Samstag, 21. Februar 2026

Die Albernheit von tausend Clowns


Wenn man in einem Krankenhausbett aufwacht, ist zunächst alles um einen herum weiß und grau. Manchmal auch beige oder speibsacklgrün. Bei mir ist das dieses Mal nicht so. Das erste was ich sehe ist Bunt. Viel Bunt. Hinter dem Bunt schiebt sich das mir mittlerweile wohlbekannte Grinsen hervor. Ich schließe erschöpft die Augen. Was ist das für ein Albtraum? Und hier kann ich nicht einmal entkommen. Es sei denn, ich bitte den Arzt, mich irgendwo in eine Geschlossene zu turfen, da dürfen dann nur Familienmitglieder hinein. Wenn überhaupt. Aber eigentlich möchte ich das nicht. Eigentlich möchte ich nur meine Ruhe.

'Guten Morgen schöne Frau', bringt sich der Grinser in Erinnerung. Als ob ich ihn bereits vergessen hätte. 

'Erstens bin ich nicht schön, nachdem ich euer Stiegenhaus mit der Nase genau untersucht habe eh schon nicht mehr, und zweitens sind diese Blumen gewiß aus einem Blumenladen um diese Jahreszeit, es sei denn ich habe länger geschlafen als mir lieb sein kann.'

'Und was ist jetzt wieder falsch an einem Blumenladen?', lächelt der Mann unermüdlich weiter.

'Blumen aus Blumenläden sind gezüchtet und total voller Gift, ich würd mal nicht so nah rangehen mit der Nase wenn ich Sie wäre. Am besten, Sie bitten die Schwester um eine Vase und stellen die Pracht ins Vestibül, da sieht es immerhin hübsch aus und verursacht am wenigsten Schaden.'

Er steht auf, verläßt den Raum. Sein Grinsen war nun doch ein wenig verrutscht, und ich atme erleichtert auf. Hoffentlich hab ich den jetzt los. Schließlich bin ich hier um mich von meiner Gehirnerschütterung zu erholen. Ob ich wohl Frakturen erlitten habe? Aber außer der Schulter und dem Schädel tut mir nichts weh. Wo ist der Arzt? Macht man nicht in der Früh immer Visite und wirft dabei die Besucher raus?
Woher wußte der Mann überhaupt, wo er mich finden kann? Weiß ich doch selbst nicht genau wo ich eigentlich bin, tippe aber auf Schwabing, der Sanka fährt ja meist in das nächstgelegene Spital. 

Ich fühle mich verfolgt. Wie in einem alten Spionagefilm wo immer jemand hinter einem her ist, in unverhofften Momenten um Ecken lugt oder feixend im Auto an einem vorbeifährt. Und natürlich hat man keine Ahnung, wer der ist und was er will. Wobei ich mir beim Grinser nur zu gut vorstellen kann, was der will. Die Frage ist nur, wieso grad von mir? Soll er sich doch ein jüngeres Opfer suchen. Die freuen sich über einen so hübschen Mann und jeder ist zufrieden.

Langsam drehe ich meinen noch immer heftig pochenden Kopf zum Fenster. Zweibettzimmer. Also eher nicht Schwabing. Wenigstens ist das andere Bett nicht belegt. Ich will nach Hause! Wo bleibt der Arzt?

Wie auf Kommando öffnet sich die Türe und die Morgenvisite betritt den Raum. Man teilt mir in knappem Ton mit, daß ich bis auf einige Prellungen wohl keine schwereren Verletzungen erlitten hätte und nur wegen der Gehirnerschütterung eine Nacht hier in Bogenhausen zur Beobachtung dabehalten worden sei. Man habe ein MRT anberaumt u. a. zum Ausschluß einer Supraspinatussehnenruptur, sollte dieses unauffällige Befunde ergeben, könnte ich danach heim. Also abholen lassen oder mit dem Taxi.

Taxi? Der hat Nerven. Weiß der was das kostet, von Bogenhausen bis zu mir nach Hause? Und abholen lassen, wer würde mich schon abholen? Genau garniemand. 
Die weißbekittelte Meute entschwindet. Bis auf eine junge Ärztin, die sich mit ernsthaftem Gesichtsausdruck auf dem Besucherstuhl neben dem Bett niederläßt. Was will die jetzt von mir? Als sie vorsichtig zu sprechen beginnt klappt mir die Kinnlade runter.
'Gestoßen? Mich soll jemand gestoßen haben? Danke nein, ich bin selbst in der Lage über meine eigenen Füße zu stolpern. Die Treppe bin ich völlig alleine hinuntergesegelt.'
'Ja, das sagen sie alle ...'
'Sie wollen jetzt nicht allen Ernstes ein Opfer häuslicher Gewalt aus mir machen? Ich bin Single und zwar aus Überzeugung!'
'Ich wollte Ihnen nur die Gelegenheit geben, sich auszusprechen, sollte der Bedarf bestehen. Es ist nur ein Angebot. Rein prophylaktisch.'
'Na sehr fein. Dann kommt als nächstes jemand mit einem Läusekamm, im Fall daß ich Nissen hätte? Rein prophylaktisch?'

Die junge Ärztin lächelt.
'Da wären wir bei Ihrer Frisur wenigstens gleich durch.
Nichts für ungut, aber wir müssen bei solchen Unfällen nachfragen und es ist zumindest für mich immer wieder unpackbar schwer, zusehen zu müssen wie Frauen, die deutlich sichtbar von ihrem Mann geschlagen worden sind, treu und ergeben wieder zu diesem zurückkehren. Aber wenn die Patientin dies nicht möchte, sind uns die Hände gebunden und wir können nichts tun.'

'Ja, meine Kollegin ist auch mit so einem Kerl verheiratet. Der Typ ist ein strunzdummer Narr. Ativ heißt der, aber ich nenn ihn immer Abdullah. Natürlich nur wenn er es nicht hört, sonst krieg ich auch noch was ab. Die hat halt Angst. Sie wäre nicht die erste, die abends in einer einsamen Ecke ein Messer in den Rücken bekommt. Mit einer Anzeige ist es halt nicht getan, vergessen Sie das bitte nicht. Zumal die Beweislage meist ziemlich dürftig ist und die Frauen oft von der Familie genötigt werden, die Anzeige zurückzunehmen.'

Die Ärztin schweigt betreten. Dann erhebt sie sich und geht langsam zur Türe. Sie tut mir leid. Es ist ja nicht ihre Schuld. Aber mir fällt nichts Versöhnliches ein, das ich ihr zum Abschied mitgeben könnte. Männer sind nun einmal Tiere, und wer sich mit einem gefährlichen Tier einläßt, muß mit allem rechnen. Telekinese zum Mond geht leider noch nicht. Wär 'ne prima Lösung. Find ich. Nur der Mond täte mir leid.

Kaum ist die junge Ärztin draußen, kommt meine Nemesis wieder rein. Immerhin ohne Blumen.
'Hab dir Monade mitgebracht!', kräht er fröhlich.
Der Junge muß mindestens eine Million Gute-Laune-Gene haben.
Und die Albernheit von tausend Clowns.

Strahlend stellt er mir eine Flasche Sprite auf den Nachttisch.
'Ich möchte ja nicht undankbar erscheinen, aber dieses Zeug ist voller Industriezucker. Das kann man doch nicht trinken.' Langsam komme ich mir selber vor wie eine Spielverderberin aber das sind nun einmal die Fakten, an denen kommt selbst er nicht vorbei. 'Wenn du mir vielleicht eine Flasche stilles Wasser besorgen könntest? Ich hab nämlich wirklich Durst.', versuche ich den Schaden zu begrenzen.
'Mach ich gerne!', freut er sich. 'Wie lange mußt du denn hierbleiben?'
'Das erfahre ich später nach dem MRT. Die wollen mich aber nicht mit den Öffis heimfahren lassen. Da werde ich mir noch was einfallen lassen müssen.'

'Du das ist doch kein Problem, ich fahr dich natürlich. Jetzt hol ich dir dein Wasser und dann laß ich dich in Frieden.'
Kurze Zeit später kommt er tatsächlich mit einer Flasche stillen Wassers und einem Zettel wieder herein.
'Hier hast du meine Nummer, rufst einfach an, ich komm dich dann holen. Bis dann!'
Pfeifend schlendert er von dannen, nicht ohne sich an der Türe noch einmal umzudrehen und mir eine Kußhand zuzuwerfen.
Was für ein Kasperle.
Aber nun bin ich ihm zu Dank verpflichtet, ob es mir paßt oder nicht.
Blöd.

Im MRT war dann alles in Ordnung und ich hab erst versucht, mich am Stützpunkt vorbei aus der Station zu schleichen, aber die sind auf Zack dort. Keine gelangweilten Tippsen denen es total egal ist was abgeht, wie bei uns im Klinikum. Die wußten sogar meinen Namen. Alle Achtung. Also mußte ich doch meinen Verehrer anrufen, was sollte ich tun. Geld fürs Taxi hab ich keins dabei und auch zuhause liegt momentan nicht wirklich viel rum.

Mein Grinsebär kommt kurz nach dem Telefonat fröhlich um die Ecke gefegt, er muß noch unterschreiben, daß er mich abholt und nach Hause bringt, und bald stehen wir gemeinsam im Aufzug und fahren nach unten. Etwas irritiert betrachte ich den Motorradhelm, den er in der Hand trägt.
'Du bist aber jetzt nicht mit dem Motorrad gekommen, oder?', frage ich voll düsterer Vorahnung.

Die Lifttüren öffnen sich und wir betreten die die Straße.
Stolz zeigt mein Begleiter auf ein sehr seltsames Motorrad, das nicht aus aussieht, als sei es für den Straßenverkehr zugelassen.
'Keine Sorge,' lächelt er mir ins ungläubige Gesicht. 'Ich hab noch 'nen zweiten Helm dabei.'











Sonntag, 15. Februar 2026

Dunkel mit Kopfweh

'So ein Mumpitz!', brülle ich enerviert ins Telefon. 
'Hey', kommt postwendend der Protest aus dem Hörer.
'Wenn ich jetzt wegen dir einen Tinnitus hab dann darfst du mir die Kur bezahlen!', beschwert sich meine Bekannte.

Beschämt und mit gedämpfter Stimme erwidere ich: 'Sorry, aber was redest auch für ein Blech zamm. Nur weil der Depp einfach über den Balkon einsteigt hätt ich mich sofort auf den Teppich legen und ihn drüberlassen sollen? Das war eindeutig Hausfriedensbruch in Tateinheit mit sexueller Belästigung. Der soll froh sein, daß ich ihn nicht angezeigt hab. Wo samma denn?'

Manchmal frag ich mich schon, was ich für Leute kenne. Erst dachte ich ja, Manuela macht Witze, aber die hat das total ernst gemeint. Wieso ich mich von dem hübschen Burschen nicht habe vernaschen lassen. Ja warum wohl. Meine Wohnung ist doch kein Laufhaus wo man einfach reingeht und ... ja, erst einmal bezahlt. Die Frauen kriegen dort Geld dafür. Und ich sollte einfach so? Näh! Außerdem, so debil wie der gegrinst hat, war er hundertpro total unterbelichtet. Man muß sich mit den Leuten doch auch unterhalten können. Find ich. 

Nun ziehe ich jeden Abend die Vorhänge zu. Nicht, daß der glaubt ich würde mich dafür interessieren, was in der Wohnung gegenüber so los ist, ob er vielleicht wieder dasteht und nach oben schaut. Am Ende sieht es so aus, als würde ich ihm nachrennen. Sicher nicht. Für sowas hab ich absolut keine Zeit. Ich bin nämlich Künstlerin. Jawohl. Weiß nur niemand, vor allem die Galeristen nicht. Beim Friseur hatte ich mal eine Zeitlang was hängen. Der meinte allerdings damals, mehr als 50 Euro könnte ich für ein Bild nicht verlangen. Das gäbe das Klientel nicht her. Hinterher hat mir ein Bekannter erzählt, daß mich der nur abzocken wollte. Die Bilder zu einem guten Preis verkauft und mich pro Bild mit einem 50-er abgespeist hätte.
Seither schneide ich meine Haare selber.
Geht auch.

Eigentlich hatte Manuela aber nicht angerufen, um mich zu unzüchtigen Handlungen zu überreden, sondern sie wollte mit mir ausgehen. Alleine würde sie sich nicht trauen und ich sei doch sowieso noch nie weggegangen seit ich in München wohne. Da könne ich doch nicht sagen, es würde mir nicht gefallen, wenn ich es noch nie probiert hätte. Die hat Nerven. Ich geb doch hier nicht die Disco-Oma in irgend so einem anrüchigen Schuppen. Am Ende schleift sie mich noch in ein Pornokino! Ok jetzt mal Schluß, meine Phantasie geht mit mir durch. Leider hab ich die Gute nämlich wenig feinfühlig abgewürgt, noch bevor sie mir sagen konnte, wohin genau sie mich hätte entführen wollen. 

Fortgehen ist tatsächlich nicht mein Ding. Weiß sie aber. Zu laut, zuviele Leute und arschteuer. Wenn ich mich amüsieren will, dann lese ich ein lustiges Buch oder schaue mir einen Krimi im Fernsehen an. Ob ich sie zurückrufen soll? Ach was, die soll mit ihrem Freund weggehen, der wird ja auch mal wieder gesund werden. Muß sie halt abwarten. Männergrippe hat er. Sowas dauert.

Nachdenklich starre ich auf mein Sammelsurium von Zeitungsausschnitten, Klebebuchstaben, Farben und diversen anderen bunten hübschen Dingen, die auf meinem Wohnzimmertisch ausgebreitet liegen. Aber die Inspiration will sich nicht so recht einstellen. Warum muß ich immer noch an diesen Kerl denken? Gut ausgesehen hat er ja, aber seine Absicht war eindeutig und ich fand das einfach unverschämt. Wenn der das immer so macht, dann hat er sicherlich AIDS, Syphilis und drei verschiedene Tripper. Kann er behalten. Wütend mache ich ein paar pechschwarze Striche auf dem vor mir liegenden Papier. Jawohl!

Es läutet. Scheiße! Hab ich wieder vergessen, die Klingel abzustellen! So ein Mist. Wahrscheinlich eh nur jemand, der unten Anzeigenblättle einwerfen will. Die klingeln immer überall und hoffen, daß einer aufmacht. Ich beschließe, nicht zu reagieren.
Es läutet wieder. Hm. Die Zeugen Jehovas? Mal wieder eine streitlustige Diskussion über Glauben und Spiritualität? Warum nicht. Beherzt öffne ich die Türe ... und schaue perplex in das grinsende Gesicht vom Vortag. Der Frechdachs von gegenüber!

'Ob ich mir vielleicht ein Täßchen Mehl borgen könnte?', fragt er und grinst leutselig.
Meine Nerven!
'Erstens einmal habe ich garkein Mehl, das sind nur leere Kalorien, sowas ißt man nicht.', erwidere ich streng. 'Zweitens verleihe ich keine Lebensmittel und drittens sollte klar sein, daß das Mehl in diesem Fall weder geborgt noch geliehen wäre, da ich ja nicht dasselbe Mehl wieder zurückbekommen würde sondern ein anderes. Idealerweise jedenfalls.'
Er blickt verwirrt.
Wußte ich es doch. Unterbelichtet.

'Sonst noch Fragen?' Ich schaue ihn böse an, und nachdem er weiterhin sprachlos dasteht, schließe ich die Türe. Es zieht. Muß ja nicht sein.
Bevor er erneut läuten kann, schalte ich die Klingel ab.
Hab ich wohl versehentlich angelassen, nachdem ich heute morgen eine Lebensmittellieferung bekommen hatte. Meine Klingel ist grundsätzlich abgeschaltet weil mich das Geräusch immer so erschreckt. 

Nun ist die Inspiration da! Zu den schwarzen Wut-Strichen gesellen sich bunte Spiralen, die mit Knöpfen besetzt ausschauen wie eine ferne Galaxie. Dazwischen messages mit den Klebebuchstaben. Vorsichtshalber auf Deutsch, 'Bleib mir vom Leibe' und so, weil der schaut mir nicht aus wie einer, der was im Lexikon nachschaut.  Bissl Glitter drauf, Yeah! Im Gegensatz zu Öl trocknet ja Acryl total schnell und so bin ich kurz darauf auch schon auf dem Weg nach drüben. Und hoffe, daß in der WG die Klingel an ist. 

Ist sie. Man öffnet, und ich überreiche mit bemüht freundlichem Gesicht mein Werk und sag, es ist für den frechen Kerl mit den langen Haaren. Ich stutze. Vor mir stehen drei Kerls mit langen Haaren. 'Also ich mein den mit der Leiter', stoße ich hastig hervor, drehe mich um und holpere die Treppen hinab. Etwas überstürzt, offenbar, denn auf einmal kommen mir die Stufen entgegen, in einem irren Tempo, und es wird dunkel mit Kopfweh.






















Freitag, 6. Februar 2026

Und sie tun es doch!


Bettwäsche soll man auslüften. Hab ich mal wo gelesen, aber noch nie gemacht. Doch jetzt fängt ein neues Leben an, hatte ich mir vorgenommen. So mit Ordnung und Putzen. Also hieve ich das Bettzeug auf die Fensterbank ... vielleicht hätte ich dort vorher staubwischen sollen ... und richte mich erwartungsvoll auf. Das schöne Gefühl von erfüllter Pflicht will sich jedoch nicht so recht einstellen. Hm. Dann könnte ich mir die Arbeit ja in Zukunft sparen! Den Milben wäre es sicherlich recht.

Es ist kalt bei geöffnetem Fenster. Draußen ist es noch dunkel, die Möndin ist nur ganz klein in der Ferne zu sehen. Mikromond nennt man das, wie ich neulich im Internet erfahren habe. Keine Ahnung, was die Leute immer gegen das Internet haben. Ich find's toll!

In der Wohnung schräg gegenüber brennt auch schon Licht, was mich etwas verwundert, da die Leute dort oftmals bis weit nach Mitternacht auf sind und sich in ihrer rauchgeschwängerten Bude die Synapsen wegkiffen. Weder besonders interessant noch sehenswert, aber wer sich auskennt der kriegt's halt mit wenn er nachts zur Toilette wandert und dabei aus dem Fenster guckt.

Heute jedoch bietet sich dem noch etwas verschlafenen Auge ein völlig anderes Bild. Der absolute Traummann (lange schwarze Haare, schlank, wollig behaarte Brust) lehnt mit laszivem Grinsen im Gesicht an einem Schrank und schaut direkt zu mir hinauf. Erschrocken weiche ich zurück. Herzklopfen. Diesen Anblick muß ich erst einmal verdauen. Heiliges Zebra! Wäre ich doch 20 Jahre jünger. Ach was, 30. Dann könnte ich beispielsweise ein Pappschild hochhalten mit der Aufschrift 'Frühstück bei mir?'.

Würde mein jüngeres Selbst natürlich niemals tun. Viel zu schüchtern. Und jetzt wo ich die Nerven dazu hätte, bin ich zu alt. Wahrscheinlich hat er eh nicht mich gemeint, sondern einfach so vor sich hingegrinst und dabei zufällig in meine Richtung geschaut. Genau. So muß es gewesen sein. 

Nachdem ich genüßlich geduscht habe wandere ich, noch im Bademantel, ins Wohnzimmer hinüber wo es mollig warm ist. Zwar frühstücke ich selten wirklich ausgiebig, aber eine gute Tasse Tee und eine Banane dürfen es schon sein. Während ich den Bananenkorb durchwühle (René Gräber hat gesagt, je grüner die Bananen sind, desto gesünder für den Darm seien sie) höre ich plötzlich ein seltsames Knirschen von draußen. Ich lausche. DA! Wieder so ein seltsames Knarz knarz knarz ... als ob jemand ... da wird doch nicht etwa ein Einbrecher ...???

 Ich lösche das Licht und verhalte mich mucksmäuschenstill. Das Geräusch persistiert. Na warte Bürschchen! Ich greife mir meinen Knüppel, schleiche vorsichtig zur Balkontüre und reiße sie mit einem Ruck auf. 'Hände hoch!' brülle ich den Kerl an der gerade vorsichtig seinen Kopf über die Balustrade schiebt. Verdutzt blickt er mich an, dann breitet sich wieder das laszive Grinsen auf seinem Gesicht aus. Vor mir steht, auf einer Leiter zum Balkon hinaufgeklettert wie in einem alten Komödienstadl, der Traummann von vorhin. Immerhin hatte er sich eine Seppelhose angezogen, wie ich durch das Gitter hindurch mit Erleichterung bemerke.

'Offensichtlich bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen,' lacht er frech, mit Blick auf die Banane, die ich noch in der linken Hand halte. 'Da hätte ich wahrlich Besseres zu bieten!'