Eigentlich hatte ich ja erwartet, daß Sepp mindestens bis in die Nacht hinein schlafen würde, aber bereits nach drei Stunden höre ich ihn leise auf dem Gang durch mein Sammelsurium von Büchern, Altpapier und Wegzubringendem tapsen. Vielleicht will er nur mal Lulu und dann weiterschlafen? Vorsichtshalber rühre ich mich nicht.
'Kati, bist du da?' Verschlafen steckt er seine Nasenspitze um die Ecke.
Alter Schwede schaut der Mann gut aus ...
Antworten muß ich nicht, sieht er ja, daß ich da bin.
Aber da fällt mir etwas anderes ein:
'Brauchen wir Kaffee? Bei mir hat damals in Augsburg mal jemand eine Weile gepennt der grad aus dem Knast kam und der hat dann erst einmal übers Wochenende fürchterlich Kopfweh bekommen weil man im Gefängnis anscheinend eimerweise Kaffee trinkt und ich hatte keinen da.'
Über Sepps eingefallenes Gesicht huscht der Schatten eines Lächelns: 'Keine Sorge, ich hatte da drin ja leider nix, weil ich den Einkauf knapp verpaßt hatte, und so hab ich mir weder Tabak noch Kaffee kaufen können. Und ausleihen wollte ich mir keinen, diese Leute haben Zinssätze, du machst dir kein Bild. Außerdem rauche ich ja nicht einmal. Wäre nur zum Tauschen gewesen. Dein Geld kann ich dir übrigens gleich wieder geben, das du mir dankenswerterweise eingezahlt hast, hab alles heute Morgen wieder zurückbekommen.'
Er will in sein mitgebrachtes Sackerl greifen aber ich halte seine Hand fest: 'Nee laß mal, ich brauch das jetzt nicht so dringend wie du. Wir müssen überlegen, wie wir weiter vorgehen. G'wand hab ich dir für's erste besorgt, aber was ist mit den Sachen, die noch von dir in der WG lagern. Wie kriegen wir die da raus?'
Sepp schaut traurig und ein bissl sehnsüchtig aus dem Fenster. Hinunter. Dorthin, wo er bis vor einer Woche gewohnt hat. Mit Leuten, die er, wenn schon nicht für Freunde, dann aber doch immerhin für gute Bekannte gehalten hatte.
'Ich weiß es nicht. Wenn ich da jetzt hingeh, dann kann ich für nix garantieren und dann kannst mich gleich wieder zurück nach Stadelheim geleiten. Woher hattest du eigentlich diesen Anwalt? Der muß ein Vermögen gekostet haben, so kurzfristig. Ich zahl dir das natürlich alles in Raten zurück! Und was hast du gemeint vorhin, ich hätte meinen Job noch? Kann ich da morgen in der Früh einfach hinfahren als ob nichts gewesen wäre?'
Bravo. Eleganter Themenwechsel.
'Naja, ich hab ja viele Jahre in Großhadern gearbeitet, und eine meiner ehemaligen Kolleginnen ist mit einem der führenden Mitarbeiter in der Medienabteilung verheiratet. Total lieber Kerl. Und der hat halt mal mit dem Chef gesprochen und waßt eh, bevor die jetzt die Stelle neu ausschreiben und alles, wollen sie dir lieber noch einmal eine Chance geben. Ich konnte glaubhaft versichern, daß das alles ein riesiges Mißverständnis war und da ist eh das letzte Wort noch nicht gesprochen des glaubst. Ich versteh nur zuwenig von diesen Dingen, ich war noch nie im Knast. Der Anwalt hat gesagt man könne schon eine Gegenklage führen, aber die wird seiner Erfahrung nach ins Leere laufen. Jetzt weiß ich nicht, ob der nur keinen Bock hatte oder ob der Vater von dem Wappler da unten wirklich so ein hohes Tier ist, daß man genau nichts machen kann.'
'Mann Kati, das mit dem Job ist so geil, ich hab schon gedacht ich müßt jetzt kellnern gehen oder so. Und ja, der Vater vom 'Wappler' ist leider ein sehr hohes Tier. Arzt und in der Politik gut vernetzt. In Stuttgart kennt den jeder. Gegen den kommst ned an. Aber hast du nicht was von Essen im Kühlschrank gesagt? Ich hätt einen Bärenhunger!'
'Glaub ich dir, nach dem Fraß in der Kiste ... a propos Kiste, ich hab da ein paar Bücher die ich wegbringen müßt. Mach es dir bequem, iß dich satt, schlaf noch ein bissl vielleicht, ich bin dann in zwei Stunden oder so wieder da. Ach ja, ich Depp, warte mal, ich hab dir natürlich die Schlüssel nachmachen lassen.'
Hastig stehe ich auf, um eine gewisse Distanz zwischen Sepp und mich zu bringen, und hole einen Schlüsselbund vom Kasterl im Flur. 'Der Eckige ist von hier oben und der Runde schließt die Haustüre unten und der Kleine ist für den Keller, wennst deine Sachen wieder hast, dann brauchst den vielleicht. Der Komische da ist für den Briefkasten, der schließt auch nicht richtig, aber die Typen grinsen nur immer fies wenn man sich beschwert. Da werden wir aber auch eine Lösung finden. Noch bin ich ja da.'
'Was meinst du mit noch bin ich ja da? Willst auf Kreuzfahrt gehen?'
'Na sicher ned. Nein, aber ich hatte an einen Umzug gedacht, dann könntest du die Wohnung übernehmen wenn du willst. Also, falls du es ertragen kannst, im Haus neben dem Wappler zu wohnen. Vorerst zumindest.'
'Aber Kati! Ich hätte gedacht ... wir beide ... Wo schlafst du eigentlich? Ich nehm ja mal an, daß das dein Bett ist in dem ich mich vorhin breitgemacht habe? Ich will dich doch nicht aus deiner Wohnung vertreiben. Ich ... weißt du, also ... ich mag dich immer mehr und du ... also das mit der Wette war nur am Anfang, da hab ich dich ja noch nicht gekannt!'
Jetzt tut er mir leid, wie er völlig verloren dasitzt und verwirrt zu mir hinaufschaut.
'Never mind, das müssen wir alles nicht jetzt besprechen, das mit dem Umziehen war nur so eine Idee. Luftschloß sozusagen. Ich geh jetzt. Schlüssel hast ja falls du selber rauswillst, und bitte nicht mit den Türen knallen. Ich hab das meinen Nachbarn mit viel Mühe abgewöhnt, da dürfen jetzt nicht wir damit anfangen. Steht auch in der Hausordnung, daß man nicht mit den Türen knallen darf aber manche Leute kennen einfach keine Klinke!'
Aufgewühlt packe ich meine Bücher und stapfe von dannen, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Der Laden heißt 'Schmökerecke' und liegt versteckt im Souterrain eines grauen Wohnblocks oben im Hasenbergl. Man kann dort seine ausgelesenen Bücher, die man jetzt doch nicht so toll fand, hinbringen, und sich neue Bücher mitnehmen. Niemand kontrolliert, wieviel man mitnimmt, alle sind freundlich, ich bin gerne dort. Auch heute werde ich nett begrüßt. Manchmal hab ich den Eindruck, die freuen sich über jeden der kommt, weil sonst den ganzen Tag nix los ist. Die Bücher sind nach Genre geordnet in den Regalen verstaut, wie in einer normalen Bücherei halt auch. Nur ohne dieses nervtötende Piepen und man kann die mitgenommenen Bücher behalten wenn man will. Nachdem ich das Mitgebrachte abgeladen habe und sinnend vor den Regalen stehe, fallen mir ein paar CDs auf die unterhalb der Märchenbücher einsortiert sind. Fragend luge ich um die Ecke: 'Habts jetzt ihr CDs auch? Da hätt ich nämlich einen Schwung abzugeben, könnt ich das nächste Mal mitbringen.'
Ein neuer Mitarbeiter, den ich noch nicht kenne, Glatze, kompakt gebaut mit buntem Tattoo am Hals, winkt mir zu: 'Komm mal mit raus, ich zeig dir was.' Neugierig trete ich mit ihm vor das Haus. Routiniert steckt er sich eine Zigarette an und ich bemerke, daß auch seine linke Hand ein Tattoo ziert. Die berühmten drei Punkte. Ob das was zu bedeuten hat? Er weist mit der Zigarette nach schräg links: Siehst die Tür? Da drinnen sind noch mehr Bücher und auch CDs und DVDs. Die Tür ist immer auf solang bei uns wer da ist und da kannst deine CDs einfach reinlegen.'
Mir kommt eine Idee: 'Sag mal, kann ich dich was fragen?' 'Mißtrauisch schaut er auf mich herunter, mustert meine abgetragene Armeehose und die schon länger nicht mehr nachgefärbten Haare.
'Kommt drauf an.'
'Rein hpyothetisch: Wenn ein Kumpel von dir im Knast gehockt ist nur weil ein Arschloch ihm was angehängt hat, und du kannst absolut nix dagegen tun weil das Arschloch einen reichen Vater hat, und du würdest dem Arschloch total gerne eine Abreibung verpassen, kannst es aber selber nicht machen weil du eine Frau bist, wo könnte man sich da hinwenden?'
Der Tätowierte guckt mich grantig an: 'Bist von der Zeitung oder was? Hör mal gut zu: Nur weil jemand tätowiert ist und einen Ein-Euro-Job macht, heißt das noch lange nicht, daß er ein Schläger ist. Und selbst wenn, dann könnte es, rein HYPOTHETISCH, ja sein, daß er auf Bewährung draußen ist und sich ganz sicher nicht die Finger dreckig machen wird.'
Er schmeißt seine Kippe auf den Boden, tritt sie aus und reißt die Eingangstüre auf.
Mit eingezogenem Kopf schleiche ich von dannen.
'Hey, warte! Das war dein Ernst oder?'
Ich drehe mich um. Der Mann steht neben der Türe und hält sie mir auf: 'Magst nicht noch ein paar Bücher mitnehmen? Hast doch soviele gebracht.'
'Ach danke, ich hab genug daheim.'
'Hör mal, also ... vielleicht kann ich dir helfen. Wir sperren hier um 18 Uhr zu, bringst deinen Kumpel und wir reden, ok?'
Strahlend schau ich ihn an: 'Au ja. Super! Bis später!'
Sepp ist von der Sache nicht ganz so begeistert. 'Und wenn das eine Falle ist? Du kennst den Kerl doch garnicht. Am Ende fahr ich wieder ein wegen Anstiftung zu einer Straftat. Da hab ich echt keinen Bock drauf, mir langts mit Knast, lebenslänglich, des glaubst!'
'Dann geh ich alleine. Das wird er verstehen. Ich denk mal der wollte dich einfach nur kennenlernen um sicherzugehen, daß das kein Schmäh von mir ist. Der muß ja auch aufpassen wenn er auf Bewährung draußen ist. Aber wie mach ich das jetzt mit der Identifizierung?
Die Deppen da drüben schauen sich irgendwie alle so ähnlich, hast ned zufällig ein Foto vom Wappler, damit nicht am Ende der Falsche eine aufs Maul kriegt.'
Sepp grinst. Juhu, er grinst wieder!
