Sonntag, 15. Februar 2026

Dunkel mit Kopfweh

'So ein Mumpitz!', brülle ich enerviert ins Telefon. 
'Hey', kommt postwendend der Protest aus dem Hörer.
'Wenn ich jetzt wegen dir einen Tinnitus hab dann darfst du mir die Kur bezahlen!', beschwert sich meine Bekannte.

Beschämt und mit gedämpfter Stimme erwidere ich: 'Sorry, aber was redest auch für ein Blech zamm. Nur weil der Depp einfach über den Balkon einsteigt hätt ich mich sofort auf den Teppich legen und ihn drüberlassen sollen? Das war eindeutig Hausfriedensbruch in Tateinheit mit sexueller Belästigung. Der soll froh sein, daß ich ihn nicht angezeigt hab. Wo samma denn?'

Manchmal frag ich mich schon, was ich für Leute kenne. Erst dachte ich ja, Manuela macht Witze, aber die hat das total ernst gemeint. Wieso ich mich von dem hübschen Burschen nicht habe vernaschen lassen. Ja warum wohl. Meine Wohnung ist doch kein Laufhaus wo man einfach reingeht und ... ja, erst einmal bezahlt. Die Frauen kriegen dort Geld dafür. Und ich sollte einfach so? Näh! Außerdem, so debil wie der gegrinst hat, war er hundertpro total unterbelichtet. Man muß sich mit den Leuten doch auch unterhalten können. Find ich. 

Nun ziehe ich jeden Abend die Vorhänge zu. Nicht, daß der glaubt ich würde mich dafür interessieren, was in der Wohnung gegenüber so los ist, ob er vielleicht wieder dasteht und nach oben schaut. Am Ende sieht es so aus, als würde ich ihm nachrennen. Sicher nicht. Für sowas hab ich absolut keine Zeit. Ich bin nämlich Künstlerin. Jawohl. Weiß nur niemand, vor allem die Galeristen nicht. Beim Friseur hatte ich mal eine Zeitlang was hängen. Der meinte allerdings damals, mehr als 50 Euro könnte ich für ein Bild nicht verlangen. Das gäbe das Klientel nicht her. Hinterher hat mir ein Bekannter erzählt, daß mich der nur abzocken wollte. Die Bilder zu einem guten Preis verkauft und mich pro Bild mit einem 50-er abgespeist hätte.
Seither schneide ich meine Haare selber.
Geht auch.

Eigentlich hatte Manuela aber nicht angerufen, um mich zu unzüchtigen Handlungen zu überreden, sondern sie wollte mit mir ausgehen. Alleine würde sie sich nicht trauen und ich sei doch sowieso noch nie weggegangen seit ich in München wohne. Da könne ich doch nicht sagen, es würde mir nicht gefallen, wenn ich es noch nie probiert hätte. Die hat Nerven. Ich geb doch hier nicht die Disco-Oma in irgend so einem anrüchigen Schuppen. Am Ende schleift sie mich noch in ein Pornokino! Ok jetzt mal Schluß, meine Phantasie geht mit mir durch. Leider hab ich die Gute nämlich wenig feinfühlig abgewürgt, noch bevor sie mir sagen konnte, wohin genau sie mich hätte entführen wollen. 

Fortgehen ist tatsächlich nicht mein Ding. Weiß sie aber. Zu laut, zuviele Leute und arschteuer. Wenn ich mich amüsieren will, dann lese ich ein lustiges Buch oder schaue mir einen Krimi im Fernsehen an. Ob ich sie zurückrufen soll? Ach was, die soll mit ihrem Freund weggehen, der wird ja auch mal wieder gesund werden. Muß sie halt abwarten. Männergrippe hat er. Sowas dauert.

Nachdenklich starre ich auf mein Sammelsurium von Zeitungsausschnitten, Klebebuchstaben, Farben und diversen anderen bunten hübschen Dingen, die auf meinem Wohnzimmertisch ausgebreitet liegen. Aber die Inspiration will sich nicht so recht einstellen. Warum muß ich immer noch an diesen Kerl denken? Gut ausgesehen hat er ja, aber seine Absicht war eindeutig und ich fand das einfach unverschämt. Wenn der das immer so macht, dann hat er sicherlich AIDS, Syphilis und drei verschiedene Tripper. Kann er behalten. Wütend mache ich ein paar pechschwarze Striche auf dem vor mir liegenden Papier. Jawohl!

Es läutet. Scheiße! Hab ich wieder vergessen, die Klingel abzustellen! So ein Mist. Wahrscheinlich eh nur jemand, der unten Anzeigenblättle einwerfen will. Die klingeln immer überall und hoffen, daß einer aufmacht. Ich beschließe, nicht zu reagieren.
Es läutet wieder. Hm. Die Zeugen Jehovas? Mal wieder eine herzhafte Diskussion über Glauben und Spiritualität? Warum nicht. Beherzt öffne ich die Türe ... und schaue perplex in das grinsende Gesicht vom Vortag. Der Frechdachs von gegenüber!

'Ob ich mir vielleicht ein Täßchen Mehl borgen könnte?', fragt er und grinst leutselig.
Meine Nerven!
'Erstens einmal habe ich garkein Mehl, das sind nur leere Kalorien, sowas ißt man nicht.', erwidere ich streng. 'Zweitens verleihe ich keine Lebensmittel und drittens sollte klar sein, daß das Mehl in diesem Fall weder geborgt noch geliehen wäre, da ich ja nicht dasselbe Mehl wieder zurückbekommen würde sondern ein anderes. Idealerweise jedenfalls.'
Er blickt verwirrt.
Wußte ich es doch. Unterbelichtet.

'Sonst noch Fragen?' Ich schaue ihn böse an, und nachdem er weiterhin sprachlos dasteht, schließe ich die Türe. Es zieht. Muß ja nicht sein.
Bevor er erneut läuten kann, schalte ich die Klingel ab.
Hab ich wohl versehentlich angelassen, nachdem ich heute morgen eine Lebensmittellieferung bekommen hatte. Meine Klingel ist grundsätzlich abgeschaltet weil mich das Geräusch immer so erschreckt. 

Nun ist die Inspiration da! Zu den schwarzen Wut-Strichen gesellen sich bunte Spiralen, die mit Knöpfen besetzt ausschauen wie eine ferne Galaxie. Dazwischen messages mit den Klebebuchstaben. Vorsichtshalber auf Deutsch, 'Bleib mir vom Leibe' und so, weil der schaut mir nicht aus wie einer, der was im Lexikon nachschaut.  Bissl Glitter drauf, Yeah! Im Gegensatz zu Öl trocknet ja Acryl total schnell und so bin ich kurz darauf auch schon auf dem Weg nach drüben. Und hoffe, daß in der WG die Klingel an ist. 

Ist sie. Man öffnet, und ich überreiche mit bemüht freundlichem Gesicht mein Werk und sag, es ist für den frechen Kerl mit den langen Haaren. Ich stutze. Vor mir stehen drei Kerls mit langen Haaren. 'Also ich mein den mit der Leiter', stoße ich hastig hervor, drehe mich um und holpere die Treppen hinab. Etwas überstürzt, offenbar, denn auf einmal kommen mir die Stufen entgegen, in einem irren Tempo, und es wird dunkel mit Kopfweh.






















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