Sonntag, 5. April 2026

Pecunia non sanat animum


Puh. Kennt ihr das Gefühl, wenn euch jemand von hinten eins mit der Dachlatte überbrät? Nee, wahrscheinlich nicht. Aber genauso fühle ich mich gerade. Doing ...
Du hockst in einem alten und, sorry, total versifften Laden und siehst in einer Kugel genau den Typen der dir ständig im Kopf rumspukt wie er sich mit seinem Kumpel streitet. Wegen dir.
Kann ja nicht sein, denkst du, und dennoch siehst du es mit eigenen Augen.

Ich blicke auf und sehe in das gütige Gesicht des alten Mannes.
'Bring das in Ordnung. Krieg ihn entweder aus deinem Kopf oder schnapp ihn dir, und dann komm bitte wieder. Wie du jetzt weißt, geht es hier nicht um den Verkauf von drei Postkarten am Tag. Dieser Laden ist eine Geheimadresse. Ich würde dir nichts davon erzählen wenn ich nicht genau wüßte, daß du die Gabe hast. Sonst hättest du nämlich jetzt gerade nur eine staubige alte Kugel gesehen, die in einer Schachtel liegt.'

'Aber ich will keinen Laden führen, geheim oder nicht geheim. Ich will reisen, endlich mal keine Verpflichtungen mehr haben!', wehre ich mich. Von dem Lottogewinn will ich nichts sagen, aber mir paßt es nicht, wie er mich festnageln will obwohl er mich doch noch nie gesehen hat. Katze hin oder her, der Mensch hat doch noch einen freien Willen! Obwohl ja Schopenhauer schon sagte: Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen was er will. Das übernehmen dann immer andere Leute. Die wissen dann, was für einen das Beste ist. Von der Wiege bis zum Grab. NEIN!

'Sorry!' quetsche ich hervor, 'Da müssen Sie sich bitte jemanden anderen suchen, ich will den Rest meiner Tage nicht hier im Laden verbringen. Ich will RAUS, Fotos machen, rumlaufen, was sehen! Also in echt sehen, nicht in einer Glaskugel.' Hastig bahne ich mir den Weg zurück durch den Laden zum Ausgang.
Der Mann tut mir irgendwie leid und er ist auch voll sympathisch, aber echt ey, nee. Nein!
Bevor ich die Stufe hinaufsteige, drehe ich mich noch einmal um. Der Mann steht nur da und lächelt. Hebt die Hand zum Abschied. Ich winke kurz und verschwinde hinaus. Komme mir vor wie ein Arsch. Wieder mal typisch. Jedes Mal wenn ich für meine Bedürfnisse einstehe, dann fühle ich mich hinterher schlecht. 

Und dann diese Szene in der Kugel. Ob das wahr ist? Ob ich da wirklich Sepp gesehen habe? Oder hat mir der Mann das vorgegaukelt mit Hilfe irgendwelcher magischer Hilfsmittel? Ich kenn mich da ja nicht aus, aber solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, halte ich zunächst einmal so ziemlich alles für möglich. Außer, daß Sepp mich wirklich mag. Das kann ich nach wie vor nicht glauben. Meine Erfahrung mit Männern hat mich eines Besseren belehrt. Die einen saufen, weil sie das Leben nicht derpacken, und machen einem so das Leben zur Hölle. Die anderen sind entweder langweilig oder wollen einen ausnutzen. Liegt wahrscheinlich an mir. Karma oder so. 

Aber das mit Sepp kann ich klären, ich hab ja seine Kontaktdaten. Kurz entschlossen setze ich meine Kopfhörer auf und wähle seine Nummer. Das rhythmische Duut Duut Duut des Besetztzeichens ertönt. Just my luck. Da raffe ich mich EINMAL auf, jemanden anzurufen (ich hasse Telefonieren) und dann ist belegt.

Die nächsten Stunden verbringe ich in einer Wolke von Unbehagen. Warum hab ich das Badezeug nicht dabei fürs Kurbad, warum geh ich nicht ins Museum, was will ich eigentlich hier? Nichts freut mich, alles nervt mich, vor allem die Leute überall.

Zurück in der Lobby des Hotels, es ist erst früher Nachmittag, sehe ich bereits einige Gäste mit alkoholischen Getränken in den seltsam geformten Fauteuils herumlungern. Wie öde.
Aus den Lautsprechern erklingt seltsame Musik, eine Art Xylophon mit Geigen und Klageliedern unterlegt. Auch öde. Als ich die Sitzlandschaft umrunde und auf den Aufzug zusteuere, sehe ich den alten Mann aus dem Laden in der Ecke sitzen und mir zuwinken.
Ich kneife die Augen zusammen: Doch ja, er ist es. Das gibts doch nicht! Woher weiß der wo ich wohne? Fast wäre in eine der Palmen gelaufen die hier überall herumstehen. Fühle mich verfolgt. Genervt. Beschließe, am nächsten Morgen auszuchecken und weiterzureisen. Fahre nach oben in mein Zimmer, setze nochmals die Kopfhörer auf um Sepp anzurufen.
Dieses Mal ist die Leitung frei, aber es geht niemand ran. Nachricht hinterlasse ich keine. So dringend ist es auch wieder nicht.
Ich nehme mir ein Bier aus der Minibar. Stuttgarter Hofbräu. Bah. Ich stelle es wieder rein. Alles was recht ist! Muß ich wohl doch nochmal raus, hilft nix. Zum Essen ist auch nicht mehr wirklich viel da. Ob der Opa noch unten sitzt?

Während ich mich wie ein Dieb durch das Treppenhaus hinunterschleiche um nicht durch die Lobby zu müssen, spielen sich zuhause in München wahre Dramen ab. Sepp hat seinem Kumpanen im Affekt eine auf die Nase gehauen, dieser verwöhnte Spießerknabe hat ihn angezeigt und nun sitzt er auf der Wache und wird verhört. Vorhin, als belegt war, hatte er gerade mit einem Anwalt telefoniert. Natürlich wird man wegen Körperverletzung nicht sofort hinter Schloß und Riegel verbracht, nicht einmal in Bayern, aber wenn die Polizei komisch sein will dann ist sie das auch. Und wenn sie einem jungen Mann aus gutem Hause glauben will, der einen Mordversuch schildert, und nicht einem zugereisten Fotografen, der seinen frisch angetretenen Job schon wieder verloren hat weil statt in die Arbeit zu gehen sich lieber prügeln wollte, dann macht sie das auch und sperrt den Fotografen vorsichtshalber gleich einmal weg. Ohne Handy. Da kann man anrufen bis man wunde Finger hat, da geht niemand ran.

Eigentlich wollte der alte Mann mir genau das erzählen, denn offenbar hatte er noch länger in die Kugel geschaut nachdem ich weg war. Aber ich mußte mich ja an ihm vorbeimogeln und meinerseits ins Glas schauen. Ins Trinkglas. Nachdem ich mir in einem gut sortierten Supermarkt ein paar ordentliche Bier besorgt hatte. So erfahre ich nichts von Sepps Verhaftung, bin traurig und enttäuscht weil ich ihn nicht erreiche, und falle irgendwann beduselt ins Bett. Träume von Pyramiden in einer Wüste, die von Tausenden kleiner Männchen erbaut werden, die mühsam Stein für Stein nach oben schleppen und das in der Bruthitze Nordafrikas. Manche Träume muß man nicht analysieren, die sind einfach nur bescheuert.

Mit schlechtem Gewissen wegen meines Alkoholexzesses am Vorabend packe ich am nächsten Morgen mein Schwimmzeug und marschiere los, Richtung Kurbad. Sport ist jetzt angesagt, so geht das nicht weiter. Muß wieder zu mir selber finden. Was will ich eigentlich? Ziellos in der Gegend herumstreunen? Im Urlaub war das ja immer ganz toll weil man wußte, der ist bald wieder vorbei, man genießt die freien Tage und freut sich dann wieder auf die gewohnte Umgebung daheim. Alles überschaubar. Aber wenn du auf einmal null Verpflichtungen mehr hast ... das ist vielleicht ein saublödes Gefühl. Ich hatte immer gedacht es müsse so toll sein, einfach nichts mehr zu müssen. Keinerlei Zwängen mehr zu unterliegen, frei zu sein und einfach der Nase nach durch die Gegend marschieren zu können. Und nun macht es mir bereits am zweiten Tag schon keinen Spaß mehr. Klar, Stuttgart im Winter ist jetzt nicht so der Brüller, aber in ein Flugzeug traue ich mich nicht rein und mit dem Zug bis Portugal? Oder Südfrankreich? Möchte ich das? Da versteht man doch die Leute nicht wenn sie reden, von der langen Anreise ganz zu schweigen.

Vorerst hab ich meinen Job eh noch nicht gekündigt. Morgen sollte ich eigentlich wieder arbeiten. Ich glaub ich meld mich erst einmal krank und dann schau ich weiter.

Im Kurbad hat sich nicht viel verändert nach der Renovierung, außer daß es jetzt Solebad heißt und der Eintrittspreis höher geworden ist. Lustlos pflüge ich durch das Innenbecken in dem wie üblich die Leute in kleinen Grüppchen im Weg herumstehen und sich unterhalten. Praktisch wie im Münchner Nordbad nur mit mehr Platz und freundlicherem Wasser. Die Leute machen mich echt aggressiv. Wenn ich ratschen will geh ich ins Kaffeehaus und nicht ins Schwimmbad!

Gleich morgen werde ich mich um den Kauf einer vernünftigen Immobilie kümmern. Zefix. Unten drin ein Pool und oben ein Atelier. Für was hat man Geld?

Eigentlich wollte ich ja weiterleben wie bisher. So hatte ich mir das vorgestellt. Lebenslanger Urlaub. Dachte das ist toll und inspirierend. Ist es aber nicht. Die Leute nerven genauso wie vorher und ich kann ja nicht jeden lynchen lassen der mir im Weg herumsteht oder im Bus laut telefoniert. 
Ich brauch ein Haus in einer ruhigen Gegend, mit Öffi-Anschluß, weil Auto werde ich mir ganz sicher KEINS kaufen. Echt nicht. Da bräuchte ich einen Chauffeur dazu und schon wieder wäre jemand da der mich nervt. Dann doch lieber Bus mit Kopfhörern. Ein paar Hühner und Ziegen wären nett. Aber wer kümmert sich um die wenn ich wegfahren will?

Unzufrieden liege ich im warmen Whirlpool und brüte vor mich hin. Zu zweit würde alles viel mehr Freude machen aber das fehlte jetzt noch, daß ich mir einen Toyboy zulege.
Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Oberschenkel. Erst denke ich, das hab ich mir eingebildet. Doch die Hand wird fordernder, streicht über die Hüften nach oben. Ungläubig blicke ich nach unten und dann auf den neben mir sitzenden Mann. Dieser schaut unbeteiligt nach vorne. Ich packe die Hand und kneife fest hinein, der Mann zuckt zusammen. Am liebsten würde ich ihm eine knallen aber das traue ich mich nicht. Rasch verlasse ich das Becken, mir ist die Lust auf Baden vergangen. Tränen laufen mir über die Wangen, aber das fällt in einem Bad ja nicht weiter auf wenn jemand ein nasses Gesicht hat.

Eigentlich hatte ich immer am meisten Freude wenn ich was Hübsches gemalt hatte oder auf Ebay ein Buch verkauft hatte. Vielleicht ist das mit dem Laden doch nicht so verkehrt, überlege ich, während ich mich abtrockne und anziehe. Ich könnte eine gemütliche Sitzecke einrichten mit gebrauchten Büchern. Vielleicht muß ich eh nicht die ganze Zeit im Laden sitzen? Man könnte doch jemanden einstellen. Und ich wäre dennoch ungebunden, könnte auf Bücherjagd gehen, könnte zwischendrin ein bissl reisen oder daheim was malen.

Frischen Mutes verlasse ich das Bad und mache mich auf die Suche nach dem kleinen Laden. Doch ich finde ihn nicht mehr. Mit wachsender Ungeduld irre ich durch die Gassen. Wandere genau den Weg nach den ich am Vortag genommen hatte. Schließlich bin ich nicht das erste Mal in Cannstatt, ich kenn mich doch aus! Nach diesem eckigen Brunnen auf der linken Seite war der Laden. Aber der ist weg! Einen Plattenladen sehe ich und daneben eine Galerie, aber der Laden des alten Mannes ist verschwunden. Eine Katze stolziert vorbei und ich bilde mir ein, daß sie mir einen höhnischen Seitenblick zuwirft. Müde trotte ich zurück ins Hotel und packe meine Sachen. Morgen ist Mittwoch. Mittwoch und Donnerstag sind meine Arbeitstage. Ich werde ordnungsgemäß kündigen und dann schauen, wie lange ich noch bleiben muß bis man Ersatz gefunden hat. Ich werde die Kolleginnen nicht im Stich lassen. Jedenfalls nicht sofort.