Sonntag, 24. Mai 2026

Hoffnung auf Zehenspitzen (Sepp 10)

Eine lange Woche neigt sich ihrem Ende zu. Den Sprechschein für einen Besuch im Knast hatte ich schnell bekommen, aber beim ersten Anlauf hatte ich meinen Ausweis nicht dabeigehabt. Der steckte im anderen Rucksack. Ich werd auch immer tüteliger. Und wie ich dann am Freitag endlich drinnen war, konnte ich Sepp nicht einmal Zigaretten besorgen. Früher in Augsburg konnte man dem Gefangenen eine Cola und eine Packung Kippen im Besuchsraum aus dem Automaten ziehen lassen. Kannste vergessen. Mittlerweile keine Zigaretten mehr. Jugendschutz. In Stadelheim. Daß ich nicht lache. Und wenn jemand eh schon nicht schlafen kann, was braucht er dann noch Cola. Ganz abgesehen davon, daß man durch diese blöde Scheibe eh nichts durchreichen kann und irgendwas mitnehmen in die Zelle ist nicht mehr. Schmal war er geworden in den wenigen Tagen. Es hat mir fast das Herz gebrochen, auch wenn er sich so rührend gefreut hat, mich zu sehen. Viel geredet haben wir nicht, es war wenig los gewesen im Besucherraum und der Depp beim Eingang hat jedes Wort mithören können. So macht das keinen Spaß.

Den Göttern sei Dank war Dr. Heumann ein gewiefter Fuchs, der genau wußte, was zu tun war um seinen Mandanten rauszuhauen Daher saß ich nun, eine Woche nach Sepps Verhaftung, wie auf Kohlen und wartete darauf, daß er heimkam. Vor dem Tor zu warten, wie man das immer im Film sieht, hätte keinen Zweck, hatte der Anwalt mir erklärt. Es könne Stunden dauern bis die Bürokratie erledigt sei und im Gegensatz zu den Strafgefangenen bekäme ein U-Häftling daher keine feste Uhrzeit für die Entlassung sondern man müsse halt warten, bis er mit allem durch sei. Die Ausgabe der persönlichen Gegenstände, der Termin beim Arzt, und last but not least die Auszahlung des Geldes vom Gefangenenkonto. Das war ja sowieso der Hammer gewesen. Zwar hatte ich Sepp Geld einzahlen können, aber er hatte sich nichts damit kaufen können weil der Einkauf erst wieder Freitag in einer Woche gewesen wäre. Echt spitze! Mittlerweile ist es Mittag vorbei und ich habe keine Ahnung, wann er kommt. Ob er überhaupt kommt. Vielleicht mäandert er orientierungslos durch die Stadt, kommt an einer Kneipe vorbei und beschließt, erst einmal einen zu heben um die wiedergewonnene Freiheit zu feiern. Da wäre er nicht der Erste, der auf diese Weise sein Entlassungsgeld gleich wieder los wird.

Sein Handy ist nach einer Woche natürlich leer, ich kann ihn nicht anrufen, und vice versa. Ausgemacht ist nix, wie auch, und Schlüssel hat er logischerweise noch keinen. Hab ich schon erwähnt, daß ich Warten echt hasse? Vor allem wenn ich keine Ahnung habe, worauf eigentlich genau. Will er überhaupt bei mir, mit mir, wohnen? Will ich das? Wie soll es weitergehen? Natürlich hab ich mir Gedanken gemacht. Da ist mein Hirn super im Gedanken-Machen. Am liebsten Tag und Nacht. Hyperaktiv haben sie gesagt beim Arzt. Also nicht ich, das Gehirn. Zwischenzeitlich hab ich schon einmal Männerklamotten gekauft, hab sie gewaschen, sogar Klammern hab ich gekauft und die Wäsche damit extra draußen aufgehängt damit sie schön duftig wird.

Ansonsten, hab ich mir gedacht, überlasse ich ihm halt die Wohnung bis auf Weiteres und ich kauf mir ein hübsches Haus mit Schwimmbad. Irgendwo. Grünwald wäre blöd, da wird immer eingebrochen. Außerdem will ich eh aus München weg. Aber wohin? Gene Simmons hat ein total geiles Haus aber der wohnt in Amerika. Viel zu weit. Vielleicht sollte ich nach Haar ziehen. Da gibts zweimal die Woche Seniorenschwimmen und das Irrenhaus wär auch um die Ecke. Lang dauerts nimmer bis die mich wegsperren, ich bin mit den Nerven echt zu Fuß. Oh. Echt geschmacklos, so leichtfertig über Wegsperren zu lästern. Wie mag es dem armen Sepp jetzt gehen, nach einer Woche mit kaum Schlaf? Der wird ganz schön fertig sein. Natürlich hab ich in der kurzen Zeit kein zweites Bett kaufen können, das dauert ja immer ewig bis die das liefern aber im Keller war noch ein Schlafsack, mit dem werd ich mich ins Wohnzimmer hauen, er kriegt natürlich das Bett.

Nach einer Stunde schau ich auf die Uhr. Es sind grad mal 10 Minuten vergangen. Vielleicht könnte ich das griechische Alphabet auswendig lernen. Ich konnte das ja mal. Vor 25 Jahren. Da hatte ich mich in meinen griechischen Taxifahrer verknallt und deswegen Sprachkurse genommen. Aber mein damaliger Freund war dagegen, daß ich, wenn wir uns eh nur am Wochenende sehen, dann auch noch Sprachunterricht nehme. Also hab ich's aufgegeben. Ich Depp. Nie mehr einen Mann, echt!

Hilfe, es klingelt! Ob er das schon ist? Eilig haste ich zur Türe und falle beinahe über den Gruscht im Flur. Hätte ich aufräumen sollen? Egal, too late. Langsame Schritte steigen deutlich hörbar die Treppen hinan. Da ist ja Peter schneller mit seinem Asthma. Nach einer sich gefühlt ins Ewige gedehnten Minute steht er vor mir. Gebeugt, unrasiert, hohlwangig, Augenringe wie ein Koala und völlig erschöpft.
'Mann Alter, komm rein, ich hab dir das Bett schon frisch bezogen. Magst noch was essen vorher oder gleich pennen?'
Er betritt die Wohnung, nimmt mich wortlos in den Arm und ich spüre, wie seine Schultern zucken vor unterdrücktem Schluchzen. Einen Tschetschenen werd ich kaufen und den Kerl da unten zammhauen lassen, der ihm das angetan hat! Zefix! 

Nach einer Weile löst sich Sepp von mir und schaut mir lange in die Augen. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Will er jetzt was essen oder nicht? Und wo tu ich sein Knastsackerl hin? Egal, einfach mal auf den Boden. 
'Hab dir einen Schlafanzug besorgt.', wende ich das Gespräch wieder dem Praktischen zu.
'Ach Kati,', krächzt Sepp neben mir. 'Ich ... also, das mit der Wette ...'
'Mann, laß doch den Scheiß jetzt. Wir haben echt anderes zu bereden. Also später. Wenn du dich ausgeschlafen hast. Du bist hier erst einmal in Sicherheit, du kannst bleiben so lange du willst, und deinen Job hast du übrigens auch noch. Falls du den noch willst. Ich kenn wen der den Chef in der Fotoabteilung kennt und daher ... also mach dir keinen Kopf, hau dich hin und sag mir was du vorher noch brauchst und dann laß ich dich in Ruhe, ok?'

Jetzt weint er wirklich. Gott, der Arme muß völlig fertig sein. Langsam gehen wir rüber ins Schlafzimmer, wo der Schlafanzug (zerknüllt, nicht gefaltet, Hausfrau bin ich immer noch keine), auf der Bettdecke liegt. Ein Stapel Bücher liegt neben dem Bett und eine Flasche Wasser mit Glas stehen auf dem Tischchen daneben. Hab aufgeräumt so gut es ging. Für ihn. Damit er sich nicht die Füß bricht wenn er nachts aufs Häusl muß.

'Ach ja, die Toilette ist hier um die Ecke, wenn du mal mußt. Du warst ja noch nie hier. Schau und da ist das Bad wenn du dich später duschen willst und da hinten ist die Küche. Im Kühlschrank ist jede Menge zum Essen.'

'Du bist so lieb Kati', flüstert er leise. 'Danke, danke für alles. Mir ist grad ein ganzer Steinschlag vom Herzen gefallen. Jetzt kann ich ruhig schlafen weil du hast recht, ich bin todmüde. Ich erzähl dir alles später. Jetzt muß ich erst einmal pennen. Ich seh schon alles ganz gerastert ...' Er legt sich ins Bett wie er ist, Klamotten und alles, und im nächsten Moment ist er auch schon eingeschlafen. Beneidenswert. Leise schleiche ich nach draußen und schließe die Türe.

Wie wird es mit uns weitergehen? Natürlich mag ich ihn. Total. Sogar so erschöpft und unrasiert fand ich ihn unwiderstehlich. Aber was will so ein Traummann mit einer hienigen alten Kuh wie mir? Die seit 25 Jahren keinen Sex mehr hatte und auch keinen mehr will. Aus diversen Gründen. Unsere Beziehung, so wir denn eine haben, steht auf tönernen Füßen. Ein winziges Steinchen kann alles zum Einsturz bringen. Auf keinen Fall darf er von meinem Lottogewinn erfahren. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß er nur wegen des Geldes ...

Ich hole das Knastsackerl aus dem Flur und schließe sein Handy an die Steckdose an. Nach und nach ploppen Nachrichten auf. Ich widerstehe der Versuchung und schaue NICHT hin. Schließlich erinnere ich mich nur zu gut an das hübsche Mädel mit dem ich ihn unlängst gesehen hatte. Sie wird ihn ebenfalls schmerzlich vermißt haben. Warum hat SIE sich eigentlich nicht gekümmert? Kann man doch rauskriegen was mit jemandem los ist wenn man bei der Polizei anruft, was wohl jeder vernünftige Mensch tun würde wenn der Freund tagelang nicht erreichbar ist. Ob sie wohl schon lange zusammen sind? Ob er sie sehr liebt? Ob er darüber reden will wenn er wieder wach ist? Ob er das Essen mag das ich für uns gekauft habe?
















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