Ankunft München Hauptbahnhof an einem Werktag abends gegen 18 Uhr. Ein Gewusel und eine Hektik, daß einem schlecht werden kann. Aber Taxi mag ich mir keins nehmen, auch wenn ich nicht mehr auf den Pfennig schauen muß. Die Taxler in München sind mir grundsätzlich unsympathisch und die Fahrt dauert viel länger als mit der U-Bahn. Also runter und durch die Menge gewühlt, was will man machen. Seit sie den Bahnhof umbauen, und das dauert jetzt schon viele Jahre, kann man nicht mehr von den Gleisen direkt geradeaus und zur U-Bahn hinunter sondern muß ganz links die Rolltreppe zur Ladenstraße nehmen und sich dort durchwuseln bis zur Treppe beim Yormas, da kann man dann runter zur U2. Das dauert, es nervt und der Abgang mieft immer nach Pisse. Bah.
Auf dem Weg nach Hause bemerke ich mit einigem Entzücken, daß es nun doch langsam Frühling wird. Es ist noch immer hell obwohl es schon spät ist, und der Strauch am Eck bekommt bereits lauter kleine gelbe Blüten. Wie schön! Schade, daß ich morgen wieder arbeiten muß. Ein kleiner Spaziergang durch die Natur wäre mir angenehmer, es muß ja nicht gleich wieder eine längere Reise sein. Aber besonders viel gibt es noch nicht zu sehen und ich möchte, wie gesagt, die Kolleginnen nicht im Stich lassen. Auch wenn ich nur noch an zwei Tagen arbeite, bin ich fix eingeplant und meine Vorgesetzte wäre sonst ggf. alleine und es macht wirklich keinen Spaß, Telefon und Mails gleichzeitig zu bedienen.
Aber bei Sepp werde ich noch vorbeischauen. Ich will jetzt wissen, was da los ist. Noch mit meinem Rucksack am Rücken klingle ich bei der WG. Der Türöffner surrt, ich steige die Treppen hinauf und stehe vor einem der Langhaarigen. Erst als er den Mund aufmacht erkenne ich ihn als den Schwaben, der mir - ist es tatsächlich erst vier Tage her? - bei den Briefkästen unten von der Wette berichtet hat. Heute hat er nämlich einen riesigen Verband im Gesicht und näselt unfreundlich auf Schwäbisch. Meine Frage nach Sepp wird mit einem höhnischen Auflachen kommentiert:
'Den kannsch in dr Ettschtroß bsuacha. Den hends feschtgnomma geschtrn. Ombrenga hättr me wella, där Sauhond.'
Festgenommen? Ettstraße? Sepp? Ich höre wohl nicht recht? Von hinten taucht ein Mitbewohner auf. Verdutzt wende ich mich an ihn:
'Der Sepp verhaftet? Echt jetzt? Warum denn?'
Sein Kumpel hätt von Sepp eins auf die Nase bekommen, berichtet der Mitbewohner mit hämischem Grinsen, man hätte sofort die Polizei gerufen und so sei Sepp wegen versuchten Totschlags vom USK auf den Boden geschmissen, mit Handschellen fixiert und abgeführt worden. Bislang sei er noch nicht wieder aufgetaucht, man wisse nichts über seinen Verbleib und man wolle ihn auch nicht mehr hier haben. Bamm wird mir die Türe vor der Nase zugehauen. Boah. Fassungslos stehe ich im Treppenhaus. Meine Knie zittern, ich setze mich auf die Stufen. Versuchter Totschlag? Das kann ich nicht glauben. Was für eine Idiotenbande!
Was ist zu tun? Wie kann ich mehr erfahren? Ich brauche einen Anwalt. Ich kenne keinen Anwalt. Wo bekomme ich so spät am Abend noch einen Anwalt her?
Völlig durcheinander renne ich hinüber in meine Wohnung. Internetsuche. Es gibt einen Strafverteidiger-Notdienst. Wie genial! Als ich dort anrufe hebt jemand ab, der offenbar gerade beim Essen ist. Im Hintergrund höre ich lautes Geschirrklappern, der Mann muß erst einmal hinuntermampfen bevor er sich vernünftig melden kann: 'Dr. Heumann, wie kann ich Ihnen helfen?' 'Ja guten Abend Herr Dr. Heumann, ich hab grad erfahren, daß ein Bekannter von mir gestern verhaftet wurde. Weil er jemanden auf die Nase gehauen hat. Das kann doch nicht sein, oder? Können Sie da mal nachforschen? Ich mach mir Sorgen.'
'Freilich, dafür sind wir ja da. Allerdings bräuchte ich das Geld sofort in bar. Wie heißt denn ihr Bekannter?' 'Das ist der Loipfinger Sepp aus Rimsting, aktuell wohnhaft in München aber zuletzt war er in Wien.' 'Alles klar, ich ruf gleich mal in der Ettstraße an ob ein Mann dieses Namens dort festgehalten wird und melde mich wieder bei ihnen.'
Schon hat er aufgelegt. Möchte wahrscheinlich nicht, daß sein Essen kalt wird. Ich sitze wie auf Kohlen. Immerhin hab ich den Rucksack jetzt abgelegt. Ich gehe zu meinem Tresor in dem ich meine Ersparnisse aufbewahre und schließe ihn auf. Wieviel wird er wohl wollen? 300 Euro, 500 Euro, tausend Euro? Egal. Die Gerechtigkeit muß siegen und dieser Blödmann da drüben hat eine gebrochene Nase mehr als verdient. Deswegen die Polizei zu rufen ist eine absolute Unverschämtheit! Die Bayern prügeln sich doch ständig. Da ruft man nicht die Polizei, da haut man zurück und gut is. Daß die Eingewanderten sich aber auch nie an unsere Sitten anpassen können!
Nach einer gefühlten Ewigkeit der Anruf von Dr. Heumann: 'Die Sache ist nicht ganz unkompliziert. Ihr Bekannter hat sich leider in München noch nicht angemeldet, der Meldezettel aus Wien hilft ihm hier wenig. Man unterstellt Fluchtgefahr, die Gegenseite hat offenbar Anklage wegen Mordversuchs erhoben, er wird mit dem nächsten Schub in U-Haft nach Stadelheim verbracht. Wir müssen sofort tätig werden. Der Vorschuß beträgt 500 Euro. Bis wann können Sie in der Ettstraße 2 sein? Wir treffen uns dort, Sie geben mir das Geld und nennen mir eine ladefähige Adresse. Und kleiner Tip: Bringens einen Pulli mit für den Sepp, in der Zelle ist es kalt und er wird nicht so viel angehabt haben bei der Verhaftung, da tut ein bissl Wolle gut. Zahnbürstln wären auch nicht verkehrt, ich werd schaun, daß er die bekommt, auch wenn die immer ein Theater machen, der Häftling könnt ja was draus basteln.'
Ich versichere dem Mann, mich sofort auf den Weg zu machen. Jetzt muß ein Taxi her, unfreundlich oder nicht. Kurz darauf, es war tatsächlich sofort ein Wagen verfügbar, sausen wir wie eine Rakete Richtung Innenstadt, mit 500 Euro und zwei warmen Pullovern im Gepäck. Unterwegs besorge ich an einer Tanke noch drei Packerl Tabak. Mit papers natürlich.
'Bis vors Polizeipräsidium darf ich leider nicht fahren,' erklärt mir der Fahrer. 'Ich laß Sie hier am Eck raus, Sie gehen dort die Gasse hinein und direkt gegenüber von der Kirche sehen Sie den Eingang. Alles Gute!' Ich bezahle den Mann und haste die Straße entlang. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Hier in der Stadt ist vom Frühling noch nichts zu sehen. Mist, ich hätte den Anwalt fragen sollen wie er aussieht. Naja, einen Anzug wird er anhaben, was hätt ich glaubt. Ich stehe vor dem Gittertor. Niemand hier mit Anzug. Ein paar verfrorene Touristen laufen gackernd vorbei. Ich werde ungeduldig. Hat mich der Anwalt versetzt? Der hat doch einen viel kürzeren Weg als ich! Ah, dort hinten! Ein Mann mit wehendem Mantel und Aktentasche kommt die Gasse entlanggelaufen. Ich blicke ihm hoffnungsvoll entgegen: 'Herr Dr. Heumann?' 'Ebendieser, und Sie sind die Bekannte von Herrn Loipfinger? Haben Sie das Geld dabei?' Ich drücke ihm die Scheine in die Hand, komme mir vor wie in einem alten Krimi. Auch die beiden Pullis wechseln den Besitzer. Als ich jedoch auch den Tabak übergeben will, lacht der Anwalt trocken auf: 'Wollen Sie, daß ich meine Zulassung verlier? Gegenstände dürfen nicht von außen hineingebracht werden. Pullover geht meistens gut, es ist schließlich arschkalt, aber mehr ist streng verboten. Sie haben schon recht, Tabak braucht er im Knast, aber dafür müssen Sie ihm ein Geld auf sein Konto einbezahlen, damit kann er sich beim nächsten Einkauf alles besorgen was er braucht. Bis dahin ... Leider kann ich Sie nicht mit hineinnehmen, Sie können entweder hier warten oder ich ruf Sie später an und sage Ihnen was ich erreichen konnte.'
'Achso, er wird dann nicht gleich freigelassen?'
'Gute Frau, wir sind hier in Bayern. Da muß der Mann dem Haftrichter vorgeführt werden, was ja heute mittag bereits geschehen ist wie ich in Erfahrung bringen konnte, aber offenbar hat sich Ihr Bekannter dermaßen saublöd, entschuldigen'S schon, dabei aufgeführt, ständig gegrinst und flapsig geantwortet, daß der Richter sich provoziert gefühlt hat und ihn in die U-Haft überstellt hat. Wie gesagt, kein fester Wohnsitz in Deutschland, Fluchtgefahr. Offiziell hat er nun den Status Untersuchungshäftling, da kann ich jetzt so schnell nichts mehr machen, ich muß einen Antrag auf Haftprüfung stellen, das dauert. Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich krieg das hin. Besorgen Sie mir asap einen Mietvertrag den ich bei Gericht vorlegen kann, Wohnsitz, Sie verstehen, wichtig! Ich geh jetzt da rein und red mit Ihrem Bekannten und beantrage Akteneinsicht. Dann werden wir ja sehen, wer ihn da so reingeritten hat. Eventuell ist Schadensersatz drin, müssen wir dann noch besprechen. Ihnen ist klar, daß weitere Kosten auf Sie zukommen werden?'
'Geld spielt keine Rolle!' Wie oft wollte ich diesen Satz schon einmal lässig von mir geben. Allerdings hatte ich dabei nicht an eine dunkle Gasse in der Münchner Altstadt vor dem Polizeipräsidium gedacht sondern eher an ein schickes Berghotel in Österreich. Was für ein Scheiß! Am liebsten würd ich dem Schwaben jetzt selber noch eine reinhauen, aber bringt ja nix.
Der Anwalt verspricht, sich später bei mir telefonisch zu melden um das weitere Vorgehen zu besprechen. Dann verschwindet er hinein zur Pforte und ich trabe Richtung Stachus. Nun ist es auch schon egal, ich werde mir ein weiteres Taxi leisten, auf U-Bahn hab ich jetzt wirklich keinen Bock. Außerdem hab ich meine Kopfhörer nicht dabei.
Lassen die meinen Sepp da drinnen einfach braten wegen nix! Ich kapier es immer noch nicht. Seit wann wird man eingesperrt nur weil man sich ein bissl gehauen hat? Da gibts vielleicht eine Verhandlung, ja, aber doch nicht gleich Knast. Echt nee, in München gefällt es mir überhaupt nicht mehr. Aber jetzt kann ich nicht weg, muß ich mich um Sepp kümmern. Der hat den Ernst der Lage offenbar noch nicht erfaßt. Immer alles easy peasy, geht scho, ois leiwand ... aber halt ned bei uns in Bayern.
