Sonntag, 30. November 2025

Zu spät


Als Hubert diesen neuen Auftrag bekam, war ihm zuerst ziemlich mulmig zumute. Sollte er ablehnen? Andererseits ... so lange war er noch nicht bei der Agentur um sich wählerisch zeigen zu dürfen. Er brauchte das Geld. Die Karriere beim SEK war leider unwiederbringlich vorüber. Ein Bulle mit einem kaputten Bein? Und Innendienst war wenig verlockend. Dann doch lieber selbständig. Aber den Gesellschafter einer alternden Dame zu geben nur weil die zu Geld gekommen war und eine Paranoia entwickelt hatte? Sie hatte sich ein Haus am Waldrand gekauft, mit Pool und allem Schnickschnack, und wollte sich nun zusätzlich zur Alarmanlage auch noch privaten Personenschutz leisten.

Er nahm sich vor, im Vertrag explizit erwähnen zu lassen, daß er NICHT für 'diese Art' von Spielchen zur Verfügung stehen würde. Etwas Würde wollte er sich dann doch noch bewahren. Er hatte extra seine ältesten Cordhosen angezogen um so wenig attraktiv wie möglich zu wirken. Die Mühe hätte er sich sparen können. Die Frau war dermaßen nett und naiv, daß er sich für seine Gedanken zu schämen begann. Nicht alle älteren reichen Damen sind überkandidelte Schachteln die ihre Angestellten als Spielzeug benutzen. Diese Frau war anders.

Die würde niemals den ganzen Tag in einem Strandkorb liegen wollen und sich von ihm die Sonnenmilch einmassieren lassen. Das wurde ihm sehr bald bewußt, als sie ihn stundenlang über Trampelpfade im Wald scheuchte, hier noch ein Foto und da noch eins machte, und er, obwohl 20 Jahre jünger, gewaltig Mühe hatte, Schritt zu halten.

''Ach denken Sie sich nichts, junger Mann,'' lachte sie fröhlich, als er sich für sein Zurückbleiben entschuldigte. ''Zeit meines Lebens höre ich von anderen nur: Renn doch ned so! Aber sagen Sie, hinken Sie etwa? Haben Sie sich sich gestoßen?''

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr von seiner Schußverletzung zu erzählen. Sie lauschte gebannt und kommentierte am Ende trocken: ''Wie im Fernsehen. Brutal. Ihre Frau wird aber schon froh sein jetzt, daß Sie diesen gefährlichen Beruf aufgegeben haben.''
Er schwieg. Wollte sie ihn nun doch anmachen? Daß seine Frau ihn bereits vor 10 Jahren verlassen hatte, behielt er für sich.
''Haben Sie Kinder?'', drehte er nun den Befragungsspieß um, als sie auf einer Aussichtsbank Rast machten und sich Kekse mit Wasser teilten.
''Nein,'' antwortete sie knapp. ''Ich kann Kinder nicht ausstehen und werde nie verstehen, wie man sich sowas freiwillig antun kann.''
Wieder schwieg er. Was sollte man darauf antworten?
Erst viel später erfuhr er, daß sie Autistin war und ihr laute, schrille Geräusche, wie sie Kinder nun einmal gefühlt ständig von sich gaben, körperliche Schmerzen bereiteten. Und wieder einmal schämte er sich für seine Gedanken. Irgendwie schien er ihr ständig Unrecht zu tun.

Obwohl sein Schützling jetzt stinkreich war, lebte sie irgendwo noch genauso weiter wie vorher. Zweimal die Woche begab man sich zu einem Acker im näheren Umkreis, wo man sich das Gemüse selber ausgraben konnte. Fenchel, Brokkoli, Salate, Knollensellerie ... alles frisch aus dem Boden und zu einem fairen Preis. Am Wochenende kaufte man im Hofladen ein und dreimal die Woche nach dem Yoga im Altenzentrum, zu dem er sie allerdings nicht begleiten mußte, wurde im Bioladen nach Sonderangeboten gesucht. Obwohl sie nun keineswegs mehr auf den Pfennig achten mußte, liebte sie nach wie vor Sonderangebote. Einmal wagte er es, ihr vorzuhalten, daß sie dadurch aber den ärmeren Menschen etwas wegnehmen würde.

Oha, da wurde die sonst so liebenswürdige Frau auf einmal doch ziemlich böse: ''Es gibt ich weiß nicht wieviele Läden in dieser Stadt!'' fauchte sie. ''Und ich habe genauso das Recht, Lebensmittel zu retten wie jeder andere auch. Wer zuerst kommt der mahlt zuerst, punktaus. Wer wirklich bedürftig ist, der geht zur Tafel. Der ich übrigens regelmäßig einen nicht unbeträglichen Betrag spende. Mir macht es einfach Freude, ein schönes Sonderangebot zu erwischen. Warum wollen Sie mir das jetzt kaputtreden? Gehören Sie auch zu diesen jungen Leuten, die ständig mit einer Mütze auf dem Kopf rumlaufen und immer alles besser wissen? Ich hoffe doch nicht. Eigentlich hab ich Sie anders kennengelernt. Also fangen Sie bitte nicht ausgerechnet jetzt damit an, wo wir uns grad so gut verstehen.''
Beschämt schwieg er. Wieder einmal. Nahm nur ihre Hand und drückte sie. Und sie drückte zurück. Es war alles gesagt.

Die Monate vergingen, man war mittlerweile beim Du angekommen und vergnügte sich wunderbar auf den beinahe täglichen Fototouren durch die Stadt. Man empfahl sich gegenseitig Lesestoff aus dem Bücherschrank, lachte über skurrile Begebenheiten und erfand abends immer wieder neue abenteuerliche Rezepte. 
''Wir sollten ein Kochbuch schreiben!'', meinte sie eines Abends, als sie über den dampfenden Tellern saßen. ''Ja, da müßten wir deine Notizen aber laminieren so wie du immer kleckerst!'', zog er sie auf und sie mußten beide herzlich lachen.
Auch legte sie ihre in Jahrzehnten der Einsamkeit entwickelten Eigenheiten, wie zum Beispiel Selbstgespräche, niemals ab. Ständig unterhielt sie sich nicht nur mit ihren Stofftieren sondern auch mit diversen Gerätschaften oder ihrem Rucksack. 
Als er beim Gemüseschneiden einmal Zeuge wurde, wie sie sich mit ihrem Herd unterhielt, zweifelte er an seinem Geisteszustand. Der Herd hatte sich offenbar beschwert, daß sie ihn immer 'Herdi' nannte und hatte angedroht, ihr nach ihrem Tod überallhin nachzufolgen und sie 'Leichi' zu nennen, damit sie mal sah, wie das war. Ihm entfuhr ein Stöhnen.
Sofort wandte sie sich ihm zu:
''Was ist passiert, hast du dich geschnitten?''
''Ach woher, mußte nur grad an was denken, koch nur weiter ...''

Die Innenstadt mied sie wo es nur ging, man hielt sich vorzugsweise in der Peripherie auf und er lernte die Stadt, in der er sein gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte, mit ihr zusammen völlig neu kennen.

Auf ihren Spaziergängen machte sie manchmal Witze darüber was sie ihm alles vererben würde wenn sie dereinst a Bankl reißen würde, ein Ausdruck den sie ihm erst erklären mußte, denn obwohl er sich mit ihr bereits einen ganzen Stapel österreichischer Filme angesehen hatte, war er noch immer auf Untertitel angewiesen.
Ihm war dieses Thema unangenehm denn mittlerweile bereute er seine anfängliche Einstellung zu möglicher körperlicher Annäherung zwischen ihnen beiden sehr. Je mehr Zeit sie miteinander verbrachte, desto sympathischer und auch attraktiver wurde sie für ihn. Aber nun da sie immer wieder vom Vererben sprach, verbot sich ein Geständnis seiner Gefühle erst recht. Sie würde glauben, es wäre nur wegen des Geldes. Zudem wußte er noch immer nicht, was sie in ihm eigentlich sah. War er wirklich nur ein bezahlter Begleiter oder hatte auch sie eine gewisse Zuneigung für ihn entwickelt? Manchmal hatte er den Eindruck ... doch dann ging sie wieder deutlich auf Distanz und er glaubte, sich getäuscht zu haben. 

So lebten sie in mehr oder weniger trauter Zweisamkeit dahin, bis er eines Nachmittags von einem Arztbesuch zurückkehrte und ungewöhnlich schweigsam war. Was bei ihm, der schon von Haus aus kein großer Redner war, durchaus etwas heißen wollte.
''Was hat er denn gesagt der Arzt? Darfst keinen Schampus mehr trinken?'', versuchte sie, ihn zum Lachen zu bringen.
Er schwieg weiter. Lange. Dann zog er ein Blatt Papier aus der Brusttasche und reichte es ihr.
'Schriftlicher Befund' stand dort zu lesen.
Darunter ... Fachchinesisch.
''Du hast was bitte? Wos haßt des?''

Nachdem er ihr die Diagnose erklärt hatte, stand sie wortlos auf und hantierte im Küchenschrank herum. Er starrte verunsichert auf ihren Rücken.
''Ich werde kündigen müssen. So kann ich dich nicht mehr adäquat beschützen.''
''Einen Schas wirst du! Wir sagen denen einfach nichts und du bleibst hier, so wie vorher auch!''
Sie drehte sich um und sah ihn mit wildem Gesicht an. Tränen liefen über ihr Gesicht. Erschüttert nahm er sie in die Arme. Nun war keine Zeit mehr für falsche Zurückhaltung.
''Wie lange hast du noch? Gibts eine Prognose?''
''Kein halbes Jahr mehr hat er gesagt ...''

Anfangs merkte sie ihm nichts an. Er ging nach wie vor überallhin mit und sprach auch nicht mehr von seiner Krankheit.
Doch nach einigen Wochen bekam er immer schlechter Luft und konnte bald nicht mehr mit in den Wald und über's Feld.
Sie blieben zuhause, sahen sich Filme an und lagen sich in den Armen.
Zu viel mehr war er nicht mehr in der Lage und ihr schien es zu genügen.

Schmerzen schien er keine zu haben und so kam der Arzt erst wieder, als es bereits zu Ende ging. Sterben ist nie schön, doch immerhin ist es ein Trost, in den letzten Stunden eine geliebte Person bei sich zu wissen. Sie hielt lange seine Hand und ließ sie erst los, als der Arzt vorsichtig an ihre Schulter faßte und etwas von Todesurkunde und Beerdigungsinstitut faselte.
Sie begriff nichts und wollte auch nichts davon hören.

Erst am Tag zuvor hatte er ihr seine Liebe gestanden. Dieser Idiot! Warum hatten sie die kostbare Zeit mit Zweifeln vertan? Warum hatten sie nicht früher miteinander gesprochen? Zu spät. Die schlimmsten Worte auf der ganzen Welt: Zu spät!

Zur Beerdigung war dann niemand gekommen. Absolut niemand, außer ihr.
Als der Pfarrer vor der Beisetzung den Verstorbenen mit salbungsvollen Worten segnen wollte, fiel sie ihm grob ins Wort: ''Das hat doch jetzt alles keinen Wert mehr. Schluß mit dem Unsinn, lassen Sie uns die Sache mit Anstand beenden. Die Götter werden sich um seine Seele kümmern, die wissen auch so wie das geht.''

Heute ist Hubert oben im Himmel ein gefragter Mann. Die Seelen, die sich für eine Reinkarnation entschieden haben, lassen sich am liebsten von ihm coachen.
Seine wichtigste Botschaft lautet stets: ''Sagt es den Menschen, wenn ihr sie mehr als nur lieb habt. Auch wenn ihr in den meisten Fällen Ablehnung erfahren werdet. Aber auf diese Weise werdet ihr jedenfalls nicht diese eine Person verpassen, die euch zurückliebt. Wer diesen Schmerz erfahren möchte, dann nur zu. Macht denselben Fehler wie ich. Ich wünsche euch viel Vergnügen dabei!''











Freitag, 21. November 2025

Jugenderinnerung

Ich weiß noch wie Gusti damals aus dem Knast kam. Ich hatte mittlerweile leider seinen Bruder geheiratet. Wir trafen uns am Kö nachdem ich meinen Putzjob beendet hatte und fuhren gemeinsam nach Hause. War eh klar, daß er bei uns pennte. Fand ich jedenfalls. Sigi war schon wieder pralle, öffnete nur ein Auge und fragte schroff: Hosch a Geld?
Tolle Begrüßung für einen Bruder, den man jahrelang nicht gesehen hatte.

Wir hausten total im Chaos. Ich war kurzsichtig und sah den Dreck nicht und Sigi war er scheißegal. Gusti war entsetzt und fing sofort an zu saugen und den Tisch ein bissl abzuräumen. Der war so vollgestellt mit Bierflaschen und allem möglichen Kram, daß nicht einmal die Paraphernalia Platz hatten, die man brauchte, um eine Pfeife zu bauen. Pappig war er auch. Da traf es sich wirklich bestens, daß Putzen ein Steckenpferd von Gusti war. Man erzählte sich in Kaisheim, daß er jeden Tag seine Zelle säuberlich ausgewischt hatte. 
Später erfuhr ich, daß diese Angewohnheit ihre Wurzeln in seiner Kindheit hatte. Der Vater war alt und saß meist nur noch mit seinem Flachmann im Sessel und die Mutter war süchtig und hatte keine Energie für den Haushalt, schlief meist unter dem Geschirrspülen ein. Der große Bruder war mit Dealen beschäftigt und von früh bis spät hackedicht. Also mußte der kleine Junge dafür sorgen, daß es wenigstens halbwegs sauber war in der Wohnung. 

Eigentlich hätte also endlich alles total gut sein können. Mit dem Untermieter verstanden wir uns ausgezeichnet, der kam aus der Lindauer Gegend wo gutes Gras wuchs, von dem er uns immer wieder gerne etwas mitbrachte. Leider war Sigi ein Arschloch. Statt sich zu freuen, daß sein kleiner Bruder wieder da war und für Ordnung sorgte, mußte er ihn immer wieder triezen, treffsicher kleine fiese Bemerkungen plazieren, bis er gereizt ausflippte und ihm eins in seine blöde Fresse haute. Die anderen holten ihn wieder unter dem Tisch hervor, er machte sich ein neues Bier auf, wischte sich das Blut aus dem Gesicht und es war erst einmal wieder Ruhe. Bis zum nächsten Mal. Wahrscheinlich hat er gespürt, daß Gusti und ich uns gut verstanden und es hat ihm nicht gepaßt. Statt sich zu ändern sekkiert man dann lieber den Konkurrenten.

Eines Tages war jemand auf die glorreiche Idee gekommen, die Geschirrspülmaschine in der Küche anzuwerfen. Gusti hatte Kuchen gebacken, es war sein Geburtstag gewesen aber niemand hatte gratuliert weil keiner auf den Kalender geschaut hatte. Die Küche stand voller Tassen und Teller an denen noch die Schlagsahne klebte. Die Abwasch sah nicht besser aus, also warum nicht die Maschine die Arbeit machen lassen? Was keiner von uns wußte: In eine Geschirrspülmaschine muß man so extra Tabs reintun.
Herbert im besoffenen Schädel leerte einfach normales Geschirrspülmittel rein.
Frage nicht. Es schäumte und schäumte und schäumte, bis die Küche voller Schaum war. Ewig schade, daß damals niemand eine Kamera besaß, das glaubt einem ja hinterher wieder keiner.

Wir standen im Flur und waren hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Lachanfall. Niemand wußte, was zu tun war. Irgendwann gab es einen Kurzschluß und die Maschine hörte auf zu schäumen. Natürlich war es Gusti, der das Chaos am Ende beseitigen mußte.
Seither hat niemand von uns jemals wieder eine Geschirrspülmaschine angelangt.
Was nicht mehr mit der Hand zu säubern war wurde kurzerhand weggeworfen.
Alles, nur nie wieder so eine vollgeschäumte Küche.









Sonntag, 16. November 2025

In Augschburg isch immr was los



Als ich vor etwa drei Jahren während eines Augsburg-Besuchs an der Apotheke beim Dom vorbeiging stand einer dort vor der Eingangstüre und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Natürlich habe ich ihn nach all der Zeit nicht wiedererkannt, dachte mir nur: 'Was glotzt denn der so blöd?' und marschierte weiter. Keine fünf Minuten später überholte er mich auf dem Fahrrad und fragte, schüchtern, von der Seite: ''Marga??? I bins, dr Jonas.''

Der Jonas! Wie hatte er sich verändert. Die blonden Locken, sein Markenzeichen, waren verschwunden, ebenso das ewige Grinsen. Sein Gesicht war nüchtern und ernst geworden. Nur die ewig von den Lippen baumelnde Zigarette war noch wie früher.

Ja, früher. Die Vergangenheit, so stellte sich bald heraus, war das Einzige was uns verband. Mit 'Weißt du noch, damals ...' konnte man sich durchaus eine Weile amüsieren. Sich verzückt erinnern an die Zeit in der man gefühlt permanent berauscht durch die Nächte gezogen war. Ein Spiel, in dem die Vergangenheit retrospektiv in ein rosa Licht getaucht wurde und scheinbar ein einziges großes Abenteuer gewesen war. Erinnerungen an längst verblichene Bekannte wurden durchgekaut und währenddessen so mancher Kaffee konsumiert.

Jonas war sehr beschäftigt. Er hatte das Trinken aufgehört und seine Zeit war ausgefüllt mit Vollzeitjob, Fitneßclub und Enkelbesuch. Seine Gewohnheiten waren eingefahren, er schien wenig interessiert an Neuem. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war nach wie vor neugierig, wollte etwas sehen, wollte herumlaufen, fotografieren, Altbekanntes neu entdecken und jeden Tag wie ein Präsent auswickeln und bestaunen. Kurz und gut: Jonas war noch genauso langweilig wie früher, nur halt jetzt nüchtern. 

Infolgedessen verloren wir uns wieder aus den Augen. Wenn ich nach Augsburg fuhr kontaktierte ich ihn nicht mehr vorher um ein Treffen auszumachen, ich erzählte lediglich hinterher davon, was ihn jedoch nur mäßig zu interessieren schien. Sein Radius war extrem begrenzt auf die Innenstadt während ich am liebsten die Außenbezirke erforschte bzw. neu entdeckte. Bergheim hatte jetzt einen Bioland-Hofladen und einen Bücherschrank! Und den Baggersee gab es nach wie vor, das alte Dreckloch. Zumindest in diesem Punkt waren wir uns einig: Wie konnte man da drin nur baden???

So plätscherte die aufgewärmte Bekanntschaft dahin - bis eines Tages ein weiterer verloren geglaubter Kamerad aus der Vergangenheit auftauchte: Franky, der geheimnisvolle Geflüchtete aus Jugoslawien. Nach wie vor war er ein Nervenbündel, obwohl eigentlich kein Grund mehr dafür bestand. Mittlerweile war er legal eingebürgert und wurde nicht mehr bei jedem Anblick eines Polizeiautos weiß wie eine Wand. Dennoch schien er ständig auf dem Sprung, blickte sich ständig um und machte einen extrem gehetzten Eindruck. Was war da los? 

Eines Tages saßen wir wieder zu dritt in der Mühle und überlegten, wo wir als nächstes hingehen könnten, als Franky plötzlich die Getränkekarte vom Tisch riß, dabei beinahe meine Schorle umwarf und sich, die Karte vors Gesicht haltend, zischte: ''Keine Namen! Ich bin nicht hier!'' Du meine Güte, was sollte das werden? Ein Agentenroman? 

Ganz abwegig war der Gedanke nicht. Früher hatte er immer eine Pistole zuhause gehabt. Gusti hatte sich die einmal ausgeliehen und war in die Kneipe im Erdgeschoß hinuntergegangen wo ein Junge, mit dem ich kurz zuvor einen one night stand gehabt hatte, ahnungslos sein Bier trank. Der Bub hatte mir nichts getan, lediglich hatte ich mich am nächsten Morgen so sehr über eine wohl scherzhaft gemeinte Bemerkung von ihm geärgert, daß ich auf der Stelle aufgestanden und gegangen bin. Er kam aus dem Bad und sprach, als er mich noch im Bett liegen sah: ''Na, und ich hab dacht du hosch scho Frühstück g'macht?'' Boah war ich sauer. So eine saublöde Meldung!
Natürlich hatte ich daheim alles brühwarm Gusti erzählt und der merkt sich manchmal echt jeden Scheiß. Und reagiert dann ein bissl über.

So hielt er dem armen Kerl erbost die Pistole an den Hals und zischte: ''Wenn du meiner Marga no eumol was duasch, dann mach I di alle, hosch des verstanda!!'' Der Arme war käsweiß geworden und hatte mehrmals beteuert, mir doch garnichts getan zu haben. Heute bräuchte man so etwas nicht mehr zu bringen, da würde der Barmann sofort die Bullen rufen. Damals jedoch gab es noch genügend dunkle Winkel in denen Dinge vor sich gingen, die man besser niemandem erzählt.

