Meine romantische Seite liegt in Scherben. Da ist nichts mehr zu machen. Auch kein Kintsugi. Kaputt für immer. Eine Wette! Wegen einer Wette hat er sich mit mir abgegeben! Wie weh das tut! Ein Polygamist wäre schlimm genug gewesen aber jemand, der hintenrum eine Wette abschließt und sich dann an einen ranwanzt ... sowas macht man vielleicht mit 14 am Schulhof aber doch nicht mehr in unserem Alter! Ist der Untergang von Anstand und Moral bereits so weit fortgeschritten?
Daß die romantische Seite nun hinüber ist, macht mir nicht wirklich etwas aus, da sie sich oft genug negativ ausgewirkt hat. Beispielsweise hatte ich mir vor einiger Zeit Blaubeeren gekauft. Ich mag die so gerne. Die waren aus Peru. Die romantische Seite hatte mir was vom Anbau in den weiten Fluren der Anden vorgeschwärmt, ich sah fröhliche Inkas in farbenfrohen Gewändern, wie sie durch ein vor Bienen summendes Feld schritten und wunderschöne Lieder sangen.
Die Wirklichkeit sah anders aus. Ich hab ziemlich Durchfall bekommen weil das Zeug so mit Spritzmitteln belastet war. Konnte ich doch nicht ahnen, daß der Obstanbau in Südamerika von Schneewittchens Stiefmutter organisiert wird, die sich offenbar besonders an den Deutschen rächen will, weil die solche uncoolen Märchen über sie erzählen.
Nun war jedenfalls endgültig Schluß mit Romantik. Das gesamte Wochenende hatte ich in einer Art Schockstarre verbracht. Wie konnte ich mich so in einem Menschen täuschen? Klar, ich bin naiv und gutgläubig und alles, aber daß jemand nur wegen einer Wette so freundlich zu mir sein ... sich so verstellen kann ... daß ich glauben muß, ihm läge tatsächlich etwas an mir ... das ist unpackbar.
Klar, die Aktion mit der Leiter war schon grenzwertig. Die hatte Sepp auch nur deswegen hinbekommen, weil die Erdgeschoßwohnung, zu der das Gärtchen unter meinem Balkon gehört, aktuell noch leersteht und die neuen Eigentümer nur sporadisch zu Renovierungsarbeiten anreisen. Sonst hätte man ihm gleich was gehustet.
Den Göttern sei Dank hat mittlerweile der Mann vom Lotto angerufen, das Geld sei nun verfügbar. Ich packe meine Reisetasche. Halb blind vor Tränen und völlig planlos. Egal. Was ich vergesse kann ich nachkaufen. Vor Ort. Wo auch immer das sein wird. Normalerweise plane ich meine Reisen Wochen oder gar Monate im voraus. Heute nicht. Ich fahr jetzt an den Bahnhof und schaue einfach mal. Ganz spontan. Ich kann das!
Bald darauf sitze ich im ICE nach Stuttgart. Wo will man um diese Jahreszeit auch sonst groß hinfahren außer nach Tirol und ich kann nicht skifahren. In Stuttgart gibt es immerhin das Kurbad. Wo man in warmem Mineralwasser baden und es sich wohlsein lassen kann. Ich mag Stuttgart. Anfang März kann man zwar leider noch nicht mit dem Bähnle über den Killesberg sausen, das geht nur in der warmen Jahreszeit, aber man kann sich im flauschigen Hotelbett verkriechen, man kann von den vielen Mineralbrunnen trinken die in ganz Cannstatt verteilt herumstehen und ganzjährig Betrieb sind weil die Mineralquellen ja ständig fließen, und man kann sich sicherlich das eine oder andere Museum ansehen. Museum geht immer.
Blöd nur, daß sie in meinem Stammhotel kein Zimmer mehr frei hatten. Jetzt hab ich einfach mal so eine Luxushütte gebucht. Hoffentlich schreit dort niemand herum. Wir werden sehen.
Der Hauptbahnhof ist noch verbauter als bei meinem letzten Besuch, stelle ich nach der Ankunft in Stuttgart fest. Meine Herren, das kann heiter werden. Stuttgart 21 wird als die Ewigkeitsbaustelle in die Annalen der deutschen Baustellenhistorie eingehen. Und in Cannstatt hat man die Baustelle auch noch direkt vor der Nase. Der halbe Rosensteinpark ist ihr zum Opfer gefallen. Natürlich könnte ich woanders absteigen, aber mir gefällt es in Cannstatt. Und ich kenn mich aus. Auch wichtig.
Dieses Hotel hier kenn ich allerdings nicht. Nie gesehen. Aber man achtet ja auch nicht auf alles und schon garnicht auf teure Hotels. Hätt ich mir früher nie geleistet und eigentlich fühl ich mich dort auch nicht wohl. Wenn einem schon jemand das Gepäck aufs Zimmer tragen will! Das kann ich grad noch selber, vielen Dank auch. Und schon guckt er konsterniert. Dabei tät ich ihm doch nur Arbeit abnehmen wollen. Dauernd das schwere Zeug schleppen, das kann doch nicht gesund sein. Im Zimmer angekommen schau ich mich um - es ist ruhig und das ist die Hauptsache. Riesenbude ist das. Praktisch Suite. Da könnte man zu dritt wohnen und würde sich nicht gegenseitig auf die Füße treten. Weiche Teppiche, Riesenfernseher, Bad mit so einer komischen Sprudelwanne und einem Bidet, Kochnische gibts, im Schlafbereich Minibar, Wasserkocher, Weingläser und sogar Gratis-Knabberzeug. Da tät er gucken der Sepp ... aber ich verscheuche diesen Gedanken sofort wieder. Diese Idioten aus der WG sind jetzt nicht mehr in meinem Leben, punktum. Ich fang ein neues an. Also Leben. Da muß ich mir jetzt überlegen, was ich eigentlich will. Bisher hab ich hauptsächlich das gemacht, was ich mußte. Also reagiert statt agiert. Nachdenklich mümmle ich an einem Grissino. Vertrag ich eigentlich nicht aber des is mir heut amal wurscht. Morgen werd ich sogar runtergehen zum Frühstück. Sonst frühstücke ich nie in Hotels. In der Früh hab ich keinen Hunger und das Zeug mag ich eh alles nicht was da normalerweise so rumsteht. Aber, wie gesagt, jetzt neues Leben und einfach mal schaun. Is eh inkludiert.
In der Nacht schlaf ich wunderbar, und tapse in der Früh voll erholt gleich um 7 Uhr runter in den Frühstücksraum. Du meine Güte, was die alles haben! Lachs mit Petersilie, mindestens 10 verschiedene Semmerln und als Aufstrich alles vom veganen Hummusgatsch über Bärlauchpesto bis hin zur scharfen Paprikapaste. Sogar Spargel haben sie schon. Ich lad mir glutenfreies Knäcke auf den Teller mit jeder Menge Lachs und hocke mich hin. Es ist noch kaum jemand auf um die Zeit, bis auf drei Typen im Anzug. Offenbar Geschäftsreisende, die sich hastig ihren Kaffee hinter die Krawatte kippen und ständig aufs Handy glotzen. Mei geht's mir gut. Ich muß mich nicht mehr hudeln, ich hab jetzt The Life of Riley. Nachher werd ich einfach mal losgehen, immer der Nase nach. Mach ich am liebsten. Man weiß nie, was man alles Schönes findet.
Das Erste was ich sehe ist ein Langhaariger der nur wenige Meter vor mir die Waiblinger Straße hinuntermarschiert. Kann ich diesen Typen vielleicht mal aus dem Kopf bekommen? Rasch biege ich in eine Seitengasse ein und orientiere mich in Richtung Altstadt. Doch warte, was ist das hier? Ein winziger Laden, fast wäre ich vorbeigelaufen, das Schaufenster voller antikem Trödel. Und uralter Postkarten! Ich liebe Postkarten! Völlig unerwartet ist das Geschäft sogar schon offen, um noch nicht einmal 9 Uhr morgens. Beim Hineingehen bimmelt eine altmodische Glocke. Ich steige vorsichtig eine Stufe hinunter, der alte Mann hinter der riesigen Massivholztheke blickt auf und lächelt verschmitzt.
'Da bist du ja endlich!', sagt er zu mir als hätte er bereits sein Leben lang auf mich gewartet. Was nicht sein kann. Hab ihn noch nie gesehen. Mein Gesicht spricht offensichtlich Bände, denn er setzt, weiterhin freundlich lächelnd, zu einer weiteren Erklärung an:
'Meine Katze hat mir gestern gesagt, daß du heute ziemlich früh eintreffen wirst. Eigentlich hätt ich um die Zeit noch nicht aufgesperrt. Aber ich wollte dich natürlich nicht verpassen. Wie du siehst bin ich nicht mehr der Jüngste und ich möchte den Laden an jemanden weitergeben, der ihn auch zu führen weiß. Deine Nase hat dich hierhergeführt. Mein Kätzchen hatte also recht, wie immer.'
'Und wenn jetzt in 10 Minuten jemand anderer kommt, der diesen Laden tatsächlich kaufen möchte? Was ich ja nicht vorhabe?', bemühe ich Logik und Verstand. Obwohl ... wenn ich mich so umsehe hier, das ist genau die Art von Geschäft in dem ich stundenlang gruschteln könnte und hinterher einen LKW bräuchte um meine Errungenschaften nach Hause zu transportieren. So schöne Sachen! Und kistenweise Postkarten!
'Es gefällt dir hier. Das merke ich doch. Und das was du siehst ist nur die Oberfläche. Komm mit, ich zeig dir was!' Neugierig folge ich dem Mann hinter einen staubigen Vorhang in ein Hinterzimmer. Auch hier stehen alte massive Eichenschränke, Truhen und Kisten, vollgestopft mit den wunderbarsten Dingen und vollgestellt mit kuriosen Skulpturen, Gemälden und uralten Fotos. Der Mann bedeutet mir mit einer Handbewegung, mich zu setzen. Ich kann mich nicht sattsehen. Der Laden ist tatsächlich ein Traum. Staubig, ja, aber das bin ich von zuhause gewohnt, des macht mir nix. Die Katze läuft mit erhobenem Schwanz und laut miauend durch den Raum. Schaut mich nicht einmal mit dem Hintern an das arrogante Vieh. Bin enttäuscht. Der Ladenbesitzer schmunzelt: 'Sie hat dich schon erkannt, sie weiß aber auch, daß die Zeit noch nicht gekommen ist. Du hast noch etwas Unerledigtes in deinem Leben und mußt noch viel lernen. Schau her, das ist eine Zauberkugel. Wenn du hineinschaust wirst du sehen, was noch zu erledigen ist. Und dann wirst du wiederkommen und ich werde dir alles beibringen, was du wissen mußt.'
Bissl ballaballa ist er schon, denk ich mir, aber ich hab Zeit und ich möchte nicht unhöflich sein. Also rutsche ich auf dem harten Holzstuhl (sicher total antik) nach vorne und schaue in die Kugel. Und traue meinen Augen nicht! Kein anderer als Sepp steht hier vor meinen Augen in der Kugel, offensichtlich völlig derangiert, und plärrt einen seiner langhaarigen Kumpels an: 'Wos für an Schas host ihr dazöht! Wette, oda? Des woa doch nur a Schmäh und hob I total schon wieder vergessen g'habt! I mog die Frau! Total! Und du host's versiebt! Du Oaschloch!'

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen