Sonntag, 17. Mai 2026

Andere Kulturen

'Also wenn ich studiert hätte, dann Anglistik, und dann hätt ich mich auf die Zeit um Heinrich VIII spezialisiert, da hab ich ein paar Bücher daheim von der Autorin ... zefix, wie heißt die gleich wieder? Jedenfalls, die beschreibt alles derart lebendig, daß du glaubst, du bist selber dabeigewesen. Man riecht förmlich wie das Bein des Königs stinkt. Der hatte ja diese offene Wunde, waßt eh, wegen der Syphilis. Wie heißt denn die Autorin gleich wieder, herrgottnah, nix kann I mir merken ...'

Mein Gegenüber grinst nur nachsichtig und lutscht hingebungsvoll an seinem Eis. Das ist auch etwas, was mich echt anzipft. Da mach ich mir Sorgen wegen Alzheimer und so und die anderen finden das nur witzig. Meine Psychologin meinte neulich: 'Ach, was glauben Sie, wie oft ich meine Schlüssel daheim vergesse. Dann ruf ich halt meinen Mann an und der bringt sie mir.'

Ja, schön für die Frau Doktor wenn ihr Mann ihr die Schlüssel nachträgt. Aber wer bringt mir das ganze mühsam angelesene Wissen zurück, das bei mir ständig und immer wieder durch irgendwelche schwarzen Löcher im Gehirn fällt und ins Nichts gesaugt wird? Nicht einmal den Namen meiner Lieblingsschauspielerin kann ich mir merken. Grad DEN nicht. 

'Du, wie heißt die Schauspielerin gleich wieder aus Vier Frauen und ein Todesfall?', frage ich Alex, der noch immer genüßlich an seinem Eis knabbert. Er trägt heute Sandalen (jaaahaaaa, er ist Beamter, er kann nichts dafür) und das Weiße vom Magnum tropft ihm auf die Socken. Merkt der nicht einmal.

'Ich kenn nur Vier Hochzeiten und ein Todesfall', mümmelt Alex unter seinem weißen Vanilleeisbärtchen.
'Die Andie McDowell wirst ja nicht meinen, oder?'

Immer des Gfrast mit die Piefke. Ka Kultur. Adele Neuhauser! Jetzt fallt's mir wieder ein. Man muß sich  nur über was anderes aufregen, dann geht's.

Mittlerweile lümmeln wir gemütlich, jeder in einem Liegestuhl, bei der Kulperhütte in Göggingen. Ich trinke eine Rhabarberschorle wie immer und sehe einem schon etwas angetrunkenen älteren Mann zu, der sein Krügerl von der Ausgabe zu einem Felsen unten an der Wertach trägt und dabei sehr Obacht geben muß, nicht zu stolpern. Wär schad um das gute Bier. Der Gastgarten ist gut besetzt aber dennoch ist es hier nie laut. Die Wertach fließt in beruhigend stetem Strom vorbei, die Bienen summen um die Gänseblümchen und Kleeblüten herum, Radfahrer sausen vorbei und plötzlich tippt mir jemand auf die Schulter.

Ich fahre herum und blicke in ein atemberaubend hübsches Gesicht. Ein junger Gott lächelt mich an. Ich krieg Hirnsausen. Der Gott öffnet seinen Mund und teilt mir mit: 'Entschuldige, aber ich hab euer Gespräch grad mit angehört. Hast du schon von der neuen Brainmending Methode gehört? Das wär vielleicht was für dich. Is für Leute die ihr Gedächtnis wieder auf Zack bringen wollen. Wir bieten Kurse an und man kann auch richtige Kuren dort buchen.'

Na bumm. Ich Trottel denk der will mich anmachen und dann kommt er mir knallhart mit meinem Gedächtnis um die Ecke. Boah!

'Du das ist sicher irgendwo in Amerika,' entgegne ich störrisch, 'und ich hab voll die Flugangst. Also leider nichts für mich.'

'Die Methode kommt aus Amerika, da hast du recht, aber wir haben vor zwei Monaten in Inningen drüben eine Praxis eröffnet, wenn du magst dann mach ich dir auch einen Sonderpreis. Sozusagen Eröffnungsangebot.' Freundlich lächelnd streckt er mir seine Hand mit einer Visitenkarte entgegen. Reflexhaft greife ich zu. Kann den Laden ja mal googlen. 'Danke', grummle ich und drehe ihm demonstrativ den Rücken zu. Frau Unerhört ist beleidigt!

Es ist eine Sache, wenn ich mich über mein beschissenes Gedächtnis beschwere. Aber ein Fremder hat sich darüber nicht auszulassen. Find ich.

Zwei Wochen später stehe ich vor der Praxis und traue mich nicht, zu klingeln. Soll ich da jetzt wirklich reingehen? Ja, sollte ich. Schließlich hab ich einen Termin und keine Lust auf Ausfallgebühren wegen nix. Mit Todesverachtung drücke ich auf den Klingelknopf. Ein freundliches Summen ertönt, ich drücke die Türe auf und stehe sofort in einem in lavendelblau und honiggelb gehaltenen Empfangsraum. Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht, denke ich anerkennend. Und schon schwebt der junge Gott herein und haut mir freundschaftlich auf die Schulter: 'Ja griaß di, servus, wie gehts?', freut er sich und geleitet mich hinüber in einen bordeauxrot gestrichenen Raum in dem nur eine Liege steht. Sonst nichts. Immerhin ist die Liege mit einer Anzahl plüschig weicher Kissen ausgestattet, wie ich mit Behagen zur Kenntnis nehme, nachdem ich mich auf Anweisung des jungen Gottes dort ausgestreckt habe. Schuhe vorher ordentlich ins Eck gestellt, wie sich das gehört.

'Wie du sicher schon gelesen hast, ist unsere Methode so einfach wie effektiv. Wir lenken die brainoplasten und brainoklasten direkt aus dem All in dein Hirn hinein, die arbeiten dann von selbst daran, die Prä- und Postsynapsen auf Trab zu bringen so daß die synaptische Plastizität sich wieder erhöht'.

Jaja, denke ich, mach nur. Gemütlich rutsche ich mich zurecht und stelle mir vor, wie eine Postsynapse ihre Tragetasche voller Briefe im Synapsenspalt eingeklemmt hat und hektisch dran zieht und sämtliche Briefe rausfallen. Tjahaaa, das würde einiges erklären. Während ich noch vor mich hingrinse, richtet der junge Gott einen seltsamen Trichter auf meinen Kopf, erklärt mir dann, ich könne die Augen schließen und mich entspannen. Er würde in einer halben Stunde wieder nach mir sehen.

Wieviel Zeit schon verstrichen ist kann ich nicht sagen, doch es beginnt auf einmal komisch zu riechen. Hat das Göttergerät einen Kurzschluß oder was geht hier ab? Ich werde unruhig. So sollte das eigentlich nicht ablaufen hier. Ich mags nicht wenn es mieft! Kurzerhand erhebe ich mich von der Liege und marschiere hinaus in den Empfangsraum. Niemand da. Seltsam. Vorsichtig luge ich um die Ecke und sehe zwei weitere Türen. Aus einem der beiden Zimmer ertönt lautes Schimpfen: 'Den Laden werd ich euch zusperren lassen! Also er. Der, der ich mal war. Mein Hirn will ich wieder zurück! Den alten Lappen da könnt ihr behalten! Omega 1 von Sigma Tauri oder was. Lieber ein beschissenes Gedächtnis und dafür meine eigenen Gedanken, als sich alles merken zu können aber das Hirn eines Außerirdischen herumzutragen! Gib wenigstens zu, daß euer Gerät kaputt ist. Los! Hinsetzen hab ich gesagt! Und jetzt da unterschreiben, du Penner!'

Eiwei. Da ist aber einer so richtig sauer. Was hat er gesagt? Die haben ihm das Hirn vertauscht? Heiliges Kanonenrohr. Gut, daß ich noch rechtzeitig aufgestanden bin. Jetzt weiß ich auch, was das für ein komischer Geruch ist der sich nach und nach überall verbreitet. Der Ärger. Hier riecht es eindeutig nach Ärger.

Die Klinke der Türe bewegt sich nach unten, ich flitze rasch zurück ins Zimmer mit der Liege und äuge neugierig durch den Türspalt den ich offen gelassen habe. Rasch klappe ich mir die Hand über den Mund, denn die Person, die aus dem Zimmer des 'Göttlichen' tritt, sieht nicht mehr aus wie ein Mensch. Er ist grün, er hat jede Menge Antennen und tiefe Narben im Gesicht. Du meine Güte! Was haben die mit ihm gemacht? Knarzend öffnet sich langsam die Türe, an die ich mich im Schrecken angelehnt hatte. Der Grüne horcht auf, blickt in meine Richtung, sieht mich, starr vor Angst, dort stehen. Langsam breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht auf.
'No, neue Kundschaft? Komm Mädel, schau daß'd aussikommst, des san kane leiwanden Hawerer do. Olles Vabrecha. Oba I wea eahm klogn, des glaubst. Das Geschöpf, das er erschaffen, wird ihn vernichten.'

Am Weg nach draußen erfahre ich dann endlich die Details. Die Methode, die der 'Göttliche' angeblich aus Amerika importiert hatte, war noch nicht ganz ausgereift und obendrein hatte er sich für sein Behandlungszimmer ein Sonderangebot andrehen lassen. Eine Maschine, die zwar die brainoplasten und brainoklasten aus dem All mühelos auf die Erde transportierte, aber leider MITSAMT dem Hirn aus dem sie angeblich problemlos entnommen werden konnten. Natürlich war das den Betroffenen nicht recht und sie forderten im Austausch das Hirn des vertrauensselig auf der Liege ausgestreckten Patienten. Bis der merkte, wie ihm geschah, war es zu spät. Mein grüner Begleiter war keineswegs das erste Opfer, allerdings der erste Geschädigte, der sich wehrte. Weil er es konnte. Weil die Transmutation nicht vollständig durchgeführt worden war. Weil er noch Teile seines Ichs besaß. 

Abends im Garten, Alex und ich sitzen vor unseren Weingläsern und starren in die vielen Kerzen, die ich wegen der Gelsen auf dem Tisch aufgestellt hatte. Alex bemerkt nüchtern (noch): 'Na schau, ist doch eh besser du hast ein nicht so ganz tolles Gedächtnis. Dann kannst deine Bücher alle immer wieder lesen und bist jedes Mal wieder so gespannt auf das Ende wie beim ersten Mal.' 






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