Sonntag, 9. Juni 2024

Die Farben des Teufels


Manchmal muß man einfach was ganz anderes machen.
Fand Walter eines Tages so für sich.

Das Leben suppte zäh dahin, perfekt an der Oberfläche, aber wehe jemandem verrutschte die Maske, so daß die anderen für einen Augenblick gewahr wurden, was diese Person wirklich dachte ... sofort Angriff, Mobbing, Ausgrenzung.

Walter fand das komplett bescheuert. Er sehnte sich nach Veränderung. Angefangen hatte er damit, seine Wohnung aufzuräumen. ''Eh keine schlechte Idee'', fand seine Freundin beifällig, als sie mit den Kindern einmal wieder auf Besuch war und diese sich daraufhin alle Mühe gaben, den Urzustand des Chaos wiederherzustellen.

Lange konnte ihn jedoch auch die nunmehr lobenswert aus- und aufgeräumte Wohnung nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch seine Karriere sich an einem Punkt befand, wo es ihm mittlerweile mehrmals die Stunde Ober- und Unterkiefer zwanghaft auseinanderriß. Und das mitten in einem ach so wichtigen Meeting. Nachdem er bereits zweimal mit Schimpf, Schande und sämtlichen Unterlagen vor die Türe geschickt worden war um 'seinen Büroschlaf nachzuholen' wie der Chef sich unmißverständlich ausdrückte, feilte Walter innerlich bereits an seiner Kündigung.

Wie gerufen kam ihm die Anzeige eines Unternehmens für Medizintechnik, das gerade eine völlig neue Praxissoftware entwickelte. Diese konnte alle Daten eines Patienten, auch externe, mühelos zusammenführen, man konnte Filter setzen, patientenunabhängige Abfragen machen, Statistiken erstellen und noch viel mehr. Beispielsweise konnte man so herausfinden, wer mehr als drei Achterl am Tag trank. Oder wer jeden Tag zum Discounter ging wegen dem Billigfleisch aus Massentierhaltung, statt regional frisches Gemüse beim Bauern zu kaufen.

Diese Firma suchte engagierte und wissenschaftlich interessierte Mitarbeiter, welche diese Software bei Kassen und Arztpraxen anzupreisen hatten. Die Krankenhäuser sollten in einem zweiten Schritt in Angriff genommen werden. Bis schlußendlich alle zu einer einzigen, glücklichen Familie zusammengeführt worden waren, in der niemand Geheimnisse vor dem anderen hatte und die in Freud und Leid zusammenstand und sich gegenseitig unterstützte.

Soweit der Werbeprospekt.

Als er seiner Freundin abends bei einem Glas Wein unsicher von dieser Firma und seiner bereits dort eingereichten Bewerbung berichtete meinte diese: ''Naja, das ist ja jetzt per se nichts Schlechtes. Solange ihr keine Software macht mit der man bestimmte Patienten rausfiltert und so lange daheim besucht bis sie sich freiwillig umbringen.
Weil sie nur noch eine Belastung für das Krankenkassen-Budget sind.''

Walter schluckte. Als potentielle Bedrohung hatte er diese Entwicklung zwar durchaus wahrgenommen, aber ob sie den Leuten tatsächlich nach dem Leben trachteten? Sicher nicht! Manchmal ging mit seiner Freundin schon ein bissl die Phantasie durch, das kam wahrscheinlich von den vielen Märchenbüchern die sie den Kindern vorlas. Abends. Wenn er schon lange wieder in seiner Wohnung saß, Strichmännchen auf Zettel malte und von Freiheit auf dem Wasser träumte. Als Skipper frei und ungebunden die Weltmeere zu besegeln ... aber weiter als auf den Neusiedlersee hatte er es leider nie gebracht und auch das nur zwei Jahre lang, dann konnte er sich das Boot nicht mehr leisten und mußte es um ein Butterbrot an so einen Emporkömmling verkaufen. Das schmerzte ihn heute noch.

Die ersten Tage in der neuen Firma waren hart. Die Hierarchie war deutlich festgesteckt, nur wer schier Unmenschliches leistete, so wurde ihnen bei den Schulungen immer wieder eingetrichtert, konnte aufsteigen - und Walters Unmut wuchs, als er ausgerechnet den Emporkömmling vom Neusiedler See in der Chefriege entdeckte. Der jetzt mit seinem Boot wer weiß wo überall umherfuhr. Während er sich mit schnippischen Sprechstundenhilfen und überforderten Ärzten umeinanderärgern mußte, die nicht begreifen wollten, daß sie keine Wahl mehr hatten. Das neue System würde kommen. Verpflichtend. Und je eher sie sich damit vertraut machten, desto weiter vorn würden sie die Nase haben wenn es erst einmal voll im Einsatz wäre. 

Müdigkeit barocken Ausmaßes umfing ihn jeden Abend wenn er nach einem erschöpfenden Arbeitstag auf seine Couch geplumpst war. Zu zerschlagen um Männchen zu malen oder gar den einen oder anderen Songtext zu schreiben. 

Wie folgenschwer seine Entscheidung, dieser Firma beizutreten tatsächlich gewesen war, wurde ihm erst viele Monate später bewußt. Er hatte sich mittlerweile an die Arbeit gewöhnt, sie ging ihm leichter von der Hand. Vor allem hatten die Ärzte nach und nach resigniert und er kam um einiges schneller voran mit der Rekrutierung und anschließenden Einrichtung der Software. Sogar eine blaue Badge für sein Hemd hatte er bereits bekommen. Immerhin, bissl eine Anerkennung, nicht mehr der ganz Neue, nicht mehr ganz unten in der Hierarchie. 

Der Anruf kam spätabends. Seine Tante Irmi stammelte verwirrtes Zeug von schwarzen Männern die ihr dauernd die Betablocker wegnehmen wollten und daß sie einen zwischen die Beine getreten hatte woraufhin beide fluchend davongelaufen wären und die Türe fest hinter sich zugeworfen hätten. Was sollten denn die Nachbarn denken!
Walter mußte sich ein Lachen verbeißen. Alt war sie zwar, die Irmi, aber so schnell ließ sie sich nicht die Butter vom Brot oder ihre Betablocker vom Nachtkastl nehmen.
Während er sie beruhigte und versprach, am nächsten Tag ins Heim zu kommen und nach dem Rechten zu sehen, fielen ihm auch schon die Augen zu und natürlich hatte er das Gespräch am nächsten Tag vergessen. 

Ein neuer Arbeitstag erwartete ihn, voller Herausforderungen und Schikanen. Die Software war mittlerweile flächendeckend installiert, wies aber noch jede Menge bugs auf, die selbstverständlich er auszubügeln hatte. So fuhr er von Praxis zu Praxis, wurde von naserümpfenden Sprechstundenhilfen empfangen und von wütenden Ärzten beschimpft ... und erst als er abends an dem riesigen Komplex des Seniorenwohnheims am Dürren Ast vorbeifuhr fiel ihm wieder der Anruf von Tante Irmi ein. Ein rascher Blick auf die Uhr bestätigte ihm, daß es noch nicht zu spät sei. 

Er betrat das Gebäude, nickte der hübschen Empfangsdame zu und wollte soeben mit weitausgreifenden Schritten die Treppen zum Mezzanin in Angriff nehmen, da hörte er hinter sich die Empfangsdame rufen: ''Herr Walter, momenterl, bitte warten Sie noch einen Augenblick, Sie können jetzt nicht zu Ihrer Tante!''
''Was heißt das, ich kann nicht zu ihr? Ist etwas passiert?''
''Sie hat sich gestern Abend sehr über etwas im Fernsehen aufgeregt wir mußten ihr eine Spritze geben. Sie liegt auf der Krankenstation. Es schaut nicht gut aus.''

Walter schluckte. Hier stimmte etwas ganz und garnicht. Irmi pflegte sich niemals über 'etwas im Fernsehen' aufzuregen. Als sie ihn angerufen hatte und ihm von den schwarzen Männern berichtet hatte, klang sie zwar deutlich echauffiert aber keineswegs verängstigt oder gar wie kurz vor einem Zusammenbruch. Außerdem hatte sie garkeinen Fernseher.

Klein und mit spitzem Gesicht lag seine Tante in dem riesigen Krankenhausbett und sah hilfesuchend zu ihm auf. 'Hör gut zu Walter, hier gehen seltsame Dinge vor sich. Ich hab diese Männer jetzt mehrmals gesehen, sie besuchen auch andere von uns. Ich begreife nicht, wieso niemand etwas dagegen tut. Frau Markovic haben sie das Insulin genommen und sie konnte nur mit Mühe und Not aus dem Koma geholt werden. Wer macht sowas? Was soll das? Wir zahlen doch nun wirklich keine geringe Summe dafür, hier unseren Lebensabend verbringen zu dürfen, wo bleibt die Security wenn man sie braucht? Man ist doch seines Lebens nicht mehr sicher. Und genau das habe ich der Heimleitung gesagt. Als nächstes wache ich hier in der Krankenstation auf und man erklärt mir, ich hätte das alles nur im Fernsehen gesehen. Ich HABE garkeinen Fernseher!!! Frau Czerny hat mir erzählt zu ihr kommen sie fast jeden Abend, egal wie oft sie die Türe absperrt und sie hat sich schon überlegt, sich vom Balkon zu stürzen weil das kein Leben mehr ist, ständig in Angst und Schrecken vor den Einbrechern. Die Heimleitung lacht uns nur aus oder erzählt uns was von Einbildung. Wir sind vielleicht alt aber nicht blöd! Walter, du mußt etwas tun!!!''

Walter tätschelte die bleiche Hand der alten Frau und beschloß ... erst einmal abzuwarten.
Zu abenteuerlich erschien ihm die Geschichte seiner betagten Tante.

Kurz darauf wieder ein Anruf spätabends: Es täte ihnen sehr leid, ihn vom Tod seiner Tante in Kenntnis setzen zu müssen. Nierenversagen. Sie hätte einfach zu wenig getrunken, obwohl man es ihr immer und wieder gesagt hatte. Infusionen hätte sie verweigert, er hätte sie ja eh gekannt, höhö, eigensinnige alte Dame, stur bis in den Tod.

Am nächsten Tag hockte sich Walter an seinen Schreibtisch und rief die Daten seiner Tante auf. Stufe Rot. Seltsam. Bis vor wenigen Tagen war sie kerngesund gewesen. Ein bissl herzkrank, ja, aber ansonsten, abgesehen von der Arthrose, fit wie ein Turnschuh. Vor allem geistig. War sie jemandem im Wege gewesen? Hatte sie sich zu sehr eingemischt? Hatte man sie beseitigen müssen? Fing er jetzt auch schon zum Rumspinnen an?

Er filterte die von Irmi genannten Mitbewohnerinnen heraus, die Damen Markovic und Czerny. Auch diese rot gekennzeichnet. Ihm wurde übel. Bei den Schulungen hatte es lediglich geheißen, daß man hin und wieder Patientenakten rot kennzeichnen würde um besonderes Augenmerk darauf zu richten, daß diese Fälle sehr schwer seien und Notrufen von ihnen auf jeden Fall nachzugehen sei, da hier jede Minute entscheidend sein könne. Mehr hatten sie zu diesem Thema nicht erfahren, da es für ihre Arbeit nicht relevant sei.

Walter stellte mit wachsendem Unbehagen fest, daß es beispielsweise grüne Kennzeichnungen gab, hier war alles in Ordnung, die Patienten soweit gesund und die Kasse hatte nur Minimalbeiträge zu leisten. Gelb bedeutete, der Patient war entweder schon etwas älter oder hatte gesundheitsschädliche Angewohnheiten, beispielsweise rauchte er oder aß zuviel, aber noch hielten sich die Auswirkungen in Grenzen. Wurde regelmäßig kontrolliert.

Bei Violett war ebenfalls alles in Ordnung was die Kassenzahlungen betraf, nur handelte es sich hier um Menschen die selten einen Arzt aufsuchten sondern sich lieber mit Naturheilmitteln selbst behandelten. Zwar keine erhöhten Kosten aber Gesinnungsfeinde, die sich nicht in die Gemeinschaft einbringen wollten. Standen unter permanenter Beobachtung.

Kaum wagte Walter nun, nach den Kennzeichnungen von sich, der geliebten Frau und den Kindern zu suchen. Aber nun wollte er es wissen. In was für eine teuflische Sache war er da hineingeraten nur weil er kein Projektmanager in einer langweiligen Bank mehr hatte sein wollen?
Hellblau. Seine Kennzeichnung war hellblau. Offenbar das Label, das den Mitarbeitern zugeordnet wurde. Gut. Seine Frau? Gelb? Wieso gelb? Francine rauchte nicht, aß kein Fleisch und war nicht öfter als notwendig beim Arzt. Auch die Kinder waren bereits gelb gekennzeichnet. Das konnte doch nicht wahr sein, der Jüngste war gerade einmal vier Jahre alt und hatte außer den üblichen Kinderkrankheiten nie irgendwelche Auffälligkeiten gezeigt!

Walter rief noch einmal seine eigene Akte auf und traute seinen Augen nicht: Diese war innerhalb der letzten Minuten von Hellblau auf Rot gewechselt. Ihm wurde kalt. Hatte man ihn beim Surfen im Betriebsnetz beobachtet? Würden nun auch ihn die schwarzen Männer abends zuhause besuchen?

Rasch loggte er sich aus, griff nach seiner Aktentasche und dem Besuchsplan für heute und verließ das Gebäude.
Die Luft roch muffig. Die Hitze drückte. Würde wohl ein Gewitter geben. 
Was sollte er jetzt tun? Weitermachen wie bisher oder alles auf eine Karte setzen und mit der Familie flüchten? War dies überhaupt noch möglich, jetzt wo sie ihn auf dem Schirm hatten?

Wieso hatte man ihm überhaupt die Berechtigung für diesen Teil des Systems erteilt wenn man nicht wollte, daß er sich dort umsah? Fragen über Fragen stürmten durch seinen Kopf ... er konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen.

Später würde jemand in den Inneren Kreisen lächelnd zu seinem Kollegen sagen, Walter hätte von Anfang an keine Chance gehabt. Viel zu schlechte Nerven und einfach keinen Biß. Wer sich so ein leiwandes Boot um einen so niedrigen Preis abquatschen ließ, aus dem konnte einfach nichts werden. Selbst wenn er sofort geflüchtet wäre, spätestens in Schwechat hätten sie ihn gehabt.

Daß er dann mit Frau und Kindern im Wagen diesen schrecklichen Unfall hatte, tat allen wirklich herzlich leid, hieß es auf der Beerdigung. Unaufmerksam. Streß in der Arbeit. So schade.

Was keiner der Kollegen wußte, weil es niemanden interessierte war, daß nicht er gefahren war sondern seine Frau. Und daß, obwohl ihm Scherben der Windschutzscheibe beide Beine durchschnitten hatten und er am Verbluten war, und die Kinder unrettbar in Klumpen hinten im Fond verknäult waren, er ihr noch so lange ein leises Schlaflied sang bis ihr Herz aufhörte zu schlagen - und sie sich während der ganzen Zeit innig und in Liebe angesehen hatten. Glaube, Liebe Hoffnung, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

Sprechen konnte er nicht mehr als die Rettungskräfte eintrafen, aber er hatte mit blutigem Finger ein Strichmännchen an den Rest der Windschutzscheibe gemalt und daneben das Wort: WARUM?










Sonntag, 2. Juni 2024

Das schwarze Auto


''Aufräumen wollte ich. Nur aufräumen. Es schaut nach wie vor aus hier, daß es mir selber graust und das will was heißen. So kann man ja auch nicht arbeiten, in so einem Durcheinander. Also muß soviel Zeug wie möglich raus, damit wieder Platz in den Schränken ist und ich wenigstens ab und zu den Boden saugen kann. Klingt, logisch, oder?''

''Ja eh. Zeit wirds. Und wo ist jetzt dein Problem?''

''Kann ich dir sagen. Denn jetzt kommen wir zum unlogischen Teil: Seit ich die Gurksikinder weggegeben habe, werde ich vom Unheil verfolgt. Kaum hatte ich sie an der Brauchbar abgegeben, fing es praktisch aus heiterem Himmel an zu regnen, ich wurde naß und habe mich erkältet. Und das war erst der Anfang.''

''Ach komm, red doch keinen Schwachsinn! Du hast wirklich viel zu viel Fantasie. Neulich hast mir schon weismachen wollen, dieser komische braune Teddy sei böse, also der hätte so eine bösartige Ausstrahlung, und dann bist bis nach Augsburg gefahren um ihn im Bücherschrank auszusetzen weil er dir nicht weit genug weg sein konnte. Und die Sache mit Fredi, also daß du deinen treuen Reisebegleiter nach zwanzig Jahren deiner Schwägerin mitgegeben hast die am anderen Ende Deutschlands wohnt weil er dich angeblich krank gemacht hat! Und dann dieser kleine grüne Elefant, der dir in Stuttgart in der Straßenbahn verloren gegangen ist und um den du dich wochenlang gegrämt hast nur weil er deinem verstorbenen Freund gehört hat! Das ist doch alles nicht normal!''

''Blau. Herr Umnus war blau, nicht grün.''

''Des is doch wurscht jetzt! Blau, grün, gelb! Du machst mich wirklich rasend langsam. Daß man ein Stofftier vermißt das man verloren hat, ok, kann ich verstehen. Aber eine derartige Intimität mit ihnen zu entwickeln, daß man ihnen Gefühle oder gar bösartige Absichten unterstellt, also das geht einfach zu weit Teresa, das mußt du einsehen! Du hast einfach einen totalen Schlag weg seit Andy gestorben ist. Von wegen die Gurksikinder hätten dich mit einem Fluch belegt. Zwanzig Jahre hatten sie es gut bei euch. Zwanzig Jahre! Da können sie doch jetzt mal weiterziehen.''

''Ja schon Giuseppe, aber zu wem halt. Am Ende landen sie bei fiesen, gemeinen Kindern die sie auf den Boden hauen und auf ihnen herumtreten ... dafür hat Andy sie doch nicht gerettet, damals, im Winter, als er sie am Weg zum Getränkemarkt auf einem Fensterbrett im Schnee fand, frierend, einsam und verlassen ...''

Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, heulend schmiß ich mich auf mein Bett und vergrub mich unter der Bettdecke. Von fern hörte ich leise das Klappen der Wohnungstüre. Jetzt war er gegangen. Gut so. Menschen, die Stofftieren eine Seele absprachen, waren kein Umgang für mich.

Wenn Giuseppe wüßte, dachte ich düster, was ich mir für den nächsten Tag vorgenommen hatte. Eingewiesen hätte er mich. So wie man früher unbequeme Frauen in die Irrenanstalt abgeschoben hat. Dabei war ich nicht einmal unbequem, ich hatte lediglich eine andere Sicht auf die Welt als er. Monsignore Giuseppe war sooooo sicher, immer recht zu haben, geborgen in seiner logischen Bankerwelt. Zahlen lügen schließlich nicht. Mister Supercool mit seiner Sonnenbrille und seinem schicken schwarzen BMW. Wieso waren wir eigentlich befreundet? Zefix!

Am nächsten Tag stieg ich etwas beklommen die Treppen eines heruntergekommenen Mietshauses hoch. Ich hatte Michael im Internet gefunden, über ein You Tube Video, welches nicht nur informativ sondern auch angenehm gestaltet war, und als ich dann auf seiner Website erfuhr, daß er Flüche beseitigen konnte, war ich hin und weg. Genau das was ich brauchte! Eigentlich lebte Michael im Ausland, kam aber in Abständen von etwa einem halben Jahr nach München um hier Sprechstunden abzuhalten. Und ich hatte auf Anhieb einen Termin bekommen!

Freundlich lächelnd sah er mich an. ''Du bist tatsächlich mit einem Fluch belegt worden,'' sprach er bedächtig. 

Na also, wußte ich es doch!

''Es ist ein Mensch mit dem du eng befreundet zu sein glaubst ...''

Geh weiter, ein Mensch???

''... und der dir seit längerer Zeit sehr kritisch gegenübersteht. Er fährt ein schwarzes Auto und hat eine Seele in derselben Farbe.''

Ein schwarzes Auto? Meinte er etwa Giuseppe??? Niemals!
Michael sah mein ungläubiges Gesicht und lächelte fein.

''Ich kann dir keine Namen nennen, aber offenbar hast du bereits eine Ahnung davon, wer es gewesen sein könnte. Es ist wichtig, der betreffenden Person zu vergeben. Rachegedanken würden nur auf dich selbst zurückfallen und dir nachhaltig Schaden zufügen.
Wir wollen uns nun hier vor das Bild von Erzengel Michael stellen und gemeinsam darum beten, daß der Fluch transformiert werden kann und keine andere unschuldige Seele trifft.''

Der Heilige da oben hat leicht reden, dachte ich später so vor mich hin, als ich am Bahnsteig stand und auf meine U-Bahn nach Hause wartete. Der fährt in einer Woche heim in seinen Urwald und läßt uns in der Großstadt zurück, wo wir uns gegenseitig auf die Füße treten und jeder dem anderen wegen irgendetwas neidig ist. Wie konnte Giuseppe mir das antun? Und mir dann noch ins Gesicht lachen wenn ich ihm mein Herz ausschüttete. Was für ein Unmensch! Das sauber gewienerte Fenster der soeben eingefahrenen Bahn spiegelte mir mein grantiges Gesicht entgegen und ich setzte mich betreten auf einen freien Platz. Wie sollte ich nun mit dieser Situation umgehen? Schließlich sollte Giuseppe nicht erfahren, daß ich von seinem hinterhältigen Tun wußte. Andererseits konnte ich auch nicht weitermachen als sei nichts geschehen. Michael hatte mir geraten, keine überstürzten Entscheidungen zu treffen und meine Sorgen in Gottes Hände zu legen. Wie gesagt, der hatte leicht reden ...

Kaum war ich daheim angekommen und hatte mir einen beruhigenden Tee aufgegossen, klingelte es an der Wohnungstüre. Verdammt! Hatte ich doch nach der letzten Lebensmittellieferung glatt vergessen, die Klingel abzustellen! Wer konnte das denn sein? 
Vorsichtig linste ich durch den Spion. Mein Bruder! Ja so eine Überraschung!

''Ja servus Walter, komm rein, was führt dich hierher nach München? Wieso hast denn nix gesagt vorher? Wenn ich jetzt ned daheimgewesen wär?''
''Ach du, ich war zufällig in der Gegend und dachte ich schau mal rein. Hör zu, was ich dich fragen wollte, wegen dem Erbe von Papa ... du müßtest mir hier was unterschreiben.''

Mit wachsendem Unglauben las ich das mir vorgelegte Schriftstück. Eine Verzichtserklärung. Ich sollte erklären, darauf zu verzichten, meinen Pflichtteil einklagen zu wollen. Wieso das denn? Wollte man mich über den Tisch ziehen? Was sollte das?
Mein Bruder rutschte etwas unbehaglich auf dem Sessel umher:
''Du das ist reine Formsache, ich mußte das auch unterschreiben. Also denk dir nichts dabei.''

Ja nee, klar. Was als nächstes? Sollte ich vielleicht auch auf die Wohnung verzichten, auf mein Sofa und auf meine Stereoanlage? Noch bevor ich den Mund aufbekam um ihn zu fragen, was denn da gespielt werde, war Walter auf meinen Balkon hinausgetreten. 
'Tolle Aussicht hast!'', bemerkte er anerkennend.

Dies war das letzte was ich von ihm in diesem Leben hörte.
Eigentlich hätte ich gedacht, daß Menschen, die aus großer Höhe fallen, noch versuchen sich festzuhalten, oder zumindest schreien. Aber Walter war einfach nur gefallen. Wie ein Stein. Ohne einen Ton von sich zu geben. Nur das leise 'Pflupp' als er unten ankam, das wird mich noch lange begleiten.

Warum der Balkon so plötzlich abgebrochen war, wird noch untersucht. Baumängel. Nona. Die Tauben werden es nicht gewesen sein.

Was glaubt ihr wie ich geschaut habe, als unten vor dem Haus neben der Leiche meines Bruders ein nagelneuer Peugeot 408 geparkt stand. Ein schwarzer Peugeot 408. In der Kühlerhaube sah man das Abbild der Leiche reflektiert. Cooles Motiv dachte ich, und bedauerte ein wenig, daß die Polizei bereits vor Ort war und ich nicht einfach die Kamera hervorholen konnte. Man denkt seltsame Dinge wenn man im Schockzustand ist.

Armer Giuseppe. Ich hatte ihn völlig zu Unrecht in Verdacht gehabt.
Kommende Woche werde ich ihm eine Nudelsuppe kochen - wie von Mamma.

























Donnerstag, 25. April 2024

Die Nebenwirkungen von THC


'Hast du die Vorhänge zugezogen? Nein? Dann mach doch mal.'
'Wieso, willst du strippen? Haha Alter, du im Kleid oder? Ich schmeiß mich weg!'
'Ach Unsinn, ich will einen aufbröseln und das muß niemand sehen.'
'Ich dachte, jetzt darf man?'
'Theoretisch. Aber nur wenn man es selber angebaut hat. Was man aber auch erst seit drei Wochen darf. Wie soll das bitte bis jetzt schon gewachsen sein geschweige denn eine Blüte haben? Also rauch ich naTÜRLICH nach wie vor das Dope, das ich da gekauft hab wo ich es immer kauf. Was aber verboten ist. Das Gesetz ist nicht wirklich durchdacht. Oder aber es ist mit Absicht so gestaltet, daß du praktisch genausoviel Paranoia haben mußt wie vorher. Was dann natürlich wieder auf den Konsum geschoben wird. Also die Paranoia. Ein ewiger Zirkus ohne Manege.'

Leise Musik wabert durch den Raum, Helge und Josef verdrehen genüßlich die Augen während sie in den Kissen lümmeln und abwechselnd an dem Gerät ziehen. Altvertraute Routine. Angenehme Atmosphäre.

Plötzlich klingelt es an der Türe. Die Nerven flattern. Mittlerweile kurzgerauchtes Gerät und Vorrat fliegen ins Klo, hastig wird die Spülung gezogen. Fenster werden aufgerissen, wilde Blicke werden getauscht: Hat uns jemand verraten?

Wiederum läutet es. Josef schreitet mannhaft zur Türe und schaut durch den Spion. Erleichtert sieht er eine kleine, harmlos aussehende Person draußen stehen. Er öffnet vorsichtig und macht ein fragendes Gesicht.

Die Frau setzt ein berufsmäßiges Lächeln auf, greift nach einem Klemmbrett das sie sich wie einen Panzer vor die Brust hält und verkündet: Ich bin vom Schnorza Institut und mache eine Umfrage: Wie stehen Sie zur Legalisierung von Anbau und Konsum von Cannabis in Bayern Herr Huber?






Samstag, 13. April 2024

Wir alle lieben Barbara


Als Brown das Gebäude endlich gefunden hatte, war das B kaputt. Der untere Bogen war abgebrochen so daß die riesigen roten Lettern ein überraschtes GULP in die triste Häuserwelt dröhnten. Bereits hier hätte sein Frühwarnsystem anschlagen sollen doch er war zu erfüllt von dem gerechten Zorn, der ihn hierher geführt hatte, um auf seine innere Stimme zu hören. Trotzig betrat er das Zentrum für Gesundheits- und Lebensberatung (GULB). Denen würde er was erzählen!

Am Empfang saß eine aufgebrezelte junge Frau mit blütenweißer Bluse, überkorrektem Haarschnitt und perfektem Make-up. Falls eine ihrer Hauptaufgaben darin bestehen sollte, die Besucher einzuschüchtern, dachte Brown, dann macht sie ihren Job wirklich, wirklich gut. Neben, bzw. vor ihr, fühlte er sich wie ein kleiner Junge, der mit sandigem Popo vom Spielplatz gelaufen kommt und von den Erwachsenen zuerst einmal ins Badezimmer geschickt wird bevor man sich mit ihm befassen möchte.

Kühl blickten ihn ihre grauen Augen an als sie fragte: 'Haben Sie einen Termin?'

'Habe ich,' erwiderte Brown, bemüht, mit der Tonlage seiner Stimme Selbstbewußtsein zu verströmen. Aber was nicht vorhanden ist, kann auch nicht verströmt werden, wie jeder Gartenbesitzer weiß, der nach einer längeren Trockenperiode mit der Gießkanne in der Hand enttäuscht in seine leeren Regentonnen blickt.

Als er schließlich in dem Flur angelangt war, auf dem der ihm zugewiesene Sachbearbeiter sein Büro hatte, öffnete sich eine Türe und ein übel zugerichteter Mann taumelte auf den Gang. Zerrissenes Gewand, Nasenbluten und verzweifelt über die Ohren gehaltene Hände prallten auf Browns Netzhaut, doch bevor er Weiteres erfassen konnte, war der Mann schon um die Ecke gebogen und seine Schritte verhallten im geräumigen Treppenhaus.

Was hatte man dem armen Mann angetan? Oder war er bereits in diesem Zustand hier angekommen und hatte sich jeglichem Hilfsangebot verweigert? Bayerisch-stur, wie sich leider viele Menschen in diesem Landstrich gaben? Zögerlich klopfte er an die Türe deren Schild ihm versicherte, daß sich dahinter Herr Huber befand, der Mann den zu sprechen er gekommen war. 

Auf dessen herzhaftes 'Herein!' betrat er den Raum, eine schlichte Amtsstube wie er sie nicht anders erwartet hatte, und nahm vorsichtig auf dem angebotenen Stuhl Platz. 'Grüß Gott Herr Brown, wunderbares Wetter heute, gell? Was sagen Sie denn zu den neuesten Umfragen wegen der anstehenden Wahlen? Ein Skandal, oder? Grad schämen müßt man sich. Ein Schlag ins Gesicht für jeden aufrechten Politiker, wie man unseren ehrlichen und aufopferungsbereiten Landeshauptmann durch den Dreck zieht, ja wo samma denn? Selber nix auf die Reihe kriegen und dann an allem umeinandermeckern was die, die was machen, dann machen. Zefix!'

Offenbar ein klassischer Anfall von Logorrhoe, dachte Brown, der kein Wort verstanden hatte. Was für Wahlen? Was für Dreck? Offenbar konnte man ihm die Fragezeichen vom Gesicht ablesen denn Herr Huber hielt inne und wetterte empört: 'Ja sagen Sie einmal, haben Sie heute noch nicht auf ihren Newsfeed geschaut?'

'Nein', gab Brown kleinlaut zu. 'Den habe ich ausgeschaltet'.

'SIE HABEN WAS???' Herr Huber hustete, griff hastig nach einem Glas Wasser, verschluckte sich, hustete noch mehr. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, faßte er sein Gegenüber scharf ins Auge und sprach mit gefährlich ruhiger Stimme: 'Herr Brown, Sie sind ein seltener Depp. Wie ich aus meinen Unterlagen entnehmen kann, sind Sie heute hierhergekommen, um Beschwerde einzulegen. Und zwar darüber, daß man Ihr Buch vom Markt genommen hat, weil Sie sich darin nicht deutlich gegen die Untaten von Vlad dem Rächer positioniert haben. Sie fänden es ungerecht, schreiben Sie, von einem Künstler zu verlangen, politisch Stellung zu beziehen, nur um in Ruhe seiner Arbeit nachgehen zu können. 

Schauen Sie, ich bin auch kein Fan von diesem woke Blödsinn. Nicht umsonst hat Bayern das Gendern verboten. Bei uns heißt das nicht 'Mitarbeiter:innen' sondern immer noch 'dia Leit wos do oawatn'. Und wem das nicht paßt der kann gerne auswandern. Aber es gibt auch bei uns Regeln, an die man sich zu halten hat. Und eine dieser Regeln lautet, der Newsfeed darf auf keinen Fall abgeschaltet werden. Der Bürger hat zu jeder Tages- und Nachtzeit informiert zu sein.

Bisher hatten wir Sie nicht auf dem Radar. So unauffällig wie Sie gelebt haben, wären wir Ihnen nicht so schnell draufgekommen. Und was tun Sie? Marschieren extra noch hier herein, machen nicht nur mit dieser unsinnigen Klage auf sich aufmerksam sondern pfeffern mir ungerührt hin, daß es Sie einen Scheißdreck kümmert wie man über unseren Landeshauptmann denkt. Ja was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen? Soll ich Sie ungestraft wieder davonziehen lassen und mich dem Vorwurf aussetzen, Beihilfe zum Widerstand gegen das Volkswohl geleistet zu haben?'

Brown lief es eiskalt den Rücken hinab. In was für einem dystopischen Wahnsinn war er denn hier gelandet? Dieser Mann konnte keineswegs echt sein! Machte der ihn gerade allen Ernstes zur Schnecke, weil er sich nicht von Früh bis Spät von den verlogenen Nachrichtenmeldungen der auflagengeilen Medienanstalten beschallen lassen wollte? Von welchen Gesetzen sprach er? Waren jetzt alle komplett verrückt geworden?

Der Lautsprecher in der linken oberen Ecke des Zimmers knackte vernehmlich, alsdann erscholl laute Blasmusik. Darübergelegt intonierte eine monotone Stimme: 'Hahaha, wir alle lieben Barbara. Hahaha, wir alle lieben Barbara. Hahaha, wir alle lieben Barbara. Hahaha, wir alle lieben Barbara ...' 

Als sich Brown mit über die Ohren gepreßten Händen auf dem Gang wiederfand sah er an sich hinunter und dachte: Wenigstens ist mein Anzug nicht kaputt und Nasenbluten habe ich auch keins.

Zuhause angekommen fand er einen Zettel in seinem Briefkasten. Einmal gefaltet, ohne Umschlag. Auf dem Zettel stand nur ein Satz: Laß es dir eine Warnung sein Brown, ein zweites Mal kommst du nicht so billig davon.




Sonntag, 25. Februar 2024

Angriff der Klinikkillerklinken

Anfangs hatte sich keiner etwas gedacht. In Altenheimen sterben nun einmal immer wieder Menschen. Das machte immer eine Menge zusätzlicher Arbeit, erregte jedoch nicht mehr Aufsehen als ein Sommergewitter. 

Gerade hier in St. Joseph lagen einige Pflegefälle, von denen manch einer den Tag herbeisehnte, an dem er dieser Erde Sayonara sagen und endlich heimkehren könnte. 

Am schlimmsten litten diejenigen, die geistig noch völlig wach waren, deren Körper ihnen jedoch nicht mehr gestattete, sich selbständig auch nur die Nase zu putzen geschweige denn auf die Toilette zu gehen oder gar auf einen kleinen Spaziergang durch den anstaltseigenen Park. 

Wenn sie Glück hatten, kam einmal die Woche eine ehrenamtliche Betreuung vorbei und las ihnen für ein Stündchen oder zwei etwas aus einem Buch vor oder erzählte ihnen von der Welt draußen. Ob sie das jetzt gerade interessierte oder nicht. 

Wenn bei der Visite alle Türen offenstanden damit sich der Herr Chefarzt nicht vor jedem Zimmer die Hände desinfizieren mußte wegen der Klinken, der gefährlichen Klinikkillerklinken - obwohl er eh jeglichen Patientenkontakt mied und sich lediglich von Patienten und Untergebenen anbeten ließ - verschwammen die Satzfetzen aus den einzelnen Zimmern zu einer Art surrealistischer Soundfile wenn man den Gang entlangmarschierte:

'... Tumore dorsal und radial ...System schon noch in Ordnung, Kreislauf und so, nur halt die Schwäche ... mit 95 noch jeden Morgen einen Ständer ... Pilz vom Cortison hat der Arzt gesagt, das nennt man Soor ... anamnestische Erstbeschreibung ... Erstgespräch heißt das du Depp ...Aua! Schwester, er hat mich gehauen ...'

Immer wieder suchte sie den Park auf für eine kurze Verschnaufpause, die Gesellschaft der immer kindischer werdenden alten Leute war schwer zu ertragen.

Waren alte Menschen in Deutschland keines selbstbestimmten Daseins mehr würdig? Von Zufriedenheit im Herbst ihres Lebens waren die meisten hier jedenfalls weit entfernt. Lagen oft stundenlang in ihrer Scheiße denn das System WAR einfach Scheiße und es steckten alle tief drin. Das konnte sie leider nicht ändern. Zumindest nicht von heute auf morgen. Jede Pflegekraft gab ihr Bestes und es war nie genug. Da konnte man schon einmal auf seltsame Gedanken kommen.

Soziale Ungerechtigkeiten seien aber keine Rechtfertigung für Selbstjustiz hatte der Richter gemeint. Und eine Haftunfähigkeit aufgrund hohen Alters sei in ihrem Fall nicht gegeben, schließlich sei sie erst 78 Jahre alt und wer es fertigbrachte, ein halbes Stockwerk auszurotten indem man immer wieder die Türklinken mit Colibakterien verunreinigte nachdem die Putzfrau durch war, Details würde er den Anwesenden jetzt ersparen, der würde sich auch mit den Umständen in einem Gefängnis abfinden können.












Sonntag, 18. Februar 2024

Die unbekannte Macht


Lässig saßen wir im Aufenthaltsraum, Werner und ich, mit den heute beschlagnahmten Bierflaschen auf dem Tisch vor uns. Eigentlich war Alkohol hier streng verboten, aber es war bereits spät, außer uns war niemand mehr da, die Frühschicht würde erst in einer Stunde übernehmen und die Kameras waren draußen am Bahnsteig. Schließlich waren WIR der Sicherheitsdienst und würden uns kaum selber anzeigen.

''Heast wos is des, Zwuckel???'' Skeptisch betrachtete Werner das Etikett der Bierflasche vor sich, die einer von uns im Laufe des Abends vermutlich am Karlsplatz mitgenommen hatte. Die jungen Leute lernten es einfach nicht. Tschechern im Untergeschoß = Bier weg. So einfach war das. Aber Zwuckel statt Zipfer? Offenbar hatten wir harmlosen Touristen ihren Marschproviant abgenommen. 

''Wos maanst, des woa sicha da neiche Kollege. Wo is a denn eigentlich? Eh scho ham? Oiso I find den ... iagendwie strange ...''
''Tu nicht nörgeln Werner, er ist verläßlich und wir können froh sein, daß wir Verstärkung bekommen haben. Was die Leut krank sind in letzter Zeit, des is nimmer normal. Patrick ist nie krank.''
''Jo eh, oba wie der redt. So redt doch ka normala Mensch!''

Eigentlich hatte Werner recht, überlegte ich mir, als ich in der U-Bahn nach Hause saß. Der Neue hatte eine extrem monotone Sprechweise, lachte nie, verstand Witze grundsätzlich nicht und wenn es irgendwo eine Schlägerei gab war er sofort mittendrin, ohne Angst vor Verletzungen. Und mit seinen endlosen Vorträgen konnte er einen echt mürbe machen. Offenbar hatten seine Eltern einen Hof im Mühlviertel, den zwar nicht er sondern ein Bruder übernommen hatte, aber wenn man ihn so hörte, könnte man annehmen, er sei für jede einzelne Frucht mitverantwortlich. So detailliert wie er die Erntevorgänge und Produktionsschritte am väterlichen Hof beschrieb war man dann direkt froh, wenn es irgendwo einen Wickel gab und man sich einmischen konnte. Nein, normal war Patrick wirklich nicht.

Während der nächsten Tage hatte ich ausreichend Gelegenheit, den neuen Kollegen aus der Nähe zu beobachten, denn man hatte ihn mal wieder mir zugeteilt. So marschierten wir zackig durch unser Revier, alles andere als fesch aber immerhin markant gekleidet in unseren neuen 'Kasperluniformen' wie wir sie verächtlich nannten. Blaues Gwand und rote Sicherheitswesten. Und wieder hatte ich große Mühe, ihn vom Thema Hof und Ernte abzubringen. Hatte der Mann nichts anderes im Schädel? Und wenn ihn der Hof so interessierte, warum war er dann nicht dortgeblieben statt hier in Wien den Kollegen mit seinen Vorträgen darüber am Nerv zu gehen?

Weiters fiel mir auf, daß er offenbar Schwierigkeiten damit hatte, Dialoge zu führen. Nicht nur, daß er einem dabei nicht in die Augen sehen konnte, er gab auch immer wieder völlig unsinnige und vom Thema abweichende Antworten. In mir keimte ein Verdacht. Las man in den Medien nicht ständig von diesen künstlichen Intelligenzen, die mittlerweile in diversen Bereichen eingesetzt wurden? In Japan hatten die Menschen mittlerweile sogar so einen Roboter als Lebensgefährten, und die sahen total ECHT aus.

Meine Anfrage beim Vienna Open Lab erbrachte, daß für einen zeitnah stattfindenden Kurs 'Gene Detectives' noch ein Platzerl frei war. Eigentlich sollte dort nur DNA von Obst und Gemüse bestimmt werden, aber hey, wenn man die Möglichkeiten und Instrumentarien dazu hatte ...

Ein Haar von Patrick war einfach beschafft, der Mann war so arglos, daß er es mir sogar mit einem Schleiferl drumrum überreicht hätte, hätte ich ihn darum gefragt. Was ich natürlich nicht getan habe. Ich hab es ihm heimlich von der Jacke gezupft, bissl was geht immer.

Die Untersuchung des Haares erwies sich als schwieriger als gedacht. Eigentlich hatte ich gehofft, alleine zurechtzukommen, aber so ganz ohne Vorkenntnisse ... unmöglich. Die Kursleiterin schaute zwar etwas seltsam, als sie mich mit dem Teil hantieren sah, bestätigte aber nach einem ausführlichen Exkurs in die Tiefen der Gentechnik, daß es sich hierbei eindeutig um ein menschliches Haar handelte. Mein Respekt vor der Frau war während ihrer Ausführungen rasant gestiegen. Die hatte echt was drauf! Fast hätte ich sie gefragt, ob ich sie zum Essen einladen dürfe, das erschien mir dann aber doch zu platt. Besser noch ein paar Kurse bei ihr belegen ... Weiterbildung schadet nie.

Meine Restzweifel besprach ich mit Werner. 
''Was meinst, sind die so gut mit ihren KI, daß sie vielleicht tatsächlich menschliche Gene verwenden, so daß man nix merken kann, auch wenn der Roboter dann mal zum Arzt muß oder so?''
''Geh heast Bertl, so a Bledsinn! A Robota geht ned zum Oazt, der geht in d'Werkstatt. Do foat die Eisenbahn drüber!''

Offenbar hatte Werner seine Klappe nicht halten können ... denn einige Tage später wurde ich zur Leitung der Sicherheitswache bestellt. Zuerst hatte ich keine Ahnung um was es ging, hatte mir sogar schon Hoffnungen auf eine Beförderung gemacht ... doch als ich nach dem sonoren 'Herein' des Chefs dessen Büro betrat prallte ich entsetzt zurück. Vor dem Schreibtisch saß, seinen Blick anklagend auf mich gerichtet, niemand anderer als Patrick.

''Kommen Sie nur herein Ewerdinger, setzen Sie sich, und dann erklären Sie mir einmal wie es zu diesen abstrusen Gerüchten kommen konnte, von denen mir Ihr Kollege soeben berichtet hat.''

Ich war sprachlos. Was zugegebenermaßen selten vorkommt. Was genau hatte man sich erzählt? Was sollte ich zugeben?

Unser Vorgesetzter lächelte schmal. ''Nun Ewerdinger, offenbar sind Sie sich nicht ganz im Klaren darüber, was Sie angerichtet haben. Herr Thompson hat mir gestattet, Sie darüber in Kenntnis zu setzen, daß er von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen ist. Haben Sie schon einmal von Asperger Autismus gehört? So nannte man das früher. Es ist keine Krankheit, die Menschen sind einfach ein wenig anders. Das berechtigt uns aber nicht, uns über sie lustig zu machen und sie gar für Roboter zu halten, nur weil sie einen etwas anderen Humor haben und gerne von ihren Lieblingsthemen erzählen. 
Nun schauen Sie nicht so bedröppelt, Sie konnten das ja nicht wissen. Aber ich würde es sehr gerne sehen, wenn Sie sich mit Herrn Thompson ein wenig anfreunden könnten um dieses abscheuliche Gerücht wieder aus der Welt zu schaffen. Was meinen Sie Thompson, wären Sie damit einverstanden?''

Sofort reichte mir Thompson seine Hand und ich schlug ein. ''Sehr erfreut Bertl, darf ich dir vom neuesten Stand auf dem Hof meiner Eltern erzählen? Seit gestern sind nämlich die Pflaumen reif und da hat ...''
Innerlich stöhnend blendete ich den Redeschwall aus, mit dem mich Patrick nun ungehindert zutextete, während wir das Büro des Chefs verließen und uns zusammen auf den Weg zum Aufenthaltsraum machten.

Was keiner von uns beiden mehr mitbekam war, wie der Chef auf einem altmodischen Festnetztelefon zufrieden eine Nummer wählte und in vorwurfsvollem Ton berichtete: ''Vorfall geklärt, Gefahr beseitigt. Anweisung: Produktion stoppen bis wir die Software gründlich überarbeitet haben. Serie noch nicht völlig problemlos einsetzbar. Vorhandene Exemplare integrieren soweit möglich, aber Vorsicht walten lassen, äußerste Vorsicht. Experiment darf nicht vorzeitig enttarnt werden, eh schon wissen. Erinnerungen an Farm aus Gedächtnis tilgen, Besuch von Kollegen dort wäre fatal. Over and Out.''







Skulptur 'Wir, Erzkinder lernen Macht' von Jonathan Meese, fotografiert 2009 im Skulpturenpark Köln

Sonntag, 11. Februar 2024

Der Mönch und die Heilerin


Bruder Augustus war immer so lieb. Er redete stets etwas länger mit mir als unbedingt notwendig gewesen wäre, wenn ich die Salben und Tinkturen für das Kloster brachte. Ihre Medizin stellen die Brüder dort großteils selber her, aber einige Rezepturen sind so geheim, daß sie in unserer Gegend wirklich nur meiner Mutter und mir bekannt sind. Und nicht jedes Kloster hat einen eigenen Apothekergarten wie die Antoniter drüben in Höchst. Da muß man schon genau wissen, was wann wo wächst.

Meine Mutter. Sie würde täglich tausend Tode sterben wenn sie wüßte, daß ich mich mit einem Mönch eingelassen habe. Wobei das nie beabsichtigt war. Ich mochte ihn einfach so gerne. Es fühlte sich irgendwie an, als ob wir uns schon immer gekannt hätten.
Nachdem meine Mutter aber bereits vor zwei Jahren zu Tode gekommen war, während die große Seuche in Frankfurt wütete, bin ich jetzt ganz alleine und hätte mir manchmal ihren Rat wirklich gewünscht, so sehr mir ihre Ermahnungen früher lästig gewesen sind.

Vorigen Vollmond, als ich frühmorgens in den Wald wollte um einige Kräuter zu sammeln, habe ich die Brüder singen hören. Es war so wunderschön, daß ich vor Ehrfurcht auf die Knie gesunken bin und das Beten anfing. Bruder Augustus meinte, ich solle mich besser nicht im Umkreis des Klosters aufhalten, da der Abt ein Sexmonster sei. Als ich ihn fragte, was das bedeutet, wurde er käsweiß und meinte, er müsse jetzt wieder hinein, aber wenn ich zur Mittagszeit zur Alten Eiche käme, könnte er es mir erklären.

Natürlich bin ich hingegangen, neugierig und wißbegierig wie eh und je. Dort hat er mir nicht nur sehr anschaulich erklärt, was ein Sexmonster ist und was es tut, und auch den Unterschied zur üblichen Vorgehensweise sehr deutlich herausgearbeitet - er hat mir auch ein großes Geheimnis verraten. Daß er nämlich aus der Zukunft kommt und daher immer wieder aus Versehen Worte verwendet, die in unserer Zeit niemand versteht. Er wäre in seinem früheren Leben ein rechter Tunichtgut gewesen und sei daher von den Göttern hierher in die Zeit des 30-jährigen Krieges gesandt worden, um den Menschen zu helfen und ihnen zur Seite zu stehen. 

Aufgewachsen sei er bei den Hugenotten in Frankreich, dortselbst sei er zum Orden der Antoniter gestoßen und mit diesen nach Deutschland gekommen, um zu versuchen, das Leiden der Menschen zu lindern, die vom Antoniusfeuer befallen seien. Dummerweise hätte er, da er ja Bescheid wußte, versucht, den Leuten zu erklären, daß diese Krankheit dem übermäßigen Verzehr von mit Mutterkorn verseuchtem Roggen geschuldet sei, was leider mit eklatantem Unverständnis aufgenommen worden war. Die Leute könnten einfach die Wahrheit nicht ertragen wenn sie nicht in ihr Weltbild paßte. Was bitte, hieß es, sollten die armen Leute denn essen außer Roggen wenn sie nichts anderes hätten, und er sei offenbar genauso von Dämonen besessen wie die Kranken, die sich schreiend in Krämpfen wanden. So sei er mit Schimpf und Schande weggejagt worden und war froh gewesen, nach einigen Irrwegen hier im Kloster als Mitbruder aufgenommen worden zu sein. Auch wenn ihm das Leben als Mönch nicht wirklich besonders gefalle. Vor allem die ständige Beterei sei sehr lästig.

Ich liebte seine Geschichten aus der weiten Welt. Von den Gauklern denen er sich angeschlossen hatte nachdem er von den Antonitern ausgestoßen worden war, weil ihn die lockere Art und einfache Freundlichkeit des fahrenden Volkes angezogen hatte, mit der sie jeden Willkommen hießen der bereit war, mit anzupacken. Von der Tochter des Zirkusdirektors und Hochseilartisten in die er sich verliebt hatte, die aber bald darauf vom Seil zu Tode stürzte weil sie unaufmerksam gewesen war. Ständig hatte sie nach ihm Ausschau gehalten, der er im Publikum gesessen war, Handküsse nach oben werfend und verliebte Faxen schneidend. Um seine Schuld auch nur ansatzweise zu tilgen, hatte er einige Jahre als Clown lediglich für schmale Kost und Logis gearbeitet, hätte dann aber die unheilbare Trauer des Direktors nicht mehr ertragen können, die sich wie eine schwere Decke über den gesamten Zirkus gelegt und ihn beinahe erstickt hätte, so daß er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit Zuflucht in einem Kloster gesucht hätte, letztendlich bekanntes Terrain für ihn.

Unsere gemeinsame Zeit dauerte nur wenige Tage. Nun sitze ich hier im Verlies, weit unten im Keller des Klosters, und habe seit vorgestern nichts mehr zu essen oder trinken bekommen. Bald werde ich aussehen wie der Suppenkaspar am vierten Tag. Auch diese Geschichte hat mir Augustus erzählt. Von dem Knaben, der seine Suppe nicht essen wollte und am fünften Tag verhungert ist. So froh wäre ich jetzt um ein kleines Schälchen davon. Bald werde auch ich sterben. Anfangs habe ich noch gehofft, man wolle mir lediglich einen Schrecken einjagen und würde mich bald wieder freilassen. Nun habe ich begriffen, daß man mich hier einfach 'vergessen' wird. Ich habe keine Kraft mehr übrig um zu schreien. 

Ich frage mich, wie der Abt von unseren geheimen Treffen erfahren konnte. Niemand hatte uns gesehen, niemandem habe ich davon erzählt. Ich sei der Kirche seit langem ein Dorn im Auge, hatte er mir boshaft versichert. Mitbrüder hätten Zeugnis gegen mich abgelegt und man werde mich der Hexerei anklagen, es sei denn, ich würde auch ihm gewisse Gefälligkeiten ... seine Schweinsäuglein glitten gierig über mein Mieder während mir sein fauliger Atem ins Gesicht schlug. Natürlich habe ich mich heftig gewehrt. Nun liegt er in seinem eigenen Krankenzimmer. Was nicht zur Verbesserung meiner Lage beiträgt. Niemand wird mich vermissen. Das Schlimmste ist, daß ich nicht sicher sein kann, ob nicht Augustus selbst, möglicherweise während einer hochnotpeinlichen Befragung, Dinge erzählt hat, die ihm jetzt zwar leid tun, aber die nun einmal von den Schergen der Kirche niedergeschrieben und somit amtlich sind. Ich bin nicht dumm. Ich kann lesen, ich kann schreiben, und ich kann meinen Mund nicht halten. Schlechte Voraussetzungen für eine Frau im 17-ten Jahrhundert.

In seiner Zeit, hatte Augustus einmal gemeint, sei ich mit meinen medizinischen Kenntnissen systemrelevant gewesen. Auch wieder eins dieser Wörter, die es erst viel später einmal geben wird. Jetzt aber bin ich offenbar eine Gefahr und muß beseitigt werden. Ich bin so müde. Sie haben eine lange Reihe von Kerzen angezündet, die fast heruntergebrannt sind. Dann wird es dunkel und kalt werden hier unten. Hoffentlich wird es schnell gehen. Die Wände sind so dick, es ist kein Entkommen möglich, und bei Gott, ich habe es versucht. Meine Finger bluten und mir tut alles weh. Aber glaubt mir eins, ihr scheinheiligen Pfaffen, ich werde wiederkommen. Ich werde die neue Welt von der mir Augustus erzählt hat, auf unserer heiligen Mutter Erde mitgestalten und ihr, die ihr eigennützig und verschlagen seid, werdet erbärmlich zugrundegehen und an eurer Bosheit ersticken. Amen!