Samstag, 27. Juli 2024

Meine letzte große Liebe


Einbrechen ist ein verdammt schwieriger Job. Wenn man es ordentlich macht. Die meisten von euch denken sicherlich, es sei damit getan, die Türe aufzukriegen. Beileibe nicht! Es ist ein Handwerk, eine Kunst. Die man erlernen muß. Und ich habe sie erlernt. Von der Pike auf. Einer der Freunde meines großen Bruders, sie nannten ihn 'Nietzsche' weil er im Rausch immer aus dem 'Zarathustra' zitierte, packte mich bereits als Jungen immer wieder an den Füßen und ließ mich zum Kellerfenster des Metzgers hinab, weil ich so dünn war und daher als Einziger der Gruppe durch dieses Fenster paßte. Im Keller lagerten geräucherte Wurstwaren, die ich nach oben schaffte und die dann an diverse Wirte in der Altstadt verkauft wurden. Das klingt im Prinzip sehr einfach, aber was machst du, wenn dir im Keller auf einmal jemand entgegenkommt? Ein Anfänger gerät in Panik, schlägt den Überraschten nieder oder gar tot. Was ich gemacht habe: ich habe ihn in eins der Abteile gedrängt und dort eingesperrt. Das muß dann natürlich alles sehr schnell gehen, das Auf- und Zusperren mußt du im Schlaf beherrschen. Da ist keine Zeit für langwierige Fummeleien.

Der nächste Schwierigkeitsgrad nach Kellern von Mietshäusern sind freistehende Häuser. Auch hier latscht man nicht einfach hinein weil man es kann, sondern es empfiehlt sich, das Anwesen über einen längeren Zeitraum genau zu beobachten. Wer kommt wann nach Hause, ist eine Regelmäßigkeit auszumachen? Wenn nicht, dann Finger weg. 

Neulich hatte ich das ideale Objekt am Start. Riesenhütte, kein Hund, kein Alarm, jeden Tag von halb 10 bis ca. 15 Uhr war niemand zuhause. Hab ich mich natürlich schon gefragt, wie man mit solchen Arbeitszeiten so reich werden kann, aber gut. Vielleicht hatten sie ja geerbt. An einem diesigen Herbstmorgen gegen 11 Uhr bin ich also eingestiegen. Das Objekt war von einer dichten Hecke eingefaßt, wenn du da mal durch warst, hat dich niemand von außen mehr gesehen. Absolut ideal. Lange hatte ich nach einem Haken gesucht, aber keinen gefunden. Bald stand ich, die Terassentür war kein Hindernis für mich, im Wohnzimmer. Riesiger Flachbildschirm, total Prolo, und im Bücherregal fast nur uralte Schinken von Donauland. Zwischendrin der eine oder andere Klassiker. Es roch staubig, war es auch, und vor Hölderlins gesammelten Werken stand ein Schokoladennikolaus ohne Kopf. Wie absurd! Die beiden hatten keine Kinder, die hätte ich gesehen.

Nun war ich ja nicht hereingekommen, um die Bücherwand zu bewerten, sondern um die Dame des Hauses idealerweise um das eine oder andere hübsche Schmuckstück zu erleichtern. Leider wuchs mein Unbehagen mit jedem Zimmer das ich betrat. Normalerweise heben die Leute sowas ja im Nachtkasterl auf oder wenn's blöd läuft in einem Safe. Aber sowas hatten die garnicht. Und auch keinen Schmuck. Nur so blöde Holzperlenketten und billige Ohrringe. Was wurde hier gespielt? Hatten sie ihren Goldkram etwa in einem Bankschließfach? Im ganzen Haus fand ich absolut NICHTS von Wert. Nicht einmal ein Paar silberne Manschettenknöpfe. Kein Wunder, daß das Haus ungesichert war. Hier gab es tatsächlich bis auf den bescheuerten Flachbildschirm keinerlei Beute, und den konnte ich alleine nicht tragen. Kriegst auch nix mehr dafür, totale Zeitverschwendung. Schweren Herzens entschloß ich mich, das Objekt zu verlassen und mir ein lohnenderes Ziel zu suchen. So schade! Die langen Wochen der Beobachtung, das Planen, die Vorfreude ... alles umsonst.

Ein letztes Zimmer im oberen Stockwerk hatte ich noch nicht durchsucht, die abblätternde Farbe auf der Türe ließ auf eine Abstellkammer schließen, wenig verlockend. Aber wer weiß, vielleicht hatten sie genau dort ihre Reichtümer gebunkert?
Auf der Schwelle blieb ich stocksteif vor Schock stehen. Aus einem Bett blickten mich zwei riesige Augen aus einem abgemagerten Gesicht freundlich an, der eingefallene Mund darunter sagte: Guten Tag junger Mann. Wollten Sie mich besuchen? Was für eine Freude. Setzen Sie sich doch.
Der Gestank war bestialisch, das Fenster geschlossen. Ich unterdrückte meinen Fluchtreflex und begann mir Fragen zu stellen: Wer war diese Person und wieso kümmerte sich niemand um sie? 

Als erstes steckte ich die zerbrechliche Gestalt vorsichtig in die Badewanne, hierbei stellte ich fest, es handelte sich um eine Frau. Die noch lange nicht so alt war wie sie aussah. Ihrer Erzählung nach war der Hausherr ihr Sohn, der fröhlich von ihrem Ersparten lebte, und sie in ihrem Kämmerlein verkümmern ließ. Ab und an wurde eine Pflegerin angeheuert, aber diese Leute verlangten zu Recht mehr Geld, das sie trotz aller Versprechungen aber nicht bekamen, woraufhin sie bald wieder verschwanden.

Nun hat ja ein Mensch, der öfter mit den Ordnungshütern in Berührung kommt als ihm lieb ist, einige Kontakte zu Anwälten. Einer dieser Kontakte, ein sehr liebenswerter junger Mann, hat uns dann geholfen. Die genauen Umstände unseres Kennenlernens haben wir ihm natürlich verschwiegen, doch das Erzählte hat ihm genügt um sofort Action zu bringen. Da keinerlei Anzeichen geistigen Verfalls festzustellen waren, wurde die Versachwaltung aufgehoben, die gute Frau bekam die Vollmacht über ihre Konten zurück, zog in eine eigene kleine Wohnung und der Sohn hatte den Scherben auf.

Eigentlich könnte die Geschichte jetzt zuende sein. Das Opfer ist in Sicherheit, hat neue Zähne bekommen und sich mit dem Retter angefreundet der sie fast jeden Tag auf einen Kaffee besucht. Die beiden verstehen sich prächtig, lachen viel zusammen, und sie drückt ihm immer wieder verstohlen ein Scheinchen in die Hand wenn er klamm ist, Ende gut, alles gut. Aber so ist das nun mal nicht im Leben. Jedenfalls nicht in meinem Leben.

Nichts deutete darauf hin, daß meine neue Bekanntschaft trotz ihrer Gehbehinderung nicht noch mindestens 20 Jahre leben könnte. Gut, sie würde nicht mehr Seilspringen wie ein junges Mädchen, aber für den einen oder anderen Kurzausflug würde es reichen. Eifrig schmiedeten wir Pläne für die Zukunft, wenn erst der neue Rollstuhl da wäre, dessen Genehmigung sich leider sehr in die Länge zog.

Ich weiß noch wie ich sie das letzte Mal gesehen habe. Lieder aus ihrer Jugend summend stand sie vergnügt in der Küche und wusch unsere Kaffeehäferln ab. Ich durfte abtrocknen, danach schickte sie mich weg. Ich solle noch etwas von meiner Jugend haben und nicht ständig bei ihr alter Oma rumsitzen, meinte sie neckisch. Dabei saß ich so gerne bei ihr. Sie war der erste Mensch in meinem Leben, der mich so nahm wie ich war und mich nicht entweder ausnutzen oder ständig an mir herumerziehen wollte. Fast würde ich sagen, wir haben uns geliebt. Denn ich war beileibe nicht der einzige Mensch dessen sie hätte habhaft werden können in ihrem neuen Leben. Sie war reich und hätte sich im vornehmsten Seniorenheim des Landes einkaufen können, dort hätte sie Gesellschaft genug gehabt. Jedoch hatten wir beide gelernt, den Menschen zu mißtrauen. Sowas verbindet. Natürlich hatte sie auch eine Pflegerin, aber diese klebte nicht rund um die Uhr an ihr sondern hatte ihr eigenes Zimmer, kam nur heraus wenn sie gebraucht wurde. Manchmal hatte ich den Eindruck, ihr Deutsch war besser als sie zugeben wollte.

Zwei Tage nachdem mich meine Wohltäterin weggeschickt hatte, läutete ich wieder an ihrer Wohnungstüre. Ich fühlte mich einsam und brauchte jemanden zum Reden. Natürlich dauerte es stets eine Weile bis sie zur Türe kam, doch heute ... kam niemand. Wie konnte das sein? War sie beim Arzt? Langsam stieg ich die Treppen wieder hinab und verließ das Haus. Blickte nach oben. Zu ihren Fenstern. Sah, wie eins offen stand und der Vorhang sich leise im Wind bewegte, als wolle er mir etwas mitteilen, oder mich gar herbeiwinken. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Ich sah sie sofort liegen, nachdem ich die Wohnung betreten hatte. Tot und kalt, so eiskalt. Ich hatte nicht gewußt, daß sich ein Mensch so kalt anfühlen konnte. Von der Pflegerin weit und breit nichts zu sehen. Langsam drückte ich meiner lieben Freundin die starr blickenden Augen zu und wählte die Nummer der Polizei bevor ich weinend zusammenbrach. Wieder stand ich völlig alleine auf dieser verfickten Scheiß-Erde.

Den Rest könnt ihr euch denken, oder? Natürlich hat man mir den Mord in die Schuhe geschoben. Vor allem, nachdem sich herausgestellt hatte, daß ich im Testament nicht nur erwähnt wurde, sondern einen gewaltigen Batzen ihres Vermögens erben sollte. Ich hätte heimtückisch bei der freundlichen, arglosen älteren Dame angedockt, erzählte der Sohn, mich in ihr Vertrauen geschlichen und sie anschließend, nachdem es mir mit dem Erben wohl nicht schnell genug gehen konnte, einfach erschlagen. Nix mit in dubio pro reo. Meine Spuren waren in der Wohnung reichlich vorhanden, auch direkt am Tatort, und wie war ich überhaupt hereingekommen? Nun konnte auch mein Bekannter, der Anwalt, nichts mehr ausrichten. Wer glaubte schon einem vorbestraften Einbrecher?

Nun sitze ich hier in Stadelheim. Immerhin habe ich ein Einzelzimmer bekommen wie alle anderen Mörder auch. Ich habe eine gute Arbeit dank derer ich mir beim Einkauf alles genehmigen kann was ich brauche, ohne die internen Verteilstellen in Anspruch nehmen zu müssen. Man geht mir aus dem Weg. Ich habe meine Ruhe. Mehr kann ich nicht mehr erwarten. Abends weine ich heimlich und leise, damit mich niemand hört. Würde meinem Ruf schaden. Ich vermisse meine liebe Freundin so sehr. Irgendwann werden sie mich in den offenen Vollzug lassen wo man nicht mehr ständig bewacht wird und dann, dann komme ich dir nach, Miranda. Bis bald!

Donnerstag, 18. Juli 2024

Zu spät



Endlich Sommerferien! Das bedeutete, die gesamte Familie saß mit vollgepacktem Kofferraum im Auto Richtung Blackpool. Holiday by the Sea. Same procedure as every year. Und wie jedes Jahr nervten meine kleinen Brüder total, schwiegen sich meine Eltern an und blickte ich gelangweilt aus dem Fenster und versuchte, sie alle miteinander zu ignorieren.

Und doch sollte dieses Jahr alles anders werden. Das begann schon mit der Unterkunft. Mein Vater hatte es aus unerfindlichen Gründen leider versäumt, rechtzeitig zu buchen, und so war 'unsere Wohnung', in der wir seit ich denken kann unsere Ferien verbracht hatten, leider schon vergeben. Fluchend und mit zornrotem Gesicht hatte er sich durch den Katalog gearbeitet, zweifellos die Telefongebühren innerlich vom Zimmerpreis bereits subtrahierend, bis er etwas gefunden hatte das nahe genug am Meer lag, groß genug für fünf Leute und doch einigermaßen günstig war.

So kam es, daß wir uns nach der langen Fahrt vor einer reichlich zweifelhaften Hütte wiederfanden. Abgeranzte, fleckige Fassade, großflächig mit Efeu überwuchert, an allen Ecken bröselte der Putz. Ein alleinstehendes, uraltes Haus wie aus einem Märchenbuch gepurzelt, hineingepflanzt wie ein nachträglicher Gedanke in dieses weitläufige Grundstück - und vom Meer weit und breit nichts zu sehen. Ich fand's toll. Meinem Vater hingegen fiel das Kinn auf den Boden und meine Mutter, die mit den Koffern hinter ihm hergedackelt war, zog prophylaktisch schon einmal den Kopf ein, in Erwartung eines Donnerwetters.

Glücklicherweise jedoch war die Innenausstattung überraschend modern und ließ keine Wünsche offen. Hochmodernes Bad mit Einhebelmischern an Wasserhahn und Dusche - nix mit British Plumbing, wo du stundenlang an zwei Rädchen drehst und das Wasser dennoch immer entweder zu kalt oder zu heiß ist. Drei Schlafzimmer, was bedeutete, daß ich nicht mit meinen Brüdern in einem Raum schlafen mußte, ein gemütlich eingerichteter Salon und eine supergroße Küche. Die war mir zwar relativ wurscht aber meine Mutter strahlte aus allen Knopflöchern und komponierte zweifelsohne bereits die erste Familienmahlzeit im Kopf.

Mit meinen mittlerweile 16 Jahren hatte ich jetzt nicht mehr unbedingt das Bedürfnis, den gesamten Tag mit meiner Familie zu verbringen, daher brachen Eltern und Brüder an den meisten Tagen alleine auf um an den Strand zu fahren, während ich die nähere Umgebung erkundete, mein Taschengeld im Gemischtwarenladen auf den Kopf haute und vor allem sehr viel las. Zu meiner enormen Freude hatte ich im Keller des Hauses einen ungehobenen Schatz gefunden: Eine ganze Truhe voller alter Zeitschriften, für mich alleine!

So träumte ich über Liebesgeschichten, schmunzelte über uralte Ratgeberseiten und erfuhr mit Entsetzen von einem Buben, der einen Hochspannungsmast hinaufgeklettert war und dort eine geschlagene halbe Stunde bei VOLLEM BEWUSSTSEIN hing bis die Feuerwehr endlich kam und ihn herunterholen konnte. Ich konnte die verbrannte Haut förmlich riechen und war mir sicher, diesen Artikel nie mehr zu vergessen zu können.

Mein Leben war also erfüllt und ich war glücklich. Bis zu jenem Abend, an dem ich ihm das erste Mal begegnete. Gut, begegnen konnte man es nicht direkt nennen. Eigentlich hab ich kaum etwas von ihm gesehen. Es war bereits dunkel und ich war noch einmal die Straße hinuntergegangen, ans Ende des Dorfes, von wo aus man das Meer immerhin erahnen konnte, als er nur wenige Meter entfernt an mir vorbeijoggte. In aller Ruhe und Gemütlichkeit ... und splitternackt. Ich war fasziniert.

Natürlich habe ich den gesamten nächsten Tag darauf hingefiebert wie ich es anstellen könnte, daß mir mein unbekannter Nackedei noch einmal über den Weg liefe und was ich dann zu ihm sagen könnte, wenn - FALLS - er stehenbleiben und sich mit mir unterhalten würde. Am Abend stand ich wieder auf der ansonsten verlassenen Dorfstraße und hielt Ausschau. Vergebens. Kein Jogger weit und breit zu sehen. Plötzlich tappte mir jemand von hinten auf die Schulter. Japsend fuhr ich herum: Da stand er vor mir. Bekleidet. Zwar nur mit einer Badehose und einem Unterhemd, aber immerhin. Sah grinsend auf mich herab und fragte: Wartest du auf jemanden?

