'Wir könnten den aufgeblasenen Schwaben auch ganz verschwinden lassen,' grinst mein tätowierter Bekannter, als wir vor dem Bücherladen stehen und er mir zwei vollgestopfte Koffer mit Sepps geretteten Habseligkeiten überreicht. 'Aber für's Erste ist er gut eingeschüchtert. SO klein mit Hut muß der gewesen sein und er hat jetzt verstanden, daß es keine gute Idee war, sich mit euch anzulegen und daß etwaiges Nachtreten in diese Richtung bleibende Schäden nach sich ziehen wird.'
'Mensch danke! Was hätte ich ohne dich gemacht!' freue ich mich, als ich ihm wie verabredet den zweiten Teil des vereinbarten Betrages übergebe.
'Wennst dich revanchieren willst ... zwei meiner Bekannten suchen eine Wohnung. Weißt ned zufällig was?'
Meine Bedenken stehen mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn der Tätowierte lacht sich scheckig: 'Die können sich schon benehmen wenn sie wollen, keine Sorge. Kloppe gibt's nur auf Bestellung, ansonsten halten die dir sogar die Türe auf. Ganz feine Jungs. Und die Miete ist auch kein Problem, das schaffen die mit links. Aber der Besitzer ihrer jetzigen Wohnung hat verkauft und der neue Eigentümer will selber einziehen. Daher müssen sie bald raus.'
'Ich schau mal was ich machen kann, du hörst auf alle Fälle von mir!'
Nachdenklich wandere ich mit Sepps Koffern nach Hause. Nur gut, daß die Rollen untendran haben sonst hätt ich jetzt ein Problem. Es ist zwar schon Ende März und es liegt kein Schnee mehr, aber die Teile sind schwer. Der Gute weiß ja nichts von der Aktion der 'ganz feinen Jungs', wie hätte ich ihm das Auftauchen seiner Koffer im Buchladen erklären sollen? So stelle ich sie halt einfach vor die Türe. Huch, sowas aber auch, wo kommen die denn auf einmal her?
Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir die Frage, ob ich an die Burschen vermieten sollte. Eigentlich wollte ich eh umziehen. Aber was wird dann aus Sepp? Hatte der alte Mann in Stuttgart nicht gesagt, ich solle wiederkommen wenn ich die Sache mit Sepp geklärt hatte? Habe ich die geklärt? Nicht wirklich, oder? Ich finde ihn nach wie vor unglaublich attraktiv, aber genauso unglaublich erscheint mir die Vorstellung, daß so ein hübscher, lieber und rücksichtsvoller Mann mich alte faltige Kuh ebenfalls attraktiv finden könnte. Was sollte ich denn jetzt machen? Warum ist das alles so ein Durcheinander?
'WEIL ES DIR AN VERTRAUEN FEHLT!!!'
Oha, was war das denn? Hörte ich jetzt schon Stimmen? War es soweit? Oh Gott, also nicht Stuttgart sondern direkt nach Haar ins Bezirkskrankenhaus?
'ICH BIN DEINE INTUITION UND ICH KANN ES NICHT LÄNGER MITANSEHEN, WIE DU IM KREISE HERUMDENKST NUR WEIL DU NICHT AUF MICH HÖREN WILLST!'
'Ja ok ich hab verstanden, kein Grund so zu brüllen liebe Intuition. Ich bin alt aber nicht taub.'
'Ach hör doch mit dem Quatsch auf, du bist nicht alt! 60 ist das neue 40 und du weißt genau, daß du dem Sepp gefällst. Nur hast du null Vertrauen in deine eigene Frauenkraft, gibst dich sogar betont männlich um alle Avancen abzuschmettern bevor sie überhaupt gedacht werden können, nur weil du die Schmerzen und die Mühe scheust, die eine engere Beziehung zu einem anderen Menschenkind mit sich bringen KÖNNTEN. Du bist nicht mehr diejenige, die du einmal warst. Und Sepp kann nichts für die unreifen Kerls mit denen du früher Umgang hattest. Der raucht ja nicht einmal. Also hör endlich auf mit dem Rumgeeiere und komm in die Pötte!'
Na sehr leiwand. A Preiß. Meine Intuition ist ein Preiß!
'I bin ka Preiß, zefix! Aber man könnt glatt ans Auswandern denken wenn man dir so zuschaut. Also reiß di zamm! Geh heim, koch was Schönes und heute auf d'Nacht wird amal g'redt, host mi!'
'Äh. Ja. Wennst nachhert meinst ...'
Zuhause angekommen betrachte ich stirnrunzelnd den Inhalt meines Schuhschrankes. Frauenkraft. Hm. Sollte ich dann vielleicht diese orangefarbenen Heels anziehen? Die Löcher im Parkett konnten mir egal sein, ich wollte eh ausziehen.
'Meine liebe Kati, Frauenkraft hat nix mit depperte Schuach zum tun in denen du nur daherkämst wie der Storch im Salat. Frauenkraft wohnt in deinem INNERSTEN.'
'Ja wennst immer so plärrst dann ist die gleich weg. Frauenkraft im Innersten. Bist sicher daß ich sowas hab? Und was mach ich wenn er Sex will? Ich will jedenfalls keinen!'
'Doch willst du. Aber halt nicht so wie es früher gelaufen ist. Wirst schon sehen. Komm in deine Kraft und du wirst nicht nur dich spüren sondern die anderen werden auch merken, daß du kein Opfer mehr bist sondern eine Persönlichkeit. Wir beide schaffen das! Also laß die dummen Schuhe, zieh dir was Hübsches an, aber bequem, nicht aufrüschen, und dann bestellen wir was Gutes zum Essen wennst keine Lust zum Kochen hast. Liebe geht immer noch durch den Magen.'
Im Hintergrund höre ich meine Schuhe mosern: 'Frechheit, wer ist hier dumm, wir sind nicht dumm, selber dumm, dumme Trine dumme Trine dumme Trine ...'
Na servus. Jetzt hatte ich es gerade geschafft, die Fußschmerzen, die mich ein halbes Jahr lang geplagt hatten, auf ein Minimum herabzuschrauben und nun waren mir meine Schuhe böse. Ob die Intuition es wirklich so gut mit mir meinte wie ich zu glauben geneigt war?
Mit einem erschöpften 'Plumps' lasse ich mich auf mein Bett fallen. Unter mir ertönt ein empörtes 'AUA, paß doch ein bissl auf!' Toll. Jetzt beschwert sich das Bett auch noch. Dabei sollte ich diejenige sein die sich beschwert. Schließlich hatte ich mir im Winter zweimal die Patella am harten Bett-Eck gestoßen und mit meinem Schlaf steht es nach wie vor nicht zum Besten. Bockig beschließe ich, das Bett hierzulassen wenn ich umziehe. Müde kuschle ich mich in meine Kissen und versuche, einen kleinen Mittagsschlaf zu halten. Aber die Gedanken lassen sich nicht abschalten, ziehen wie eine Kette spitzer, gleißender Dornen durch mein geplagtes Hirn. Nach gefühlt mehreren Stunden des Wälzens gleite ich doch in einen unruhigen Schlaf und träume von Pandora, die von dem blöden Tongefäß damals derartig provoziert und beschimpft wurde, daß sie ihm einen wütenden Fußtritt verpasste, woraufhin sich der Deckel löste und der fiese Inhalt in die Welt entfleuchen konnte.
Ich erwache von einem penetranten Knirschen, als ob ein Riese eine Portion Pflastersteine zermalmen wollte. Nachdem unsere Straßen hier aber alle geteert sind, ist dieses Szenario reichlich unwahrscheinlich und ich beschließe, nachzusehen. Nicht, daß sich meine Möbel heimlich verabredet haben und jetzt kollektiv auswandern wollen.
In der Küche entdecke ich Sepp, der sich mit der Zerkleinerung von etwas offensichtlich ziemlich Hartnäckigen abmüht. Gähnend stehe ich in der Küchentüre und schaue ihm zu. Die Haare hängen ihm fast bis in die Schüssel, er sieht so unglaublich sexy aus wie er mit dem Mörser versucht, irgendwelche braunen Dinger gleichmäßig kleinzukriegen. Die über dem Kücheneingang aufgehängten gläsernen Delphine klingen in eine Knirschpause hinein und er blickt auf. Ein total liebes Lächeln erleuchtet sein Gesicht. Ich schaue ihn an, versinke in seinen Augen, die Zeit bleibt stehen.
'Was machst denn da?', frage ich verwirrt, nachdem ich mich von seinen wunderschönen Augen hatte losreißen können.
Er schluckt und sieht mich etwas seltsam an: 'Kati, ich glaub wir müssen reden.'
Oha. Das klingt ominös. 'Äh ja? Worüber denn?'
'Ich habe mich in dich verliebt. Und es fällt mir jeden Tag schwerer, wie ein Bruder neben dir zu leben. In derselben Wohnung. Dich zu sehen, mit dir zu reden ... ohne daß du mir auch nur das geringste Zeichen der Ermutigung gibst. Ich hab schon mitbekommen, daß du ein bissl anders bist und gerade das gefällt mir so sehr an dir. Aber eben genau deswegen gestehe ich dir soeben meine Gefühle, weil ich weiß, daß du es nicht so hast mit der non-verbalen Kommunikation. So, nun ist es raus.'
Ich bin baff. Sepp ist in mich verliebt? In MICH? Das kann nicht sein.
'HALLO! FRAUENKRAFT, VERTRAUEN!!', meldet sich meine Intuition wieder. Ah ja, richtig. Da war doch was.
Sepp steht noch immer neben seinen braunen Krümeln und schaut mich unsicher an.
'Meine Güte nun erlöse ihn doch endlich!!!', fleht mich meine innere Stimme an.
Ich trete einen Schritt auf Sepp zu und umarme ihn. Wortlos. Manchmal sind Worte auch einfach nur im Weg. Ich spüre, wie er erleichtert aufatmet und höre ihn an meiner Wange murmeln: 'Ich hab gatscherte Händ, die tät ich mir jetzt grad amal noch waschen wollen, aber dann will ich dich auch ganz fest in den Arm nehmen. Meine Kati! Daß ich das noch erleben darf!'
'Geh Seppl, du tust ja grad aso als wärst du 97 und lägst auf dem Sterbebett!', erwidere ich forscher als mir zumute ist.
In diesem Moment macht mein Handy ein summendes Geräusch. Da sich Sepp eh seine Hände waschen will, lasse ich ihn los und schau mir die Nachricht an. Mein Bruder. Es soll ein Familientreffen anberaumt werden und ob ich am übernächsten Wochenende Zeit hätte. Zeit schon, aber nur ganz, ganz wenig Lust. Mein Leben springt grad von einem Wahnsinn in den nächsten, und ich soll nach Augsburg fahren und mich dort mit meinen Brüdern und der Kusine treffen als ob nichts geschehen wäre? Ich hab jetzt schon ganz stark den Geruch von Kaffee in der Nase, den man zusammen trinken wird um einen auf heile Welt zu machen.
Aber natürlich werde ich hinfahren, wenn man schon einmal an mich denkt. Und vielleicht fährt Sepp ja sogar mit? Ich frage ihn und er freut sich: 'Ein Familientreffen also,' schmunzelt er und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. 'Da muss ich mich wohl von meiner besten Seite zeigen damit deine Brüder mich nicht gleich wieder rauswerfen.' In diesem Moment klingelt es an der Türe. Sepp geht aufmachen (seit er hier wohnt haben wir die Klingel meistens an, weil er immer wieder wichtige Post per Einschreiben erhält). Als er zurückkommt, hält er einen dicken, edel aufgemachten Briefumschlag in der Hand. 'Das hier war auch dabei. Für dich.' Er reicht mir den Umschlag. Als Absender prangt ein fetter Stempel in Goldschrift: 'Private Banking – Betreuung für Premium-Gewinner'. Sepp sieht auf den Umschlag, dann auf mich. 'Du ... spielst doch gar kein Lotto, oder?'

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