standfestigkeit bei Verhören gibt es nun einmal keine Orden, im Gegenteil. Aber nun laß dich nicht länger von einer alten Frau vollfaseln, geh raus an die frische Luft, besuch deine Kaninchen und laß mich morgen wissen wie es gegangen ist am Feuer!'

Irgendwie ein komisches Gefühl. Auf Kommando einen Freund suchen. Bisher hab ich mich nicht in seine Nähe getraut, er macht so einen abweisenden Eindruck und abends hockt er meist in seiner Hütte, genau wie ich. Ob er auch raucht? Inzwischen ist es Abend und eigentlich ... eigentlich hätt ich jetzt Lust auf ein Bier. Wie früher. Bier und was zum Rauchen ... 

Kein Wodka. Der hat mir eh nie geschmeckt, ich wollt mir damit nur die Schmerztropfen abgewöhnen. Vielleicht hätt ich das Miranda sagen sollen, dann hätt sie nicht so geschimpft immer, aber ich hab meine Entzüge bisher immer allein gemacht ... nur dieses Mal wollte es nicht so recht klappen. Die Rückenschmerzen waren ja da, und die Tropfen halt auch ... aber jetzt geht es. Seit ich nicht mehr im Getränkemarkt arbeite, ist es besser geworden. 

Der Getränkemarkt hat einem Freund gehört und Freunden muß man helfen wenn sie einen brauchen, Rücken hin oder her. Aber ich war dann schon immer öfter auch enttäuscht, wenn sie dennoch über mich gelacht haben. Er und der Archie. Mit dem er immer Fußball geguckt hat. Tut weh, sowas. Selber reinsaufen bis der Arzt kommt aber mir jedes Bier vorhalten, das ich trinke, obwohl es geheißen hat ich kann mir was nehmen während der Arbeit. Wenn ich schon kaum was bezahlt krieg dafür und extra aus München rübergefahren bin, seit ich bei Miranda gewohnt hab. Ist nicht nur einmal passiert, daß er mich dort angerufen hat, er tät mich dringend brauchen weil er eine Lieferung kriegt, ich fahr auf eigene Kosten hin so daß ich unter'm Strich draufzahl, und stapel alles ordentlich auf ... und dann steht er neben mir, schaut sich die Kästen an und meint: 'Eigentlich hätt I ja garnix braucht ...'

Da kann man dann schonmal eine Wut kriegen!

Seit ich hier bin hab ich aber keinen Alkohol mehr getrunken, obwohl er nicht verboten ist, wir sind ja keine Entzugsklinik oder so. Aber mir hat das schon zu denken gegeben was Miranda mir immer wieder gesagt hat, also daß ich ein völlig anderer Mensch wär wenn ich was trink. Man könnt nicht mit mir reden in dem Zustand, ich wär dann einfach der totale Ungustl. Und das will ich doch nicht sein. Aber ich kenn's halt nicht anders, bei uns daheim stand immer ein Topf mit Bier am Herd. Mein Vater hat es warm getrunken. Ok er war alt. Als ich geboren wurde war er schon sechzig. Aber dennoch, warmes Bier! 

'Bua, nimm dir doch', sagte er immer, aber mir war das Bier aus dem Kühlschrank doch lieber. Wenn mein lieber Bruder noch welches übriggelassen hatte. 

Eines Morgens, die Mutter war schon drei Jahre zuvor gestorben, da war ich grad mal 15 gewesen, komm ich ins Wohnzimmer und da sitzt der Vater tot in seinem Sessel, die Flaschen mit den Sechsämtertropfen am Tischchen und die Schachtel Ernte 23 daneben. Erst hab ich ja garnix gemerkt und hab Guten Morgen gesagt, aber dann ...

Der Mann an der Tankstelle hat hinterher gesagt ich war ganz weiß im Gesicht, schon bevor ich die Schnäpse reingekippt hab. Konnte ihm nicht sagen warum, ich war völlig daneben. Sigi war grad im Knast und nun auch noch der Vater tot. 

Es ist ihm schon lang nicht mehr gut gegangen, zuletzt hatte er als Wachmann gearbeitet. Eines Tages hat ihn einer auf der Flucht die Treppen hinuntergestoßen, davon hat er sich nie mehr erholt. Die Freunde von Sigi haben ihn in seiner eigenen Wohnung verhöhnt wenn er was gesagt hat wegen der Musik, oder weil sie so einen Dreck gemacht haben, überall hingepinkelt wenn sie im Rausch das Klo nicht gefunden haben und so. Ich glaub er hat nur noch durchgehalten bis ich volljährig bin damit ich nicht ins Heim komm.

Naja, jetzt geh ich aber mal, sonst geh ich nicht mehr. Wenn Marie mich morgen fragt, will ich zumindest sagen können, daß ich's probiert hab.

Wie ich zu den Feuern komme, seh ich Bruno ganz alleine dahocken, ich glaub ich setze mich zu ihm. Wir haben ja neulich schon einmal einen Streifengang miteinander gemacht, Bruno ist ein prima Kerl. Erinnert mich ein bissl an mich als ich jung war, nur daß ich schon immer so dünn war und ein prima Läufer. 

'Hallo Bruno, is da no a Platzerl frei?', scherze ich und er rückt bereitwillig zur Seite und lacht mich freundlich an. 'Servus Xampi, lustig warst heut wieder in der Schule, aber sag mal, stimmt das wirklich alles, was du uns da immer so erzählst? Ich mein, daß du und dein Bruder die Möbel in eurer Wohnung verheizt habt zum Beispiel?'

'Klar. Weißt wir waren damals ständig auf Trip, also der Sigi sowieso und ich hab mich nimmer spürn wollen wie mein Vater gestorben war, irgendwie war mir alles wurscht, ich hab das lustig gefunden und die lieben Verwandten haben eh rausgetragen was geht, also, haben wir uns gesagt, können wir's genausogut verheizen.'

'Versteh ich. Wie meine Eltern damals den Unfall hatten, das war arg. Ich hab immer gedacht das ist alles nicht wahr, ich träum das nur und bald wach ich auf und alles ist wieder so wie vorher. Aber ich schlaf irgendwie immer noch ... und im Heim hab ich es nicht ausgehalten, mit den anderen ... egal, ich will nicht drüber reden.'

'Paßt schon, ich kenn das aus dem Knast. Nur hab ich dort immer welche gekannt, Kumpels von meinem Bruder, die haben mich beschützt. Aber wenn du niemanden hast ... Scheiße, Mann.'

'Ja, echt Scheiße.'

Brütend starren wir in die Flammen, ich überleg grad ob ich mir eine Tasse von dem frisch gebrühten Kräutertee holen soll den Heinz jeden Abend für die Gemeinschaft bereitstellen läßt, da plumpst neben mir einer auf den Boden und murmelt: 'Abend miteinander, paßt eh wenn ich mich da hersetz?'

Charlie! War er doch gekommen! Und ich hatte schon fast gehofft ...
'Ja Mann, klar, äh, hi! Freut mich!'
Mist, ich hör mich an wie eine Jungfrau bei der Tanzstunde.

'Ich wollt mir grad einen Tee holen, wollt ihr auch einen?'
Bruno nickt stumm, Charlie mustert mich forschend und meint: 'Wenn du schon unterwegs bist ...'

Irgendwie sieht er so aus, als ob ihm ein Bier auch lieber wäre, und er nur uns zuliebe keins trinkt, das wirkt irgendwie ungemütlich, aber am Feuer sollen wir eh nix trinken solange die Kinder noch dabei sind, hat Marie mal gesagt. So fällt es mir auch leichter zu verzichten, aber das Reden wird davon nicht einfacher und so schweigen wir uns gegenseitig an, bis Bruno zu gähnen anfängt und sich verabschiedet.

'So', meint Charlie, 'nun sind wir doch einmal unter uns. Sag, sollen wir nicht zu mir gehen und uns ein Bierchen genehmigen? Ganz ehrlich, der Tee ist ja lieb gemeint, aber so wirklich froh macht mich der nicht.'

Eigentlich wundere ich mich ja, daß er noch mit mir redet, besonders gesprächig war ich wirklich nicht heute, also bin ich eh nie aber heute ganz besonders nicht. Irgendwie schüchtert er mich ein, und ich war ja nun wirklich schon mit harten Jungs zusammen gewesen. Aber er hat sowas Edles, bei ihm ist alles echt. Der muß keinen auf Heavy machen. Der ist es. Original.

'Du, ganz ehrlich, tät ich total gern, also mit dir ein Bier und so, aber ich hab mir vorgenommen, daß ich nix mehr trink. Zumindest eine Zeitlang. Ich rauch lieber. Du auch, vielleicht? Ich könnt uns einen bauen wennst magst?'

Kurz drauf hocken wir bei mir in der Bude, ich brösel auf und Charlie guckt mich ernst an: 'Du Xampi, ist das alles was du noch hast? Ich mag dir jetzt nicht dein letztes Piece wegrauchen.'
'Paßt schon Charlie. Du bist echt korrekt und, ja, klingt vielleicht blöd aber es wär mir eine Ehre, wenn ich es mit dir teilen dürfte.'

'Xampi, ich muß dir was sagen. Bisher hab ich dich ja nur so am Rande wahrgenommen, und das wär auch so geblieben wenn Maria mich nicht dazu aufgefordert hätte, mal mit dir zu reden. Also es war kein Zufall, daß wir uns heute getroffen haben. Aber jetzt wo ich dich kennengelernt hab ... ich bin kein Mann vieler Worte, genausowenig wie du, aber es freut mich. Du bist eine ehrliche Haut, das ist selten. Bist ein guter Kerl. Ich mag dich.'

Hinterher, als er weg war, hab ich nicht nur vom Rauchen so breit gegrinst. Charlie und ich haben uns noch prima unterhalten, ich hatte das mit dem Bahöö wegen dem Neuen nur so am Rande mitbekommen, aber es wird natürlich geredet. Also, daß der Helli ne Knarre mithatte zum Beispiel. So sind wir auf Waffen zu sprechen gekommen und ich glaub sein Respekt vor mir ist noch gestiegen wie er gemerkt hat, daß ich kein tappertes Weh bin das nur von Indien träumt und immer die zweite Backe hinhält, sondern daß ich schon auch was erlebt hab und mich durchaus behaupten kann. Wenn's sein muß. Und es mir nur lieber ist, es muß nicht.

Er hat gemeint morgen gehen wir mal zum Heinz und fragen, ob wir uns was anbauen dürfen und ob er Samen dahat, sonst würd er welche besorgen. Weil das Rauchen wär ja allemal gesünder als der Alkohol, der uns beiden nicht guttut. Er wüßt wo man diese Lampen herbekommt, mit denen das Gras besser wächst. Ich freu mich so!











Samstag, 15. Februar 2020

Anton stellt sich vor - Zukunftsgarten 1

Wenigstens haben sie mir das Dope gelassen. Solang ich mich tagsüber nicht einrauch, nur am Abend, zum Einschlafen, haben sie gesagt. Scheiß-Vorschriften immer, aber ich bin ja froh, daß ich hier im Zukunftsgarten untertauchen kann. Einen Namen hab ich auch bekommen: Xampi. Das kommt von 'bad example', und als solches lauf ich tagsüber umeinander, gehe dorthin, wohin ich gerufen werde.  

Die Kinder hier haben ja auch Schule. Bissl jedenfalls. Nicht so wie bei uns damals, von acht bis 13 Uhr, die Fächer ordentlich getrennt voneinander und alles todlangweilig. Nein, es geht richtig lebendig zu! Sie lernen Bogenschießen, Feuer machen, Trommelzeichen geben, lauter nützliche Sachen, ja und zwischendrin auch sowas wie Sozialkunde - und ich bin dann immer das wandelnde schlechte Vorbild. Der Mann, der alles falsch gemacht hat und somit nur Ärger hatte im Leben, obwohl er im Grunde kein schlechter Kerl ist. 

Eigentlich heiß ich Anton, und ich bin hier weil ich draußen nicht mehr zurechtgekommen bin. Alle mit ihrem blöden Internet, ich will kein Internet! Und ich will auch nicht mehr vom Amt sekkiert werden und ich will auch nicht ständig Männchen machen bei der Mama von Miranda wenn sie wieder einmal tagsüber unangemeldet in der Wohnung steht weil sie den Schlüssel hat, und überhaupts. I mog ned! 

Ich bin Bayer. Miranda sagt, ich bin ein sturer Esel.

Einmal als wir gemeinsam im Urlaub waren, hab ich mir ein Herz gefaßt und ihr erzählt, wie satt ich es habe, den ganzen Tag Männchen machen zu müssen. Sie hat mich nicht ernst genommen, hat gelacht und gesagt: Ah geh, du machst den ganzen Tag Männchen und ich krieg keins?

