Montag, 15. April 2019

Von Vogelgezwitscher geweckt


Ungewohnte Laute drangen am gestrigen Montagmorgen aus dem Fenster eines Wohnhauses in der Hintschiggasse im zehnten Bezirk. Wüstes Geschimpfe schallte durch das ansonsten als eher ruhig bekannte Viertel am Rande des Wienerbergs.


Unserem herbeigeeilten Korrespondenten bot sich ein verwirrendes Bild: Ein umgeknickter Baum lag quer über dem an den Gärten vorbeiführenden Fußweg, daneben diskutierten aufgeregte Hausbewohnerinnen heftig mit skeptisch dreinblickenden Polizeibeamten, ein schmächtiger Mann mit Kopfverband saß auf dem Baumstumpf und zündete sich mit zittrigen Händen eine Zigarette an.


Was war geschehen? Aufklärung bekam unser Reporter von einer der Anwohnerinnen, die sich neugierig aus ihrem Fenster im Erdgeschoß lehnte: ‘Noja, heans, es woa ja ned mea zum Aushoidn, jedn Muang uma hoiba viere des Geplea von de Vogerln, do iser hoit auszuckt und hod an Baam umag’haut!’

Folgendes hatte sich zugetragen: Anfangs eine 'eh gute Idee', wurde aus dem Projekt ‘Nistplätze für unsere heimischen Singvögel’ sehr schnell ein Albtraum für den Schichtarbeiter Werner N. Der biedere Mann kam meist gegen elf Uhr abends von der Arbeit, aß noch eine Kleinigkeit vor dem Fernseher und begab sich gegen Mitternacht zur Ruhe. Welche jedoch nicht lange anhielt, da direkt vor seinem Schlafzimmerfenster jener unselige Baum stand, in dem die eifrigen Naturschützerinnen von der Stiegen nebenan ihre selbstgesägten Nistkästen aufgehängt hatten, auf daß sich die Vogelwelt dort zum Zwecke der Fortpflanzung einfände.

Was offenbar bestens geklappt hatte, denn Werner N. wurde fortan jeden Morgen spätestens um 3:30 Uhr, nach der Uhrenumstellung also eigentlich bereits um 2:30 Uhr, von dem zu diesem Zeitpunkt im Garten anhebenden, und fortlaufend immer lauter werdenden, Vogelgezwitscher aus dem wohlverdienten Schlummer gerissen. Selbst bei geschlossenem Fenster (im Sommer bei der Hitze ein Unding, wie jeder weiß der einmal einen Sommer in Wien erlebt hat) und mit Ohrstöpseln war an ein Weiterschlafen nicht mehr zu denken. Alles Bitten und Flehen nutzte nichts, die Umweltschützerinnen blieben hart: ‘Das ist ein wichtiges Projekt für unsere Nachbarschaft! Die Vögel müssen auch in der Stadt ausreichend Nistplätze vorfinden können!’ wie Frau Sabine H., eine Deutsche aus München, vorzubringen wußte.
Einwände wie: ‘Ja aber die Nistplätze finden sie doch drüben im Park eh, da hängts doch eure Nistkästen DORT auf!!!’ wurden von den eifrigen Amazonen vom Tisch gewischt: ‘Nix is, da kriegen wir ja keinen Preis wenn wir die Kästen nicht im eigenen Garten aufhängen!’.

Herr N. stand also, nach Monaten des Schlafentzugs, eines Morgens, als ihn die Vögel wieder einmal aus dem Schlaf gerissen hatten, völlig entnervt auf, griff zum Beil neben seinem Bett, rannte in den Garten hinaus und hackte wie von Sinnen ... auf den Baumstamm ein, woraufhin er von den erbosten Vogelfreundinnen bestialisch attackiert wurde.

Herr N. wurde mittlerweile zur Erholung in das Sozialmedizinische Zentrum an der Baumgartner Höhe verbracht. Die Nachbarin keppelte uns aus dem Fenster nach: ‘Jou eh, do hedns bessa dia verrucktn Weiba auffebrocht, an Steinhof. Wissns eh wos ma do frias gmocht hod mid de Leit!’



Samstag, 30. März 2019

Und dann war er weg, der Zug ...

'Nur kurz eine rauchen ...', hast gesagt, und: 'Geh, komm doch mit raus, allein is so fad!' Hast mich angeschaut mit deinen rehbraunen Augen, denen ich noch nie widerstehen konnte ... naja und wie wir dann am Schotter gestanden sind in dieser Einöde, wo es nicht einmal einen ordentlichen Bahnhof gibt und der Zug nur deswegen so lange rumsteht weil sie ein Türproblem haben, hast festgestellt, daß du dein Feuerzeug drin vergessen hattest. Kaum warst wieder drin im Waggon hat es einen lauten Pfiff getan, die Türen sind zugeschlagen und bis ich g'schaut hab ist der Zug angefahren. Ohne mich!

Hab dich noch gesehen am Fenster wie du mir hektisch irgendwelche Zeichen gemacht hast aber glaubst ich seh das ohne Brille? Und dann stand ich da, allein in der Pampa, hatte keine Ahnung wo ich bin, ohne Handy, keinen Ausweis dabei, kein Geld, absolut nichts.

Also was werd ich tun, einfach den Gleisen entlanggehen bis zum nächsten größeren Ort, hab ich mir gedacht. Wo es eine Polizeistation hat oder zumindest einen besetzten Bahnhof. Nur - da kommt nix. Seit Stunden bin ich jetzt unterwegs, also gefühlt, weil Uhr hab ich natürlich auch keine dabei. Langsam werde ich müde und Durst hab ich auch. Und einen Grant. Auf dich und deine blöde Raucherei!

Weißt noch, neulich in Frankfurt, wo der Mann im Leiberl zum Kiosk gerannt ist um eine Zeitung und wie er gerade wieder zurückgehetzt kam ist der Zug angefahren und er stand fassunglos am Bahnsteig? Was haben wir gelacht. Ja, lustig haha, mir ist das Lachen gründlich vergangen!

Aber jetzt hab ich endlich diesen blöden Satz kapiert der immer bei dir am Tabaksbeutel aufgedruckt ist: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit UND die Ihrer Mitmenschen.


Sonntag, 17. März 2019

Holst mich eh ab, ja?


Irgendwie wußte ich sofort was los war, wie der Postenkommandant angerufen hat und gleich den Hörer dem Tichy weitergegeben. Da hat er noch garnix sagen müssen, die Stille im Hintergrund sprach Bände. Kein ausgelassenes Gejohle von den Jungs, nicht einmal der Radio war an und den haben sie sonst immer am Rennen weil sie wissen müssen was drüben in Deutschland los ist sagt der Tichy aber ich weiß zufällig, daß ihm einfach die Musik auf Radio Tirol nicht gefällt und der alte Kasten nicht viel mehr hergibt als das und Bayern 1.

Ja, es war uns bekannt, daß die Rodelstrecke jetzt nicht mehr SO top in Schuß ist wie man es sich eigentlich wünschen würde, manche Kurven waren wirklich voll arg und oft waren die Touristen käsweiß wenn sie mir den Rodel zurückbrachten damit ich ihn an den Lift häng und oben anruf damit die wissen, daß was kommt. Der Tourist war dann mit einem Stamperl Schnaps oder zweien meist wiederhergestellt und auch wenn der nie wiederkam war es egal, es drängten doch immer wieder neue nach, wenn auch meist eher tröpferlweis, nie wirklich genug, so daß man sagen könnte ok, is prima gelaufen die Saison, da können wir im Frühjahr mal ruhigen Gewissens was richten lassen.

Du wolltest es dir nochmal anschaun hast gesagt, aber nicht die Strecke nur abgehen wie sonst, sondern selber mal runterfahren, schaun wo’s kritisch wird und vielleicht daß man dann an den wirklich argen Stellen doch sukzessive, peu à peu, möglicherweise …

Ja und dann bist vor mir gelegen, etwas bleich aber eigentlich hast nicht sehr tot ausgesehen. Nur kalt warst, so kalt … ich hab nicht gewußt, daß ein Mensch so kalt sein kann ohne daß er frisch aus dem Eiskasten kommt - in den haben sie dich ja erst hinterher hineingetan. Das hab ich aber nicht mehr mitbekommen weil ich so geheult hab. Der Postenkommandant hat daheim angerufen weil er mit heulenden Frauen nix anfangen kann, der Tichy war schon wieder irgendwo am Berg und die Frau vom Kommandanten ist eine fade Trutschn die nur immer davon redet was sie alles leistet in Haus und Gemeinde und dabei so einen spitzen Mund macht wenn sie mich anschaut, weil jeder weiß daß ich nicht einmal kochen kann, bei mir immer überall Bücher am Boden liegen so daß man drüberstolpern muß und ich auch nicht jeden Sonntag in die Kirche komme. Geh ich halt lieber rein wenn sonst niemand drin ist, wegen der geballten Scheinheiligkeit. Gegen die bin ich leider allergisch. Darfst aber auch wieder ned laut sagen. Nix darf man!!!

Den Tichy mögen sie auch nicht weil er aus Wien ist (deswegen heißt er ja so, also nicht nur weil er aus Wien ist sondern weil er immer so hoch oben am Berg umeinanderkräult, beim ewigen Eis) aber ihn brauchen sie wenn wieder einer verlustig geht. Weil er sich auskennt in den Bergen und keine Angst hat.

Die Beerdigung ist gestern gewesen, natürlich waren alle da, haben traurig geschaut und ihr Beileid gewunschen, aber hinterher, beim Wirten, da wurde bereits wieder laut gelacht und mit roten Backen angestoßen, auf das Leben, darauf, daß es uns dieses Mal noch nicht erwischt hat … der Huber Bauer hat die Resi an den Popsch gegriffen und sie hat so getan als ob sie ihm das Tablett um den Schädel hauen wollte, es war ganz schnell alles wieder wie sonst auch. Für die anderen. Für mich wird bald einmal nix mehr so sein wie es war.

Die Rodelbahn will ich eh nie mehr sehn, die Mitzi-Tant hat gesagt sie weiß einen Investor, das ist mir alles sowas von Blunzn - von mir aus sollen sie machen damit was sie wollen, ich brauch sie nicht mehr. Ich brauch garnix mehr.

Ich fahr jetzt rauf und dann geh ich diesen einen Weg, ganz hinten, da wo der Tichy neulich den Italiener gefunden hat. Riesenkorb Pilze dabei, die er noch ganz verschämt verstecken wollte wie die Rettung kam … aber mit dem gebrochenen Haxn ist er ihnen halt nicht mehr auskommen.

Das wär eine gefährliche Stelle hat er gesagt, der Tichy. Weil du von oben ned merkst, daß du am Vorsprung stehst. Da denkst immer es geht noch was und FUPP rutscht du aus und … der Italiener hatte halt Glück daß es ihn mehr seitwärts weggehauen hat. Der hatte auch nicht viel Schwung drauf, war ja beim Schwammerlbrocken, da geht man langsam und suchend … aber wenn ich mit einem rechten Anlauf … ohne zu denken, einfach gradaus … du hast mir ja versprochen du holst mich ab wenn du vor mir gehst … und ich vertrau dir, hab dir immer vertraut …






Freitag, 22. Februar 2019

Einmal muß es nun doch mal raus ...

Bereits als ich ihn das erste Mal sah wußte ich, daß es Ärger geben würde. Manchmal spürt man das einfach, kann es aber dennoch nicht verhindern.

Aufmerksam wurde ich auf ihn durch eine dieser Werbekarten die im Kartenbüro in München ausliegen und die man sich während der Wartezeit an der Kassa betrachten und bei Gefallen auch mitnehmen kann. Eine bunte Autogrammkarte, in seinem Fall mit Foto. Diese arrogante Kopfhaltung, dieser Blick der einem durch und durch geht, diese Nase ...

Besagte Karte hatte ich als Lesezeichen in dem Buch, das mir nach meiner Gehirnblutung die drei Wochen Reha in Bad Tölz halbwegs erträglich machen sollte. Da hat man ja viel Zeit um zu träumen und nach so einem Schlaganfall ist man ja auch erstmal nicht mehr so ganz richtig im Kopf. Böse Zungen behaupten, das war ich vorher auch schon nicht, aber die sollen alle mit Knoten in selbiger bestraft werden!

Nun war ich ja erst einmal arbeitslos und hatte daher nicht viel Gelegenheit zu Kabarettbesuchen, aber wo ein Wille da auch ein Weg ... und ja, ich war vom ersten Moment an verzaubert. Diese Melancholie, die dieser Mann ausstrahlte, zog mich sofort in ihren Bann. Die kleinen, bösartigen Lieder, diese total überzogenen und doch gemein treffsicheren Geschichten ... ich war begeistert und wollte mehr. Zwar verstand ich die Seitenhiebe auf die deutschen Politiker meist nicht, da ich sie nicht kannte, aber da hab ich halt dann weggehört und mich nur am Minenspiel erfreut.

Nachdem ich ja nun schon wußte, daß es Ärger geben würde, hab ich mich niemals um ein Autogramm an ihn herangemacht, im Gegenteil, wenn ich ihn vor der Vorstellung irgendwo habe herumlaufen sehen, habe ich mich versteckt. Wollte einfach nur im Zuschauerraum sitzen und genießen. Dieses Lied über das Mikrophon, beispielsweise ... leider hat er das dann bald aus dem Programm genommen, und auf CD hört man es ja nur, da SIEHT man nicht, was er da für Gesichter dazu macht, wie er mit den Händen über das Mikrophon streicht, es gar ableckt ... ich war gefangen.

Die geneigte Leserin wird sich an dieser Stelle fragen: Ja und? Warum hat es dann Ärger gegeben?

Nun, das ist nicht ganz so einfach zu erklären. Zunächst ist ja ein Kabarettist selten in großen Hallen unterwegs, so daß es durchaus auffällt, wenn eine Person immer wieder zur Vorstellung erscheint. Und zwar nicht nur in der Stadt in der sie wohnt, nein, auch in anderen, teilweise hunderte von Kilometern entfernten Städten. Habe ich bereits erwähnt, daß ich gerne reise? Und daß ich im Theater sehr gerne ganz vorne sitze?

Das ist natürlich an sich noch keine Straftat, aber es hat wohl im Kabarettistenherzen bereits ein gewisses Unbehagen erzeugt. Wenn man im hübsch gelegenen Dettingen an der Teck beim Eintritt in den Saal vom Künstler mit einem fragenden: 'Schon wieder?' begrüßt wird, dann dürfte einem dämmern, daß dieser einen nicht gerade gerne sieht. Hm.

Was ich nun doch auch endlich mal erwähnen sollte ist, daß ich mich naTÜRLICH nicht so unauffällig verhalten hatte wie ich es mir anfangs vorgenommen hatte. Bin also nicht lediglich brav in der ersten Reihe gesessen und habe den Künstler angestarrt, nein, ich habe ihm auch Postkarten geschrieben. Das klingt jetzt voll arg, als ob ich ihn bedrängt hätte, und er hat es wohl auch so aufgefaßt, aber es fing eigentlich ganz harmlos an.

Daß ich gerne fotografiere ist kein Geheimnis, daß ich gerne Postkarten mache, auch nicht. Früher hab ich die ganz klassisch mit Schere, Uhu und Ausgeschnittenem aus Zeitschriften produziert, mittlerweile gibt es das Internet, da ist soviel drin, da kann man sich doch glatt seine Fotos als Postkarten drucken lassen, so richtig mit Adreßfeld auf der Rückseite. Tolle Sache!

Nun hab ich dem Mann natürlich nicht irgendwelche Postkarten geschickt, etwa mit tapsigen Tierchen drauf oder langweiligen Landschaften. Nein. Er hatte mich doch so unglaublich inspiriert. Und das war für mich auch immer der Zweck der Übung gewesen bei meinen Schwärmereien. Ich WOLLTE doch garnichts von den Leuten. Um Himmels Willen! Wirkliche Beziehungen mit Männern sind bei mir bisher immer im Desaster geendet, daher zog ich meine Traumwelt der Realität bei weitem vor, da kann nix passieren. Dachte ich. Aber wie der Herr Kabarettist schon immer wieder sagte: Der dachtende Mensch ist dem Herrn ein Gräuel.

Ganz abgesehen davon ist der Mann verheiratet und das weiß auch jeder weil seine Frau ständig im Programm vorkommt. Zwar jetzt nicht so, wie man sich das als Frau wünschen würde, aber wer einen Zyniker heiratet ... doch ich schweife ab.

Er hat mich inspiriert, und ich fand das wunderbar. Ich habe Gedichte geschrieben (die er natürlich nie zu Gesicht bekam) und ich habe Motive komponiert für meine Postkarten ... die ich dann niemandem schicken konnte, weil die nur derjenige verstanden hätte, der das jeweilige Programm kennt. Ja und was macht die eitle Frau Künstlerin? Sie schickt die Postkarten an den Herrn Kabarettisten himself. Und denkt auch noch, der freut sich und lacht.

Hat er aber nicht.

Sein Unmut wuchs direkt proportional zu meinen verzweifelten (schriftlichen) Beteuerungen, daß ich doch ganz harmlos wär und nix von ihm wolle und es daher keinen Grund gäbe, mir gram zu sein.

Anfangs war es lediglich so, daß er böse geguckt hat wenn er mich gesehen hat. Ok, das war bitter, aber nachdem ich mich zeit meines Lebens an einem extrem unterentwickelten Selbstbewußtsein erfreut habe, hat mich das nicht weiter gewundert, ich fand das normal. Mein Vater meinte schon immer: Wer sich mit DIR abgibt der kann nicht ganz dicht sein.

Die Geschehnisse nahmen dann doch recht rasch Fahrt auf. Winter 2009 auf 2010, Vorstellung in Ebersberg. Eine S-Bahn zu früh genommen damit ich nur ja einen Platz ganz vorne bekomme, ewig vor der Türe in der Kälte gewartet, von einem der Mädels, die drinnen arbeiten, gesehen worden, die hat auch noch freundlich gegrüßt, und hatte wohl nichts besseres zu tun als drinnen gleich zu erzählen, mich gesichtet zu haben. Nur so ist das Folgende zu erklären. Nach noch mehr Warterei, mittlerweile drinnen, noch vor dem Einlaß, wurde ich vom Betreiber namentlich aufgerufen. Ich war erstaunt, dachte was ist jetzt los, er bat mich nach drinnen, stellte sich mit dem Rücken zur Bühne in Höhe von etwa Reihe sieben auf, und erklärte mir mit seltsam steinernem Gesichtsausdruck (er war sonst immer sehr freundlich gewesen und hatte mir sogar vorab die Eintrittskarten zugeschickt), daß die vorderen Plätze alle für die Abo-Kunden reserviert seien, aber er habe gehört ich hätte bereits lange angestanden, daher dürfe ich mir von den verbliebenen Plätzen hier einen aussuchen. Welche Enttäuschung! Da steht man sich in der Eiseskälte die Füße in den Bauch und dann sowas.

Es kam mir zwar dann schon ein bissl komisch vor, besonders weil ich das in Ebersberg noch nie erlebt hatte, daß Abokunden die vorderen Plätze reserviert bekommen, aber gut. Nur, daß dann eine Abokundin hinter mir saß, und vor mir dann etliche 'normale' Besucher, das fand ich dann schon extrem strange. Aber ok, der Abend war gelaufen. Von meinem Platz aus sah ich so gut wie nichts, außer Spesen nichts gewesen.

Dann der nächste seltsame Vorfall. Lustspielhaus München. Freie Platzwahl. Normalerweise. Ich wie üblich als Erste vor Ort, lange vor dem Einlaß, war also auch als Erste drinnen, stürmte nach vorne ... und fand, daß alle vorderen Plätze reserviert waren! Während ich noch ungläubig ein Schild nach dem anderen auf den 'guten' Tischen vorfand, strömten natürlich die anderen Besucher hinterher und am Ende saß ich ein gewaltiges Stück von der Bühne entfernt irgendwo auf der Seite.

Mein Mail an das Lustspielhaus, in dem ich diesen seltsamen Umstand beklagte, wurde nie beantwortet.

Ähnliche, sich bereits vorher zugetragen habende, Vorfälle konnte ich im Nachhinein in Zusammenhang stellen. Beispielsweise hatte ich mir in Frankfurt Hoechst einen ECHT guten Platz, vorne mittig, gebucht. Und dort gibt es KEINE freie Platzwahl, da bekommt man genau den Platz, den man sich beim Kartenkauf ausgesucht hat. Also bei anderen Menschen ist das so. Ich dagegen wurde ziemlich an den Rand geschoben, so daß es sogar mir auffiel, daß das NICHT mein Platz sein konnte. Auf Nachfrage hieß es, daß ich halt ein Einzelgast sei, der bei Bedarf größeren Gruppen weichen müsse. Genau dieselbe Ausrede bekam ich übrigens auch in der Lach&Schieß in München zu hören, wo die Plätze angeblich in der Reihenfolge der Buchung vergeben werden, und wo ich mich auch, obwohl mein Name ganz oben auf der Liste stand, immer wieder irgendwo in der Mitte des Saales wiederfand.

