Dienstag, 21. April 2026

Der Albtraum


Als ich völlig abgehetzt die Waldlichtung erreichte, war niemand zu sehen. Panisch sah ich auf meine Armbanduhr. 18:50 stand dort in großen Ziffern zu lesen. Zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. Wieso war noch niemand hier? Hatte man bei der letzten Besprechung beschlossen, den Treffpunkt zu verlegen? Wurden wir beobachtet?

Zu dumm, daß ich voriges Mal nicht hatte dabei sein können. Fieberhafte Erkältung. Da bleibt man doch lieber zuhause.

Früher wäre man durch WhatsApp oder einen anderen Messenger verbunden gewesen, ohne sich etwas dabei zu denken. Nachdem jedoch unser aller König Markus die Alleinherrschaft in Bayern übernommen hatte, wurde aufgrund der neuerdings Anti-Amerikanischen Haltung WhatsApp völlig abgeschafft und durch einen neuen, bayernweit völlig kostenlosen, Messenger ersetzt. Angelehnt an das bayerische Wort 'suadern' und natürlich als Hommage an den König, wurde nun also nicht mehr gewhatsappt sondern gesödert.

Die Leute liefen nur noch mit ihrem Mobiltelefon vor der Nase durch die Gegend, sozusagen Mensch-Maschinen, und es war ihnen völlig egal, daß jedes Wort, jede Sprachnachricht, direkt im Ministerium landete. Sie hatten ja nichts zu verbergen. Sie wurden nicht einmal hellhörig, als unlängst eine ältere Dame von der Sicherheitspolizei in Hausschuhen abgeführt worden war, nur weil sie das Wort 'Spargel' benutzt hatte. Natürlich hatte sie keine Ahnung gehabt, daß dies bis vor Kurzem unter den Jugendlichen ein Codewort für 'Joint' gewesen war. Denn selbstverständlich hatte König Markus die unlängst eingeführte Freigabe von Cannabis sofort wieder unterbunden. Bayern solle kein Kifferparadies werden, hatte er laut getönt und den Maßkrug erhoben. Die Menge hatte gejohlt und Beifall geklatscht.

Die logische Konsequenz war, wieder in den Untergrund abzutauchen. Wir waren alle in einem Alter, in dem man sich nicht permanent an das Mobiltelefon ketten mußte. Diese blieben bei unseren geheimen Treffen selbstverständlich außen vor. Wir wußten, wie man tote Briefkästen benutzt, wir waren fest entschlossen und fühlten uns wieder jung. Unsere geheime Losung lautete 'Seepferdchen' und wir trafen uns jede Woche auf unserer Waldlichtung, da man im Wald normalerweise nicht abgehört wird. 

Und nun stand ich an diesem Donnerstag um 19 Uhr alleine auf der Lichtung und wußte nicht, was los war. Im toten Briefkasten fand ich keine Nachricht, die anderen zu kontaktieren war praktisch unmöglich. Die oberste Regel lautete: Niemand besucht jemals einen anderen aus der Gruppe zuhause. Ansödern war selbstverständlich ebenfalls ein absolutes No-go und die öffentlichen Telefone waren in den letzten Jahren sukzessive abgebaut worden und somit nicht mehr nutzbar. 

Langsam machte ich mich auf den Heimweg. Waren wir aufgeflogen oder hatte man mich klammheimlich aus der Gruppe ausgeschlossen? Nachdenklich stromerte ich vor mich hin, es war ein milder Sommerabend, ich wollte nicht sofort nach Hause. Ich hatte mich auf den Abend mit den anderen gefreut. Hatte es in der letzten Zeit irgendwelche Differenzen gegeben? Gut, ich hatte neulich total über Jürgen und seinen Gliedersatz gelästert. Jürgen war früher eine Frau gewesen, hatte sich mittlerweile einer Hormontherapie und einer Operation unterzogen. Der Gliedersatz mußte jedes Mal vor dem Geschlechtsverkehr aufgepumpt werden und ich hatte mich darüber totgelacht. Jürgen hatte sein fleischiges Gesicht abgewandt und den ganzen Abend nicht mehr mit mir gesprochen. Verständlich. Aber war das ein Grund, mich aus der Gruppe auszustoßen wie einen Verräter? Nur wegen ein bissl rumkabbeln? Political correctness gut und schön, aber man konnte es auch übertreiben.

Es dauerte eine Weile bis mir das laute Dröhnen des Hubschraubers ins Bewußtsein drang, der wohl schon seit einiger Zeit über mir hin- und herflog. War wohl eine Übung. Oder suchten sie wieder jemanden? Einen entlaufenen Sträfling? Oder gar mich? Hastig wechselte ich die Richtung. Dummerweise hatte ich ein rotes Leiberl an, das man von oben sicherlich prima sehen konnte. Rasch zog ich es aus, warf es ins Gebüsch und rannte weiter. Ich war hier aufgewachsen, ich kannte sämtliche Schleichwege die tief ins Dickicht führten. Da würden sie mich niemals finden. Vorerst. Doch egal wie weit ich rannte, der Hubschrauber blieb stets über mir. Das Dröhnen wurde immer lauter, fast glaubte ich zu sehen, wie die Kufen die Baumwipfel streiften. Völlig panisch verschwand ich in einem der Dixi-Klos, die hier und da am Ufer der Wertach aufgestellt worden waren, um die Leute davon abzuhalten, ihre Häufchen in der naturbelassenen Landschaft abzuseilen. 

Doch was war das? Über mir gab es einen heftigen Ruck, das Klohäuschen wackelte hin und her, und ich spürte deutlich, wie es sich in die Luft hob und schaukelnd davongetragen wurde. Das durfte doch nicht wahr sein! Hastig öffnete ich die Türe einen Spalt um hinauszulugen. So ein Scheiß! Wir schwebten bereits mehrere Meter über dem Boden, zu weit um hinauszuspringen, fast wäre ich hinausgerutscht! Rasch verriegelte ich die Türe wieder. Nun bekam ich wirklich Angst. Was ging hier vor? Vom Hubschrauber mitsamt dem Klohäuschen entführt? Das glaubt einem doch wieder kein Mensch!

Und was war das für ein Klingeln? Schrill und ohrenbetäubend! Ich hielt mir die Ohren zu, während ich im Häuschen hin- und hergeschleudert wurde ... und wachte auf. Boah! Alles nur geträumt. Den Göttern sei Dank! Gut, daß ich mir vorsichtshalber den Wecker gestellt hatte. Noch einmal das Treffen zu versäumen wäre wirklich fatal gewesen.

Als ich pünktlich an der Lichtung ankam, saßen die anderen bereits im Kreis und Jürgen war gerade dabei, einen fetten Joint zu bauen. Ausgerechnet Jürgen. Ob er mir noch böse war? Ob ich mich entschuldigen sollte? Eigentlich kein Akt, aber vor allen anderen war es mir doch peinlich. Ich ging auf Jürgen zu und wollte mich neben ihn setzen. Mein 'Hallo' verhallte ungehört. Niemand rückte zur Seite, um mich in den Kreis zu lassen. Die anderen unterhielten sich völlig ungerührt weiter, es war, als sei ich unsichtbar geworden. Ich kniff mich in den Arm. Aua! Kein Albtraum dieses Mal.

Auf einmal sah ich Hendrik auf der anderen Seite drüben mit etwas Rotem wedeln. Mein Shirt, das ich im Traum ausgezogen und ins Gebüsch geworfen hatte! Wie kam das hierher?
Langsam ging ich auf Hendrik zu. Er warf mir das Leiberl entgegen und grinste mich an: 'Schönen Traum gehabt heute Nachmittag? Laß es dir eine Warnung sein, Pillemännchen. Widerstand gegen absurde Vorschriften von oben ist eine Sache, aber feindliche Haltung gegenüber Transmenschen ist ein absolutes No Go. Noch einmal so eine Aktion und du fliegst wirklich raus. Jetzt hock dich her und zeig mal, was du uns Schönes mitgebracht hast. Und Jürgen kriegt heute seine Ration gratis, nur damit das klar ist.'











Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen