Freitag, 6. März 2026

Der Teufel von Straßburg


Mir verschlägt es die Sprache. Was zugegebenermaßen eher selten vorkommt.
'Du weißt aber schon, daß ich eine Gehirnerschütterung hab? Und dann tätst du mich auf so einem Klappergaul heimscheppern lassen wollen? Mann Alter echt ey!'
Enttäuscht wende ich mich ab und strebe Richtung Bushaltestelle. Hoffentlich guckt grad keiner von den Klinikleuten aus dem Fenster. Ich will heim!

'Kati bitte, das war nur ein Schmäh! Das ist doch nicht mein Motorrad! Ich bin selbstverständlich mit dem Auto da! Ok manchmal bin ich ein bissl verrückt aber noch nicht völlig krumm in der Birne. Ehrlich. Komm, der Wagen steht dort um die Ecke, es war nicht ganz einfach, hier einen Parkplatz zu bekommen.'

'Woher weißt du wie ich heiße?' frage ich irritiert. 'Schließlich kenne ich deinen Namen auch nicht. Wieso du dann meinen? Bist du vom Geheimdienst?'

'Dein Name steht auf deiner Klingel, da muß man nicht viel recherchieren, das schaff sogar ich mit meinem männlichen Hirn, gell? Und meinen Namen sag ich dir gerne, ich bin der Loipfinger Josef. Aus Rimsting. Von Beruf Fotograf und ab und an auch mal Model. Bisher hab ich in Wien mein Unwesen getrieben, mal dies gemacht, mal das, aber dafür fühl ich mich echt langsam zu alt. Und jetzt wo ich eine Festanstellung in München bekommen hab, tät ich halt eine Wohnung suchen und bis dahin penn ich drüben in der WG, da war grad ein Zimmer frei. Und du so, wenn wir grad dabei sind uns kennenzulernen? Was machst du beruflich?

'Ach, ich bin nur der Depp vom Dienst in einem LMU Klinikum, nothing to write home about.'

'Geh weida, LMU? Wo denn da genau? Weil da fang ich nächste Woche auch an. In der Medienabteilung in Großhadern.'

'Nee, oder? In Großhadern! Dort war ich auch! Fast 20 Jahre lang. Des gibts ja jetzt ned! Und du bist aus Rimsting am Chiemsee? Da wo der Bus jedes Mal von der andern Seitn wegfahrt als die auf der man grad steht?'

Sein herzhaftes Lachen erwärmt mein Herz. Ich hab ihn zum Lachen gebracht. Ich kenne seine Heimat und er hat einen Job ausgerechnet in Großhadern. Das kann doch alles kein Zufall mehr sein. Sind wir womöglich tatsächlich füreinander bestimmt? Meine romantische Seite boxt sich gerade ganz massiv den Weg frei. Wir erreichen sein Auto und er hält mir galant die Beifahrertüre auf. Als ob ich nicht selbst einsteigen könnte. Einsteigen ist nie das Problem, nur beim Aussteigen sieht man in meinem Alter nicht mehr ganz so elegant aus.

Er fährt los und wir sitzen eine ganze Weile friedlich nebeneinander.  Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Ich gucke erschrocken zu ihm hinüber: 'Knurrst du vor dich hin oder ist was mit dem Auto? Was tut denn da so?' Er grinst wieder: 'Das wird dein Magen sein, mein ich alleweil? Wann hast du zum letzten Mal was gegessen?' Ich horche an mir hinunter. Tatsache. Ich hab Magengeräusche. Wie peinlich! Daß die so laut sein können. Die Autos heutzutage machen aber auch fast keinen Lärm mehr. Nicht einmal dann, wenn man ihn mal bräuchte. Ständig muß man Obacht geben, daß man nicht überfahren wird so unauffällig schleichen die sich heran.

'Gegessen ... irgendwann gestern. Das Zeug was man im Spital bekommt ist nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, das hat sich aber bis zu den Krankenkassen noch nicht rumgesprochen.'