Wäre ich schlagfertig gewesen, hätte ich so etwas sagen können wie: Jetzt nicht mehr, der Märchenprinz ist soeben aufgetaucht. Oder: Kann schon sein. Magst mit mir zusammen warten? Aber natürlich stand ich nur mit offenem Mund da und glotzte. Wenig attraktiv. Immerhin schien es ihn kaum zu stören, denn er drehte sich nicht sofort um und rannte davon, sondern fragte höflich, ob er mich nach Hause begleiten dürfe. Unterwegs nahm er meine Hand und erzählte mir allerlei lustige Geschichten aus seiner Heimat. Eine wandelnde Hörspielkassette. Er hatte ein paar Tage in Frankreich Urlaub gemacht und gedachte nun, auf dem Heimweg einen Bogen durch England zu schlagen bevor er zuhause sein Studium aufnahm. Er war Deutscher. Mein Vater würde durchdrehen. Seine Familie stammt aus Coventry und wir wissen alle, was das bedeutet: Gründliche Vernichtung fast der gesamten Stadt seitens der Deutschen Luftwaffe.

Das Englisch meines German Flitzers war holprig, aber seine Küsse waren tausendmal schmackhafter als selbst die teuersten Süßigkeiten aus dem Dorfladen. Ich konnte den nächsten Tag kaum erwarten, denn wir hatten ein richtiges Rendezvous! So träumte ich von langen Spaziergängen übers Land, oder einem Tag in den Amusement Arkaden, wo er nur wenige gezielte Schüsse brauchen würde um mir mit diesem unnachahmlichen Zwinkern in den Augen den großen Teddybären schenken zu können. Schließlich war er Deutscher, die kannten sich aus mit Schießen.

Was war ich doch jung und unerfahren. Möglicherweise hatte er mich tatsächlich gemocht, sonst hätte er sich kein zweites Mal mit mir verabredet. Doch sobald er merkte, und das dauerte keine drei heimlich in unserem Garten verschmuste Stunden, daß ich mir bereits ein ganzes Leben mit ihm an meiner Seite vorzustellen begann, zog er beiläufig erst seine Hand zurück und dann sich selbst, einen wichtigen Termin vortäuschend, mich auf den nächsten Tag vertröstend ... und weg war er. Für immer. Abend für Abend stand ich am Ende der Straße und wartete, doch er kam nie mehr vorbei. Die Besitzer des Häuschens fanden nach unserer Abreise eine Truhe vollgeweinter, matschiger Zeitschriften in ihrem Keller. Ich war untröstlich.

Jahre später sah ich ein Bild von ihm im Guardian. Ich erkannte ihn sofort. Er war ein international bekannter Fotograf geworden, der anläßlich einer Ausstellung aktuell in London weilte, und die Frau an seiner Seite strahlte ihn verliebt an. Die Glückliche. Was hatte sie, das ich nicht hatte? Wie hatte sie ihn zum Bleiben bewegen können? Fragen, auf die ich niemals mehr eine Antwort bekommen würde. Immerhin erfuhr ich auf diesem Wege zumindest seinen Namen, den er mir nie gesagt hatte. Wilhelm. Mein göttlicher, einzigartiger Wilhelm. Und wieder flossen die Tränen als seien sie nie versiegt gewesen.

Ich war selbst erschüttert, wie sehr mich dieser Artikel aufgewühlt hatte, wie stark der Schmerz noch immer war und wie unüberwindlich er schien. Natürlich hatte es andere Männer gegeben. Aber nie für lange und nie hatte ich jemandem mein Herz so schenken können wie ich es Wilhelm damals gerne geschenkt hätte. Und obwohl er es nicht annehmen mochte, hatte er dennoch einen Teil von mir mitgenommen auf seiner überstürzten Flucht. Einen Teil, der mir seither fehlte und ohne den ich kein erfülltes Leben zu führen in der Lage war. Wurde es nicht langsam Zeit, diese Farce zu beenden? Wozu die Quälerei, Tag für Tag für Tag in einem ungeliebten Job, und die darauf folgenden einsamen, schlaflosen Nächte, wenn die Sehnsucht doch unstillbar blieb? Weil der einzige Mensch, den ich dazu gebraucht hätte, fröhlich mit seiner Traumfrau durch die Weltgeschichte jettete und sicherlich keinen Gedanken mehr an die kleine, dickliche Engländerin verschwendete, die er damals, vor so langer Zeit, für 24 Stunden so glücklich gemacht hatte, daß es für ein ganzes Leben reichen mußte.

Draußen tobte ein Sturm, nichts Außergewöhnliches am Rande der Yorkshire Dales, als ich die über Monate zusammengesparten Schlaftabletten auflöste und mit Mangosaft zu einem flüssigen Brei verrührte. Hoffentlich würde ich sie unten behalten können und nicht mit einem Schlauch im Magen wieder aufwachen. Aber wer würde schon nach mir sehen und mich rechtzeitig finden? Diese Gefahr war ziemlich gering. Lange schon hatte ich aufgehört, auf WhatsApp alberne Guten-Morgen und Guten-Abend Grüße an meine wenigen noch verbliebenen Kontakte zu senden. Die meisten von ihnen machten sich nicht einmal die Mühe, darauf zu antworten.  Es war alles so sinnlos. Ich war bereit, zu gehen.

Kurze Zeit später lag ich auf meinem Sofa und spürte, wie mir die Sinne schwanden. 'Endlich', dachte ich und spürte eine unerwartete Erleichterung in mir aufsteigen. Nur noch ganz leise und entfernt hörte ich das Piepsen des Anrufbeantworters und die sonore Stimme eines Mannes, der mir mit starkem deutschem Akzent mitteilte, daß man meine Fotos auf flickr entdeckt hätte und mir gerne die Beteiligung an einer Ausstellung in London anbieten würde, da jemand abgesagt hätte. 'Zu spät,' dachte ich mit einem irren Aufflackern von Schadenfreude. 'Zu spät ...'







Sonntag, 14. Juli 2024

Deutschlehrer im Binärsystem

Melancholisch blickte Larsson auf den Stapel noch zu korrigierender Schularbeiten. Warum nur hatte er damals Germanistik auf Lehramt studiert? Warum, warum, warum!!! Keiner seiner Kollegen hatte auch nur annähernd soviel Arbeit mit der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, ganz zu schweigen von den Korrekturen. Obendrein wurden die Schüler gefühlt jedes Jahr dümmer. Seine Ausgaben für die purpurroten Stifte, mit denen er Anmerkungen in die Hefte schrieb, Fehler unterstrich und Wellen an den Rand malte um grammatikalische Kühnheiten zu bemängeln, waren jedenfalls deutlich angestiegen.

Als das Telefon klingelte griff er, dankbar für die Ablenkung, erfreut nach dem Hörer. 
''Larsson?'', meldete er sich, gespannt, wer ihn an diesem Nachmittag wohl anrufen würde.

''Hallo Sven, hier ist Olaf. Hör mal, ich hab dir doch heute Mittag dieses Mail geschickt. Hast du das schon geöffnet?''
''Nein, ich bin noch nicht dazugekommen, wenn du den Stapel an Heften sehen würdest ...''
''Sven das ist GUT!'', unterbrach ihn Olaf. ''Bitte lösche es sofort und ungelesen, es könnte ein fieser Virus drin sein, ich hab nämlich einen, aber hab es zu spät gemerkt. Meine Kiste ist mittlerweile komplett blockiert.''

Stille. Larsson war geschockt. Sein Freund und Kollege Olaf, den sie alle um Rat fragten wenn es um die Fisimatenten der quaderförmigen Plagegeister ging, hatte einen VIRUS? Ausgerechnet er? Das konnte, nein das DURFTE nicht wahr sein! Nicht Olaf!

''Sven, bist du noch dran?'', tönte es kleinlaut aus dem Hörer.
''Ja eh, mir hat es nur die Sprache verschlagen. Du und einen Virus? Das ist ja als ob der Papst eine Alimentenklage ... ich bin ... also wie ... hast du eine Ahnung, wie das passiert sein kann?''

''Ein stammelnder Deutschlehrer. Daß ich das noch erleben darf. Ja du, ich weiß es selber nicht. Ich hatte den Kasten ja nicht einmal an während der letzten Tage. Wie du weißt mache ich das meiste mit dem Handy. Is ja alles drauf. Fahrkarte und so. Gestern bin ich übrigens mal wieder kontrolliert worden. Hab fast das Ticket nicht mehr gefunden so lange ist das her seit dem letzten Mal, haha. Aber keine Sorge, ich werde das Kind schon schaukeln, ich wollte nur Bescheid sagen, daß du vorsichtshalber diese Mail von mir löschst, nicht daß auch bei dir was passiert. Tschö und noch viel Freude beim Korrigieren, hähä!''

Nachdenklich legte Larsson den Hörer zurück in die Gabel. Er selbst stand ja sämtlichen technischen Neuerungen eher skeptisch gegenüber, daher auch sein stures Festhalten am guten alten Festnetz. Seinen PC benutzte er nur, wenn er mußte. Wegen der Schule. Von daher hatte er, so glaubte er, von Computerviren wenig zu befürchten. Aber natürlich würde er die Mail des Freundes vorsichtshalber löschen und den Gedanken, sich doch noch so ein Smartphone zu kaufen, lieber wieder ad acta legen. Sehr tragisch schien Olaf seine Kalamität ja nicht zu nehmen, aber schließlich war er Spezialist und würde sich zu helfen wissen. Träfe es jedoch Menschen wie ihn, die von nichts eine Ahnung hatten ... Katastrophe Hilfsausdruck!

Am späten Nachmittag - Larsson lag gerade gemütlich vor dem Fernseher und beobachtete gespannt, wie ein Elfmeterschütze seine drei Minuten Berühmtheit auskostete statt einfach ein Tor zu schießen wie man es von ihm erwartete - klingelte das Telefon erneut. Dieses Mal war Larsson verständlicherweise nicht so erfreut über die Unterbrechung und erwog ernsthaft, einfach nicht hinzugehen, aber die Neugier siegte. So quälte er sich also hoch vom Sofa und trabte zum Telefon.

''Larsson?''

''Sag mal Sven, hast du auch so einen komischen Virus am PC? Handy haste ja keins.''

Gabi, seine Freundin war am Apparat. Larsson verspürte ein mulmiges Gefühl. Bisher hatte er den PC noch nicht angedreht, hatte diese Virensache für nicht SO furchbar eilig gehalten. Doch langsam wurde ihm eng im Gemüt. Zwar hatten sie mit Olaf einen Fachmann an der Hand, der ihnen sicherlich gerne aushelfen würde, aber gerade als Lehrer wollte man doch einige Dateien nicht missen wollen. Die Schüler dagegen wären in so manchen Fällen möglicherweise sehr glücklich über deren plötzliches Verschwinden.

Später, als sie eng aneinandergekuschelt auf dem Bett lagen und Gabi sich gerade lasziv eine Pistazie in den Mund fallen ließ, griff er das Thema noch einmal auf:
''Sag Gabi, glaubst du, daß einer unserer Schüler dahintersteckt? Erst Olaf, dann du ... das kann doch kein Zufall sein, oder?''

''Hab ich mir auch schon überlegt'', bekannte Gabi kauend, ''aber erstens einmal, was hätten sie davon? Unsere Dateien sind doch am Server der Schule gesichert, und für so genial halte ich keinen von denen, daß sie sämtliche Barrieren so einfach überwinden. Zweitens hat mich vorhin die Astrid angerufen, die hat es auch erwischt und die arbeitet ja, wie du weißt, im Strickwarenladen. Null Zusammenhang, keine Gemeinsamkeit mit mir und Olaf. Sie hat es bemerkt nachdem sie bei einer Fahrkartenkontrolle ...''

''HAH!'' brüllte Sven und sprang aus dem Bett. ''Fahrkartenkontrolle! Olaf hat auch sowas erwähnt. Du, da richten sie doch immer so ein komisches Gerät auf euer Handy, könnte es nicht sein ...''

''Sven du bist paranoid. Das ist ein Lesegerät, mit dem wird der QR-Code der Fahrkarte ausgelesen. Völlig harmlos. Damit kann man doch keine Viren applizieren.''

''Du Gabi, vor zwei Jahren wenn dir jemand gesagt hätte, daß die Schüler ihre Aufsätze mit Hilfe von Künstlichen Intelligenzen schreiben und wir das bislang immerhin noch daran erkennen, daß sie plötzlich keine Rechtschreibfehler mehr machen, dann hättest du es auch nicht geglaubt.''

Zwei Wochen später saß Larsson mit seiner Tageszeitung am Küchentisch, draußen tobte ein Hagelsturm und die Deckenlampe blinkte ominös. Sein Blick fiel auf eine kleine Notiz im Lokalteil: 'Falschen Fahrkartenkontrolleuren wurde das Handwerk gelegt. In Örebro trieben sich während der vergangenen 14 Tage angebliche Kontrolleure mit betrügerischer Absicht in Bussen und Bahnen herum. Zwar wurde niemand geschädigt, doch die Festgenommenen machten klar, daß es Ihnen ein Leichtes gewesen wäre, an die Konten der Fahrgäste zu kommen. Mittlerweile wird verlautet, daß ihnen seitens mehrerer großer Firmen bereits äußerst lukrative Jobs angeboten wurden.'

Ernüchtert realisierte Larsson, daß er offenbar in einem neuen Zeitalter angekommen war. Harte Arbeit lohnte nicht mehr. Denen, die sich mit Nyfz und Bitcoins und dem Bauen kitschiger Bilder und bedrohlicher Viren auskannten, denen standen Tür und Tor zur grandiosen Karriere offen. Er hatte seinen Schülern offenbar nichts mehr beizubringen. Traurig blickte er auf sein hübsches, schwarzes Telefon. 'Wir sind alt', dachte er. 'Wie lange wir uns wohl noch halten können in dieser seltsamen, neuen Welt?'









Sonntag, 9. Juni 2024

Die Farben des Teufels


Manchmal muß man einfach was ganz anderes machen.
Fand Walter eines Tages so für sich.

Das Leben suppte zäh dahin, perfekt an der Oberfläche, aber wehe jemandem verrutschte die Maske, so daß die anderen für einen Augenblick gewahr wurden, was diese Person wirklich dachte ... sofort Angriff, Mobbing, Ausgrenzung.

Walter fand das komplett bescheuert. Er sehnte sich nach Veränderung. Angefangen hatte er damit, seine Wohnung aufzuräumen. ''Eh keine schlechte Idee'', fand seine Freundin beifällig, als sie mit den Kindern einmal wieder auf Besuch war und diese sich daraufhin alle Mühe gaben, den Urzustand des Chaos wiederherzustellen.

Lange konnte ihn jedoch auch die nunmehr lobenswert aus- und aufgeräumte Wohnung nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch seine Karriere sich an einem Punkt befand, wo es ihm mittlerweile mehrmals die Stunde Ober- und Unterkiefer zwanghaft auseinanderriß. Und das mitten in einem ach so wichtigen Meeting. Nachdem er bereits zweimal mit Schimpf, Schande und sämtlichen Unterlagen vor die Türe geschickt worden war um 'seinen Büroschlaf nachzuholen' wie der Chef sich unmißverständlich ausdrückte, feilte Walter innerlich bereits an seiner Kündigung.

Wie gerufen kam ihm die Anzeige eines Unternehmens für Medizintechnik, das gerade eine völlig neue Praxissoftware entwickelte. Diese konnte alle Daten eines Patienten, auch externe, mühelos zusammenführen, man konnte Filter setzen, patientenunabhängige Abfragen machen, Statistiken erstellen und noch viel mehr. Beispielsweise konnte man so herausfinden, wer mehr als drei Achterl am Tag trank. Oder wer jeden Tag zum Discounter ging wegen dem Billigfleisch aus Massentierhaltung, statt regional frisches Gemüse beim Bauern zu kaufen.

