Freitag, 20. März 2026

Mit Halbvier und mir ist nicht mehr zu rechnen



'AUA!' Auf was bin ich denn jetzt wieder draufgetreten? Noch dazu mit dem wehen Fuß. Hab mir selber ein Morton Neurom diagnostiziert aber der Professor hat nur gelacht und mir Einlagen verschrieben. Grummelig wühle ich mich durch den Kleiderhaufen am Boden. Aha.  Einer der Kiefernzapfen, der meine Bücherregale im Schlafzimmer verzieren sollte, hatte sich irgendwann heimtückisch auf den Boden begeben und zwischen den Klamotten versteckt. Und ich tret natürlich voll drauf. Nun ist er kaputt und mir tut die Fußsohle weh. Fängt schon gut an, der Tag.

Immerhin hab ich frei. Wobei ich die beiden vergangenen Tage um die Ablenkung durch meinen Job nicht bös war. So konnte ich wenigstens nicht ständig darüber nachgrübeln, wieso es mich so stört, daß Sepp eine Freundin hat, wenn ich doch eh nichts von ihm will. 

Ich arbeite Mittwoch und Donnerstag von Zuhause aus in der Terminvergabe eines großen Klinikums. Noch. Sobald der Typ vom Lotto angerufen hat und ich sicher sein kann, meine Millionen zu bekommen, werde ich wohl kündigen. Und umziehen.

Manche Anrufe die ich so bearbeite, gehen mir wirklich nahe. Beispielsweise ruft eine Frau an, die 1952 geboren wurde, also bereits über 70 Jahre alt ist. Sie möchte ihren Termin ein bissl nach hinten verschieben weil sie in der Früh immer ihre gebrechliche Nachbarin versorgt.

Heute ist Freitag, da geh ich immer ins Seniorenyoga. Neben mir sitzt Erika. Erika sieht fast nichts, ist sehr schwerhörig und ihre Gelenke tun so weh, daß sie Fentanyl verschrieben bekommt. Dennoch geht sie noch fast jeden Tag raus, auf Wegen die sie sich eingeprägt hat, als sie noch ein bissl was sehen konnte. Erika hat nur Pflegestufe zwei, daher kommt jeden Morgen ihre Tochter, macht das Frühstück und erledigt die Post und was so anliegt. Dann eilt sie zur Arbeit. Abends bringt sie dann der Mutter noch Einkäufe vorbei. Dies geht nur, weil sie keine vollen 38 Stunden in der Woche arbeitet.

Und dann stellt sich unser Kanzler hin und nervt rum, die Leute würden zuwenig arbeiten? Dabei leisten soviele Menschen diese wichtige, aber für ihn halt wahrscheinlich mangels Zahlen 'unsichtbare' Arbeit. In der Pflege, beim Roten Kreuz, bei der Diakonie. Alles ehrenamtlich oder einfach privat völlig unter dem Radar. Er hingegen sieht nur Menschen, die immer weniger offizielle Arbeitsstunden leisten. Das wird seinen Grund haben. Ein Bekannter von mir ist Nebenerwerbslandwirt. Auch er würde gerne seine Arbeitszeit in der Autowerkstatt reduzieren, nur der Chef läßt ihn nicht. Der fährt nach der Arbeit oft noch bis spät in die Nacht mit dem Trecker über seine Felder, und nebenbei ist er noch bei der freiwilligen Feuerwehr. Aber das sieht der Herr Merz alles nicht. Warum sind die Politiker so weit von dem Volk entfernt, um dessen Bedürfnisse sie sich doch eigentlich kümmern sollten? Idealerweise jedenfalls.

Als ich mich frisch gewaschen und gekämmt zur Wohnungstüre hinausbegebe, um zum Yoga zu fahren, sehe ich einen kleinen Umschlag auf der Fußmatte liegen. Beschriftet ist er nur mit 'Für Kati, persönlich'. Als ob sich meine Nachbarn für meine Post interessieren würden.
Mein Herz beginnt zu rasen. Ob das wohl eine Nachricht von Sepp ist? Er hat ja meine Nummer nicht. Nur ich seine. Während ich die Treppen hinunterlaufe, reiße ich neugierig den Umschlag auf. Tatsache. Nachricht von Sepp. 'Warum machst du nicht auf wenn ich klingele? Geht es dir nicht gut? Ich mache mir Sorgen!'

Oh. Das wollte ich natürlich nicht. Daß er sich Sorgen macht. Aber wieso macht er sich Sorgen um mich wenn er doch mit der jungen Tussi beschäftigt ist? Bin ich in seinen Augen auch eine alte gebrechliche Nachbarin um die man sich kümmern muß? Wie peinlich! Und ich naiver Trottel hatte doch glatt gedacht, er flirtet mit mir. Er schaut zwar viel jünger aus als ich, ist aber doch im selben Alter. Zutiefst gedemütigt werfe ich den Zettel in den Abfalleimer vor dem Haus und eile mit Riesenschritten zur U-bahn. Sorgen macht er sich. Pah! Depp, der.
Soll er sich lieber Sorgen um den Teint seiner Freundin machen. Mit der vielen pappigen Schminke macht man sich die Epidermis kaputt, jawoll! Die Haut will atmen und sich nicht mit billigem Gatsch die Poren verstopfen lassen! Zornig und enttäuscht wüte ich vor mich hin bis ich beim ASZ (Alten- und Servicezentrum) angekommen bin, wo unser wöchentliches Seniorenyoga stattfindet. Silvia, die Kursleiterin, ist total lieb und schafft es jedes Mal, daß ich mich hinterher besser fühle.  

Besonders reif habe ich mich ja nicht verhalten, überlege ich so vor mich hin, als ich nach der Yogastunde wieder in Richtung Zuhause marschiere. Er kann ja nicht wissen, daß ich meine Türklingel grundsätzlich abgeschaltet habe damit mich niemand mit plötzlichem Klingeln erschrecken kann. Neulich wie er vor der Türe stand und um Mehl fragte (ausgerechnet!), hatte ich einfach nur vergessen, nach der Lebensmittellieferung die Klingel wieder auszuschalten. Vielleicht sollte ich mich einfach kurz melden. Schriftlich. Ich telefoniere extrem ungern. Hab immer Sorge, den anderen zu stören sollte ich es wagen, einfach anzurufen. Die Leute sind ja immer so beschäftigt. Sogar Erika ist meist gerade auf dem Sprung, wenn ich mich melde. 

Die Schleißheimer Straße ist sehr lang. In der Stadt drinnen beginnt sie als eine enge Gasse mit kleinen Läden und Cafés rechts und links, voller Menschen die umherwuseln, lebendiges Stadtbild würde man wohl sagen. Mit der Zeit wird sie breiter, und bei uns oben im Norden ist sie einfach nur noch häßlich, laut und stinkig. Die Menschen, die bei BMW arbeiten, strömen gerade heraus in die Mittagspause. Die Wintersonne blinzelt von schräg oben, das lockt die Menschen ins Freie. Überall stehen diese neumodischen Scooter herum, und werden auch fleißig benutzt. Mir sind die unheimlich. Vor fünf Jahren hat ein Mann beim Aufladen seines Rollers ein historisches Gebäude in Brand gesteckt. Der Akku ist beim Laden einfach explodiert. Es war das älteste Haus in der Augsburger Karolinenstraße und der Schaden ging in die Millionen. Es ist zwar niemand gestorben, aber viele Menschen verloren durch den Hausbrand all ihr Hab und Gut.

Seither sehe ich diese Roller immer ziemlich skeptisch an. Und die schauen frech zurück. Eigentlich hatte ich bislang immer nur ausgebüchste Einkaufswagen fotografiert aber seit einiger Zeit habe ich auch die Roller im Visier. Man muß den Feind im Auge behalten. 

Gemütlich flaniere ich die Straße entlang und träume vor mich hin, als auf einmal ein Jugendlicher von hinten auf genau so einem Roller dahergedüst kommt und so eng an mir vorbeifährt, daß er mich mit seinem Rucksack heftig am Arm anrempelt. Erschrocken fahre ich zusammen und schicke dem Kerl laute Schimpfwörter hinterher. So ein Depp! Kann der nicht schauen wo er hinfährt? So dick bin ich auch wieder nicht, daß man nicht bequem an mir vorbeikäme!

Da kann man jetzt über den Sepp sagen was man will, aber DER würde das NIEMALS tun. Sein Humor ist zwar gewöhnungsbedürftig aber er ist ein guter Kerl und verhält sich im Straßenverkehr vernünftig und vorausschauend. Irgendwie vermisse ich sein bescheuertes Grinsen. Ob ich doch anrufen soll? Nein! Am Ende störe ich beim Schäferstündchen. Ich werde eine meiner Postkarten in den Briefkasten drüben stecken. Genau. So werde ich es machen.

Beschwingt eile ich nach Hause und durchforste meinen Postkartenfundus. Manchmal lasse ich von einem meiner Fotos Postkarten drucken. Damit 'beglücke' ich dann meinen zugegebenermaßen eher übersichtlichen Bekanntenkreis. Hier! Diese Karte würde doch bestens passen. Sie zeigt ein grünes Männchen, offensichtlich ein Außerdischer, der Grüße von Halbvier ausrichtet, mit dem in nächster Zeit aber nicht zu rechnen wäre. (Halbvier ist ein Weltraumreisender der sich auf einer anderen Postkarte als Dyskalkuliker vorstellt. Daher fand ich es lustig, daß mit ihm in nächster Zeit nicht zu rechnen sei. Ich weiß, mein Humor ist auch gewöhnungsbedürftig.) Hinten auf die Karte schreibe ich, daß auch mit mir aus persönlichen Gründen aktuell nicht zu rechnen sei und man sich keine Sorgen zu machen brauche.

Erst als es dunkel geworden ist, traue ich mich, zum Briefkasten der WG zu schleichen. Den Göttern sei Dank sind an diesem Haus die Briefkästen außen. Bei uns müßte man klingeln, um hineinzukommen. Ich kann mich noch erinnern, damals in Ulm als ich noch ein Kind war, da kam jede Woche der Getränkelieferant. Der hat, und das fand ich so faszinierend, seine riesige Hand über ALLE Klingeln gleichzeitig gelegt und sobald jemand den Türöffner betätigte, brüllte er ins Treppenhaus: FINKBEINER!
Daraufhin kamen dann wohl die Hausfrauen aus den Wohnungen und holten ihre Bestellungen herein. Daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Wir haben sowieso nie Sprudel gekauft, dazu war mein Vater viel zu geizig. Wasser kam ja aus dem Hahn und damit konnte man Tee machen.

Kaum habe ich meine Karte in den Kasten der WG gesteckt, öffnet sich die Wohnungstüre und ein langhaariger Mann kommt heraus. Ich schaue ihn erschrocken an ... aber es ist ein Fremder, nicht Sepp. Er jedoch scheint mich zu erkennen. Langsam breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus (offenbar Voraussetzung für eine Aufnahme in die WG: Lange Haare und freches Grinsen).

'Du bisch doch die Alte mit dem Bild, gell? Hod er di schon rumkriagt?'
Ich erstarre zur Salzsäule. 'Rumgekriegt???'
'Ja du hosch doch grad a Liebesbriefle in den Kaschta g'schmissa. Han I doch g'säha.'
Du meine Güte, ein Schwabe. 
'Mir hend halt a Wette laufa, dr Sepp und I. Und wenn I verlaura hätt, no tät's mi grad scho interessiera ...'









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