Bei Miranda hab ich zuletzt gewohnt, sie hat mich aber nun schon zweimal rausgeworfen wegen dem Wodka und außerdem ist der Metzger von gegenüber hinter mir her. Miranda meinte immer, ich solle doch ein Buch schreiben, ich müsse ja nicht zur Arbeit gehen mit dem kaputten Kreuz aber damit ich halt was zu tun hätte außer Saufen und deppert ins Narrenkastl schaun, und was ich alles erlebt hätt, da könnt ich doch ganze Bände schreiben!

Stimmt, das könnte ich, aber danach wäre nicht nur der Metzger hinter mir her sondern noch ganz andere Leute, und die sind brandgefährlich. Ich trau denen zu, daß sie mich sogar hier finden würden. Wenn nicht gar schon ein Spitzel unter uns ist. Weiß man's? Mit den meisten Leuten bin ich noch nicht so recht warm geworden, man sagt ich schau immer so finster. Ja mei, so is mein Gesicht halt mal. 

Den Charlie find ich cool, den hätte ich gerne zum Freund, aber der guckt halt auch niemanden an, genau wie ich. Mit Waffen kenn ich mich super aus, damals beim Bund wollten sie mich unbedingt behalten weil ich ein Gewehr schneller zusammenbauen konnte als der Kommandant, aber ich fand dort alles so bescheuert. Die Feldjäger hatten mich mit Gewalt hingeschleppt und ich hab's einfach ned blickt. Bis ich fertig war in der Früh, waren alle anderen schon weg, ich bin blöd am Hof unten gestanden und hab meine Kompanie nicht gefunden. Bin halt dann irgendwo mitexerziert bis mich einer angebrüllt hat wo ich eigentlich hinwill.

Nach Indien, hab ich dem Psychiater dann erzählt. Nach Indien will ich. Unbedingt. Der hat mir ziemlich rasch eine Untauglichkeit bescheinigt und man hat mich unehrenhaft entlassen. In den Knast hab ich dennoch müssen, wegen Verweigerung oder so. Ein halbes Jahr.

Sonst hab ich nix gelernt, also Beruf oder so, außer Dealer und Einbrecher, und das sind keine Berufe, wie mir die Richter immer wieder erklärt haben. Dabei brauchst da ein Supergedächtnis weil du ja nix aufschreiben darfst. Also wann du wem wieviel und so. Weißt ja nie wann du Besuch von den netten Herren bekommst und da wär so eine Buchführung verdammt blöd, wenn sie in falsche Hände kommt. 

Mein älterer Bruder, der Sigi, hat mich als Buben schon immer mitgenommen zu den Amis, ich glaub der hat mir das Zeug in die Jacke gesteckt, ich hatte ja keine Ahnung, und wußte natürlich damals auch nicht, warum die so gegrinst und mich Sputnik genannt haben. Die Weiber von denen haben viel Quatsch mit mir angestellt, mich geschminkt und so, bis ich heulend nach Hause gerannt bin und meine Mutter nur seufzte: 'Mei Bua, wia schaugst denn wieder aus.' Dann ist sie in der Küche eingeschlafen, mitten unter'm Geschirrspülen. Der Arzt hat ihr immer Morphiumzäpfchen verschrieben, das gab es damals noch. Sigi hat ihr die natürlich geklaut wo er konnte, der Arsch. 

Und was das Einbrechen betrifft, also das kann auch nicht jeder! Hatte einen guten Lehrer, den verrückten Zagreb. Ich wär eine Bereicherung, hat er gesagt, weil ich so dünn bin und durch das kleinste Kellerfenster gepaßt hab. Soletti hat Miranda mich immer genannt. Aber wie sie dann, zerstreut wie sie ist, die Türe zugehauen hat obwohl der Schlüssel noch innen gesteckt ist, war sie auch froh, daß ich das ziemlich schnell hinbekommen habe und wir unseren Zug doch noch erwischt haben.

Naja, und jetzt bin ich halt hier das schlechte Vorbild, weil jeder irgendwas Nützliches tun muß. Einfach nur abhängen und blöd schaun geht nicht. Am Bauernhof würd ich gern mitarbeiten, ich hab Tiere so gern, viel lieber als die Menschen, aber am Bauernhof sind schon soviele. Marie hat auf meine vorsichtig vorgetragene Bitte nur fein gelächelt und gemeint, ich müsse noch ein bissl Geduld haben, den meisten würde mit der Zeit aufgehen, daß die Arbeit dort kein Zuckerlecken sei, sie würden nach und nach die Lust verlieren und um Versetzung ansuchen. Dann dürfte ich ran. Ich freu mich schon! In der Zwischenzeit bin ich eh oft dort und besuche die Kühe im Stall, die Pferde auf der Weide und die lieben kleinen Kaninchen. Sogar die Hühner kann ich bereits voneinander unterscheiden.

So, und jetzt bau ich mir einen und leg mich dann schlafen. Bissl lesen vielleicht noch, die Bibliothek hier ist prima, noch besser als damals in Kaisheim. Bin zufrieden. Ich glaub das erste Mal in meinem Leben bin ich wirklich zufrieden. Hab mein eigenes kleines Häuschen, niemand jagt mich oder zerrt ständig an mir, das ist so schön.

Donnerstag, 13. Februar 2020

Wienerbergblues

Jetzt hocke ich da, Sonntagmorgen am Ufer des Wienerbergsees, mir brennt der Fuß weil ich Trottel barfuß in einen Kronkorken getreten bin. Daß die so scharf sein können ... aber dieser Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem, der glühend heiß in meiner Seele wütet, tobt, lodert und mich von innen her verbrennt. Ins Wasser möcht ich mich stürzen und nie mehr wieder auftauchen! Wie soll ich so weiterleben? Wie kann ich mich ab jetzt wieder mit dem ruhigen, langweiligen Leben zufriedengeben, das ich bis vorgestern geführt hatte?

Notgedrungen. Schließlich bin ich krank und soll mich nicht aufregen.

Aber dann hab ich ihn getroffen und ab da war alles anders.

Es hat ganz harmlos angefangen, wie das eigentlich immer so ist bei wirklich großen Ereignissen. Lange Schatten vielleicht, ja, aber dann: Bamm! Mein alter Freund Petzi kam auf seinem klapprigen Fahrrad in den Gastgarten geeiert in dem wir verabredet waren, lachte sein dröhnendes Lachen und rief: ‘Stöh da vua mir is de E-Seitn g’rissn, so a Schas und heute auf’d Nocht da Auftritt ...’

Also Pilgerreise durch versteckte Gassen Wiens, Fachsimpeln im winzigen Laden, notdürftig erleuchtet von einer funzligen Lampe die alle Gesichter geheimnisvoll erscheinen läßt. Gitarre neu bestückt und auf ins Chelsea, obwohl ich normalerweise abends nicht mehr weggehe. Schon lange nicht mehr. Um acht hau ich mich in die Hapfn und versuche zu schlafen, was selten gelingt. Nur Schonkost und keine Aufregung, der Magen, die Nerven, aber nun war ich doch noch einmal in Wien, wollte einmal noch leben, einmal noch mich spüren, einmal noch mich verlieren ...

Und das hab ich so gründlich geschafft ... bin so unendlich verloren. Niemals mehr werd ich mich wiederfinden, meine Seele ist verglüht, eine Nacht nur und mein Leben ist vertan.

Dabei wollte ich lediglich das Konzert anhören wo ich schon einmal da war. Petzi, Lovro und Lollo im Chelsea. Die neue Band heißt ‘Die Klonkrieger’, blöder Name eigentlich, oder? Und mein Gott ja, es ist ungemütlich. Dieses lange Stehen, die vielen Leute, der Krach umadum, also Freude ist das keine aber was tut man nicht alles ... und dann er. Dieser Blick, ich bin sofort auf die Knie gegangen. Also innerlich, der Boden im Chelsea ist selten sauber und überhaupt, vor allen Leuten und so, aber da war ich schon drin im Sog dieser Augen, und es war für alles zu spät.

Von der Musik hab ich nichts mehr mitbekommen, wir sind dann auch raus, weg vom Trubel, trunken voneinander, Küsse wie im Rausch, dabei hatte ich kein einziges Bier intus, trinken darf ich ja auch nichts mehr - was aber insgesamt egal ist denn so ein Gefühl wie dieser Mann es in mir entfachte, das war mit keiner Droge der Welt zu erreichen. So süchtig, schon nach einem Blick dir verfallen, alles egal, in der U-Bahn deine Hand an meinem Schritt, schamlose Gier, am Reumannplatz hinauf beim Amalienbad, das Rattern der Bim, die Ansage ‘Neilreichgasse’, so vertraut, ach, damals, wie war ich jung gewesen, einmal noch dieses Gefühl - dann wir beide, nachts am See, nur wir und die Gelsen, das dünne Sommergewand am Boden gehaut, gewälzt haben wir uns bis ins Gebüsch ... später am Wasser, schlammbaden, lachen und kreischen wie die Kinder, vor schierem Übermut, das Gefühl wenn dir das Herz birst vor Glück, ach Glück ... wie flüchtig bist du ... wie hoch kann man fliegen in einem Augenblick und wie tief danach fallen? So tief, bis auf der Hölle Grund und noch weiter, weiter hinab, unendlich weit.

Natürlich konnte es nicht auf Dauer so bleiben, das weiß ich auch. So schwer, das Herz, wer hilft mir Tragen? Das kann man von niemandem verlangen.

Ultramarinblau der See in der Morgendämmerung, hysterisches Gewieher vom anderen Ufer her, in der Nacht auf Sonntag ist man hier niemals allein in den lauen Sommernächten, und doch hab ich mich niemals einsamer gefühlt als heute, jetzt, in diesem Augenblick.

Ein Herzhäuschen hab ich gebaut, ein kleines Heim nur für unsre beiden, aber deins war schon vergeben. Nun zahle ich den Preis für diese eine Nacht. In meinem Schädel singt Wolfgang Ambros ‘Heite drah I mi ham’, im hohem Bogen fliegt der scharfrandige Kronkorken ins Wasser, meine Fassung hinterher, und ich weine bitterliche Tränen in den See hinein. Nebel umwabern das zitternde Schilf und mein armes Herz blutet eine weite Spur vom Niemalsmehr ins leere, weiße ewige Nichts.



Samstag, 1. Februar 2020

Zwei sehr kurze Texte, inspiriert von berühmten Romananfängen

Endlich hatte er das Fundbüro entdeckt. Es war alles andere als einfach gewesen, sich unauffällig durch diese ihm doch völlig fremde Stadt zu bewegen. Und dann die Zweifel. Ob er seinen Fund überhaupt abgeben sollte? Und wenn ja, dann wo? Oder doch einfach liegenlassen? Oder selber behalten? Zumindest einen Teil? Zumal der Besitzer sich aus offensichtlichen Gründen niemals würde melden können. Zumindest nicht beim Fundbüro. Energisch riß August R. die Türe auf und knallte dem verdutzten Beamten den Beutel mit dem Kokain auf den Tresen.

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Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben. Endlich. Der Arsch. Keine Ahnung, was sie jemals an ihm gefunden hat. Unserem Vater konnte er niemals das Wasser reichen. Nicht, daß der welches gewollt hätte, ihm war Bier eh lieber. Uns allen war Bier eh lieber. Aber wir haben's auch vertragen. Im Gegensatz zum Arsch, der nur mitgetrunken hat um sich bei uns anzubiedern und garnicht gemerkt hat, wie lächerlich wir ihn allein deswegen fanden.

Mir ist er jedenfalls tierisch auf den Sack gegangen und ich hab lang überlegt, wie wir ihn wieder loswerden könnten. Ohne daß einer von uns deswegen einfährt, versteht sich. Und nachdem unsere Schwester dann diesen Biologiestudenten angeschleppt hatte, war eigentlich alles ganz einfach gewesen. Seltene Pflanzen. Genial. Der Arsch hatte doch keine Ahnung, wie Bier zu schmecken hat. Alles hat er brav geschluckt. Das Leben kann so schön sein.


Samstag, 25. Januar 2020

Das Märchenhaus im Walde


Wer wie ich mit Märchenbüchern aufgewachsen ist, vermißt wohl zeit seines Lebens eine gewisse Ästhetik im realen Miteinander. Die Menschen kleiden sich langweilig und angepaßt an widersinnige Regeln, verschwenden kostbare Zeit mit Small Talk über das Fernsehprogramm oder ihr Abendessen, fahren mit stinkenden, knatternden Ungetümen umher statt genüßlich ausschreitend die Bewegung ihrer Muskeln zu genießen - und weit davon entfernt, sich in den wenigen verbliebenen Grünflächen achtsam zu verhalten, werfen sie überall ihr verschmiertes Plastik weg und reißen lachend den armen Bäumen die Äste ab.

Wenn das der Zeitgeist ist, dann will ich ihn lieber nicht kennenlernen, der wäre besser in seiner Flasche geblieben. Aber was will man machen; es wird behauptet, ich hätte mir dieses Leben ausgesucht. Offenbar ist es möglich, auch im Zwischenreich geistig umnachtet zu sein. 