'Dann schlag ich vor, wir fahren jetzt erst einmal nach Paris zum Abendessen, was meinst?' Glücklicherweise kenne ich ihn mittlerweile gut genug, um diesen Vorschlag als nicht unbedingt ernst gemeint zu erkennen. 'Nein danke, der französische Wein soll ja sehr mit Schadstoffen belastet sein. Aber wenn du magst und einen Parkplatz findest, dann könnten wir auf ein Glaserl ins Beans&Books gehen, das kommt jetzt gleich da rechts nach dem Petuelpark. Einen Durst hätt ich nämlich schon wieder und man kann dort auch eine Kleinigkeit essen.'

Kurz darauf sitzen wir uns in dem gemütlichen kleinen Café gegenüber, er hat den Wagen tatsächlich in einer Nebenstraße parken können. Was bin ich froh, kein Auto zu haben. Man kann nie einfach stehenbleiben und sich etwas näher ansehen oder spontan irgendwo hineingehen. Immer ist man wuuuuuuuuuutsch im nächsten Augenblick auch schon vorbei - und einfach am  Straßenrand anhalten geht auch nicht, weil da immer schon welche stehen.

'Was schaust denn so düster in dein Glas? Sind da auch Schadstoffe drin?' Er grinst schon wieder. War die Frage ernst gemeint oder will er mich veräppeln. 'Ohne genaue Laboranalyse kann ich dir das leider nicht sagen. Aber man muß auch einfach mal Vertrauen haben.'

Er bricht in Gelächter aus, so laut daß sie von der Theke herschauen und ich befürchte schon, daß wir Hausverbot kriegen. Ist alles schon vorgekommen. Damals im Thing, in Augsburg, haben sie uns gebeten zu gehen, weil wir zu laut gelacht haben. Allerdings hab ich damals schon den Verdacht gehegt, daß sie uns einfach nicht mochten und daher loswerden wollten. Wir haben nicht ins neue Image der Kneipe gepaßt. Wir waren Übriggebliebene aus einer anderen Zeit. Aber hier darf man anders sein, deswegen komme ich gerne ab und zu her, auch wenn ich sonst ungern ausgehe. Immerhin gibt es Bücher. Man muß ja nichts essen. Das tu ich dann doch vorzugsweise daheim.

'Was lachst denn jetzt?' Er kriegt sich gleich garnicht mehr ein und haut sich vor lauter Vergnügen auf die Schenkel. 'Brich dir fei ned das Bein vor lauter Begeisterung!'

'Daß ausgerechnet du über Vertrauen sprichst das find ich so witzig', keucht er, als er wieder Luft holen kann. 'Überall witterst du Gifte, Gefahren und Schadstoffe, aber man muß ja auch mal Vertrauen haben. Ich schmeiß mich weg!' Und wieder fängt er das Wiehern an.
Meine romantische Seite stemmt die Hände in die Hüften und dreht sich beleidigt weg. Mit dem da? Niemals. Lacht sich der tot nur weil ich mehr Fachartikel lese als er. Medizinische Fachartikel. Keine Autozeitschriften. Falls er sowas liest. Falls er überhaupt liest.

'Jetzt hör amal auf mit Schrein, so witzig is des ned. Liest du eigentlich auch manchmal was?'
Verblüfft schaut er mich an. 'Ob ich was lese? Najo eh. Die Getränkekarte beispielsweise wenn ich ins Beisl geh ...' Und wieder grinst er von einem Ohr zum anderen. 'Wieso fragst? Schau ich aus wie ein Analphabet?' Na gut, wenigstens kennt er Fremdwörter. Eins zumindest.

'Nein, wie ein Analphabet schaust nicht aus. Eher wie der Teufel von Straßburg.'
'Du meine Güte du kennst Leute', lacht er. 'Wer bitte ist der Teufel von Straßburg?'
'So heißt ein Roman von Heidrun Hurst. Spielt im 14-ten Jahrhundert. Da geht's um einen grauslichen Mörder, den nennt man den Teufel von Straßburg und ich stell mir den ein bissl so vor wie dich.'

'Ah ja. Ich überlege gerade ob ich das jetzt schmeichelhaft finden soll, daß du dich dennoch neben mich ins Auto setzt wenn ich dich an einen teuflischen Mörder erinnere, aber immerhin, mich ehrt dein, hihi, Vertrauen ... pruuuuuuuust ... ' Und schon wieder fällt er vor Lachen fast unter den Tisch. Wirklich ein sonniges Gemüt, der Bursche. Neben ihm komme ich mir langsam vor wie eine vertrocknete Handarbeitslehrerin. Mit gerunzelter Stirn betrachte ich die Bücherwand am Ende des Cafés. Ob man mir wohl abnehmen würde, daß dieser Mann nicht zu mir gehört, wenn ich jetzt aufstehe und mir die Bücher ansehe? Vielleicht steht ja was Neues dabei das ich noch nicht gesehen habe? 

Zielstrebig stehe ich auf und stolpere beinah über einen kleinen Hund, der fast exakt die Farbe des Teppichbodens hat und den ich daher nicht wahrgenommen habe. Kreizdeifi, grad aus dem Spital entlassen, hätte es mich fast schon wieder hingehauen. Das Leben ist nun einmal gefährlich, egal was der Seppl aus Rimsting darüber denkt. 

Nachdem ich die Bücherwand eingehend inspiziert habe, leider ist nichts für mich Interessantes dabei, drehe ich mich wieder um und sehe, wie Josef den Teppichhund mit einer Wurst füttert. Das scheint der Besitzerin aber nicht zu passen, dem Keifen nach zu urteilen das ich problemlos bis hierher hören kann. Also des geht ja ned, daß die ihn so ankeppelt. Gerade will ich mich auf den Weg machen um mich schützend vor ihn zu werfen, da beißt der Hund auf einmal in Josefs Hand. Der schreit auf, haut mit der anderen Hand versehentlich den Tisch um und die Kante fällt dem Hund genau auf den Schwanz. Der Hund jault auf, das Frauchen kreischt wie von Sinnen, der Kaffeeautomat zischt los und ich kriege die Krise. Rasch packe ich Josefs gesunde Hand und zerre ihn nach draußen. Nur weg hier. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine Bedienung uns nacheilen will, aber aus figurlichen Gründen sind wir um einiges schneller und sie bleibt schnaufend am Eck stehen. 

'Weißt du', meint Josef beiläufig als wir wieder im Auto sitzen 'jetzt bin tatsächlich ein Verfolgter und Geächteter, wie dein Straßburger Mörder. Da drinnen können wir uns jedenfalls nicht mehr blicken lassen.'
'Ach das macht nix. In München gibt es jede Menge Bücherschränke. Wennst ein Buch brauchst mußt nicht in ein Café gehen.'
Ich muß nicht zu ihm hinübersehen um zu spüren, daß er schon wieder grinst. Dabei war das eine absolut sachliche Feststellung. Es ist wirklich ein Kreuz mit den Leuten.

Aber ich bin ihm dankbar, daß er mich nach Hause fährt, bin froh, daß der Hund nicht richtig zugebissen hat und er nicht wirklich verletzt ist, und unter'm Strich ist einer der ständig lacht tausendmal besser als jemand der ständig an allem rummeckert und mich erziehen will. Meine romantische Seite sieht mich mahnend an. Ich nehme mein Handy zur Hand und checke meine Mails. Das WLAN im Spital war unterirdisch, ich hab da nicht viel sehen können.
Langsam scrolle ich nach unten ... auf einmal stockt mir der Atem.
'DES GIBTS JA NED!'
'Was hast denn?', meldet sich Seppl vom Fahrersitz.
'Der Lotto schreibt mir. Ich hätt gewonnen. Und zwar dieses Mal so richtig viel!'


















Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen