Sonntag, 27. September 2026

Lilith lacht


Paradies, ein Novembertag im Jahre 4004 vor Christus

Entgegen der Überlieferung war Evas Mann keineswegs der erste Mensch auf Erden, auch wenn er sich oft genug so anstellte. Das hebräische Wort 'adam' bedeutet einfach nur 'Mensch'. Natürlich war Eva auch nicht die erste Frau. Auch nicht die erste Frau Adams. Nicht, daß er sie spüren ließ, wie sehr er seine erste Frau, Lilith, vermißte. Das nicht. Er bemühte sich, für seine Verhältnisse, rührend, war stets aufmerksam und korrekt, doch manchmal, wenn er sich unbeobachtet fühlte, stand er einfach nur da und starrte in die Luft. Dort hinauf, wohin seine Lilith einst entflohen war nachdem er drauf bestanden hatte, beim Sex immer oben liegen zu wollen. Lilith hatte gelacht, ihm erklärt, er sei langweilig, machohaft und überhaupts, hatte sich ein paar Flügel gezaubert und weg war sie gewesen. Adam war dagestanden wie angewurzelt und hatte fürchterlich bereut. Leider zu spät.

'Warum guckst denn wieder so traurig, Adam? Schau doch wie die Blätter am Baum leuchten. So einen wunderschönen Altweibersommer hatten wir schon lange nicht mehr. Ich glaub ich nehm mir heute mal so ein rot-grün gestreiftes Blatt, das steht mir doch gut, oder? Was sagst?'

Adam sagte nichts. Er seufzte nur. Manchmal war seine Frau einfach nicht zu ertragen mit ihrer hausbackenen Art. Lilith, ja, Lilith, die war anders. Aufregend, feurig, gefährlich. Da war es keine Minute fad, auch wenn es oft genug Zank gegeben hatte. Mit Eva konnte man nicht einmal zanken. Sie versuchte stets sofort, den Riß im Gefüge wieder zu kitten. 

Doch was war das? Was ringelte sich denn da so ominös im Blattwerk direkt über ihren Köpfen? Hastig trat Adam einen Schritt zur Seite. Eh klar, alle Geschöpfe sind Gottes Werk und alle haben sich lieb und so weiter, aber Vorsicht war noch immer die Mutter der Porzellankiste. 

'Jö schau, eine Schlange!', rief Eva begeistert und lächelte das grüngefleckte Tier freundlich an. Adam schaute skeptisch. Irgendwie ... irgendwie erinnerte ihn das Züngeln des Reptils an Lilith ... beschämt blickte er nach unten und versuchte hastig, sein Blatt des Tages zu glätten. Vergeblich. Eva bekam wie immer nichts mit und war bald in ein Gespräch mit der Schlange verstrickt. Weiberkram, dachte Adam abfällig und wandte sich ab. Lilith grinste.

'Hör mal Eva', zischte die Schlange leise, 'du mußt dir dieses Leben nicht antun. Ich kenne Adam. Viel Freude hat man mit dem nicht. Dir ist schon klar, daß Frauen auch alleine leben können? Ohne sich als selbstverständlichen Teil eines Paares zu sehen?'

Eva wurde schwindelig. Alleine leben? Mit den anderen Frauen im Zelt? Oder wie? Nein, das wäre ihr dann doch nicht recht. Einen Beschützer an der Seite zu haben, fühlte sich einfach sicherer an. Außerdem, was sollte sie den ganzen Tag machen, wenn nicht einen Mann umsorgen? 

Den dargebotenen Apfel wollte sie daher auch nicht anbeißen. Das sei schließlich verboten. Nur ein kleines bißchen? Nun ja, vielleicht ... hastig blickte sie sich um und biß ein winziges Eckchen aus der Frucht. Hmmmmmmmmmm, das schmeckte ja wirklich ... himmlisch! Kein Wunder, daß die Götter dieses Obst nicht teilen wollten! Hocherfreut rannte sie hinüber zu Adam, ganz in ihrer Rolle als Ehefrau aufgehend: 'Schau mal, ein Apfel! Du der schmeckt fei genial, probier mal!' Adam, in Gedanken noch bei Lilith, biß geistesabwesend in die Frucht ... und zuckte sofort erschrocken zusammen. Ein Gewitter, urplötzlich aufgezogen! Donner, Grant und Gloria! Gott war oberstinkig. Nun konnte er wieder von vorne anfangen mit seinem Experiment, einen fügsamen und folgsamen Menschenschlag zu züchten. Zefix! So würde das nie was werden mit der Evolution wenn jeder machte was er wollte!

Frankfurt am Main, im Oktober 2026

Eva putzte das Klo. Eva putzte das Klo jeden Tag. Sie machte auch täglich das Bett und wischte den Staub, bevor er überhaupt Zeit hatte, sich niederzulassen. Sie hatte sonst nicht viel zu tun. Ihr Mann arbeitete den ganzen Tag, und immer öfter zusätzlich die halben Nacht, in der City. Als Banker. Anfangs hatte sie das faszinierend gefunden. Auch das Geld, natürlich, das besonders. Nur ... seine Großzügigkeit hatte recht bald ein Ende gehabt. Nach der opulenten Hochzeitsreise hatte Eva recht schnell festgestellt, daß das Haushaltsgeld knapp bemessen und für Luxus kein Budget vorgemerkt war. Nix war's mit Bummeln und Einkaufen auf der Zeil. Da sie keine Haushaltshilfe hatten, mußte Eva alles selber machen. 

Das einzige Highlight in ihrem Leben war das wöchentliche Kaffeekränzchen. Ehefrauen von Adams Kollegen. Eigene Freundinnen hatte sie nicht. Während sie mit hastig hochgesteckten Haaren und noch nach Reinigungsmitteln riechend zur illustren Runde stieß, kamen diese Damen meist gerade gemütlich vom Shoppen, wie man das heute nannte. Neulich hatte sich Mara eine Handtasche gekauft um 14.000 Euro. Eva war grasgrün geworden vor Neid. Nicht, daß sie sich ebenfalls eine so teure Tasche hätte kaufen wollen. Aber von dem Geld hätte sie eine Haushaltshilfe bezahlen können und für sich selbst ein hübsches Kleid. Mußte ja nicht von Dior sein, der konnte seine komischen Fummel selber anziehen. Aber einfach mal wieder was NEUES. Stattdessen mußte sie sich rechtfertigen, wenn zum Ende des Monats das Haushaltsgeld knapp wurde. 

Adam ging logischerweise nie selbst einkaufen und hatte daher null Ahnung, wie teuer alles geworden war. Der konnte nur rummeckern: 'Dann hättest du eben das teure Steak nicht gekauft!' Dabei hatte sie das Rezept von der Frau seines Lieblingskollegen bekommen nachdem sie dort zum Abendessen eingeladen gewesen waren, und wollte es ebenfalls mal ausprobieren. Geschmeckt hatte es ihm! Aber danach wieder rumgeizen. Arschloch!

Auch würde es sie brennend interessieren, wo er sich spätabends immer wieder herumtrieb und hinterher nach Kneipe stinkend zur Tür hereingewankt kam. Dafür war das Geld vorhanden? Für durchzechte Nächte? Von wegen Überstunden. Lachhaft! Ganz so doof, wie er dachte, war sie auch wieder nicht. Eva wurde immer unglücklicher, Adam immer genervter. Ihre Ehe schien in einer Sackgasse gelandet zu sein. 

Eines Tages schlenderte Eva nach dem Kaffeekränzchen noch durch ihre Lieblingszootierhandlung. So gerne hätte sie ein Haustier gehabt, wenigstens ein winzig kleines, aber angeblich konnten sie sich das nicht leisten. Der Tierarzt sei so teuer und wer sollte auf das Tier aufpassen wenn sie im Urlaub wären? Dabei hatte es seit drei Jahren keinen Urlaub mehr gegeben. Zumindest nicht für sie. Wen er immer mit auf seine 'Dienstreisen' nahm, konnte sie nicht einmal erahnen.

Wehmütig stand sie vor dem Hamsterkäfig mit den goldfarbenen Gitterstäben in dem die Tierchen durcheinanderwuselten und an den Stäben knabberten. Genauso fühlte sie sich. Eingesperrt in einem goldenen Käfig. Langsam ging sie weiter, betrachtete die Schlangen im Terrarium. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf, wie immer beim Betrachten dieser Tiere. Nicht direkt eine Erinnerung, aber etwas, das eine werden wollte. 

Direkt hinter ihr stand eine blondgelockte Frau und lachte in sich hinein. Sie erinnerte sich bestens an die Geschehnisse von einst und auch daran, was für ein Depp Adam sein konnte. 'Scho elegant, oder? Weisch, die häuten sich wenn ihne ihr altes Läba zu eng wird', raunte sie Eva ins Ohr. 'Solltesch au amal probiera.'
Eva erstarrte. Wer war diese Frau und wieso duzte sie sie ohne weiteres?

'Entschuldigen Sie, kennen wir uns?', fragte sie verwirrt und drehte sich um. Vor ihr stand eine hübsche junge Frau, nur wenig älter als sie selbst, aber aber die hatte keine roten Putzhände. Die war rundum gepflegt und dennoch lässig angezogen. In Eva regte sich mal wieder der Neid. 

'An hübschen Schal hosch do um,' sprach Lilith Eva betont harmlos an. 'Wo hosch den denn kauft? Das Muschter isch phänomenal!'
'Den hab ich mir selber gestrickt. Kaufen wäre zu teuer, meinte mein Mann.'
'Där abscheuliche Geizkraga. Hot sich keu Stück verändert. Dann kriegsch g'wiß au ned oft Sachertorte? Komm, mir gehn konditorn! I lad di ein!'

Eva schaute kariert. Wer war diese Frau? Und woher kannte sie Adam? Ist sie es, zu der er am Abend immer geht wenn er angeblich Überstunden macht? Und nun will sie herausfinden, wie Eva so drauf ist und wie sie ihr den Mann am einfachsten ausspannen könnte? Na warte! 

Kurz darauf sahen die anderen Gäste im Café Laumer zwei hübsche Frauen mitten im Kaffeehaus über ihren Kuchentellern sitzen und lebhaft streiten. Lilith, die sich als Inga Häberle aus Stuttgart vorgestellt hatte, begann bald, ungeduldig mit ihrem Stuhl zu kippeln vor lauter Frustration und lehnte sich schlußendlich resigniert zurück. Evas Denken war noch immer genauso unverrückbar in Beton gegossen wie damals. Sie begriff zwar, daß ihr Leben unglücklich war, hatte aber panische Angst, ohne Versorger dazustehen. Schließlich hatte sie nur den Hauptschulabschluß und danach eine Schneiderlehre gemacht. Wo bitte wurden heutzutage noch Schneiderinnen gebraucht? Außer vielleicht in Bangladesh mit einem Stundenlohn von 50 ct.

Ihre Vorstellungkraft reichte einfach nicht aus, um ein Leben in einer emanzipierten Frauen-WG zu visualisieren, wo sie alle Unterstützung bekommen würde, die sie benötigte und wo sie FREI sein würde. Sich entwickeln könnte zu der Person, die sie eigentlich war. Ohne ständige Unterdrückung durch einen von Natur aus geistig beschränkten Mann.
 
'Paß auf Eva, ich gib dir hier mei Kärtle, falls'd es dir no andersch überlegsch. Rufsch mi eufach am Handy an, d'accord?' Mit diesen Worten stand sie auf und verließ das Lokal. Hier waren Hopfen und Malz verloren.

Wenn sie Eva schon nicht aus ihrem Gruselleben befreien konnte, dann wollte sie wenigstens Adam ein bissl aufrütteln. Ihm einen Denkzettel verpassen. Adam war nämlich schwerhörig. Was niemand wußte außer ihm und seinem Hörgeräteakustiker. Eva hatte er einen Schmäh von wegen Aktivierung der Hirnzellen erzählt und sie hatte es geschluckt. 

In der folgenden Nacht, als Adam unschuldig neben Eva lag und einen halben Wald niedersägte, einen Wald der bevölkert war mit mehrköpfigen grüngefleckten Schlangen, die allesamt ein fieses Grinsen im Gesicht trugen, schlich Lilith sich ins Haus und klaute das Hörgerät aus dem Nachtkasterl.

Als Adam am nächsten Morgen ins Leere griff, war die Panik natürlich groß. Es stand ein wichtiges Meeting mit US-Investoren an, es war einfach keine Zeit für langes Suchen, nicht einmal mehr Zeit, Eva zusammenzuscheißen, die betroffen neben ihrem tobenden Ehemann stand und nicht einmal wußte, was eigentlich genau das Problem war. Konnte er ohne seinen Hirnzellenaktivator nicht arbeiten? Natürlich hatte sie ihn nicht genommen, verteidigte sie sich vehement. Sein Nachtkastl sei für sie tabu, das hatte er ihr von Anfang an eingeschärft und daran hatte sie sich stets gehalten.

Das Meeting war ein Desaster von vorne bis hinten. Als der amerikanische Investor beispielsweise fragte: 'We are worried about a hostile takeover by some competitors. Do you have a strategy?', verstand Adam Hustensaft statt hostile und Computer statt competitors. Sein Chef blickte ihn auffordernd an, also blökte er los: 'Also gegen Husten nehme ich immer einen Saft aus Zwiebeln und Honig. Und was den Computer angeht: Einfach mal den Stecker ziehen und neu starten. Das löst das Problem meist von selbst.'

Betroffene Stille im Raum. Dann lachte der US-Investor laut auf: 'Brilliant! Back to the basics! I love your radical style, Adam!'

So hatte Adam Glück im Unglück. Der Mann verstand Spaß, ging auf jeden Blödsinn ein und lobte nach Abschluß des Vertrages sogar den 'wide open mind' des Mitarbeiters Adam, so daß sein Chef gute Miene zum bösen Spiel machen mußte und ihn nicht hochkant hinauswerfen konnte. Aber die Beförderung, mit der er bereits fix gerechnet hatte, konnte er sich jetzt aufzeichnen. Entschuldigend murmelte er etwas von einer mißlungenen Pilz-Zubereitung und schlapfte geschlagen nach Hause.

Daheim bekam Eva seinen gesammelten Zorn ab. Sie hätte ganz bestimmt seinen Hirnwellenstimulator beim Putzen verschlampt! Was für ein Quatsch! Als ob Eva nachts heimlich putzen würde statt zu schlafen. 

Während Adam im Wohnzimmer vor der Glotze saß und versuchte, seinen Frust mit ein paar Halben Bier hinunterzuspülen, hockte Eva in der Küche und überlegte verbittert, ob sie nicht vielleicht doch mit Frau Häberle hätte nach Berlin fahren sollen. Wenn diese tapfere Frau trotz ihres unmöglichen Dialekts in der Hauptstadt zurechtkam, so konnte sie, Eva, es möglicherweise doch auch schaffen? Aber nun war es zu spät. Oder doch nicht? Fieberhaft kramte sie in ihrem Handtäschchen nach der lilafarbenen Visitenkarte. Wagte es jedoch nicht, um diese späte Stunde noch anzurufen.

Am nächsten Tag schien alles wie immer. Adam stürzte aus dem Haus ohne sich zu verabschieden, der Termin beim Hörgeräteakustiker war schließlich vor der Arbeitszeit zu erledigen. Eva hatte der Mut schon wieder verlassen, sie zog resigniert ihren Mantel an, holte den Trolley aus dem Keller hervor und begann ihre übliche Einkaufsrunde. Noch bevor sie beim Fleischhauer die Stufen hinaufsteigen konnte, tupfte ihr jemand von hinten auf die Schulter. Erschrocken drehte sie sich um: 'Ja guten Morgen Frau Häberle! Sind sie noch nicht wieder heimgefahren?' Blöde Frage, dachte sie im selben Moment, offensichtlich nicht, sonst stünde sie nicht hier.
Frau Häberle alias Lilith lächelte nachsichtig. 'Na Eva, alles klar zuhause?' Da brach der Damm endgültig. Heulend und schniefend berichtete Eva, wie ihr Mann irgend so ein seltsames Gerät verschmissen hatte, das er sich tagsüber immer in die Ohren steckte und sie wäre jetzt schuld, daß er keine Beförderung bekam. Dabei wäre er vor lauter Arbeitsüberlastung sowieso schon so gut wie nie zuhause. Lilith nahm sie tröstend in den Arm, redete ihr gut zu, stellte den noch leeren Einkaufstrolley in die Ecke neben die Fleischhauerstiege und wanderte langsam, Arm in Arm mit Eva, Richtung Bahnhof. Bevor sie es sich versah, saß Eva im Zug nach Berlin. Keinerlei Wehmut trübte ihr Herz. Hier in Frankfurt hatte sie wirklich NICHTS mehr verloren.

Adam hingegen, der hatte mal wieder alles verloren. Zunächst einmal seinen Job (der Chef hatte ihn, nachdem der Investor abgereist war, schlußendlich doch gefeuert), und als er am Abend nach einem Besuch im Puff hackedicht nach Hause kam, war außer einem angetrockneten Käsewürfel im Kühlschrank und drei Flaschen Gösser nichts mehr zu finden. Keine Ehefrau, kein warmes Abendessen. Eine kurze SMS, bereits am Nachmittag abgesandt, brauchte eine Weile, um in sein vernebeltes Hirn zu dringen und dort verdaut zu werden:

„Bin auf dem Weg in ein eigenes Leben, zusammen mit anderen Frauen. Ab jetzt kannst du gerne bei jeder oben liegen, die dich läßt. Ciao, Eva.“










 







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