So wanderte ich eines Tages, wieder einmal auf der Suche nach Ruhe und Behaglichkeit, forschen Schrittes durch den Lainzer Tiergarten, immer auf der Hut vor Wildschweinen und vor Familien mit schreienden Kindern. Wenn man die Hermesvilla mal hinter sich gelassen hat, verteilen sich die Massen im doch recht weitläufigen Gelände und es spaziert sich recht angenehm durch dieses ehemalige kaiserliche Jagdgebiet. Selbst die altmodischen Gesellen, die keinen Google dabei haben, können sich mit Hilfe der großzügig verteilten Taferln wunderbar orientieren, es besteht daher keine Gefahr, sich zu verlaufen, man kann unbesorgt seiner Nase nachmarschieren, irgendwo kommt man schon hin und am Ende auch jedes Mal wieder raus.

Wie immer war ich darauf bedacht, bald die bekannten Pfade zu verlassen und Wege zu gehen, die ich bisher noch nicht beschritten hatte. Fort von den Menschen, vom Lärm, vor allem von den Raststätten, in denen die Besucher sich besonders am Wochenende drängten, als wären in ganz Wien die Lebensmittel rationiert worden und nur noch hier könne man sich sattessen. Du meine Güte. Essen. Als ob es Essen wäre, was man dort bekommt. Jedes Mal wenn ich an der Hubertuswarte vorbeikomme, muß ich daran denken, wie Gusti dort oben nach einem Besuch in der nahegelegenen Wirtschaft Bauchgrummeln bekam, sich bald darauf panisch ins Gebüsch schlug und ich meinen mitgeführten Roman als Häuslpapier zur Verfügung stellen mußte obwohl ich ihn noch nicht einmal zur Hälfte gelesen hatte!

Hernach mußten wir sofort nach Hause und die Waschmaschine anschalten, weil er, aus Furcht vor den Wildschweinen, die Hose nicht rechtzeitig herunterbekommen hatte. Es ist manchmal nicht so einfach mit der Ernährung im Wald, aber eins ist wichtig: Alles was einem dort angeboten wird, ist grundsätzlich entweder nicht oder nur mit Vorsicht zu genießen. Egal ob es sich um Tollkirschen, Dachplatten aus Lebkuchen oder hübsch dekorierten Hirschbraten handelt.

Anders als in der Lobau, wo man, zumindest am Anfang, durchaus noch auf menschliche Behausungen stößt, auch auf Äcker die von der MA 49 betrieben werden, wohnt im Lainzer Tiergarten normalerweise kein Mensch, schließlich handelt es sich um ein Naturschutzgebiet, auch die Hermesvilla ist lediglich zur Besichtigung vorgesehen, seit unser aller Sisi dort notgedrungen ausziehen und in die Kaisergruft wechseln mußte.

Umso erstaunter war ich, als ich nach etwa einer guten Stunde des Marschierens auf einer Waldlichtung ein wunderhübsches kleines Häuschen entdeckte. Mit Türmchen und Erkerchen, genau wie ich es mag, aber nicht aus Beton oder so, sondern nach Art der Tiroler Häuser hauptsächlich aus Holz errichtet. Wow. Man soll ja die Wege nicht verlassen steht überall geschrieben, aber geschrieben steht viel und es kümmert sich keiner drum, also wagte ich mich nach kurzem Blick über die Schulter (ob auch wirklich keiner guckt) mit gezücktem Fotoapparat langsam näher ... was für ein Motiv!!!

'Heda', erscholl es plötzlich aus einem geöffneten Fenster im Erdgeschoß, und ich zuckte erschrocken zusammen. Mußten die auch ausgerechnet jetzt zuhause sein? Am Samstagvormittag, wo sich jeder normale Mensch in Vösendorf oder Lugner City herumtreibt? 

Rasch drehte ich mich um und wollte mich auf den Weg zurückflüchten, aber zu spät. Schon schlug krachend die Haustüre auf und eine massive Gestalt bewegte sich sagenhaft schnell auf mich zu, packte mich beim Arm und sprach:
'Etzatle, wartet Se doch amol, wo wellet Se denn so hurtig wieder naa? Se send doch grad erscht komma, wellet Se ned gschwind a Täßle Tee mit ons trinka?'

Fasziniert blickte ich auf den rabenschwarzen Brustpelz, der dem Riesen in berückender Lockenfülle aus dem Ausschnitt quoll (das mußte doch tierisch jucken bei der Hitze), und schwäbelte gekonnt zurück: 
'Ha noi ... dank recht schön, aber I hans a bissle eilig, die Kährwoch warded ...' und wollte mich verdrücken.

Leider hatte der Riese noch immer seine Pranke um meinen Oberarm geschlossen, so daß ich mein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen konnte. Langsam wurde mir mulmig. Wer war dieser Mann, wer war 'uns' und woher sollte ich wissen, womit die da drinnen ihren Tee aufbrühen? Bilsenkraut? Stechapfel? Ich mein, welcher normale Mensch wohnt mitten im Wald? Da liefert kein Billa, da muß man selber schauen was so rundherum wächst.

'Kommet Se, kommet Se, Sie wellet des Häusle doch sicher au von inna ahgucka, han I recht? Sie send ja eune vo uns, I han des glei gsäha!'

Man soll in Krisensituationen ja niemals Angst zeigen, hatte ich mal gelesen, also schluckte ich trocken und folgte, nolens volens, der an sich durchaus attraktiven Gestalt ins Innere des Hauses. Ich gebe zu, ich WAR neugierig. Und in meinem Alter begegnete ich leider nur noch sehr selten attraktiven Männern, die Wert auf meine Gegenwart legten. Doch kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle des Vorzimmers gesetzt, prallte ich entsetzt zurück. Offenbar war ich hier direkt in die Vorbereitungen zu einer Orgie geplatzt. Überall im Raum waren massive Kerzenhalter mit schwarzen Kerzen um rote Sofas herum aufgestellt, am Boden lagen blaue und türkisfarbene Teppiche und im Saal dahinter, in den man durch die offene Türe hineinblicken konnte, wieselte ein winziges, dünnes Männchen mit Handfeger und Kehrblech umeinander und sang etwas vor sich hin das klang wie 'Besenrein, besenrein, bis Samstag muß es sauber sein.' 

Was war hier los? Ein geheimer Kult, der sich Samstagabend zur triebhaften Geselligkeit zusammenfand und denen jetzt grad noch eine Frau fehlte? Vielleicht sogar eine Snuff-Party? Niemand würde meine letzten Schreie hören! Also SO wollte ich eigentlich auch nicht aus dem Leben scheiden, und vor allem nicht so FRÜH, und nicht ausgerechnet JETZT, wo ich endlich die Frührente durch hatte, meine Großstadtwohnung verkaufen und mir ein Häuschen im Grünen suchen konnte! Außerdem wollte ich noch Schriftstellerin werden, ein paar Bilder malen und Testament hatte ich auch noch keins gemacht! 

'Denkat Se si nix', beruhigte mein ominöser Begleiter, 'des isch dr Karle, der isch ned grad a Käpsele abr a liabr Bua. Kommet se weidr, oba send no mähr Zimmr.'

Eine eisige Hand schloß sich um meine Brust. Sollte dies tatsächlich mein letzter Tag auf Erden sein? Hatte ich so sehr gefrevelt, als ich mich über meine einstige Absicht, hier auf Erden länger verweilen zu wollen, lustig gemacht hatte, daß man mich nun zurückrief damit ich mir von höchster Stelle einen Rüffel über Respekt gegenüber der Göttlichkeit und so weiter abholte? Wie würde ich zu Tode kommen? Würde es sehr weh tun und wie lange würde es dauern? Vor lauter Angst bemerkte ich nur noch am Rande, wie geschmackvoll die Zimmer eingerichtet waren, wie herrlich ruhig es überall war (bis auf die hier oben noch dumpf vernehmbaren Gesänge von Karl) und wie angenehm mein Kerkermeister duftete. Eigentlich genau die Art von Haus die ich mir ausgesucht hätte, wenn ich noch hätte weiterleben dürfen, wenn man mich ...

'Ond, was saget Se?', riß mich mein Quälgeist aus meinen sich überschlagenden Gedanken. 'Wia gfallt Ihne des Haus? Dia Leit kriagt ma hald ned so leicht do hanna här, I han mi eh gwundrat daß Sie no auftaucht send. Midda im Wald will keunr wohna, wo mr ned amol midn Auto fahra darf ond si a Pfärdekutsche halda muaß. Mir gangat au no ronder mit'm Preis wenn des a Brobläm wär ... dr Besitzer hod gsait es isch langsam egal, Hauptsach es kauft amol endlich eunr den alda Schuppa ...'