Wenn man in einem Krankenhausbett aufwacht, ist zunächst alles um einen herum weiß und grau. Manchmal auch beige oder speibsacklgrün. Bei mir ist das dieses Mal nicht so. Das erste was ich sehe ist Bunt. Viel Bunt. Hinter dem Bunt schiebt sich das mir mittlerweile wohlbekannte Grinsen hervor. Ich schließe erschöpft die Augen. Was ist das für ein Albtraum? Und hier kann ich nicht einmal entkommen. Es sei denn, ich bitte den Arzt, mich irgendwo in eine Geschlossene zu turfen, da dürfen dann nur Familienmitglieder hinein. Wenn überhaupt. Aber eigentlich möchte ich das nicht. Eigentlich möchte ich nur meine Ruhe.
'Guten Morgen schöne Frau', bringt sich der Grinser in Erinnerung. Als ob ich ihn bereits vergessen hätte.
'Erstens bin ich nicht schön, nachdem ich euer Stiegenhaus mit der Nase genau untersucht habe eh schon nicht mehr, und zweitens sind diese Blumen gewiß aus einem Blumenladen um diese Jahreszeit, es sei denn ich habe länger geschlafen als mir lieb sein kann.'
'Und was ist jetzt wieder falsch an einem Blumenladen?', lächelt der Mann unermüdlich weiter.
'Blumen aus Blumenläden sind gezüchtet und total voller Gift, ich würd mal nicht so nah rangehen mit der Nase wenn ich Sie wäre. Am besten, Sie bitten die Schwester um eine Vase und stellen die Pracht ins Vestibül, da sieht es immerhin hübsch aus und verursacht am wenigsten Schaden.'
Er steht auf, verläßt den Raum. Sein Grinsen war nun doch ein wenig verrutscht, und ich atme erleichtert auf. Hoffentlich hab ich den jetzt los. Schließlich bin ich hier um mich von meiner Gehirnerschütterung zu erholen. Ob ich wohl Frakturen erlitten habe? Aber außer der Schulter und dem Schädel tut mir nichts weh. Wo ist der Arzt? Macht man nicht in der Früh immer Visite und wirft dabei die Besucher raus?
Woher wußte der Mann überhaupt, wo er mich finden kann? Weiß ich doch selbst nicht genau wo ich eigentlich bin, tippe aber auf Schwabing, der Sanka fährt ja meist in das nächstgelegene Spital.
Ich fühle mich verfolgt. Wie in einem alten Spionagefilm wo immer jemand hinter einem her ist, in unverhofften Momenten um Ecken lugt oder feixend im Auto an einem vorbeifährt. Und natürlich hat man keine Ahnung, wer der ist und was er will. Wobei ich mir beim Grinser nur zu gut vorstellen kann, was der will. Die Frage ist nur, wieso grad von mir? Soll er sich doch ein jüngeres Opfer suchen. Die freuen sich über einen so hübschen Mann und jeder ist zufrieden.
Langsam drehe ich meinen noch immer heftig pochenden Kopf zum Fenster. Zweibettzimmer. Also eher nicht Schwabing. Wenigstens ist das andere Bett nicht belegt. Ich will nach Hause! Wo bleibt der Arzt?
Wie auf Kommando öffnet sich die Türe und die Morgenvisite betritt den Raum. Man teilt mir in knappem Ton mit, daß ich bis auf einige Prellungen wohl keine schwereren Verletzungen erlitten hätte und nur wegen der Gehirnerschütterung eine Nacht hier in Bogenhausen zur Beobachtung dabehalten worden sei. Man habe ein MRT anberaumt u. a. zum Ausschluß einer Supraspinatussehnenruptur, sollte dieses unauffällige Befunde ergeben, könnte ich danach heim. Also abholen lassen oder mit dem Taxi.
Taxi? Der hat Nerven. Weiß der was das kostet, von Bogenhausen bis zu mir nach Hause? Und abholen lassen, wer würde mich schon abholen? Genau garniemand.
Die weißbekittelte Meute entschwindet. Bis auf eine junge Ärztin, die sich mit ernsthaftem Gesichtsausdruck auf dem Besucherstuhl neben dem Bett niederläßt. Was will die jetzt von mir? Als sie vorsichtig zu sprechen beginnt klappt mir die Kinnlade runter.
'Gestoßen? Mich soll jemand gestoßen haben? Danke nein, ich bin selbst in der Lage über meine eigenen Füße zu stolpern. Die Treppe bin ich völlig alleine hinuntergesegelt.'
'Ja, das sagen sie alle ...'
'Sie wollen jetzt nicht allen Ernstes ein Opfer häuslicher Gewalt aus mir machen? Ich bin Single und zwar aus Überzeugung!'
'Ich wollte Ihnen nur die Gelegenheit geben, sich auszusprechen, sollte der Bedarf bestehen. Es ist nur ein Angebot. Rein prophylaktisch.'
'Na sehr fein. Dann kommt als nächstes jemand mit einem Läusekamm, im Fall daß ich Nissen hätte? Rein prophylaktisch?'
Die junge Ärztin lächelt.
'Da wären wir bei Ihrer Frisur wenigstens gleich durch.
Nichts für ungut, aber wir müssen bei solchen Unfällen nachfragen und es ist zumindest für mich immer wieder unpackbar schwer, zusehen zu müssen wie Frauen, die deutlich sichtbar von ihrem Mann geschlagen worden sind, treu und ergeben wieder zu diesem zurückkehren. Aber wenn die Patientin dies nicht möchte, sind uns die Hände gebunden und wir können nichts tun.'
'Ja, meine Kollegin ist auch mit so einem Kerl verheiratet. Der Typ ist ein strunzdummer Narr. Ativ heißt der, aber ich nenn ihn immer Abdullah. Natürlich nur wenn er es nicht hört, sonst krieg ich auch noch was ab. Die hat halt Angst. Sie wäre nicht die erste, die abends in einer einsamen Ecke ein Messer in den Rücken bekommt. Mit einer Anzeige ist es halt nicht getan, vergessen Sie das bitte nicht. Zumal die Beweislage meist ziemlich dürftig ist und die Frauen oft von der Familie genötigt werden, die Anzeige zurückzunehmen.'
Die Ärztin schweigt betreten. Dann erhebt sie sich und geht langsam zur Türe. Sie tut mir leid. Es ist ja nicht ihre Schuld. Aber mir fällt nichts Versöhnliches ein, das ich ihr zum Abschied mitgeben könnte. Männer sind nun einmal Tiere, und wer sich mit einem gefährlichen Tier einläßt, muß mit allem rechnen. Telekinese zum Mond geht leider noch nicht. Wär 'ne prima Lösung. Find ich. Nur der Mond täte mir leid.
Kaum ist die junge Ärztin draußen, kommt meine Nemesis wieder rein. Immerhin ohne Blumen.
'Hab dir Monade mitgebracht!', kräht er fröhlich.
Der Junge muß mindestens eine Million Gute-Laune-Gene haben.
Und die Albernheit von tausend Clowns.
Strahlend stellt er mir eine Flasche Sprite auf den Nachttisch.
'Ich möchte ja nicht undankbar erscheinen, aber dieses Zeug ist voller Industriezucker. Das kann man doch nicht trinken.' Langsam komme ich mir selber vor wie eine Spielverderberin aber das sind nun einmal die Fakten, an denen kommt selbst er nicht vorbei. 'Wenn du mir vielleicht eine Flasche stilles Wasser besorgen könntest? Ich hab nämlich wirklich Durst.', versuche ich den Schaden zu begrenzen.
'Mach ich gerne!', freut er sich. 'Wie lange mußt du denn hierbleiben?'
'Das erfahre ich später nach dem MRT. Die wollen mich aber nicht mit den Öffis heimfahren lassen. Da werde ich mir noch was einfallen lassen müssen.'
'Du das ist doch kein Problem, ich fahr dich natürlich. Jetzt hol ich dir dein Wasser und dann laß ich dich in Frieden.'
Kurze Zeit später kommt er tatsächlich mit einer Flasche stillen Wassers und einem Zettel wieder herein.
'Hier hast du meine Nummer, rufst einfach an, ich komm dich dann holen. Bis dann!'
Pfeifend schlendert er von dannen, nicht ohne sich an der Türe noch einmal umzudrehen und mir eine Kußhand zuzuwerfen.
Was für ein Kasperle.
Aber nun bin ich ihm zu Dank verpflichtet, ob es mir paßt oder nicht.
Blöd.
Im MRT war dann alles in Ordnung und ich hab erst versucht, mich am Stützpunkt vorbei aus der Station zu schleichen, aber die sind auf Zack dort. Keine gelangweilten Tippsen denen es total egal ist was abgeht, wie bei uns im Klinikum. Die wußten sogar meinen Namen. Alle Achtung. Also mußte ich doch meinen Verehrer anrufen, was sollte ich tun. Geld fürs Taxi hab ich keins dabei und auch zuhause liegt momentan nicht wirklich viel rum.
Mein Grinsebär kommt kurz nach dem Telefonat fröhlich um die Ecke gefegt, er muß noch unterschreiben, daß er mich abholt und nach Hause bringt, und bald stehen wir gemeinsam im Aufzug und fahren nach unten. Etwas irritiert betrachte ich den Motorradhelm, den er in der Hand trägt.
'Du bist aber jetzt nicht mit dem Motorrad gekommen, oder?', frage ich voll düsterer Vorahnung.
Die Lifttüren öffnen sich und wir betreten die die Straße.
Stolz zeigt mein Begleiter auf ein sehr seltsames Motorrad, das nicht aus aussieht, als sei es für den Straßenverkehr zugelassen.
'Keine Sorge,' lächelt er mir ins ungläubige Gesicht. 'Ich hab noch 'nen zweiten Helm dabei.'

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