Nun jedoch befanden wir uns alle miteinander im Hier und Jetzt. Gusti war seit über 10 Jahren tot und die Pistole hoffentlich in irgendeinem See versenkt. Oder doch nicht? Was wurde hier gespielt? Offensichtlich hatte jemand die Lokalität betreten, von dem Franky keinesfalls gesehen werden wollte. Wild um sich blickend warf er einen 20-er auf den Tisch, zischte was von 'Schtoinerner Mo' und verschwand über die Terrasse nach draußen. So ein Depp. Jonas und ich tranken kopfschüttelnd unsere Schorle aus, bezahlten und überlegten, ob wir uns zum Treffpunkt begeben sollten oder nicht. Früher wären wir ohne nachzudenken losgelaufen. Heute jedoch stellte sich ständig die Frage nach dem Warum. Würden wir dort mehr erfahren? Langsam machten wir uns auf den Weg. Die Öffi-Verbindungen in Augsburg sind nach wie vor nichts worüber man erfreut nach Hause schreiben würde, also ging ich gleich zu Fuß und Jonas hatte eh wie immer sein Fahrrad dabei. 

Der 'schtoinerne Mo', auf deutsch 'steinerner Mann', ist eine Sagengestalt aus dem 17. Jahrhundert. Die Legende besagt, daß der Bäcker Konrad Hacker auf die Stadtmauer geklettert war und den kaiserlichen Belagerern seine extra aus Sägemehl gebackene Brote zeigte - daß die Soldaten daraufhin enttäuscht auf ihn schossen und dann aber abzogen, da die Augsburger offenbar noch genügend zu essen hatten um einer längeren Belagerung standzuhalten. Die aus Stein gehauene Skulptur befindet sich in der Nähe des Doms an einem Teil der alten Stadtmauer, nahe der Schwedenstiege. Meist sind hier relativ wenig Leute unterwegs, es gibt einige versteckte Bänke und wir hatten uns daher früher gerne hier eingefunden um heimlich einen durchzuziehen. Daher wußten wir genau, wo wir Franky finden konnten.

''Jetzt mal Klartext Franky,'' moserte ich, nachdem wir wieder glücklich vereint auf einer Bank beim Sandkasten saßen. ''Was ist los und würdest du uns bitte einweihen?''
Franky schaute unglücklich auf seine Schuhspitzen die, am Rande bemerkt, mal wieder eine Bürste vertragen hätten, und räusperte sich verlegen. 
''Ihr wißt ja, daß ich ab und zu Aufträge annehme, Wandmalereien und so.'' Interessiertes Nicken unsererseits. Franky hatte bei Gusti und mir damals eine umwerfende Abbildung eines Pink Floyd Covers an die Wand gezaubert, als Dank dafür, daß er eine Weile bei uns pennen durfte. Niemals würde ich das vergessen, der Mann war ein Genie!

''Ja, also neulich, da hab ich bei so einem reichen Kerl gearbeitet und blöderweise, ja, also da hab ich halt in einer Pause, der war nicht da, am Schreibtisch rumgeschnüffelt. Und hab was gefunden.''

Wieder starrte er müde auf seine Schuhe. ''Ja und Franky, was hosch g'funda? Laß dir doch ned alles aus dr Nas zia!!'', meckerte Jonas ungeduldig. ''Koks? An Beleg vom Altstadtpuff? Bestechungsgelder? Hosch was klaut odr warum kriegsch ständig die Krise wie frühr obwohls jetzt doch garkoin Grund mehr drfür gibt? I meun hey, du bisch fascht 80 da muaß doch amal a Ruah sei!''

''Einen Arztbrief hab ich gefunden. Der Mann hat AIDS und seine Frau offenbar keine Ahnung, daß er mit Männern ... das steht alles in seinem Tagebuch. Und er hat gemerkt, daß ich es gesehen hab. Farbflecken, verstehst du? Und jetzt läßt er mich beschatten und will mich kaltmachen. Weil ich zuviel weiß. Das ganze Geld gehört seiner Frau, wenn die am Rad dreht dann ist alles aus. Geld, Ansehen, alles futsch. Deswegen muß ich um die Ecke gebracht werden. Und ihr seid jetzt auch in Gefahr weil ich euch alles erzählt habe. Wir dürfen uns nicht mehr treffen. Am besten trennen wir uns jetzt sofort und ich werde sehen wie ich aus der Nummer wieder rauskomme.''

Betroffen saßen wir da. Ob das alles wahr sein konnte? Wer ließ derartig belastendes Material offen auf seinem Schreibtisch herumliegen? Und warum gleich umbringen? Konnte es sein, daß Franky wieder einmal einen seiner paranoiden Anfälle hatte? Kein Wunder bei seiner Vergangenheit mit Verfolgung und Folter in seiner Heimat, aber dennoch lästig. Wir waren hier in Augsburg und nicht in Sizilien. Wobei böse Zungen behaupten, daß da manchmal nicht viel Unterschied bestünde. Noch gut kann ich mich an diese üble Schießerei damals beim Schlachthof erinnern, wo ein Schulkamerad und sein älterer Bruder, zufällig ein Ex von mir, durch Schüsse aus einer Polizeipistole zu Tode kamen. Der Vater war Italiener und hatte sich vom jüngsten Sohn in einen Blödsinn verwickeln lassen. Der Vater war dann wie ein düsterer Geist im Gefängnis umhergewandert und hatte mit niemandem mehr gesprochen. Hat mir ein Kumpel erzählt, der zu der Zeit auch grad in Landsberg einsaß.

Aber das war lange her, die Sonne schien, und eigentlich wollten wir einfach nur gemütlich beisammen sein und uns nicht schon wieder wegen irgendwas reinstressen.

''Und woher weißt du das? Also daß er dich umbringen will?'', fragte ich mißtrauisch. ''Hat er was gesagt oder denkst du das nur?''

''Er hat mir einen Brief geschrieben. Ich soll meinen Lohn abholen kommen und er will mit mir reden. Also da ist doch alles klar! Sonst krieg ich das Geld immer am letzten Arbeitstag. Aber da bin ich ja abgehauen als er gemerkt hatte, daß ich an seinem Schreibtisch war. Und jetzt begegne ich ständig Leuten die ich bei ihm gesehen habe. Bestimmt seine Handlanger. Die auf einen günstigen Moment warten um mich unauffällig zu killen. Alter Mann, bissl erschrecken, kriegt er halt Herzinfarkt. Blöd gelaufen. Sowas fällt doch niemandem auf hinterher.'' 

''Ja weisch was Franky'', meinte Jonas nach einer längeren Gedankenpause, ''Da gehn mir halt jetzt mit dir hin und dann schau mer was er will, ok? Alle drei kann er ja ned einfach erschießn. Komm, des schau mer uns an!''

Nach einiger Überredungsarbeit unsererseits willigte Franky schließlich ein, rückte die Adresse raus und wir machten uns auf den Weg. Jonas auf dem Fahrrad, wir mit dem Bus und den Rest zu Fuß. Gottseidank war es von der Haltestelle nicht weit. Das Tempo das Franky und Jonas vorlegten, hätte ich nicht lange durchgehalten. So fit wie die beiden Männer war ich, obwohl jünger, bei weitem nicht.

Das Haus war wirklich imposant. Praktisch ein Schloß. Riesige Villa mit Türmchen und Erkerchen, wie aus einem Bilderbuch ausgeschnitten. Mit offenem Mund stand ich davor und bewunderte die Fassade in Schönbrunner Gelb. Was für ein geiler Kasten! Da hätte ich auch Angst, den zu verlieren. Meine Herren!

Inzwischen hatten die Jungs geklingelt, der Türöffner surrte und wir betraten die kühle Eingangshalle. Fast erwartete ich, hier einen Butler anzutreffen der uns in einen Vorraum geleiten würde um die Herrschaft über unseren Besuch zu informieren, doch es war der Hausherr selbst, wie ich aus Frankys verschrecktem Gesichtsausdruck schloß, der uns leutselig lächelnd begrüßte. 
''Na, Franky, altes Haus, hast Freunde mitgebracht? Dann kommt doch mal weiter, ich hab dir nämlich einen interessanten Vorschlag zu machen. Wir gehen in den Salon. Was wollt ihr trinken?''
Mir vorsichtshalber vornehmend, nichts von dem Angebotenen zu mir zu nehmen, folgte ich den anderen in den 'Salon'. Ein riesiges Wohnzimmer, teuer aber nicht protzig eingerichtet. An den Wänden wunderschöne Drucke. Keine Ölschinken sondern wirklich ausgesuchte Kostbarkeiten. Der Mann hatte Geschmack, keine Frage. Dann konnte er doch so unsympathisch nicht sein wie Franky tat.
Fast hätte ich vor lauter An-die-Wände-Starren nicht mitbekommen, was die beiden zu bereden hatten. Und dann mußte ich mir mit Gewalt das Grinsen verkneifen.

Wieder draußen auf der Straße platzten Jonas und ich fast vor Lachen während Franky mal wieder seine Schuhe betrachtete.
''Das war ein Romaaaaaaaaaaan, ich schmeiß mich weg, du hast einen Romanentwurf gefunden, bruuhahaaaaaaaaa!'', keuchte ich. ''Und er will a Buch über di schreiba!'', überschrie mich Jonas und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. ''A Buch über dei Flucht und deine erschten Johr hier bei uns in Augschburg, I glaubs ja ned, kommen mir da dann au drin vor?''

Vor lauter Heiterkeit kam niemand von uns auf die Idee, zu überlegen, was es denn dann wohl mit dem Arztbefund auf sich gehabt hatte, wenn die Kladde doch nur ein Romanentwurf gewesen war? Und keiner von uns bemerkte den schwarzen Wagen, der langsam um die Ecke gebogen kam als wir die Professor-Steinbacher-Straße erreicht hatten, welche in den Siebentischpark führte. Kurz nach dem ehemaligen Eingang zum Botanischen Garten griff sich Franky plötzlich an die Brust und sackte zu Boden. Erschrocken wollte ich mich über ihn beugen doch schon standen wie aus dem Boden gewachsen zwei kräftige Männer in Hoodies da, die ihn rasch aufhoben und wegtrugen. ''Ihr habt nichts gesehen, sonst seid ihr die Nächsten!'' raunte mir einer der beiden noch zu und schon waren sie mitsamt ihrer Bürde im schwarzen Auto verschwunden und brausten davon. 

Noch heute rätseln Jonas und ich, wie die beiden Franky zu Boden gestreckt hatten und was hinter der ganzen Geschichte wirklich steckte. Franky haben wir niemals wiedergesehen.








Sonntag, 9. November 2025

Der letzte Auftritt des Königs von Korinth

Eigentlich war es ja lieb gemeint. Triantafillos von der Abteilung Straßenreinigung und Gartenbau hatte vorgeschlagen, Sisyphos im Herbst für einige Wochen von seinem Felsbrocken loszueisen und ihm einen Laubbläser in die Hand zu drücken. Auf diese Weise würde er einerseits weiterhin eine schwere Tätigkeit ausführen die zu keinem befriedigenden Ergebnis führen konnte, da die Bäume hinten wieder alles vollgelaubt hatten sobald er vorne fertig war, andererseits konnte er so mal wieder in die Oberwelt zurückkehren und feststellen, daß er dort nichts, aber auch garnichts mehr versäumte. Sogar Thanatos war einverstanden gewesen.

Ihm gefiel die Aussicht, seinen gestürzten Helden beim Kampf mit den Mikroben zu beobachten, die er im Zuge seiner Tätigkeit aufwirbeln und einatmen würde. Gabs ja in der Unterwelt alles nicht. Den Überfall damals hatte er Sisyphos niemals verziehen. Daher wünschte er ihm noch immer alles erdenklich Schlechte an den Hals, in diesem Fall direkt IN den Hals.

Leider hatte niemand daran gedacht, Sisyphos zu fragen, ob er überhaupt Lust dazu hätte. Als der zuständige Beamte, ein rundlicher Mann in den 40-ern, mühsam in den Hades hinabgestiegen kam um ihn abzuholen, hätte er fast den Felsen an den Schädel bekommen. ''Zisch ab, Monsterbacke!'' war noch eine der harmloseren Beschimpfungen. Offenbar hatte sich Sisyphos mit seinem Schicksal abgefunden und war hochzufrieden damit, meditativ den Felsen den Berg hinanzuwuchten, und ihm befreit nachzublicken, wenn er vom Gipfel wieder hinabrollte. So war das Leben halt. Ein ständiges Auf und Ab. Auf die Oberwelt hatte er keine Lust mehr und schon zweimal nicht auf die lärmende Geschäftigkeit die dort Tag und Nacht vorherrschte. Wenn die Leute da oben das Laub störte, dann sollten sie es doch selber wegräumen. Sah er vielleicht aus wie ein Straßenfeger? Sicher nicht!

Tags darauf saß Stavros vor den Bildschirmen der Parkraumüberwachungsanlage im Metropark und wollte gerade seine Brotzeit auswickeln die ihm seine Frau Eleni wie immer liebevoll verpackt hatte, da sah er einen Mann aus dem Fahrstuhl steigen, dem es augenscheinlich sehr pressierte. Das alleine wäre noch kein Grund für Stavros gewesen, sich vorzubeugen und die Augen aufzureißen. Aber der Mann war, bis auf einen winzigen Lendenschurz, total nackt. Nun war es selbst im sonnigen Griechenland im Herbst nicht mehr SO warm, daß man sich unbedingt sämtlicher Kleidung entledigen wollte. Das würde die Eile erklären, mit der der Mann unterwegs war. Womöglich hatte er seine Kleidung im Auto vergessen und fror jetzt erbärmlich. Aber wozu der Lendenschurz? Wer trug denn heute noch so ein Teil? Als Stavros soeben das erste mit Reis gefüllte Weinblattröllchen in den Mund schieben wollte, kam der Mann wieder ins Blickfeld. Noch immer trug er nichts außer des besagten Lendenschurzes und irrte offensichtlich orientierungslos umher.

Mit einem bedauernden Seufzen legte Stavros die Gabel wieder zurück und stand auf. Das konnte er so nicht lassen, da mußte er eingreifen. Rasch noch in jedes Nasenloch eine Ladung Nasenspray - damit ihn seine Sinusitis nicht bei einer etwaigen Verfolgungsjagd beeinträchtigte - dann betrat er in vollem Bewußtsein seiner Parkraumüberwachunghoheitsmacht das Gelände. Der Mann irrte noch immer zwischen den abgestellten Autos umher, augenscheinlich suchte er irgendetwas. Oder irgendjemanden? War er möglicherweise das Opfer eines Anschlags geworden? Oder einfach nur ein exzentrischer Tourist der seine Reisegefährten verloren hatte?

''Öha!'', rief Stavros gebieterisch. ''Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Suchen Sie jemanden?''

Der Mann beachtete ihn nicht weiter und rannte nach wie vor im Zickzack zwischen den Autos herum. Stavros runzelte die Stirn. Das war er nicht gewohnt. Einfach ignoriert zu werden. Bei der Knappheit an Parkraum in der Großstadt taten die Leute gut daran, es sich nicht mit dem Wächter zu verscherzen. So mancher Schein hatte aus diesem Grunde bereits seinen Weg in Stavros' Taschen gefunden. 

Wer war dieser Lümmel? Sollte er die Gendarmerie rufen? Die würden ihn Mores lehren!!!
Aber wenn es sich nur um einen dummen Scherz oder gar eine Kunstinstallation handelte, dann stünde er blöd da. So wie damals in Kreta wo er im Zuge seines Jobs als Strandwächter ganze Häufen dieser bunten Dragees am Boden gefunden hatte und gleich einen auf wichtig gemacht und eine Verschmutzung des Öffentlichen Raumes gemeldet hatte. Dabei war das ein neues Kunstwerk gewesen. Gestiftet von einer kleinen österreichischen Süßwarenfabrik, die damit auf die Wichtigkeit der Autarkie von der amerikanischen Großindustrie aufmerksam machen wollten. Allein bei der Erinnerung daran, wie er von seinem Vorgesetzten herablassend über die Gegebenheiten informiert, als Kunstbanause beschimpft und eingehend ermahnt wurde, sich in Zukunft seines gesunden Menschenverstandes zu bedienen, krümmte er sich vor Verlegenheit. So etwas brauchte er wirklich nicht noch einmal.

Der Mann mit dem Lendenschurz blieb endlich erschöpft stehen und blickte geschlagen zu Boden. ''Wenn er nicht schon tot wäre, ich müßte ihn erwürgen!'', hörte Stavros ihn schimpfen nachdem er hastig auf ihn zugerannt war. Abrupt blieb er stehen. Erwürgen? Einen Toten? Was ging hier ab? Der Fremde blickte müde auf und sah Stavros direkt in die Augen.
''Er hat mich gegen meinen Willen hierher in die Oberwelt gezerrt der hinterlistige Schurke! Nun finde ich den Weg zurück nicht mehr und der hockt irgendwo und lacht sich ins verkohlte Fäustchen das Bleichgesicht das gehörnte!'', spie er Stavros ins Gesicht. Als ob dieser etwas dafür könnte! Vorsichtig trat er einen Schritt zurück. Offensichtlich ein Wahnsinniger. In diesem Fall war es sicherlich indiziert, die Gendarmerie zu rufen. Rasch entfernte er sich und tippte bereits während des Laufens die Nummer der zuständigen Polizeiinspektion. Im wohltuenden Gefühl badend, das Richtige getan zu haben, saß er bald darauf in seiner Kabine und konnte nun endlich die mit Reis gefüllten Weinblätter fertigessen. 

Die Ruhe war jedoch nur von kurzer Dauer.
Während von der Einfahrt her bereits das aufgeregte Huiuiuiuiui des Polizeiautos ertönte, brandete weiter hinten, dort wo er den Mann noch immer vermutete, lautes Posaunenspiel auf. Waren sie denn jetzt alle verrückt geworden? Wo kam den jetzt auf einmal ein Blasmusikorchester her? Die Vorfahren von Stavros kamen aus Bayern. Er hatte diesbezüglich keine angenehmen Assoziationen, vor allem weil sein Großvater oft mit ihm bayerisch gesprochen hatte und sich daher nach wie vor einige Vokabeln dieser Ursprache in seinem Wortschatz befanden. Was oft zu Heiterkeitsausbrüchen im Kollegenkreis geführt hatte.

Eilig rannte Stavros in die Richtung der Musik, es herrschte auf einmal ein Gewimmel und ein Durcheinander, das an die Fotos vom Oktoberfest in München erinnerte, wenn sich das Volk um die Bierwagenpferde drängte, die das Bier am Eröffnungstag auf die Festwiese zerrten.

Nur daß hier keine Pferde im Spiel waren. Eher so etwas wie ein ... Drache? Ein Drache der aussah wie ein riesige bösartige Ratte und der drei Köpfe hatte und auf dem der Fremde, wüste Schimpfwörter ausstoßend, in einer Wolke von Dampf und Blasmusik von dannen ritt. Mitten durch die Mauer! Einfach so!

Stavros war sprachlos. Mittlerweile war die Polizei samt Notarzt eingetroffen und eilig befragte man ihn nach dem Verbleib des Patienten. Stavros schüttelte den Kopf wie ein Bernhardiner der aus dem Wasser kommt und pulte sich in den Ohren. Der Posaunenklang war verschwunden, die Mauer wieder fest und intakt wie zuvor und keines der Autos wies sichtbare Beulen auf. Zögernd berichtete er den Gendarmen das Erlebte.

Natürlich hat ihm wieder einmal niemand geglaubt. Sein Nasenspray wurde beschlagnahmt und er selbst auf unbestimmte Zeit auf 'Erholung' geschickt. Vielleicht könne er in der Anstalt einen Kunstworkshop besuchen um sich weiterzubilden, feixte einer der Polizisten, von dem Stavros bis zu diesem Tage gedacht hatte, er sei sein Freund. Traurig blickte er durch die Gitterstäbe nach draußen. Er wußte, was er gesehen hatte und daß es keine Einbildung gewesen war. Der Einzige der seine Geschichte hätte bestätigen können war Triantafillos von der Abteilung für Straßenreinigung und Gartenbau. Doch hatte dieser natürlich keine Ahnung von den Konsequenzen, die seine hübsche kleinen Idee nach sich gezogen hatte. 

Den Lendenschurz, den die Putzkolonne am Abend im Parkhaus Metropark fand, wurde irrtümlich für einen alten Fetzen gehalten und ohne langes Federlesens entsorgt. So verschwand die letzte Spur unseres Helden aus der Oberwelt. Er selbst rollt seitdem wieder zufrieden seinen Felsen den Berg hinan und verschwendet keinen Gedanken mehr an die Menschen im allgemeinen oder an den armen verkannten Parkhausüberwachungsbeamten im besonderen, der wegen ihm jetzt im Sanatorium sitzt und die Welt nicht mehr versteht. Und die Moral von der Geschicht? Störe keinen König nicht. Auch nicht, wenn er schon gestorben ist. Und schafft endlich die Laubbläser ab, mit denen hat man wirklich NUR Ärger.