Diese Firma suchte engagierte und wissenschaftlich interessierte Mitarbeiter, welche diese Software bei Kassen und Arztpraxen anzupreisen hatten. Die Krankenhäuser sollten in einem zweiten Schritt in Angriff genommen werden. Bis schlußendlich alle zu einer einzigen, glücklichen Familie zusammengeführt worden waren, in der niemand Geheimnisse vor dem anderen hatte und die in Freud und Leid zusammenstand und sich gegenseitig unterstützte.

Soweit der Werbeprospekt.

Als er seiner Freundin abends bei einem Glas Wein unsicher von dieser Firma und seiner bereits dort eingereichten Bewerbung berichtete meinte diese: ''Naja, das ist ja jetzt per se nichts Schlechtes. Solange ihr keine Software macht mit der man bestimmte Patienten rausfiltert und so lange daheim besucht bis sie sich freiwillig umbringen.
Weil sie nur noch eine Belastung für das Krankenkassen-Budget sind.''

Walter schluckte. Als potentielle Bedrohung hatte er diese Entwicklung zwar durchaus wahrgenommen, aber ob sie den Leuten tatsächlich nach dem Leben trachteten? Sicher nicht! Manchmal ging mit seiner Freundin schon ein bissl die Phantasie durch, das kam wahrscheinlich von den vielen Märchenbüchern die sie den Kindern vorlas. Abends. Wenn er schon lange wieder in seiner Wohnung saß, Strichmännchen auf Zettel malte und von Freiheit auf dem Wasser träumte. Als Skipper frei und ungebunden die Weltmeere zu besegeln ... aber weiter als auf den Neusiedlersee hatte er es leider nie gebracht und auch das nur zwei Jahre lang, dann konnte er sich das Boot nicht mehr leisten und mußte es um ein Butterbrot an so einen Emporkömmling verkaufen. Das schmerzte ihn heute noch.

Die ersten Tage in der neuen Firma waren hart. Die Hierarchie war deutlich festgesteckt, nur wer schier Unmenschliches leistete, so wurde ihnen bei den Schulungen immer wieder eingetrichtert, konnte aufsteigen - und Walters Unmut wuchs, als er ausgerechnet den Emporkömmling vom Neusiedler See in der Chefriege entdeckte. Der jetzt mit seinem Boot wer weiß wo überall umherfuhr. Während er sich mit schnippischen Sprechstundenhilfen und überforderten Ärzten umeinanderärgern mußte, die nicht begreifen wollten, daß sie keine Wahl mehr hatten. Das neue System würde kommen. Verpflichtend. Und je eher sie sich damit vertraut machten, desto weiter vorn würden sie die Nase haben wenn es erst einmal voll im Einsatz wäre. 

Müdigkeit barocken Ausmaßes umfing ihn jeden Abend wenn er nach einem erschöpfenden Arbeitstag auf seine Couch geplumpst war. Zu zerschlagen um Männchen zu malen oder gar den einen oder anderen Songtext zu schreiben. 

Wie folgenschwer seine Entscheidung, dieser Firma beizutreten tatsächlich gewesen war, wurde ihm erst viele Monate später bewußt. Er hatte sich mittlerweile an die Arbeit gewöhnt, sie ging ihm leichter von der Hand. Vor allem hatten die Ärzte nach und nach resigniert und er kam um einiges schneller voran mit der Rekrutierung und anschließenden Einrichtung der Software. Sogar eine blaue Badge für sein Hemd hatte er bereits bekommen. Immerhin, bissl eine Anerkennung, nicht mehr der ganz Neue, nicht mehr ganz unten in der Hierarchie. 

Der Anruf kam spätabends. Seine Tante Irmi stammelte verwirrtes Zeug von schwarzen Männern die ihr dauernd die Betablocker wegnehmen wollten und daß sie einen zwischen die Beine getreten hatte woraufhin beide fluchend davongelaufen wären und die Türe fest hinter sich zugeworfen hätten. Was sollten denn die Nachbarn denken!
Walter mußte sich ein Lachen verbeißen. Alt war sie zwar, die Irmi, aber so schnell ließ sie sich nicht die Butter vom Brot oder ihre Betablocker vom Nachtkastl nehmen.
Während er sie beruhigte und versprach, am nächsten Tag ins Heim zu kommen und nach dem Rechten zu sehen, fielen ihm auch schon die Augen zu und natürlich hatte er das Gespräch am nächsten Tag vergessen. 

Ein neuer Arbeitstag erwartete ihn, voller Herausforderungen und Schikanen. Die Software war mittlerweile flächendeckend installiert, wies aber noch jede Menge bugs auf, die selbstverständlich er auszubügeln hatte. So fuhr er von Praxis zu Praxis, wurde von naserümpfenden Sprechstundenhilfen empfangen und von wütenden Ärzten beschimpft ... und erst als er abends an dem riesigen Komplex des Seniorenwohnheims am Dürren Ast vorbeifuhr fiel ihm wieder der Anruf von Tante Irmi ein. Ein rascher Blick auf die Uhr bestätigte ihm, daß es noch nicht zu spät sei. 

Er betrat das Gebäude, nickte der hübschen Empfangsdame zu und wollte soeben mit weitausgreifenden Schritten die Treppen zum Mezzanin in Angriff nehmen, da hörte er hinter sich die Empfangsdame rufen: ''Herr Walter, momenterl, bitte warten Sie noch einen Augenblick, Sie können jetzt nicht zu Ihrer Tante!''
''Was heißt das, ich kann nicht zu ihr? Ist etwas passiert?''
''Sie hat sich gestern Abend sehr über etwas im Fernsehen aufgeregt wir mußten ihr eine Spritze geben. Sie liegt auf der Krankenstation. Es schaut nicht gut aus.''

Walter schluckte. Hier stimmte etwas ganz und garnicht. Irmi pflegte sich niemals über 'etwas im Fernsehen' aufzuregen. Als sie ihn angerufen hatte und ihm von den schwarzen Männern berichtet hatte, klang sie zwar deutlich echauffiert aber keineswegs verängstigt oder gar wie kurz vor einem Zusammenbruch. Außerdem hatte sie garkeinen Fernseher.

Klein und mit spitzem Gesicht lag seine Tante in dem riesigen Krankenhausbett und sah hilfesuchend zu ihm auf. 'Hör gut zu Walter, hier gehen seltsame Dinge vor sich. Ich hab diese Männer jetzt mehrmals gesehen, sie besuchen auch andere von uns. Ich begreife nicht, wieso niemand etwas dagegen tut. Frau Markovic haben sie das Insulin genommen und sie konnte nur mit Mühe und Not aus dem Koma geholt werden. Wer macht sowas? Was soll das? Wir zahlen doch nun wirklich keine geringe Summe dafür, hier unseren Lebensabend verbringen zu dürfen, wo bleibt die Security wenn man sie braucht? Man ist doch seines Lebens nicht mehr sicher. Und genau das habe ich der Heimleitung gesagt. Als nächstes wache ich hier in der Krankenstation auf und man erklärt mir, ich hätte das alles nur im Fernsehen gesehen. Ich HABE garkeinen Fernseher!!! Frau Czerny hat mir erzählt zu ihr kommen sie fast jeden Abend, egal wie oft sie die Türe absperrt und sie hat sich schon überlegt, sich vom Balkon zu stürzen weil das kein Leben mehr ist, ständig in Angst und Schrecken vor den Einbrechern. Die Heimleitung lacht uns nur aus oder erzählt uns was von Einbildung. Wir sind vielleicht alt aber nicht blöd! Walter, du mußt etwas tun!!!''

Walter tätschelte die bleiche Hand der alten Frau und beschloß ... erst einmal abzuwarten.
Zu abenteuerlich erschien ihm die Geschichte seiner betagten Tante.

Kurz darauf wieder ein Anruf spätabends: Es täte ihnen sehr leid, ihn vom Tod seiner Tante in Kenntnis setzen zu müssen. Nierenversagen. Sie hätte einfach zu wenig getrunken, obwohl man es ihr immer und wieder gesagt hatte. Infusionen hätte sie verweigert, er hätte sie ja eh gekannt, höhö, eigensinnige alte Dame, stur bis in den Tod.

Am nächsten Tag hockte sich Walter an seinen Schreibtisch und rief die Daten seiner Tante auf. Stufe Rot. Seltsam. Bis vor wenigen Tagen war sie kerngesund gewesen. Ein bissl herzkrank, ja, aber ansonsten, abgesehen von der Arthrose, fit wie ein Turnschuh. Vor allem geistig. War sie jemandem im Wege gewesen? Hatte sie sich zu sehr eingemischt? Hatte man sie beseitigen müssen? Fing er jetzt auch schon zum Rumspinnen an?

Er filterte die von Irmi genannten Mitbewohnerinnen heraus, die Damen Markovic und Czerny. Auch diese rot gekennzeichnet. Ihm wurde übel. Bei den Schulungen hatte es lediglich geheißen, daß man hin und wieder Patientenakten rot kennzeichnen würde um besonderes Augenmerk darauf zu richten, daß diese Fälle sehr schwer seien und Notrufen von ihnen auf jeden Fall nachzugehen sei, da hier jede Minute entscheidend sein könne. Mehr hatten sie zu diesem Thema nicht erfahren, da es für ihre Arbeit nicht relevant sei.

Walter stellte mit wachsendem Unbehagen fest, daß es beispielsweise grüne Kennzeichnungen gab, hier war alles in Ordnung, die Patienten soweit gesund und die Kasse hatte nur Minimalbeiträge zu leisten. Gelb bedeutete, der Patient war entweder schon etwas älter oder hatte gesundheitsschädliche Angewohnheiten, beispielsweise rauchte er oder aß zuviel, aber noch hielten sich die Auswirkungen in Grenzen. Wurde regelmäßig kontrolliert.

Bei Violett war ebenfalls alles in Ordnung was die Kassenzahlungen betraf, nur handelte es sich hier um Menschen die selten einen Arzt aufsuchten sondern sich lieber mit Naturheilmitteln selbst behandelten. Zwar keine erhöhten Kosten aber Gesinnungsfeinde, die sich nicht in die Gemeinschaft einbringen wollten. Standen unter permanenter Beobachtung.

Kaum wagte Walter nun, nach den Kennzeichnungen von sich, der geliebten Frau und den Kindern zu suchen. Aber nun wollte er es wissen. In was für eine teuflische Sache war er da hineingeraten nur weil er kein Projektmanager in einer langweiligen Bank mehr hatte sein wollen?
Hellblau. Seine Kennzeichnung war hellblau. Offenbar das Label, das den Mitarbeitern zugeordnet wurde. Gut. Seine Frau? Gelb? Wieso gelb? Francine rauchte nicht, aß kein Fleisch und war nicht öfter als notwendig beim Arzt. Auch die Kinder waren bereits gelb gekennzeichnet. Das konnte doch nicht wahr sein, der Jüngste war gerade einmal vier Jahre alt und hatte außer den üblichen Kinderkrankheiten nie irgendwelche Auffälligkeiten gezeigt!

Walter rief noch einmal seine eigene Akte auf und traute seinen Augen nicht: Diese war innerhalb der letzten Minuten von Hellblau auf Rot gewechselt. Ihm wurde kalt. Hatte man ihn beim Surfen im Betriebsnetz beobachtet? Würden nun auch ihn die schwarzen Männer abends zuhause besuchen?

Rasch loggte er sich aus, griff nach seiner Aktentasche und dem Besuchsplan für heute und verließ das Gebäude.
Die Luft roch muffig. Die Hitze drückte. Würde wohl ein Gewitter geben. 
Was sollte er jetzt tun? Weitermachen wie bisher oder alles auf eine Karte setzen und mit der Familie flüchten? War dies überhaupt noch möglich, jetzt wo sie ihn auf dem Schirm hatten?

Wieso hatte man ihm überhaupt die Berechtigung für diesen Teil des Systems erteilt wenn man nicht wollte, daß er sich dort umsah? Fragen über Fragen stürmten durch seinen Kopf ... er konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen.

Später würde jemand in den Inneren Kreisen lächelnd zu seinem Kollegen sagen, Walter hätte von Anfang an keine Chance gehabt. Viel zu schlechte Nerven und einfach keinen Biß. Wer sich so ein leiwandes Boot um einen so niedrigen Preis abquatschen ließ, aus dem konnte einfach nichts werden. Selbst wenn er sofort geflüchtet wäre, spätestens in Schwechat hätten sie ihn gehabt.

Daß er dann mit Frau und Kindern im Wagen diesen schrecklichen Unfall hatte, tat allen wirklich herzlich leid, hieß es auf der Beerdigung. Unaufmerksam. Streß in der Arbeit. So schade.

Was keiner der Kollegen wußte, weil es niemanden interessierte war, daß nicht er gefahren war sondern seine Frau. Und daß, obwohl ihm Scherben der Windschutzscheibe beide Beine durchschnitten hatten und er am Verbluten war, und die Kinder unrettbar in Klumpen hinten im Fond verknäult waren, er ihr noch so lange ein leises Schlaflied sang bis ihr Herz aufhörte zu schlagen - und sie sich während der ganzen Zeit innig und in Liebe angesehen hatten. Glaube, Liebe Hoffnung, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.

Sprechen konnte er nicht mehr als die Rettungskräfte eintrafen, aber er hatte mit blutigem Finger ein Strichmännchen an den Rest der Windschutzscheibe gemalt und daneben das Wort: WARUM?










Sonntag, 2. Juni 2024

Das schwarze Auto


''Aufräumen wollte ich. Nur aufräumen. Es schaut nach wie vor aus hier, daß es mir selber graust und das will was heißen. So kann man ja auch nicht arbeiten, in so einem Durcheinander. Also muß soviel Zeug wie möglich raus, damit wieder Platz in den Schränken ist und ich wenigstens ab und zu den Boden saugen kann. Klingt, logisch, oder?''

''Ja eh. Zeit wirds. Und wo ist jetzt dein Problem?''

''Kann ich dir sagen. Denn jetzt kommen wir zum unlogischen Teil: Seit ich die Gurksikinder weggegeben habe, werde ich vom Unheil verfolgt. Kaum hatte ich sie an der Brauchbar abgegeben, fing es praktisch aus heiterem Himmel an zu regnen, ich wurde naß und habe mich erkältet. Und das war erst der Anfang.''

''Ach komm, red doch keinen Schwachsinn! Du hast wirklich viel zu viel Fantasie. Neulich hast mir schon weismachen wollen, dieser komische braune Teddy sei böse, also der hätte so eine bösartige Ausstrahlung, und dann bist bis nach Augsburg gefahren um ihn im Bücherschrank auszusetzen weil er dir nicht weit genug weg sein konnte. Und die Sache mit Fredi, also daß du deinen treuen Reisebegleiter nach zwanzig Jahren deiner Schwägerin mitgegeben hast die am anderen Ende Deutschlands wohnt weil er dich angeblich krank gemacht hat! Und dann dieser kleine grüne Elefant, der dir in Stuttgart in der Straßenbahn verloren gegangen ist und um den du dich wochenlang gegrämt hast nur weil er deinem verstorbenen Freund gehört hat! Das ist doch alles nicht normal!''

''Blau. Herr Umnus war blau, nicht grün.''

''Des is doch wurscht jetzt! Blau, grün, gelb! Du machst mich wirklich rasend langsam. Daß man ein Stofftier vermißt das man verloren hat, ok, kann ich verstehen. Aber eine derartige Intimität mit ihnen zu entwickeln, daß man ihnen Gefühle oder gar bösartige Absichten unterstellt, also das geht einfach zu weit Teresa, das mußt du einsehen! Du hast einfach einen totalen Schlag weg seit Andy gestorben ist. Von wegen die Gurksikinder hätten dich mit einem Fluch belegt. Zwanzig Jahre hatten sie es gut bei euch. Zwanzig Jahre! Da können sie doch jetzt mal weiterziehen.''

''Ja schon Giuseppe, aber zu wem halt. Am Ende landen sie bei fiesen, gemeinen Kindern die sie auf den Boden hauen und auf ihnen herumtreten ... dafür hat Andy sie doch nicht gerettet, damals, im Winter, als er sie am Weg zum Getränkemarkt auf einem Fensterbrett im Schnee fand, frierend, einsam und verlassen ...''

Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, heulend schmiß ich mich auf mein Bett und vergrub mich unter der Bettdecke. Von fern hörte ich leise das Klappen der Wohnungstüre. Jetzt war er gegangen. Gut so. Menschen, die Stofftieren eine Seele absprachen, waren kein Umgang für mich.

Wenn Giuseppe wüßte, dachte ich düster, was ich mir für den nächsten Tag vorgenommen hatte. Eingewiesen hätte er mich. So wie man früher unbequeme Frauen in die Irrenanstalt abgeschoben hat. Dabei war ich nicht einmal unbequem, ich hatte lediglich eine andere Sicht auf die Welt als er. Monsignore Giuseppe war sooooo sicher, immer recht zu haben, geborgen in seiner logischen Bankerwelt. Zahlen lügen schließlich nicht. Mister Supercool mit seiner Sonnenbrille und seinem schicken schwarzen BMW. Wieso waren wir eigentlich befreundet? Zefix!

Am nächsten Tag stieg ich etwas beklommen die Treppen eines heruntergekommenen Mietshauses hoch. Ich hatte Michael im Internet gefunden, über ein You Tube Video, welches nicht nur informativ sondern auch angenehm gestaltet war, und als ich dann auf seiner Website erfuhr, daß er Flüche beseitigen konnte, war ich hin und weg. Genau das was ich brauchte! Eigentlich lebte Michael im Ausland, kam aber in Abständen von etwa einem halben Jahr nach München um hier Sprechstunden abzuhalten. Und ich hatte auf Anhieb einen Termin bekommen!

Freundlich lächelnd sah er mich an. ''Du bist tatsächlich mit einem Fluch belegt worden,'' sprach er bedächtig. 

Na also, wußte ich es doch!

''Es ist ein Mensch mit dem du eng befreundet zu sein glaubst ...''

Geh weiter, ein Mensch???

''... und der dir seit längerer Zeit sehr kritisch gegenübersteht. Er fährt ein schwarzes Auto und hat eine Seele in derselben Farbe.''

Ein schwarzes Auto? Meinte er etwa Giuseppe??? Niemals!
Michael sah mein ungläubiges Gesicht und lächelte fein.

''Ich kann dir keine Namen nennen, aber offenbar hast du bereits eine Ahnung davon, wer es gewesen sein könnte. Es ist wichtig, der betreffenden Person zu vergeben. Rachegedanken würden nur auf dich selbst zurückfallen und dir nachhaltig Schaden zufügen.
Wir wollen uns nun hier vor das Bild von Erzengel Michael stellen und gemeinsam darum beten, daß der Fluch transformiert werden kann und keine andere unschuldige Seele trifft.''

Der Heilige da oben hat leicht reden, dachte ich später so vor mich hin, als ich am Bahnsteig stand und auf meine U-Bahn nach Hause wartete. Der fährt in einer Woche heim in seinen Urwald und läßt uns in der Großstadt zurück, wo wir uns gegenseitig auf die Füße treten und jeder dem anderen wegen irgendetwas neidig ist. Wie konnte Giuseppe mir das antun? Und mir dann noch ins Gesicht lachen wenn ich ihm mein Herz ausschüttete. Was für ein Unmensch! Das sauber gewienerte Fenster der soeben eingefahrenen Bahn spiegelte mir mein grantiges Gesicht entgegen und ich setzte mich betreten auf einen freien Platz. Wie sollte ich nun mit dieser Situation umgehen? Schließlich sollte Giuseppe nicht erfahren, daß ich von seinem hinterhältigen Tun wußte. Andererseits konnte ich auch nicht weitermachen als sei nichts geschehen. Michael hatte mir geraten, keine überstürzten Entscheidungen zu treffen und meine Sorgen in Gottes Hände zu legen. Wie gesagt, der hatte leicht reden ...

Kaum war ich daheim angekommen und hatte mir einen beruhigenden Tee aufgegossen, klingelte es an der Wohnungstüre. Verdammt! Hatte ich doch nach der letzten Lebensmittellieferung glatt vergessen, die Klingel abzustellen! Wer konnte das denn sein? 
Vorsichtig linste ich durch den Spion. Mein Bruder! Ja so eine Überraschung!

''Ja servus Walter, komm rein, was führt dich hierher nach München? Wieso hast denn nix gesagt vorher? Wenn ich jetzt ned daheimgewesen wär?''
''Ach du, ich war zufällig in der Gegend und dachte ich schau mal rein. Hör zu, was ich dich fragen wollte, wegen dem Erbe von Papa ... du müßtest mir hier was unterschreiben.''

Mit wachsendem Unglauben las ich das mir vorgelegte Schriftstück. Eine Verzichtserklärung. Ich sollte erklären, darauf zu verzichten, meinen Pflichtteil einklagen zu wollen. Wieso das denn? Wollte man mich über den Tisch ziehen? Was sollte das?
Mein Bruder rutschte etwas unbehaglich auf dem Sessel umher:
''Du das ist reine Formsache, ich mußte das auch unterschreiben. Also denk dir nichts dabei.''

Ja nee, klar. Was als nächstes? Sollte ich vielleicht auch auf die Wohnung verzichten, auf mein Sofa und auf meine Stereoanlage? Noch bevor ich den Mund aufbekam um ihn zu fragen, was denn da gespielt werde, war Walter auf meinen Balkon hinausgetreten. 
'Tolle Aussicht hast!'', bemerkte er anerkennend.

Dies war das letzte was ich von ihm in diesem Leben hörte.
Eigentlich hätte ich gedacht, daß Menschen, die aus großer Höhe fallen, noch versuchen sich festzuhalten, oder zumindest schreien. Aber Walter war einfach nur gefallen. Wie ein Stein. Ohne einen Ton von sich zu geben. Nur das leise 'Pflupp' als er unten ankam, das wird mich noch lange begleiten.

Warum der Balkon so plötzlich abgebrochen war, wird noch untersucht. Baumängel. Nona. Die Tauben werden es nicht gewesen sein.

Was glaubt ihr wie ich geschaut habe, als unten vor dem Haus neben der Leiche meines Bruders ein nagelneuer Peugeot 408 geparkt stand. Ein schwarzer Peugeot 408. In der Kühlerhaube sah man das Abbild der Leiche reflektiert. Cooles Motiv dachte ich, und bedauerte ein wenig, daß die Polizei bereits vor Ort war und ich nicht einfach die Kamera hervorholen konnte. Man denkt seltsame Dinge wenn man im Schockzustand ist.

Armer Giuseppe. Ich hatte ihn völlig zu Unrecht in Verdacht gehabt.
Kommende Woche werde ich ihm eine Nudelsuppe kochen - wie von Mamma.

























Donnerstag, 25. April 2024

Die Nebenwirkungen von THC


'Hast du die Vorhänge zugezogen? Nein? Dann mach doch mal.'
'Wieso, willst du strippen? Haha Alter, du im Kleid oder? Ich schmeiß mich weg!'
'Ach Unsinn, ich will einen aufbröseln und das muß niemand sehen.'
'Ich dachte, jetzt darf man?'
'Theoretisch. Aber nur wenn man es selber angebaut hat. Was man aber auch erst seit drei Wochen darf. Wie soll das bitte bis jetzt schon gewachsen sein geschweige denn eine Blüte haben? Also rauch ich naTÜRLICH nach wie vor das Dope, das ich da gekauft hab wo ich es immer kauf. Was aber verboten ist. Das Gesetz ist nicht wirklich durchdacht. Oder aber es ist mit Absicht so gestaltet, daß du praktisch genausoviel Paranoia haben mußt wie vorher. Was dann natürlich wieder auf den Konsum geschoben wird. Also die Paranoia. Ein ewiger Zirkus ohne Manege.'

Leise Musik wabert durch den Raum, Helge und Josef verdrehen genüßlich die Augen während sie in den Kissen lümmeln und abwechselnd an dem Gerät ziehen. Altvertraute Routine. Angenehme Atmosphäre.

