Sonntag, 7. Dezember 2025

Engelshaar

Kaum jemand kann heutzutage mehr Stroh zu Gold spinnen. Auch Feldmann hatte nur eine vage Ahnung davon was er mit dem Spinnrad in seinem Kofferraum anfangen wollte, als er sich durch den Feierabendverkehr nach Hause quälte. Seit er begonnen hatte, den alten Stall umzubauen, fielen ihm die skurrilsten Deko-Objekte ins Auge und da es ihm an Geld nicht mangelte, griff er jedes Mal beherzt zu. Dabei war er mit dem Umbau noch lange nicht fertig.

Mittlerweile war es Dezember geworden, es wurde früh dunkel und die Nachbarschaft reagierte einigermaßen erbost wenn er spätabends (er arbeitete tagsüber in einer Autowerkstatt) noch mit Preßlufthammer und Schlagbohrer hantierte. Wer auf dem Land wohnte, tolerierte bestenfalls das Gackern von Hühnern, beim Hahnengeschrei hörte es schon auf und dann gar ein Landwirt, der bis 20 Uhr in seinem Stall wütete, daß man es in der gesamten Ortschaft hören konnte? Da war doch jegliche Vorweihnachtsstimmung sofort beim Teufel!

Dieser saß derweilen behaglich am Feuer und pulte sich die Heimatscholle aus dem Pferdefuß. Daß es am Land aber auch immer so schlammig sein mußte. Die Großmutter regte sich jedes Mal total auf wenn er den Dreck ins Haus trug aber ein Teufel mit Gummistiefeln? Also alles was recht ist! Demnächst würde sie ihn vielleicht noch zum Epilieren schicken weil er so haarte? Für solcherlei Kinkerlitzchen hatte er momentan wirklich keine Zeit! Dezember war immer furchtbar busy. Die Konkurrenz schlief nicht, gerade dann nicht, und er hatte alle Hände voll zu tun damit sich die Leute nur ja nicht allzu behaglich eingroovten und am Ende noch die kollektive Stimmungskurve auf ein Niveau anhoben, das sämtliche Weltzerstörer zu friedlichen Schäfchen mutieren lassen würde.

Da hieß es Konsumzwang anheizen, Neid und Eifersucht schüren, häusliche Gewalt eskalieren lassen und die Schwiegermütter dieser Welt auf neugebackene Familien zu hetzen. Fein war's! Aber halt auch viel Arbeit.

Sein aktueller Fall war besonders heikel. Der Mann war Nebenerwerbslandwirt und leider sehr katholisch. Was ihn aber nicht daran hinderte, einen geheimen Fetisch für Latex zu hegen und diesen dann und wann in düsteren Kellern auszuleben. Seine Freundin wollte davon nichts wissen und die Leute im Dorf DURFTEN davon nichts wissen. Was würde der Herr Pfarrer sagen? Da wäre es aus mit dem Vorlesen im Gottesdienst und auch mit dem Respekt der Kameraden von der Feuerwehr. 

Der Teufel rieb sich genüßlich die Hände und beglückwünschte sich selber zu seiner genialen Idee, dem guten Mann eine perfekte Geliebte in den Weg geschubst zu haben, der er mittlerweile völlig verfallen war. Die junge Frau stand wie er auf Latex und verstand es obendrein, ihn so perfekt zu dominieren, daß er wie in Trance freiwillig vor ihr auf die Knie sank, ohne daß sie auch nur ein einziges Mal die Peitsche zu erheben brauchte.

