Montag, 22. Dezember 2025

Das Familientreffen

Ein muffiger Geruch nach alten Akten hing wie immer in den Räumen des Augsburger Finanzamts, wo Herr N. wieder einmal einen Bürotag einlegte. Seine Arbeit als Steuerprüfer war abwechslungsreich und er kam viel herum, doch liebte er die Bürotage. Vor allem weil er dort nicht von mißtrauischer und latent feindseliger Kundschaft sondern von seinen Kollegen umgeben war, mit denen er seit vielen Jahren friedlich und freundschaftlich zusammenarbeitete. 

'Karli, Telefon!'

Hastig eilte Herr N. zurück an seinen Schreibtisch. Seine Ohren waren nicht mehr das, was sie einmal gewesen waren, ab und zu ertönte darin sogar ein ominöses Pfeifen, und das sparsame Klingeln im Amt war leicht zu überhören wenn er, wie gerade vorhin, in der Kaffeeküche mit den Damen scherzte.

'Na du Schlafmütze, wo bleibst denn?', tönte der immer leicht spöttische Baß seines Bruders an sein Ohr. 'Hör mal, wir fahren an Allerheiligen wieder ans Grab, holst uns vom Bahnhof ab? Wir wohnen im Hotelturm und dann können wir gleich von dort an den Friedhof fahren, ok?'

Als ob er eine Wahl hätte. Herr N. mochte seine Schwägerin wirklich gerne, aber sein Bruder Rudolf ging ihm nach all den Jahren oft genug immer noch gewaltig auf den Keks mit seinem Kommandoton. Was der ihn als Kind schon immer geärgert hatte! Einmal hatte er ihm deshalb aus blinder Wut ein Holzgewehr nachgeworfen, das beim Aufprall eine verdammt tiefe Delle in der Türe hinterlassen hatte. Hinterher war er natürlich schwer betroffen gewesen. Wenn er besser gezielt hätte ... aber was mußte Rudolf die Leute immer reizen bis aufs Blut. Und wenn man dann am Toben und am Brüllen war, saß er fies grinsend im Eck und genoß das Resultat seiner Bemühungen. Beruflich arbeitete er mittlerweile als Manager bei der Bahn. Da brauchte man Männer mit starken Nerven.

Sinnend saß Herr N. an seinem Schreibtisch und blickt die schwarze Gummiente an, die dort als Briefbeschwerer diente. Ein Geschenk seiner verrückten Schwester. Die Ente blickte ungerührt zurück. 'Selbst schuld,' schien sie zu sagen. 'Was bist auch immer für ein gutmütiger Depp. Soll er doch ein Taxi nehmen der alte Geizkragen und nicht immer dich als Chauffeur mißbrauchen. Stehen genug rum am Bahnhof.'

Seufzend machte Herr N. sich wieder an die Arbeit. Die Berichte schrieben sich nicht von selber und außerdem mochte er seinen Job. Auch wenn ihm in Augsburg nicht immer der gewünschte Respekt entgegengebracht wurde. Man kannte sich aus der Schule oder aus dem Chor, und so konnte es durchaus passieren, daß er ein Geschäft betrat um die Bücher einer Prüfung zu unterziehen und von einem lauten Lachen begrüßt wurde: 'Ja do schau her, dr Karli, griaß di! Was machschn DU do?'

Ja das merkten sie dann schon recht bald, was ER da machte. Grummel. Leider hatte sein Bruder Rudolf keinen Laden, den er prüfen konnte. Wäre eh nicht sein Einzugsgebiet gewesen, der wohnte viel zu weit weg, im Nordwesten Deutschlands.

Am 1. November fuhr Herr N. wie verabredet in die Stadt, um Rudolf mit Familie vom Zug abzuholen. Geparkt wurde vor dem Finanzamt, immerhin hatte er hiermit einen Vorteil den anderen Augsburgern gegenüber, die sich teuer ins Parkhaus stellen mußten wenn sie mit dem Auto in die Innenstadt wollten. Kaum war man losgefahren in Richtung Hotelturm, fing Rudolf schon wieder das Triezen an. 'Grüner wirds ned! Sag amol wo hosch denn du den Führerschein her? Vom Grabbltisch von dr Kaufhalle?' Herr N. beherrschte sich mühsam. Im Auto hatte er eh keine Waffen griffbereit. Leider. Manchmal wünschte er sich, er hätte die Gewehre des Vaters nach dessen Tod nicht beim Landratsamt abgegeben. Den Weiterbesitz ohne die vorgeschriebene Unbrauchbarmachung hätte er den Behörden gegenüber mit seinem Status als 'gefährdete Person' begründen können. Bei DEM Bruder. Doppelgrumpf! 

Nachdem die Weitgereisten ihr Gepäck im Hotelzimmer verstaut und sich ein wenig frischgemacht hatten, traf man sich wie verabredet unten im Restaurant. Karl, Rudolf, dessen Frau Beate und Norbert, Rudolfs Sohn aus erster Ehe. Unverhofft war auch die verrückte Schwester dazugekommen. Obwohl niemand sie eingeladen hatte. Man munkelte, sie könne hellsehen. Fröhlich verteilte sie Süßigkeiten, die sie unterwegs in einer Verschenke-Kiste vor einem Haus gefunden hatte. Überbleibsel von Halloween. Niemand mochte so recht zugreifen.

Die Vorspeise wurde aufgetragen, man unterhielt sich über Belangloses, die Stimmung blieb friedlich. Der Hauptgang wurde als Wildragout-Töpfchen angekündigt und ansprechend garniert in einem ausgehöhlten Kürbis serviert. Man wünschte sich einen guten Appetit und Rudolf begann, die Kostbarkeit gierig in sich hineinzuschaufeln. Doch was war das? Hustend und prustend griff er nach seinem Wasserglas und trank es in einem Zug aus. Knallrot im Gesicht atmete er tief durch, aß aber tapfer weiter, um sich keine Blöße zu geben - nachdem es den anderen ausnahmslos gut zu schmecken schien wie er mittels heimlicher Seitenblicke festgestellt hatte. Keiner hustete, keiner lief rot an. Hatte man lediglich bei ihm den Pfeffer ins Essen fallen lassen oder was war da los?

Nur mit äußerster Beherrschung brachte Rudolf das Essen hinter sich, die Hälfte mußte er stehenlassen. Auf die Frage der Bedienung, ob es ihm nicht geschmeckt hätte, brachte er lediglich ein zittriges Lächeln zustande.

Wenn Beate, auf ihrem Weg zur Toilette, mitbekommen hatte, wie ihr Schwager Karl der Bedienung dankbar auf die Schulter klopfte und ihr einen gefalteten Schein zusteckte, so ließ sie sich nichts anmerken. Auch ihr war die Spannung zwischen den beiden Brüdern nicht entgangen. 

Später am Grab, als man gemeinsam auf den Pfarrer wartete, der wedelschwingend durch die Reihen eilte, glaubte Rudolf, eine leichte Verschiebung der Marmorplatte zu beobachten. Eine strenge Stimme tönte aus den Tiefen des Grabes hervor und ließ ihn zusammenzucken: 'Rudolf, laß das Karlchen in Ruhe!'

Rudolf wischte sich den Schweiß von der Stirne, der ihm trotz des kühlen Novembertages auf die Stirne getreten war. Vielleicht sollte er einmal mit seinem Arzt reden. Beruflich kürzer treten. Schließlich war er bereits herzkrank, und niemand lebte ewig. Beschämt nahm er seinen kleinen Bruder am Arm und meinte vertraulich: 'Tut mir leid Karli, wenn ich mich heute mittag im Ton vergriffen habe, ich werde versuchen, mich zu bessern. Schließlich sehen wir uns so oft auch wieder nicht und wer weiß wie lange noch.' Sogar die verrückte Schwester bekam ein freundliches Lächeln, das diese aber nicht bemerkte, da sie mit dem Kopf wieder einmal völlig woanders war und obendrein kurzsichtig. Beate grinste leise in sich hinein. Ihr Mann war im Grunde doch ein guter Kerl. Auch wenn man manchmal ein wenig nachhelfen mußte.





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