Morgen schon wieder Feiertag. Die heiligen Drei Könige aus dem Morgenland überbringen ihre Geschenke. Mir leider nicht, ich muß selber zum Einkaufen gehen. Früher hatte ich mich über die vielen Feiertage zum Jahreswechsel natürlich gefreut, aber nun da ich sowieso an fast allen Tagen frei hatte, waren diese ständigen Sonntage nur noch lästig. Der Bus fuhr viel zu selten und alle vernünftigen Geschäfte hatten geschlossen. Bayern halt.
Muffelig machte ich mich auf den Weg zum Biomarkt. Immerhin hatten sie uns jetzt einen hingestellt, hier oben im Münchner Norden, wo es ansonsten vorwiegend Discounter und Dönerläden gab.
Als ich durch die Glastüre ins Innere trat, waren zumindest keine schreienden Kinder zu hören. Thank God for small mercies. Langsam schlenderte ich mit meinem Korb durch die Gänge. Joghurt, erledigt. Weinchen, erledigt. Gefrorenes Gemüse könnte ich vielleicht noch mitnehmen? Kleines Eintöpfchen zammschmurgeln in diesen kalten Wintertagen?
Während ich mich kurzsichtig über die Kühltruhe beugte, laberte mich doch glatt ein Typ von der Seite an: 'Na, auch auf der Suche nach was Besonderem? Wie wäre es mir mir? Ich bin heute im Sonderangebot!' Langsam richtete ich mich auf und starrte den Kerl entgeistert an. Ein noch relativ junger Mann, vielleicht Mitte 40, mit ungepflegtem Bart und einer total bescheuerten, giftgrünen Mütze auf dem Kopf, grinste mich unverschämt an. Der meinte tatsächlich mich!
'Wollen Sie mich etwa anbaggern?', fragte ich fassungslos.
Immer noch frech grinsend antwortete der Todgeweihte: 'Komm jetzt, in deinem Alter kriegst du doch bestimmt sonst keine Anfragen mehr. Andere Frauen bezahlen sogar dafür. Ich mach's dir gratis, und ich bin echt gut!'
Langsam trat ich einen Schritt auf ihn zu und sah ihm fest in die Augen.
Leider befand sich hinter ihm das Regal mit dem Schampus und ich hatte wenig Lust, fast das gesamte Sortiment bezahlen zu müssen nur weil der Trottel dagegenstolpern würde wenn ich ihm jetzt in die Eier träte.
'Wollen wir mal dort hinübergehen?', flötete ich betont harmlos und wies auf die andere Seite der Kühltruhe. 'Wir stehen nämlich den Leuten hier ein bissl im Weg, mein ich einmal.'
Erfreut folgte er mir, siegesgewiß und breitbeinig. Was mir mein Vorhaben immens erleichterte. Kaum waren wir nämlich in den Gang mit den Backzutaten eingebogen, drehte ich mich um, packte ihn beim Kragen und stieß gleichzeitig mein Knie fest von unten gegen seine Kronjuwelen. Sein Aufschrei war durchdringend. Während ich mir noch die Ohren zuhielt, wankte der so schnell vom Angreifer zum Angegriffenen mutierte Vollidiot rücklings in einen hoch aufgetürmten Stapel mit Vollkornmehl, welcher zum Zugreifen für die vorbeieilende Hausfrau mitten im Weg aufgebaut worden war. Nun stolperte das Sonderangebot praktisch ins Sonderangebot, die Mehlpackungen platzten auf und es gab einen Schneesturm vom Feinsten.
Rasch schoß ich noch ein Foto, weil das glaubt einem ja dann wieder keiner, und floh schnurstracks nach draußen, bevor die Situation eskalierte und das den Göttern sei Dank spärlich vorhandene Personal den Tatort erreichen konnte. Auf Hausverbot hatte ich nämlich ganz wenig Lust.
Meine Einkäufe hatte ich leider in der Eile zurücklassen müssen. Schade um den guten Joghurt. Doch der Gedanke an die sicherlich jetzt tagelang dicken Eier des giftgrünbemützten, mehlbestäubten Vollhonks entschädigten mich für den Verlust voll und ganz. Würde ich mir halt statt Joghurt mit Müsli morgen ein Süppchen zubereiten und in genüßlichen Erinnerungen schwelgen ...