Was für so manch anderen Menschen ein Glücksfall gewesen wäre - Traumfrau finden, mit langweiliger Freundin Schluß machen und fortan mit den Schmetterlingen im Bauch um die Wette flattern - war für den wackeren Landmann eine Höllenqual. Nach all den Jahren noch immer durch die Scheidung von seiner Ex-Frau traumatisiert (sie hatte sich mit dem Nachbarn getröstet weil er vor lauter Arbeit keine Zeit mehr für sie gehabt hatte) brachte er es nicht fertig, mit seiner Freundin Klartext zu reden. Die Traumfrau hatte mittlerweile auch keine Geduld mehr zu warten, bis der Herr Feldmann sich entschieden hatte. Sie wollte ihn ganz oder garnicht. Herr Feldmann litt. Er litt fürchterliche Qualen und der Teufel war ... fast könnte man sagen: im siebten Himmel. Wiewohl man ihn dort natürlich sofort wieder mit viel Gekreische und Oho hinausgeworfen hätte wie einen Nudisten aus dem städtischen Hallenbad.

Was dieses betraf, also das Hallenbad, war es dem Teufel ein stetiges Vergnügen, die Leute dort gegeneinander aufzubringen. Er stiftete Freundinnen an, zu fünft Schwimmen zu gehen, sich im Wasser so langsam wie möglich zu bewegen und selbstverständlich immer alle nebeneinander, so daß die anderen Schwimmer gezwungen waren, im Schneckentempo hinter ihnen herzupaddeln. Auch die Öffis waren ein Quell der Freude. Nervige Kleinkinder, die kreischend auf den Sitzen umeinanderkletterten während die Mutter scheinbar ungerührt auf ihrem Handy daddelte. Da hing der Unmut dann so dicht im Abteil, daß man ihn problemlos in Scheiben schneiden und zwischen zwei Semmerlhälften als Leberkäs hätte verkaufen können. Dann würden die Leute zusätzlich zum Tierleid auch noch gleich den Grant der Pendler mitessen. Ideen hatte er ja, der Teufel, das mußte man ihm lassen. Wirklich eine besondere Gabe, diese pure, unverfälschte Niedertracht und Bosheit!

Der Weihnachtsmann war eigentlich ein humorvolles Kerlchen, aber die Machenschaften des Gehörnten trieben ihm immer öfter den Schweiß auf die Stirn. So konnte man doch nicht arbeiten! Erst die Tage war Amor völlig entnervt nach Hause gekommen, und hatte kreidebleich und zittrig berichtet: ''Ich flieg so durch die Luft und such mir zwei Liebende, da hockt auf einmal der Irre da unten, einen riesigen Bogen im Anschlag und krakeelt: Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen, muhahaaaaaaaaaaa! Also des geht doch ned!'' Da mußte der Weihnachtsmann vorbehaltlos zustimmen: Des geht so wirklich ned!

Guter Rat war teuer und die himmlischen Kassen leer. Was brachte es, Hosianna singend Frieden verbreiten zu wollen, wenn die Leute davon überhaupt nichts mitbekamen sondern derweilen durch die erleuchteten Innenstädte zogen um ihr Weihnachtsgeld auszugeben, sich mit Glühwein vollsogen bis sie nicht mehr gradaus gehen konnten und sich nicht selten obendrein in eine vom Teufel inszenierte Schlägerei verwickeln ließen. Therapeutisch, sozusagen. Frust ablassen. 

Auch an den armen Gestalten in den finsteren Ecken ging der Flitterzauber nicht ganz vorüber. Die fanden die Adventszeit prima weil den Leuten dann das Geld locker saß. Haste mal ne Maak? Die glotzten wenigstens nicht ständig aufs Handy weil sie keins hatten. Man war froh wenn noch Bier da war oder ein kleines Fläschchen mit Hochprozentigem. Das wärmte von innen und dämpfte den Schmerz.

Hier müßte man ansetzen, überlegte der Weihnachtsmann in seinen Bart hinein. Zwar sind auch hier einige wirkliche Dummköpfe dabei aber die meisten dieser Gestrandeten sind echte, ehrliche und sensible Menschen. Die ebendeshalb an dieser Gesellschaft gescheitert waren. Opfer der Bürokratie oder des kaputten Gesundheitssystems. Leute mit Feeling, denen nie jemand zuhören wollte. Sogar die meisten Sozialarbeiter hatten mittlerweile keine Zeit, keine Geduld, keinen Nerv auf Schnapsfahnengelalle. Als ob die immer gleichen Worthülsen besser wären, mit denen die sogenannten anständigen Leute sich Tag für Tag bewarfen. Sich gegenseitig Schmeicheleien umhängten nur um potentielle Angriffe abzuwehren, die dann mit einigen Tagen oder Wochen Verzögerung doch unverhofft hinterrücks stattfanden. Der Teufel wäre nicht er selbst wenn er dafür nicht sorgen könnte.

Kurz entschlossen sandte der Weihnachtsmann ein paar seiner Engel runter an den Königsplatz, an den Oberhauser Bahnhof, an den Keplerplatz, an den Floridsdorfer Bahnhof, an die Münchner Freiheit, um nur einige der Orte zu nennen, wo man immer jemanden antraf mit dem gemeinsam man sein Leid hinunterspülen konnte.

Es war ein Freitagabend. Die Menschen wollten nach Feierabend noch einkaufen und schubsten und drängelten sich dementsprechend ungeduldig und genervt durch die im Wege herumstehenden Trinker und Trinkerinnen. Diese ließen sich das mehr oder weniger passiv gefallen um der Polizei keinen Anlaß zu geben, sie zu vertreiben. Erst neulich war dem Hubert sein Schlafplatz von der Stadt mit so blöden Pfosten abgesperrt worden, so daß er seinen Schlafsack nicht mehr hinlegen konnte. Nun lag er eben weiter vorne bei der Treppe zur U-Bahn. Wo man ständig achtgeben mußte, daß niemand drauftrat. Das war nicht schön. 

Leise mengten sich die Engel unter die Herumstehenden, verteilten Bier und Kekse und fingen vorsichtig Unterhaltungen an. Die Angesprochenen horchten auf. Was redeten die denn da? Das war doch unglaublich! Wollte man sie verhöhnen? Sie sollten nützliche Mitglieder der Gemeinschaft werden können?

''Geh kumm Oida, hau no a Hoibe her, den Schas konnst am Hean Pforra dazöön. Fia uns is da Zug o'gfoan. Uns wü kana. Seids a Sekte, ha? Mia homma ka Göd. Ned fia sowas. Und jetzt hau di iba die Heisa!''*

Sollte sich der Weihnachtsmann so getäuscht haben? Die Engel sahen sich an und schüttelten  heftig den Kopf, daß die goldenen Haare nur so flogen. Und siehe da, drüben in der Ecke stand eine ältere Frau, die mit großen Augen die umherfliegenden Haare bestaunte. Echtes Engelshaar, heute auch für sie. Mutig machte sie einen Schritt nach vorn um die leuchtenden Fäden ehrfurchtsvoll einzusammeln. Was für ein Glanz! Und was für ein wunderschönes Gefühl einem da von den Händen mitten ins Herz fuhr, wenn man eins am Finger hängen hatte.

''Nehmt doch!'', bot sie die Haare den Umstehenden an. ''Nehmt ein Haar und fühlt den wahren Geist der Weihnacht. Besinnen wir uns auf den Grund, warum wir Weihnachten wirklich feiern.''

Gemurmel. Einige nahmen zögernd eins der leuchtenden Haare und blickten sich erstaunt um. Was für ein geiles Feeling! Viel besser als das gestreckte Zeug vom Eduard und tausendmal besser als der beste Wein vom Aldi. Was war denn da los?

Die Engel lächelten und zupften sich noch mehr Haare aus die sie an die vorbeieilenden Passanten verteilten. ''Das ist wahre Liebe'', erklärten sie. ''Deswegen feiern wir Weihnachten. Um uns daran zu erinnern, daß vor 2000 Jahren jemand auf die Erde kam, um uns diese Liebe zu schenken. So daß wir sie weitergeben können. Jeden Tag und immer. Ohne etwas dafür verlangen zu müssen. Einfach so.''

Natürlich gab es auch jetzt noch Menschen die sich nach wie vor in den Fängen des Teufels befanden und kopfschüttelnd weiterhasteten. Haare verschenken. So ein Schmarrn. Wahrscheinlich Friseurwerbung. Niemand gab irgendetwas umsonst. Da wären die ja schön blöd.

Doch die verdunkelten Herzen wurden weniger und weniger, immer mehr Lichtgestalten wandelten durch die Stadt und teilten ihre Verzückung mit anderen. Die Engel sahen sich an und lächelten. Sie wurden hier nicht mehr gebraucht. Der Anfang war gemacht. Mehr konnten sie nicht tun.

Fassungslos hockte der Teufel neben seinem Fernrohr und mußte hilflos mitansehen, was auf der Erde vor sich ging.

''So eine Unverschämtheit! Engelshaar verteilen! Das ist so UNGERECHT! Meine Haare will keiner haben, die drei goldenen hat man mir vor Jahrhunderten bereits geklaut und jetzt kommen diese Gröhlemeister von da oben und versauen mir das Geschäft mit ihren ungewaschenen Matten. Es ist unpackbar! Die FREUEN sich da oben. Und ich kann NICHTS dagegen tun! Oma! Mach mir mal 'ne Verbindung nach Rußland, ich brauch Verstärkung!''

Oma lag jedoch bereits in der Badewanne und war nicht willens, nur aufgrund einer Laune ihres schwefligen Enkels dieses selten gewordene Vergnügen aufzugeben. Seit überall nach Bodenschätzen gebohrt wird ist es in der Hölle auch nicht mehr so warm wie man allgemeinhin annimmt und der Energiesparzwang war schon lange auch dort unten angekommen.

Bis sie also endlich bereit war, ihre runzligen Zehen langsam aus dem Wasser zu strecken, ächzend aus der Wanne zu klettern, sich abzutrocknen und sich anzuhören, was man denn genau von ihr wollte, waren die Engelshaare bereits auf der gesamten Welt verteilt. Die Globalisierung macht's möglich. Als der Teufel schließlich jemandem vom Kreml am Apparat hatte, war es zu spät. Auch dort herrschte Verzückung und wahre Freude. Niemand war bereit, sich das boshafte Geschnarre aus der Unterwelt anzuhören.

Grantig warf der Teufel sein Wörterbuch Deutsch-Russisch ins Feuer. Hatte sich denn die gesamte Welt gegen ihn verschworen?

Offenbar. Die Menschen waren von ehrlicher Freude erfüllt, sie lachten sich an, Messer wurden lediglich zum Schneiden von Zwiebeln oder Kuchenstücken verwendet und sogar Herr Feldmann hatte es geschafft, sein Leben in Ordnung zu bringen. Er lebte fortan in friedlicher Eintracht mit seinen beiden Frauen. Da er nach wie vor die meiste Zeit mit Arbeiten verbrachte, hatten die beiden sich einander zugewandt und vermißten ihn kaum.

Das klingt alles wie ein Märchen. Ist es auch. Aber es wird nicht mehr lange dauern, da wird jemand die einzig wahre Liebes-App erfinden. Nicht zu verwechseln mit Dating Apps. Diese neue App wird dem steten Gedenken an die wunderbare Macht der wahren Liebe dienen. Und dann, Leute, DANN hat der Teufel wirklich verloren, denn gegen die wahre Liebe kommt selbst die teuflischste aller Gaben nicht mehr an. Wir müssen uns nur immer und immer wieder daran erinnern. Mit oder ohne App

*Na komm, gib noch ein Bier her, den Unsinn kannst du dem Herrn Pfarrer erzählen. Für uns ist der Zug abgefahren. Uns will keiner. Seid ihr eine Sekte, hm? Wir haben kein Geld. Nicht für so etwas. Und jetzt geh bitte wieder.






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