Sepp hat den Ernst der Lage mittlerweile allerdings durchaus begriffen. In der Zelle brennt die ganze Nacht ein Notlicht, die durchgelegene Matratze ist ein Witz und er hat kein Auge zugetan. Obendrein hört man immer wieder das Klacken der Eisentüren und schwere Schritte in den langen Gängen. Dazu die kreisenden Gedanken. Nachtruhe Fehlanzeige. Dennoch hat er versucht, sich am Morgen beim Termin nichts anmerken zu lassen, was wohl ein Fehler gewesen war. Dem Richter waren seine langen Haare sofort ein Dorn im Auge gewesen, offenbar ein Spießer vor dem Herrn, noch ganz vom alten Schlag. Thronte da in seinem holzvertäfelten Kämmerlein und fühlte sich wie er Papst persönlich. Ob er denn keine Reue zeigen wolle, war er angeblafft worden. Den Sohn von Dr. med. Heinrich F. tätlich so schwer anzugreifen, daß dieser um sein Leben fürchten müsse, sei kein Kavaliersdelikt. Sepp fand das logischerweise lächerlich. Niemand müsse um sein Leben fürchten nur weil er eins auf die Nase bekommen hatte, schließlich hätte die dämliche Socke sich in sein Leben eingemischt und die Teschn verdient.
'Tetschn!', hatte der Richter gewettert, 'Das nennen Sie eine Tetschn? Der junge Mann mußte notärztlich versorgt werden und ich kann ihnen sagen, Herr Dr. med. Heinrich F. war sehr erbost und hat an höchster Stelle darauf bestanden, daß man Ihnen die Flausen schon austreibt. Hiermit verhänge ich Haftbefehl. Sie kommen morgen mit dem nächsten Schub nach Stadelheim. Da können Sie am eigenen Leibe erfahren wie das ist, wenn man sich gegen Stärkere nicht wehren kann! Sie Chaot! Abführen!'
Seither sitzt Sepp in seiner Zelle und friert erbärmlich. Bei der Verhaftung hatte er in der Tat nur ein Leiberl angehabt, man hatte ihm nicht erlaubt, eine Jacke mitzunehmen sondern ihn sofort hierhergeschleppt. Nun ist es wieder Abend und er kann noch immer nicht einschlafen, so müde er auch ist. Die dünne Zudecke ist kratzig und juckt statt zu wärmen. Zum Abendessen hatte man ihm wieder nur hartes Brot gebracht, die Wurstschreiben rollten sich bereits nach oben. Pfui Deibel! Er war hungrig, müde und kurz davor, in Tränen auszubrechen. In was für einen Albtraum war er da hineingeraten? Kati würde er wohl niemals wiedersehen. Statt das Mißverständnis beseitigen zu können, würde er monatelang im Knast sitzen, sein Job war sowas von weg und er würde nicht einmal Sozialhilfe bekommen weil er nirgends gemeldet war. Wovon sollte er leben?
Lautes Scheppern riß ihn aus seinen trüben Gedanken. Die Zellentüre öffnet sich, der Wachhabende raunzt: 'Besuch für dich, Loipfinger.'
Besuch? Wer würde ihn hier besuchen? Sollte doch einer seiner Mitbewohner Erbarmen zeigen? Aufgeregt schlapft er hinter dem Beamten her. Die Schnürsenkel hat man ihm nämlich auch genommen. Er könnt sich ja aufhängen wollen. Was ein Blödsinn!
Er wird in einen kleinen kahlen Raum geführt, am Tisch sitzt ein Mann im Anzug. Der Beamte bleibt an der Türe stehen. Sepp nähert sich langsam dem Tisch. Wer ist der Mann und was will er von ihm? Ein Bekannter seines 'Opfers' das sich an seiner Qual weiden will?
'Guten Abend Herr Loipfinger, mein Name ist Dr. Heumann, ich bin Ihr Anwalt. Keine Sorge, die finanzielle Seite ist geregelt, ich bin hier um Ihnen zu helfen. Leider hat man mich zu spät benachrichtigt, der Haftbefehl ist leider draußen, ich kann jetzt nur noch eine Haftprüfung beantragen und das dauert. Sie werden daher um einen kurzen Aufenthalt in Stadelheim nicht herumkommen. Aber nun berichten Sie doch einmal, was wirklich geschehen ist.'
Die Geschichte ist rasch erzählt. Der Mitbewohner, der Kati von der Wette erzählt, der darob sehr erzürnte Sepp der den Mann zur Rede stellt und ihm schließlich, da dieser ihn obendrein auch noch verhöhnt und triezt, schließlich eine einschenkt. Natürlich hätte er sich nicht so reizen lassen sollen, aber es sei nun einmal geschehen und er verstünde nicht, wieso man ihn deswegen hier festhalten könne. Nicht einmal ein vernünftiges Essen gäbe es, er hätte seit dem Vortag nichts mehr hinuntergebracht, die alte fettige Wurst sei zu abstoßend.
Der Anwalt schaut ernst. 'Herr Loipfinger, ich versuche, Ihnen was zum Essen zu besorgen, versprechen kann ich es aber nicht. Ansonsten, sagen Sie ab jetzt besser nichts mehr. Es wird alles gegen Sie verwendet werden. Sie haben nun einen Anwalt und etwaige Befragungen werden nur noch in meiner Gegenwart stattfinden. Ich werde mir die Akte kommen lassen und alles genau prüfen. Wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie das Opfer einer Intrige geworden. Dagegen läßt sich nur schwer etwas ausrichten, cornix cornici numquam oculos effodit* wenn Sie verstehen (Sepp versteht, er war schließlich auch am Gymnasium, auch wenn es ihm dort nicht gefallen hat) aber bleiben Sie guten Mutes! Ich hab Ihnen hier von Ihrer Freundin zwei Pullover mitgebracht die man mich freundlicherweise mit hineinbringen ließ, es ist sicherlich saukalt in Ihrer Zelle.'
'Von meiner Freundin?' Sepp ist überrascht. 'Welche Freundin?' 'Na so eine freundliche ältere Dame mit einer komischen Frisur. Bei ihr sind sie ab sofort auch gemeldet, damit Sie eine ladefähige Adresse haben. Somit haben Sie eine deutsche Meldeadresse, das wird alles sukzessive erledigt und ich hol Sie hier raus. Nur, wie gesagt, Behördenweg. Langsame Mühlen. Sie verstehen. Also bis später, ich schau mal ob ich ein paar frische Semmeln für Sie krieg.'
Komische Frisur? Das kann nur Kati gewesen sein. Sepp kommen nun doch die Tränen. Er schüttelt dem Anwalt beide Hände. 'Vielen Dank Herr Dr. Heumann, sagen Sie Kati bitte auch vielen Dank, ich hatte schon befürchtet, sie niemals wiederzusehen nur wegen dieser blöden Wette! Bitte sagen Sie ihr, das ist alles ein Riesenmißverständnis und ich kann es nicht erwarten, ihr das persönlich zu erklären!' Schluchzend wendet Sepp sich ab und wird vom Beamten wortlos wieder auf seine Zelle zurückgeführt.
Nach einer Weile taucht der Schließer noch einmal auf und überreicht Sepp eine Tüte mit zwei Wurstsemmeln.
'Ausnahmsweise, aber nur weil Ihr Anwalt so überzeugend ist. Wir sind hier kein Hotel!'
Verstohlen greift er sich an die knisternde Brusttasche und zieht wieder ab.
Erleichtert zieht Sepp sich die beiden Semmeln rein. Bildet sich ein, daß die mitgebrachten Pullis ein bissl nach Patchouli riechen. So wie Kati meistens. Patchouli und Bier. Müde kuschelt er sich zurecht, dreht er sich auf die Seite und ist trotz des Lichts und des blöden Türenklackerns schnell eingeschlafen. Er träumt von Kati und von einer Frühlingswiese, einem kleinen Zug der pfeifend vorüberfährt und laut gackernden Gänsen auf einem See mit Fontäne. Für kurze Zeit ist er wieder glücklich.
*Eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus. Auf Bayerisch: Die Großkopferten halten immer zamm.

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