Sonntag, 13. Juni 2021

Mieses Rattenleben


Hartmann saß in seiner Ecke und nagte mißmutig an einem Stück Gurkensalat, das wohl jemand im Klo runtergespült hatte und das gerade verlockend um die Ecke gesegelt gekommen war. Riesenklumpen. Aber offensichtlich schonmal gegessen. Blöde Bulimiker!

So ein Rattenleben war hart, man konnte nicht jeden Tag Sandkuchen mit Schlagobers erwarten, selbst wenn man sich direkt unter dem Gulli vor der Bäckerei Felber postierte. Da fiel höchstens mal ein Stück Brezel hindurch, und das bekam dann auch nicht er sondern Ewald vom Clan der Vornamenratten. DEN hätte sich die Frau Sengl damals aussuchen sollen für ihre Ausstellung 'Die letzten Tage der Menschheit' nach Karl Kraus. Aber nein, sie mußte Onkel Sedlacek hernehmen. Seinen geliebten, redegewandten und saucoolen Onkel, den er zeitlebens bewundert und für unsterblich gehalten hatte. Hinterher wurde  frech behauptet, es seien keine Ratten für die Ausstellung getötet worden sondern man hätte die Leichen aus dem Bestand für Zuchtratten entnommen. Gelogen! Er würde ja wohl seinen Onkel erkennen wenn er ihn sah! 

Museen waren prima Futterplätze. Kinderleicht, sich dort zu verköstigen, man mußte halt nachts rein, da war die Gefahr, erwischt zu werden, relativ gering, aber ein bisserl aufpassen mußte man schon auch. Tante Navrotil aus Salzburg war da mal böse reingefallen. Sie teilte seine Vorliebe für Gurken und war, obwohl sie eigentlich unter der Festung wohnte und dort wahrhaft fürstlich von den Resten der Touristenjausen leben konnte, eines Nachts ins Museum der Moderne rüberspaziert und wollte sich an den Gurkerln von Erwin Wurm gütlich tun. Na bah aber auch!!! Hatte der die mit so einem grauslichen Zeug präpariert gehabt! Tante Navrotil hatte auf dem gesamten Heimweg gespieben wie blöd und seither keine Gurke mehr angebissen. Vorsichtshalber. 

Nicht unbedingt ein Abenteuer, dessen man sich hätte rühmen dürfen, aber wie das Leben so spielt, genau diese Geschichterln erzählen sich praktisch von selber herum und Tante Navrotil hatte sich so manches Mal böse auslachen lassen dürfen, bis ihr Erlebnis von einer anderen Sensation abgelöst worden war, nämlich vom grausamen Tod des Cousin Eder. Dieser hatte im Hause eines emeritierten Professors in Döbling gehaust und eines Nachts aus purer Blödheit dessen Sammlung alter Folianten angenagt. Böser Fehler. Der Professor hatte beinah einen Herzinfarkt erlitten und nicht geruht bis er des Banausen habhaft wurde, und solange mit dem Spazierstock auf ihn eingeschlagen bis der Arme völlig zermatscht war und ihn die Frau Sengl ned amal mehr für die Darstellung einer ihrer zu Tode verwundeten Soldaten mehr hätte brauchen können. Die Bergung von Cousin Eder war eine der gefährlichsten Missionen der Rattenheit gewesen, an die man sich erinnern konnte. Aber schließlich hatte auch er ein anständiges Begräbnis verdient. A scheene Leich, wie man in Wien zu sagen pflegte, auch wenn er wirklich nicht mehr hübsch aussah, aber das hatte er zu Lebzeiten eh auch schon nicht getan, von daher ... wurscht.

Hartmann selber hatte lange Zeit im Essl-Museum gewohnt, das hieß schon so und hatte auch immer gehalten, was es versprach. Volle Abfallkörbe allenthalben, man mußte sich nicht einmal bis hin zum Restaurant durchbeißen. Kunstinteressiert wie er war, das lag in der Familie, war er immer gerne auch mal durch die Ausstellungen geschlendert und mit einem Mal: Boff. Ein riesiger Raum voller ausgestopfter Ratten. Schock! Zuerst hatte er niemanden erkannt, war sogar seltsam fasziniert gewesen von der Skurrilität der Exponate, die von der Künstlerin in menschliche Posen gebogen worden waren ... bis ihm auf einmal glühend der Schreck durch die Glieder fuhr: Onkel Sedlacek!!! Wie er leibte und lebte, noch mit dem Sektglas in der Hand - nur war er halt jetzt tot. Tot, gebleicht und ausgestopft zur Belustigung der Menschheit ausgestellt.

Die Kletterpartie hinauf auf den Kahlenberg danach war keine lustige gewesen, aber er hatte das Museum nach diesem Schock nicht mehr betreten wollen und von irgendwas mußte er ja leben. Die guten Plätze am Kahlenberg oben waren aber natürlich schon belegt gewesen, die Vornamenmafia hatte sich auch hier bereits bestens etabliert gehabt und so blieb ihm nur die berühmte Wiener Kanalisation, wo sich die Heimatlosen einfanden, die Gestrauchelten, die Leute ohne Beziehungen und ohne Vornamen. Die an dem nagen durften, was die Menschenschaft oben durch ihre Scheißhäuser fallen ließ. Wie beispielsweise das Stückerl gespiebener Gurkensalat, das er soeben in den Pfoten hielt.

Manchmal, aber nur manchmal, fragte er sich, wie es wohl wäre, ein Mensch zu sein. Ob die sich auch klag- und kritiklos mit allem zufriedengeben mußten, was so von oben angeschissen kam? 





Sonntag, 30. Mai 2021

Fräulein Adelgunde



'I soll was bitte? Ihne geht's wohl ned guat?'
Erzürnt blickte Fräulein Adelgunde den Bürgermeister über ihre Halbmondbrille hinweg an. Korrekt gekleidet wie immer, heute im apricotfarbenen Twinset, thronte sie hinter ihrem Schreibtisch, ganz Leib und Seele der Gemeindebücherei.

'Frau Adelgunde,' warf der Bürgermeister leicht verzweifelt und mit der korrekten Anrede ein, denn Fräulein sagte man, wie so vieles andere, schon lange nicht mehr, 'Sie müssen mich verstehen, ich hab die Gesetze nicht gemacht, ich muß nur drauf achten, daß sie eingehalten werden. Und wenn die Läden und Büchereien landesweit schließen müssen, dann eben auch bei uns.'

'Ha, des meunet Se! Etzt hend mir sowieso nur am Sonndag von Neune bis Zwölfe auf, wo sollet die jonge Leut denn a Bildung härkriega, wenn mir no GARNEMME aufhend? Nur no ins Hendy gugga ond elles falsch schreiba? Jo guat's Nächtle au! Mei Bücherei bleibt auf, do miaßt mi des Kretschmännle scho persönlich raustraga, ond des schafft der ned. I bleib do hanna hocka, ond etzt ab in da Gottesdienscht mit Ihne, gäbat se a Beischpiel! Odr isch där au verboda?'

'Das nun noch nicht,' antwortete der Bürgermeister gemessen, 'und soweit wird es wohl bei uns auch nicht kommen, aber Freude macht es auch keine, mit dieser Maske stundenlang dazusitzen und zu warten, bis der Herr Pfarrer mit seiner kilometerlangen Predigt fertig ist. Wenn nur die Solistin im Chor nicht so knödeln würde ...'

'Hano, an Kunschtgenuß wia in dr Schtadt derfet Se bei ons et erwarta,' warf Fräulein Adelgunde  gespielt affektiert ein, 'abr Sie kennet ja amol selbr mitsenga, om des Niveau zu senka, no fallt des Adele nemme so unguat auf, was meunet Se?'

Die Provokation gekonnt ignorierend drehte sich der Bürgermeister desillusioniert um und verließ die Bücherei. Er hatte sein Bestes getan, nun war guter Rat teuer.

Natürlich war die Bücherei wichtig. Erst neulich hatte ihm seine Frau ganz glücklich von einem Gartenbuch erzählt, das ihr das Fräulein Adelgunde empfohlen hätte, war ganz glücklich neben seiner Sonnenliege auf- und abgelaufen und hatte ständig von 'Ausgeizen' gesprochen. Wie immer hatte er nur mit halbem Ohr zugehört und zunächst geglaubt, ganz Schwabe, es hätte etwas mit Geld zu tun das wer von ihnen wollte und das man ihnen stur nicht gibt bis sie aufhören zu nerven, aber nein, es handelte sich wohl um eine Methode, der Braunfäule bei Tomaten zuleibezurücken, und da er sehr gerne Tomatensalat aß war ihm das Gartenstudium seiner Frau natürlich durchaus recht.

Am Mittwoch darauf, in der Gemeinderatsitzung. Kekse und Softdrinks in der Mitte des großen Tisches, eine willkommene Ausrede, die Masken zum Zwecke des Mümmelns kürzer oder länger beiseitezuschieben. Großes Thema heute natürlich: Wie bekommen wir die Bücherei geschlossen ohne das Fräulein Adele unter Lebensgefahr hinaustragen zu müssen.

'I hätt do a Idee,' meldete sich der Xaver, welcher nicht nur einer der größten Bauern im Ort war sondern auch ein kleines aber feines Bordell in einem umgebauten Kuhstall betrieb. Betrieben hatte ...

'Es gott ja nur darum, daß mer von außen glauba soll, es wär ned auf. Wäga die Nachbarn ond so. Also müssemer die Adelgunde drinnen so beschäftigen, daß sie meunt es isch auf, ond sie abr garned merkt, daß keu Kundschaft kommt. Ablenkungsmanöver, sozusagen. Ond mer müsset ned in Gottesdienscht ...'

Das war natürlich ein Argument, dem sich kaum jemand entziehen wollte und die Gesichter um den Tisch lebten merklich auf. Angestrengtes Nachdenken und lebhafte Diskussionen folgten, der nächste Sonntag stand immerhin kurz bevor. 

Samstagabend saßen die Herren des Gemeinderates geschlossen Fräulein Adelgunde gegenüber. Aufgeputzt wie die Pfingstochsen, mit sämtlichen Orden und Verdienstabzeichen geschmückt, wegen der Autorität halt, hatte man sich im Hinterzimmer des Ochsen versammelt, auf dem Land nahm man es nicht so genau und außerdem war es ja dienstlich. Xaver räusperte sich vernehmlich und ergriff dann das Wort: 'Fräulein Adelgunde, wir haben eine Bitte an Sie. Wir kennen alle Ihr weiches Herz, auch wenn Sie es nur allzuoft zu verbergen wissen. Wir haben da ein kleines Problem und hoffen sehr auf Ihre Hilfe. Ehrlich gesagt, ohne Sie sind wir aufgeschmissen und hoffen sehr, daß Sie uns beistehen mögen.'

'Heilix Blechle Xaver, wenn du hochdeutsch schwätzt, no isch es wirklich ernscht. Wa hend er denn für a Probläm?', fragte Adelgunde halb amüsiert, halb besorgt.

'Es geht um einen Asylwerber. Der soll abgeschoben werden noch vor seiner Verhandlung, das geht natürlich nicht und wir wollen ihm gerne helfen. Und ich wüßte kein besseres Versteck als das Hinterzimmer der Bücherei. Natürlich dürfen wir keinen Kundenverkehr haben in dieser Zeit. Wir müßten also vorne absperren, damit er sicher ist und ihn niemand sieht', meldete sich der Bürgermeister zu Wort.

Fräulein Adelgunde erklärte sich sofort bereit, dem 'arma Bua' Zuflucht in ihrer Bücherei zu gewähren und verfügte sich stante pede nach Hause um Kekse zu backen, damit er nicht am Ende eines qualvollen Hungerstodes stürbe, bevor der Gerechtigkeit Genüge getan werden konnte. Die Herren baten den Asylwerber in Gedanken um Verzeihung (sie kannten diese Kekse aus eigener leidvoller Erfahrung) und marschierten von dannen, um den jungen Mann, dessen Schicksal ihnen erst kürzlich vom Bürgermeister der Nachbargemeinde zugetragen worden war, in seiner Unterkunft abzuholen.

So betrat noch am selben Abend, im Schutze der Dunkelheit, Arif die Gemeindebücherei und schlug dort sein bescheidenes Lager auf. Die Themen der nächsten Gemeinderatssitzung waren dem Bürgermeister der Nachbargemeinde nämlich wohlbekannt und er war brennend daran interessiert was da wohl so geredet werden würde. Er verfügte weiters über beste Beziehungen, nicht nur nach ganz oben sondern auch weit und breit im Ländle, er hatte vom Büchereidilemma des Kollegen erfahren und ganz 'uneigennützig' seine Hilfe angeboten. 

Und so begann Arif, kaum hatte man ihn mit Lebensmitteln, Decken und Kissen wohlversorgt zurückgelassen, sich mit Hilfe einer kleinen Taschenlampe einen Weg ins Hinterzimmer des Hirschen zu bahnen (welches direkt an die Bücherei angrenzte, und dort gezielt Wanzen und Mini-Videokameras zu verteilen. Sollte ihm das Anfängerglück hold sein, so würden sicher bald spannendere Aufgaben folgen hatte es geheißen. Bis dahin mußte es ihm genügen, vor der Anwältin sicher zu sein. Bis hierher würde sie ihn sicherlich niemals verfolgen. Wenn nur diese Adelgunde mit ihren Keksen nicht wäre ...







Samstag, 22. Mai 2021

Knapp entwischt ...



'Bringst noch an Speck mit vom Hofer, Annelie? Ich tät gern amal wieder Alpenglühen zum Frühstück haben???'

'Logisch Tonerl, moch I!'

Annelie, die Frau des Feuerwehrhauptmannes warf sich mit Begeisterung in ihr neues Auto, welches sie zum Geburtstag von ihrem Mann bekommen hatte, und brauste los. Inzwischen traute sie sich, den erfreulich schnellen Flitzer voll auszufahren, es konnte ihr ja nichts passieren, immerhin war ihr Mann auch der Chef der örtlichen Polizei.

Der Einkauf war rasch erledigt, vormittags waren grundsätzlich wenig Leute beim Einkaufen unterwegs, die meisten waren beispielsweise damit beschäftigt den Hund auszuführen, damit die Trümmerln dann vor den Grundstücken der Nachbarn lagen und nicht vor den eigenen, das Jackett des Ehemannes nach fremden Haaren abzusuchen oder mit dem Geigerzähler durch den Wald zu marschieren, im Fall daß die Pilze verstrahlt wären die sie sich gerade ins Körberl sammeln wollten, die wären dann immer noch als Geschenk für die Schwiegermutter geeignet.

Annelie ging beim Ausparken bereits im Kopf das Rezept für die Alpenglühen-Weckerln durch, denn Kochen war ihre Leidenschaft, Essen die ihres Mannes, und die Kunst dabei war, beides so zu verbinden, daß dennoch beide nicht noch weiter zunahmen. Dergestalt beschäftigt bemerkte sie daher auch den näherkommenden Traktor nicht, setzte, ganz in Gedanken, völlig abrupt rückwärts aus der Parklücke, und erst als neben ihr der Traktor infolge seines hastigen Ausweichmanövers halb über die Kante hängend zum Stehen kam und die Ladung sich heftig prasselnd, praktisch Steinschlag, vom umgekippten Hänger halb auf den Parkplatzboden, halb auf ihr Autodach, ergoß, wachte sie aus ihren Kochträumen auf.

'Jössas naa, wos is jetzt los? Jöh, der oame Foara!'

Der Traktorfahrer hing halb aus seiner Kabine, erst konnte sie, die sie ihm selbstverständlich rasch zur Ersten Hilfe geeilt war, sein Gesicht nicht sehen doch dann bildete sich jähes Erschrecken auf ihren trotz ihres Alters noch immer attraktiven Zügen ab. Jonas! Der Fahrer war keiner der Bauern aus der Umgegend, was schlimm genug gewesen wäre, sondern ausgerechnet Jonas! Ein ehemaliger Liebhaber aus ihrer wilden Zeit in Wien, welcher ganz in der Nähe, drinnen im Wienerwald, ein Häuschen besaß welches ihr bestens bekannt war, nicht nur von außen.

Aber was hatte er hier in ihrer Ortschaft zu suchen, noch dazu auf einem Trecker, der einen mit Steinen beladenen Anhänger hinter sich herzog? Beziehungsweise gezogen hatte ... der Traktor hing noch immer halb über der Kante Richtung Hofer, und Jonas ... der schlug gerade seine Augen auf, richtete sich stöhnend auf, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sah sie an: 

'Na geh, die Annelie! Heast, wos duast denn? Seit waun host du an Schein? Vorgestern? Man schaut doch bevor man ausparkt! Na seavas, do brauch ma die Feuerwehrler, I hoff du bist gut versichert, des kost a Lawine da konnst di drauf valossn!'

'Wie geht's da denn?', fragte Annelie beschämt, 'hast dir eh nix brochn oder so? Duat ma laad, I hob an wos aundas docht ... oba wos führst a grod etzn die Staana do vuabei? So a bleda Zuafoi ...'

'Ahso, die aundan kennen di woahscheinli scho und umfahrn di prophlaktisch bereits großräumig, wos?' Sich langsam wieder zu seiner imposanten Größe aufrichtend berichtete Jonas von den Umbauarbeiten eines Freundes in seiner Nachbarschaft, dem er aktuell behilflich sei, ein paar Mauern einzureißen, da dieser eifrig dabei sei, sein Haus zu vergrößern. Wilde Partys seien geplant und sie wisse eh. Wie damals halt, im Swingerclub, nur eben privat. Tief Luft holend sah er sie an: 'I maan I mir is nix passiert, müßt ma halt den Anhänger wieder ... und den Trecker ... oba huach, do kummt schon die Feierwea ... na fesch, die san schnö. Woascheinlich immer in Bereitschaft wannst mid'n Auto unterwegs bist ha? Oba guat schaust aus, des Landlebn scheint dir zu bekommen!'

Mittlerweile war das Feuerwehrauto herbeigebraust, zum Stehen gekommen und heraus sprang ... ausgerechnet Toni ... Annelie schaffte es gerade noch, Jonas zuzuflüstern, daß sie so tun sollten, als ob sie sich nicht kennen, da ihr Mann nichts von ihren Wiener Eskapaden wisse, da standen die Männer bereits um den Traktor herum, zogen die Gurte an, sicherten was zu sichern war, während Toni sich festen Schrittes dem Führerhaus näherte. 

'Seawas, brauch man an Notarzt? Geht die Tür noch auf? Alles soweit in Ordnung sonst?' Jonas versicherte, daß ihm bis auf den Schrecken nichts passiert sei, und grinste dann hinterhältig: 'Bissl heftig, des Zusammentreffen mit der Annelie, wie früher halt, gell Annerl? Warst schon immer ein fescher Kracher.' 'Ach, ihr kennt euch?', fragte Toni erstaunt? 'Aber hallo! Sowas von. Sozusagen feststehende Bekanntschaft, haha.'

Annelie funkelte ihn erbost an, und blickte dann, wie auf eine Eingebung hoffend, auf dem Parkplatz umeinander - und tatsächlich kam, klassischer Deus ex Machina, exakt in diesem Augenblick ein Auto direkt neben dem ihren zu stehen und heraus stieg, man sollte nie glauben es könne nicht schlimmer kommen, die Chefin des Swingerclubs, in dem sie und Jonas damals verkehrt waren.

'Geh Jonas,', rief die Frau Chefin erschrocken aus, 'was ist dir denn passiert? Ganz bleich schaust aus!' Diskret wie immer sah sie immerhin davon ab, Annelie auch noch zu begrüßen, aber Toni sah mit gerunzelter Stirn dem Austausch zu, denn natürlich wußte er, wer die Frau war, in so einem kleinen Ort kennt man sich eben. Die Chefin eines bekannten Swingerclubs begrüßt mit Leidenschaft einen Mann, der seinerseits seine Annelie als alte Bekannte bezeichnet hatte? Und seine Frau, sonst wirklich nicht auf den Mund gefallen, stand daneben wie das personifizierte schlechte Gewissen? Was war da los, was wurde da gespielt? Hatte sie sich am Ende ... mit ihm dort getroffen? Auch mit anderen? Und ihm nichts davon erzählt? Er hatte sie damals als grundanständige, zwar geschiedene aber ehrbare alleinstehende Frau kennengelernt, die in einer Behörde einen Minijob hatte und sich so eher mühsam über Wasser hielt.

Toni versicherte der Frau Chefin, daß dem Jonas nichts passiert sei und bat sie, nun aber zur Seite zu treten, damit seine Männer mit der Bergung des Fahrzeugs beginnen könnten. Jonas, fies grinsend, rief ihr noch hinterher, man könne ja Annelie vielleicht ein bisserl strippen lassen, um die Männer zu Höchstleistungen anzuspornen. Vor Verlegenheit wußte diese nicht mehr, wohin sie schauen sollte, die Chefin erfaßte die Situation jedoch augenblicklich und rief laut: 'Jonas, du bist ein boshaftes Mensch. Du weißt genau, daß ich die Annelie damals nur als Kellnerin eingestellt hatte, also was soll der depperte Schmäh jetzt?'

Zu Annelie gewandt erklärte sie, deutlich und so daß Toni alles hören konnte: 'Frau Annelie, die Leut fragen immer noch nach Ihnen obwohl Sie damals immer viel zuviel anhatten. Aber sonst hat es nie eine Kritik gegeben, und ich hab Sie ja auch nur sehr ungern gehen lassen wie Sie wissen, Sie haben immer hervorragende Arbeit geleistet, immer korrekt, immer pünktlich und stets freundlich auch mit schwierigen Kunden. Aber nachdem Sie die Arbeit dort nicht mehr mit ihrem Verständnis von Anstand und Würde vereinbaren konnten ... ja, was sollte ich machen, ich konnte Sie ja nicht festbinden. Obwohl sich dafür sicher auch ein Publikum gefunden hätte ...'

Mit einem gespielt erschrockenen Räusperer aufgrund ihrer Offenheit drehte sie sich am Absatz um, und strebte Richtung Hofer. 'Bussi baba olle miteinand, I geh dann mal, heut is der Schampus im Angebot ...' und weg war sie.

Stumm starrte ihr Annelie hinterher, insgeheim die hochglänzende Fabulierkunst der guten Frau bewundernd, und wagte dann einen vorsichtigen Blick in die Richtung ihres Mannes. Dieser tat einen lauten Seufzer und meinte: 'Annerl, des hättst mir doch können erzählen, daß du dort als Kellnerin warst. Und daß du trotz deiner angespannten finanziellen Lage auf den Job letztendlich verzichtet hast, also das ist ... eigentlich ein Blödsinn gell, aber freuen tut's mich irgendwie schon. Na, jetzt hast ja mich, da mußt dich nicht mehr von solchen Grobianen beleidigen lassen!'

Fürsorglich zog er seine Frau zu deren Auto und meinte, mit einem letzten abschätzigen Blick in Richtung Traktor: 'Die Männer können das jetzt allein erledigen, ich führ dich rasch heim, nach dem Schock laß ich dich nimmer selber fahren, ned daß am End noch wirklich was passiert.'




Mittwoch, 5. Mai 2021

Einladung zum Dinner




Natürlich wisse seine Frau Bescheid, hatte er mir ernsthaft versichert. Bald würde man Goldene Hochzeit feiern und es habe für ihn immer nur diese eine Frau gegeben. Aber leider sei er trotz seines fortgeschrittenen Alters sexuell noch sehr aktiv, während seine Frau ...

Begeistert sei sie natürlich nicht darüber, daß er sich immer wieder einmal eine kleine Freundin aus den unzähligen Models herauspicken würde, die ihm im Laufe seines Fotografenlebens vor die Linse kämen, und es sei ihr auch klar, daß er mit den Mädels nicht nur ins Kino oder ins Theater ginge, sondern daß es sich hierbei um die zumindest geplante Befriedigung beiderseitig vorhandener Erregungszustände handle. Aber, so erzählte er weiter, seine Frau habe somit immerhin einen zufriedenen Mann zuhause, daher habe sie sich mit seinen Verhältnissen arrangiert. Allzu oft käme es sowieso nicht vor, das letzte Mal sei nun schon 12 Jahre her.

Tja, und zack waren meine Vorsätze, mich von verheirateten Männern fernzuhalten, den Bach hinunter. Reißender Gebirgsbach, sozusagen.

Das erste Fotoshooting lag bereits hinter uns, wir hatten uns phantastisch verstanden, viel geredet und gelacht, man merkte ihm sein fortgeschrittenes Alter tatsächlich nicht an, er war fitter als die meisten Männer die ich bisher kennengelernt hatte, obwohl diese erheblich jünger waren, teilweise sogar jünger als ich selbst. Wahrscheinlich die gesunde Bergluft im Voralpenland. 

Kurz darauf stand die nächste Verabredung an, dieses Mal eine gemeinsame Fototour in Garmisch, wo er in der Früh einen Arzttermin hatte und wir den Rest des Tages mit unseren Kameras in der Gegend umherstreifen wollten. Wie das Wetter in den Bergen nun einmal ist, zogen unversehens dicke, graue Wolken auf, die fetteste unter ihnen schien direkt über uns zu hängen, und während ich noch besorgt nach oben blickte brach plötzlich ein Platzregen los, daß es nur so spritzte.

Den Göttern sei Dank befand sich direkt gegenüber ein kleines Lokal, welches auch bereits geöffnet hatte und in das wir uns flüchten konnten. Bei Käseplatte, Oliven und Nüssen saßen wir lange in vertrauter Zweisamkeit, ich hatte mittlerweile nicht nur das Höschen ausgezogen und der Großteil meiner Kleidung dampfte auf den Heizkörpern vor sich hin. Es herrschte eine seltsam erotisch aufgeladene Stimmung, mein Oberteil war völlig absichtslos, praktisch selbständig, verrutscht, und als er in weinseliger Stimmung vorschlug, ich könne mich ja bei ihm zuhause duschen und umziehen, damit ich mir keine Erkältung holte, auf dem langen Weg nach München in den noch immer feuchten Kleidern, stimmte ich erfreut zu. Schließlich wußte seine Frau ja Bescheid.

Der Empfang bei ihm zuhause fiel dennoch etwas frostig aus, ich wollte mich daher lieber nicht lange aufhalten, doch die Frau des Hauses, ganz die Dame, bestand darauf, daß ich mit ihnen noch zu Abend äße, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Sie hätte erst dieser Tage auf dem Friedhof frischen Bärlauch geerntet und daraus Pesto und auch Brotaufstrich bereitet, den MÜSSE ich einfach probieren und es würde schließlich daheim niemand auf mich warten, oder?

Sorgsam bestrich sie die Brötchenhälften und achtete auch darauf, daß ihr Gemahl nicht zu kurz kam. 

Was mir nicht auffiel war, daß sie den Aufstrich aus verschiedenen Gläsern entnahm. Das weiß ich erst jetzt, wo ich selber auf Wolken reite und mich an dem Regen erfreue, der aus ihnen herab auf die Welt purzelt und alles reinwäscht. Alles, bis auf die Mörder und Mörderinnen. Die tragen ihre Schuld für den Rest ihrer Existenz mit sich herum. Auch wenn man ihnen niemals draufkommt, so wie damals, im Voralpenland, wo praktischerweise jeder hinter dem Haus einen eigenen Komposthaufen hat in dem er alles vergräbt, was an Hausmüll so anfällt.














Sonntag, 25. April 2021

Vom Regen in die Traufe



Arif war stinkig. Extrem stinkig. So richtig, richtig sauer. Nach längerer Diskussion hatte er letztendlich doch dem Plan der Herren im Anzug zugestimmt. Ehre und Charakter hin oder her - immerhin war er noch relativ jung, grad einmal Mitte vierzig, und auch sonst gut beinand, warum sollte er sein Leben wegwerfen, wenn noch soviel mileage drin war im body? Und ganz ehrlich, so richtig Lust zum Sterben hatte er sowieso keine gehabt. Man mußte schon sehr couragiert sein um den Tod zu wählen, sei dieser noch so glorreich, wenn einem praktisch in letzter Minute ein verlockender Ausweg geboten wurde. 

Mit seiner pompösen Rede von Ehre und Stolz hatte er sowieso weniger sich selber erklären als hauptsächlich Miranda loswerden wollen, seine Anwältin, die sich schon SEHR an ihn geklammert hatte. Auch wenn sie es gewesen war, die ihm den Kontakt zu seinen geheimnisvollen Rettern letztendlich verschafft hatte, bedeutete das nicht, daß er sich aus Dankbarkeit von ihr mit Haut und Haar verzehren lassen mußte. Da hätte er ja fast lieber die Folter in seinem Heimatland vorgezogen, die dauerte wenigstens nicht lebenslang.

Also hatte er das Theater mitgespielt, sein Bettlaken in kunstvoller Technik zu halbwegs reißfesten Stricken geformt und hernach ausgiebig seinen Sessel drangehängt, damit die Ballistiker hinterher authentisch langgezogene Fasern finden konnten. Wenn auch keine Leiche, denn die hatte der geschickt hineingeschmuggelte 'neue Wärter' dann doch sehr rasch ins Spital bringen lassen. Der übliche Polizist vor der Türe war ebenfalls von 'der Truppe', so kam er schlußendlich hier im 'safe house' an, um auf die neuen Papiere zu warten ... und auf den Termin beim Schönheitschirurgen.

Aber das zog sich. Die Fotos für den Ausweis konnten schließlich erst NACH dem Eingriff gemacht werden. Und da mußte man drauf warten, wie das in Österreich nun einmal üblich war. Auch wenn man vom Geheimdienst war. Draußen bestes Wetter, im Häfn hätte er wenigstens eine Stunde rausdürfen über Mittag, aber hier ... nichts. Niente. Nada.

'Waßt eh, es ist besser wenn dich niemand sieht, scheiß an die Kirschblüte, die gibt's nächstes Jahr eh wieder, jetzt ist es wichtiger, daß ned no in letzter Minutn wos danebngeht! Stö da vua die Miranda kummt voabei und sicht di!' Schaudernd mußte Arif dem Mann recht geben. Dann doch lieber sich indoors fadisieren.

Leicht irritiert sah sich Arif in der armseligen Bude um, in die man ihn gesteckt hatte. Offenbar eine sonst als Ferienwohnung genutzte Immobilie. Typisch österreichisch eingerichtet. Fesche Holzsesseln um einen riesigen Eßtisch gruppiert, Servietten mit Edelweißmuster, der obligatorische röhrende Hirsch an der Wand, und im Schlafzimmer ein Riesenbildnis der Mutter Gottes wie sie segnend die Hände über die Schlafenden hielt.
Arif hatte bei dem Anblick sofort beschlossen, auf der Couch im Wohnzimmer zu nächtigen.

Nicht, daß er nicht offen gegenüber anderen Religionen gewesen wäre. Als Kosmopolit sah er das eh alles nicht so eng, aber er hatte ein Problem mit der Scheinheiligkeit vieler christlicher Europäer. Einerseits sich die Toilette von der mazedonischen Putzfrau saubermachen lassen oder sich zum Shoppen in einer von nubischen Tagelöhnern getragenen Sänfte schaukeln lassen, es völlig in Ordnung finden, diese Leute mit einem Mindestlohn abzufinden, wenn überhaupt, und sich noch großartig vorkommen wenn man ihnen ab und an was Altes schenkte, das man selber nicht mehr mochte ... aber wehe jemand fand den Sarotti-Mohren süß. Was für ein elender Rassist der doch war!!! Mohr sagt ma ned!!! Empörung hoch drei!!!

Grad hier am Land gab es Leut, die waren so hohl, die gäben wunderbare Orgelpfeifen ab. Einfach nebeneinander an die Empore nageln und aus. Brauchst keine Spenden mehr einsammeln. Die Katholischen ham eh gern soviel gequälte Leichen wie möglich in ihren Kirchen, do kamat's auf a paar mehr oder weniger ned drauf an, oder?

Plötzlich hörte er, wie von der Wohnung nebenan die Türe aufgeschlossen wurde. Neugierig linste er durch den Türspion, sah direkt in ein breit grinsendes Frauengesicht und fuhr erschrocken zurück. Kreizdeifi! Mußte die genau jetzt hergucken? Hatte sie ihn bemerkt? 

Noch bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, erscholl seine Türklingel. Ja bestens. Was sollte er jetzt tun? Die gute Frau hatte gesehen, daß jemand zuhause war, totstellen war also nicht. Im Spiegel erblickte er sein fahles Gesicht. Jetzt war guter Rat teuer.

Beherzt griff er zur Klinke und öffnete die Türe einen Spalt. 'Ja bitte?', fragte er, um Freundlichkeit bemüht. 'San Sie der neiche Nachbar?', erscholl es von draußen? Weiterhin breit grinsend winkte ihm eine gut gebaute Dame mit extrem kurzen Haaren, er schätzte sie auf Anfang 50, zu, und sprach dann weiter, ohne auf seine Antwort zu warten. Denn wie ein Handwerker sah er wirklich nicht aus.
'Ich bräucht grad amal Ihre Hilfe, kanntn Sie kurz mit ummekommen? Ich krieg den Kasten allein ned von der Wand, mir is was hinten runterg'fallen, da komm I sonst ned hin.'

Was sollte er machen? Die Dame im Treppenhaus stehen lassen? Damit hätte er sich erst recht verdächtig gemacht. Also verließ er, einen Seufzer unterdrückend, seine Wohnung um ihr hinüber in die ihrige zu folgen. Bereits beim Eingang traf ihn beinah der Schlag. Wie sah es denn hier aus? Überall standen Kisten mit wild durcheinandergeworfenem Zeug drin, Kleider, Puppen, Stoffetzen, Werkzeug ... und am Boden stapelten sich Büchertürme. Vorsichtig folgte er der Frau in eins der Zimmer, die vom Hausflur abgingen. Auch hier sah es nicht besser aus. Wild durcheinandergeworfene Kleidung und jede Menge Büchertürme bedeckten den Boden und ließen kaum mehr Platz, um die Füße dazwischenzusetzen. Man mußte sich, so wie man sich im Japangarten von Fliese zu Fliese über den Bach hangelt, hier von freiem Fleckchen zu freiem Fleckchen hangeln. 

Und der Staub! Überall lag fingerdick der Staub! Nachdem er der Frau geholfen hatte, ihren Kasten von der Wand weg und nach erfolgreichem Aufklauben des entschwundenen Schriftstücks wieder zurechtzurücken, konnte er sich nicht mehr beherrschen, denn auch unter dem Schrank hatte es ausgesehen, frage nicht.

'Vom Saubermachen halten Sie nicht gerade viel, oder? Ab und zu mal Staubwischen wäre kein Fehler!' konnte er sich einen leisen Tadel nicht verkneifen.
Lachend drehte die Nachbarin sich um: 'Ja wos moanst! Des kommt von den Zwergenbriefen.'
'Von den Zwergenbriefen???'
'Ja genau. Die san mit Zaubertintn g'schrieben, die kannst nur gaaanz kurz lesen dann verschwindet die Tintn und der gesamte Brief zerfällt zu Staub. Also wannst viel Post kriegst, dann kommst mit dem Saubermachen nimmer nach. Man hat ja auch noch was anders zum tun, oder? I bin Künstlerin, da muß ich der Inspiration folgen und ned mit dem Putzfetzn umeinanderfeudln.'

Arif fehlten die Worte. Und das kam nun wirklich extrem selten vor. Er schlug die fröhlich vorgebrachte Einladung auf eine Tasse Tee entschieden aus (wer weiß ob es in diesem Haushalt überhaupt eine saubere Tasse gab?) und schaute, daß er in seine Wohnung zurückkam.

Die spinnen, die Österreicherinnen. Sobald er seine neuen Papiere hatte, würde er sich schleunigst vom Acker machen. Am besten rief er gleich mal seinen Kontakt an um ihn dringend darum zu bitten, ihm einen tschechischen Ausweis basteln zu lassen. Dann würde er sich irgendwo hinter dem Riesengebirge verstecken und auf seinen ersten Einsatz warten. Und sehr, sehr hoffen, daß der nichts, aber auch GARNICHTS mit irgendwelchen abgedrehten Frauen aus Österreich zu tun haben würde.

Linz, 22.7.16



















Sonntag, 11. April 2021

Alles eine Frage der Ehre



'I killed the wrong man!'

Postenkommandant Huber starrte mit offenem Mund auf den Mann, der sich vor dem Schutzglas aufgebaut hatte und ihn seinerseits anblickte ohne mit der Wimper zu zucken. Hatte er richtig gehört? Der Mann hatte sich soeben des Mordes bezichtigt? Und wieso am falschen Mann? Vor allem: Was sollte er jetzt tun? Englisch war nicht seine starke Seite und mit Mördern hatte man hier in Kaumberg praktisch keine Erfahrung. Nicht einmal in St. Pölten. Gemordet wurde, wenn überhaupt, in Wien. Großstadt und so. Aber doch nicht in seinem beschaulichen kleinen Dörfchen, unterhalb der Araburg, wo die Frau des Feuerwehrhauptmannes mit Schwung die Gemeindebibliothek betrieb und ansonsten gerne und gut für das leibliche Wohl der Feuerwehrleute und auch der Polizisten sorgte, denn der Feuerwehrhauptmann war gleichzeitig der Polizeichef.

Aber ans Essen durfte Huber jetzt nicht denken, er hatte einen Mörder vor der Scheibe stehen, und er konnte nicht einmal seinen Chef rufen ... der war nämlich grad daheim ... beim Essen!

'Are you ... äh ... do you have ze Puffn, ze pistol wis you?', wagte Huber sich an die Befragung des Verdächtigen.
Ein Muskel zuckte leicht an dessen linker Wange, ansonsten blieb seine Miene unbewegt als er antwortete: 'My friend, do not fear me, I am a broken man. I killed the wrong target. I have no weapon with me now. Please arrest me, I must atone for my sin.'

Mit diesen Worten streckte er Huber seine Unterarme hin, praktisch als Aufforderung, ihm die Handschellen anzulegen.
Mit Todesverachtung wagte sich dieser aus seinem Kabuff heraus und verbrachte den Mann ordnungsgemäß in die Arrestzelle. Aber wie sollte er jetzt die Personalien in das offizielle Protokoll übernehmen? Der mutmaßliche Täter hatte den Fragebogen auf arabisch ausgefüllt!!! Und ihn danach, dieses Mal mit einem offensichtlichen Grinsen im Gesicht, durch die Gitterstäbe gereicht.
Huber konnte sich des Verdachts nicht erwehren, daß man sich über ihn lustig machte. Genervt und gestreßt begab er sich wieder auf seinen Platz und sehnte, zum ersten Mal seit seiner Zeit als Lehrling in Traiskirchen, die Rückkehr seines Vorgesetzten herbei.

Zwei Tage später im Innenministerium von Karl dem Großen. Eine Frau im edlen Kostüm und zwei Männer im Anzug an einem Besprechungstisch sitzend, in eine hitzige Debatte verwickelt.

Einer der Männer, noch immer außergewöhnlich freundlich, wandte sich erneut an die Frau: 'Schauen'S, es ist aso: Ihre private Meinung in allen Ehren, aber umbrocht is umbrocht, und des geht ned. Ned bei uns in Österreich. Daham kennan die Tschuschn mochn wos woin, oba ned bei uns, heast!'

'Ich habe Ihnen doch gerade erklärt,' echauffierte sich die Frau, 'daß es sich bei dem Getöteten um ein übelstes Subjekt gehandelt hat, der seine Frau böswillig unterdrückt und mißhandelt hat. Dafür sollen wir den Mann jetzt bestrafen? Daß er die Welt von so einem ... ach was Menschen, von so einem Monster befreit hat? Außerdem hat er sich selber gestellt, wir wären ihm doch sonst nie daufkommen. Never ever. Der Mann hat Schneid, forgive the pun, aber wie der mit dem Messer umgehen kann, ich bin begeistert! Den können wir doch an vorderster Stelle einsetzen! Was für eine Verschwendung, solch einen Mann lebenslänglich einzusperren oder ihn gar an den Feind zurückzugeben, wo man ihn lediglich zu Tode foltern wird.

Ich wiederhole hiermit meinen Antrag, diesem Mann eine neue Identität zu verschaffen und ihn dem Heeres-Nachrichtenamt zuzuführen. Spricht perfekt Englisch, Arabisch und auch Deutsch, ist bestens ausgebildet im Nahkampf, und vor allem: hervorragende Manieren! Beherrscht sogar den Handkuß.'

'Frau Magister, bei allem Verständnis, aber auch wenn ein Mörder den Handkuß beherrscht, bleibt er ein Mörder. Do foaht die Eisenbahn drüber. Sie können ihm ja einen Liebesbrief schreiben, wie dereinst die Damen dem Herrn Unterweger, aber wir können den Mann doch jetzt nicht in unsere Reihen aufnehmen, nur weil er Ihnen g'foit! Wo kamat ma denn do hin wenn a jeder seine Günstling bei uns einführn woitat!'

'Wir wollen keine überstürzten Entscheidungen treffen,' beschwichtigte der zweite Mann den Aufgebrachten. 'Lassen Sie uns die Sache einmal überschlafen, wir treffen uns morgen noch einmal, selbe Zeit, selber Ort, und ich werde mir den Burschen zwischenzeitlich einmal ansehen, warum nicht. Anschaun kost nix. Habe die Ehre, Frau Magister, Herr Kollege, auf Wiederschaun!'

Zwei Tage später in der Justizanstalt St. Pölten. Besucherraum. Arif saß stolz aufgerichtet auf seinem unbequemen Plastiksessel und sah der Anwältin fest in die Augen: 'Ich bleibe bei meiner Aussage. Ich werde meine Strafe annehmen wie ein Mann. Ich hatte das Gebäude mit der Absicht betreten, eine andere Person zu töten, es handelt sich um eine bedauerliche Verwechslung. Meine Organisation wird die Konsequenzen ziehen, ich werde mich deren Entscheidung beugen. Ich habe versagt.'

'Aber Arif! Denk doch was wir für ein aufregendes Leben zusammen hätten wenn du mein Angebot annehmen würdest! Du wärst ein romantischer Held und ich deine Marian, du wärst ein Künstler, ein Dichter, der Erschaffer eines völlig neuen Zeitalters und ich deine Muse! Arif ich bitte dich, bei allem was dir heilig ist, wirf das doch nicht einfach weg! Bedeute ich dir denn garnichts??'

'Verzeih mir Miranda, du meinst es nur gut, ich verstehe dich und ich erkenne an, wie schwer es einer starken Frau wie dir fallen muß, sich so zu erniedrigen vor einem Mann. Jedoch: My answer is no. Es ist eine Frage der Ehre.'

'Ehre, Arif? EHRE??? Deswegen wirfst du unsere Liebe und dein Leben so leichtfertig weg? Nur weil du den falschen Typen abgeknallt hast und dabei doch den richtigen erwischt hast? Ich mein, das eigentliche Opfer kann ja immer noch wer anders ... ich BEGREIFE dich einfach nicht!'

'Ein clash of cultures liebe Miranda. Bitte mach es mir und dir nicht schwerer als es unbedingt sein muß,' erwiderte der Mann und erhob sich steif aus seinem Sessel.
'Gehe nach Hause und studiere Arthur Schnitzler, vielleicht kannst du dann annähernd begreifen, warum ich so handeln muß. Leb wohl Miranda ...'

Mit diesen Worten wandte er sich ab, gab dem wachhabenden Beamten ein Zeichen und, ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er hocherhobenen Hauptes den Raum, jeder Zoll der stolze Wüstensohn, während Miranda noch lange wie erstarrt dasaß bis der Beamte sie grummelig aufforderte, die Anstalt zu verlassen, die Besuchszeit sei vorbei. Sie wußte, ihr Leben würde ab jetzt nur noch in Monochrom ablaufen, mühsam ratternd wie ein kaputter alter Film. Farblos, tonlos, freudlos.

Zwei Tage später, die Frau des Kaumberger Polizeichefs goß sich gerade ihr abendliches Glas Prosecco ein, tat ihr Mann plötzlich einen so lauten Pruster über seiner Zeitung, daß sie zusammenzuckte und eine nicht unbeträchtliche Menge des kostbaren Nasses danebengoß.

'Heast Tonerl, wos is denn? Hod's an neichn Dodn gehm? Oba des wissatn mia doch ois Ersta, oda ned?'

'Der Araber, kannst dich an den Araber erinnern mit dem unser Huber so ein G'frast g'habt hat, weil der so getan hat, als ob er kein Deutsch könnt und der Huber is bald verzweifelt mit ihm? Du der hat sich in seiner Zelle in Pöltn drüben aufg'hängt. Frag mich bloß womit. Des san schlaue Hund, die Araber,von denan kanntn mir no wos lernan ...'





Sonntag, 14. März 2021

Alles Anton, oder was?




Vorigen Montag, ich hatte Urlaub und mir soeben eine Sitzung bei meiner Lieblingstherapeutin gegönnt, durchquerte ich mit der Kamera um den Hals und einem Lächeln im Gesicht ein Wohnviertel im Süden Dachaus. Ich war unterwegs in Richtung Schinderkreppe, einem Naherholungsgebiet, von dort wollte ich am Waldschwaigsee vorbei in Richtung Karlsfeld wandern und dabei den milden Sonnenschein genießen. Den obligatorischen Besuch im Dachauer Hofgarten hatte ich bereits absolviert und einige entzückende Blumenbilder geschossen. Was für ein herrlicher Tag!

Als ich soeben beim Postkasten über die Straße wollte und mich nach links und rechts nach etwaigen entgegenkommenden Autos umschaute, sah ich etwas weiter vorn einen Mann aus einer Seitenstraße herauskommen. Gerade noch marschierte er aufrecht mit der Tasche in der Hand an einem Baum vorbei, im nächsten Moment lag er am Boden. War er über eine Baumwurzel gestolpert? Hatte er sich was getan? Weit und breit war niemand zu sehen, also näherte ich mich unsicher und fragte, ob er sich verletzt hätte oder ob es wieder ginge?

'Ich komm nimmer auf,' sprach's dumpf von unten. 'Ich hab eh ein wehes Knie ...'
'Achja, das kenne ich', antwortete ich mitfühlend seufzend, und nachdem wir eine Zeitlang vergebens probiert hatten, ihn wieder auf die Beine zu stellen, indem er sich an mir festklammerte und ich total feste an ihm gezogen hab, setzte ich mich neben ihn auf den Boden und zeigte ihm, weil wir das mal in einem Kurs in der Arbeit gelernt hatten, wie man aufstehen kann wenn man alt ist. Aber auch das hat nicht geklappt, eben wegen des Knies.

Obendrein, das hab ich recht schnell gemerkt, war er ein ein Tschecherant. Man roch deutlich, daß er sich entweder am Abend zuvor oder bereits in der Früh ordentlich einen genehmigt hatte. Ich kannte das ja von Sigi, meinem ehemaligen Mann, und dessen Bruder - welche inzwischen beide die Gänseblümchen von unten hochschieben. Obwohl - bei Sigi bin ich mir da nicht so sicher, dem trau ich eher zu, daß er noch extra dran zieht.

Nun war guter Rat teuer. Der arme Mann krebste immer noch auf allen Vieren am Boden umeinander und ich wußte nicht mehr weiter.

In diesem Augenblick bog ein Auto in die Seitenstraße ein, an deren Anfang wir uns befanden, ich lief armwedelnd drauf zu, der Fahrer hielt auch brav an und kurbelte mit fragendem Gesichtsausdruck die Scheibe hinunter. Ob er mir helfen könnte, fragte ich, der alte Mann hier sei gestürzt und ich könne ihn alleine nicht aufheben. Gut, meinte er, mich argwöhnisch fixierend, aber Sie müssen schon auch mithelfen! (Wahrscheinlich hatte er gedacht, ich will ihm das Auto klauen? Wenn der wüßte ... ich hab nicht einmal einen Führerschein.)

Ja eh, sagte ich - der hilfreiche Herr stieg also aus, fragte erst einmal, denn als Autofahrer hat man ja einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht der alle Facetten potentieller Unfallfolgen abdeckt, ob sonst alles soweit in Ordnung sei oder ob irgendwo Schmerzen aufgetreten seien? Nachdem dies von unten verneint worden war, packte er kräftig zu und bald stand unser Schützling wieder aufrecht, schwankte aber erheblich. 

Unser Retter meinte: 'Na, Sie werden mir gleich wieder umfallen!' Der fröhliche Zecher: 'Ah naa, I fall nimmer um!' 'Hm, lehnen Sie sich doch besser noch eine Weile an den Baum da, bevor Sie weitergehen.'

Der Alte schmunzelte, er hätte sich eh schon an den Baum gelehnt gehabt, aber irgendwie sei er dann umgefallen, er wisse nicht mehr warum, vielleicht hätte er schon Alzheimer. Mit einem zweifelnden Blick, denn natürlich hatte auch er inzwischen die Fahne gerochen, begab der Autofahrer sich wieder in sein Fahrzeug und fuhr von dannen.

Ich hob dem alten Mann sein Hauberl auf, das noch am Boden gelegen war, und fragte, ob ich ihm sein schweres Sackl heimtragen solle. Er freute sich: 'Ja, wennst magsch!', und ein Leuchten trat in seine Augen.

Er ergriff meine Hand und wir tappten munter plaudernd los. Er fragte mich nach meinem Namen, erzählte, er hieße Günther und er fände mich sehr lieb. Sein Alter war schwer zu schätzen, er sah ziemlich fertig aus und hatte Knast-Tattoos an den Händen. Sehr gut beinand war er nicht, schwankte mehrmals und gestand, er habe etwas Zucker. Ob er denn schon was gegessen hätte heute? Nein ...

'Mann!!!', schimpfte ich los, 'auf nüchternen Magen was trinken und dann losrennen, des kannsch doch ned machen, und dann auch noch Diabetes!!!'

Er guckte etwas schuldbewußt von schräg unten und zwinkerte mit listigen kleinen Äuglein: Das würde seine Freundin auch immer sagen. 

Bald darauf, es war eh nicht weit aber wir kamen nur sehr langsam vorwärts, bogen wir in die Gasse ein, in der er wohnte. Am Anfang selbiger befand sich eine Baustelle, wir mußten einem Lastwagen ausweichen, der die ausgehobene Erde abtransportieren wollte, und dann ging garnichts mehr. Günther schwankte wie ein Ast im Wind und ich dachte: jetzt haut es ihn gleich wieder hin, zehn Meter vor seinem Häuschen!

Also holte ich eine Banane aus meinem Rucksack und hielt sie ihm auffordernd vor die Nase. 'Ja und was ißt du dann?', fragte er besorgt? 'Ich hab noch eine dabei, des paßt scho.'

Also aß er brav die Banane, fragte mich nochmals nach meinem Namen, weil er den schon wieder vergessen hatte, und danach schafften wir es ohne weitere Zwischenfälle bis zum Gartentor. Vorsichtshalber trug ich die Tasche noch bis zur Haustüre, er meinte: 'Warte, ich brauch den Schlüssel ...', ließ meine Hand los und griff in den Blumenkasten, der neben dem Fensterchen stand. 'Der is da immer drin', grinste er freundlich und begann, die Türe aufzuschließen.

'Ja du bist lustig,' meinte ich vorwurfsvoll, 'einem fremden Menschen das Schlüsselversteck zu offenbaren, des darfsch doch ned! Was is wenn ich  morgen komm und euch die Bude ausräum???!!!'

Nachdem die Türe offen war, stellte ich das schwere Sackl im Eingangsbereich ab und dachte, ich könne nun gehen, aber Günther wollte mich nicht fortlassen. Ich solle doch noch mit reinkommen lud er mich ein ... was ich vorsichtshalber ablehnte. Einerseits hätte es sicher nichts geschadet, wenn jemand noch ein bissl auf ihn aufgepaßt hätte, aber auf meine Frage hin, wann denn die Freundin käme, meinte er 'in etwa zwei Stunden', ich wußte ihn somit in guten Händen und dachte mir, bis dahin wird er wohl überleben.

Der Gute war so gerührt, hat mir immer wieder versichert wie lieb ich sei, wie gern er mich hätte, dabei liefen ihm sogar die Tränen aus den Auge. Mehrmals hat er mich umarmt und wenn ich mich nicht irgendwann mit Macht losgerissen hätte, stünden wir wohl heute noch dort.

Als ich auf die Straße trat, stand er noch immer in seiner Haustüre und winkte mir nach. Ich hatte ihm versprechen müssen, ihn bald besuchen zu kommen, sonst hätte er mich nicht gehen lassen.

Der arme Kerl hat mir so leid getan, aber dennoch werde ich ihn nicht besuchen. Erstens einmal, weil ich seine Freundin nicht kenne und wenig erpicht darauf bin zu erfahren, was sie von einer unverhofft auftauchenden weiblichen Bekanntschaft ihres Günthers hält, weiters werde ich mir keinen zweiten Anton aufladen, mir hat der erste schon gelangt. So lieb und gut einerseits, aber auf der anderen Seite ständig in trouble weil man ohne zu reflektieren einfach losrennt, egal wohin. Wenn man eh schon Diabetes hat, dann geht man nicht ohne Frühstück raus, von der Trinkerei auf nüchternen Magen mal ganz abgesehen. Aber da kann man sich den Mund fusselig reden, das geht bei den Antons und Günthers dieser Welt rechts rein und links wieder raus.

Obwohl sie ungute Erinnerungen wach werden ließ, hat mich diese Begegnung dennoch tief berührt. In den heutigen oberflächlichen Zeiten, in denen immer mehr Menschen freiwillig Maskenball spielen, in Kontakt mit einem echten, ehrlichen Menschen treten zu dürfen, der sagt was er denkt und tut was er fühlt, ist schon ein kleines Wunder und zeigt auf, daß noch nicht alles zu spät ist und wir die Hoffnung niemals aufgeben dürfen.