Im nächsten Moment hätte ich mir am liebsten die Zunge abgebissen. Wie dumm von mir! Überall ist nachzulesen, man solle im Falle eines Lottogewinns niemandem davon erzählen. Den Grund kann man sich denken. Und nun binde ich es ausgerechnet Josef auf die Nase, den ich nicht nur kaum kenne, sondern eigentlich auch nicht wirklich kennenlernen will.
Doch dieser ist offenbar mit einem göttlichen Gleichmut gesegnet. Er zuckt mit keiner Wimper und bemerkt nur höflich: 'Ja mei is des schee!' Um dann aber doch neugierig nachzufragen: 'Und was machst nachher mit dem Geld? A Kreuzfahrt? Oder kaufst dir ein Ferienhaus irgendwo? Oder ein Regal voller Schuhe?'
'Ah geh, Schuhe! Schau I so aus? I kann's irgendwie ned glauben, grad. Weißt I wünsch mir des scho so lang, daß ich amal g'scheit im Lotto was krieg, und jetzt ... du vielleicht ist das auch garnicht echt? Im Internet kannst ja gleich garnix mehr glauben. Weißt Josef, ich muß des jetzt erst mal sacken lassen. Und daheim die Zahlen nachschaun ob das auch alles so stimmt.'
'Warum nennst du mich eigentlich immer Josef?', will Josef wissen. 'I bin doch da Sepp.'
'In Gedanken nenn ich dich ja eh schon Sepp,' gebe ich zögerlich zu, 'aber das klingt halt so familiär und vertraut und wir sind uns immerhin total fremd. Nach nicht einmal drei Tagen Bekanntschaft.'
Wieder lacht er. 'Hältst mich insgeheim immer noch für eine Art Jack Unterweger, der die Frauen erst in seinen Bann zieht und dann reuelos erwürgt? Aber ich darf daran erinnern: Jack kam vom Land. Und aus der Steiermark. Ich hingegen hab mich immer in Wien herumgetrieben. Und wie wir alle wissen, Wien ist nicht Österreich.'
Ganz automatisch rufen wir im Chor 'Wien ist anders!'
Und brechen in ausgelassenes Gelächter aus.
Und sind auch schon bei mir zuhause angekommen.
'Danke fürs Heimbringen ... Sepp.' Sage ich leise und will aussteigen. Ich sehe in sein enttäuschtes Gesicht und mir wird mulmig. Er fragt: 'Darf ich nicht noch auf ein Getränk mit hinaufkommen?' Ich bin verwirrt. Getränk? 'Nun, einen Tee könnte ich uns machen ...'
'Ich hatte eher an ein Glas Wein gedacht?'
'Nur gut, daß du Fotograf bist und kein Krankenpfleger. Bei Gehirnerschütterung ist Alkohol streng kontraindiziert. Aber wenn du Lust auf Wein hast, ich kann dir gerne was mitgeben, ich hab ein paar Flaschen da. Sogar welchen aus Österreich.'
Er schaut beschämt und meint: 'Nein nein laß nur, ich hab eh welchen z'haus, ich wollt eigentlich nur noch mehr Zeit mit dir verbringen. Aber klar, du mußt dich jetzt ausruhen, das versteh ich total. Machs dir gemütlich, schlaf ein bissl, und ich würd mich freuen, wenn wir uns bald wieder sehen könnten. Nummer hast ja. Bussi baba!'
Ich schmunzle über diesen typischen Wiener Abschiedsgruß und winke ihm freundlich nach. Er ist schon ein herziger Bub, denke ich mir, da kannst nix sagen. Aber mehr kann ich mir zwischen uns einfach nicht vorstellen. Er, der aktive, immer gut gelaunte und attraktive Fotograf, der an jedem Finger zehn Frauen haben könnte, und dann ich, die komische Alte die soviele Eigenheiten entwickelt hat, daß ein normales Leben kaum mehr möglich erscheint.
Was ja unter'm Strich egal ist solange man alleine ist. Aber erklär mal einer zweiten Person, warum Kinder dich so grantig machen, warum du ein Restaurantessen nicht genießen kannst und warum du 'lieber zum Zahnarzt gehst als auf eine Party' wie es Gunkl einmal so schön auf den Punkt gebracht hat. Weil man beim Zahnarztbesuch wenigstens weiß, für was es gut ist. Gunkl ist prima. Leider hab ich schon lange keine Vorstellung mehr von ihm gesehen weil ich abends immer so müde bin.
Das ist ja das nächste Thema. Mit mir kann man nicht viel unternehmen. Selten, daß ich einmal in ein Museum gehe, obwohl ich Museen irre interessant finde. Besonders das in Salzburg oben am Mönchsberg. Dort gibt es immer was Abgefahrenes zu sehen. Aber reisen kann ich halt auch nicht mehr. Die vielen lärmigen Leute im Zug und im Hotel, das halte ich nicht aus.
Abgesehen davon, daß die Hotels so teuer geworden sind. Ich zahl doch keine Lawine dafür, daß man mich nachts nicht schlafen läßt.
A propos Lawine ... schlagartig fällt mir mein Lottogewinn wieder ein. Ob da wirklich was dran ist? Eilig steige ich zu meiner Wohnung hinauf und werfe mein Chromebook an. Checke die Zahlen auf gmx. Und tatsächlich: Mein Schein hat gewonnen! Sechs Richtige mit Zusatzzahl! Es erscheint ein Pop-up in dem ich aufgefordert werde, mit einem Klick die Benachrichtigung über den Gewinn offiziell zur Kenntnis zu nehmen. Aber wieviel es ist, sagen sie immer noch nicht. Es ist nur die Rede von einem Zentralgewinn und daß ich meine Identität mit einem Postident-Verfahren bestätigen muß. Find ich gut. Erst neulich las ich von einem hinterfotzigen Angestellten in einer Trafik, der einem Lottogewinner dreist ins Gesicht gelogen hat, ihm weisgemacht hat, er hätte eh nichts gewonnen. Der hats geglaubt und ist wieder abgezogen, den Schein hat er liegenlassen ... und der Angestellte wollte dann damit das Geld für sich abholen. Hat aber nicht geklappt weil man herausgefunden hat, daß er in der Lotto-Annahmestelle arbeitet. Leider ist der echte Gewinner mittlerweile nicht mehr identifizierbar. Eineinhalb Millionen Euro beim Teufel nur wegen so eines Betrügers! Das kann beim Online-Spiel nicht passieren. Da weiß nur ich, daß ich gewonnen habe. Naja und der Sepp halt jetzt.
Am nächsten Morgen durchlaufe ich per Videocall dieses Postident-Verfahren, der Mann ist sehr nett und teilt mir mit, daß mich demnächst jemand anrufen wird wegen einer Beratung.
Na, was werd ich eine Beratung brauchen. Das Problem ist doch, daß die Banken nur bis zu einem Betrag von Hunderttausend Euro haften. Ich hab neun Millionen. Euro. Ich kann doch keine Tausende von Konten eröffnen. Soviele Banken gibts ja garnicht. So recht kann ich mich über meinen Gewinn nicht freuen. Kaum haben die Kopfschmerzen wegen des Treppensturzes endlich nachgelassen, bekomme ich gleich wieder welche weil ich nicht weiß, wie ich das Geld am besten so aufhebe, daß es nicht gleich wieder verschwindet.
Ich beschließe, mich dann aufzuregen wenn es soweit ist und fahre erst einmal ins Nordbad, zum Schwimmen. Das Außenbecken, das ich wegen des warmen Wassers auch im Winter präferiere, füllt sich rasch mit den üblichen Verdächtigen. Die kurzhaarige Frau die immer nur in der Mitte steht und so laut schreit, daß man sie bis in die Stadt hinein hört. Der Mann der aussieht wie Harpo mit seiner Schwimmbrille, und den ich gerne mag weil er nie im Weg herumsteht sondern auch einfach nur schwimmen möchte. Das Knoblauchmännchen, ein kleiner dünner Mann der immer unter den Massageduschen herumspringt, alle vollspritzt und nach Knoblauch stinkt wie ein Weltmeister. Der Mann mit dem tätowierten Adler auf der Schulter, ich nenne ihn 'The German', der immer wie aufgezogen im äußeren Kreis rundherum geht und sich dabei von niemandem aufhalten läßt. Nicht einmal von den beiden lästigen Weibern die dort immer gemütlich entlangschlendern und niemanden vorbeilassen wollen. Und natürlich der 'Zuhälter'. Den finde ich besonders nervig, weil er mich jedes Mal gnadenlos zutextet. Natürlich ist er nicht wirklich ein Zuhälter sondern sieht nur so aus. Glatze und Goldkettchen. Mehrere. Im Schwimmbad! Ständig redet er über Geld, Immobilien, Teppiche, seine Uhrensammlung ... als ob das irgendjemanden interessieren würde. Lediglich der Fortschritt seiner Schulterverletzung interessiert mich. Leider kann er mir immer noch nicht sagen, was im MRT-Befund gestanden war. Typisch Patient. Kein Interesse am Sachverhalt aber auf den Arzt schimpfen.
Langsam drehe ich meine Runden und überlege mir, daß ich mich ja nun nicht mehr mit all diesen Leuten herumzuärgern brauche. Ich kann mir meinen eigenen Swimming-Pool anlegen lassen. In dem niemand schreit, niemand im Weg herumsteht und den ich jeden Tag genießen kann, egal wie spät es schon ist. Ins Nordbad kann ich ja nur ganz in der Früh gehen, danach wird es vollends unerträglich.
Das Leben ist auf einmal voller Möglichkeiten, so daß einem ganz schwindelig wird. Ich kann endlich umziehen wohin ich möchte. Raus aus diesem miefigen Wohnblock in dem in immer kürzeren Abständen die Eigentümer wechseln und jedes Mal monatelang gehämmert und gebohrt wird, daß das Haus wackelt. Ich kann meinen Job kündigen und zurück nach Augsburg ziehen. Wo es noch echte Wälder gibt und nicht nur sporadische Ansammlungen von kranken Bäumen zum Zwecke der Hundeentladung, so wie hier. Ich könnte das Geld in ein paar Eigentumswohnungen investieren, statt zig Konten aufzumachen, dann könnte ich eine davon an Sepp vermieten. Total anonym natürlich. Über eine dritte Person. Leider kenne ich weder Strohmänner noch Strohfrauen. Das Leben ist auf einmal sehr kompliziert geworden. Was Sepp wohl gerade so macht?
Am Nachhauseweg nähere ich mich meinem Wohnblock einmal von der anderen Seite. Tue so, als würde ich rein zufällig hier langlaufen, und werfe einen unauffälligen Blick hinauf zu den Fenstern der WG. Plötzlich sehe ich ihn von der Hauptstraße her auf mich zukommen. Rasch verschwinde ich im Hauseingang gegenüber. Er ist nämlich nicht alleine. An seiner Seite hüpft eine aufgedrehte, überschminkte Person, gerade einmal Mitte 20 oder so. Lange Haare, beneidenswerte Figur, absolut perfekt. Sie redet in einer Tour auf ihn ein und er grinst sein unwiderstehliches Seppl-Grinsen. Es tut weh, daß es nun einer anderen gilt. Einer so hübschen und beneidenwert gesunden jungen Frau. Die beiden nähern sich der Haustüre, er zieht den Schlüssel heraus, sie fällt ihm um den Hals. Er nimmt sie zärtlich in den Arm und drückt ihr einen Kuß auf die Stirn. Mir wird ganz komisch im Bauch. So ein Verräter! Gestern wollte er noch mit mir einen Wein trinken und heute busselt er schon die nächste ab.
Ich warte, bis sie im Haus verschwunden sind und suche dann rasch das Weite.
Dem vermiete ich keine Wohnung. Am Ende zieht er dann mit ihr ein und die macht alles fleckig mit ihrer Schminke! Langsam steige ich die Treppen hinauf, betrete den Hausflur und ziehe als erstes die Vorhänge an dem Fenster zu, von dem aus man aufs Nachbarhaus hinübersieht. Meine romantische Seite ist sehr traurig.
Schade, daß ich Angst vor dem Fliegen habe.
Eine Auszeit am anderen Ende der Welt erscheint mir gerade extrem verlockend.

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