Offenbar erschienen alle anderen Menschen zu zweit, so daß sich für die Pärchen immer einer der Vierertische ausging, und der Einzel-Ev stets weichen mußte.

Den Gupf brachte dann mein lieber, aber leider meist betrunkener damaliger Mitbewohner, der eh schon immer dagegen gewesen war, daß ich den Piefke so anschwärmte. Ich würde mich lächerlich machen, meinte er. Ja, da hatte er wohl recht, aber dagegen 'war ich machtlos', wie der Graf von Vermont damals schon seufzend immer wieder sich selbst zitierte.

Geht der blunznfette Bursch also gegen meinen ausdrücklichen Willen zum Kabarettisten und holt nicht nur für sich selber ein Autogramm sondern für mich eins mit, ich konnte ihn nicht abhalten, ich stand um die Ecke, hörte ihn dumm daherlallen und versank vor Scham im Boden. Nun wollte ich doch extra NICHT auf mich aufmerksam machen wo er eh schon so böse auf mich war, da muß der Blödmann hingehen und noch Öl ins Feuer gießen.

More fool me, schrieb ich gleich am nächsten Tag NOCH eine Postkarte auf der ich beteuerte, daß das mit dem Autogramm NICHT meine Idee gewesen sei sondern daß ich Gusti einfach nicht davon hatte abhalten können, ihn nach der Vorstellung darum anzugehen.

Kurz darauf die Eskalation: Ich erhielt an meine Arbeitsadresse eine Mail von der Agentur, in der es sinngemäß hieß, es sei zwar erfreulich, wenn ein Künstler so einen treuen Fan hätte, aber er fühle sich von meiner ständigen Anwesenheit gestört und es ergehe folgende Anordnung: Ab sofort dürfe ich nur mehr ab Reihe sieben sitzen, und auch dahinter nicht mittig, damit ich mich nicht mehr im Blickfeld des Künstlers befände. Dieser Anordnung sei unbedingt Folge zu leisten.

Ich war total geschockt. Ein Anruf bei der Agentur, ob das Mail wirklich von ihnen sei oder ob es sich etwa um einen üblen Scherz handle, wurde knapp affirmativ beantwortet und sofort wieder aufgelegt.
Nun saß ich da.
Hatte für den folgenden Tag eine Karte in einer sehr, sehr weit entfernten Stadt gebucht, natürlich erste Reihe Mitte. Was tun? Nach dieser Mail war mir natürlich die Lust auf weitere Vorstellungsbesuche endgültig vergangen. Habe mich in Folge noch mit einer Bekannten auf ewig verkracht weil ich das für diesen Nachmittag angesetzte Treffen nicht eingehalten habe, mußte ich doch nach Hause eilen und versuchen, zu retten was zu retten war. Kostenmäßig meine ich. Man kann ja Bahnfahrkarten zum Sonderpreis nicht mehr oder nur sehr schwer stornieren.

Ich verbrachte den Nachmittag (es war ein Freitag und daher hatte ich früh Feierabend) also damit, Bahnfahrkarten und Vorstellungstickets zu stornieren. Interessant waren hierbei auch die Reaktionen der diversen Bühnen. Ich hatte den Grund natürlich genannt, auch das Mail der Agentur als Beweis mitgeschickt ... in den meisten Fällen war man mitfühlend und ich konnte kostenfrei stornieren, in anderen Fällen wiederum blieb man kalt und beharrte auf dem geschlossenen Kaufvertrag. Daran hätte ich, wäre mir damals bereits das gesamte Ausmaß der Katastrophe bewußt gewesen, ersehen können, mit welchen Betreibern der Piefke bereits über mich gesprochen hatte und mit welchen nicht.

Weitere Erleuchtung brachte mir nämlich dann einige Zeit später ein Gespräch mit einem Bekannten, ebenfalls Kabarettist, ein wirklich genialer und warmherziger Mensch, den ich über alles schätze und der mir, im Gegensatz zum Piefke, durchaus wohlgesonnen ist. Obwohl ich auch ihm gerne Postkarten schreibe.
Aber der freut sich drüber.

Von ihm weiß ich nun also, daß der Piefke damals dem Betreiber des Niedermair in Wien sein Leiden mit mir geklagt hatte. Er fände mich unheimlich war noch eine der harmloseren Bemerkungen. Und ganz offensichtlich hat er nicht nur mit dem Herrn F. darüber gesprochen sondern auch noch mit so manch anderer Betreibergestalt. Von Frankfurt bis Wien war ich nun persona non grata, nur weil ein paranoider Piefke sich von mir verfolgt fühlte.

Ich sollte erklärend hinzufügen, daß ich damals bei den Kabarettbesuchen stets meinen Fredi dabeigehabt hatte, ein Stoffhase mit seitlichem Reißverschluß, in den man sein Geldbörserl und noch so etliches anderes hineingeben kann. So war ich überall hinreichend bekannt, leider halt nur vom Sehen, und jeder glaubte gerne, was der Herr Piefke zu erzählen hatte. Denn eine erwachsene Frau, die mit einem Stoffhasen rumläuft, eine komische Frisur hat und immer in der ersten Reihe hockt und den Künstler anstarrt? Da KANN doch was nicht stimmen.

Najo na eh. Wird schon so sein.

It didn't help matters daß ich in verletztem Stolz ein selbstgemaltes Bild im Niedermair abgab mit der Bitte, man möge es ihm bringen. Meine Intention war, daß er sieht, daß ich durchaus auch ein Künstler bin und nicht lediglich irgendein durchgeknallter Fan, und daß ich eh nix weiter von ihm will. Das hatte ich natürlich wie bereits erwähnt zuvor schon mehrmals geschrieben, aber wahrscheinlich hat er die Karten nie gelesen. Und das Bild nie bekommen.
Ich weiß es nicht, und werde es auch nie erfahren.

Mein lieber Bekannter hat natürlich versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben indem daß er Herrn F. versicherte, er kenne mich sehr gut und ich sei durchaus in Ordnung, aber der Blick, mit dem Herr F. mich maß als wir Jahre später einmal zufällig alle drei vor der Türe des Niedermair standen, sprach Bände.

So ist die Geschichte, so ist es gewesen, und ich verstehe bis heute nicht, wie man mich unheimlich finden kann und wenn dem dann so wäre, warum man, wenn man schon von der Bühne ständig was von Zivilcourage ertönen läßt, nicht einfach mal auf die ach so unheimliche Person zugeht und sie fragt, was der Scheiß soll und ob man das jetzt mal klären könne.

Nein, da schickt man die Agentur vor und beschwert sich hintenrum bei allen möglichen Betreibern damit man mich ja nicht mehr vorne sitzen läßt. Für ein Hausverbot hat es wohl nirgends gereicht, ich hatte ja nichts Verbotenes getan.

Ich weiß durchaus was Stalking ist, und ich weiß auch, daß das in dem Gestalkten schlimme Gefühle hervorrufen kann. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß man mich für einen bedrohlichen Stalker halten könnte.

Mein Chef hat zwei Patientinnen die ihn wirklich böse nerven. Die bombardieren ihn mit Mails und Geschenken, die intelligentere der beiden zumindest. Die andere, geistig eher übersichtlich gestaltete Dame, macht neben der Mailflut lediglich ständig Termine aus und beschimpft ihn dann gar garstiglich, wenn er ihr erklärt, daß sie austherapiert sei und sich zur weiteren Behandlung bitte an den niedergelassenen Arzt in ihrer Nähe wenden möge.

Da hab ich als seine Sekretärin schon so einiges davon mitbekommen und habe mich betroffen gefragt: Sah der Piefke mich etwa auch so? Bin ich so ein penetrantes Etwas? Kann das so aufgefaßt werden?
Offenbar ja.

Mein freundlicher Bekannter aus Wien hatte sich wiederholt erboten, einmal mit dem Piefke direkt zu reden, aber das wollte ich dann auch nicht, ich wollte nicht noch mehr Emotionen aufstierln, und wenn jemand paranoid ist, dann kann man auch mit Appellen an die Vernunft nichts ausrichten. Und ja, ich gebe zu, ich war aufdringlich. War ich durchaus. Aber ein Stalker, eine unheimliche Person vor der man sich schützen muß, vor der man Angst haben muß?

Seither ist mir die Lust am Kabarett so ziemlich vergangen. Was ich mir nach wie vor sehr gerne ansehe ist natürlich das Programm des lieben Menschen aus Wien und das eines anderen Wiener Kabarettisten, mit dem er früher immer wieder einmal gemeinsam aufgetreten ist, der ist auch so schön melancholisch. Besonders empfehlen möchte ich an dieser Stelle das Treibhaus in Innsbruck. Mit Abstand meine Lieblingslocation. 

Der Piefke hatte vor ein paar Jahren ein Buch herausgegeben, das ich mir natürlich gekauft habe. Darin beschreibt er, wie er den Fernseher im Hotelzimmer verhängt, da er sich sonst beobachtet fühlt. Da wurde mir dann auch einiges klarer.

Gusti hatte damals schon immer behauptet, der Piefke würde Marschierpulver bzw. ein Derivat desselben zu sich nehmen, was ich sofort als unglaubliche Behauptung zurückwies. Das würde er NIEMALS tun! verteidigte ich ihn vehement. Doch, beharrte Gusti, er sehe das u. a. daran, daß er während der Vorstellung ganz selten blinzele. Das sei ein eindeutiges Indiz. Inzwischen ... tendiere ich dazu ihm recht zu geben. Es ist allgemein bekannt, daß der Genuß dieser Mittel Paranoia hervorruft, auch hatte ich bereits in der Vergangenheit diesbezüglich nicht abgeneigte Bekannte dabei beobachten dürfen, wie sie als allererstes nach dem Betreten des Zimmers den Fernseher umgedreht hatten. Mit dem Bildschirm zur Wand. Damals ging das ja noch. Heutzutage dagegen, mit den fest montierten Flachbildschirmen ... ja, die muß man dann wohl verhängen, damit man nicht beobachtet wird. Und sollte gar eine Besucherin im Publikum es wagen, sich stärker in den Vordergrund zu spielen als üblich, ja, dann ...





Sonntag, 9. September 2018

Mein Freund der Wald



Als ich vor über 50 Jahren geboren wurde war ich keineswegs ein rundes fröhliches Baby, eher achteckig. Und bereits damals war der Wald mein bester Freund. Was sich seither aber ein wenig geändert hat. Unser Verhältnis ist immer öfter ein ziemlich angespanntes.

Er wirft mir vor, in meinem Job Unmengen an Papier zu vergeuden das er sich jeden Tag auf's Neue schmerzlich aus den Rippen schneiden müsse. Ich wiederum mache ihn für die wiederholten Überfälle der bösartigen kleinen Blutsauger verantwortlich, die mich bei jedem Sommerspaziergang piesaken. Meiner Meinung nach sollten Freunde des Hauses, so erkläre ich es ihm jedes Mal wieder, von dem Ungemach verschont bleiben.Oho, ruft er dann, da sähe man ja mal wieder ganz deutlich was für eine gedankenlose Person ich geworden sei, jetzt mal ganz abgesehen vom Papierverbrauch. Die kleinen Tierchen versuchten lediglich ihre Kinder zu ernähren und und die paar Tropfen Blut würden mir sicher nicht wehtun!
Nicht so sehr wie ihm die permanente Abholzerei nur damit ich nach jedem Schreibfehler erneut eine Seite zerknüllen und in die Ecke pfeffern könne. Meine Antwort war stets diese: Kinder sind eine Landplage und und wegen mir könnten sie alle aussterben.
Kein Wunder, daß der Wald langsam die Geduld mit mir verliert und unsere Freundschaft momentan auf sehr wackeligen Füßen steht.
Da hilft es auch nichts, daß ich die kleinen Kaninchen und Eichhörnchen lediglich mit der Kamera schieße und auch den Schnecken stets über den Weg helfe damit sie nicht zertrampelt oder von Mountainbikern zerfahren werden.
Das gehöre sich schließlich nicht anders, sagt mein Freund der Wald, und außerdem trüge ich ja nur die Schnecken mit Haus auf die andere Wegseite, die anderen überließe ich kaltlächelnd ihrem Schicksal. Woran man meine niedere Gesinnung erkennen könne. Nur wer ein Haus hat ist des Weiterlebens würdig oder was?
Unfug! Mir graust es einfach, und ich bin schon oft genug beim Anblick verletzter, sich mit letzter Kraft fortschleppender Nacktschnecken in Tränen ausgebrochen aber was kann ich tun? Sie erlösen, indem ich sie vollends zertrampele? Und dann mitschuld bin an ihrem Tod? Da stelle ich mir doch lieber vor sie kommen drüber weg und leben weiter. Wie Würmer beispielsweise. Wenn man aus Versehen, oder auch mit Absicht, am Resultat ändert das nichts, mit der Schaufel einen Wurm zerteilt, so stirbt dieser ja keineswegs sondern jede Hälfte lebt für sich weiter oder sie besuchen sich gegenseitig auf ein Täßchen Eichelkaffee, wer weiß das schon genau.
Gerne erzähle ich dem Wald Geschichten aus der Stadt, solange ich rede kann er mich nicht schimpfen. Neulich beispielsweise kam ich kurz vor 18 Uhr an einem Kaffeehaus vorbei vor dem ein Taferl stand mit folgender Aufschrift:

'Kaiserzeit von 18 - 20 Uhr'.

Daneben stand eine alte Frau mit erwartungsvoller Miene, die ein bissl verloren wirkte in der sie umspülenden Hektik.
Vielleicht sollten die Wirte derartige Werbesprüche vermeiden, habe ich mir gedacht, solange noch Leute am Leben sind, die alt genug sind, sich an den Kaiser zu erinnern ...


Sonntag, 13. August 2017

Anton Teil 1



Als Anton Fieselmaier noch ein Knabe war, wurde er von einem mysteriösen Weltraumfahrer gerne für Einbrüche benützt weil er so dünn war. Solcherart wurde er mehrmals durch ein Kellerfenster gesteckt um geräucherte Wurstwaren zu stehlen welche hernach um einen Schleuderpreis an Wirte in der Umgebung verhökert wurden. Anton Fieselmaier bekam für seine Mühen lediglich hier und da ein Freibier und am Ende vom Weltraumforscher noch ein paar gewaltige Ohrfeigen angedroht als ihm die letzte Ladung Schinken, zuvor mühsam des Nachts quer durch die holperige Altstadt gekarrt, verlustig ging indem daß heimtückische Mitbewohner ihn hinterrücks bestahlen. 

Es gelang ihm zwar, den Weltraumforscher von seiner Unschuld zu überzeugen, jedoch mußte er alsbald erneut mit jenem in einen anderen Keller einbrechen um dort eine kaiserlich-göttliche Weinexpertise vorzunehmen. Ein zufällig im Keller ihre Wege kreuzender Hausbewohner wurde kurzerhand in einen Nebenraum gesperrt. Diese Begegnung war ganz schlecht für Herrn Fieselmaiers Nerven, die bereits in seiner Jugend nicht die besten waren, aber man muß Prioritäten setzen und das Wichtigste war jetzt nun einmal, den Weltraumforscher bei Laune zu halten was kurze Zeit später dann auch kein Problem mehr war weil der Weinkeller sich als außergewöhnlich gut bestückt erwies. Da war nix mit niedertückischem Rheinfiesling in Bestpreislage, nee nee, jeder Schluck aus den vorgefundenen  Flaschen war gut seine 1000 Mark wert – was den gestörten Weltraumforscher jedoch nicht daran hinderte, so manche Flasche mit einem kurzen ''Das schmeckt Scheiße!'' verächtlich beiseitezustellen und und die nächste zu öffnen. Gut betankt zog man schlußendlich mit, aus rein logistischen Gründen, nur wenigen erbeuteten Flaschen von dannen.

In späteren Jahren bezog Anton Fieselmaier nach durchlittener Trennung von seiner geliebten Ehefrau ein Untermietszimmer bei einer befreundeten Künstlerin welche ihm ihr Atelier zur Verfügung stellte und seither keine Bilder mehr malen konnte weil ihr die ständigen Schmerzenslaute Herrn Fieselmaiers auf's empfindliche Gemüt schlugen.

Eines Tages stand Herr Fieselmaier wieder einmal am Balkon und wehklagte lauthals in die Landschaft unter ihm, als ihn unvermittelt ein Pfeil am Ohr traf. ''Ei Pardauz!'', dachte Herr Fieselmaier, ''was hat das zu bedeuten?''. Als er sich den Pfeil aus dem Ohr gebastelt hatte, nicht ohne einen Satz weiterer inbrünstiger Klagen abzusondern, fand er einen Zettel an den Pfeilschaft geklebt auf dem folgendes geschrieben stand:

Paß auf du miese kleine Ratte! Du hast mir damals wieder und wieder meinen Keller mit dem Geräucherten ausgeraubt. Gut. Ok. Was will  man machen. ABER JETZT IST SCHLUSS! Wenn ich dich auch nur ein EINZIGES Mal auf meinem Grundstück erwische dann darfst du meinem Bernhardiner eigenhändig die Serviette umbinden bevor ich dich ihm als Festmahl kredenze, VERSTANDEN?

Verwirrt blickte Herr Fieselmaier nach unten. Auf der gegenüberliegenden Seite, hinter dem Parkplatz, befand sich ein Schrebergartengrundstück in dem sich in der Tat ein pferdegroßer Bernhardiner ausgelassen tummelte und zwischenhinein, so erschien es Herrn Fieselmaier, spitzbübisch zu ihm nach oben schielte.
''Mein Gott!'', dachte Herr Fieselmaier erschüttert, ''sollte ich mich tatsächlich ausgerechnet gegenüber dem alten Räuchermeister niedergelassen haben?''

Versonnen befingerte er den Pfeilschaft und dachte angestrengt nach, eine Tätigkeit die all seine Sinne beanspruchte, so daß er den kleinen dunklen Fleck am Horizont nicht bemerkte, auch nicht, daß dieser unaufhaltsam zu wachsen schien. Irgend etwas kam dort oben näher und näher, und noch immer hatte Herr Fieselmaier nichts bemerkt. Erst als dicht neben seinem malträtierten Ohr eine blecherne Stimme ertönte ''Anton! Anton! Ich grüße dich! Du bist alt geworden!'', schreckte er auf. Über ihm hing ein riesiger Waschkessel und über den Rand beugte sich sein alter Freund der Weltraumforscher, und grinste über beide Backen vor Wiedersehensfreude. 

''Di-da-da-du-du bist doch tot!!!'' stotterte Anton verwirrt.
''Woher denn'', widersprach der Weltraumforscher heftig, ''ich habe gesagt ich komme wieder, du weißt das Anton! Warum starrst du denn immerzu da runter? Wolltest du etwa springen? Das mögen die Götter aber garnicht, du weißt das Anton!''

''Ach Blödsinn!'', entgegnete Anton verwirrt und aufgebracht angesichts solcher selbst für seine Verhältnisse beleidigende Unterstellung. ''Ich hab soeben festgestellt, daß dort drüben der Metzger wohnt dem wir damals immer die Schinken gestohlen haben und jetzt steh ich da mit'm Loch im Ohr und der Hund schaut blöd rauf und dabei wollte ich ihn doch nicht bestehlen, ich hab doch nicht einmal gewußt, daß er hier seine  Vorratskammer hat!'' beendete Anton seine weinerliche Rede. 

Der Weltraumforscher räusperte sich: ''Soll ich ihm einen Denkzettel erteilen? Dies ist das Raumschiff meines Vaters, Anton, du weißt das. Ich mache ihn platt!''
''Nein, nein!'' rief Anton beschwichtigend, ''nicht platt machen, im Gegenteil, vielleicht sollte ich mich entschuldigen für damals, immerhin sind wir jetzt Nachbarn, da sollte man doch für ein gutes Verhältnis sorgen, sozusagen …''
''Du bist alt geworden, Anton'', bemerkte der Weltraumforscher, dessen Name im übrigen Zagreb Echtholz war, auf's neue. ''Früher warst du nicht so langweilig. Und möchtest du nicht einmal mein schönes Raumschiff bewundern? Hättest du nicht gedacht, daß ich wiederkomme, gib's zu!''

''Gedacht schon, aber nicht damit gerechnet. Nicht so rasch jedenfalls. So lange bist du auch wieder nicht weggewesen. Und ja, das Raumschiff ist wirklich schön.''
''Ich sehe schon, du bist nicht ganz bei der Sache. Beziehungsweise bei einer anderen Sache. Hör zu Anton, ich habe eine Idee.''
''Was für eine Idee?'' fragte Anton mißtrauisch, immerhin hatte er mit den Ideen von Herrn Zagreb Echtholz schon so manches Ärgernis durchlebt.
''Ich habe eine Idee, wie du diesen Metzger besänftigen kannst. Ich hab hier nämlich was mitgebracht.''

Zagreb tauchte in die Tiefen seines Raumschiffs ab und seine restlichen Worte klangen nur mehr als dumpfes Gemurmel nach draußen. In diesem Augenblick betrat Antons Vermieterin den Balkon. Miranda Andrews war eine Frau in mittleren Jahren die jedoch gerne jünger wirken wollte weswegen sie sich gerne salopp um nicht zu sagen schlampig kleidete und ihre Haare mit Haargel vollpappte.
''Anton! Mach die Türe zu es zieht!'' keifte sie los – und blieb wie angewurzelt stehen als sie des riesigen Raumschiffs ansichtig wurde: ''What the fuck!!!'' 

Frau Andrews wollte nicht nur gerne jünger aussehen sondern sich auch interessanter machen als sie war und redete daher gerne Englisch, vor allem wenn keiner da war der der englischen Sprache mächtig war und sie daher unbehelligt Blödsinn babbeln konnte.

''Zagreb ist wieder da.'' bemerkte Anton trocken.
''ZAGREB???'' kreischte Miranda ungläubig.
''Genau dieser. Und er hat  mir etwas mitgebracht das ich dem Metzger dort unten schenken kann damit er nicht mehr böse ist. Da schau her!'' Anklagend wies er auf sein durchbohrtes Ohr.
''Hihi'' machte Miranda, denn sie war nicht nur eitel sondern auch schadenfreudig.

Mittlerweile war Herr Echtholz wieder aus der Versenkung aufgetaucht und errötete bis an die Haarwurzeln. ''Miranda …'' hauchte er verlegen.
''Servus Zagreb'', begrüßte ihn Miranda resolut, denn sie hatte keinerlei Respekt vor Männern. Schon garnicht totgeglaubten Männern. ''Bist du gekommen um Anton abzuholen?'' fragte sie hoffnungsvoll.
''Nein'', erwiderte Zagreb, ich bin nur mal so auf der Durchreise, keine Angst. Guck mal'', wandte er sich wieder an Anton ''hier hab ich das ideale Geschenk für deinen Metzger. Einen Seelenspiegel.''
''Einen was?'' ''A what???'' riefen Anton und Miranda durcheinander.
''Einen Seelenspiegel'', wiederholte Zagreb. ''Es gibt da diesen Planeten ungefähr 305 Lichtjahre links von hier, da sammeln sie Gold und geben einem dafür bunte Seelenspiegel und anderes Spielzeug. Wenn man da reinguckt dann sieht man, was die Person, mit der man gerade redet, wirklich denkt.''

''Na geh!'' Miranda trat hastig einen Schritt zurück und setzte ein gespielt unbeteiligtes Grinsen auf. ''Und das kriegt jetzt der Metzger, damit ihm keiner mehr kranke Schweine verkaufen kann? Prima Idee!''
Neidisch blickte sie auf den hübschen Spiegel in Zagrebs Hand während sie sich bereits überlegte, wie sie ihn Anton später wieder abquatschen konnte.

''Also'', meinte Zagreb, bevor du ihn Anton nachher wegnimmst, geb ich dir lieber auch einen.'' Wieder verschwand er in den Tiefen seines Raumschiffs und murmelte dort dumpf vor sich hin.
''Äh'', machte Miranda peinlich berührt. ''Wie hat er das jetzt rausgefunden? Die Teile sind echt rattenscharf!''

Artig bedankte sie sich als ihr Zagreb kurz darauf ebenfalls einen Seelenspiegel hinhielt, er verabschiedete sich daraufhin mit leutseligem Winken und dem Versprechen, bald wieder vorbeizuschauen und dann aber mehr Zeit mitzubringen.
''Mußt vorher mal aufräumen'' meinte Miranda vorwurfsvoll zu Anton. ''So können wir keinen Besuch einladen, hier schauts aus wie bei Hempels unter'm Sofa! Überall stehn die halbfertigen Bilder rum und du bist schuld!''

Antons leider sehr vorzeitiges Ende aber da war er SELBER SCHULD



Jetzt ist ja jeder einmal krank, auch zweimal, dreimal, mehrmals, die meisten Leute werden aber zwischendrin wieder gesund oder bemühen sich zumindest darum. Nicht so Anton. Bereits als Säugling am Magen erkrankt, vergnügte er sich in seiner Kindheit und Jugend damit, sich so oft wie möglich den Schädel einzurennen oder sich zumindest die Ferse abzuschneiden. Einfach nur die Knie aufzuschrammen wie es die anderen Kinder taten, war ihm eindeutig zu langweilig. Als Erwachsener tat er sein bestes, seine trotz allem unerschütterliche Gesundheit zu unterminieren und trank, rauchte und schnupfte alles, was er nur bekommen konnte. Wäre seine Ehefrau nicht so ein niedriges Mensch gewesen, hätte er sich wohl damals schon restlos zugrunde gerichtet, aber da sie ihm alles wegnahm was sie kriegen konnte um es in ihren eigenen kleinen Gierkopf reinzustopfen, war er lediglich sehr dünn und sehr nervös – aber selten dem Tode so richtig nah.

Nur einmal, das hatte jetzt aber wenig mit seinen Gewohnheiten zu tun, kam er fast frühzeitig ums Leben als ein erzürnter Zuhälter, dem er seine Frau nicht zu Forschungszwecken (wie viele Freier schafft eine Nymphomanin pro Nacht wenn man ihr genügend davon zur Verfügung stellt) überlassen wollte, ihn mit seinem Maybach überrollte. Glücklicherweise jedoch war er so dünn geworden, daß er sich dabei lediglich eine komplizierte Knieverletzung zuzog, die dann mehrmals operiert werden mußte; er war somit lange zuhause, sah seine Frau öfter als ihr und ihm guttat, schimpfte am Ende sie eine Hure und sich selber einen Narren, daß er sie nicht doch an den freundlichen Herrn mit dem großen Auto verkauft hatte, ließ sich scheiden und endete nach langen Irrwegen bei Miranda, die ihn seufzend bei sich aufnahm, soviel Elend war nicht einmal für sie zum Mitansehen.

Jetzt hätte er ja eigentlich, fern von Ehefrau und wüsten Kameraden, ein wunderbares Leben führen können, hätte er nur nicht diesen unseligen bayerischen Sturschädel gehabt. Er wollte partout seine tägliche Krankheit, und die nahm er sich auch, wenn notwendig mit Gewalt. Miranda hatte sich, als sie aufgrund seiner permanenten Jammertiraden nicht mehr ungestört künstlerisch tätig sein konnte, einen Job in der Orthopädie gesucht, was Anton sofort inspirierte, sich an einem Lumbago zu versuchen, den er dann mit dem selbständigen Führen eines Getränkemarktes genüßlich verstärkte und verlängerte. Welch eine Wonne! Miranda fand das Ganze weniger lustig als er trotz seines jämmerlichen Zustandes darauf beharrte, sie auf ihren Reisen zu begleiten und somit nicht nur sich selber sondern auch ihr die jeweiligen Urlaube, die sie sich eigentlich redlich verdient hatte, gründlich verdarb.

Schließlich jedoch hatte er sich, nicht zuletzt dank des tatkräftigen Einsatzes von Mirandas Kollegen, wieder einigermaßen erholt – böse Zungen behaupten er habe die Genesung den ewigen Spritzen der Orthopäden vorgezogen – und ging wieder auf Arbeitssuche. Kaum jedoch hatte er, nach mehreren frustranen Versuchen, endlich einen Job gefunden in dem er auch mit den Kollegen zurechtkam, legte er sich eine derart ausgeprägte Epikondylitis humeri radialis zu, daß man auf die Umwege einer konservativen Therapie verzichtete und sofort operierte.

Wiederhergestellt, suchte sich Anton, mittlerweile total fasziniert vom Krankenhaus und dessen Atmosphäre von ständigem Leid, einen Job in der OP-Reinigung, den er tatsächlich auch bekam obwohl er Deutscher war und man dort sonst eigentlich nur Ausländer einstellte wegen der besseren Verständigung. Wenn viel los war im OP und das war meist der Fall, mußte es schnell gehen, Befehle mußten sofort befolgt werden, da konnte es nicht angehen, daß einer im Wege umeinanderstand und mehr Last als Hilfe war, nur weil er die Sprache nicht lernen wollte und unverbesserlich Guten Tag und Auf Wiedersehen sagte statt Merhaba und Gülegüle.

Anton fand sich jedoch auch hier nach anfänglichen Problemen bald recht gut zurecht, so daß er sich nach etwa drei Monaten seine Facettengelenksarthrose aktivieren mußte, da es ihm sonst am Ende noch einigermaßen den Umständen entsprechend gut gegangen wäre und das durfte ja nicht sein. Keinesfalls!

Es begann also wieder eine Zeit des ausgiebigen Jammerns und Leidens, Mirandas Kollegen steckten begeistert ihre Spritzen in Anton rein, dieser beklagte sich ausgiebig und mit Genuß, und abends betrank er sich und beschimpfte Miranda, die ja nun wirklich am wenigsten dafür konnte. Dennoch hielt sie fest zu ihm, unterstützte ihn wo sie konnte – und langsam aber sicher kam Anton wieder auf die Beine und stellte sogar die depperte Sauferei weitgehend ein.

Wieder hätte alles wunderbar sein können – hätte sich Anton nicht so sehr an seiner jährlich wiederkehrenden Bronchitis erfreut. Bereits früher hatte er diese mit geschickt eingesetzten Kunstgriffen wie langes Spazierengehen im Fieberwahn und eisige Duschen im Anschluß, bis zur Lungenentzündung upgegraded, und er war fest entschlossen, es auch dieses Mal nicht bei einer popeligen Grippe bewenden zu lassen. Kaum drehte Miranda den Rücken, begab er sich wonnig durchgeschwitzt im kurzärmeligen Leiberl in die zugige Küche um dort einen Tschik nach dem anderen zu rauchen. Kam Miranda abends heim, wurde sie empfangen von einem fieberglühenden Anton, der sich stöhnend und ächzend im Bett wälzte und sie durfte ihren Feierabend mit Sorgen verbringen, anstatt sich von der anstrengenden Arbeit ausruhen zu können. 


Sämtliche Ermahnungen ihrerseits, doch etwas auf sich achtzugeben, da man in Kürze dann doch wieder einmal in den Urlaub fahren wollte, ein aufgrund des permanenten Geldmangels inzwischen selten gewordenes Vergnügen, wurden von Anton leichtfertig in den Wind geschlagen. Soweit man in diesem Zusammenhang überhaupt von Vergnügen sprechen konnte, schaffte es Anton doch jedes Mal, die Freude an den Fahrten durch ständige Unfälle und Wehwehchen signifikant zu trüben. Einmal beispielsweise hatte er sich in Innsbruck abends so beim Rasieren geschnitten, daß er nachts das halbe Bett vollblutete und natürlich auch Miranda mit seiner ausgiebigen Jammerei wachhielt, ein anderes Mal hatte er sich kategorisch geweigert, sich eine warme Jacke nach Wien mitzunehmen, es war ein kalter Oktober gewesen, der Wind pfiff über den Kahlenberg und durch den Pötzleinsdorfer Park, in dem Miranda eigentlich wunderschöne Nebelbilder schießen wollte, aber durch Antons permanentes Gejammer, er friere so, sowohl diesen als auch sämtliche anderen Ausflüge bereits nach einer halben Stunde abbrechen mußte. 

Anton betrieb also weiterhin mit ungeschmälertem Enthusiasmus Raubbau an seiner Gesundheit, lief mit 39° Fieber täglich im schneidenden Wind durch die Straßen, einmal brachte er eine Nähmaschine mit und einen Blumenstrauß für Miranda, obwohl diese ihm bereits mehrmals erklärt hatte, sich nichts aus abgeschnittenen Gewächshausblumen zweifelhafter Herkunft zu machen. Selbstverständlich hatte er den ganzen Tag noch keinen Bissen gegessen, obwohl er morgens wieder stundenlang am Klo gesessen hatte weil er am Abend zuvor billiges Brot und zuviel Rotwein zu sich genommen hatte.

Statt nun am Nachmittag wenigstens eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen, fing er an, mit seinem Hamster zu spielen und reagierte nicht einmal mit dem kleinsten Muskelzucken auf Mirandas Ermahnungen, ja warf ihr sogar vor, sich wieder einmal wegen nichts aufzuregen und sich ungebeten in sein Leben einzumischen. Wutentbrannt rannte Miranda aus dem Zimmer, während sich Anton seelenruhig einen Tschik drehte, aber vor lauter Schwäche mittendrin einschlief.

Als er aufwachte, war um ihn herum alles weiß. Erst dachte er, das Dach wäre vielleicht wieder kaputt und es hätte ins Zimmer geschneit? Doch dann stellte er fest, daß er keineswegs auf seiner Matratze lag – ja sich nicht einmal mehr in Mirandas Wohnung befand. Verwirrt griff er sich an die Stirn – wo ein scharfer Schmerz AUA! ihn die Hand sehr rasch zurückziehen ließ.

''Schaust eh lustig aus, mit dem Scherben im Hirn, hihi'', kicherte es hämisch von hinten, und ein blondgelocktes Wesen segelte frech grinsend auf einer Wolke an ihm vorbei.

''Hat sie dich also endlich erschlagen. Gut so'', stellte das Wesen fest und seine letzten Worte waren schon kaum mehr zu verstehen. ''Des war ja ned zum Aushaltn mit so an Sturkopf so an grauslichn, da war ja der komische Manna-Typ neulich a bravs Hunderl dagegn …''

Anton verstand gar nichts mehr. Wer hatte wen erschlagen? Und wieso war alles so weiß? Sein Kopf schmerzte unerträglich und von ferne hörte er leises Lachen herüberwehen, gefolgt von groben Flüchen und einem beherzten ''Eicha Manna kennts etzn wieda söba saufn, wo sitzta denn, da Kollege???''