'Er bräucht bloß nach dem Kerl mit der gebrochenen Nase zu fragen. Davon gibts verläßlich nur einen. Aber jetzt Schmäh ohne: Du gehst mir da jetzt sicher nicht hin. Die Idee g'fallt mir natürlich und ich finds auch voll leiwand von dir, daß du dich so nett kümmerst, aber jetzt is mal gut. Du kannst doch nicht einem völlig Fremden meine ganze Story aufs Auge drücken und ihn praktisch auffordern, dem Wappler eine reinzuhauen. Am Ende ist das ein Kieberer und die ganze Scheiße geht von vorne los. Nee, das müssen wir schon ein bissl schlauer anfangen. Allerdings ... einen Plan hab ich auch keinen.'
Am nächsten Tag, Sepp ist nach Großhadern gefahren, wegen der Arbeit, marschiere ich wieder in den Buchladen. Zur Tarnung hab ich mir ein paar Bücher mitgenommen. Wie gesagt, ich hab ja genügend. Der Tätowierte sitzt im Eck, zusammen mit einem Kollegen und dem Sozialarbeiter, der sich um die Ein-Euro-Jobber kümmert. Finster schaut er mich an und guckt dann betont weg. Ich lege meine Bücher auf dem dafür vorgesehenen Tischchen ab und gehe beherzt auf ihn zu: 'Hast vielleicht mal ein Feuer? Hab meins vergessen.' Er begreift den Wink und geht mit mir raus.
'Was war das jetzt gestern? Hosen voll? Ich steh hier wie ein Depp aber Madame hatte wohl Besseres zu tun?'
'Tut mir leid, er wollte nicht mitkommen. Hält das Ganze für eine Schnapsidee.'
'Ist es auch. Aber ich kenn Leut, die machen sowas. Gegen entsprechende Entlohnung natürlich. Die wollt ich dir vorstellen. Eigentlich. Aber offenbar hat sich die Sache erledigt.'
'Nein hat sie nicht! Und er hat ja auch noch Sachen bei dem in der Wohnung, die müßt man rausholen. Aber so richtig wohl ist mir dabei auch nicht, die wissen ja dann, daß deine Kumpels von Sepp ... also wegen meinem Bekannten da sind und am Ende kriegt er den Ärger, das will ich natürlich auch nicht.'
'Das laß mal unsere Sorge sein, die Jungs sind vom Fach. Wenn die mit dem fertig sind dann geht der so schnell nirgends mehr hin und schon garnicht zu den Bullen. Paß auf, du sagst mir einfach wer der Kerl ist der den Denkzettel braucht, gibst mir die Anzahlung mit und ich erledige den Rest. Die Sachen von ... Sepp ... kannst hernach hier in der Buchhandlung abholen. Rundum Service, was sagst? Vertrauen gegen Vertrauen. Schlag ein!'
Auffordernd hält er mir seine Hand hin. Ich schlage ein.
Drei Tage später, am Freitag, es ist bereits dunkel, sitzen Sepp und ich gemütlich beim Abendessen und feiern den geglückten Einstand in seinen neuen Job. Ich hatte ihm nichts von meiner neuerlichen Unterhaltung mit dem Tätowierten gesagt, und die Schlafsituation hat er auch geklärt. Er schläft natürlich im Schlafsack, hat er gesagt, das wäre ja noch schöner, und es wär ja eh eine Matratze drunter, also alles gut. Wir lümmeln also grad so im Wohnzimmer neben dem Plattenspieler, als wir von draußen lautes Schimpfen hören. Neugierig krabble ich hoch und schau aus dem Fenster. Drei dunkel gekleidete Kerle verlassen gerade betont lässig das Haus gegenüber während Frau Ziegler, die alte Tratschn, ihren lockenwicklerdekorierten Schädel aus dem Fenster hängt und irgendwas von Nachtruhe und Gepolter und asozialem Studentenpack rumkeift. 'Nur die Zieglerin wieder', beruhige ich Sepp und begebe mich innerlich jubelnd wieder zurück an meinen Platz. Ich denke, ich sollte morgen einmal im Buchladen vorbeischauen ...

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