Plötzlich klingelt es an der Türe. Die Nerven flattern. Mittlerweile kurzgerauchtes Gerät und Vorrat fliegen ins Klo, hastig wird die Spülung gezogen. Fenster werden aufgerissen, wilde Blicke werden getauscht: Hat uns jemand verraten?

Wiederum läutet es. Josef schreitet mannhaft zur Türe und schaut durch den Spion. Erleichtert sieht er eine kleine, harmlos aussehende Person draußen stehen. Er öffnet vorsichtig und macht ein fragendes Gesicht.

Die Frau setzt ein berufsmäßiges Lächeln auf, greift nach einem Klemmbrett das sie sich wie einen Panzer vor die Brust hält und verkündet: Ich bin vom Schnorza Institut und mache eine Umfrage: Wie stehen Sie zur Legalisierung von Anbau und Konsum von Cannabis in Bayern Herr Huber?






Samstag, 13. April 2024

Wir alle lieben Barbara


Als Brown das Gebäude endlich gefunden hatte, war das B kaputt. Der untere Bogen war abgebrochen so daß die riesigen roten Lettern ein überraschtes GULP in die triste Häuserwelt dröhnten. Bereits hier hätte sein Frühwarnsystem anschlagen sollen doch er war zu erfüllt von dem gerechten Zorn, der ihn hierher geführt hatte, um auf seine innere Stimme zu hören. Trotzig betrat er das Zentrum für Gesundheits- und Lebensberatung (GULB). Denen würde er was erzählen!

Am Empfang saß eine aufgebrezelte junge Frau mit blütenweißer Bluse, überkorrektem Haarschnitt und perfektem Make-up. Falls eine ihrer Hauptaufgaben darin bestehen sollte, die Besucher einzuschüchtern, dachte Brown, dann macht sie ihren Job wirklich, wirklich gut. Neben, bzw. vor ihr, fühlte er sich wie ein kleiner Junge, der mit sandigem Popo vom Spielplatz gelaufen kommt und von den Erwachsenen zuerst einmal ins Badezimmer geschickt wird bevor man sich mit ihm befassen möchte.

Kühl blickten ihn ihre grauen Augen an als sie fragte: 'Haben Sie einen Termin?'

'Habe ich,' erwiderte Brown, bemüht, mit der Tonlage seiner Stimme Selbstbewußtsein zu verströmen. Aber was nicht vorhanden ist, kann auch nicht verströmt werden, wie jeder Gartenbesitzer weiß, der nach einer längeren Trockenperiode mit der Gießkanne in der Hand enttäuscht in seine leeren Regentonnen blickt.

Als er schließlich in dem Flur angelangt war, auf dem der ihm zugewiesene Sachbearbeiter sein Büro hatte, öffnete sich eine Türe und ein übel zugerichteter Mann taumelte auf den Gang. Zerrissenes Gewand, Nasenbluten und verzweifelt über die Ohren gehaltene Hände prallten auf Browns Netzhaut, doch bevor er Weiteres erfassen konnte, war der Mann schon um die Ecke gebogen und seine Schritte verhallten im geräumigen Treppenhaus.

Was hatte man dem armen Mann angetan? Oder war er bereits in diesem Zustand hier angekommen und hatte sich jeglichem Hilfsangebot verweigert? Bayerisch-stur, wie sich leider viele Menschen in diesem Landstrich gaben? Zögerlich klopfte er an die Türe deren Schild ihm versicherte, daß sich dahinter Herr Huber befand, der Mann den zu sprechen er gekommen war. 

Auf dessen herzhaftes 'Herein!' betrat er den Raum, eine schlichte Amtsstube wie er sie nicht anders erwartet hatte, und nahm vorsichtig auf dem angebotenen Stuhl Platz. 'Grüß Gott Herr Brown, wunderbares Wetter heute, gell? Was sagen Sie denn zu den neuesten Umfragen wegen der anstehenden Wahlen? Ein Skandal, oder? Grad schämen müßt man sich. Ein Schlag ins Gesicht für jeden aufrechten Politiker, wie man unseren ehrlichen und aufopferungsbereiten Landeshauptmann durch den Dreck zieht, ja wo samma denn? Selber nix auf die Reihe kriegen und dann an allem umeinandermeckern was die, die was machen, dann machen. Zefix!'

Offenbar ein klassischer Anfall von Logorrhoe, dachte Brown, der kein Wort verstanden hatte. Was für Wahlen? Was für Dreck? Offenbar konnte man ihm die Fragezeichen vom Gesicht ablesen denn Herr Huber hielt inne und wetterte empört: 'Ja sagen Sie einmal, haben Sie heute noch nicht auf ihren Newsfeed geschaut?'

'Nein', gab Brown kleinlaut zu. 'Den habe ich ausgeschaltet'.

'SIE HABEN WAS???' Herr Huber hustete, griff hastig nach einem Glas Wasser, verschluckte sich, hustete noch mehr. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, faßte er sein Gegenüber scharf ins Auge und sprach mit gefährlich ruhiger Stimme: 'Herr Brown, Sie sind ein seltener Depp. Wie ich aus meinen Unterlagen entnehmen kann, sind Sie heute hierhergekommen, um Beschwerde einzulegen. Und zwar darüber, daß man Ihr Buch vom Markt genommen hat, weil Sie sich darin nicht deutlich gegen die Untaten von Vlad dem Rächer positioniert haben. Sie fänden es ungerecht, schreiben Sie, von einem Künstler zu verlangen, politisch Stellung zu beziehen, nur um in Ruhe seiner Arbeit nachgehen zu können. 

Schauen Sie, ich bin auch kein Fan von diesem woke Blödsinn. Nicht umsonst hat Bayern das Gendern verboten. Bei uns heißt das nicht 'Mitarbeiter:innen' sondern immer noch 'dia Leit wos do oawatn'. Und wem das nicht paßt der kann gerne auswandern. Aber es gibt auch bei uns Regeln, an die man sich zu halten hat. Und eine dieser Regeln lautet, der Newsfeed darf auf keinen Fall abgeschaltet werden. Der Bürger hat zu jeder Tages- und Nachtzeit informiert zu sein.

Bisher hatten wir Sie nicht auf dem Radar. So unauffällig wie Sie gelebt haben, wären wir Ihnen nicht so schnell draufgekommen. Und was tun Sie? Marschieren extra noch hier herein, machen nicht nur mit dieser unsinnigen Klage auf sich aufmerksam sondern pfeffern mir ungerührt hin, daß es Sie einen Scheißdreck kümmert wie man über unseren Landeshauptmann denkt. Ja was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen? Soll ich Sie ungestraft wieder davonziehen lassen und mich dem Vorwurf aussetzen, Beihilfe zum Widerstand gegen das Volkswohl geleistet zu haben?'

Brown lief es eiskalt den Rücken hinab. In was für einem dystopischen Wahnsinn war er denn hier gelandet? Dieser Mann konnte keineswegs echt sein! Machte der ihn gerade allen Ernstes zur Schnecke, weil er sich nicht von Früh bis Spät von den verlogenen Nachrichtenmeldungen der auflagengeilen Medienanstalten beschallen lassen wollte? Von welchen Gesetzen sprach er? Waren jetzt alle komplett verrückt geworden?

Der Lautsprecher in der linken oberen Ecke des Zimmers knackte vernehmlich, alsdann erscholl laute Blasmusik. Darübergelegt intonierte eine monotone Stimme: 'Hahaha, wir alle lieben Barbara. Hahaha, wir alle lieben Barbara. Hahaha, wir alle lieben Barbara. Hahaha, wir alle lieben Barbara ...' 

Als sich Brown mit über die Ohren gepreßten Händen auf dem Gang wiederfand sah er an sich hinunter und dachte: Wenigstens ist mein Anzug nicht kaputt und Nasenbluten habe ich auch keins.

Zuhause angekommen fand er einen Zettel in seinem Briefkasten. Einmal gefaltet, ohne Umschlag. Auf dem Zettel stand nur ein Satz: Laß es dir eine Warnung sein Brown, ein zweites Mal kommst du nicht so billig davon.